Isla del Sol

Die Mythen sagen, die Schöpfung der Welt habe hier begonnen, Erde und Wasser, Sonne und Mond, Raum und Zeit hätten hier ihren Anfang genommen, und diese Insel inmitten des Lago Titicaca, sie sei der Leib des Schöpfergottes. Die Natur ist hier noch unversehrt, soviel steht fest. Die Vögel zwitschern, die Blumen blühen, ringsum der See, in der Ferne die Gletscher, auf Augenhöhe, genau wie die Wolken, die immer neue Formen bilden, immer neue Geschichten erzählen. Man lebt gewissermaßen im Himmel. Haben wir vergessen, was Schönheit ist?

Die Wahrheit, sie vernichtet alle Götzen, einschließlich ihrer selbst. Wer die Wahrheit sucht, der findet nur Lügen. Dass der Mensch gut sei oder werden soll, ist eine Lüge. Dass das Leben gut sei oder werden soll, ist eine Lüge. Dass Gott gut sei, ist die größte aller Lügen. Schönheit und Hässlichkeit, Gut und Böse, Tag und Nacht, Leben und Tod, Gott und Teufel bedingen einander. Es sind bloß Namen, die wir den Gegensätzen geben, die wir im Seinsvollzug erfahren. Die Frage, wer zuerst da war, Gott oder der Mensch, entspricht der Frage nach der Henne und dem Ei. Und sie ist ebenso belanglos. Gott, Mensch, Henne und Ei sind götzende Götzen vergötzender Götzen. Was das heißt, weiß ich selber nicht. Aber es klingt gut.

Wahrheit ist nicht expansiv, sondern reduktiv. Nicht mehr Wissen, sondern gar keines mehr. Der Wunsch nach Wissen setzt die falsche Annahme voraus, dass ein Wissender und zu Wissendes existierte. Die letzte Wissenschaft ist die Unwissenschaft. Nicht höhere Erfahrung (Samadhi, göttliche Einheit etc.) ist der Weisheit letzter Schluss, sondern Gleichgültigkeit gegenüber jeder Erfahrung. Denn das Dasein, das wir Leben nennen, ist ewiger Wandel des Ewiggleichen. Ohne Glück kein Unglück, ohne Böse kein Gut, ohne Tag keine Nacht, ohne Leben kein Tod, ohne Teufel kein Gott. Jede Erfahrung hat Anfang und Ende. Und eben deshalb kann die Wahrheit nicht erfahren werden. Nicht Projektion (Ich bin gut, die Welt ist schlecht; oder: Gott ist gut und ich bin schlecht; oder: Verdammt, warum liebst du mich nicht?), nicht Identifikation (Ich bin die Welt; ich bin Gott; ich bin du), sondern nichtprojektives und nicht-identifiziertes Gewahrsein. Projektion und Identifikation setzen die falsche Annahme voraus, dass ein Ich im Zentrum des Gewahrseins existierte.

Viel wurde damals, 2012, dem Jahr des vermeintlichen Endes der Welt, über einen vermeintlichen Bewusstseinssprung spekuliert. Wie sähe er aus, der menschliche Bewusstseinssprung? Es wäre das Ende der Suche in der Welt der Gegensätze. Es wäre das Ende der Suche in der Welt der Erfahrungen. Es wäre das Ende aller Fragen. Es wäre der ewige Anfang, die lebendige, wissenslose und gewissenslose Antwort auf die Frage: Wer oder was bin ich, und wer oder was bist du?

Hier im Himmel bist du gezwungen, tief zu atmen, Tag und Nacht. Außen ist majestätische Schönheit, stiller Friede, harmonisches Spiel der Naturgewalten. Allen Unfrieden, jede Zwietracht, jeden Konflik erzeugst du selbst. Das ist die segnende Lehre der langsamen Atemzüge, der langen Tage und Nächte hier. Sie machen dein rastloses, friedloses Wesen sichtbar, wieder und wieder. Winde sind es, die dich treiben und mitziehen, Wolkenschwaden sind es, kalte und heiße Schauer sind es, die kommen und gehen, und einen Moment lang stockt dir der Atem und du lechzt nach Luft – bis du die Schauer und Wolken und Winde ziehen lässt, bis du zurück in deine Tiefe atmest, bis du deinen Rhythmus wiederfindest und dich erinnerst, wer du nicht bist.

Die Wolken spiegeln sich im Wasser, das silbern glänzt im Morgendunst. Die Nacht war still und wunderbar, der Schöpfergott schlief tief. Und auch der  Morgen ist wolkenlos. Wo sich weder Wunsch noch Wille regt und niemand mehr fragt, da ist alles Antwort, da bist du hellwach – und doch ganz und gar im Schlaf versunken. Alles andere träumst du, das weißt du.

Bozo