
Jeder von uns ist dazu geboren, seine Rolle zu spielen.
Manchen wird ihre Rolle gleich zu Beginn offenbart, während andere sie geheim halten und sorgfältig verbergen – und warten müssen, bis sie enthüllt wird.
Manche Schauspieler sind für Hauptrollen prädestiniert, andere werden nur als Nebendarsteller engagiert – gemeinsam dazu aufgerufen, ein Publikum zu unterhalten, das den voyeuristischen Zuschauer spielen soll.
Und wer kann schon zuverlässig dazu aufgerufen werden, zu klatschen und zu jubeln, zu jammern und zu heulen oder zu zischen und zu buhen, wenn er dazu aufgefordert wird, pflichtbewusst aufs Stichwort zu reagieren?
Eine Vielzahl von Schauspielern wurde engagiert, um die Bandbreite menschlicher Emotionen zu zeigen –
von den Erhebenden und Erhabenen bis hin zu allem Tierischen und Abscheulichsten.
Die gespielten Rollen können ein Leben lang dauern und abenteuerlich dramatisch oder tragisch-erbärmlich sein, flüchtig heroisch oder unscheinbar banal, und am Ende wird der Schauspieler hastig von der Bühne geworfen.
Bedenke jedoch, dass nur wenige Privilegierte gelobt und mit dauerhaftem Ruhm bedacht werden – weit übertroffen von denen, die unbeachtet bleiben und denen nicht einmal die geringste Anerkennung zuteilwird.
Sind unsere Rollen im Drehbuch vorherbestimmt, oder wurde dem freien Willen und dem Zufall eine Rolle zugesprochen?
Wurde diese Produktion aufwendig inszeniert, auf dass sie auf Ewigkeit besteht – zur Qual und gleichsam zur Unterhaltung? Und wenn ja, wer inszeniert sie, für wen ist sie letztlich bestimmt?
Wenn die Darsteller ihren letzten Vorhang nehmen,werden dann die Kritiker der Geschichte einberufen und beauftragt, willkürlich zu entscheiden – wer es verdient, gefeiert und vergöttert zu werden und wer verunglimpft und dämonisiert?
Sei gewarnt: Der Ruf eines Künstlers kann sich sehr schnell ändern. Denkmäler können später verunstaltet werden,
Lobeshymnen in Diffamationen ausarten. Und was Tostoi betrifft, der diese Tatsache lamentierte: Erst wenn Geschichte auch diese Facetten betreffend wahrheitsgetreu abgebildet wird, erst dann kann das ewige Buch als wirklich bedeutsam – und wahrhaft wunderbar – erachtet werden.
Robert