Nach Riesen-Eklat: Philosophie-Professor entlassen

Köln. — Nach 20 Jahren der Lehre an der Universität zu Köln wurde Hans Niemand unlängst die Professur entzogen. Hintergrund: Niemand hatte behaupet, 99.999 Prozent der Menschen seien irre – und 100 Prozent seiner Kollegen Idioten. Eine Entschuldigung verweigerte Niemand. Mit der Folge, dass er seinen Posten räumen musste und sowohl seine Professur als auch seine Promotion für ungültig erklärt wurde. Gestern nahm Niemand erstmals schriftlich Stellung zu dem Geschehen:

“Das alles ist allein meine Verantwortung. Ich konnte meine Studenten einfach nicht mehr weiter belügen. Meine Liebe zu Kant hat mir einst diesen tollen Posten beschert. Meine eigene Erkenntnis hat dafür gesorgt, dass ich vor die Tür gesetzt wurde. Dass die Logik uns in die Irre führt, dass unsere Sicht der phänomenalen Welt zutiefst subjektiv und somit immer falsch ist, das wusste schon Kant, und das durfte ich auch lehren. Dass dies aber bedeutet, dass die Menschen irre sind, eben weil sie leugnen, dass sie stets falsch liegen, das darf niemand sagen. Schon gar niemand in meiner Position.

Wenn mit unserem physischen Körper alles in Ordnung ist, nehmen wir ihn kaum zur Kenntnis. Nur wenn etwas nicht stimmt, werden wir auf ihn aufmerksam. Genauso verhält es sich mit dem Verstand. Ein gesunder Verstand erfüllt seine Aufgaben im Hintergrund, unmerklich verarbeitet er Wahrgenommenes und präsentiert uns dadurch ein Bild der Welt. Nur wenn etwas nicht stimmt, nimmt die mentale Aktivität Fahrt auf, rückt der Verstand in den Fokus, prasseln plötzlich Gedanken auf uns ein. Sprich: der gesunde, natürliche Geisteszustand ist mehr oder minder gedankenleer, der Verstand arbeitet friedlich im Hintergrund vor sich her, ohne dass wir ihn bemerken.

Wir lernen von Kindesbeinen an, den widernatürlichen Geisteszustand zu kultivieren. So sehr, dass es als Störung angesehen wird, wenn Kindern diese widernatürliche Gewichtung schwerfällt. Und das geht dann ein Leben lang so weiter. Mit dem Ergebnis, dass die gedankliche Aktivität ganz in den Mittelpunkt d rückt. 

Das alles ist der positiven Philosophie geschuldet: der Annahme, dass stimmt, was wir denken — oder dass es zumindest stimmen kann: dass etwas Wahres gedacht werden kann. Das Gedachte ist plötzlich ungeheuer wichtig. Es wird maßgeblich für meine Sicht der Dinge. Es wird Teil meiner Identität. Es bestimmt mein Selbstwert-, mein Lebensgefühl, schöpft meine Wünsche und Ängste, meine Erinnerungen, meine Geschichte. Es wird nur wenigen Menschen jemals klar, wie ungeheuer schwer dieser eine, kaum je bewusst gefasste Entschluss, den Gedanken zu glauben, im Endeffekt wirklich wiegt.

Es gibt unzählige spirituelle Techniken, die sich diesem Problem widmen und den Fokus auf die mentale Aktivität mehr oder minder erfolgreich unterminieren, indem der Fokus beispielsweise auf die Atmung, die äußere Wirklichkeit oder ein Mantra gelegt wird. Einiges Problem: Die bereits bestehenden Verwicklungen werden dadurch nicht aufgelöst. Es ist so ähnlich wie bei einem alten Trauma: Du versuchst so gut es geht, nicht daran zu denken, es taucht aber trotzdem immer wieder in deinen Träumen auf — und nicht nur das, es wirkt aus dem Verborgenen, es beeinflusst dein Leben, ob du nun willst oder nicht. 

Jeder Gedanke, dem geglaubt wird, ist quasi ein solches Trauma. Eigentlich sind Gedanken ja nichts weiter als Luftblasen, die sich in der mentalen Atmosphäre spontan bilden. Wo ihnen geglaubt wird, verdichten sie sich. Und werden dadurch Teil deines Systems, sie werden Teil deines Wesens. 

Nicht Meditation bewirkt die Revision dieses Prozesses, sondern negative Philosophie. Es ist kein angenehmer Prozess. Im Gegenteil, die Auflösung jener Verdichtungen fühlt sich wie sterben an. Ist es ja auch. Negative Philosophie ist eine existentielle Bedrohung deines Wesens — beziehungsweise dessen, was du für dein Wesen hältst. Deswegen ist sie ja auch so unpopulär. Wenn du nichts mehr von alledem glaubst, was du über dich denkst, wer bist du dann? Wenn du nichts mehr von alledem glaubst, was du über die Welt zu wissen meinst, wo lebst du dann? Wie navigierst du ohne Landkarte, wohin gehst du ohne Ziel? 

Positive und negative Philosophen können einander kaum ertragen. Es ist einfach ein Unterschied wie Tag und Nacht. Und kein Konsens zu finden.  Dabei ist es nicht der Unterschied, wie es ihn gesellschaftliches versus Klosterleben, Weltzugewandtheit versus Weltabgewandtheit seit Jahrtausenden verkörpern. Denn Mönche und Nonnen, Eremiten und Asketen sind ja auch positive Philosophen, verkörpern eben nur eine alternative positive Philosophie. Negative Philosophen hingegen stehen mit leeren Händen da. Ohne System, ohne Struktur, ohne Funktion, ohne Konzept, ohne Kontur. Wie die Nacht eben, in der alles unterschiedslos schwarz ist. Nur ist, was in der Nacht schwarz ist, hier schlicht substanzlos. Leer. Da ist kein Selbst, das sich der Welt zu- oder von ihr abwenden könnte, da ist überhaupt kein Selbst. Und auch keine Welt, der sich zu-, von der sich abzuwenden möglich wäre. 

Die selbst- und weltlose Wirklichkeit, die sich dem negativen Philosophen eröffnet,  ist dem Gedanken vergleichbar, dem du nicht glaubst. Sie ist spontane Schöpfung ohne Dichte, ewig neu und gleichsam absolut bedeutungslos. Natürlich kommt die Schöpfung als Substanz daher,  die Kontinuität vermuten lässt, aber nur, damit es scheinen kann, als würde sich etwas verändern.    

Dem positiven Philosophen ist der negative Philosoph nicht nur suspekt — er hält ihn für wahnsinnig. Und umgekehrt: Der negative Philosoph hält die Menschen für absolut irre. Der einzige Unterschied ist: Er weiß wovon er spricht, denn er war einer von ihnen, er war selbst irre. Der poistive Philosoph hingegen hat seine Wirklichkeit noch nie gesehen. Umso befremdlicher erscheint sie ihm.

Sähe er auch nur einen Hauch davon, jene Dichte, die er als die Substanz seiner selbst und der Welt zu missverstehen gewohnt ist, wäre bereits in Begriff, sich aufzulösen. Die Auflösung wäre dann nicht mehr aufzuhalten. Und sie ist unwiderruflich. Seine Nacht, sein Tag sind dann einfachen vorbei. In der größeren Nacht, in dem größeren Tag sind sie verschwunden.” 

A Free E-Booklet by Hans Niemand