Nürnberg — München

Ich sah aus dem Fenster und dachte an nichts. Plötzlich war da dieser ungeheure Druck auf den Ohren, dass ich meinte, mir platze der Kopf. Ich atmete tief ein, hielt mir die Nase zu, presste die Lippen zusammen und blies mit voller Kraft die Luft aus der Lunge. Es half nicht. Ich riss den Mund auf, schüttelte mehrmals den Kopf, zog an den Ohrläppchen, aber auch das half nichts, der Druck wuchs weiter, ins Unerträgliche. Dann platzte mir der Kopf. 

Es war jetzt ganz still in mir und ich nicht mehr ich. Ich blickte mich verwirrt um. Da sah ich mein Ich. Es befand sich auf dem leeren Platz neben mir. Es sah den Gang entlang. Aber ohne meine körperlichen Augen, die waren ja auf mein Ich gerichtet. Es waren auch nicht meine Augen, obschon ich dadurch blickte. Ich befand mich eindeutig außerhalb des Körpers.  

Mein Ich versuchte, zurück in den Körper gelangen, aber vergebens. Dann versuchte ich es, ebenfalls vergebens. Das löste eine Panikreaktion im Körper aus. Ich sah Schweiß auf den Boden tropfen. Die Angst griff auf das Ich neben mir über, ich sah Gedanken rasen und Emotionen toben. Was wiederum den Körper an den Rand des Wahnsinns trieb, der Puls schnellte hoch, der Atem stockte, der Mund war ganz trocken, die Füße waren kalt, die Hände zitterten, die Augen blickten wie durch einen Nebel. 

Dann schien das Adrenalin aufgebraucht, Körper und Geist wurden wieder ruhiger, sinnliche Eindrücke traten wieder in den Vordergrund, die Gleisgeräusche, die vorbeiziehende Landschaft, die Regentropfen, die an der Scheibe hingen, Die Unterhaltung zweier Fahrgäste weiter hinten im Abteil.

Der Friede hielt nicht lange an. Schon bald fing das Ich wieder zu toben an. Suchte zu begreifen, was geschehen war und konnte es nicht. Suchte es rückgängig zu machen und vermochte es nicht. Ich sah ihm staunend dabei zu. Wie man einem Käfer zusieht, der orientierunglos kreuz und quer über den Boden krabbelt. Der Verstand schien mir ungeheuer klein. Um so lächerlicher erschienen seine Versuche, das Geschehen zu überblicken. Aber es war niedlich. Niedliches Theater war es, ein süßer kleiner Käfer, der nicht begriff, aber im Glauben lebte, er beherrsche die Welt.

Das Ich blieb immer nah am Körper, aber ich war weit weg. Ich war gar nicht mit im Raum. Die beiden schwebten im Raum wie aneinander gebundene Luftballons. Der Raum aber, der war in mir. Und damit auch die Luftballons. Es war ein Spiel, ein Kinderspiel, und ich sah dabei zu.

Der Zug fuhr kurz im Schritttempo, der Gedankenstrom verlangsamte sich. Dann nahm der Zug wieder Fahrt auf, doch die Gedanken blieben leise, der Geist war erschöpft. Und mit ihm der Körper. Wie Kinder, die den ganzen Abend lang wie wildgeworden herumgetobt haben und schließlich völlig erschöpft ins Bett fallen und augenblicklich im Schlaf versinken. Erstmals sah ich, was das, was wir Schlaf nennen, eigentlich ist: Der Raum ist noch da, aber die Ballons sind aus ihm verschwunden. Der Körpergeist hat aufgehört zu existieren. 

Ich war froh, dass die Kinder endlich schliefen. Ich blieb währenddessen wach und kramte im Raum der Erinnerungen herum. Ich wollte wissen, wie oft mein Ich schon gestorben und wiedergeboren worden war, ohne dass ich es bemerkt hatte. Es war erstaunlich: Millionen Male. Nicht nur, wenn ich geschlafen hatte. Das Ich verschwindet immerzu. Für einen Augenblick, der so kurz ist, dass wir ihn gar nicht bemerken, verschwindet es und taucht dann wieder auf. Aber nicht als dasselbe Ich. Es ist jedes Mal ein neuer Luftballon.

Kurz vor München verschwand der Zeuge. Und mit ihm der rote und der grüne Ballon samt jenem Raum in mir. Als wir in den Hauptbahnhof einfuhren, tauchte der Zeuge wieder auf, weil der Körper wach wurde und die Augen aufschlug. Der Platz neben mir war nun leer. Ich wusste aber, dass er bloß leer schien: Der Geist war noch da. Die Ballons waren noch da, sie waren bloß transparent. Und flogen auf Autopilot: Eine Hand hob die Reisetasche vom Boden, kramte das Handy heraus und rief meine Frau an. Eine Stimme sprach mit ihr, ein Ohr lauschte ihrer Antwort, ein Blick suchte auf dem Bahnsteig nach ihrem Gesicht. Ein Kopf nickte, eine Hand winkte, ein Mund lächelte, ein Körper stand auf und verließ den Zug.

Basu Winter

Image credit – User417332 in backiee.com