
Hängst du noch fest an der Nabelschnur des eigenen Selbst, hat der Frost dich noch im Griff — oder schmilzt du schon dahin, bereit für deine Entbindung?
Glaubst du noch an die Namen, die Menschen dir geben, hängst du noch an ihren Etiketten, steht dein Selbst noch zum Verkauf — oder bist du schon frei von Etiketten, als käufliche Ware aus dem Regel der Welt verschwunden?
Musst du dir selbst noch Namen, musst du dir selbst noch Rahmen geben, musst du dir noch schlüssig sein, musst du noch mit Ideen leben, wer du sein sollst und wie nicht — oder kannst du deine Namen samt der Rahmen schon ins Feuer werfen und brennen als der, der du bist?
Ist ein Teil von dir noch an die Vergangenheit gebunden, schwelgst du noch in Erinnerungen nah und fern, trauerst du noch verpassten Gelegenheiten oder guten Zeiten hinterher — oder bist du dem Gestern schon ganz entbunden, so losgelöst, dass nichts Gewesenes mehr an dir hängt?
Glaubst du noch, der Charakter, der jenes Leben lebte, das seist du, hegst du um seinetwillen noch Schuldgefühle, Reue, Groll — oder dünkt dir jenes Leben schon als fremd, bist du schon frei von deiner Geschichte, frei von jedem Wahn der Verbindlichkeit, frei sogar von der Verpflichtung, der zu sein, der du noch vor fünf Minuten warst?
Ist ein Teil von dir noch an die Zukunft gebunden, schwelgst du noch in Erwartungen, hegst du noch Befürchtungen, lebst du noch in Hoffnung, in Angst – oder bist du dem Leben schon so ergeben, dass es sich einfach leben kann, dass es dich einfach leben kann, dass die Welt sein und werden darf, was sie auch immer ist und wird?
Malst du noch Bilder deines zukünftiges Selbst in deiner Fantasie, musst du noch Zwecke erfüllen, musst du noch Ziele verfolgen, muss, was du wirst, noch dem entspringen, was du heute bist — oder wandelst du schon auf unbetreten Pfaden, allen Zielen entbunden, frei von jedem Wahn der Verbindlichkeit und frei sogar von der Verpflichtung, der zu sein, der du eben noch warst?
Muss die Welt dir noch als eine Struktur erscheinen, die du erkennen kannst, als eine Ordnung, nach der du dich richten musst, nach einer Unvollkommenheit, die zu verbessern möglich und auch nötig ist — oder kannst du schon allem erlauben zu sein, was es ist, in einem Raum ohne Wegweiser verweilend, der Wildheit des Lebens völlig ausgesetzt, allem Begreifen, aller Kontrolle und jedweder Sicherheit völlig entbunden?
Glaubst du noch wissen zu können, wo du bist, wer du bist, was und warum es geschieht, tust du noch, als wüsstest du mehr, als du wirklich weißt — oder kannst du schon ehrlich sein, eingestehen, wie wenig du weißt, ja dass du keinen Schimmer hast, was in Herrgottsnamen gerade vor sich geht, wie es entstand, warum es besteht, was daraus werden wird?
Wartest du noch — oder bist du jetzt hier, und das Hier ist ein Dort und ein Überall und Nirgendwo, und das Jetzt ist das Eben und das Eben ein Gleich und alle Zeit die Ewigkeit des Nie-Gewesen Seins?
Hältst du noch am Bekannten, Vertrauten fest, baust du noch auf dein vermeintliches Wissen, erklärst du dir noch das Unerklärliche — oder hast du jenen Käfig schon verlassen und bist ins Unbekannte, ins Unvertraute, ins Unerklärliche gefallen, im Nichtwissen verschwunden?
Suchst du noch den Weg zurück, zieht es dich noch zurück in den Käfig, sobald du im unendlichen Raum des Nichtwissens verschwindest — oder bist du schon frei von dir selbst und der Welt und weißt die Welt in dir und dich als jenen unendlichen Raum und jenen unendlichen Raum als deine grenzenlose Natur?
Basu Winter für Zara
Image credit – Minimum Monument installation by Brazilian artist Néle Azevedo