Von wegen freier Wille – vom Meer des Wahns rundum das selbstende Selbst

Ich spüre, dass ich meine Pfeife anzünden will, und tue das auch; aber wie kann ich das mit der Idee der Freiheit verbinden? Was liegt hinter dem Willensakt, dass ich meine Pfeife anzünden will? Ein anderer Willensakt? Ich weiss ehrlich nicht, was die Leute meinen, wenn sie von der Freiheit des menschlichen Willens sprechen.

Albert Einstein

Der Mensch kann zwar tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will.

Arthur Schopenhauer

Die menschliche Freiheit besteht lediglich darin, daß sich die Menschen ihres Wollens bewußt, und der Ursachen, von denen sie bestimmt werden, unbewußt sind.  

Benedikt de Spinoza

Noch nie hat je auch nur ein einziger Mensch eine ‘eigene’ Entscheidung getroffen. Jeder Mensch ist bei jedem Schritt, den er unternimmt der unerbittlichen Kaskade der Kausalität unterworfen. Diese Kaskade ist es, die seine Motivationen, Vorlieben und Aversionen ins Leben ruft, aus denen seine Entscheidungen geboren werden. 

Zu tun und zu lassen, was wir wollen, hat also nichts mit Freiheit zu tun. Wer genauer hinsieht, stellt schnell fest, dass Automatismen am Werk sind, die sowohl unabhängig voneinander als auch im Verbund funktionieren. Der Körper körpert ganz von allein. Der Verstand verstandet ganz von allein. Und das Selbst selbstet ganz von allein.

Ein Strom früherer Ursachen – biologischen, neurologischen und psychologischen – erzeugt kontinuierlich einen Strom von Wirkungen. Das ist alles. Und es bedeutet nichts anderes, als dass niemand je wirklich eine Entscheidung getroffen hat.

Dass es anders scheint, liegt daran, dass das Selbst selbstet:  Wir erklären unser Verhalten, bevor es passiert, oder während es passiert, oder im Anschluss daran. Wir halluzinieren, dass wir wissen, warum wir das tun, was wir tun. Und verteidigen sogar unsere Entscheidungen, als hätten wir sie selbst getroffen. Und basteln daraus eine Geschichte zusammen, die wir unser Leben nennen. 

An der Geschichte stimmt natürlich rein gar nichts. Zumal das Zentrum, das wir halluzinieren, das Ich, das wir am Steuer wähnen, gar nicht existiert. Was immer wir sind, täuschen wir vor, zu sein. Eben dieses Vortäuschen ist das selbstende Selbst. Es ermöglicht die Vortäuschung einer soliden Identität in Form einer überdauernden Ich-Instanz, die besagten Fluss von Ursachen und Wirkungen bestenfalls unter Kontrolle bringt. Unter halluzinierte Kontrolle, versteht sich. 

Das darf man natürlich niemandem erzählen. Der Mensch ist so sehr mit dem Fluss des Selbstens identifiziert, dass jener andere Fluss, in dem der Körper körpert und der Verstand verstandet, in den unbewussten Tiefen des Meeres seines Wahns verschwindet. Bewusst ist nur noch das Unwirkliiche, die halluzinierte Lebensgeschichte, die halluzinierte Persönlichkeit, das halluzinierte Zentrum einer halluzinierten Welt. 

Basu Winter