Kann man nichts machen

“Die Wissenschaft geht heute davon aus, dass 95–99 % unserer Handlungen, Verhaltensweisen und Entscheidungen – und das daraus resultierende Leid – auf tief verwurzelten, unbewussten Programmierungen im Körper und Konditionierungen im Geist beruhen.” 

Scott Kiloby

Was zur Folge hat, dass wir

“selbst in einem spirituellen, gesunden oder erfolgreichen Leben mit Angstzuständen und Depressionen, mit chronische Schmerzen, Krankheiten oder körperlichen Verspannungen, mit Süchten und Selbstsabotage, mit Problemen in persönlichen Beziehungen und der Familie, mit einem negativen Selbstbild und belastenden Gedanken und nicht zuletzt auch mit Schwierigkeiten, spirituelle Lehren und Erweckungserlebnisse zu verinnerlichen, konfrontiert sein.” 

Scott Kiloby

Kurz gesagt, wir sind alle am Arsch. Bis auf ein paar Kamele vielleicht, die es durchs Nadelöhr geschafft haben. Ich gehöre mit Sicherheit nicht dazu. Trotz tausender Bücher, hunderter Kurse und dutzender Techniken, die ich im Laufe des Lebens gelesen, erlernt und angewandt habe. 

Vielleicht lassen sich manche Knoten gar nicht auflösen. Ich denke da beispielsweise an die grundsätzliche Beziehung zur menschlichen Erfahrung, das persönliche Gefallen/Missfallen daran. Und an die grundsätzliche persönliche Beziehung zum Ich-Bewusstsein an sich in all seinen Facetten.

Ich gehe ja davon aus, dass wir das Ich-Bewusstsein nie wieder loswerden, dass es einfach nicht sterben kann. Wir können zwar eine Zeit lang heraus treten, wie jeder weiß, der einmal die Nicht-Erfahrung eines Satori erlebt hat. Und dieses Heraustreten wird vermutlich wesentlich einfacher sein, wenn wir gestorben und damit die Schwerkraft des physischen (Verstandes-) Körpers los sind. Aber ich glaube nicht, dass dieses Heraustreten ewig währen kann, obwohl es zeitlos ist. Irgendwann klopft das Bewusstsein wieder an – und schon ist das Ich wiedergeboren. 

Und dabei bleibt es nicht. Das wiedergeborene Ich mag noch sein reines Sein genießen, schon klopft es schon wieder – und der Wunsch nach dem Du tritt ein. Als Träumer. Und Geträumtes/Geträumter. Und schon stehst du wieder inmitten des Karnevals des Werdens. Im Rahmen dieses ewigen Spiels hat der Aspekt des Ichs, der als Geträumter/Geträumtes erscheint, natürlich immer die Arschkarte gezogen. Das Drama des Werdens vollzieht sich auf seine Kosten. Sein Leid gebiert den Traum der Welt.

Insofern ist das menschliche Hadern völlig natürlich, völlig in Ordnung. Es muss sich auch kein Mensch für seine Süchte schämen. Oder für sonstwelche Defizite. Das alles gehört hier dazu, es sind alles Ausgeburten des Spiels der Kräfte um Bewegung und Trägheit, um Flieh- und Schwerkraft, um Ich und Du.

Von dem Ich her betrachtet, das gerade erst wiedergeboren wurde, ist das ganze Spiel eigentlich Teil des Du. Selbst dein eigener menschlicher Körper, selbst deine Psyche, deine Seele, sind dem raum- und zeitlosen Ich, das du bist, Objekte. Spielzeuge. Die mit der Zeit natürlich kaputtgehen. Das ist ganz normal. Und gut so. Sie gehören zu einer Phase, und man wächst aus jeder Phase heraus, und damit hat es sich mit diesem Zeug.

Du magst genau deswegen am Arsch sein, du magst ganz einfach über die Spiele, die Spielzeuge hier hinausgewachsen sein. Da hilft dann auch kein Kurs und keine Technik mehr, da kann dich nichts mehr zur Umkehr bewegen, da kann man nichts machen. Die Phase “Menschliches Erdenleben” besteht schließlich genau genommen aus zwei Phasen. In der ersten Phase ist das Ich ganz dem Irdischen zugewandt und entwickelt sich innerhalb der Manifestation, wie ein Baum, der Wurzeln schlägt und Äste und Zweige bildet und Früchte trägt. In der zweiten Phase zieht es das Ich zurück nach Hause, da reißt es die Wurzeln wieder heraus und wirft das Gewachsene ins Feuer, um wieder nichts zu werden.

Die Psychologie weiß von dieser Phase nichts, ihr “gesundes Ich” ist das Ich der ersten Phase. Auch nahezu alle gängige Philosophie, Religion und Spiritualität ist dem Ich der ersten Phase zugetan. Externe Navigationshilfen gibt es für das Ich der zweiten Phase kaum. Im Gegenteil, es wird — notfalls mittels Strafe und Zwang — versucht, das Ich zurechtzustutzen. Kollisionen sind unvermeidlich. Und Desaster vorprogrammiert.  Bis klar wird, dass sich die Wege nicht nur scheiden, sondern längst geschieden haben: dass man einstweilen aus entgegengesetzten Kräften heraus in entgegengesetzte Richtungen unterwegs ist, auf entgegengesetzte Ziele hin, und dass es eine lange Weile dauern wird, bis man sich wiederfindet.

Die Blätter fallen, fallen wie aus der Ferne, als wären ferne Gärten am Himmel verwelkt; sie fallen mit ablehnenden Gesten. Und in den Nächten rieselt die schwere Erde von allen Sternen hinab in die Einsamkeit. Wir alle fallen. Diese Hand fällt. Und seht die anderen an: Es ist in ihnen allen. Und doch gibt es einen, der dieses Fallen endlos sanft in seinen Händen hält.

Ralph Waldo Emerson , Zweite-Phase-Ich

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