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Keine Philosophie
KEINE PHILOSOPHIE
Du sprichst gerne von Philosophie,
wenn du einen Satz liest,
der dir klug vorkommt.
Du saugst ihn auf und
zitierst ihn ein paar Tage
bei jeder Gelegenheit,
bis du ihn wieder vergessen hast.
Das ist die Philosophie der Halbwahrheiten
mit kurzer Haltbarkeit.
Dafür lehnst du die alten Lehren ab,
die Jahrtausende überdauert haben,
weil sie wahr sind
und nie ihre Gültigkeit verlieren.
Das sind die Lehren, die Leben gestalten,
von Menschlichkeit und Verzicht handeln
und sich nicht in billige, austauschbare
Slogans verwandeln lassen.
Das Fitnessstudio für deine Seele
findest du nicht unter bunten Neonreklamen,
sondern in der Weite des über Generationen
gewachsenen Bewusstseins,
das den Menschen zu dem machen sollte,
was er nicht ist,
solange er nicht aufhört,
den Wortspielern und Illusionisten zu folgen,
deren Macht auf der Behäbigkeit
des Geistes ihrer Zuhörer beruht.
Solange man das nicht erkennt,
gibt es keine Philosophie,
die dem Anspruch gerecht wird,
den ihre Verfechter an sie haben.
Und das ist viel einfacher zu verstehen,
als man es erklären kann.
PHILOSOPHIEREN
„Ich denke, also bin ich.“
Klingt gut, kann man behaupten.
„Ich denke nicht, also bin ich nicht.“
Klingt besser, fast genial,
aber wer ist der Typ im Spiegel?
„Ich esse, also esse ich.“
Daran besteht kein Zweifel. Verzichtbar.
„Ich esse, also nehme ich ab.“
Das ist der Stoff, aus dem Abhandlungen sind.
„Ich transpiriere, also transportiere ich.“
Das ist schwierig, da reicht eine Abhandlung nicht aus.
„Ich transportiere, also transpiriere ich.“
Leicht zu verifizieren. Reicht als Fußnote.
„Aus großer Höhe fallen wir sterbend.“
Ein guter Satz für einmalige Experimente.
„Die Zeit läuft schneller, als ihr guttut.“
Das ist mal wirklich was zum Nachdenken,
denn: „Ich denke, also bin ich.“
Am besten ist:
„Ich halte die Klappe, also philosophiere ich.“
Passt.
Was bleibt, wenn alles vergeht
Du liegst im Bett, eingehüllt in einer weißen Decke –
es ist deine letzte Strecke.
Ärzte haben aufgeklärt: Du wirst bald sterben.
Aber deine Kinder haben sich gewehrt und gestikulieren,
und während sie ungehalten reagieren,
über angebotene Therapieformen diskutieren –
blickt dein kleiner Enkel zu dir herauf,
steht bei deiner Tochter, sein kleiner Kopf neben ihrem Babybauch,
er lächelt und reicht dir die Hand.
Sie fühlt sich weich an – und leicht.
Du zwinkerst ihm zu, müde.
Und während der Junge dasteht und dich einfach ansieht, weißt du:
Er ist der Einzige, der versteht.
Und dein Schwiegersohn?
Mit seinem Einfallsreichtum?
Gibt keine Ruhe. Steht da. Stocksteif –
Und na klar – es muss doch was geben,
um noch länger zu leben.
Aber die Ärzte reden nicht von Jahren – sowieso nicht
und eher nicht von Monaten.
Und dann denkst du an das Kind im Strohwagen,
denn bald ist Weihnachten,
und du weißt: Das schaffst du nicht.
Und auch wenn es traurig klingt –
du wirst dein zweites Enkelkind
nicht mehr im Arm halten.
Doch deine Kinder suchen weiter nach einem Wunder,
nach einer besonderen Energie –
in Form einer Behandlung, einer letzten Therapie
gegen die Erkrankung.
Bald – im Sinne von irdisch messbaren Größen.
Doch deine Kinder wollen die Dinge für dich lösen,
diskutieren weiterhin:
Das Baby ist fast da – deine erste Enkelin!
Und sie reden nicht von Monaten –
sondern von wenigen Wochen, von Tagen.
Die Stimme deiner Tochter klingt gebrochen,
sie verliert gleich die Fassung.
Dann redet sie von Entlassung
aus dem Krankenhaus,
will dich zu sich nehmen für einen Gaumenschmaus
an Christmas Eve.
Wirft dir vor, du siehst alles viel zu negativ.
Sollst du die Situation anders bewerten
und an die Menschen denken, die dich verehrten.
Sie streicht über ihren schweren Bauch,
ein schmerzverzehrtes Gesicht:
Mama, gib nicht auf – diese Art zu handeln entspricht dir nicht.
Eine Therapie ablehnen heißt nicht aufgeben – willst du sagen.
Aber du hast keine Kraft. Und Angst vor der Reaktion – und den ganzen andern Fragen.
Alles wird gut, Mama. Du musst dich nur aufraffen.
Dann können dir die Ärzte noch mehr Zeit verschaffen.
Und als könnten sie hellsehen, die Zeit zurückdrehen –
haben sie die Entscheidung für dich schon übernommen:
deinem Körper wird eine neue Energie
in Form einer Strahlentherapie
sicherlich gut bekommen.
Und in dieser toxischen Positivität, denkst du an Energieerhaltung
und an Einsteins spezielle Relativität,
an die Austauschbarkeit von Masse und Energie –
und du weißt auch um die Zunahme von Entropie –
spürst die Unordnung in deinem tumormassereichen Körper,
der langsam zerfällt –
wie die Ordnung deiner Familie,
die sie mit Regeln und Erwartungen immer aufs Neue herstellt.
Ja, du verstehst die Verzweiflung deiner Tochter, die hilflose Traurigkeit.
Erinnerst dich, wie sie dir als Kind – wie sie dir als Teenagerin – entgegenschreit:
Lass mich mein Leben leben!
Ich entscheide für mich selbst
und mir ist es ganz egal, was du davon hältst!
Dann war die Tür ins Schloss gefallen. Damals.
Die Dinge wiederholen sich – sagt man –,
wenn alles so bleibt im Fortschreiten der Zeit.
Und wie war das, mit dem Energieerhaltungsgrundsatz,
in einem geschlossenen System.
Ich weiß du würdest ihn gerne an deine Lebensenergie anlehnen:
denn Energie lässt sich nicht erzeugen und auch nicht vernichten,
man kann sie umwandeln – und sie lässt sich verdichten…
Und wenn du nicht mehr auf dieser Welt bist,
du von vielen lieben Menschen vermisst wirst
bist du nicht komplett weg –
nur dein Körper verschwindet,
wenn er Schmerzen, Leiden und Traurigkeit überwindet.
Nicht in Monaten, nicht in Wochen – vielleicht in ein paar Tagen.
Doch so genau kann das niemand, auch keine Ärztin mehr sagen.
Sterben ist individuell wie die Geburt und das Leben.
Alle Ereignisse folgen nur bedingt bestimmten Regeln.
Und wenn es dein Wille ist, darfst du jede Therapie auch ablehnen.
Dann sagst du es, leise:
Ich will nicht. Ich will nicht mehr – leben.
Und dann kommen die Fragen…
Aber im Schutz der kleinen Hand deines Enkels,
kannst du den letzten Moment deines Lebens
noch ertragen.
Und in einem Brief steht, den der Junge später in seiner Hand hält:
Wenn ich nicht mehr auf dieser Welt bin,
ist das für euch erstmal schlimm –
und es tut mir so leid.
Aber ich werde nicht ganz von euch gehen –
nur mein kranker Körper wird nicht mehr bestehen.
Meine Essenz – die wird überdauern.
Ich wünsch mir, ihr würdet nicht zu lange trauern.
Denn wenn ich gegangen
und nicht länger gefangen
in meinem Körper bin –
ist ein Teil von mir als Lebensenergie –
für immer
in eurem Herzen drin.
Denn wenn wir erkennen, dass es keinen Tod gibt,
sondern nur die Veränderung der Form…
Wenn wir Sterben und Geburt nicht mehr trennen,
uns nicht zum Ende oder Anfang bekennen –
vielleicht beginnen wir dann,
für immer,
von vorn.
Spuren
„,Wer nicht hören will, muss fühlen‘, sagte der Erziehungsberechtigte und knallte mir eine. Das spüre ich heute noch. Diese Spuren waren das Einzige, was er hinterließ. Weil ich nicht spurte, prügelte er auf mich ein. Er war ein schlechter Vater, das war mir eine gute Lehre. Sein Grab habe ich nie besucht, mein Leben ohne ihn geführt. Ohne in seine Spuren zu treten. Ausgetretene Pfade habe ich gemieden. Aus! – Getreten! Psychoanalytiker mögen darüber lächeln. Vaterfiguren, die sich Männer nur als Söhne oder Väter vorstellen können. Ich bin kein Vater geworden, Sohn nie gewesen (der Erziehungsberechtigte hatte geglaubt, ich wäre nicht von ihm, nicht Fleisch von seinem Fleische. Daher die vielen Prügel). Ich bin kein Schläger geworden, kein Schlächter und nicht besser als alle anderen. Ich bin einfach ich geworden. Ist doch auch schon was. Das muss ich mir immer wieder bestätigen, oft glaube ich es selbst nicht. Denn Glauben liegt mir fern – noch so eine Vaterfigur, weit oben im Himmel, fern und unbegreiflich, unangreifbar, die niemanden etwas angeht. Mich am wenigsten.
Spuren hinterließ das alles nicht. Jedenfalls keine bleibenden. Eher wie Schritte im Sand, die der Wind verweht. Bleibende Trittsiegel kennen wir nur von Dinosauriern, von Ausgestorbenen, Millionen von Jahren entfernt von uns.
Wohin das führt? Ist doch egal. Der Weg geht seinen Weg – meistens weg von hier! Hauptsache, es geht voran. Was geht mich das an, was vorher war. Die Vergangenheit ist vergangen, ihre Spuren verweht. Die Zukunft noch nicht gekommen, sie wird uns alle überraschen. Weiter geht’s.
Voran!
Wir müssen uns der Vergangenheit nicht stellen, sie hat uns längst gestellt. Und zum Stillstand gebracht. Aber der Weg ist noch offen. Unermesslich seine Weite. Man muss nur den ersten Schritt tun. Und noch einen. Und noch einen. Alles andere ergibt sich von selbst.
Ergibt sich! Gibt sich uns hin. Man muss es sich nur nehmen. Ergeben sich hingeben der hingegebenen Welt. Wie sie mir, so ich ihr. Auch wenn es ihr völlig gleichgültig sein dürfte.
Das kann es dir auch sein, wie gleichgültig du der Welt bist. Nur du solltest es dir nicht sein. Da gilt es weiterzumachen. Immer wieder. Aufs Neue. Damit das Alte nicht über Gebühr fortbesteht. Nur was dich weiterbringt, behalte. Den Rest vergesse. Vergebe und gut ist.“
Das waren seine letzten Worte. Nun würde er nirgends mehr hingehen. Nur er selbst kann wissen, ob er sein Ziel erreicht hat. Als ob das noch irgendwie von Bedeutung wäre.
Einstmals schien auch ihm die Welt so unendlich groß und weit, dass Tausende von Leben nicht ausgereicht hätten, auch nur den Saum von diesem Mysterium zu lüften, so meinte er. Dann hatte er sich auf den Weg gemacht. Ging immer weiter und weiter, bis nichts mehr ging. Als er zurückblickte, wurde ihm bewusst, dass nichts ihm vertraut geworden war von diesem Stück Welt, das er doch eben erst durchschritten hatte. Als ob er nie dagewesen wäre. Das Land lag ebenso still in der Sonne wie zuvor. Als hätte er nie existiert. Es blieb ihm fremd. Er blieb fremd. Er hätte genauso gut dort bleiben können, von wo er aufgebrochen war. Dort – ein Ort, kein Zuhause, keine Heimat. Also blieb ihm die Fremde – seine Heimat, der Zustand, der ihm am vertrautesten war. Die ganze Welt eine unfassbare, geheimnisvolle Insel, ausgespart aus dem Nichts. Eine Zuflucht Schiffbrüchiger.
Die Zeit ist heute eine andere, mit gleichmütigen Schritten stumm über alles hinweg gezogen, ein flüchtiger Schatten, gejagt von der aufgehenden Sonne. Schattenwind über kahlem Gestein.
Die Natur trifft keine Schuld, sie hat naturgemäß noch nicht einmal eine Vorstellung davon. Sie hatte stets alles versucht, wieder und wieder, aber das änderte nichts. Da muss man sich nicht wundern. Und wenn die Natur ohne Schuld ist, dann ist er es auch. Wir alle sind es. Wir sind höchstens verflucht. Wenn denn jemand existierte, der uns verfluchte. Den aber gibt es nicht. Es sei denn, man glaubte an einen Gott. Was natürlich Unsinn ist. Es ist, wie es ist. Ein Verhängnis. Lapidar. Und endlos. Darum wohl hatte er dem ein Ende bereitet. Nicht ohne Spuren hinterlassen zu haben.
Aber auch diese verwehen. Am Ende wird die Zeit spurlos an uns vorübergegangen sein, gleichgültig über uns hinweggeschritten wie eine Königin aus einem unerreichbar fernen Land.
Ohne uns.
Freunde – und Ich
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Byron Katie: Das Ende des Leidens
U.G. Krishnamurti: Das Ende der Sehnsucht
Nick Williams: Negative Psychology
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Inspiration
Vorwärtsscheitern
Rainer Langhans
Der siebenköpfige Drache
Nick Williams
Alles, was aus einem auf Logik basierenden System hervorgeht, ist tautologisch oder inhaltsleer. Weil Logik inhaltsleer ist, weil Logik tautologisch ist, sind auch wir es, wenn wir uns in Systemen, in logisch kohärenten Kollektiven organisieren. Auch unser Leben wird dadurch inhaltsleer oder „überflüssig“. Alles, was vom Denken organisiert wird, ist so; Krishnamurtis „Lieblingswitz“ (der über den Teufel und seinen Freund) ist ein gutes Beispiel dafür. Zuerst kommt die Realität (das heißt die natürliche Ordnung der Dinge), die ganzheitlich und gut ist, dann kommt das Denken wie der Urgroßvater aller sich einmischenden Besserwisser und organisiert sie…
Egal um welche Situation es sich handelt, wir stellen uns vor, dass sie durch die richtige Organisation, durch mehr Effizienz, durch die Optimierung des Prozesses (oder besser gesagt, dessen, was wir als Prozess verstehen) verbessert wird. Das funktioniert nie, aber – irgendwie – bemerken wir das überhaupt nicht, und wenn etwas schiefgeht – was immer der Fall ist –, dann können wir immer irgendeinen externen Faktor dafür verantwortlich machen (ohne den alles perfekt nach Plan verlaufen wäre).
Es ist – könnte man sagen – ein äußerst seltenes Ereignis, dass wir die eigentliche Wahrheit der Sache erkennen, nämlich dass der Fehler im Denken selbst liegt. „Das Denken kann das Problem nicht lösen, weil das Denken selbst das Problem ist“, sagt Krishnamurti. Das Denken organisiert die Welt für uns (und wartet dabei nicht darauf, gefragt zu werden) und organisiert sie um seine eigenen Kategorien herum. Es fragmentiert die Welt gemäß seinen eigenen willkürlichen Einteilungen (oder Unterscheidungen) und nimmt diese Kategorien, diese Einteilungen, dann völlig als gegeben hin. Es betrachtet sie als „gegeben“, obwohl es das Denken selbst war, das sie geschaffen hat.
„Was ist daran so falsch?“, könnten wir fragen und den Advocatus Diaboli spielen. „Wenn der rationale Verstand uns im Alltag hilft, wenn er uns eine grundlegende Orientierung im Leben gibt, uns hilft, praktische Probleme zu lösen usw., warum sollten wir dann etwas dagegen haben?“ Warum sollte man darüber so reden, als wäre es etwas Schlimmes? Die Antwort auf diese Frage ist natürlich, dass diese Trennungen, diese Unterscheidungen, diese Grenzen, die wir so ernst nehmen, unwirklich sind, da sie lediglich eine Projektion des rationalen Geistes darstellen (und darüber hinaus eine Projektion des rationalen Geistes, die wir nicht durchschauen können und in der wir daher permanent gefangen sind).
Wenn wir eine ganze Reihe künstlicher Kategorien als fundamental, als der Natur der Dinge innewohnend betrachten (anstatt sie als willkürlich auferlegt zu sehen, was sie ja sind), dann bedeutet das, dass wir „in einer unwirklichen Welt leben“. Wenn wir die durch das Denken geschaffenen Trennungen nicht durchschauen können, sondern sie im Gegenteil als Orientierungshilfe, als Mittel zur Navigation in der Realität nutzen, dann bedeutet das, dass wir uns der Tatsache völlig unbewusst sind, dass wir in einer virtuellen Realität leben. Und falls das noch nicht schlimm genug klingt: Die Tatsache, dass wir uns im Grunde an den Kategorien und Trennungen des Denkens orientieren, bedeutet, dass wir in der Welt auf der Grundlage einer fiktiven Identität leben. Auch wir selbst werden auf der Grundlage der vom Denken erfundenen Trennungen konstruiert…
Obwohl es vielleicht viel zu offensichtlich erscheint, es tatsächlich auszusprechen: Die Simulation ist dem Original, dem „Unsimulierten“, unterlegen. Sie bleibt hinter ihm zurück. Wir könnten vielleicht an einen Standbesitzer auf einem Straßenmarkt denken, der superbillige Fälschungen teurer Markenartikel verkauft, aber das wäre bei Weitem nicht extrem genug. Das würde der Schärfe der Situation nicht gerecht werden. Ein besseres Beispiel wäre der Unterschied zwischen einer echten Banknote und einer Fälschung – die Fälschung ist eindeutig nicht nur „minderwertiger“ als das Original, sondern völlig wertlos. Wir können nichts damit anfangen (es sei denn, wir finden einen Trottel oder ein Opfer, dem wir sie unterjubeln können). Die Kopie hat in diesem Fall keinen Wert, aber sie gibt vor, einen zu haben; sie ist ein „Räuber“ oder „Bandit“, da sie den Wert beansprucht, der nur dem wahren Gegenstand zusteht (d. h. dem „Kaiser“ in der Zen-Geschichte). Sie hat keinen eigenen Ruhm, mit dem sie prahlen könnte. Dasselbe können wir daher auch über die Simulation der Realität durch den Geist sagen – jeder Wert, den wir ihr zuschreiben, ist völlig irrtümlich (weil es dort überhaupt keinen Wert gibt, genauso wenig wie Wärme in einem Bild eines lodernden Feuers). Der einzige Sinn in der Simulation ist tautologischer Sinn, hohler Sinn, und das ist überhaupt kein Sinn. Die vom Geist erschaffene virtuelle Realität ist nicht nur „sinnleer“, sondern verdeckt, indem sie sich selbst alle Ehre zuschreibt, den Sinn oder Wert, der tatsächlich vorhanden ist. In alchemistischen/symbolischen Begriffen können wir sagen, dass dies das Werk des „siebenköpfigen Drachens“ ist (d. h. „Satan“ oder „das Tier“ in der Offenbarung). Das folgende Zitat stammt von Jung: GW Band 14. Mysterium Coniunctionis. [Ref. – Offb. 20:2. Honorius von Autun, Speculum de mysteriis ecclesiae (Migne, P.L., Band 172, Spalte 937)].
Der siebenköpfige Drache, der Fürst der Finsternis, zog mit seinem Schwanz einen Teil der Sterne vom Himmel herab, bedeckte sie mit einer Wolke der Sünden und legte den Schatten des Todes über sie.
Die Simulation der Realität (die das Ergebnis des Denksystems ist) ist nichts anderes als „der Schatten des Todes“, eine Aussage, die ihresgleichen sucht. Dies ist nicht nur eine trockene, alte philosophische Idee, mit der wir uns zum Zeitvertreib beschäftigen können – das ist Sprengstoff. Es ist eine Offenbarung, eine Erkenntnis, die wie ein Blitz einschlägt. Wir werden nach dieser Erkenntnis nie wieder dieselben sein. Wir begannen diese Diskussion mit der Aussage, dass alle logischen Systeme hohl sind und keinerlei Inhalt in Bezug auf etwas tatsächlich Reales besitzen. Wir haben dargelegt, dass das Ergebnis eines logischen Prozesses (jedes logischen Prozesses) immer tautologisch sein wird (das heißt, es sagt uns überhaupt nichts aus, obwohl wir glauben, dass es das tut).
Dieser Punkt ist nicht allzu schwer zu verstehen (oder nachzuvollziehen) – die Idee des „Lebens in einer Simulation“ ist dank der Science-Fiction-Werke von Philip K. Dick und der Cyberpunk-Bewegung der 80er und 90er Jahre (die beide maßgeblich in die Populärkultur vorgedrungen sind) ein fester Bestandteil unseres gegenwärtigen kulturellen Erbes. Was wir hier jedoch betrachten, ist noch düsterer – anstatt von einer Simulation zu sprechen, die relativ neutral klingt, sprechen wir nun vom Fürsten der Finsternis, dem Inbegriff und der Quelle allen Übels, der unangefochten über diese arme Welt herrscht. Dies ist in der Tat eine sehr düstere Sicht der Dinge, bezeugt durch zahlreiche Verweise auf die Herrschaft Satans über die Erde im Alten und Neuen Testament.
Wenn die Realität selbst „Gott“ ist (hier betrachten wir die Dinge etwas pantheistisch), dann können wir sagen, dass die verstandes-basierte virtuelle Realität uns vom Göttlichen, vom Grund unseres Seins trennt und uns dazu bringt, unser Leben „abseits unseres eigenen Seins“ zu führen, was – laut Augustinus – dazu führt, dass wir in einem Zustand des Mangels in Bezug auf Gott existieren. Augustinus von Hippo argumentiert, dass das Böse keine eigenständige Sache ist, sondern die Abwesenheit der allgegenwärtigen Güte Gottes (oder „des Grundes unseres Seins“ oder der Realität, wenn wir es so ausdrücken wollen). Im Buch XII, Kapitel 7 von „De civitate Dei“ sagt er Folgendes:
Niemand braucht daher nach einer wirkenden Ursache für einen bösen Willen zu suchen. Da die Wirkung in der Tat ein Mangel ist, sollte die Ursache als mangelhaft bezeichnet werden.
Dieses Verständnis der Simulation spiegelt also nicht nur Philip K. Dick und die Cyberpunk-Bewegung wider, sondern auch die Bibel, den Gnostizismus, die mittelalterliche Theologie und die Schriften der Alchemisten, um nur einige Verbindungen zu nennen. Wir sind jedoch sehr weit von diesem besonderen Verständnis der Rolle des Denkens (oder der Logik) in unserem gegenwärtigen psychologischen Ansatz entfernt… Unser heutiger Ansatz in der Psychologie besteht darin, „Gedanken zu nutzen, um die durch Gedanken verursachten Probleme zu heilen“. Unser Ansatz ist es, den Fürsten der Finsternis auf den Thron zu setzen und ihn in allen Dingen um Rat und Führung zu bitten! Wir lassen den Teufel (metaphorisch gesprochen) die Mittel ersinnen, mit denen wir von dem Übel geheilt werden sollen, das er uns selbst zugefügt hat. Das ist ein Zeichen der Zeit – wir ermächtigen Graf Dracula freudig, eine Spitzenposition in der nationalen Blutbank zu übernehmen, und niemand sieht etwas Falsches daran. Wir vergöttern unsere Unterdrücker und versuchen, ihnen bei jeder Gelegenheit zu gefallen.
Das denkende Bewusstsein – obwohl wir es nicht erkennen – ist die Simia Dei, der „Affe Gottes“, und der Sinn seiner falschen Schöpfungen (seiner generischen Produkte) besteht darin, uns zu verspotten und zu quälen. Uns etwas anderes einzureden, würde diese Demütigung nur noch verstärken und uns noch größere Narren aus uns machen. Der Witz wird so lange wie möglich aufrechterhalten, und es ist ein Witz, der sich gegen uns richtet, ein Witz auf unsere Kosten. Er wird bis zum letzten Tropfen ausgeschöpft. Zu erkennen, dass das Denken sinnvollerweise als Satan, als das Tier, als der in der Offenbarung erwähnte siebenköpfige Drache symbolisiert werden kann und dass diese Symbolik höchst aufschlussreich ist, erfordert eine so radikale Umkehrung unserer gewöhnlichen, konventionellen Sicht der Dinge, dass wir sicher sein können, dass dies niemals geschehen wird. Gebildete Menschen werden über solchen Unsinn lauthals lachen. Wie kann das denkende Bewusstsein Satan sein? Wie „unwissenschaftlich“ ist das denn? Das Denken ist unser bester und treuester Freund, sagen wir…
Und doch – wie Augustinus sagt – gibt es nirgends einen tatsächlichen „Urheber des Bösen“, sondern lediglich die vollständige Abwesenheit von allem Guten. Es gibt keine Dunkelheit, nur die Abwesenheit von Licht. Die Denkweise des menschlichen Geistes ist jedoch so beschaffen, dass er etwas braucht, gegen das er ankämpfen kann; nur so kann er funktionieren – wenn etwas nicht stimmt, muss das, was die Probleme verursacht, bekämpft und überwunden werden. So denken wir darüber. Auf diese Weise haben wir das Gefühl, etwas zu tun, und das verschafft uns Befriedigung. Wir versuchen, „das Problem zu lösen“. Was wir – in unserer zweidimensionalen Kultur – nicht erkennen, ist, dass das Problem der denkende Geist selbst ist, der uns einredet, dass es ein Problem gibt, das gelöst werden muss, was sofort bedeutet, dass wir seine Hilfe und Führung in Anspruch nehmen werden. Wir begeben uns in seine Hände. Das eigentliche Problem ist, dass wir keine Autonomie besitzen, und das Denken kann uns dabei nicht helfen, denn es ist das Denken selbst, das uns diese Autonomie überhaupt erst genommen hat.
Abschied vom Leben – Gespräche mit einer Sterbenden
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