Verlierer Verlag Weihnachtsgeschenke

Neue Wettbewerbsbeiträge
Litanei der Unreinheit
In nomine Patris
Gott sprach Latein.
Wer stotterte, musste Buße leisten.
Fehler war Sünde, Zweifel Ketzerei.
Ich beichtete Silben, betete Syntax und sündigte Grammatik.
Gott sprach Latein.
Wer stotterte, war unrein.
Gott sprach Latein.
Wer stotterte, war in der Falle.
und ich — die Schlange ihres Edens.
Sie spannten den Bogen des Kreuzes,
fürchteten mein Zischen. Es klang wie Denken.
Der Vater sprach mit der Stimme des Himmels,
darunter lag die aus Kreide.
Er sprach: Gott helfe nur Kranken.
Mutter nickte: Heilung sei Strafe.
et Filiae
Ich flüsterte gebrochenes Latein
und suchte die weiße Jungfrau —
vergebens.
Sie war nicht gottlos.
Sie sahen die schwarze Jungfrau,
die unheilige — in mir.
Ich flüsterte in Latein
und suchte die Tochter der Nacht,
die das Dunkle trug wie ein Sakrament,
deren Zunge Licht verletzte.
Sie sahen die Furcht,
das Bröckelnde — in mir.
et Spiritus Sancti
Ich atmete Latein.
Der Geist sprach —
nicht zu mir,
nicht in mir,
nur
in Latein
nie mehr lieben
ich werde nie wieder so sehr lieben wie dich. so sehr, wie ein vogel den wind liebt, der ihn trägt. wie die blume, verdeckt vom schatten des hofes, den morgengrauen. nie wieder werde ich so sehr fühlen wie mit dir. so sehr, wie schläge der wellen wenn sie deinen körper streifen, dich zu boden reißen und kleine sandkörner sich in die knie beißen. denn die wucht deiner war zu groß.
ich werde nie wieder so sehr lieben wie dich, denn du warst mein sturm und ich das kleine segel. mit keinem halt trieb ich in die weiten meere umher. während das rauschen lauter wurde, vernebelte sich meine sicht. so sah ich nicht, kein ausweg mehr. trügte mich der schein, die kurze stille vor der großen welle? lag die hoffnung im anker, den ich stetig warf; denn trotz allem suchte ich den halt in dir.
Die Repräsentanten negativer Philosophie in meiner Stadt
Der Strabadichter
Wenn im Bus oder in der Straßenbahn
die Fenster beschlagen waren,
wenn Tropfentränen
herunterrannen,
stand bisweilen einer auf,
den sie den Schreiber nannten,
sonst den Verrückten von der Straba,
und der schrieb mit dem Zeigefinger
seine Gedichte auf das Glas.
Er machte keinen Pieps,
schrieb Scheibe für Scheibe voll,
die hinter ihm zerfloss.
Die Hausfrauen haben geglotzt,
die Schulmädchen gekichert.
Es liebten ihn die Kinder und
die Sanftmütigen und Zeitlosen.
Einer, der es wissen wollte,
soll die Sachen gelesen haben.
War angeblich wirres Zeug,
geschrieben in einer Sprache,
die Schmerzen und Trauer in die Luft malt.
Den Strabadichter gibt’s nicht mehr,
sie haben ihn abgeholt, sagt man.
Bestimmt schreibt er woanders,
seine Regengedichte.
Der Plattenzähler
In der Fußgängerzone schritt einer umher,
der alles vor-, rückwärts- und nachrechnete.
Stelzte an den grauen Platten entlang,
addierte sie hin, Stück für Stück,
als wolle er die Welt in Zahlen zwängen.
Nach jeder hundertsten oder zwanzigsten
malte er komische Zeichen mit Buntkreide.
Mit einer, die Kinder haben, wenn sie
ein Himmel-Hölle-Spiel
auf den Teer kratzen wollen.
Er stolzierter daher in Anzug und so,
behördlich, amtlich, offiziel.
Er hatte keine Miene, sprach kein Wort,
ging die Straßen auf und ab,
ein Klemmbrett vor die Nase gerückt,
um Inventur zu betreiben.
Als er schließlich die Verbundplatten signierte,
mit Permanentstift beschriftete,
– vielleicht wollte er der Stadt
eine kleine Ewigkeit schenken –
haben sie ihm das Rechnen verboten.
Er zählt nun woanders, andere Sachen.
Der Kieferorthopäde
An der Ecke zwischen Woolworth und
Edelklamottenshop steht immer einer
mit seiner Obdachlosenzeitung.
Er klappt den Unterkiefer auf und nieder,
als nage er sich durchs Pflaster.
Sein Zottelbart bewegt sich wie ein Wischmopp
auf einer Fensterscheibe, rauf und runter.
Er ist der Kieferorthopäde. Er ist ein lustiger Geselle,
vielleicht etwas zudringlich, wenn er getankt hat.
Alle Jahre kommt der Kieferorthopäde
für ein paar Wochen ins Trockendock.
Wenn er wieder zurückkommt und
mit seinen Heftchen an der Ecke steht,
schaut er nicht mehr so lustig aus. Was der
Mangel an Spirituosen auch auslöst?!
Die Fresserna
Sie, die Fresserna, streift dort herum,
wo sie einen neuen Fressstand aufmachen,
wo einer Pizza oder Bratwürste verkauft.
Sie ordert also eins von den Dingern,
einen hot dog z. B., und der Typ reicht ihr
das Brötchen mit Zwiebeln und der
heißen Wurst und Soße rüber.
Alles trieft von Senf und Sauerkraut etc.
Riecht, wie Appetit vom Himmel geschenkt.
Sie beißt erst mal kräftig rein.
Au fein sagt sie mit entzücktem Mund,
das nenn ich mir einen hot dog, labert
die ganze Zeit und futtert das Ding,
bis der hot dog Geschichte ist.
Der Wurstmann will u.a. die Knete sehen,
ist noch scheißfreundlich oder wie.
Im verzaubernden Lächeln meint sie:
hab keinen Cent, und gibt
ihm et cetera ein rechtes Dankschön.
Die meisten tragen es mit Fassung.
Wenn der Kerl die Bullen holt,
können die auch nicht den hot dog aus ihr
quetschen. Die Fresserna geht dann, denn
es ist keine Werbung für einen Laden,
wenn der nicht mal einen heißen Hund
für einen hungrigen überhat usw.
Der Ziegenpeter
Will keinen langweilen,
aber einen Typen, der mit einer Ziege
durch die Stadt läuft,
seht ihr kaum woanders.
Nicht, dass der betteln wollte,
Futter herausgeschlagen.
Er nahm die Ziege einfach mit,
zeigte den Leuten,
wie sein Vieh zählen konnte.
Er trank drei oder vier Kurze,
fragte, wieviel er intus habe.
Die hat ganz genau gemeckert.
Da haben irgendwelche die Bullen geholt.
Es war kein Schnaps in den Gläschen.
Der Ziegenpeter hatte keinen Gewerbeschein,
die Hippe bekam Stadtverbot.
Gesetz siegte, Macht triumphierte.
Die Stadt ist noch langweiliger.
War immerhin einer da, der meckert.
Karate Jo
Einer der Männer, die am fürchterlichsten
ausschauten, war Karate Jo. Er stand,
als er noch halbwegs fit war, da wie
eine in Glas gegossene Statue des
größten Kämpfers aller Schlitzaugen.
Nur dass Karate Jo kein Chinese war.
Aber er hielt die Augen zusammengepresst,
damit sie ganz dünne Striche wurden.
Dann pumpte er Energie in den Körper,
bis er wie ein Krebs ausschaute. Er zog seine
Schläge und Tritte im Tempo einer Karate-
schnecke durch, doch es lag anscheinend
gewaltige Spannung in ihnen. Er wartete,
bis er einen Schrei losschickte. Der hallte
quer über den Platz, bis er sich
an den ewigen Mauern des Doms brach.
Eine Zeitlang später,
als sie versucht hatten, ihm seine Anwandlungen
auszutreiben, habe ich ihn wieder gesehen. Er hatte
Beine und Arme mit weißen Binden umwickelt.
Ich wusste nicht, wohin ich schauen sollte.
Er sah aus wie eine Mischung aus
Frankenstein und Unfallabteilung.
Er war, glaube ich, ein todeinsamer Hund,
der sich in der Phantasie einen Platz suchte,
um zu überleben. Wie wir fast alle.
Der Josch
Wir denken an dich, mein alter Josch,
wenn die Straßen stinkdreckig sind,
die fettigen Pizzaschachteln herum-
flaggen, die halben Burger, die Blätter
von Zeitungen entlang segeln,
dann denken wir an dich,
wie du einher gezogen bist, einen
Müllsack hinter dir her, und eingetütet
hast: Held der Abfälle, hast alles
gegeben, alles verbraucht,
Zähigkeit und Trauer und Lächeln,
ein lässiger Gruß, ein langer Schluck,
wenn hinter dir die Straße lag,
sauber wie ein eingecremter Babyarsch.
Darum heben wir noch mal
ein Flaschenbier hoch zu dir,
denn falls es so einen Job gibt,
da ganz oben, Josch, bist du der Mann für,
weil dorten gibt’s genug aufzukehren,
hier macht es sowieso keiner mehr.
Der Glupschfisch
Steht Morgen für Morgen an der Haltestelle,
ein Typ, eineinhalb Meter hoch, Hose fast
genauso lang, Brille dick wie eine Schaufensterscheibe,
glotzt dann wie ein Glupschfisch,
hat eine Stofftasche um den Hals, gafft die Mädchen an,
als wolle er sie allesamt zum Frühstück,
reibt sich einen ab, flitzt immer hin und her,
manchmal schreit er:
ihr müsst alle eure blöde Fresse halten,
könnts heim gehen, ihr Saftheinis.
Die Leute starren, höchstens die Mädels kichern,
jeder wartet auf eine Vorstellung,
auf die Wahrheit, endlich,
auf den letzten Segen.
Die Klischke
Im vierten Stock wohnt die 80jährige Klischke
und ihr Sohn Bruno, der Versicherungsfritze ist.
Die Klischke hat das Sprechen eingestellt,
sonst auch fast alles.
Sie tapst die Treppen herunter, ihr Gesicht eingefroren,
die Augen ins Nirgendwo gerichtet,
kriegt keinen Pieps raus.
Gegen Mittag bekommt sie Essen auf Rädern.
Ab und an reißt sie die Tür auf.
Sie stellt sich an das Treppengeländer.
Erst tönt ein Akkord,
als wäre sie eine Orgel,
die durch das Treppenhaus braust.
Mit Der Geist des Herrn erfüllet sie tritt sie wie
der Papst nach vorne,
schüttet unter Das ist ein köstlich Ding
Suppe, Gemüse, Fleisch übers Geländer in den Hausflur hinab.
Bei Wir essen all von einem Brot schlurft sie zurück.
Die Frau des Hausmeisters muss zu Himmelsau, licht und blau
die ganze Sauerei aufwischen.
Abends, wenn Bruno Klischke von der Arbeit kommt,
steht der Hausmeister rauchend vor dem Haus,
wippt auf den Zehen.
Ganze zwei Stunden hat meine Frau hingeschafft
knurrt er. Unter Entschuldigungen zückt
Bruno die Börse.
Alte Leute sagt der Hausmeister,
während er die Scheine einstreicht.
Gnadenlos.
Der letzte Stadtindianer
Wenn ich erzähle, wie er in der Stadt,
unten in einem Viertel, wohnt,
in einem Loch, wo die Kakerlaken Wettrennen abhalten,
wenn ich erzähle, dass er jeden Monat Stütze zieht,
wenn er hustet wie ein Hund,
wenn er jeden Morgen zu sterben meint,
ist er so ein asseliger Typ,
der kaum mehr die Knochen hochkriegt,
der an der Flasche hängt oder
im Abfalleimer. Der Dreck der Straße.
Wenn er über den Rathausplatz geht, stehen bleibt,
wenn er beschattend die Hand über die Augen legt,
wenn er im Tanz die Taten der Krieger,
den Tod des Büffels besingt,
wenn er den Gott des Regens
seinen Bruder heißt, die Sonne
in der Brust versenkt,
ist er der letzte Stadtindianer,
ein Kind des großen Manitus,
der weiß, was es heißt, nicht zu sterben.
Der letzte Stadtindianer ist gegangen,
aus seiner verschimmelten Bude,
gegangen über die weite Prärie
in die ewige Vergangenheit.
Singe dieses Gedicht für ihn.
Vom Überleben in dieser Stadt
Wenn du eine Zeitlang in dieser Stadt wohnst,
kapierst du endlich, dass du seelenallein bist.
Die Leute gehen durch dich als wären sie Schatten,
von irgendwoher. Gesichter wandern ohne
Namen und Zahl. Über dir ein Himmel,
vom Licht getauft oder grau wie die dumme Sünde.
Es macht keinen Unterschied.
Du weißt nicht, warum du hier wohnst
und was überhaupt noch ein Wohin ist.
Seltsamerweise versuchst du es zu erklären,
selbst wenn es keiner wissen will, keiner zuhört.
Die Menschen sind wie Staub, die Straßen
schwarze Schnitte, böse Risse, in denen
leblose Sachen versinken und vergessen.
Du gehst aus dem Haus, einige Wege
weiter, aber du möchtest flüchten, an
Türen klopfen, auf denen Angst steht,
die verriegelt sind. Augen in den Fenstern.
In der Menge möchtest du untertauchen,
die dich zu verschlingen droht. Namen
werden gerufen, die du nicht kennen darfst,
Hunde schnappen nach dir, die Zeit schlägt dir
Wassertropfen ins Gesicht,
als wären es die letzten Tränen,
die Hände sind nicht deine.
Du möchtest vergessen werden, bevor man
dich kennt, im Wirrwarr der Fahrzeuge
mitgerissen sein, doch du kannst den Plan
nicht lesen, kennst nicht mehr die Bahnhöfe.
Du kannst nichts mit dem Tag anfangen,
die Nacht nicht mit dir. Du nimmst die
Gewohnheiten eines Irren an: von einem
der umherstreicht, verlassen von Geist und Seele.
Ausgelacht und ausgelebt in einer falschen Welt,
ohne je die Wahrheit anzuhauchen,
ein bisschen Wärme an der Haut zu verspüren.
Bei sich sein, in sich sein,
eine abgedroschene Phrase,
aber vielleicht die letzte Möglichkeit,
in dieser Stadt zu leben.
Ich und mein Baum
Mein Baum hat sich nach oben gestreckt
gen Himmel, nach unten tief in die Erde.
Ihm ist bekannt die Weisheit beider Welten.
Er flüstert sie mir, wenn ich ihn umarme
mit diesen menschlichen Händen,
wenn ich meine Wange
an seinen Stamm lege.
Er sagt mir: “Lass dich nicht täuschen.
Man sieht mit den Augen nicht,
wie eine allgegenwärtige Urkraft
alles voranbringt.
Schließe die Augen. Spüre
das Muster meiner Rinde
unter den Spitzen deiner Finger.
Horche und fühle den Wind.
So wird es sich anfühlen,
wenn es nichts mehr gibt.
So wird es dich umarmen.
So wirst du geküsst.
So wirst du verstanden.
So wirst du erlöst.
So verliert selbst die Zeit
ihre scheinbare Macht…”
Ich und mein Baum
haben den gleichen Herzschlag.
***
Was für eine seltsame Nacht…
Halb wahnsinnig, halb wach,
halb berauscht, halb entzückt
schlucke ich heiße Luft
längst vergangener Liebe.
Von ihr ist nur die Lust, die Begierde
übrig geblieben, die bittere Sehnsucht
nach einer Verbindung,
die sich nie erfüllt,
die sich nur leicht enthüllt
in Momenten wie diesen.
Sie zeigt die schmerzhafte Wahrheit,
dass nur der Tod uns befreit
und nur er unsere Sehnsucht befriedigt
im ewigen ruhigen Schlaf.
Liebe Schreibende,
wir bitten darum, nur einen Beitrag zum Wettbewerb einzureichen. Wer darüber hinaus eigene Beiträge zum Thema teilen möchte, kann dies im Forum tun.
Alle Wettbewerbsbeiträge

Buchempfehlungen zum Thema Negative Philosophie
Jacob Böhme: Die Persona: Das Gespenst vor Gott
Byron Katie: Das Ende des Leidens
U.G. Krishnamurti: Das Ende der Sehnsucht
Nick Williams: Negative Psychology
Alle Buchempfehlungen zum Thema

Inspiration
Vorwärtsscheitern
Rainer Langhans
Der siebenköpfige Drache
Nick Williams
Alles, was aus einem auf Logik basierenden System hervorgeht, ist tautologisch oder inhaltsleer. Weil Logik inhaltsleer ist, weil Logik tautologisch ist, sind auch wir es, wenn wir uns in Systemen, in logisch kohärenten Kollektiven organisieren. Auch unser Leben wird dadurch inhaltsleer oder „überflüssig“. Alles, was vom Denken organisiert wird, ist so; Krishnamurtis „Lieblingswitz“ (der über den Teufel und seinen Freund) ist ein gutes Beispiel dafür. Zuerst kommt die Realität (das heißt die natürliche Ordnung der Dinge), die ganzheitlich und gut ist, dann kommt das Denken wie der Urgroßvater aller sich einmischenden Besserwisser und organisiert sie…
Egal um welche Situation es sich handelt, wir stellen uns vor, dass sie durch die richtige Organisation, durch mehr Effizienz, durch die Optimierung des Prozesses (oder besser gesagt, dessen, was wir als Prozess verstehen) verbessert wird. Das funktioniert nie, aber – irgendwie – bemerken wir das überhaupt nicht, und wenn etwas schiefgeht – was immer der Fall ist –, dann können wir immer irgendeinen externen Faktor dafür verantwortlich machen (ohne den alles perfekt nach Plan verlaufen wäre).
Es ist – könnte man sagen – ein äußerst seltenes Ereignis, dass wir die eigentliche Wahrheit der Sache erkennen, nämlich dass der Fehler im Denken selbst liegt. „Das Denken kann das Problem nicht lösen, weil das Denken selbst das Problem ist“, sagt Krishnamurti. Das Denken organisiert die Welt für uns (und wartet dabei nicht darauf, gefragt zu werden) und organisiert sie um seine eigenen Kategorien herum. Es fragmentiert die Welt gemäß seinen eigenen willkürlichen Einteilungen (oder Unterscheidungen) und nimmt diese Kategorien, diese Einteilungen, dann völlig als gegeben hin. Es betrachtet sie als „gegeben“, obwohl es das Denken selbst war, das sie geschaffen hat.
„Was ist daran so falsch?“, könnten wir fragen und den Advocatus Diaboli spielen. „Wenn der rationale Verstand uns im Alltag hilft, wenn er uns eine grundlegende Orientierung im Leben gibt, uns hilft, praktische Probleme zu lösen usw., warum sollten wir dann etwas dagegen haben?“ Warum sollte man darüber so reden, als wäre es etwas Schlimmes? Die Antwort auf diese Frage ist natürlich, dass diese Trennungen, diese Unterscheidungen, diese Grenzen, die wir so ernst nehmen, unwirklich sind, da sie lediglich eine Projektion des rationalen Geistes darstellen (und darüber hinaus eine Projektion des rationalen Geistes, die wir nicht durchschauen können und in der wir daher permanent gefangen sind).
Wenn wir eine ganze Reihe künstlicher Kategorien als fundamental, als der Natur der Dinge innewohnend betrachten (anstatt sie als willkürlich auferlegt zu sehen, was sie ja sind), dann bedeutet das, dass wir „in einer unwirklichen Welt leben“. Wenn wir die durch das Denken geschaffenen Trennungen nicht durchschauen können, sondern sie im Gegenteil als Orientierungshilfe, als Mittel zur Navigation in der Realität nutzen, dann bedeutet das, dass wir uns der Tatsache völlig unbewusst sind, dass wir in einer virtuellen Realität leben. Und falls das noch nicht schlimm genug klingt: Die Tatsache, dass wir uns im Grunde an den Kategorien und Trennungen des Denkens orientieren, bedeutet, dass wir in der Welt auf der Grundlage einer fiktiven Identität leben. Auch wir selbst werden auf der Grundlage der vom Denken erfundenen Trennungen konstruiert…
Obwohl es vielleicht viel zu offensichtlich erscheint, es tatsächlich auszusprechen: Die Simulation ist dem Original, dem „Unsimulierten“, unterlegen. Sie bleibt hinter ihm zurück. Wir könnten vielleicht an einen Standbesitzer auf einem Straßenmarkt denken, der superbillige Fälschungen teurer Markenartikel verkauft, aber das wäre bei Weitem nicht extrem genug. Das würde der Schärfe der Situation nicht gerecht werden. Ein besseres Beispiel wäre der Unterschied zwischen einer echten Banknote und einer Fälschung – die Fälschung ist eindeutig nicht nur „minderwertiger“ als das Original, sondern völlig wertlos. Wir können nichts damit anfangen (es sei denn, wir finden einen Trottel oder ein Opfer, dem wir sie unterjubeln können). Die Kopie hat in diesem Fall keinen Wert, aber sie gibt vor, einen zu haben; sie ist ein „Räuber“ oder „Bandit“, da sie den Wert beansprucht, der nur dem wahren Gegenstand zusteht (d. h. dem „Kaiser“ in der Zen-Geschichte). Sie hat keinen eigenen Ruhm, mit dem sie prahlen könnte. Dasselbe können wir daher auch über die Simulation der Realität durch den Geist sagen – jeder Wert, den wir ihr zuschreiben, ist völlig irrtümlich (weil es dort überhaupt keinen Wert gibt, genauso wenig wie Wärme in einem Bild eines lodernden Feuers). Der einzige Sinn in der Simulation ist tautologischer Sinn, hohler Sinn, und das ist überhaupt kein Sinn. Die vom Geist erschaffene virtuelle Realität ist nicht nur „sinnleer“, sondern verdeckt, indem sie sich selbst alle Ehre zuschreibt, den Sinn oder Wert, der tatsächlich vorhanden ist. In alchemistischen/symbolischen Begriffen können wir sagen, dass dies das Werk des „siebenköpfigen Drachens“ ist (d. h. „Satan“ oder „das Tier“ in der Offenbarung). Das folgende Zitat stammt von Jung: GW Band 14. Mysterium Coniunctionis. [Ref. – Offb. 20:2. Honorius von Autun, Speculum de mysteriis ecclesiae (Migne, P.L., Band 172, Spalte 937)].
Der siebenköpfige Drache, der Fürst der Finsternis, zog mit seinem Schwanz einen Teil der Sterne vom Himmel herab, bedeckte sie mit einer Wolke der Sünden und legte den Schatten des Todes über sie.
Die Simulation der Realität (die das Ergebnis des Denksystems ist) ist nichts anderes als „der Schatten des Todes“, eine Aussage, die ihresgleichen sucht. Dies ist nicht nur eine trockene, alte philosophische Idee, mit der wir uns zum Zeitvertreib beschäftigen können – das ist Sprengstoff. Es ist eine Offenbarung, eine Erkenntnis, die wie ein Blitz einschlägt. Wir werden nach dieser Erkenntnis nie wieder dieselben sein. Wir begannen diese Diskussion mit der Aussage, dass alle logischen Systeme hohl sind und keinerlei Inhalt in Bezug auf etwas tatsächlich Reales besitzen. Wir haben dargelegt, dass das Ergebnis eines logischen Prozesses (jedes logischen Prozesses) immer tautologisch sein wird (das heißt, es sagt uns überhaupt nichts aus, obwohl wir glauben, dass es das tut).
Dieser Punkt ist nicht allzu schwer zu verstehen (oder nachzuvollziehen) – die Idee des „Lebens in einer Simulation“ ist dank der Science-Fiction-Werke von Philip K. Dick und der Cyberpunk-Bewegung der 80er und 90er Jahre (die beide maßgeblich in die Populärkultur vorgedrungen sind) ein fester Bestandteil unseres gegenwärtigen kulturellen Erbes. Was wir hier jedoch betrachten, ist noch düsterer – anstatt von einer Simulation zu sprechen, die relativ neutral klingt, sprechen wir nun vom Fürsten der Finsternis, dem Inbegriff und der Quelle allen Übels, der unangefochten über diese arme Welt herrscht. Dies ist in der Tat eine sehr düstere Sicht der Dinge, bezeugt durch zahlreiche Verweise auf die Herrschaft Satans über die Erde im Alten und Neuen Testament.
Wenn die Realität selbst „Gott“ ist (hier betrachten wir die Dinge etwas pantheistisch), dann können wir sagen, dass die verstandes-basierte virtuelle Realität uns vom Göttlichen, vom Grund unseres Seins trennt und uns dazu bringt, unser Leben „abseits unseres eigenen Seins“ zu führen, was – laut Augustinus – dazu führt, dass wir in einem Zustand des Mangels in Bezug auf Gott existieren. Augustinus von Hippo argumentiert, dass das Böse keine eigenständige Sache ist, sondern die Abwesenheit der allgegenwärtigen Güte Gottes (oder „des Grundes unseres Seins“ oder der Realität, wenn wir es so ausdrücken wollen). Im Buch XII, Kapitel 7 von „De civitate Dei“ sagt er Folgendes:
Niemand braucht daher nach einer wirkenden Ursache für einen bösen Willen zu suchen. Da die Wirkung in der Tat ein Mangel ist, sollte die Ursache als mangelhaft bezeichnet werden.
Dieses Verständnis der Simulation spiegelt also nicht nur Philip K. Dick und die Cyberpunk-Bewegung wider, sondern auch die Bibel, den Gnostizismus, die mittelalterliche Theologie und die Schriften der Alchemisten, um nur einige Verbindungen zu nennen. Wir sind jedoch sehr weit von diesem besonderen Verständnis der Rolle des Denkens (oder der Logik) in unserem gegenwärtigen psychologischen Ansatz entfernt… Unser heutiger Ansatz in der Psychologie besteht darin, „Gedanken zu nutzen, um die durch Gedanken verursachten Probleme zu heilen“. Unser Ansatz ist es, den Fürsten der Finsternis auf den Thron zu setzen und ihn in allen Dingen um Rat und Führung zu bitten! Wir lassen den Teufel (metaphorisch gesprochen) die Mittel ersinnen, mit denen wir von dem Übel geheilt werden sollen, das er uns selbst zugefügt hat. Das ist ein Zeichen der Zeit – wir ermächtigen Graf Dracula freudig, eine Spitzenposition in der nationalen Blutbank zu übernehmen, und niemand sieht etwas Falsches daran. Wir vergöttern unsere Unterdrücker und versuchen, ihnen bei jeder Gelegenheit zu gefallen.
Das denkende Bewusstsein – obwohl wir es nicht erkennen – ist die Simia Dei, der „Affe Gottes“, und der Sinn seiner falschen Schöpfungen (seiner generischen Produkte) besteht darin, uns zu verspotten und zu quälen. Uns etwas anderes einzureden, würde diese Demütigung nur noch verstärken und uns noch größere Narren aus uns machen. Der Witz wird so lange wie möglich aufrechterhalten, und es ist ein Witz, der sich gegen uns richtet, ein Witz auf unsere Kosten. Er wird bis zum letzten Tropfen ausgeschöpft. Zu erkennen, dass das Denken sinnvollerweise als Satan, als das Tier, als der in der Offenbarung erwähnte siebenköpfige Drache symbolisiert werden kann und dass diese Symbolik höchst aufschlussreich ist, erfordert eine so radikale Umkehrung unserer gewöhnlichen, konventionellen Sicht der Dinge, dass wir sicher sein können, dass dies niemals geschehen wird. Gebildete Menschen werden über solchen Unsinn lauthals lachen. Wie kann das denkende Bewusstsein Satan sein? Wie „unwissenschaftlich“ ist das denn? Das Denken ist unser bester und treuester Freund, sagen wir…
Und doch – wie Augustinus sagt – gibt es nirgends einen tatsächlichen „Urheber des Bösen“, sondern lediglich die vollständige Abwesenheit von allem Guten. Es gibt keine Dunkelheit, nur die Abwesenheit von Licht. Die Denkweise des menschlichen Geistes ist jedoch so beschaffen, dass er etwas braucht, gegen das er ankämpfen kann; nur so kann er funktionieren – wenn etwas nicht stimmt, muss das, was die Probleme verursacht, bekämpft und überwunden werden. So denken wir darüber. Auf diese Weise haben wir das Gefühl, etwas zu tun, und das verschafft uns Befriedigung. Wir versuchen, „das Problem zu lösen“. Was wir – in unserer zweidimensionalen Kultur – nicht erkennen, ist, dass das Problem der denkende Geist selbst ist, der uns einredet, dass es ein Problem gibt, das gelöst werden muss, was sofort bedeutet, dass wir seine Hilfe und Führung in Anspruch nehmen werden. Wir begeben uns in seine Hände. Das eigentliche Problem ist, dass wir keine Autonomie besitzen, und das Denken kann uns dabei nicht helfen, denn es ist das Denken selbst, das uns diese Autonomie überhaupt erst genommen hat.
Abschied vom Leben – Gespräche mit einer Sterbenden
Susanne Fleer
Nahtoderfahrung – einer der schönsten deutschen Berichte
Dorothea Rau-Lembke
Mehr Inspiration

UNTER UNS
Welche(s) Verbrechen würdest du begehen, wenn du wüsstest, dass es/sie garantiert straffrei bleiben?

Weitere Inhalte



