Hühnersuppe

Seit einer Stunde sitze ich hier. Ich habe nichts zu sagen. Gedanken wandern, aber ich bleibe nirgendwo stehen. Entweder kenne ich die Aussicht schon, oder sie lohnt keiner Betrachtung. Okay, der Genozid durch Israel, samt elektronischem Konzentrationslager, biometrische Erfassung aller Palästinenser bis in die letzte Privatsphäre hinein, einschließlich künstlicher Intelligenz, die konkrete Verhaltensvorhersagen erstellt, militärische Software, die die Zivilbevölkerung überwacht, das Grauen von morgen, schon heute Nachricht von gestern. Alles schrecklich, mit niederschmetternden Aussichten, mittlerweile das gewohnte Gefühl. Blick in den Abgrund der Traumwelt. Entsetzt – und dann wieder nicht. Entsetzlicher Fall, erlösender Aufprall, friedliches Ende.

Okay, die Weite, die Wolken, der Himmel, der Horizont. Die Liebe zur Wahrheit, die Tiefe zum Atem, der Friede schon jetzt. Einsicht nur, aussichtslos. Fallen ohne Aufprall. Ohne Träume, ohne Anfang, ohne Ende. Schlicht und einfach zuhause. Okay, die Hunde, Look liegt neben mir und träumt, die Pfoten zucken rhythmisch, er läuft, wer weiß, durch welche Welt, wer weiß, wohin.  Es läuft sich besser im Traum bei der Hitze heute in dieser Welt. Es sucht sich die Aussicht besser im Geist. Ich-Erfahrung jenseits des Konzentrationslagers, freier Flug, nur vom Bewusstsein selbst begrenzt. So will eigentlich auch gedacht sein, so will auch das Denken fliegen. Frei sein will es, befreit von alten Lasten, ohne den Wanderer im Gepäck. Nacktes Ich nur soll er sein, gesichts- und namen- und damit schwerelos. Unsichtbar, ungreifbar, unverwundbar. Einfach nur Notwendigkeit zur Möglichkeit, zu träumen, ohne jede eigene Wirklichkeit.

Das Ich, der große Ermöglicher. Bis hin zu Personen mit physischen Körpern und eigenen Universen aus Nervenzellen, die ihrerseits Welten erträumen. Und in Konzentrationslager verwandeln. Überdruck, nach außen drängend. Bloß wird der Druck dadurch nicht kleiner, sondern größer. Vom Wanderer her, von der Last der Wirklichkeit her. Niederschmetternde Aussichten eben hier, im kollektiven Menschentraum, aus welchem Winkel und welcher Entfernung auch immer man schaut. Milliarden Gesichter mit Namen dazu, Milliarden verteidigter Welten. Greifbar, sichtbar gewordenes Ich im Wahn eigener Wirklichkeit. Die Last dieses Wahns, die Last der Wirklichkeit, der schwere Atem verweigerter Implosion. Ewiger Krieg.

Okay, die Welt will dich narren, als Nervenzelle sollst du reagieren, als Dampfdruckkessel überlaufen. Dabei bist du gar nicht hier, dein Süppchen kocht alleine vor sich hin, deine Welt ernährt sich selbst. Sie träumt sich wie Look im Traum durch die Gegend spaziert. Und keine Aussicht bleibt, nur die Einsicht. Freier Flug über das Lager, die Qualen der Tiere, die Leiden der Menschen. den Wahnsinn der Welt, und zurück ins Hier und Jetzt, um Looks Traum zu bewachen in dem Traum, den wir teilen, der Hund und ich. Doch schon ist er zurück, schon steht er auf, schwanzwedelnd, offenbar guter Dinge, diese Welt ruft, vielleicht ist es der Geruch der Hühnersuppe, die vor sich hin köchelt auf offenem Feuer. Er hat es gut, er wird bewacht von dem, das mich bewacht, und das ist nicht irre.

Okay, blieb ich also doch noch stehen bei diesem und jenem Gedanken, auf dass es doch noch etwas zu labern geben würde. So kocht sich das Süppchen eben. Hauptsache, ohne scheiß Mohrrüben. Gar kein großes Theater, reine Essenz. Wer sollte auch würzen und schnibbeln, der Koch ist nach Hause gegangen, und ich muss labern und Bier kaltstellen, das Bewusstsein muss es also selber richten. Das Feuer wird schon ausgehen im richtigen Moment. Wenn ich darauf nicht vertrauen könnte, müsste ich mich umbringen. So aber muss ich es nicht und kann es nur und will es wahrscheinlich nicht. Der Traum will ja schließlich ganz zu Ende geträumt werden als seine eigene Form von Gelaber, das von selbst an sein eigenes Ende kommen will als längst geschriebene Geschichte.

Gerade taucht eine alte Freundin vor dem Grundstück auf, von der es hieß, sie sei tot. Dabei ist sie bloß obdachlose Streunerin geworden, hinkend, total abgemagert, von der Sonne verbrannt, eine Straßenhündin unter vielen hier in Kambodscha. Wirr ist sie auch. Korsakow-Syndrom. Aber es ist nicht nur das. Die Wirklichkeit hat sie gebrochen. Der Bürgerkrieg damals in Donezk, all der Hass, all die Toten, dann die Flucht, schließlich das Elend hier, das Leiden der Tiere vor allem, und die Grausamkeit der Menschen dazu, unerträglich als Wirklichkeit, Explosion zur ohnmächtigen Wut, Implosion zur Dissoziation, zum Scherbenhaufen hin. Ihr Herz erkennt uns sofort und kennt unsere Namen sogar, was sie verwundert: „Bin ich nicht tot?“, fragt sie.

Sie isst erstmal reichlich und lässt sich die Wunden versorgen ohne darüber zu vergessen, nach Vodka zu fragen. Unglücklich ist sie nicht. Beim Bad redet und singt sie fröhlich vor sich hin. Wieder Kind geworden. Ohne Geschichte. Die lebt abgekapselt, dem Bewusstsein unzugänglich, im Verließ der Seele. Dissoziation, das Antonym zur Integration, die andere, die traurige Befreiung von der Last.

Basu Winter