“Nichts Wirkliches kann bedroht werden, nichts Unwirkliches existiert. Hierin liegt der Frieden Gottes.”
Ein Kurs in Wundern

Positive Philosophie klingt, naja – positiv.
Und negative Philosophie klingt, wie soll man sagen – ziemlich negativ.
Doch ist es wirklich so?
Der via positiva ist den Menschen seit tausenden von Jahren vertraut und in tausenden Facetten bekannt. Er umfasst weit mehr als positive Philosophie, positive Psychologie, positive Theologie und positive Spiritualität: Der heutige Mensch, die heutige Menschenwelt existiert allein kraft der geistigen Entwicklung im Rahmen des via positiva. Der via negative hätte einen völlig anderen Menschen, eine völlig andere Menschheit hervorgebracht.
Das gilt für die äußere wie auch für die innere Welt des Menschen. Sämtliche gewachsenen Ideologien sind Früchte des via positiva, jegliche Glaubenssätze, alle Formen von Identität und jedes vermeintliche Wissen. Das gilt für vermeintlich Gutes bewirkende Kräfte genauso wie für vermeintlich Böses bewirkende Kräfte, denn auch sie wirken ja stets im Namen des Guten, auch ihre Motive beruhen stets auf Glaubenssätzen, Ideologien und Identitäten und gehören damit unweigerlich ebenso zu den Früchten des positiven Weges wie alle anderen auch.
Man stelle sich einen politischen Führer vor, der diese Kette zu unterbrechen vorschlägt: “Lassen wir das mal mit dem Wirtschaftswachstum, wir sind doch reich genug, lasst uns lernen, zu teilen, was da ist, und damit glücklich zu sein.” Oder: “Lassen wir fünf mal gerade sein, wissenschaftlichen Fortschritt brauchen wir doch gar nicht mehr, lasst uns ein Jahrhundert lang die Früchte des Erreichten genießen.” Oder: “Lasst uns alle unsere Identitäten und Glaubenssätze in die Tonne kloppen, lasst uns allen Ernst aus der Welt tragen, lasst uns wieder Kinder sein und spielen!”
Es würde nicht funktionieren, weil gemäß des via positiva sofort andere, neue Glaubensätze, Ideologien und Identitäten entstehen würden, die ihre eigene Form von Fortschritt und Wachstum versprächen. Denn das ist es, was der via positiva stets tut: Er sät stets Hoffnungen und Ängste und hält sie dann am Leben. Er zaubert stets neue Versprechen hervor, indem er Ziele in Aussicht stellt, die nicht nur erreichbar, sondern vor allem auch erreichenswert erscheinen.
Nur wird das in Aussicht gestellte Ziel nie erreicht.Kann es gar nicht. Weil das in Aussicht gestellte Ziel ein Bild von der Landschaft war und nicht die Landschaft selbst. Ein Bild von der Landschaft aus einer Zukunft, die es gar nicht gibt. Denn auch die Zukunft ist bloß Teil eines Bildes von der Zeit und nicht Teil der Zeit selbst. Das ist das Dilemma des via positiva. Er ist die beständige Bewegung auf ein Ziel hin, das nie zu erreichen ist.
Der via negativa beginnt dort, wo jedes Versprechen gebrochen ist und alle Hoffnung endgültig begraben. Ein einfaches Beispiel: Du bist nicht mit dir zufrieden und versuchst dich in allen möglichen Disziplinen der Selbstverbesserung (via positiva). Nach zehn Jahren endloser Mühsal kommst du zu dem Schluss: Ich bin immer noch nicht mit mir zufrieden, also leck mich am Arsch, ab heute bin ich einfach damit zufrieden, dass ich nicht zufrieden bin mit mir. Das ist Auflösung durch Loslassen, es ist der Sprung von einem kleineren zu einem größeren Ich. Und dieser Prozess des Loslassens, der Auflösung, der Bewegung hin zum Größeren ist der via negativa.
In dessen Zuge irgendwann die Realisation eintritt, dass der Mensch und seine Welt bloß aus Lichtimpulsen bestehen, die auf die Leinwand geworfen werden, dass alles Leben nur ein Film ist, ein vom Bewusstsein gedrehter Film – derweil in Wirklichkeit nie etwas geschehen ist. Und dass dieses ungeschehene Geschehen, das ewige Werden, gleichsam unvermeidlich ist – und völlig irre. Manche halten ja sich selbst oder andere Menschen für Wahnsinnige. Der einzige Wahnsinnige aber, der den Namen wirklich verdient, ist das Bewusstsein selbst. Der wahrhaft Wahnsinnige ist Gott, wenn man so will. Aber nicht in böser Absicht: Der uferlose Wahnsinn ist aus uferlose Liebe geboren. Nicht nur der glitzernde Tropfen im Morgentau, auch der Tsunami ist Liebe. Nicht nur die zarte Brise, auch der verwüstende Hurricane, nicht nur die Engel und Feen, auch die Monster und Dämonen, nicht nur der Gesang der Nachtigall, auch der Schrei des gequälten Viehs, auch das verhungernde Baby, auch der Genozid, auch die Atombomben, auch noch der letzte Mörder, Psychopath und Pädophile.
Als wacher Zeuge gehst du vor beidem auf die Knie: vor dem uferlosen Wahnsinn und vor der uferlosen Liebe. Gleichsam weißt du, dass du dieses Szenario selbst auf die Leinwand projizierst: Denn du bist das Bewusstsein, du bist Gott. Du bist der Wahnsinnige. Du bist die uferlose Liebe, die den uferlosen Wahnsinn gebiert. Und gleichsam bist du die absolute Essenz, die von alledem nichts weiß, in der von alledem nie etwas geschehen ist. Diese Enthüllung der Wirklichkeit und Wahrheit im Zuge wachsender Selbsterkenntnis ist die Frucht des via negativa. Versprechen auf ein besseres Leben impliziert er nicht.
Das Dilemma zeigt sich beispielsweise ziemlich eindrücklich im Rahmen der eingereichten Wettbewerbsbeiträge. Die eigene Stimme zu finden, um die es hier geht, ist dem herkömmlich konditionierten Menschen gar nicht möglich. Erstens, weil er die entsprechende Sprechmuskulatur nie trainiert hat. Und zweitens, weil er von jenem Selbst, das da zu sprechen beginnen würde, überhaupt nichts weiß. Und so spricht eben allein der Verstand, es bleibt beim Kreisen um das vom Verstand konstruierte Ich und seine Welt.
Derweil dient negative Philosophie ja eigentlich dem Ziel, die Tyrannei des Verstandes zu durchbrechen und Kontexte zu realisieren, die dem Verstand und der von ihm dominierten territorialen Persönlichkeit – der Persona – grundsätzlich verschlossen bleiben. Wird dieses Ziel verfehlt, dann ist negative Philosophie keine negative Philosophie mehr. Dann adaptiert der Verstand sie als weiteres Denkmodell. Negative Philosophie ist nun positive Philosophie mit “negativem” Inhalt: “Ich bin Nihilist”, heißt es vielleicht. Oder: “Alles ist sinnlos”. Oder: “Alles ist nichts.”
Wenn hier davon die Rede ist, die Sprechmuskulatur für die eigene Stimme zu trainieren, dann ist das natürlich eigentlich Quatsch. Allein das Konzept des Trainierens ist auf positive Philosophie gebaut und greift hier nicht. Es greift aber auch kein anderes Konzept. Am ehesten vielleicht das Konzept des “Abtrainierens”. Des Wegfallenlassens. Des bedingungslosen Sich-Öffnens zum Unbekannten hin. “Gut sterben” könnte es heißen. Und vor allem gerne.
“Das Leben muss eine Vorbereitung auf den Übergang in eine andere Dimension sein.”
Terence McKenna