Pluribus II

Das Bild, das ich von einer zum Einheitsbewusstsein erwachten Menschheit malen würde, sähe ganz anders aus als in ‘Pluribus’. 

Es geht schon beim Ich und Wir los. Eine Auflösung des Ichs im Wir sehe ich nicht. Ich sehe überhaupt keine Auflösung des Ichs. Ich sehe eine Loslösung des Ichs vom Körper, vom Verstand, von der manifestierten Welt, und eine Hinwendung zum Grund des Ganzen, zur Quelle des Manifestierten hin . Eine Hinwendung hin zur Einswerdung mit diesem Grund. BIs ganz klar ist: “Ich bin gar nicht Hans-Günther – ich bin Gott!”

Das Leben als Hans-Günther geht aber einstweilen weiter. Und wie es jetzt weitergeht,das sehe ich auch ganz anders. In ‘Pluribus’ vermisse ich vor allem drei Qualitäten, die jetzt eigentlich zum Vorschein kommen müssten: spielerische Kreativität/Schöpferkraft, Spontanität und Einzigartigkeit. Was aber eben daran liegt, dass ich jene Auflösung des Ichs im Einheitsbrei des Wir nicht antizipiere. Für mich findet das Werden nun vielmehr im Sinne von Meiste Eckharts ewiger Geburt statt. Und jeder zum Einheitsbewusstsein erwachte Mensch ist ein stets spontaner, einzigartiger Ausdruck dieser ewigen Geburt. 

Und eben weil jeder Mensch als einzigartiger Ausdruck des Einheitsbewusstseins daherkommt, kann es keine Allgemeingültigkeiten mehr geben. Einer würde noch Äpfel vom Baum pflücken oder ein Tier schlachten, wenn er Hunger hat, ein anderer nicht. Einer würde weniger bewussten Menschen wie Carol jede aggressive Attacke durchgehen lassen und weiter jeden Wunsch erfüllen, ein anderer würde ihr eins in die Fresse hauen und sie fortan links liegen lassen. Richtig und falsch wird es so nicht mehr geben. Was sich in einem Augenblick verbietet, kann im nächsten gegeben sein.

Hinzu kommt noch, dass das Einheitsbewusstsein nicht das Ende des Liedes ist. Das Bild der neuen Menschheit enthielte für mich daher Menschen, die es weiterzöge – über das Bewusstsein hinaus. Bis zu dem Punkt also, an dem jeder Punkt verschwindet. Und damit auch das Ich und alle Welt. Bis ganz klar ist.   “Ich bin gar nicht Hans-Günther – und auch nicht Gott. Denn was immer ist, ist nicht. Und was immer wird, ist nie gewesen.”

So bedrohlich, wie die neue, zum Einheitsbewusstsein erwachte Menschheit Menschen wie Carol ist, die noch im alten, im dualen Ich-Bewusstsein leben, so bedrohlich ist der aus dem Bewusstsein selbst erwachte Mensch den im Einheitsbewusstsein lebenden Menschen. In ‘Pluribus’ existiert diese Dynamik nicht. Kann sie ja auch nicht. Denn in ‘Pluribus’ endet die Bewusstseinsevolution mit der Auflösung des Ichs im Wir. In Wirklichkeit aber vollzieht sich Augenblick für Augenblick aus dem Nichts die Geburt des Ichs. Im Ganzen wie im Vereinzelten. Als unendliche Manifestation des Endlichen.