Schreibwettbewerb 2026
Hier die eingereichten Beiträge zum Schreibwettbewerb “Negative Philosophie — Achselzuckend leben“

Hier geht’s zu den Leser-Kommentaren zum Schreibwettbewerb
Der absolute Abfuck
Das Dorf der Achselzuckenden
Walten
(Für) eine bessere Welt
Stell dir eine Welt vor, in der jeder den anderen achtet. Hass ist ein Fremdwort, weil jeder die Schönheit des anderen erkennt und offen mit sich selbst umgehen kann.
Stell dir eine Welt vor, in der nichts und niemand leiden muss, weil jeder hinschaut und empathisch ist.
Stell dir eine Welt vor, in der es keine Grenzen gibt, da niemand etwas besitzen kann, was allen gehört. Denn niemand möchte es besitzen, weil jeder versteht, dass einem nichts gehören kann, was schon lange vor einem existierte.
In einer Welt, in der niemand besser als der andere ist, weil niemand auf den Gedanken kommt, Kunst mit Kunst zu vergleichen.
Was, wenn ich dir sage, dass ich die Möglichkeit habe, den Menschen diese Welt zu schenken? Was, wenn ich dir sagen würde, dass alles, was ich dafür tun müsste, ist, ein Leben zu beenden? Dass ich ein einziges Leben beenden muss, damit niemals jemand in der menschlichen Geschichte auch nur auf die Idee kommt, jemanden umzubringen, oder nur im Entferntesten etwas Ähnliches tut.
Würde es die Tat legitimieren?
Auch wenn es dein Leben wäre?
Würdest du mich für einen besonders schlechten Menschen halten, wenn ich dir gestehen würde, dass ich es bereits gemacht habe?
Vor allem, wenn ich dir erzählen würde, dass es keinen Unterschied gemacht hat? Weil diese friedliche Welt den Menschen nicht möglich ist? Naja, tun wir jetzt mal nicht so, als hätten wir das nicht eigentlich ohnehin schon gewusst.
Und was, wenn ich dir jetzt sagen würde, dass ich dich angelogen habe? Es war nie dein Leben, das ich beenden musste, damit die Welt ein besserer Ort wird.
Es ist mein Leben.
Und ich weiß auch gar nicht, ob es die Welt zu einem besseren Ort, zu einem friedlichen und guten Ort machen würde. Sondern ich diesen schrecklichen Ort voller Menschen, zerfressen von Hass und Ignoranz, einfach nicht mehr aushalte. Weil ich zu sinnlos bin. Was, wenn ich dir gestehe, dass ich nur nach Ausreden suche, um meine Feigheit zu besiegen und endlich zu sterben? Ich glaube, manche Menschen werden nicht zum Leben, sondern zum Sterben geboren.
Ich wünschte, ich wäre zum Leben geboren worden, aber ich bezweifle es.
Die Wahrheit ist, dass ich Angst habe. Ich habe so schreckliche Angst, zu leben und darin zu versagen, dass mich das alleine schon fast umbringt. Und es tut so weh, alles tut weh und ist gleichzeitig so bedeutungslos. Ich bin bedeutungslos. Nun, leider bringt es mich nun mal nur fast um …
Somit bleibt es mir überlassen, die Initiative zu ergreifen. Jedoch bin ich zugegebenermaßen zu feige, um endlich zu sterben. Aber wenn der Tod, mein Tod, eine Bedeutung hätte. Die Welt retten könnte, dann wäre es vielleicht einfacher, oder?
Die Wahrheit ist aber auch, dass ich mir wünschte, dass ich von Bedeutung bin. Ich wünschte, dass mein Leben einen Unterschied machen und ich diese friedliche Welt vielleicht erschaffen könnte, gerade weil ich lebe und nicht sterbe, obwohl ich dafür doch geboren wurde. Vielleicht braucht es ja Menschen wie mich, um die Welt zu retten.
Nur bin ich leider nicht so naiv, dieser Lüge zu glauben, die sich mein Überlebensinstinkt für mich ausgedacht hat.
Du weißt gar nicht, wie oft ich schon hier am Abgrund saß und mir alles so sinnlos war. Das ganze Leben ist eine Farce und der Tod ist nur ein Teil davon, doch danach ist wenigstens alles egal. Danach werde ich wenigstens nur ein weiteres Schulterzucken in der Weltgeschichte voller erfundener Bedeutung sein. Und trotzdem bin ich nie gesprungen, denn am Ende wäre doch auch mein Tod egal und somit könnte ich nie den Kreislauf der Sinnlosigkeit durchbrechen.
Doch heute, an einem Tag wie jedem anderen, ist mir klar geworden: Vielleicht ist das Leben ein Witz und die Pointe ist der Tod. Wie absurd.
Also, los, lach mit mir über die Bedeutungslosigkeit. Hahaha.
Doch nun sag mir, die Neugier zerrt an mir: Hat mein Tod einen Unterschied gemacht? Ist die Welt jetzt ein besserer Ort? Ohne Hass und Krieg und voller Schönheit? Ist es endlich eine Welt, in der auch ich zum Leben geboren wäre? In der jeder Mensch zum Leben geboren wird? War die Pointe wenigstens gut?
Legitimiert es meine Tat?
Oh, ich hoffe es, ich wünsche es mir.
Wie sehr ich … Oh, ich bitte dich …
Ich … Ach, weißt du was? Es ist doch eigentlich auch egal, oder?
Schließlich ist das doch nur ein schlechter Witz und ich zu feige, die Pointe zu bringen.
Aber schlechte Witze haben doch schließlich auch keine Pointe.
Niemals genug
Das Chaos findet nur in meinem Kopf statt
Gefangen in dem Leben, das mich müde macht.
Es ist leichter zu sagen: „Es geht mir gut“,
Als nach Worten zu suchen für die dunkle Flut.
Ich sag mir, mein Schmerz sei viel zu klein,
Nicht mal wert ein Wort zu sein.
Ich verstecke mich hinter „mir geht’s gut“ und „nichts“,
Und halte die Schatten ganz allein für mich.
Wenn alles zu Hause mir über den Kopf wächst,
Und du mich nur noch an meiner Stille misst,
Schnapp ich meine Sachen und geh vor die Tür,
Denn das schreien ertrag ich nicht länger hier.
Ich zünd eine Zigarette an gegen die Glut,
Und seh zu, wie der Rauch in den Straßen ruht.
Nur ein Moment, um kurz durchzuatmen,
Bevor die Schatten mich wieder erwarten.
Wenn die Traurigkeit wächst und alles überschwemmt,
Fühl ich mich von mir selbst völlig getrennt.
Ich werde dann bissig und antworte hart,
Weil ich den inneren Kampf nicht mehr pack.
Ich fahre die an, die mir eigentlich nah sind,
Nur damit sie nicht merken, wie sehr ich in Angst bin.
Ich wirke dann laut, gestresst und so kalt,
Während die Trauer in mir niemals verhallt.
Die Stadt ist zu laut, die Stimmen zu nah,
Sie schreien Dinge, die ich niemals sah.
Die Leute reden, die Luft wird so schwer,
Ich verliere den Halt und ich kann nicht mehr.
Ich setz die Kopfhörer auf und dreh sie ganz laut,
Ein Wall gegen Lügen, die man mir hier baut.
Die Musik ist ein Schutz, ein dunkler Rückzug,
Vom Lärm dieser Welt hab ich längst schon genug.
Ich renne durch Regen und renne durch die Nacht,
Bis der Atem mir fehlt und die Kehle mir flacht.
Die Luft ist so eisig, so schwer zu finden,
Ich spüre, wie Leben und Sinne verschwinden.
Die Augen sind rot und von Tränen ganz nass,
Doch keine fließt ab, ich verliere das Maß.
Mein Hals zieht sich zu, ich bekomm keine Luft,
Ich suche nach Rettung aus dieser Gruft.
Ich trage ein Lächeln und rede viel mehr,
Damit keiner sieht: Mein Inneres ist leer.
Ich wirke nach außen so laut und belebt,
Um nicht zu zeigen, dass in mir drinnen nichts mehr lebt.
Und du hättest niemals irgendwas gesehen,
Ich ließ die Wahrheit einfach dazwischen stehen.
Ich bin verdammt gut darin, alles zu tarnen,
Und kämpf in der Nacht mit meinen inneren Qualen.
Ich versuche so sehr, das Innere zu flicken,
Doch weiß nicht, wohin meine Schritte mich schicken.
Egal was ich tue, es bleibt alles gleich,
Ich verlier dieses Spiel im Schattenreich.
Egal wie ich renne, egal wie ich bin,
Ob echt oder Fake, es ergibt keinen Sinn.
Ich gebe mein Alles, doch der Weg ist zu weit,
Und ich werde niemals gut genug sein.
Die besten Jahre
Die Zwanziger sind die besten Jahre. Die Studierendenzeit ist die beste Zeit. Keine Verpflichtungen, viel Freiheit. Das Geld ist zwar knapp, aber arm sein lässt sich auch romantisieren. Secondhand Mäntel und Wein aus dem Supermarkt im Park trinken, die Kippen selber drehen und über die Freiheit und Möglichkeiten philosophieren. Oder man geht neben dem Studium arbeiten. Dann hat man zwar weniger Vorteile was Verpflichtung und Freiheit angeht, aber immerhin etwas mehr Geld. Aber halt auch nicht viel, weil als Werkstudentin bekommt man gerade mal Mindestlohn, auch wenn man die Arbeit genau so gut macht wie die anderen Angestellten auch. Ist ja auch fair, immerhin haben die ein Haus und Familie und sind fest im Leben, die Armen. Die mussten sich richtige Möbel kaufen, keine Ikea-Möbel und kostenloses, zusammengewürfeltes Geschirr als Übergangslösung.
Als Studentin kann man noch rumflirten und politisch aktiv sein, jedes Jahr umziehen und alle Optionen sind offen. Wir Glückskinder. Freundschaften werden nie langweilig, weil immer neue kommen und gehen. Die Panik, die ich die ganze Zeit dabei in mir rumtrage, ist wohl der Preis für diese tollen Jahre. Die dauernde Zerrissenheit zwischen Stadt und Land, zwischen Kiosk, Kneipen, Partys und Familie. Sport kommt nicht zur kurz. Dabei rede ich nicht von den Kursen und Studios, die man sich in den jungen Jahren eh nicht leisten kann, sondern von den Sprints zwischen dem einen Seminar zum Nebenjob und danach zum Zug. Auch das Rumhüpfen von einer Option zur nächsten darf nicht unterschätzt werden, das bedarf einer guten Ausdauer. Und dazu kommt noch das Jonglieren von Ansprüchen. Und damit meine ich nicht nur meine eigenen Ansprüche, denen ich gerecht werden möchte, sondern auch denen meiner Familie. Es ist keine Kontrolle und auch kein Zwang, sonst wären die zwanziger ja auch nicht durch Freiheit geprägt. Meistens nehme ich mir die Freiheit heraus, diese Ansprüche zu ignorieren, muss man ja auch auskosten.
Die Schwere, die mit jeder Entscheidung einhergeht, rundet das Sportprofil ab. Zwischendurch frage ich mich, wie sich Freiheit anfühlen sollte, denn eigentlich fühlt sich diese Zeit eher wie eine Zumutung an, aber das darf ich mir nicht anmerken lassen, unsere Generation ist eh undankbar und faul, da kann ich mich ja nicht über die angeblich beste Zeit meines Lebens beschweren. Wenn man sich an die Melancholie gewöhnt hat, ist sie auch ein ziemlich guter Begleiter. Was schön ist angesichts der sonst fehlenden konstanten Begleiter in den Jahren. Endlich mal etwas, auf das man sich verlassen kann.
Man lernt nie aus, vor allem in den Zwanzigern lernt man viel dazu. Damit meine ich nicht unbedingt in der Uni, das vergisst man ja eh nach der Klausur. Ich meine zum Beispiel über Zeit. Man lernt, wie sie sich dehnen und verengen kann, wie Dinge, die bedeutend wirken, eigentlich kaum Bedeutung einnehmen und Nebensächliches dich viele schlaflose Nächte kostet. Und auch wenn es Dinge gibt, die viel Zeit einnehmen, vergeht trotzdem alles mit einer Geschwindigkeit, die man nur bemerkt, wenn man zwischendurch innehält und denkt „Boah, die Zeit vergeht mal wieder so schnell!“
Auch Vergleichen lernt man gut in dieser Zeit. Ob man will oder nicht, man bekommt unweigerlich mit, was die Personen um einen herum machen und erreichen. Während die einen mit 21 schon den Bachelor fertig haben, studieren andere 12 Semester, während die einen mit 24 heiraten und Kinder kriegen, sind die anderen mit 35 noch am tindern, während die einen das erste Haus mit 27 kaufen, investieren die anderen ihr Geld lieber in die 5 Reisen, die sie jedes Jahr machen. Eine mögliche Orientierungslosigkeit kann eigentlich gar nicht aufkommen, so viele verschiedene Optionen werden einem vorgelebt. Optionaler Neid kann ja auch gut sein, vielleicht putscht er einen in die richtige Richtung.
Außerdem lerne ich auch viel philosophisches, zum Beispiel wie zwei Gegensätze scheinbar zeitgleich existieren können. Man fühlt sich erwachsen und kindlich im selben Moment. Man ist auf sich allein gestellt und unterschreibt den ersten Mietvertrag, ruft aber trotzdem noch die Eltern an, wenn alles zu viel wird. Während man über gesellschaftliche Probleme spricht, hat man gleichzeitig Schwierigkeiten, den eigenen Alltag zu strukturieren. Man hat zwar ein eigenes Zimmer, oder eine eigene Wohnung, doch ein Zuhause ist es nicht, eher eine Zwischenlösung, während man Heimweh nach dem Kinderzimmer hat.
Und was passiert, wenn man 30 wird und die besten Jahre vorbei sind? Kommt dann der geachtete Herbst? Auch wenn es sich, objektiv betrachtet, nur um eine Zahl handelt, wird die 30 gesellschaftlich als unsichtbare Schwelle behandelt, als die Deadline der besten Jahre und Startschuss der Zeit danach. Ich habe noch 2 gute Jahre, mal gucken was dann passiert. Ob man dann automatisch eine andere Person wird, oder ob sich eigentlich nichts ändert, außer dass man dann etwas bessere Möbel, passendes Geschirr und Antworten auf Fragen hat, die ich in meinen Zwanzigern aushalten musste.
Geschenke
Es heißt, die Abwesenheit eines vorgegebenen Sinns kann Ängste auslösen. Das kann wohl so sein oder auch nicht.
Was hab ich mich mit meinem Schwiegervater stundenlang darüber streiten können, ob es wichtig sei, an Etwas zu glauben. Immer wieder hat er versucht mich zu überzeugen, dass es bewiesen sei, gläubige Menschen lebten gesünder oder glücklicher und damit offensichtlich auch länger. Ich kann nicht alle Gespräche wiedergegeben, es ist auch nicht nötig, aber im Grunde ging es stets darum, dass er meinte, ich tue mir keinen Gefallen, wenn ich nicht glauben würde. Wir sprachen oft über dieses Thema, mal lag ein Jahr oder mehrere dazwischen und manchmal nur wenige Tage oder Wochen. Das Schöne war, es ergab sich immer zufällig und es waren niemals echte Streitgespräche, jeder versuchte einfach den anderen von seiner Sichtweise zu überzeugen; dabei ging es ausnahmslos fair zu und meistens sehr humorvoll. Das liebte ich am meisten an meinem Schwiegervater, ich wusste, er respektierte meine Meinung, auch wenn sie von seiner manchmal meilenweit entfernt lag und er genoss unsere Unterhaltungen jedesmal so wie ich. Es hätten mehr solch wunderschöne Gespräche stattgefunden, hätten wir öfter die Möglichkeit dazu gehabt. Diese Momente waren jedesmal besonders und es kann hier wirklich von einer echten Begegnung zweier Menschen gesprochen werden.
Der respektvolle Umgang miteinander und diese offene Atmosphäre waren viel wichtiger als der Inhalt des Gesprächs, dennoch möchte ich noch ein paar Gedanken dazu teilen:
Mein Schwiegervater war sehr gläubig und nahm auch die daraus resultierenden Pflichten sehr ernst. Ich meinte, dass es doch viel naheliegender sei, sich zu allererst einmal selbst Gedanken über den Sinn des Lebens zu machen; denn nur, weil man in einen bestimmten Kulturkreis hineingeboren wurde, muss man ja nicht zwangsläufig automatisch auch dessen Religion übernehmen. Das hat er nicht verstanden und meinte, man könne sich nicht einfach selbst aussuchen, welche Überzeugungen oder Religion man annehme. Natürlich war er aus einer ganz anderen Generation. Meine Argumentation war immer folgende: Es ist doch bei so einem spirituellen Thema, wo sowieso keiner genau sagen kann, was richtig und falsch ist, sinnvoll, zuerst in sich selbst hineinzuhören, um dann entsprechende Schlussfolgerungen zu treffen. Das konnte er, wie gesagt, nicht nachvollziehen, aber das machte nichts aus. Denn letztlich sind wir nach all unseren vielen Gesprächen zu dem Ergebnis gekommen, dass wir beide, natürlich stark verkürzt gesagt, überwiegend versuchen nach den Zehn Geboten des christlichen Glaubens zu leben; diese ergeben ja auch bis auf wenige Ausnahmen, je nachdem an was oder wen man glaubt oder auch nicht, wirklich Sinn. Damit war mein geliebter Schwiegervater am Ende zufrieden, anscheinend konnte ich ihn doch überzeugen, dass ich an “Etwas” glaubte und somit auch gesünder lebte. Und wir kamen ebenfalls zur Übereinkunft, dass der Glaube sehr vielschichtig und überaus individuell sei und unabhängig von vorherrschenden Institutionen bestehen könne. Ich denke jetzt im Nachhinein, dass er wirklich ernsthaft Bedenken hatte, ich würde seelischen Schaden nehmen, würde ich an “Nichts” glauben. Äußerst berührend für mich, dass er sich so aufrichtig um mich gesorgt hatte. Wir hatten aus verschiedenen Gründen auch schwierigere Zeiten, aber ich wusste immer, dass ich für ihn ein sehr wertvoller Mensch bin, unabhängig von Äußerlichkeiten oder sozialer Stellung. Dafür kann ich ihm gar nicht genug danken und darauf sollte ich mich von Zeit zu Zeit mehr besinnen.
Ich bin leider anderes gewohnt aus meiner Herkunftsfamilie. Dort hatten meine Eltern bereits von ihren Eltern gewisse Glaubenssätze übernommen oder vermittelt bekommen und diese dann unreflektiert an mich weitergegeben. Als Kind kann man nicht anders, es ist vollkommen normal, dass man gewisse Überzeugungen und Wertvorstellungen der Eltern zunächst einmal einfach so ungefragt annimmt und auch oft übernimmt. Problematisch wird es, wenn diese dem Selbstwertgefühl dauerhaft schaden und man sie dennoch nicht einer kritischen Prüfung unterzieht. Natürlich muss man, musste ich hier zunächst die ganzen Zusammenhänge verstehen: das Verhalten meiner Eltern, dessen Auswirkungen auf meine Persönlichkeit; die Verstrickungen meiner Eltern mit wiederum ihren eigenen Eltern und ihr Umgang damit. Das kostete mich viele Jahre, es ist sehr komplex, ich fühlte mich oft überfordert und sah kein Ende, aber wenn einmal der Anfang gemacht ist und man Stück für Stück den Weg weitergeht, wird es gelingen!
Mein Befreiungsschlag war die gleichzeitig auch sehr traurige Erkenntnis: Meine Eltern möchten gewisse Dinge – egal ob aus der Vergangenheit oder Gegenwärtiges – nicht reflektieren, nicht aufarbeiten, sondern eher verdrängen oder nichts davon hören – das musste ich über längere Zeit lernen zu akzeptieren. Ich habe einiges verziehen, hatte für vieles Verständnis, habe versucht die Ursachen für ihr selbstbezogenes Verhalten zu finden, aber eine echte Aufarbeitung ist nur möglich, wenn man sich und sein Verhalten ehrlich hinterfragt. Der hart erarbeitete Kontaktabbruch war schwer, aber in meinem Fall unvermeidbar, ansonsten hätte ich mich selbst verloren. Ich bin froh, dass ich meinen Eltern gegenüber keinen Hass verspüre, ich wünsche ihnen auch nichts Schlechtes, möchte einfach meinen Frieden. Diesen Weg konnte ich gehen, weil ich seelisch ganz am Abgrund war und mich schließlich das erste Mal in meinem Leben nur auf mich und meine Gefühle verlassen habe. Es muss nicht immer dieser Weg sein, ich bin nur ein Beispiel von vielen! Ich weiß nicht wie “Leben” geht, aber vielleicht kann es eine kleine Hilfestellung sein.
Noch ein letztes kleines Beispiel möchte ich Euch geben, weil es zeigt, wie unerwartet ein nahezu unbekannter Mensch einen berühren und den Glauben an einen selbst wiedergeben kann:
Ich weiß nicht mehr genau wann es war, es ist ein paar Jahre her und es war Frühling wie jetzt. Nach meinem Einkauf im Supermarkt, er lag auf meinem Arbeitsweg, aber ich kaufte dort nur ganz selten ein, als ich gerade zu meinem Auto gehen wollte, begegnete mir Jo, ein ehemaliger Arbeitskollege meiner Eltern. Ich kannte ich schon seit Kindertagen, aber nur sehr flüchtig. Eine sehr schöne, zufällige Begegnung als Erwachsene hatte ich schon mit ihm, als er meinen Eltern etwas vorbeibringen wollte, diese nicht da waren und ich die Tür öffnete. Damals entwickelte sich ganz überraschend eine sehr tiefgründige Unterhaltung zwischen uns. Bereits damals wünschte ich mir, sollte ich nochmals auf diese Welt kommen, einen Vater wie Jo. Ich glaube, das sagt alles über seine Person aus. Das letzte Gespräch vor dem Supermarkt war nicht sonderlich lange und ich weiß nicht mal mehr den genauen Inhalt, aber ich weiß ganz sicher: Es war eines der liebevollsten Gespräche, die ich hatte. Ich war es zu diesem Zeitpunkt noch nicht gewohnt, dass sich jemand so uneigennützig und urteilsfrei auf mich einlässt. Bei solchen Menschenfreunden ist das Thema völlig egal, sie interessieren sich für alles, was den anderen gerade bewegt und geben einem das andauernde Gefühl von vollkommener Akzeptanz im Sinne von: So wie du bist, bist du genau richtig! Der Vollständigkeit halber möchte ich noch erwähnen, dass dieser liebevolle Mensch wenig später an einer chronischen Erkrankung starb, die er tapfer ertrug bis zum Schluss. Vielen Dank lieber Jo für diese beiden zufälligen Begegnungen, sie haben bei mir mehr Spuren hinterlassen, als du es sehr wahrscheinlich vernommen hast.
SiNnLOSigKeiT iSt ANsTecKEnd – Der Roman über dich ist zu
Rasmus hatte diese Geschichte noch nie gemocht.
„Seine“ Geschichte, wie Noam einst betont hatte, „sein Leben“, das in diesem Buch stand, das er ja nicht einmal selbst geschrieben hatte. Wie also konnte es „sein“ Leben sein, wenn ein anderer Mensch über sein Aussehen entschieden hatte, über seinen Namen und seine Rolle?
Nun, hätte er tatsächlich Eltern gehabt (so wie die Menschen in der Außenwelt), hätten diese ihm wahrscheinlich auch einen Namen gegeben, ohne ihn vorher zu fragen. Doch es gab natürlich einige Unterschiede zwischen einer liebenden Mutter und einer Autorin, die ihn der Zweckmäßigkeit wegen erschaffen hatte, die eine Welt erschaffen hatte, in die er mit all den anderen Romanfiguren gesetzt worden war.
Auch diese Welt hatte er nie besonders gemocht, diese Umgebung, in der er leben musste, die Kulissen und Gegebenheiten, unabänderlich festgehalten von Tinte auf Papier.
Anfangs hatten Rasmus und Noam oft versucht, Buchstaben zu korrigieren oder zu tauschen, um ihrem Leser (oder sich selbst) eine ganz neue Erfahrung zu bieten. Doch wieder und wieder waren sie gescheitert: Sobald ihr Buch aufgeblättert wurde, zog eine Art Magnetismus jedes Symbol und jeden Charakter zurück an die von der Autorin vorgesehenen Plätze. Es gab immer nur das zu lesen, was SIE formuliert hatte: Eine politische Geschichte über eine teils kaputte Welt mit (noch?) offenem Ende. Wie Marionetten in einem absurden Film agierten Noam und Rasmus so, wie es der Leser erwartete, nie so, wie sie es in ihrem Eigenleben getan hätten. Obwohl „nie“ vielleicht ein bisschen übertrieben war, fand Phoebe, schließlich gäbe es durchaus Schnittstellen, doch Rasmus gab nicht viel auf ihre Meinung; Sie konzentrierte sich stets bloß darauf, dass es IHR gut ging und kümmerte sich wenig um die Sorgen anderer, die weniger Glück gehabt hatten beim Schreiben ihrer aller Geschichte.
Beim Geschrieben Werden.
Tatsächlich war es von all den Dingen, über die man sich hätte Gedanken machen können (Gerechtigkeit, Determinismus und der eigenen Rolle in dieser Welt, in diesem imaginären Raum zwischen den Buchdeckeln) ihr Name, an dem Phoebe am meisten auszusetzen hatte. Die Buchstabenfolge wäre zwar sehr ästhetisch, wie sie sich zwischen weiteren Worten auf den Seiten einreihte, aber sie hasste es, von den anderen damit angesprochen zu werden, weil der Klang der Optik nicht gerecht würde. „Fibi“, wiederholte sie dann. „Wie viel Pech kann man haben!“ – „Das nennst du Pech?“, wollte Rasmus immer wieder wissen. „Was ist mit den Leuten am anderen Ende des Buches?“ – „Sich um sowas zu kümmern wurde Figuren wie dir zugesprochen“, entgegnete Phoebe schlicht, legte Noam zum Abschied die Hand auf den Arm und kletterte über den Seitenrand in eine andere Kulisse einer Szene, die (umgeben von den zugehörigen Zeilen) unbeobachtet dalag.
Es war ein kleiner Park, in dem Rasmus demonstrieren würde, sobald der Leser zurück war. Die Autorin ließ ihn für Rechte einstehen – SEINE Rechte, die natürlich noch mehr Menschen zugute kamen, aber eben nur einem Teil der Figuren in diesem Buch. Kapitelweise durchlebte der Rest vorgefertigte Szenen, deren Verlauf sich nicht vorbeugen zu lassen schien. Natürlich hatten auch sie ein wenig Ruhe, sobald die Geschichte zugeklappt wurde, aber reichte das wirklich aus?
„Diese Botschaft will ich so nicht vermitteln“, hatte Rasmus sich jedes Mal beklagt, wenn der Leser die Buchstaben und Romanfiguren nach irgendeinem besonders deprimierenden Absatz wieder sich selbst überlassen hatte. „Die Welt zwischen den Buchdeckeln sollte uns gehören, ich möchte mich endlich selbst vertreten können…“ – „Aber wie?“, wandte Noam irgendwann jedes Mal ein. Er schien den Frust über die von ihnen manipulierten und sich doch ständig selbst wiederherstellenden Sätze und Zeilen schneller überwunden zu haben als Rasmus, in dem weiterhin Hoffnung glühte.
„So ist unser Leben eben, so steht es geschrieben“, hatte Noam schließlich gesagt und die Korrekturversuche aufgegeben.
„Aber nicht nur unseres! Und wir leben doch auch das, was hier NIRGENDS steht!“, wollte Rasmus einwenden. Noam erwiderte: „Genau. Es reicht doch, sich auf die Zeit zu konzentrieren, in der unser Buch zu ist. Wir müssen es nicht umschreiben, um darin tun zu können, was wir wollen.“ – „Aber um nicht tun zu müssen was wir NICHT wollen sehr wohl“, entgegnete Rasmus. „Und du vergisst, dass es nicht nur um uns geht, Hauptrolle hin oder her. Hier.“ Er tippte mit dem Finger auf eine Zeile, die sich zwischen den Pflastersteinen unter ihren Füßen eine papierene Fuge entlangzog. „Genau das. Das ist doch eine Haltung, auch wenn niemand hinsieht und wir jetzt gerade nicht danach handeln müssen.“ Noam schwieg und kickte einen von der Autorin einst beschriebenen Kieselstein über den Weg. Er kannte die Passage genau, das wusste Rasmus.
„Wenn man das ernst nimmt“, fuhr er deshalb fort, „dann kann man nicht einfach so weitermachen. Dann müsste man…“ – „Müsste“, wiederholte Noam und zuckte die Achseln. „Sollte. DÜRFTE es allerdings nicht. Oder doch, könnte aber nicht. Und dann?“
Rasmus schlussfolgerte, dass er sich auf ihre gemeinsame Arbeit an den Buchseiten bezog, die sich ständig von selbst zu zensieren schienen.
„Wir könnten wenigstens benennen, dass es falsch ist“, entgegnete er in einem neuerlichen Versuch des Aufbegehrens. Noam nickte: „In Ordnung. Es ist falsch.“ – „Siehst du“, sagte Rasmus schnell, fast erleichtert. Noam hob wieder die Schultern, diesmal kaum merklich. „Und?“ – „Was und?“ – „Was passiert jetzt?“, fragte Noam. Er klang nicht herausfordernd, eher müde als neugierig. „Ändert sich der Absatz? Oder nur der Ton, in dem WIR ihn lesen? Benennen bringt unserem Leser nichts. Es ist anders, als zu handeln. Und selbstständig Handeln war all die Male sinnlos.“
Rasmus antwortete nicht sofort. Irgendwo raschelte das Buch, als würde es sich bewegen, ohne aufzuschlagen. Huschten da vielleicht doch Worte hin und her, um den Lauf der Dinge zu beeinflussen? Das Sein der Dinge?
Wunschdenken.
Schließlich ging es ohne Zutun der Autorin nie wirklich voran.
„Versuchen wir es eben auf anderem Weg, wir haben sicher noch nicht alles probiert. Man kann doch nicht so tun, als ginge einen das nichts an“, sagte Rasmus schließlich. Noam dachte kurz nach, als müsse er beurteilen, ob das stimmte. Dann schien er sich dagegen zu entscheiden, weiterzudenken. „Ich tue nicht so“, sagte er. „Ich stelle nur fest, dass wir Wir sind, auch wenn wir manchmal nicht handeln wie wir. Wir tun es für die Außenwelt, für den Schein, für andere – durch andere – und natürlich ist all das so irgendwie Teil unseres Lebens geworden und wird es auch bleiben.“ – „Aber was ist mit dem anderen Teil?“, wollte Rasmus protestieren. „Dem, den wir uns aussuchen können? Dem Fortschritt, der möglich ist, wenn das Buch zu ist?“ Noam schüttelte den Kopf: „So, wie unsere echten Persönlichkeiten in dieser Geschichte nicht vorkommen, existiert dieser Fortschritt für den Leser nicht. Jede Verbesserung ist fort, sobald wieder von uns gelesen wird.“ – „Nein!“, rief Rasmus verzweifelt. „Sie ist dennoch in uns…“ – „Ständig unterbrochen von den Gedanken, die die Autorin für unsere Köpfe bereitgehalten hat…“ – „Was dann doch nicht UNSERE Gedanken sind, oder?“ – „Nun, du hast sie gedacht, ob freiwillig oder nicht, und hast sie in diesen Momenten nicht von deinen eigenen unterscheiden können.“
Er hatte nicht Unrecht, doch jetzt gerade konnte Rasmus sein Eigenleben sehr wohl klar von dem trennen, was er der Welt außerhalb seines Buches zu präsentieren hatte.
„Wann bist du so geworden?“
Es war ihm unbegreiflich, wie Noam nach und nach hatte akzeptieren können, dass sie dieser Roman immer wieder an dieselben Stellen stellte, ihnen fremdbestimmte Reaktionen abverlangte und so tat, als sei das bereits ein Charakterzug. Schließlich war doch auch Noams Rolle ungünstig: Nicht tragisch, aber offenbar nicht schlecht genug, um noch mehr dagegen unternehmen zu wollen – sie war eben nicht schlecht für NOAMS Sein.
Es war die Welt, die um sie herum geschaffen worden war, die tragisch war.
Nicht für alle.
Aber für manche.
Hatte Noam nicht auch einst den Betroffenen ein besseres Leben gewünscht? Jetzt ging er nur noch spazieren. Seit wann genau ruhte er sich eigentlich darauf aus, dass ja intensiver beteiligte Romanfiguren nur betroffen waren, solange davon gelesen wurde? War das nicht schlimm genug? Hinterließ das keine Spuren in den Pausen von diesem unabänderlichen Sein? Spuren in dem Leben, das sie zwischen den Zeilen führen durften, das sie aber nirgendwohin führte? Sie mussten ja trotz allem immer wieder dort landen, wo Rasmus nie sein wollen würde.
Diese Geschichte war ihr eigentlicher, erster Zweck gewesen. Und vielleicht auch der einzige? Der letzte Zweck? Bis in alle Ewigkeit mussten sie damit rechnen, das wieder irgendjemand zu ihrem Buch griff.
Vermutlich war ihrer Schöpferin gar nicht klar, dass da mehr war als das, was sie geschrieben hatte. Mehr Leben. Ein Weiterleben nach dem Schließen des Romans. Mehr Sinn. Oder zumindest Bedürfnis nach Sinn, nach anderem Sinn, denn jedes Öffnen bedeutete SinnZUSCHREIBUNG durch Leserinnen und Leser, die jeden anderen Sinn übertünchte. Zwar nur für einige Momente, aber so allumfassend, dass jede selbstgewählte Idee vom Leben weniger relevant erschien. Denn irgendwie war es ja tatsächlich sinnlos, zusätzliche, eigene Gedanken zu haben, sie aber nie ausreichend teilen zu können. Oder?
Phoebe hatte ihre Gedanken immer geteilt. Ihre oberflächlichen, kleinen Sorgen, ihre Empfindungen für Noam oder für ihren Namen, die auch unabhängig vom Laufe der Geschichte funktionierten, die am roten Faden nichts ändern würden, sondern nur für SIE, und für Noam, wenn sie in ihrer Freizeit eng umschlungen zwischen all den Ps, kleinen und großen Hs, os, Es und bs standen, die er herbeischleppte, weil er ihren Namen nicht aussprechen durfte – als harmlose Geste seiner Zuneigung, weil er ja wusste, dass sie sich trotz seiner Bemühungen früher oder später selbst wieder in ihre Sätze zurückräumen würden…
Vielleicht lag es an ihr, dass Noam so abgelenkt war von diesem Weltschmerz (oder Buchschmerz), der in Rasmus brodelte – gebrodelt hatte, solang die Freunde sich noch gegenseitig hatten befeuern können. Aus Phoebes Sicht gab es keine andere Lösung, als alles so zu belassen, wie es war, oder es zumindest anderen zu überlassen, vielleicht dagegen vorzugehen (denn einzuwenden hatte sie diesbezüglich auch nichts). Es war ihr einfach zu anstrengend, mehr zu tun als anzuerkennen, dass sie ein Zahnrad in einer Geschichte war, die hier und da anders würde verlaufen können, wenn man es nur schaffte, die Schrauben an den Zahnrädern ausreichend zu lockern, all die Worte und Absätze neu zu ordnen, MEHR zu liefern als das, was ohnehin da war… Doch sie hatten es nicht geschafft, und niemand (außer Rasmus) hatte mehr Interesse daran, es zu versuchen. Noam und Phoebe lebten vor sich hin, ohne auf irgendeine Erlösung zu hoffen, denn sie selbst brauchten diese nicht wirklich. Vor jeder Mahlzeit deckten sie den Tisch, mal aus freien Stücken, mal weil gerade davon gelesen wurde und mal aus Gewohnheit. Sie gingen in den Park, wenn sie mussten, wenn sie wollten, oder einfach, weil sie es jeden Tag taten. „Es ist befreiend, nicht ständig über mehr nachdenken zu müssen als das“, versicherte Noam Rasmus immer wieder.
Aber es war zu kurz gedacht.
„Und außerdem MUSS ich es ja nicht denken. Ich will“, vervollständigte Rasmus seinen Gedankengang laut, doch als Noam nur die Schultern hob, war er sich da so langsam auch nicht mehr ganz sicher. Natürlich „musste“ er über Änderung „nachdenken“, wenn das Buch aufgeschlagen war, wenn Augen auf Schritt und Tritt verfolgten, wie die Autorin sie für dies und das einstehen ließ – ohne Happy End; Irgendjemand hatte auf den letzten Seiten bereits nachgesehen.
Und was hatte er bisher davon gehabt, auch in seinem Eigenleben noch über eine Geschichte nachzudenken, die bereits geschrieben worden war? Energie, Stunden und Tage hatte er darauf verwendet, Sätze für andere Leute umzuformulieren, Zeilen, die sich sträubten, etwas anderes zu bedeuten als ihren einstigen Inhalt, denn sie waren eben so, wie sie waren, und darüber zu entscheiden oblag der Autorin. Sie hatte sein Leben gemacht – gleich zweimal. Sie schuf ihn für das Leben, das dieser Leser verfolgte, und so entstand auch das Leben, das er nicht verfolgte, an dem er kein Interesse hatte, an dem nicht einmal mehr Noam teilhaben wollte, wenn Leichtigkeit darin keinen Platz hatte. Es war eben einfach so, dass es nicht allen Charakteren in diesem Buch gleich gut ging; Wenn das Buch offen war zumindest.
Aber jetzt gerade konnten sie sich doch einfach gegen diese Zuschreibung entscheiden, oder? Diesen anderen Handlungsstrang ausblenden? Dieser Teil ihres Lebens war da und würde es bleiben, daran hatte es bisher nichts zu rütteln gegeben, und eigentlich hatte um dieses Rütteln auch nie jemand gebeten, in dessen Leben dies vielleicht eine gravierendere Rolle spielte als in dem von Rasmus, oder Noam, oder Phoebe, oder Mira, oder Wanja, einer Randfigur, die sich neben Rasmus auf die Bank gesetzt hatte und ihm eine Zigarette anbot.
In seinem Eigenleben konnte man Wanja selbstverständlich nicht als „Randfigur“ einkategorisieren. Niemanden. Wanjas Gedanken und Gefühle waren für ihn genau so wichtig wie die der Charaktere, die im Text dargelegt worden waren. Und doch hatte er sich noch nie beklagt, dass er manchmal zurückstecken musste – zwar auch wieder nicht so sehr, wie wieder andere Personen, aber dennoch.
„Es ist hier eben so“, war auch von ihm immer wieder zu hören gewesen, allerdings nicht auf diese frustrierende Weise, die Noams Sinneswandel mit sich gebracht hatte, oder auf Phoebes leichtfertige, belanglose Art. Wanja und Mira gingen beeindruckend locker mit dem um, was war, mit dem, was ihnen widerfuhr, ohne es abzuwerten oder zu ignorieren. Sie konnten darüber sprechen, dass andere Figuren vorteilhafter weggekommen waren als sie, ohne sich darin zu verlieren. Einst hatte Rasmus sie für gebrochene Menschen gehalten, doch als er begann, den Rauch zu inhalieren und Wanja schweigend musterte, kam ihm der Gedanke, dass dieser junge Mann vielleicht einfach stärker war als er selbst oder als Noam und Phoebe, die inzwischen lieber jede tiefergehende Unterhaltung mieden.
Und da Rasmus ohnehin nicht danach war, einen weiteren Tag vergeblich fragwürdige Sätze von den Seiten zu schaben, hielt er es in diesem Moment für einen guten Kompromiss, Wanjas Weg einzuschlagen – zumindest für heute.
eG a L
Viele Seiten über ihnen näherte sich eine Hand ihrem Buch, hielt dann aber inne und griff nach einem anderen Roman, der daneben auf dem Tisch lag. Ohne, dass es ihm bewusst gewesen wäre, empfing nämlich auch der Leser die Schwingungen, die sich in seinem Buch breitmachten. Seit auch die letzte Romanfigur sich von der Akzeptanz ihrer Situation hatte dahinraffen lassen, strahlte jeder Buchstabe und jeder Charakter eine Sinnlosigkeit aus, die wie in Wellen über die Geschichte schwappte, die Intention der Autorin ertränkte, die Handlung zwar nicht änderte, aber durchaus das Gefühl, das sie hätte auslösen sollen. Was nutzte schon ein weiterer Text, der ein Tatsachenbericht aus dem Leben hätte sein können? Sich damit bilden zu wollen änderte ja nun doch nichts an den Dingen, die die Geschichte beschrieb – und dem Leser war einfach nicht mehr danach.
Flüssige Logik: Eine negative Philosophie der Freundschaft im digitalen Zeitalter
Wahnsinn
Man zuckt die Achseln, schaut nicht hin,
im Wegsehen liegt der falsche Sinn.
Man spricht von Schutz und Pflicht,
doch meint man Menschlichkeit wohl nicht.
Wir stehen hier, im fernen Glanz,
und schauen zu beim Totentanz.
Kein Schrei dringt durch die dicke Wand,
im einst versprochenen freien Land.
Wo ICE die Gittern schließt, auf Unschuldige schießt,
und stummes Leid in Akten fließt.
Was ist ein Mensch, wenn man ihn trennt,
und ihn nur noch beim Kürzel nennt?
Dass Mütter dort schreien, im Staub und Dreck,
wischt man mit immer feigeren Ausreden weg.
Ein Formular, drei Kopien, ein schneller Vermerk,
die Trennung von Kindern ist bürokratisches Werk.
So langsam kommt heraus beim Blättern im Blatt,
wer keine ID hat, findet hier nicht statt.
Ein Kreuz an der Stelle, ein Klick in der Datei,
und schon ist das Gewissen von Regungen frei.
Ein Stempel auf Fleisch, eine Nummer im System,
so bleibt das Unmenschliche angenehm bequem.
Dort drüben am Grenzzaun, im ICE-Lagerlicht,
zerschmettert ein Stiefel ein Kindergesicht.
Sie zucken die Achseln, der Scotch schmeckt noch gut,
die Welt badet nun mal in Tränen und Blut.
Die Akte ICE, scheint sauber geführt,
damit man beim Abtransport gar nichts mehr spürt.
Ihre Logik ist einfach, die Logik ist kühl:
Voranschreiten durch die Massen ohne Herz und Gefühl.
Warum sich empören? Warum dieser Groll?
Das Gesetz ist ein Käfig, die Quote ist voll.
Man nennt es Ordnung, nennt es Recht,
doch schmeckt der Beigeschmack nur schlecht.
Was ist das für ein blinder, grausam-sturer Plan,
aus Wille, Schmerz und Wahn.
Man unterstützt das Elend, man locht den Schmerz ein,
um achselzuckend ein Rädchen im Getriebe zu sein.
Was wird der kommenden Generation denn beigebracht,
wenn man vor alledem die Augen zumacht?
Mensch, wer bist Du?
So ist es eben.
Bei mir nicht, da ist es anders.
Da ist erst Zweifel, da sind Fragen und dann die Leere.
Leere fühlt sich echt an.
Ich kann sie füllen mit etwas von mir selbst.
Bin ich das selbst?
Wer bin ich?
Ginas Lächeln
Donnerstag, 1. Mai 2025
Gina ist bei ihren Verwandten in Rom. Gehe früh ins Bett (20:31).
20:55 Ihr geht es gut, schreibt sie. Und dass ich ihr sehr fehle.
Ti adoro und ich drücke dich ganz fest. 💕 💕 💕 💕
Ti adoro. Ich bete dich an, ich himmle dich an. Das hat mir vor Gina noch keine Frau gesagt. Wie kommt es, dass meine erste italienische Partnerin mich zum anhimmeln findet und alle anderen, die ich vorher hatte, nicht? Anscheinend sieht sie in mir Qualitäten, die die anderen nicht bemerkt haben. Oder sie haben sie bemerkt, haben es aber lieber für sich behalten, sonst schnappt dieser Heini über. Könnte auch sein, dass ich inzwischen ein besserer Mensch geworden bin. Oder ti adoro ist nur eine oberflächliche Floskel, in Italien, wie amore mio und bella bionda. Oder Gina sagt solche Sachen, weil sie verliebt ist; Liebe macht ja bekanntlich blind.
Noch schlimmer: Möglicherweise sagt sie mir solche Sachen, um sich einzuschleimen?
Freitag, 2. Mai 2025
07:20 Seit 3:40 Uhr wach. Ich stehe auf, mache die Musik an (Keith Jarrett). Hol mir den Kaffee ins Bett. Mache di Musik wieder aus und lege mich wieder ins Bett. Zeit sich mal zu besinnen.
Grounding. Erden. Das mache ich, in solchen Momenten. Ohne besondere Techniken. Ohne Drogen, Pilze, Pillen, Zeremonien. Nur indem ich die Natur bewundere oder im Bett, wie jetzt, mit geschlossenen Augen. Ich ziehe mich in mich selbst zurück, verbinde mich mit meinen Wurzeln. Manche nennen es auch Reconnecting.
Wenn ich mich beruhigt und von allen äußeren Einflüssen abgekapselt habe, kommen mir Worte über die Lippen, zum Beispiel: «Leben, Fülle, Überfülle, Wahrheit, Güte, Schönheit, Kraft.»
Wenn ich mich gerade inmitten einer schönen Landschaft befinde, kommen mir auch Sätze wie «Mir gefällt dein Stil» oder «Ich bin wie du.»
Seit etlichen Jahren wende ich mich nicht mehr an einen Gott, von dem ein Buch oder eine Religion erzählt. Ein Buch, das allen Ernstes beansprucht, die Quelle der Wahrheit zu sein? Von Menschen geschrieben? Inspiriert vom Heiligen Geist? Wie soll das denn gehen, wenn da drinsteht, homosexuelle Menschen seien ein Greul für Gott? Oder dass der einzige Mensch, der ohne den Makel der Sünde auf die Welt gekommen ist, das allein dem Umstand zu verdanken hat, dass seine Mama keinen Geschlechtsverkehr hatte? Also bitte! Nein, danke. Bye bye Mittelalter. Mir reicht es vollkommen, wenn ich mich in diesen Momenten so etwas wie einem Urgeist zuwende. Ich muss nicht wissen, was er oder sie denkt, will, macht. Sie (ich ziehe es vor, mir den Urgeist als weiblich vorzustellen) hat ja schon genug getan. Das sieht man doch in der Natur. Manchmal, wenn ich Grounding mache, durchfließt mich ein wohliges Schaudern, dass so stark ist, dass ich laut ahhhh schreien muss.
Mag sein, dass ich ein einfaches Gemüt bin, aber ich finde die Sprache der Natur eindeutig. Ein Tier wie der Pfau kann nicht aus Zufall entstanden sein. Wenn man sich die perfekt abgestimmten, changierenden Farbnuancen der Federn seines Pfauenrads anschaut, wie kann man da nur glauben, das sei Zufall? Ein Dachziegel fällt vom Dach, wenn ein Mann unten vorbeiläuft. Passiert. Zufall. Aber wenn man sich einen Pfau anschaut, wie kann man dazu sagen: Passiert? Wie kann man allen Ernstes glauben, dass die Schönheit das Resultat eines unpersönlichen, kalten, desinteressierten, dummen Zufalls sein soll? Nein, die Schönheit kann nur das Resultat von Intelligenz sein. Überall wo Schönheit ist, ist auch Intelligenz. (Apropos: Woran mag es liegen, dass der Satz umgekehrt nicht funktioniert?) Einstweilen klammere ich mich an diesen Strohhalm.
Meine Leinwände warten auf mich im Atelier. Gleich bin ich bei euch.
Samstag, 3. Mai 2025
Abend. Videocall mit Gina. Sie befindet sich alleine im Zimmer im Haus ihrer Verwandten in Rom.
«Ich muss dich sehen» sage ich.
«Es kann jemand reinkommen.» Sie hat sofort verstanden.
«Dann schließe doch die Tür» sage ich.
Gina geht zur Tür und schließt sie ab.
«Was möchtest du sehen?» fragt sie.
«Deine Titten.»
Sie knöpft ihr Hemd auf und zieht die Brustwarzen über den BH. Sie lächelt. GINA LÄCHELT. Lebenselixier. Freude. Leben. Glück. Sauerstoff.
«Zufrieden?»
«Du fehlst mir wahnsinnig» sage ich.
«Du auch.»
«Hosen runter» sage ich.
«Wenn ich zurück bin, jetzt zeig du mir mal was.» Verschmitzt blickt sie mich aus dem Handy an.
«Was möchtest du sehen?» frage ich.
«Ich möchte dich im Slip sehen, du hast ja wohl nicht deine Schlabbershorts an, die bis zu den Knien reichen, oder?»
«Weißt du, dass es das erste Mal ist, dass du mich im Slip sehen willst?»
«Bin ja auch weit genug weg.»
«Rom tut dir gut.»
«Keine Faxen, Hosen runter» reagiert sie knapp.
Ich ziehe mir die Hosen runter und das T-Shirt ziehe ich mir auch aus. «Reicht das oder willst du auch einen Blick auf den Tiger werfen?»
«Logo.» Sie muss was Komisches gegessen haben.
Ziehe mir den Slip runter (der enganliegende in Elasthan mit rotgelben Flammen), aber nur soviel, bis der Tigerkopf rauslugt, der prächtig in Form ist.
«Man kann von deiner Bestie nicht behaupten, sie sei azephal.» Hab sie immer um ihre Schlagfertigkeit beneidet.
«Willst du auch den Rest sehen?»
«Lieber nicht, sonst schlafe ich nachher nicht ein, halt doch mal das Handy weiter weg… ja so… na endlich sehe ich meinen Boy mal richtig… hast du abgenommen? Wie viel Kilo hast du abgenommen?»
«Mindestens vier.»
«Vier Kilo??!! Hast du nur Haferflocken gegessen?»
«Nein, hab wie immer gegessen.»
«Dann tut dir meine Abwesenheit gut.» Sie kann auch provozieren.
«Spiel nicht mit dem Feuer» sage ich.
«Ne wirklich, wie hast du das geschafft?» fragt sie.
«Was?»
«Vier Kilo abzunehmen.»
Soll ich es ihr sagen, dass ich sie mit einem Mal gestern auf dem Klo verloren habe?
Lieber nicht. Sie würde misstrauisch werden. Ihr würden Zweifel kommen, ob ich noch ganz dicht bin.
Aber was soll ich ihr denn antworten?
Ich wage es einfach. «Habe gestern eine lange Sitzung gehabt. Danach war ich vier Kilo leichter.»
«Verrückter Heini.» Wusste ich’s doch.
Samstag, 10. Mai 2025
7:20 Das wird gleich schon wieder eine lange Sitzung. Seit einer Woche hatte ich keinen Stuhlgang. Habe tatsächlich auch entsprechend zugenommen. Es passiert immer soviel, wenn ich meine Sitzungen abhalte. Meinem Kilim sei Dank. Seine schwarzweißen Streifen hypnotisieren mich. Ich brauch mich bloß hinzusetzen und schon geht’s los. Während mein Colon drückt, klammern sich meine Pupillen an die schwarzweißen Streifen des Kilims und die Rädchen in meinem Kopf drehen sich auf Hochtouren. Das geht soweit, dass ich Visionen habe. Dieses Mal schreibe ich sie auf. Es gibt nichts, was nicht aufzeichnungswürdig ist. Auch nicht, wenn man auf dem Klo sitzt. Selbst wenn es nix ist, was dabei herauskommt.
Die Badtür bleibt offen, so kann ich die Musik aus dem Wohnzimmer hören (Silouan’s Song von Arvo Pärt, eines meiner Lieblingsstücke).
Ich fühle mich besser, heute morgen. Nicht etwa, weil ich genug geschlafen habe oder weil ich dabei bin, mich endlich zu entleeren. Nein, weil der größte Teil der 96 Stunden ohne Gina vorüber ist. Ich leide wahnsinnig unter ihrer Abwesenheit.
Bisher hat es – abgesehen von Gina – nur meine Mutter geschafft, mich mit ihrer Abwesenheit so zu quälen. Ich sehe sie förmlich vor mir, während meine Augen sich in die schwarzweißen Streifen des Kilims bohren. Meine Mutter.
Als sie sich auf den Bettrand setzte, um mir gute Nacht zu wünschen, war ich meistens schon halb eingeschlafen, eingelullt vom rhythmischen Brechen der Wellen auf den schwarzen Felsen. Bei starkem Wellengang hörte sich das unheimlich an. Da braucht man keine besonders ausgeprägte Vorstellungskraft, um sich das Meer wie ein riesiges Ungeheuer vorzustellen, das sich unablässig gegen die schwarzen Felsen wirft, wie von wilder Zerstörungswut gepackt. In meinem Zimmerchen in unserem alten, weißen Häuschen, eingebettet im verwilderten Zitronenhain über der Felsenbucht, war ich schon gefasst darauf, dass früher oder später eine große Welle durchs Fenster reinplatzen würde. Aber dann kam sie, setzte sich auf den Bettrand und sang mir Der Mond ist aufgegangen oder Der Erlkönig vor, mit ihrer sanften, beruhigenden, weiblichen Stimme. Meistens kraulte sie dabei meinen Kopf hinter den Ohren mit ihren lackierten Fingernägeln. «Gute Nacht, mein Sonnenschein» flüsterte sie mir schließlich ins Ohr und küsste mich auf die Stirn. Schade, ich kann sie nicht mehr fragen, warum sie mir damals Der Erlkönig vorsang, als Schlaflied. Sie wusste doch, dass ich am Schluss jedes Mal Tränen in den Augen hatte. Wir werden nicht als Nostalgiker geboren.
Lieber Fenster aufmachen. Zum Glück ist die Luft nicht zu kalt, heute morgen, und Gottseidank habe ich keine Nachbarn gegenüber. Zurück auf dem Klo stelle ich fest: Es kommt noch mehr. Nicht mehr so dunkelbraun. Eher bernsteinfarben. Und auch nicht mehr so hart.
In der Vergangenheit haben andere sich bereits darüber ausgelassen, dass Romanschreiber es fertigbringen, ein Tischgespräch in allen Details zu beschreiben, die Schmeicheleien, Finten, Pointen und Gesten, Kleider, Schmuck und Schuhe, ohne jemals die Speisen zu erwähnen, als ob sie keine Rolle spielten. Man kann weder gut denken, noch gut lieben, noch gut schlafen, wenn man nicht gut gegessen hat. Klar. Aber wie soll man bitte schön gut denken, lieben und schlafen, wenn der Stuhlgang scheiße war? Was die Speisen angeht, hat sich einiges geändert. Literatur und Kino sind voll mit Geschichten, in denen das Essen die Hauptrolle spielt, in allen Soßen. Zeit, einen weiteren Schritt zu machen. Aber worin besteht überhaupt der Mehrwert, ein paar Worte über die Scheiße zu verlieren?
Tatsächlich gibt es einen Zeitpunkt, nur einen, zu dem wir alle gleich sind: Auf dem Klo. Sowohl unter dem Standpunkt des Materials, als auch der Farbe, als auch des Geruches und schließlich auch des Prozesses. (Möglicherweise – mit einer gehörigen Portion Nihilismus – auch als Fazit).
Was für ein schöner Morgen. Blauer Himmel. Schwalben. Ich schließe die Augen und halte das Gesicht in die laue Luft, die durch das Fenster strömt. Was für ein Frieden, was für ein Wellnessgefühl, wenn der Körper seinen heiligen Funktionen freien Lauf lassen darf.
Du könntest es wieder versuchen, sagt mir eine innere Stimme. Dass ich innere Stimmen höre, ist zwar leicht strange, aber das geht mir so, seitdem ich Kind war. Das erste Mal – ich war vielleicht sechs oder sieben – beobachtete ich gerade einen Pleinairmaler, wie er den Golfo und die Faraglioni malte, da habe ich sie deutlich gehört, die innere Stimme: Eines Tages machst du das auch. Auch jetzt gerade habe ich sie deutlich gehört. Aber dieses Mal winke ich ab. Mir hat der Versuch vor ein paar Monaten gereicht. Da saß ich wiedermal hier auf dem Klo, in meinem Haus am Golfo, und wollte mal probieren, wie es sich anfühlt, ohne Klopapier den Mittelfinger in den After zu stecken. Das hatte ich vorher noch nie gewagt. Niemals wäre ich draufgekommen, wenn nicht ein doccino, eine WC-Dusche, an der Wand neben dem Klo befestigt gewesen wäre. (Egal wer es war, der Erfinder der WC-Dusche verdient eine Statue auf dem Forum Romanum). Das amerikanische Ehepaar, das mir das Haus verkauf hat, hatte extra die WC-Dusche installieren lassen. Interessanterweise haben sie sich nicht für das Bidet entschieden, obwohl es doch in Italien Usus ist. Die wussten Bescheid.
Jedenfalls habe ich damals, vor ein paar Monaten, vom zärtlichen Sprenkeln des lauwarmen Wassers auf meinen After in trancehaften Zustand versetzt, tatsächlich den Versuch gemacht. Ich wusste ja, dass nach der restlosen Entleerung mein Colon blitzeblank sein würde. Also habe ich vorsichtig meinen Mittelfinger reingeschoben. Ohne Klopapier. Schön langsam. Mein Colon hat nicht schlecht reagiert, obwohl es das erste Mal war, dass er Gegenverkehr erlebt hat (Darmspiegelung ausgenommen). Es hat sich nicht unangenehm angefühlt. Nicht sehr viel anders, als wenn man sich den Finger in den Mund steckt (logischerweise ohne zu übertreiben). Aber Null sexueller Reiz. Ach was? Ok, aber das hat mich nicht davon abgehalten, mich in dem Moment, dank einer vielleicht noch strangeren Besonderheit von mir, nämlich die Fähigkeit, mich in ALLES hineinzuversetzen – egal ob Personen, Fauna, Flora, leblose Gegenstände – in homosexuelle Männer hineinzuversetzen. Um hier keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ich habe einen Haufen schwuler Freunde. Normalerweise verstehen wir uns gut. Es ist sogar so, dass wenn ich mal mit jemand ein tieferes Gespräch führe, bei dem es nicht um die üblichen Heteroaffenthemen geht (Frauen/Autos/Politik/Fußball), sondern um Themen, die eine gewisse Sensibilität für die Dinge des Geistes und der Ästhetik verlangen, bei denen Heteroaffen nach zwei Minuten abwinken, weil sie sich vorkommen, wie Pommes bei Kempinski, da kannst du drauf wetten, dass mein Gesprächspartner schwul ist. Der eine oder andere hat es ja auch versucht, mich ans andere Ufer zu locken. Vergeblich. Denn – das werde ich jetzt hier wohl kaum noch einmal unterstreichen müssen – ich bin hetero von Kopf bis Fuß.
An jenem Tag war ich halt so drauf. Ich war neugierig. Was spüren eigentlich die Schwulen, wenn sie sich so einen Knüppel hinten reinstecken lassen? Ist die Frage etwa unberechtigt? Warum sollte sie? Gleich nach dem Versuch zwei Schlussfolgerungen, je nach Rolle. Die erste, vom Standpunkt des Empfangenden aus betrachtet: Chapeau.
Ja, Chapeau. Denn wenn du kein bisschen Vorteil aus einer Sache ziehst, wenn dir die widrigen Umstände, die Meinung anderer usw. egal sind und du zu so etwas bereit bist, schlicht und einfach, weil du deinem Partner die Lust gönnst, wie soll man das nennen, wenn nicht Liebe? Obendrein – wenn ich mich nicht täusche – produziert der After nicht das sagenhafte Schmiermittel, das pünktlichst von der Vagina ausgestoßen wird. Ich wäre zu so etwas nicht in der Lage. Ohne, dass ich davon was habe, mir so ein Ding hinten reinstecken lassen? So ein Ding, das in gewissen Fällen ziemlich groß sein kann, jedenfalls erheblich größer und dicker, als die Spitze eines Fingers? Nur aus Liebe zu meinem Partner, damit er kommen kann? Andererseits: Was bleibt ihm denn anderes übrig? Ins Ohr passt er nicht rein, in die Nase auch nicht. Sieh mal einer an, habe ich mir da gedacht, was man alles aus Liebe anstellen kann.
Die zweite Schlussfolgerung, vom Standpunkt des Steckenden aus betrachtet: Der liebe Gott kennt sich aus.
Von meiner unbezähmbaren Vorstellungskraft geleitet, wie durch die Membrane des Kilims hindurch, habe ich ihn gesehen, den lieben Gott. Er war gerade dabei, Adam aus einem Klumpen Erde zu formen. In dem Moment, da seine Hände sich in die prickelnden Pobacken versenken und er mit dem Zeigefinger ein kleines Löchlein genau in die Mitte pikst, da sehe ich – denn ich denke nicht, vielmehr sehe ich, das ist genauso, wie wenn ich male, da denke ich nicht jetzt muss in die Ecke oben rechts der Leinwand ein gelber Klecks, nein, ich sehe die Farbe Gelb vor mir und spüre bis in die tiefsten Windungen meiner Eingeweide, dass die jetzt dran ist – und genauso sehe ich ihn, den Allmächtigen, und erkenne unter seinem bauschigen weißen Bart ein verschmitztes Lächeln. Und was macht Er, für den ein Tag wie Tausend Jahre und die Zeit wie ein Strumpf ist? In seiner barmherzigen Vorsehung zwinkert er ihnen zu, den homosexuellen Männern, denn was er ihnen da gerade vorbereitet, mit seinem Konzert aus Schließmuskeln, funktioniert besser als die Muschi, bei Jupiter! Der After! Was für ein stringentes Chef d’Œuvre! Nicht einmal im Alter riskiert er die schlimmste aller Unseligkeiten, dort unten: Erschlaffung.
Nehmen wir einmal an, für den Partner wäre Fellatio Tabu, – hört sich zwar unglaublich an, aber ich habe mir sagen lassen, dass es auch unter unseren Brüdern vom anderen Ufer solche gibt, die unter diesem sagen wir mal Handicap leiden – was für eine armselige Alternative hätten homosexuelle Männer, wenn es nicht dieses wunderbar eingespielte Paar von After und Colon gäbe? Aber sie gibt es! Genau am richtigen Ort, wo knusprige Backen einen Schlitz haben, ein Meisterwerk an Schlitz. Es ist alles da, es fehlt nichts.
Fernanda, fasst du etwa diese Zeilen als zynische Tirade gegen Homosexuelle auf? Nein, das tust du nicht. Du kennst mich gut genug. Was ist denn bitteschön sarkastisch daran, wenn man unvoreingenommen, ohne ideologische oder religiöse Brillen den runden Schließmuskel des Afters betrachtet und – fast schon zwangsläufig – zu der Schlussfolgerung kommt, dass er doch perfekt für jene gemacht zu sein scheint, die ihren erigierten Penis genau dort einsacken wollen? Oder an der Mutmaßung – die eigentlich gar nicht so unwahrscheinlich ist, wenn man an einen pfiffig-vorhersehenden Gott ohne Tabus glaubt – dass der Schöpfer beim Formen dieses Löchleins den Schwulen zugezwinkert hat? Oder, dass – ebenfalls gar nicht so unwahrscheinlich für jene, die an einen in seiner phantasievollen Kreativität unschlagbaren, allmächtigen Gott glauben – es genau jener Moment inmitten seines Schöpfungsprozesses war, da ihm die Idee kam, außer den Heteros, auch die Schwulen, Transsexuellen, Fluiden usw. aus dem öden, schablonenhaften Einerlei zu erfinden und mit seinem mächtigen Logos ins Leben zu rufen? Also: Keine Missverständnisse. Wenn es sie nicht gäbe, müsste man sie erfinden, die Schwulen, Diversen usw. Wer sonst wäre in der Lage, auf eine dermaßen einleuchtende Weise – sozusagen de corpore – überholte, widerliche, unwissenschaftliche und nichts als Hass und Zwist säende Klischees über Männlichkeit (und Weiblichkeit) bloßzustellen? Aber, wie gesagt, der liebe Gott hat das ja bereits erledigt.
Als ich mir das nochmal durchgelesen habe, ist mir aber etwas anderes aufgefallen. Zum ersten Mal ist mir der schreckliche Widerspruch aufgegangen. Einerseits wende ich mich, wenn ich Grounding mache, an den Urgeist, an die Urmutter, andererseits ist doch offensichtlich, dass diese Urmutter (sofern es sie überhaupt gibt) so unemphatisch ist, wie man nur unemphatisch sein kann. Schließlich geht es um Menschen.
Wer entscheidet, ob Fußnägel lackiert, Brüste platt gemacht oder vergrößert, Hoden entfernt (glücklicherweise lassen sie sich nicht vergrößern, warum eigentlich nicht?), Eileiter wegoperiert, Haare rasiert, verlängert oder eingepflanzt werden sollen, wer bestimmt das und noch Vieles mehr? Das Ich. Und über wen setzt sich diese Instanz hinweg? Über Mutter Natur. Denn offensichtlich ist sie blind. Die versteht NIX. Die ist gar nicht Mutter. Wenn sie Mutter wäre, wüsste sie, um welche Ich-Sorte es da gerade geht und würde sie in einen entsprechenden Körper kleiden. Stattdessen hat sie keine Ahnung und ist hilflos den Kräften der Natur ausgeliefert (schon wieder ein Widerspruch!). Wenn also Mutter Natur so unemphatisch ist, wer hat dann bitteschön mein Ich konzipiert?
Mittwoch, 21. Mai 2025
Nachmittag. Endlich ist sie wieder zurück. Treffpunkt Eisdiele, bei ihr um die Ecke. Auf der Holzbank auf dem Bürgersteig gegenüber schlecken wir wortlos unser Eis. «Der da drüben» sagt sie auf einmal, «das ist der Pfarrer.» Ich folge dem schwarz gekleideten, alten Mann ein paar Sekunden mit den Augen, bis er um die Ecke biegt.
«Er ist verständnisvoll, ein guter Mann.» Nach einer kurzen Pause: «Er macht einen guten Job. Er kennt sich mit unseren menschlichen Abgründen aus, er weiß damit umzugehen.»
«Beichtest du dich bei ihm?»
«Ab und zu.» sagt sie, als ob nichts wäre.
«Das letzte Mal?» frage ich.
«Ist vielleicht einen Monat her.»
Vor einem Monat waren wir schon zusammen. Eine Wut steigt aus meinem Bauch und überschwemmt mein Hirn, dass ich es kaum schaffe, mir nichts anmerken zu lassen. Nach dem Eis fahre ich sie nach Hause, wie auf glühenden Kohlen. Sie muss etwas gemerkt haben, hat aber nichts gesagt.
Zurück bei mir zuhause stürze ich mich auf all die Sachen, die getan werden müssen, in einem Haushalt, die ich aber gewöhnlich immer vor mir herschiebe. Wäsche waschen, wischen, Leerflaschen sammeln. Der Krach, den die Leerflaschen machen, während sie in den Container auf der Straße crashen, macht mir schon fast Spaß. Aber am Abend, in der Liege auf der Terrasse, die Sonne war schon untergegangen, war das Weltuntergangsgefühl nicht weiter zu verdrängen.
Mit verbohrtem Blick in die Meerenge zwischen den Faraglioni, überfällt mich ein melancholisches Gefühl der Einsamkeit. Und der Ausweglosigkeit. Ein guter Mann. Der einen guten Job macht. Wie verdammte Scheiße sollen wir jemals ein Paar werden, wenn sie ihre (unsere!) intimsten Angelegenheiten einem Fremden anvertraut? Und welche Macht er über sie (über uns!) ausübt! Eine viel konkretere Macht, als die, die ich jemals imstande wäre, auszuüben (ganz abgesehen davon, dass mir so eine Macht zuwider ist). Er bietet nicht nur ein verständnisvolles Ohr an, er bietet viel mehr an: Vergebung. Er hört eine Weile zu, dann sagt er seine weisen Worte und schließlich: «Mein liebes Kind, zehn Ave Maria.»
Zum ersten Mal ist mir etwas bewusst geworden, an das ich vorher noch nie gedacht hatte, so verloren wie ich war und immer noch bin. Meine Gina ist Italienerin. Soweit, so gut. Ein Traum. Ich bin stolz auf meine erste italienische Verlobte. In ihrem Herzen bewahrt sie einen wertvollen Schrein, ein intimes Vademecum, eine hochentwickelte Vorstellung von Klasse und Stil. Das Savoir-faire, um mit Nonchalance die perfekte Balance zwischen vermeintlich prüder Zurückhaltung und Avancen zu bewahren, das ist ihr in den Schoß gefallen. Allein schon deshalb, weil sie in diesem Land aufgewachsen ist. Bei den Schulausflügen nach Venedig, Rom und Florenz haben sich die Fresken, Statuen, Gemälde, Kathedralen und Tempel so sehr in ihren sensiblen Geist eingeprägt, dass ihr niemand mehr zu erklären braucht, was zählt, im Leben. Was zählt im Leben, zumal wenn von Italien die Rede ist? La bellezza, die Schönheit. Logisch. Nicht von ungefähr ist Aphrodite die Mutter von Aeneas, der Stammvater der Römer. Gleichwohl hat mich an diesem Abend die Erkenntnis wie ein Faustschlag in die Magengegend getroffen, dass Gina, als Italienerin, automatisch auch noch etwas anderes ist: Katholisch.
Der Katholizismus. Wie oft habe ich das Neue Testament gelesen. Und jedes Mal konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Jesus, wenn er sich heute unter uns inkognito aufhielte, die katholische Kirche genauso wie damals die Pharisäer behandeln würde.
Es gab eine Zeit in meiner Jugend, da habe ich Spiritualität und Religion verwechselt. Jesus Christus, seine Worte, sein revolutionärer Lebensstil hatten mich so sehr fasziniert, dass Spiritualität und Christentum (jenes der Urgemeinde) für mich zusammengehörten. Heute weiß ich, dass man spirituell sein kann, ohne einer Religion anzugehören, egal welche. Ich wüsste nicht, was die mir noch bringen soll. Ich benötige keine Offenbarung mehr, von oben herab oder aus einem Buch. Ich finde das sogar gefährlich. Was für schreckliches Unheil wurde nicht schon auf der Grundlage von Bibel- oder Koranversen verübt? Ich benötige keine Lehrbücher, katholische Priester, evangelische Pfarrer, Bischöfe, Päpste, Mönche, Muezzin oder Gurus. Das sind Vertreter von religiösen Systemen, die Körper und Geist der Menschen kolonisieren, zusammen mit ihren Geldbeuteln. Aber Gina ist da drin geboren worden. Sie ist nicht nur in der Kultur der Liebe und der Schönheit aufgewachsen, sondern auch im Katholizismus.
Mal abwarten, bis ein geeigneter Moment kommt, um das Thema anzusprechen.
Samstag, 24. Mai 2025
Der ist früher gekommen als gedacht. 30 Grad, laut Wettervorhersage. Gina ist nicht ins Büro gegangen. Wir sind runter, zur Bucht. Das Wasser war erfrischend kühl. Sie machte einen glücklichen Eindruck.
Zurück auf unseren Badehandtüchern, hole ich aus dem Rucksack die pizzette. Zwischen einen Happen und dem anderen kommt es mir spontan:
«Schau mal, wie schön, der Golfo, die Farben, das türkisblaue Meer, die schwarzen Felsen, die Faraglioni, wie schön das alles ist. Wir sind von einer kreativen Kraft umgeben, die all das gemacht hat. Wie kann man nur glauben, das sei alles aus Zufall entstanden.»
Keine Antwort. Gina kaut weiter auf ihrer pizzetta und beobachtet die Kinder, die ins Wasser springen.
«Logisch, dass hier kreative Kräfte von der Schönheit inspiriert waren, oder? Was meinst du?» Hört sie mir überhaupt zu? Oder meint sie ich hätte Lust, Selbstgespräche zu führen?
Ich rede einfach weiter: «“Freude heißt die starke Feder in der ewigen Natur; Freude, Freude treibt die Räder in der großen Weltenuhr“. Für Schiller war es die Freude, für mich dagegen ist die Ästhetik, die Schönheit der Schlüssel, um an eine höhere Intelligenz zu glauben.»
Sie: «Fehlt nur noch der Pfau.» Das war nicht einmal mehr Ironie, das war Zynismus.
Sie steht auf. «Ich muss mal, ich gehe hinter die Felsen.»
«Aber echt jetzt» sage ich, als sie sich wieder neben mir auf das Handtuch legt. «Was meinst du? Ist es möglich, dass Gott, dem man ja nachsagt, er sei Liebe, all das hier macht und uns dann ohne eine Möglichkeit lässt, ihn kennenzulernen?»
Sie greift sich die Sonnenkreme aus dem Rucksack. «Ist ihm anscheinend egal» sagt sie, während sie sich ihre blassen Arme einkremt.
«Ja», sage ich, «diesen Eindruck habe ich auch.»
«Aber das ist nicht das Problem» sagt sie ruhig.
«He?»
«Das ist nicht das Problem».
«Was?»
«Na dass ihm das anscheinend egal ist.»
«Sondern?»
Jetzt verteilt sie die Kreme auf die Nase.
«Das Problem ist…». Sie macht die Augen zu und kremt sich um die Augen herum ein. «…dass nur er es weiß.»
«Was?» frage ich.
«Sag mal bist du heute morgen auf den Kopf gefallen oder was?» Ich liebe sie, wenn sie direkt wird.
«Was denn? Sag’s doch einfach.»
«Wir wissen nix, nicht einmal das. Nur er weiß es, ob ihm das egal ist.»
Ich starre sie an. Mir kommt keine Antwort.
Nach einer Weile, ich: «Sag mal… du glaubst an die Madonna und an alle Heiligen, bekreuzigst dich, wenn du die Kirche betretest, wenn du wieder rausgehst, was ist das denn alles, he? Ist doch nur Aberglaube, oder?»
«Du gehst mir auf die Nerven.»
«Ach so, ich gehe dir auf die Nerven? Ich gehe dir auf die Nerven, wenn ich vergeblich versuche, mich mit dir über meine tiefsten Überzeugungen auszutauschen?»
«Die nützen nichts.»
Genau das hat sie gesagt: Die nützen nichts.
«Und warum nützen die nichts, deiner Meinung nach?»
«Weil es nur Vorstellungen sind.» Ein Richterspruch. Ein kalter, unemphatischer Richterspruch.
«Aha. Und die Schönheit? Auch nur eine Vorstellung?» frage ich.
«Vergänglich.» Der nächste Richterspruch.
«Das mag ja sein, aber deswegen ist sie doch trotzdem ein Zeichen von Intelligenz, oder? Oder kannst du dir die Schönheit ohne Intelligenz vorstellen?»
«Ich stelle mir überhaupt nichts vor und du tätest gut daran, dir ein bisschen weniger vorzustellen.» Warum bloß will sie mir immer die Flügel cutten?
«Hm.»
«Mit deinem Philosophieren verdirbst du dir nur die Freude am Leben, wann kapierst du das endlich?» Jetzt ist sie wieder direkt.
«Fällt mir schwer, das sein zu lassen» sage ich.
«Ist aber gar nicht so schwer.» sagt sie.
«Das sagst du.»
«Ja, das sage ich.» Hab sie selten so überzeugt erlebt.
«Aber versetze dich doch mal in meine Lage, wenn du das schaffst» sage ich.
«Habe ich ja schon. Deswegen habe ich dir ja gesagt, dass du dich mehr mit Dingen beschäftigen musst, die es gibt. Nicht mit Dingen, die es nicht gibt.»
«Und was wäre das, was es gibt?» Bin gespannt, was jetzt kommt.
«Blöde Frage.» Jetzt wird sie mir etwas zu direkt.
«Dich» sage ich.
«Genau.»
«Und das soll mir reichen, nicht wahr?» sage ich.
«Findest du das wenig?» sie guckt, als hätte sie mir gerade ein halbvolles Glas Marmelade gereicht.
«Nein. Das ist sehr viel» sage ich.
«Na also.»
«Nur…».
«Stop!» unterbricht sie mich lächelnd.
Ich drehe mich zu ihr um. Sie küsst mich.
«Und?» fragt sie.
«Was und?»
«Hat die Schönheit ihre Intelligenz verloren?»
Jetzt küsse ich sie.
«Nein, amore» sage ich, «die Schönheit hat nicht ihre Intelligenz verloren, nur…»
«STOP!»
«Nur…»
«STOP!!» Jetzt hält sie ihre Hand auf meinen Mund. Ich muss kichern.
«Nur…». Sie drückt mich flach auf das Handtuch, springt hoch, setzt sich wie eine Reiterin auf mich drauf und drückt mir beide Hände auf den Mund.
Sie schiebt eine Hand etwas weg, gerade mal so weit, dass sie mir ihre Zunge reindrücken kann. Wusste gar nicht, dass sie so drauf sein kann. Das jedes Mal aufs Neue so wunderschön erstaunliche Wesen der Frauen.
Werden wir beobachtet? Ich mache mich von ihrer Umklammerung frei und schaue mich um. Alles ok. Ein schon braun gebrannter älterer Herr beobachtet uns, scheint aber nicht besorgt zu sein. Sie legt sich wieder an meine Seite.
«Ich liebe es, wenn du so bist, so spielerisch.» sage ich.
«Siehst du, zu was ich imstande bin.»
«Bravo, nur dass…» Ich unterbreche mich, um zu sehen, wie sie jetzt reagiert. Sie richtet sich wieder auf, aber diesmal bleibt sie ernst.
Ich muss den Satz wie eine Kanonenkugel rausschießen, sonst lässt sie ihn mir nicht aussprechen.
«Nur, dass Fleisch, so schön es auch sein mag, zu wenig ist.» Hab’s geschafft.
«Zu wenig?» sagt sie fast erschrocken. Ich lese ihren Augen ihre Enttäuschung ab. «Also deiner Meinung nach gibt’s bei mir nur Fleisch?» Fängt sie gleich zu weinen an?
Ich muss schon wieder kichern.
«Na siehst du?» sage ich lachend, «also doch Schönheit plus Intelligenz.»
Sie reagiert nicht mehr. Sie legt sich auf den Rücken und schließt die Augen. Wahrscheinlich denkt sie, dass das Leben mit so einem Idioten wie mir nicht länger auszuhalten ist. Wahrscheinlich überlegt sie gerade, ob sie mir überhaupt noch eine Chance geben soll.
Mit der Ausrede, dass sie mit ihrer Tochter shoppen gehen wollte, ist sie nicht bei mir zuhause geblieben. In Wahrheit befürchtete sie, dass ich früher oder später wieder mit dem leidigen Thema anfangen würde. Dann hätten wir gestritten.
In der Liege auf der Terrasse, ein Glas Limoncino in der Hand, die Sonne schon seit einer ganzen Weile untergegangen. Wie zwei pechüberzogene Riesen, heben sich die beiden Faraglioni vom letzten fliehenden bläulichen Schimmer des Horizonts ab. Brise. Möwenschreie. Das ferne Surren der Fischerboote, die zum Hafen zurückkehren. Ich hole mir einen Wollpullover. Ich lege mich wieder in die Liege. Schluck. Da kommen sie. Ich wusste es. Die werde ich so schnell nicht los. Wie Stroboskopblitze hallen die drei Axthiebe in meinem Kopf:
WIR WISSEN NIX
Mit so einem simplen Satz hat sie das Thema abgehakt. Natur: Zufall? Projekt? Der Homo Sapiens: Zufall? Projekt? Unnötige Fragen. Wie wäre es denn, wenn ich mir auch so eine Haltung, so eine Weltanschauung aneignen würde, sofern man das überhaupt noch so bezeichnen kann? Mir schaudert es. Ich würde das nicht fertigbringen. Noch nicht. Würde die Schönheit ihre Intelligenz verlieren, fühlte ich mich wie ein Waisenkind. Nein, ihrem staubtrockenen, grabgrauen Materialismus werde ich nicht zum Opfer fallen. Manchmal kommt sie mir vor, wie eine Cobra. Sie hypnotisiert mich, nur um mir früher oder später ihren giftigen Zahn ins Fleisch zu rammen. Andererseits: Irgendwo hat sie Recht. Wir wissen nix. Elendigstverdammtignorant sind wir. Ist schon bemerkenswert, wie sie es problemlos schafft, zwei so unglaublich kontrastierende Gegensätze in einem Hirn zu versöhnen: Die höhere, autoritäre Instanz der Kirche und die gähnende Leere der Ignoranz über das Warum, Woher und Wohin der Menschen, der Welt, des Universums. Fast bewundernswert. Fast.
Die Kälte zieht mir in die Knochen. Der Wollpullover reicht nicht mehr aus. Nichtsdestotrotz muss ich mir noch die Szene vorstellen: Gina im Beichtstuhl. Was wohl beichtet eine schöne Frau dem Priester? Kann sich nur um Männergeschichten handeln. Die haben ihr Gewissen belastet. In einem schwachen Moment hat sie einer Avance nachgegeben. Wir wissen ja alle, was die Italiener so draufhaben.
In welcher Welt lebe ich eigentlich? Ich liebe Gina wie noch keine Frau zuvor und was macht sie? Sie geht zu einem wildfremden Mann und beichtet. Und wie überzeugt sie auch noch ist!
Unglaublich, wie Lug und Trug aufrecht gehalten werden. Über Jahrtausende. Funktioniert ja auch wunderbar: Einige festigen dadurch ihre Macht, andere überlassen ihnen diese Macht supergerne. Bringt nur Vorteile. Aber innen drin bleiben alle so wie sie sind. Man braucht doch nur die Zeitung lesen. Oder einen Blick in den Spiegel werfen.
Limoncelloflasche leer. Lieber schlafen gehen.
Samstag, 5. Juli 2025
Zwei Monate ohne Eintrag in mein Tagebuch. Das liegt wahrscheinlich daran, dass wenn ich es aufgeschrieben hätte, was ich gemacht habe, dann wäre das so etwas ähnliches wie Selbstverstümmelung gewesen. Aber jetzt kann ich nicht mehr anders.
Ich muss es loswerden, was in der Zwischenzeit passiert ist. Tut mir leid, Fernanda, aber das musst du dir jetzt anhören. Ich habe niemanden außer dir.
Vorneweg diesen Satz von Françoise Gilot. Vielleicht hilft er dir, etwas Verständnis für mich aufzubringen, Fernanda.
Wenn du etwas riskierst, könntest du schlechte Erfahrungen machen. Aber du lebst und verstehst immer mehr. Vor allem wirst du nicht langweilig. Das ist das Schlimmste: Langweilig werden.
Ich werde dich jetzt arg enttäuschen, aber denke bitte mal kurz darüber nach: Was sonst hätte denn Gina von einem gesunden Mann erwarten sollen, dessen innigsten Wunsch, mit ihr zusammenzuleben, sie jedes Mal aufs Neue frustriert und in eine vage Zukunft vertröstet? Unter solchen Umständen, welcher Mann hätte nicht den Verführungskünsten einer jungen, schönen, kultivierten Frau wie PT nachgegeben?
Du wirst diesen Versuch von mir wieder als Einschleimen interpretieren (wie hast du das nochmal genannt? captatio benevolentiae?). Egal, sag mir bitte, was du davon hältst. Schließlich ist Freundschaft dazu da.
Weißt du, was im Grunde genommen der entscheidende Auslöser war? Nicht der Sexappeal von PT. Nein, es war der unbändige, innere Impuls, ein viel schlimmeres Monster, als sexuelle Apathie, zu verjagen: Die existentielle Langeweile. Dieser schleichende Tod, der deine Seele zermürbt und dir nichts davon übriglässt, um den nächsten Tag in Angriff zu nehmen. Dieses Monster habe ich mit PT eine Weile verscheucht. Plötzlich bäumt es sich jedoch wieder vor dir auf, morgens, wenn du aufwachst. Die existentielle Langeweile wartet am Bettrand auf dich. Da spürst du den ätzenden Geruch des Todes in der Luft. Ich habe ihn immer noch in der Nase.
Denn, strenggenommen, was ist der Tod? Langeweile in Reinform. Der Status Quo auf Mars, Venus, Jupiter und auf dem Mond. Wo nichts passiert. Und wo du, falls es dich einmal dorthin verschlägt, nichts anderes als diesen Geruch des Todes spüren würdest, den Geruch der nackten Felsen.
Also ich weiß nicht was du davon hältst, aber ich bin inzwischen soweit, dass ich ihm dankbar bin, dem Tod. Wenn du dauernd diesen Geruch in der Nase hast, ohne Szenenwechsel, emotionale Achterbahnfahrten, ohne Negativität, ohne Lösungsansätze, weil es Probleme gar nicht mehr gibt, ohne, dass etwas Wesentliches, Bedeutsames passiert, dann gibt es nur noch eins: Es ist Zeit, dass er kommt, und dich rettet.
(Bitte entschuldige, Fernanda, dass ich dich als Projektionsfläche für meine pseudophilosophischen Gedanken über den Tod benutze. Aber im Grunde weiß ich ja, dass dir das Spaß macht.)
Aber er kommt nicht ganz plötzlich. Denn er ist höflich. Ja, der Tod ist ein Gentleman. Er schickt dir vorab ein paar Signale. Falten, schwerer Atem, Hängearsch. Dann kommt der Tag, an dem du dir einen Rolli anschaffen musst. Die Beine halten dich nicht mehr. Hier unten brauchst du sie noch, die Kraft in den Beinen, aber da oben brauchst du sie bald nicht mehr. Da oben benötigst du auch keine Beine mehr. Da transportiert dich der Wind. Hier unten bist du wie ein Hemd, das mit Metallwäscheklammern an einer Leine hängt, die an Pfählen mit gegensätzlichen Polen gespannt ist. Sobald der Strom nicht mehr durch die Leine fließt, öffnen sich die Klammern und das Hemd kann sich endlich dem Spiel des Windes hingeben.
Fernanda, glaube nicht, dass das Hemd einer besonderen Marke bedarf. Die Marke ist dein Name.
Aber dieser Name hat nichts mehr mit deinem Vater und deiner Mutter zu tun. Nicht einmal mehr mit dem Alphabet. Dein Name wird aus Musik und Farben bestehen. Als Unikat, als spiritueller Fingerprint. Der Abdruck deines schicksalhaften Ich. Aber frei von genetischen und epigenetischen Konditionierungen, die unausweichlich Teil des Spiels waren, damit du überhaupt Fleisch werden konntest. Ein vollkommen neuer Name. Der das widerspiegelt, was du wirklich bist. So neu, dass, wenn du dir da oben ein Selfie von damals anschaust, es gar nicht glauben kannst, dass dieses fahle Gesicht, die Kartoffelnase, (ich rede jetzt von mir, Fernanda), die buschigen grauen Augenbrauen, das unendlich tiefe Blau deiner Augen, so intensiv und mysteriös es auch gewesen sein mag, dass dieser Zellhaufen du gewesen sein sollst, dass man dieses Bündelchen tatsächlich als dich falschinterpretieren konnte, dass man allen Ernstes glauben konnte, es würde dich restlos darstellen, dein Sein erschöpfen, wenn es doch in Wirklichkeit nichts anderes war, als eine verschwommene Spiegelung von dir in einem alten, verstaubten und gesprungenen Spiegel.
Ja, am Ende kommt er, der echte Tod. Den es so, als Tod, logischerweise nicht gibt. (Ich weiß, du siehst das anders, Fernanda). Für mich ist er nur eine Fähre. Er bringt dich ans andere Ufer. Der Tod als existentielle Dimension ist reine Erfindung. Ist denn die Botschaft aus dem All nicht schon eindeutig genug? Es gibt keinen Ort, nicht einmal einen klitzekleinen, wo das Nichtsein Platz für sich in Anspruch nehmen könnte. Also bringt dich der Tod ans andere Ufer, aber um das zu bewerkstelligen, muss er dir alles abnehmen, was du nicht mehr benötigst. Und um dich zu entkleiden, muss er dich schlucken. Er schluckt dich, verdaut dich, er kaut dich aber nicht, denn er hat keine Zähne, er entmaterialisiert dich auf seine Art und schließlich verwandelt er dich in etwas sehr, sehr Feines, feiner als die feinsten Elementarteilchen, und dann, sobald du genug Zeit in seinem Colon verbracht hast, spuckt er dich aus.
Und wenn er dich ausgespuckt hat, findest du dich wieder in einer Welt, in der du keinen Bedarf mehr spürst, zu lesen. Denn niemand hat es noch nötig, sich eine andere Welt vorzustellen. Niemand muss sich da oben noch vorstellen, wie man sie erreichen kann, diese andere Welt. Da oben versucht niemand mehr, sie zu beschreiben, zu besingen, in Verse zu fassen, in Musik zu komponieren, auf die Leinwand zu bannen, in Stein zu meißeln, in Architektur, Kino und Theater zu verwandeln, kurzum: In Kunst.
Manche nennen es Erlösung.
Was für eine wunderschöne Perspektive.
Macht dir Lust, dir sofort eine Kugel in den Kopf zu jagen.
Was bleibt dir anderes übrig? Wenn es dir dämmert, dass die Idee, von der du annahmst, sie sei der Ursprung der Welt, die phantastische Uridee, aus der jeder Zellkern entspringt, wonach sich alles Sein streckt, die Idee, dass alles aus Liebe geboren und sich schließlich in Liebe vereinen wird, die erhabenste aller Ideen, von der du annahmst, sie werde im Eschaton zur Vollendung gelangen und dich durch ihre unanfechtbare, unvergängliche, transzendentale Realität geradezu überwältigen, weil es Körper aus Fleisch nicht mehr gibt, genauso wenig wie den Zahn der Zeit, was bleibt dir anderes übrig, verdammte Scheiße, als dir eine Kugel in den Kopf zu jagen, wenn du genau in dem Moment gezwungen wirst einzusehen, dass du keine Argumente, kein Gegenmittel hast gegen die subtile, grausame Leere, Bitterkeit und Nostalgie, die dich fluten, zusammen mit der Gewissheit, dass es wörtlich unmöglich ist, dass all das, was da kommt, wertvoller ist als Ginas Lächeln?
Bin gespannt auf dein Kommentar Fernanda. Mach’s gut, einstweilen.
von Chris Succo
Du hast nichts getan.
Du bist nicht Schuld daran, dass er dich geschlagen hat. Du bist ihm nicht in den Rücken gefallen, als du damals eine Nacht bei einer Freundin geschlafen hat, als er zu viel getrunken hatte. Du musst nichts ertragen, nur weil seine Fußballmannschaft verloren hat. Du hast ihm nie einen Anlass für seine Gewalt gegeben.
Du hasst dich nicht, vielmehr hasst du nur dein Unvermögen. Du schweigst zwar mit Worten, aber deine Blicke, deine Gesten, dein Gesicht sagen alles. Du wirst dich nie wieder sicher fühlen, denn er wird immer rausfinden können, wo du untergekommen bist.
Du wirst ihn auch in fünf Jahren noch in deinen Albträumen sehen, weil du ihn nicht mehr los wirst. Du wirst nicht in Therapie gehen, weil du es dir nicht leisten kannst, nicht leisten willst. Du hast einfach zu viel Angst hast davor, nicht mehr zu schweigen. Du denkst manchmal an einen Ausweg, nicht aus dem Leben, sondern nur aus der Angst. Du denkst nicht an dich. Nie hast du wirklich an dich gedacht, nur daran, was er und noch viel schlimmer, was all die anderen denken könnten. Du hast dir nie die Liebe gegeben, die du verdienen würdest.
Du wirst auch zehn Jahre später nichts Schlechtes über ihn erzählen, aber zusammenzucken, wenn du seinen, leider nicht seltenen, Vornamen hörst, auch wenn er einer ganz anderen Person gehört. Du wirst dein Gehen immer wieder hinterfragen, ob das nicht doch noch wieder etwas hätte werden können, ob er sich nicht doch vielleicht hätte bessern können. Du wirst ihm nicht verzeihen können, aber du wirst immer wieder versuchen, ihn zu verstehen. Denn du hast es nicht anders verdient, denkst du.
Auch fünfzehn Jahre danach. Du bist ihm in den Rücken gefallen, und da konnte er einfach nicht anders.
Du verstehst das ja zwanzig Jahre später fast noch besser. Du vergisst nicht, was er alles für dich war. Und vergisst, was er nicht war.
Dreißig Jahre später, da stirbt er. Doch du weinst nicht. Du weißt ja auch nicht warum.
Pfingstrosen im Beton
Ich möchte leben, ein Leben der Gleichgültigkeit und ich hoffe, du tust es mir gleich.
Doch so sehr ich mich auch bemühe, was ich auch tue, die Gleichgültigkeit will nicht an mir haften. Immer wieder entwischt mir das Gleiche und es gilt dann eben doch für mich. Irgendwann wird es mir gelingen, ich glaube fest daran, dann wandle ich gänzlich unbeeindruckt durchs Leben.
Ich merke, ich bin nahezu so weit. Der sich türmende Abfall auf Deponien und der Niedergang unseres Planeten lässt mich beinahe schon kalt. Der Tag wird kommen, an dem es mir nichts ausmachen wird, dem Obdachlosen an der Straßenecke zu begegnen. Ich werde mich dann nicht mehr fragen, was ihn hierhergeführt, wen er früher geliebt hat und ob jemand auf ihn wartet. Für mich wird es völlig belanglos sein, die Zahlen der Femizide steigen und die der Verurteilungen fallen zu sehen. Es wird mir nicht mehr das Herz zerreißen, zu wissen, dass im Namen der unstillbaren Machtgelüste eines Mannes erneut unschuldige Zivilisten massakriert wurden. Auch der Gedanke, mein gesamtes Leben in einem grauen, dunklen Büro zu verschwenden, während meine Träume in der hintersten Ecke meines Bewusstseins langsam verwesen, scheint plötzlich weniger gravierend. Einmal den Zustand der vollkommenen Apathie erreicht, will ich nie wieder weinen. Keine Träne soll mir entwischen, bei dem Gedanken an vernachlässigte Freunde oder verlorene Liebschaften. Tag für Tag werde ich morgens die Augen aufschlagen, gänzlich unberührt vom Leben.
Und all die drängenden Dringlichkeiten schiebe ich beiseite und lasse sie tief in meinem Inneren verkommen. Auch mein Gewissen wird schließlich verwelken, wie eine Pfingstrose im Beton, werde ich es aushungern, bis zum Zerfall, bis es sich endgültig auflöst und ich vergessen kann. Es braucht keine Lösungen für Probleme, die mir verborgen bleiben, ich zerbreche nicht an dem Schmerz, den ich nicht fühlen kann.
Gleichgültigkeit hat viele Facetten, sie geht tief. Alles Leid scheint wie ein Traum und alles Glück tut es dann auch. Demnach muss ich alles ausrotten: die schwarzen Gedanken sowie meine schönsten Erinnerungen, die Geduld-spaltende Angst und all die Freude. Ich muss all meine Gefühle aussortieren, all die mich zum Menschen machenden Aspekte, müssen gehen.
Mit den Jahren, hoffentlich, werde ich endlich vergessen, was Liebe ist und wie sich Wärme anfühlt auf der Haut. In meiner Brust wird es keinen Raum für Mitgefühl mehr geben, keinen Platz für Empathie. Ich muss mich selbst retten von der trostlosen Realität, die mich zu verschlingen droht.
Eure Meinung kümmert mich nicht im Geringsten. Bin ich in euren Augen gut? Bin ich ein Monster? Es spielt keine Rolle, was ihr in mir seht. Bitte mich um Rat und ich werde dir mit einem flüchtigen Achselzucken entgegentreten, bettle darum, dir zu verzeihen, ich werde mich nicht daran erinnern, weshalb du auf Knien flehst. Distanz wird mich von jenen Menschen trennen, die mir einst etwas bedeutet haben. Deine Lippen könnten scheinbar Millimeter vor meinen zum Ruhen kommen, doch ich befinde mich Kilometer weit entfernt, irgendwo allein in einem Feld. Mein Dasein wird keinerlei Unterschied machen, mein Leben keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Ich werde keinen Trost spenden oder Lügen erzählen, ich werde weder Leid verbreiten noch Liebe geben. Da ist keine Leidenschaft, die mich antreibt, aber auch keine Reue in schlaflosen, stillen Nächten.
All meine Bücher in meiner kleinen, verstaubten Bibliothek werde ich verbrennen müssen. Denn aus Gleichgültigkeit wird selten Inspiration geboren und so werden all die schönen Worte zu bedeutungslosen Versprechen der Leere.
Aus offensichtlichen Gründen werde ich auch Museen meiden. Ich kann es nicht gebrauchen, dass mir ein Millais oder ein Waterhouse die stupide Idee davon aufdrängen will, was es heißt, für etwas wahrhaftig zu brennen.
Ich möchte meine Großmutter nicht besuchen, um von ihrem bunten Porzellan und von Zuversicht durchfluteten Lachen kein Zeuge vergangener Jahre voller Glück zu werden.
Ich werde nie mehr Sterne sehen, denn den Kopf dem Himmel emporzurecken, wäre an sich bereits ein Akt der Willenskraft, den ich in meiner Teilnahmslosigkeit nicht gebrauchen kann. Meine Scheuklappen, fest und schwarz, erlauben mir nur den endlosen Tunnelblick ins Nichts.
Von Monotonie geprägt, verschmelzen meine Tage somit ineinander, ohne Rücksicht auf andere oder auf mich selbst. Und wenn dann schlussendlich meine Zeit hier verronnen ist, mein Herz stoppt, mein Körper sich langsam zu zersetzen beginnt und ich diese Erde verlassen habe, die mir so wenig bedeutet hat, wird es keine Beerdigung geben. Denn wenn niemand verbleibt, der dir Zuneigung schenkt, niemand, der dir etwas bedeutet, wenn keiner bemerkt, dass du fort bist und dein Leben keinerlei Bedeutung hat, dann hast du im Grunde niemals existiert und ohne deine Existenz gibt es nichts, was man in der Erde versenken, nichts, wovon man sich verabschieden könnte.
Dies wäre er also. Mein präzise durchdachter, bis aufs kleinste Detail ausgeklügelter Plan der Gleichgültigkeit, ein Ideal, erreichbar, wenn da nicht die Sache mit meiner Seele wäre. Zumindest denke ich, dass es meine Seele ist, die mir das Erreichen der absoluten Teilnahmslosigkeit verweigert. Mein Herz ist es nicht, denn, bis auf die Unkenntlichkeit vernarbt und von Gaffer gehalten, legt es selten Widerspruch ein. Niemals hätte ich gedacht, dass sich 21 Gramm so sträuben könnten.
Denn noch liebe ich es zu lesen und habe das Verlangen, Rosen in meinem Garten und nicht in Beton zu pflanzen. Da ist immer noch eine innere Unruhe in mir, die protestiert und interveniert und mich auf diese Weise fühlen lässt.
Ich möchte leben, ein Leben der Gleichgültigkeit und ich hoffe, du tust es mir gleich.
Doch so sehr ich mich auch bemühe, was ich auch tue, die Gleichgültigkeit will nicht an mir haften.
Ophelia J. Krohn
MiGeBli
Da waren es plötzlich drei
Das Gesetz kennt nur ein Gebot: Befolge das Gesetz
Freudentränen
Ich starre auf mein schwarzes Kleid. Links und rechts von mir sitzen ebenfalls schwarze Kleider. Eine warme Hand streicht mir über den Rücken. Du schaffst das schon. Nein. Denke nicht. Ich schüttele den Kopf, dann stehe ich auf und gehe hoch in mein Zimmer. Obwohl die Beerdigung schon seit zwei Stunden vorbei ist, stehen immer noch überall schwarze Kleider. Bei uns im Wohnzimmer, in der Küche, im brütend heißen Garten. Wie ein Schwarm von Krähen. Trotzdem fühle ich mich einsam.
Es kam nicht unerwartet. Er war krank und ich wusste das. Ich wusste nur nicht, wie wenig Zeit uns noch blieb. Wenn ich das gewusst hätte. Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich ihn öfter umarmt, mit ihm geredet, mit ihm gelacht. Ich wäre nicht wütend rausgestürmt, als er mir Hausarrest erteilte. Ich hätte mich freuen sollen, mit ihm in diesem Haus zu hocken und hätte mit ihm Einrührkartoffelbrei kochen sollen. Ich werfe mich auf mein Bett und stoße die Luft aus. Das letzte was ich zu ihm gesagt habe, war ein Fluch. Verdammt, Papa. Dabei würde ich jetzt mich am liebsten verdammen, dafür dass ich die Zeit einfach verrinnen ließ , mich nicht darum bemühte sie zu füllen mit all den verdammten Worten, die ich ihm jetzt sagen möchte. Aber jetzt ist es zu spät.
Wenn ich zurückdenke, erinnere ich mich an Streit und Distanz. Verdammt. Ich versuche den Kloß in meinem Hals herunter zu schlucken. Es klopft. Viel zu leise, aber vielleicht sind auch nur meine Gedanken so laut, dass ich es kaum wahrnehme. Die Tür öffnet sich. Ich bleibe liegen. Mallory. Ich antworte nichts. Sie kommt herein, obwohl ich sie nicht darum gebeten habe. Jetzt steht sie über mir. Guckt runter wie in einen tiefen Brunnen und so fühle ich mich auch. Sie hält etwas in der Hand. Etwas gelbes auf dem schwarzen Kleid. Sie hält es mir hin. Warten. Er hat das für dich hinterlassen. Warten. Wirf es nicht weg. Du würdest es bereuen. Ich nicke stumm und ohne mich auf zu richten. Das schwarze Kleid verlässt mein Zimmer. Die Tür schließt. Ich liege da. Neben mir liegt das gelbe, ausgefranste Notizbuch. Wir atmen eine Weile. Ich atme
kalte, harte Trauer, das Buch noch warme, schmerzhafte Erinnerungen.
Dann reiße ich mich zusammen und schlage die gelben Deckel auseinander. Lose Blätter fliegen mir entgegen und die Zeilen riechen nach Papa. Es ist ein Tagebuch. Ich schlage die Seiten um, bis ganz zum Schluss.
Liebes Tagebuch, heute kam Mallory total geschafft von der Schule. Sie sagte, ich solle aufhören so vor mich hin zu sauern und ich tat so, als würde ich Zeitung lesen. Mallory stand auf und meckerte, dass Zeitung lesen nur für alte Männer sei. Das stimmt, aber ich werde nie wissen, wie es ist, ein alter Mann zu sein. Ich schlug die Zeitung zu, um noch einmal ihr Gesicht zu sehen, das mit feurigen Augen auf mich schießt und erteilte ihr Hausarrest wegen ihren drei Fünfen. Während die Wut in ihr loderte, dachte ich zurück, alten Tage, an ihren Yudokurs, zu dem ich sie immer fuhr und wir gemeinsam zum laufenden Radio sangen, an unsere Mittagessen, bei denen sie sich über ihren Tag beschwerte und ich nur zuhörte, weil mein Tag der totale Mist war, bis sie nach Hause kam.
Jetzt schrie sie: verdammt Papa. Und in dem Moment war ich mir sicher, dass sie es schaffen wird. Da draußen. Ohne mich.
Ich klappe das Buch zu und etwas in mir zerbricht schallend. Tränen strömen mir über die roten Wangen. Die Scherben in mir glitzern in der Dunkelheit und ich muss lächeln, während das alles mich zu ersticken droht. Die Papa-Vase sah von innen ganz anders aus. Ich lege das Buch weg und betrachte die Tränen, die auf mein schwarzes Kleid tropfen. Und ich sehe, dass sie glitzern, weil es irgendwie auch Freudentränen sind.
Miriam K.
Wortleer
Die Wörter sind nachts gegangen. Sie haben ihre Schuhe nicht angezogen. Sie haben die Tür offengelassen. Am Morgen lag die Sprache im Flur, dünn, wie eine Haut, die jemand abgezogen hat.
Ich bin über sie hinweggestiegen.
*
Das Ding in der Mitte hat vier Beine. Ich lege die Hände darauf. Kühl. Glatt. Es steht, als hätte es nie etwas anderes getan.
Eine Frau in Weiss sagt ein Wort. Das Wort fällt auf den Boden. Bleibt dort.
*
Draussen etwas Grosses. Grün. Es bewegt sich, wenn die Luft sich bewegt. Langsam. Als hätte es Zeit für alles, was ich nicht mehr habe.
*
Eine Frau kommt. Nasse Augen. Sie riecht nach etwas, das in meinem Bauch wohnt, tief, am Grund, wo die Wörter nicht hinkommen.
Sie umarmt mich. Weicher Körper. Nasses Gesicht an meinem Hals.
Ich halte still. Warme Luft. Warme Haut. Das reicht.
*
Im Spiegel eine Frau. Weisse Haare. Falten wie Risse in trockenem Holz. Sie hat meine Augen oder ich ihre.
Ich lege die Hand auf das Glas. Kalt. Die Frau legt auch die Hand. Zwischen uns nichts als Kälte.
Ich lächle. Sie lächelt. Zwei Fremde, die sich mögen.
*
Die Frau in Weiss drückt auf meinen Arm. Steckt etwas Kaltes in mein Ohr. Schreibt.
Alle schreiben hier. Alle schreiben über mich. Ich schreibe nicht. Ich habe nichts zu schreiben. Die Wörter sind in der Nacht gegangen und haben nichts dagelassen, nur den Platz, wo sie standen, und der Platz ist still.
*
Die nasse Frau bringt rote Dinge. Klein. Weich. Körner aussen.
Ich halte eines. Rieche. Der Geruch fährt in meinen Kopf und rührt etwas um, ganz unten, im Dunkeln, wo ich nicht hinkomme. Etwas bewegt sich dort. Kurz. Dann wieder still.
Ich beisse ab. Süss. Sauer. Kalt. Mein Mund weiss Dinge, die mein Kopf vergessen hat. Mein Mund war schon immer klüger.
*
Nachts ein Mann in meinem Kopf. Er steht da. Sein Gesicht wie Wasser. Ich greife rein. Es zerfliesst.
Morgens der Platz, wo er stand. Kein Schmerz. Kein Loch. Nur Platz.
*
Zwei Frauen reden. Schnell. Viel. Laute wie Regen auf Blech. Zwischen den Lauten mein Name. Oder ein Wort, das klingt wie etwas, das mir gehört hat.
Die eine weint. Die andere nickt. Ich sitze dazwischen. Meine Hände auf dem Holzding. Draussen das Grüne. Die Luft riecht nach Kartoffeln.
*
Ein Kind. Klein. Laut. Es fasst mein Gesicht an. Fettfinger auf meinen Wangen.
Es zeigt auf das Grüne draussen und macht ein Geräusch. Ich mache das Geräusch nach. Wir lachen.
Das Kind und ich. Wir zeigen und machen Geräusche und lachen. Alle anderen im Zimmer werden still.
*
Der Stoff am Fenster. Er bewegt sich. Jeden Tag schaue ich ihn an. Jeden Tag zum ersten Mal. Er hat Falten. Licht geht durch ihn hindurch. Dünn und hell.
Ich könnte den Stoff stundenlang anschauen. Ich könnte alles stundenlang anschauen. Die Zeit ist gross geworden. Früher war die Zeit klein und schnell. Jetzt ist die Zeit langsam und passt überall rein.
*
Die nasse Frau hält meine Hand. Kalte Finger. Sie drückt fest.
Ihre Hand sagt etwas. Hände sprechen lauter als Münder. Hände lügen nicht. Hände können nicht lügen. Dafür braucht man Wörter.
*
Manchmal geht mein Mund auf und Töne kommen raus. Keine Wörter. Töne. Hoch. Tief. Dazwischen Luft.
Die Frau in Weiss schaut. Alle schauen, wenn mein Mund Töne macht. Als wäre etwas falsch. Aber nichts ist falsch. Mein Mund macht Töne. Die Luft nimmt sie mit. Weg. Das ist alles.
*
Das Licht auf dem Boden. Es wandert. Morgens liegt es beim Holzding. Mittags an der Wand. Abends auf meinen Knien.
Ich schaue das Licht an und das Licht schaut nicht zurück und das ist gut. Nicht alles muss zurückschauen.
*
Ich werde aufhören. Das weiss mein Körper. Mein Kopf weiss es nicht. Mein Körper weiss Dinge, die er mir nicht sagt.
Der Stoff wird sich bewegen. Das Grüne wird stehen. Das Licht wird auf den Boden fallen. Alles wird da sein. Ich nicht.
Das Grüne wird sich trotzdem bewegen.
*
Jetzt. Meine Hände auf dem Holzding. Der Stoff am Fenster. Das Grüne draussen.
Still. Wortleer. Alles da.
Felldenken
Die Katze liegt auf dem Befund. Vier Kilo Fell auf dem Wort Lebenserwartung.
Sie atmet. Das Papier hebt sich. Das Papier senkt sich. Unter dem Fell die Buchstaben. Über dem Fell die Luft. Dazwischen Mau.
*
Mau schaut mich an und in ihren Augen ist nichts. Kein Mitleid. Kein Urteil. Kein Rat. Grünes Glas. Ich schaue hinein und sehe mich nicht.
Bei Menschen sehe ich mich. Im Blick meines Mannes sehe ich eine Frau, die funktioniert. Im Blick meiner Mutter sehe ich ein Kind, das enttäuscht. Im Blick meiner Kollegin sehe ich jemand, der langsamer geht als gestern.
In Maus Augen sehe ich nichts. Das ist das Einzige, das stimmt.
*
Morgens der Napf. Mau sitzt davor. Nicht hungrig. Nicht geduldig. Mau sitzt vor dem Napf, wie ein Stein vor einem Stein sitzt.
Ich öffne die Dose. Das Messer kratzt am Blech. Mau frisst.
Kein Danke. Kein Blick nach oben. Kein Vertrag.
Menschen fressen und lügen. Danke sagen und nicht meinen. Lächeln und zählen. Mau frisst und das Fressen ist das Fressen und sonst nichts. Dahinter ist keine Tür. Dahinter ist kein Zimmer.
*
Die Schulterblätter unter dem Fell. Sie verschieben sich, wenn Mau läuft. Wie etwas, das unter der Haut lebt. Wie Knochen, die ihren eigenen Plan haben.
Mein Körper hat auch einen Plan. Mein Körper baut Zacken in mein Gelenk und frisst den Knorpel und baut und frisst und baut. Mein Körper fragt mich nicht.
Maus Körper fragt Mau nicht. Aber Mau fragt auch nicht zurück. Das ist der Unterschied. Ich frage und der Körper antwortet nicht. Mau fragt nicht und der Körper antwortet trotzdem.
*
Drei Uhr nachts. Mau auf meiner Brust. Ihr Herz schlägt schneller als meins. Zwei Herzen in einem Bett und eines schläft und eines liegt wach und zählt das andere.
Maus Schnurren geht durch meine Rippen. Sechsundzwanzig Hertz. Das ist die Frequenz, bei der Knochen heilen. Das hat jemand gemessen. Jemand hat eine Katze an eine Maschine gehängt und das Schnurren gemessen und eine Zahl aufgeschrieben.
Die Zahl hilft nicht. Das Schnurren hilft.
*
Mein Mann und ich am Küchentisch. Kaffee. Zeitung. Er sagt: Wir müssen reden.
Mau liegt auf dem Stuhl zwischen uns. Auf dem Stuhl, auf dem niemand sitzt. Der Stuhl gehört Mau. Alles, worauf niemand sitzt, gehört Mau.
Wir reden. Eine Stunde. Über die Wohnung. Das Geld. Die Schule. Den Sommer.
Am Ende sagt mein Mann: Gut. Nichts ist entschieden. Alles war vorher entschieden. Mau hat geschlafen. Mau wusste das.
*
Mein Mann liest die Zeitung. Kriege. Mau liegt auf der Zeitung. Auf den Kriegen.
Vier Kilo Fell auf toten Kindern und brennenden Städten und mein Mann zieht die Zeitung unter Mau hervor und Mau bewegt sich nicht und die Zeitung reisst und die halben Kriege bleiben unter Mau und die halben Kriege liegen in der Hand meines Mannes und er liest die halben Kriege und trinkt Kaffee.
Mau schläft auf der anderen Hälfte.
*
Meine Tochter weint. Dreizehn. Ein Wort. Ein Junge hat ein Wort gesagt und das Wort ist in meiner Tochter und meine Tochter blutet nach innen.
Ich sage Sätze. Das geht vorbei. Er ist es nicht wert. Sätze wie Pflaster, die nicht kleben.
Mau springt aufs Bett. Fell an den nassen Arm. Nichts sonst. Kein Satz. Kein Pflaster.
Meine Tochter schläft ein. Mau auf ihrem Arm. Das Fell trocknet die Tränen und das Fell weiss nicht, dass es trocknet, und das ist der Grund, warum es trocknet.
*
Ich lese Bücher über das Loslassen. Zweihundert Seiten darüber, wie man die Hände öffnet.
Mau hat keine Hände. Mau hat Pfoten und die Pfoten greifen und lassen los und greifen und lassen los und die Pfoten haben kein Buch gelesen.
*
In der Nacht schiebt sich Mau unter die Decke. Ihr Körper an meinem Körper. Ihr Fell an meiner Haut. Für drei Minuten bin ich ein Tier. Kein Mensch. Kein Name. Kein Alter. Kein Befund.
Dann wache ich auf und denke und das Tier ist tot.
*
Felldenken. Das Wort gibt es nicht. Ich habe es gemacht. Aus Fell und Denken. Aber das stimmt nicht. Felldenken ist das Gegenteil von Denken. Felldenken ist das, was passiert, wenn der Kopf aufhört. Wenn das Fell anfängt. Wenn vier Kilo auf einer Kommode liegen und die Augen zu sind und die Welt draussen ist und alles beantwortet ist, weil niemand gefragt hat.
*
Mau trinkt Wasser. Ihre Zunge macht ein Geräusch. Schnell. Regelmässig. Wie eine kleine Maschine. Dann hört sie auf. Geht weg. Dreht sich nicht um.
Ich drehe mich immer um.
*
Mau wird sterben. Vierzehn ist sie. Ihre Hinterbeine morgens steif. Vom Stuhl auf den Tisch. Vom Tisch auf die Kommode. Drei Sprünge statt einem. Der Körper wird kleiner. Der Weg wird länger.
Wenn Mau stirbt, wird die Kommode leer sein. Das Licht wird auf das Holz fallen. Kein Fell. Kein Atem. Kein Heben und Senken.
Mein Mann wird sagen: Sie hatte ein gutes Leben.
Aber Mau hatte kein gutes Leben. Mau hatte ein Leben. Ohne Adjektiv. Ein Leben, das lag und frass und schlief und schnurrte und die Augen schloss und die Welt verlor und nicht merkte, dass die Welt verliert, weil Mau nicht mitspielte.
Und das Felldenken wird aufhören. Und niemand wird auf der Kommode liegen. Und das Licht wird auf das Holz fallen und niemand wird es auffangen. Und ich werde stehen und denken und mein Denken wird keinen Boden haben.
*
Mau liegt auf der Kommode. Ich stehe daneben.
Unter Mau das Holz. Unter dem Holz der Boden. Unter dem Boden die Erde.
Unter mir nichts.
Noch Tanz auf meinen Schultern
“Schwester! Lass uns mal kurz reden.”
Meine Schwester nickte nur desinteressiert mit dem Kopf. Sie würdigte mich keines Blickes, starrte weiter auf ihr Handy, als wäre ich nur lästiges Hintergrundrauschen. “Ja, was denn?”, knurrte sie, ohne die Lippen richtig zu bewegen.
“Verschwende nicht meine Zeit“, sagte ich und versuchte, härter zu klingen, als ich mich fühlte. “Ich will nicht nur auf den Gipfel. Wie knacke ich den Jackpot? Sag mir…”
Ihre Lippen verzogen sich zu einem hämischen Grinsen. Sie legte das Handy weg, lehnte sich langsam zurück und musterte mich. Es war dieser Blick, der dir sagt, dass du bereits verloren hast, bevor du das Maul aufgemacht hast. “Was für Träume hast du denn schon, Mausi?”, lachte sie trocken. “Influencer? Halt deine Fresse in die Kamera, und lass dein Becken kreisen.“
Ich unterdrückte meinen Unmut, doch meine Finger zitterten leicht in meinen Hosentaschen. Ich ballte sie zu Fäusten. “Nein, nicht sowas. Das ist nicht mein Traum. Ich meine so jemanden, der echtes Talent hat. Ein bedeutungsvoller Künstler! Die Leute sagen mir oft, dass ich Talent und das gewisse Etwas habe, dass aus mir mal was wird… Ich fühle mich total angesprochen von diesem ‘faulen Genie’-Ding im Internet. Um ehrlich zu sein, melden sich ständig Galerien bei mir.”
Sie sah in meine Richtung, aber sie sah mich nicht wirklich an. Ihr Blick ging durch mich hindurch, ich wurde nicht gesehen. Sie fixierte einen Punkt an der Wand hinter mir.
“Weißt du eigentlich, als was ich dich sehe? Als ein Monster. Ein verdammtes Monster.”
Ich schluckte schwer. Das Wort ‘Monster’ hallte in meinem Kopf wider, aber nicht auf die coole, gefährliche Art.
“Ich dachte, du hättest dir was dabei gedacht, als du sagtest, du nimmst jeden Job an. Aber du bist nur die ultimative Form eines faulen Ehrgeizlings.”
Ich wollte widersprechen, wollte ihm von meinen Plänen erzählen, aber meine Kehle war wie zugeschnürt. Seine Stimme war so ruhig, so sicher, dass mein ganzer Körper unter der Last seiner Wörter nachgab.
“Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl bekommt man niemals geschenkt. Aber Leute wie du leihen sich ihr Selbstvertrauen nicht aus der Gegenwart, sondern aus der Zukunft. ‘Ich mache es zwar gerade nicht, aber wenn ich wollte, könnte ich es.’ Du hast dir dein Selbstvertrauen auf Pump geholt. Und zwar für dein ganzes Leben.”
“Die Leute täuschen sich in einer Sache. Es gibt kein echtes Selbstvertrauen durch Aussehen. Wenn man Komplimente bekommt und bevorzugt behandelt wird, fühlt man sich gut.”
Die Blicke im Club, an das Grinsen im Spiegel, wenn die Haare perfekt saßen. alles wirkte plötzlich wie billiger Plastikschmuck. Glänzend in der Sonne, wertlos in der Hand. Aber hatte ich mich nicht genau deshalb damit behängt? Weil es hübsch war, oder eher, weil ich ohne diese Fassade verdammt noch mal unsichtbar gewesen wäre?
“Dann bildet man sich ein: ‘Ah, ich habe wohl Selbstvertrauen, ich werde es bestimmt schaffen.’ Das ist eine Illusion. Du putzt dich ständig heraus, um dich gut zu fühlen, lässt es dir bestätigen und fühlst dich wieder gut… Aber außer diesem Spielchen kannst du nichts. Keine Unabhängigkeit, kein eigenes Denken. Dein Selbstwertgefühl ist im Keller, aber du spielst den großen Künstler.”
Sie sezierte sogar meine gealterte Zukunft. Sie malte ein Bild von mir, das so hässlich war, dass mir schlecht wurde. Ich sah mich selbst als gebrochenen alten Mann in einer verrauchten Bar, der von Dingen faselt, die er “hätte tun können”.
“Selbst wenn du alt bist, wirst du die Leute mit 99 Prozent deiner Gedanken und deiner Kraft täuschen. Nur die, die dir nahestehen, werden wissen, dass du Abfall bist. Aus lauter Minderwertigkeitskomplexen wirst du wütend sein, weil du glaubst, dass andere dich ignorieren. Und wenn du alt bist, fängst du an, dir Selbstvertrauen aus der Vergangenheit zu leihen. So entstehen sie also, die jämmerlichen ‘alten Säcke’.”
Bei jedem Satz kann ich innerlich nicht zusammenzucken. Ich wollte sie nicht anschreien, dass sie unrecht hat, aber tief in mir wusste ich, dass sie genau die Schwester meinte, die ich mir selbst nie eingestanden hatte.
“Typen wie du werden später ihre Frauen gaslighten und behaupten, sie hätten ihr Leben ruiniert, und wahrscheinlich gehst du auch noch fremd. Check mal deine Lage und sei zufrieden mit dem, was du hast. Oder gib endlich zu, dass es allein deine Schuld ist, dass du wertlos bist.”
Ich konnte nichts sagen. Die Schwere des Schweigens war wie Blei auf meinen Schultern. Ich hielt den Blick nicht mehr aus, drehte mich um und ging weg, fast rennend, als könnte ich ihren Wörtern entkommen. Da traf mich ihr scharfer Ruf im Rücken.
“Hey! Boss ist nicht weggelaufen.”
Ich blieb stehen, mein ganzer Körper bebte vor unterdrückter Wut. “Das mit dem Fremdgehen geht echt zu weit! Das stimmt überhaupt nicht!”, schrie ich zurück, doch meine Stimme brach am Ende fast. Mein Hals brannte, mein Herz hämmerte gegen meine Rippen, aber meine Füße fühlten sich an, als steckten sie im Sumpf. Ich kam nicht weg, nicht wirklich.
Später traf ich meine Freundin. Ist sie nicht die einzige Sicherheit für meine auf Pump gekaufte Zukunft.
“Ehrlich gesagt, wir denken einfach zu verschieden. Schwester und ich, das passt nicht.”, sagte ich und versuchte, cool an meiner Zigarette zu ziehen, während meine Hand immer noch zitterte.
“Stimmt, so wie sie redet, hätte das mit mir auch nicht gepasst.”, antwortete sie sanft. Sie war mein Sicherheitsnetz, aber heute fühlte es sich so an, als würde es unter meinem Gewicht reißen.
Ich versuchte, die Existenz meiner Schwester zu verdrängen und verkündete ihr stolz: “Wenn ich sehe, wie Boss geholfen hat… jedenfalls habe ich die Akademie geschmissen. Diesmal ziehe ich es richtig durch. Selbst wenn am Ende kein Ergebnis steht, hat der Versuch doch einen Wert!”
Sie flüsterte mir wie immer sanft zu, strich mir über den Arm: “Ich sage es dir immer wieder… ich glaube, dass du alles schaffen kannst, was du willst. Wer Träume hat, ist an sich schon gesegnet.”
Plötzlich regte sich ein seltsamer Widerstand in mir. Ihre Sanftheit widerte mich an, weil sie mich an meine eigene Schwäche erinnerte. Ich wollte keine Streicheleinheiten.
“Nein, darum geht’s nicht. Diesmal will ich einfach ein Ergebnis… Ach, vielleicht auch nicht… Tut mir leid, aber du verstehst das nicht. Du hast ja keine Träume.”
Ich sah, wie der Glanz in ihren Augen für einen Moment erlosch. Sie hielt kurz inne, sah mich an antwortete: “Stimmt, zu 100 Prozent werde ich es wohl nie verstehen.”
Zurück in meiner Bude legte ich mich auf das feuchte Bett. Der Geruch nach kaltem Rauch hing im Raum. Die Decke starrte mich an wie ein riesiges, leeres Loch, das mich langsam einsaugte. Aber wie soll ich die Leute einholen, die sich ständig angestrengt haben? Hat das überhaupt einen Sinn? Ich glaube, verdammt noch mal, nein. Ach, Scheiße… sogar Zocken macht keinen Spaß mehr… ich dachte, Videospiele würden mir ewig Spaß machen.
Alle Reize der Welt wurden schal. Meine Illusionen, die einst wie Silbermünzen geglänzt hatten, drückten mich nun wie verrostete Eisenklumpen nieder. Ich war pleite. Geistig, finanziell, moralisch.
“Läuft heute Fußball?…”
Ich brauchte Ablenkung, irgendwas, damit ich nicht über mich selbst nachdenken musste. Wieder tauchte das Gesicht meiner Boss auf. Nein, eher ihr Erfolg. Die Tatsache, dass sie ihr Leben im Griff hatte, während ich im feuchten Bett meiner Lügen lag.
“Ich wusste auch, dass ich scheitern würde… Boss ist schlau, hat einen super Abschluss und jetzt hat sie auch noch Geld. Und was bin ich?”
Ich starrte auf meine Hände. Sie waren sauber, keine Schwielen, keine Farbe, kein Schmutz. Sie hatten nie wirklich gearbeitet. Sie hatten nur versucht, nach Dingen zu greifen, die mir nicht gehörten. Summen… Dröhnen im Kopf… Es wäre noch mal besser gewesen, das alles nie gewusst zu haben. Na und? Na und.
Ohne Wertung
Als sie aufwachte, war die Welt um sie herum und in ihr anders als den Abend davor, der sie zittrig und erschöpft in einen traumlosen Schlaf hatte fallen lassen. Die Erde rotierte täglich weiter, und doch fühlte sich Ellas Verstand an, als wäre eine 180-Grad-Drehung endlich zum Stillstand gekommen und präsentierte ihr die Umgebung und die Emotionen in ihrem Rohzustand, ohne Einbuße und Manipulation von außen. Sie nahm eine Brille ab, von der sie nicht wusste, dass diese sich überhaupt auf ihrer Nase verankert hatte. Aber nun, wo sie das Gewicht nicht mehr spürte, die roten Abdrücke auf ihrem Nasenrücken nur noch Erinnerungen und keine Gewissheit mehr waren, konnte sich Ella nicht erklären, wie sie die letzten dreißig Jahre mit einer verzerrten Linse durch ihr Leben blicken konnte und zu glauben vermag, das wäre die Realität.
Denn das war sie nicht. Das wurde ihr schlagartig bewusst, als sich der Unterschied in einer Farbenpracht kristallisierte. Gab es vorher nur einen schwarzen, von der Gesellschaft, und einen weißen, von der Sozialisation, gefärbten Film, leuchteten die unterschiedlichsten Nuancen in einer Bandbreite an Intensitäten vor ihr, sodass jede Künstlerin und jeder Künstler bei der Anzahl an Farbtupfern neidisch erblassen würde.
Ella lachte bei der Vorstellung leise in sich hinein und spürte die Vibration, die das angenehme Gefühl in ihr auslöste. Sie warf ihre Beine über die Bettkante und ihre nackten Füße spürten die Mischung aus Krümeln und Staub auf dem Parkett. Das Leben und ihr vollgestopfter Kalender, der von Terminen, Notizzetteln und Rechnungen überfüllt war und neben all den wichtigen Erinnerungen keinen Freiraum mehr ließen, waren ein einziger Takt, den es zu befolgen galt. Ein morbider Tanz aus Erwartungen, Normen und dem Bedürfnis, der zu werden, denn die Gesellschaft in einem zu sehen vermag. Ella hatte sich oft gefragt, in den kurzen Momenten an der Bushaltestelle oder den ewig andauernden Sekunden vor dem erlösenden Schlaf, was schwerer auf ihrer Brust saß und sie zu erdrücken schien: die Musik oder das plötzliche Ausbleiben. Denn bei einem Takt war die Zielgerade genauso ersichtlich wie die nächsten Anschläge des verstimmten Instruments. Konnte der Tod das Ziel eines unerfüllten Lebens sein? Und was zählte am Ende wirklich, wenn die Pseudokalendersprüche abgerissen, die Zeitungsweisheiten durch die aktuellere Broschüre ersetzt und die Motivationsreden in den Köpfen der zahlenden Kunden verblasst waren?
Früher wälzte sich Ella in den Gedanken, dass das Nacheifern der abgemagerten Figur und das Streben nach mehr Geldscheinen, die die gerodeten Waldgebiete bedecken könnten, ein Loch in ihr stopfen würde, das es selbst aufgerissen hatte. Aber früher war gestern und heute schienen die vergangenen Stunden sich wie ein Leben auszudehnen.
Ella ignorierte das Knirschen unter ihren Füßen. Es war lediglich ein Zustand, keine Wertung, die in der Maschinerie des Lebens fest verankert war. Manchmal brauchte es keine Ermutigungen, Ausreden oder Erklärungen. Manchmal war es okay, dass etwas war, wie es war.
Sie legte den Kopf schief, als sie ihren Vorhang lüftete, um die Welt mit ihrem Sonnenschein und Schatten zu begutachten.
Ein Nagen, tief verbunden mit ihrem Herzen, ließ sie zusammenzucken. Es war, als ob ihr Körper versuchte, das Ungleichgewicht zwischen diesem und dem Geist herzustellen. Routinen und das Muskelgedächtnis verwandelten Ella in den Roboter, von dem sie sich durch Affirmationen, Belohnungen und ein Lächeln, das wie ein Brandmal auf ihrem Gesicht thronte, täglich befreien musste.
Liebe dich selbst klingt so lange positiv, bis der Zwang eine Lüge bedeckt.
Werde die, die du schon immer sein wolltest, ist bis zu dem Punkt motivierend, bis sie ihr eigenes Spiegelbild durch die stetigen Veränderungen und Anpassungen nicht mehr erkennt.
Alles wird gut entspricht nur dann der Wahrheit, wenn du diejenige bist, die das Kapitel beendet und das Buch schließt.
Ein Sonnenstrahl, so fein, dass es fast poetisch sein könnte, hinterlässt auf Ellas ein warmes Gefühl des Verständnisses.
Es ist nicht alles gut. Wie sollte es in einer Welt aus Menschen auch sein, die täglich ihre Emotionen und Gedanken durch trübe Augen durchblitzen ließen?
Es ist nicht alles schlecht. Wie sollte es auch sein, wenn das freudige Lachen die Straßen erhellt und die kleinen Gesten des Miteinanders sich an den Händen der Menschen schmiegen?
Zwischen Extremen, den unterschiedlichen Stadien einer Batterie und dem Bedürfnis nach Kontrolle engt sich der Mensch selbst ein, in der Hoffnung, Luft zum Erfüllen von unmöglichen Verlangen zu erhalten.
Der Morgen schenkte Ella einen Spalt, der es ihr ermöglichte, aus ihrem eigenen Käfig zu entkommen, der aus ihren Rippen und den Sprossen ihres Babygestells in ein umschließendes Gefängnis verwandelt worden war. Sie konnte den Windhauch auf ihrer Wange spüren, sie konnte durch die Stäbe in die Freiheit blicken, aber einen Schritt aus dem Käfig, dessen Schlösser sie täglich selbst erweiterte, zu machen, war ein Akt der Unmöglichkeit.
Sie wusste nicht, wie die Tür geöffnet worden war, aber es erschien ihr so leicht, dass sie sich fragte, ob sie sich selbst eingeschlossen hatte. Der Gedanke kam, fegte durch ihren Kopf, setzte sich auf ihre Zunge und verschwand, ehe sie diesen schlucken konnte.
Es war bloß ein Gedanke.
Ella blickte in die Ferne, musterte die Häuser und das Farbenspiel der Natur.
Schatten. Licht. Sie akzeptierte die Tatsache ebenso unbeteiligt wie die Krümel auf dem Boden, die sich in ihre Haut schmiegten und ihre Existenz verdeutlichte.
Morgen würde sie der Umgebung vielleicht wieder eine Wertung andichten, die sie antrieb und zerstörte. Morgen würde sie vielleicht dem Gespenst der Positivität nachjagen, um sich vor dem wahren Gesicht zu erschrecken.
Aber morgen ist nicht heute und jetzt ist einfach jetzt.
Training für ein größeres Verbrechen
Mit seinen gierigen Langfingern
kann man es ihm nicht übelnehmen,
wenn es wieder passiert,
sowie Säuglingen, die mit Flammenwerfer-Händen
nach einer Genmutation
das städtische Wäldchen abfackeln.
Demnach lässt sich fragen,
ob man ist, was man ist,
oder ob man als Mensch
das nutzt, was einem gegeben wurde.
Er, mit seiner Finesse,
klaut, als wären seine Finger abgestimmt
eingegossen,
klaut, als wäre er dafür bestimmt,
Negativräumen zu erschaffen,
klaut, als wäre er verantwortlich dafür,
Menschen in ihren Wohnungen
wundern zu lassen,
ob da nicht doch einmal etwas stand,
etwas, das dem Herzen nah kam.
Doch bei einem Menschen dieser Art
gibt es immer ein Oberziel,
von dem sie niemals sprechen,
niemals schwärmen,
niemals auf Kreidetafeln verkünden.
Da fragte ich mich,
wofür trainiert er
mit jedem entrissenen Lutscher,
jeder heruntergezogenen Perücke,
den Münzen im Wunschbrunnen,
die er in seiner gestreiften Badehose
elegant entwendet.
Und unabhängig davon,
ob man den Kontakt verliert,
bleibt stets die Frage,
was solch ein Mensch denn tut
an sonnigen Tagen,
wenn der Ventilator streikt,
an Freitagen mit Flimmerschädel.
Die Optionen waren vielfältig
und doch nie gewiss,
als ich eines Nachts
mit meinen zwei französischen Bulldoggen
Koji und Gustav
spazieren ging,
da machte es auf pechschwarzen Straßen klick —
Ein Gedicht
Sonne über der Stadt
die Straßen sind aus Gold
und die Sprache der Gärten
ist ein zeitloses Buch
sie prüft ihre Welt
und schließt den Zorn
ich wohne in einem Wendepunkt
Metamorphose und Bedeutungsverlust
wildern in den Herzen
niemand bleibt
im Regen bin ich einfach aufgelöst
Hammi der Hamster
Sammelpunkt der Verlorenen
Ich falte die Wäsche. Mein früheres Ich steht daneben und betrachtet mich kritisch.
Es: „Oh Gott.“
Zum Glück hat es die Berge aus Schmutzwäsche im Bad nicht gesehen.
Es: „Was ist das eigentlich für ein Sockenhaufen?“
Ich: „Ach, das sind die Suchenden.“
Es: „Hä?“
Ich: „Na stell dir das hier als Sammelpunkt für Socken vor, die auf tragische Weise ihren Zwilling verloren haben. Sie sind hier und warten voller Hoffnung – und leiden natürlich. Aber das Gute ist: Sie sind nicht allein. Sie können einander zuflüstern: ‚Das wird schon‘ oder ‚Ich bin auch da.‘“
Es: „Und wieso liegen sie hier im Wohnzimmer auf dem Sofa und nicht im Schrank?“
Ich: „Im Schrank bei den anderen glücklichen Paaren? Das ist ja, wie als Single zu einer Hochzeit zu gehen.“
Es: „Wie kannst du nur so leben?“
Ich: „Komm, setz dich mal zu mir und schließ die Augen. Ich zeige dir einen Film.“
Also gut. Film ab.
Als Schwangere beobachte ich oft naserümpfend andere Eltern.
Ich habe viele Ambitionen und eine lange Liste davon, wie eine gute Mutter zu sein hat:
Eine gute Mutter lässt sich nicht gehen.
Eine gute Mutter hält die Wohnung stets sauber und sorgt für Gemütlichkeit.
Eine gute Mutter wickelt ihr Baby in Stoffwindeln.
Eine gute Mutter stillt.
Eine gute Mutter kocht Babybrei selbst.
Eine gute Mutter ist immer auf alles vorbereitet.
Eine gute Mutter schreit nie ihr Kind an.
…
Und dann passiert das Leben.
Ein High-Need-Kind. Dann das zweite. Nächte mit bis zu sechzehn Mal Erwachen. Ein Körper, der gebraucht wird.
Immer.
Ich fühle mich, als wäre ich in kurzer Zeit um Jahrzehnte gealtert.
Solange mein Mann an der Arbeit ist, bestehe ich aus drei Menschen. Aus mir – und zwei anderen, die an mir kleben, hängen, an mir saugen und mich ab und zu verdammt schmerzhaft beißen. Aua.
Ich habe keine Zeit zu essen. Richtig zu essen – mit Kauen und Schlucken und vielleicht sogar etwas zu trinken.
Deswegen sitze ich auf dem Klo und versuche, Backsteine aus mir zu pressen, und weine dabei, während zwei schöne Augenpaare mich taxieren.
Manchmal ist der Weg zum Supermarkt mein einziges Stück Freiheit.
Ich in Bewegung.
Ich.
Einfach nur ich.
Und nicht Quasimodo mit zwei Buckeln.
Wenn ich beim Einkaufen auf ein bekanntes Gesicht treffe, bin ich nicht mehr in der Lage, mit „gut“ zu antworten auf die Frage, wie es uns denn geht.
Uns, uns, immer nur uns.
Ich mache mit der Hand lediglich diese Achterbahnbewegung.
Dann fehlt mir dazu die Kraft, und ich sehe das Gegenüber an und versuche, die Tränen zurückzuhalten.
Irgendwann melden sich auch keine Tränen mehr, und ich schaue das Gegenüber nur noch an, mit diesem leeren, glasigen Blick.
Manchmal stelle ich mir vor, wie es wäre, ein körperloser Geist zu sein.
Kein Hunger.
Keine Müdigkeit.
Keine Angst.
Einfach frei.
Dieser Wunsch lässt mich nicht mehr los und wird zu meinem ständigen Begleiter, bis eine Stimme in meinem Inneren sagt: Julia, es wird Zeit, etwas zu verändern.
Nach einem Klinikaufenthalt und einer Menge Seelenarchäologie musste ich einsehen, dass diese Liste nicht mal als Klopapier taugt und mein Leben dringend mehr „Hakuna Matata“ braucht.
Black.
Abspann.
Ich stehe auf und räume eine Tischdecke in den Schrank.
Es: „Bügelst du das alles nicht vorher?“
Ich (lachend): „Ach, komm her, lass dich umarmen.“
Verzichte
Gummibär
Stell dir vor du stehst im Bad
mit Zahnbürste bewaffnet und
hängst Handtuch über Spiegel
gute Nacht Fratze im Dunkeln und
du kriechst unter Zimmerdecke unter deine Daunendecke hältst dir deine Ohren zu
rührst in Bauchweh bis du dann
zerläufst, deine Kanten, Rippen,
kaffeefilterweich
Schlagschatten
pusten Watte und du
wirst oval in blau und
Treppenstufe
tropft
Gummibär schwebt in Wasser
Bumm die
Schwärze kurzentschlossen, kurzgeschlossen.
Mensch ist nicht mehr eingezäunt.
Kopf dreimal im Kreis, abgeschraubt.
du, du – Rost in Cola. die Milchstraße.
Kiesel unter Backsteinbrei.
Verschwommen im
Nie
Ist friedlich
Der Mensch, der nichts zu glauben hat
Der Mensch, der nichts zu glauben hat,
Wie viel er frisst, nie ist er satt.
Der Mensch, der nur nimmt, was er sieht,
Nie weiß er ganz, wie ihm geschieht.
Und jener, der an sich nur denkt,
Er nimmt nicht an, was ihm geschenkt,
Zu sehr geht ihm vermeintlicher Gewinn,
Statt was er hat, stets durch den Sinn.
Und alles, was er nicht erhält,
Ob Ruhm, ob Liebe oder Geld,
Scheint ihm gestohlen von der Welt.
Und freut er sich für kurze Zeit,
So ist der nächste Wunsch nicht weit,
Und neuer Hunger macht sich breit.
Hat er doch alles sich verdient,
So er nur tut, wie’s sich geziemt,
Die Arbeit schimpft und dennoch schaƯt
Bis ihn sein Tun dahingeraƯt.
Und an allem, wofür er gegraben,
Wird sich statt ihm, der nächste laben.
Was bleibt ihm noch, wenn alles ihm geraubt,
Dem Menschen, der an nichts mehr glaubt?
Andreas Allesch
Adieu mein Freund
Du wolltest
immer wissen
wer ich bin,
jetzt weißt du
nicht mal
wer ich war.
Ich wusste
nicht zu dir
zu kommen,
jetzt weiß
ich nicht
wohin.
Auf bestem Wege
Der Boden unter meinen Füßen
bekommt Flügel,
die Realität hebt ab,
die Gedanken schweben,
ein Gefühl von Überheblichkeit,
ich steh drüber,
ich steh über der Wirklichkeit,
ich steh über mir,
ich steh über allem
im Leben,
ich stehe über den Menschen im Leben,
der Mensch in mir jedoch
daneben.
Stimmen im Schnee
Die Spuren
von Tatzen
wie Flocken
im Schnee
so leise
und sanft
so selig
und vier
die Spuren
darüber
wie Schollen
auf Eis
so laut
und schroff
so zwei
von mir
Gegenstandslos
Ein paar Tische
im Raum,
die Stühle
jeweils gleich verteilt.
Die Tische,
die Stühle
in zwei Reihen
angeordnet.
Am Ende einer solchen
sitze ich,
auf einem dieser Stühle,
an einem dieser Tische.
Da sitz ich nun,
in dieser Symmetrie,
in dieser Einheit,
in diesem Bild.
Ein Mann tritt herein,
geht auf uns zu,
bleibt stehen,
sieht sich um.
Ein paar Tische
im Raum,
die Stühle
jeweils gleich verteilt.
Die Tische,
die Stühle
in zwei Reihen
angeordnet.
Am Ende einer solchen
sieht er mich,
auf einem dieser Stühle,
an einem dieser Tische.
Da sitz ich nun,
die Symmetrie gebrochen,
die Einheit verletzt,
das Bild zerstört.
Wendestelle
Lebensläufe
Meine Welt in der Superposition
Der Spiegel zeigt, wer ich bin.
Die Lüge beschreibt, was nicht stimmt.
Die Wahrheit sagt, was wahr ist.
Ich weiß alles und gar nichts.
Ich suche nach dem Sinn des Lebens.
Es ist, wie es ist.
„Du findest eh nichts“
sagt der Nihilist.
Meine Welt steht in der Superposition,
bis sie mir sagen:
„Guck mal, das ist so.“
und „Das sind die Namen.“
Erfolg ist die Konsequenz von harten Arbeitszeiten
und wer was wollte, jeder Mensch kann das erreichen.
Leid sollte vermieden und Glück sollte gesucht werden,
ich weiß nicht, was mir bliebe, wenn ich’s nicht versuchen würde.
Ich frage nach diesem Sinn,
es muss doch einer stimmen.
Der Pfarrer sagt: „Mein liebes Kind,
schau hoch nur in den Himmel.“
Meine Welt steht in der Superposition,
bis sie mir sagen:
„Guck mal, das ist so.“
und „Das sind die Namen.“
Der Lehrer lehrt mich, was ich lernen sollte
und jeder rät mir, was ich gerne wollte.
Ich tue, was man eben tut,
oft Gutes, denn dann ist das Leben gut.
Es gibt für alles klare Worte,
nur die Frage nach dem Sinn
liefert mehrere Antworten.
Wie soll ich ahnen, welche stimmt?
Mutterliebe
Die Frau
Durch eine Einkaufsstraße hasteten die Menschen. Die Sonne ließ den Pflasterstein und die paar Bäume strahlen. Die Straße wirkte verträumt, doch die vielen einkaufenden Menschen, die sich durch die Straße drängten erweckte sie
zum Leben. Eine Frau fiel besonders auf. Sie ging langsam mit leichten Hops Bewegungen, an den Geschäften vorbei. Manchmal schloss sie die Augen, nahm einen tiefen Atemzug und spürte die wohlige warme Sonne auf ihrer Haut. Ein paar
Leute schauten sich nach ihr um. Manche grinsten belustigt, andere warfen ihr irritierte Blicke zu. Sie schien das aber gar nicht zu beirren. Sie ließ sich weiter einfach ohne Ziel treiben, während ihre Mitmenschen sich von einem Laden zum nächsten hangelten. Nach einer Weile blieb die Frau genau zwischen zwei Schaufenster stehen. Neben ihr standen zwei junge Frauen, die gerade für die Tasche im Schaufenster schwärmten. „Ich wünschte ich hätte mehr gespart, um mir die Tasche leisten zu können. Meine Kolleginnen würden mich damit so beneiden“ schwärmte die eine, ohne den Blick von ihrer Sehnsucht zu lassen. Doch die besondere Frau schaute nicht in das Schaufenster sondern begutachtete einen Fassadenriss direkt daneben, aus dem eine Ameisenstraße heraus krabbelte. Die Sonne ließ die Ameisen leuchten. Sie nahm eine auf die Hand und lachte.
„Geht es ihnen gut?“ erkundigte sich die junge Frau bei der Dame. Sie schien etwas besorgt. Die Dame wandte ihren Blick von der Ameise, die über ihre Hand flitze und schaute ihr direkt in die Augen. Auf eine Art und Weise die nicht gewöhnlich war. Es war so, als würde die Frau sie nicht nur anschauen, sondern in sie hinein schauen. Der durchdringende Blick verunsicherte sie, sie war sichtlich überfordert. „Ja.“ Antwortete die Frau. „Komm lass sie. Die ist bestimmt betrunken oder auf anderen Drogen“ flüsterte die Freundin ihr zu. Daraufhin wandten sich die Mädels ab und warfen ihr noch kurze verurteilende Blicke zu. Die Dame widmete sich wieder den Ameisen. Nach einer Weile brachte sie die Ameise wieder an ihren Platz und ging unbeirrt weiter.
Die Menschen drängten sich mit ihren Einkaufstaschen an ihr vorbei. Ein telefonierender Mann rempelte sie an, „Steh doch nicht im weg rum!“ rief er ihr im Weitergehen zu. Die Frau schaute ihm mit etwas aufgerissenen Augen nach. Doch ihr Blick wurde schnell wieder wie vorher. Diese Unbeschwertheit. Der Mund zufrieden nicht am grinsen aber auch nicht ernst. Sie setze ihren Weg einfach fort, bis sie auf einer Bank Platz nahm. Neben einem Blumenbeet unter einem blühenden Kirschbaum. Dieser surrte, voller fleißiger Bienen. Ihre Augen geschlossen. Sie atmete mehrfach tief durch die Nase. Ihre Hände lagen locker neben sich auf der Bank, die Schultern hingen locker herunter. Fast so, als wäre sie einen Moment ganz da. Neben ihr hatte ein Mann Platz genommen, vertieft in seinen TikTok Feed. Sein Blick sah emotionslos aus, immer wieder glitt der Daumen mechanisch über das Handy, ab und zu lachte er. Aber nur kurz. Mittlerweile hatte sie ihre Augen geöffnet und ihren Sitznachbarn registriert. Sie schaute von weitem in sein Handy und nahm an ein paar swipes in seinem TikTok feed teil. Er nahm ihr Interesse gar nicht wahr. Dann wanderten ihre Augen langsam durch die Einkaufsstraße, glitten an den Leuten, den Schaufenstern, den Bäumen entlang, bis hin zu den Bienen, die in dem Blumenbeet neben ihr von Blume zu Blume surrten. Ihre Augen strahlten während dessen.
Nach einer Weile stand sie auf und setzte ihren Weg fort. Ihr Strahlen verging und ihr Gesicht nahm wieder die natürliche aber nette Neutralität an. Manchmal schlug ihr Gesichtsausdruck in Neugier um. Als z. B. ein paar Straßenkünstler etwas Aufführten. Dann schaute sie wieder neutral. Ab und an blieb sie wieder stehen, nahm einen tiefen Atemzug und ließ die Sonne ihr Gesicht wärmen. In diesen Momenten lag wieder ein Lächeln auf ihren Lippen, ihr Körper war ruhig, ihre Schultern hingen locker herunter. Manche Leute schauten irritiert, andere schauten sehnsüchtig, als würden sie sie beneiden. An einer Straßenecke war ein kleines gemütliches Café. Ihr Blick schweifte über die Besucher, die draußen an kleinen Tischen saßen. Kellner eilten von drinnen nach draußen. Ein paar Spatzen flatterten umher in der Hoffnung, an etwas Leckeres zu geraten.
Abseits am allerletzten Tisch saß eine Frau, schwarze lange Haare, im gleichen alter wie sie. Ihre Blicke trafen sich. Die schwarzhaarige Frau winkte ihr zu, während sie sich selbst ein zaghaftes Lächeln entlocken konnte. Sie lächelte mit
ihrem besonderen Lächeln, fast Lachen, zurück, während sie zu ihr ging. „Hey, das ist eine Überraschung, begrüßte die Schwarzhaarige sie. „Hallo, Anna“ erwiderte die Frau. Sie setze sich zu Anna dazu. Annas Augen waren ganz rot, die Augenlider schwer, die Lippen leicht geschwollen. Sie wischte sich mit dem Taschentuch noch die letzten Tränen verlegen weg. „Entschuldige, peinlich, ich weiß“. Die Frau schaute sie mit ganz ruhigen, wachen Augen an, der Mund ganz weich. Sie gab direkt Geborgenheit. Anna bemerkte das und wurde ruhiger. „Was ist passiert?“ fragte sie Anna. „Mein Mann,“ begann sie, während sie sich sichtlich zusammenriss, nicht erneut zu weinen. „Er hat mich betrogen. Schon seit einem halben Jahr. Er lügt mir die ganze Zeit ins Gesicht. Ich blöde Kuh bemerke es nicht. Wie konnte er mir das antun?“ Sie schaute die Frau mit großen Augen erwartungsvoll an, während ihr erneut Tränen über die Wangen liefen.
Sie legte ihre Hand sanft auf Annas und spendete ihr ihren wärmenden, tröstenden Blick. Annas Atmung wurde abrupt ruhiger. Sie begann sich zu entspannen und ließ sich einen Moment fallen. Doch dann kam die Anspannung zurück. „Hast du dazu nichts zu sagen?“ Wie findest du das denn, was er mir angetan hat? Ist dir das egal? Wir haben doch unsere gemeinsame Firma. Wie soll das denn gehen? Er ist so ein Arsch!“ „Ich bin da“, antwortete sie etwas irritiert. „Sag mal, bist du gar nicht auf meiner Seite? Was bist du denn für eine Freundin? Mir gehts beschissen und du hast mir nichts großartig zu sagen? Du bist echt kalt und egoistisch. Weißt du das? Du interessierst dich gar nicht für deine Freunde! “ Empört und enttäuscht packte sie ihre Sachen zusammen. Legte das Geld für den Kaffee auf den Tisch und ging davon.
Die Frau schaute ihr mit offenem Mund und großen Augen hinterher. Sie kratze sich am Kopf. Dann verließ sie ebenfalls das Café. Sie sah ein Kleinkind, das von Bodenplatte zu Bodenplatte sprang. Dabei lachte es mit diesen typischen Kinderaugen, strahlend voller Begeisterung, ganz in dem Moment. Es war ihm egal, was um ihn herum passierte. Die Frau begann ebenfalls zu lächeln, als sie den Jungen sah und sprang mit ihm gemeinsam von Platte zu Platte. In ihren Augen lag ein und dasselbe Leuchten wie in den Augen des Jungen. Sie strahlten sich beide aus vollen Herzen mit einer Wärme und Leichtigkeit an. Es war, als wären die Zwei auf einer ganz anderen Ebene verbunden. Der Moment hielt nicht lange an, da die Mutter ihren Sohn zu sich rief. Er winkte der Frau mit seinem Strahlen zum Abschied zu und eilte zu seiner Mama. Sie schenkte ihm noch einmal ihr Lächeln. Dann setze sie ihren Weg fort. Die Einkaufsstraße neigte sich dem Ende zu. Sie bog von der Einkaufsstraße ab in eine kleine Seitengasse. Das Gefühl, was sie verbreitet hatte, hallte noch eine ganze Weile in dieser Straße nach. Es war so, als wäre sie ganz bei sich. Bei jedem einzelnen Atemzug.
I don‘t give a fuck
die amsel singt nicht für die welt
sie singt für sich selbst
wir liegen ganz unten, gebrochene flügel
asche unserer träume
hast du von unserer qual gehört
ein glitschiger aal um den hals
der druck senkt sich leise
nimmt luft zum atmen, raum zum küssen
was wir wissen müssen
sei längst gewusst
wollen uns selber sehen
sehnen uns nach verbundenheit
sind wir noch gemeinsam
wenn schon längst allein
wie den tag füllen in suchender verzweiflung
wie groß sind die schmerzen
wenn niemand hört, niemand sieht
zwischen stein und stirn
liegt nur dein wille
ein ende zu finden
die realität im scheitern begründet
die donau mündet im schwarzen meer
die wilde weite welt
verschlingt mit müdem maul
meine zum tot erweckten münder
leben zum ersten mal
leben zum letzten mal
der anfang war von beginn an das ende
folge mir, sprich mit mir, schlaf mit mir
i don‘t give a fuck
waren niemals zuhause
werden niemals sein
haben wir auf die erlösung gewartet
einsame tränen, begrabene hoffnung
die seele versinkt im tiefen ozean
wo ist mein whiskey, wo bist du gott
die nacht mal smaragdgrün
jetzt ein labyrinth der schwärze
wissen, dass wir nichts wissen
unter der goldenen sonne
verloren gegangen
endloses meer, endlose sterne
ich dachte, ich wüsste
wo der horizont endet
der himmel fällt ungebremst
weltbild erschüttert
bricht, bröckelt, scherbenhaufen
kein hafen, nur schmerzen
welke blätter fliegen sachte
wir fallen durch albträume
tragisch, dramatisch
aussichtslos, absurd
doch in der nacht lächelt die freiheit.
Eine dysfunktionale Familie
Die Frau und die Leere
Die Frau saß auf ihrem Bett und betrachtete die Leere zwischen den Dingen. Sie mochte die Leere, sie fühlte sich beruhigend zwanglos an.
Die Leere wiederum sah die Frau an. Sie mochte die Frau, sie fühlte sich wie Etwas an.
Die Leere war neugierig und deutete der Frau, zu sich zu kommen.
Die Frau stand auf und tat einen Schritt auf die Leere zu. Sie hielt kurz inne, sah sich noch einmal die Dinge in dem Zimmer an, dann betrat sie die Leere. Einzutreten war ein seltsames Gefühl. Die Frau fühlte Eigenschaften von sich fallen, sie fühlte sich nackt, nein, sie fühlte das Fehlen des Etwas.
Die Frau betrachtete einen Moment lang ihre Hände, sah an ihrem Körper hinab bis zu ihren Füßen, wie um zu kontrollieren, ob diese noch da waren. Sie kam zu dem Schluss, dass sie es nicht genau wusste.
War sie Leere geworden?
Und wenn es so war, machte es einen Unterschied?
Die Frau betrachtete nun ihre Umgebung. Die Umgebung war mit mehreren Etwas gefüllt. Was diese waren, konnte sie nicht sagen.
Oder wollte sie es nicht?
War die Umgebung hell oder dunkel? Schwarz-weiß oder farbenfroh? Die Frau beschloss, dass es keinen Unterschied machte, und ließ die Gedanken liegen.
Die Frau atmete tief ein und wieder aus. Sie ließ sich von der Leere durchströmen.
Wieder dieses beruhigend zwanglose Gefühl.
Die Frau betrachtete die Leere.
Die Leere betrachtete die Frau.
Sie lächelten sich zu und ließen sich gemeinsam ins Nichts fallen.
Das Experiment
Ich und Nicht-Ich
Wie ein Fels steht es da,
scheinbar unbeeinflusst von den Gedanken.
Doch wie wird es morgen sein,
wenn wilde Ängste in mir ranken?
Ich schau‘ ihnen nicht ins Gesicht,
ich setz‘ der Wahrheit Schranken.
Zu enge Schranken ließen das Ich erkranken,
Gefühle und Gedanken ertranken,
der Fels geriet ins Wanken,
stürzte ins Meer des Unbewussten,
in das die Gedanken sanken.
Jetzt bin ich wieder da,
dir und deiner Liebe möchte ich danken.
zeiten ziehen blank
zeiten ziehen blank
und pronomen
krallen sich fest in
offenen mündern
schreien nach halt
fallen frei
sonnen sich in
regenbögen
mit allen die mögen
und meins erstrahlt
in neuem glanz
in mir füllt mich
bis oben hin mit fragen
was fremd scheint
schämt sich nicht
und an den rändern
offenbart sich
alle schönheit
trotzdem
es werden tage sein
andere und trotzdem solche
es werden leben sein
sterbende und trotzdem gebärende
und wir werden feiern
und trotzdem weinen
wir werden schillernde fäden spinnen
und uns in ihren labyrinthen verfehlen
der steinerne adler wird
ungerührt über uns wachen
stummer zeuge
der weiß wie
zukünfte sich über
leben stülpen
trotzdem
ICH HÖRE STIMMEN
IIIIIIIIICHHHH HÖÖÖÖÖRE STIIIIIIMMMMEN
MUSS DAS NICHT
MUSS DAS NICHT
IIIIICH HÖÖÖÖÖÖRE STIIIIIIMMMMMMEN
IN MIR SAGEN
kLAGEN
fRAGEN
mÄRCHEN
sAGEN
WAS WOLLEN DIE VON MIR
WAAAAAS WOOOLLLLEN DIE VOOOOON MIR
IIIIIIIIICHHHH HÖÖÖÖÖRE STIIIIIIMMMMEN
WAS HABEN SIE MIR ZU SAGEN
WAS HABEN SIE MIR SCHON ZU SAGEN
wir übersehen einzelheiten
konzentrieren uns auf den lichteinfall
ein fall für eliminierung
ist symmetrie auf die spitze getrieben
von drittelregeln
abstrahierungshimmel verdunkeln nicht
wo bleibt der reim
stab kreuz quer unreim
MIR DOCH EGAL
HÖREN SIE
MIIIIICH STÖÖÖÖÖÖREN STIIIIIIMMMMMMEN
HORCH WAS KOMMT VON INNEN REIN
WAS DOCH DRAUSSEN BLEIBEN SOLL SO FEIN
DAS NAcHBILD VerstÖRT
DAS GEHÖRT SICH NicHT
OTTOS SNOB PROTZT
OTTOS MOB KOTZT
WaS FÜR EIN NonsiNN
sZENEN iN iHRER gANZEN aUSDEHNUNG
die welt hört nicht am bildrand auf
TOTAAAAAAL VERPROTZT
UND JETZT
GOLDENER SCHNITT
ich bade meine seele
ich bade meine seele
im glitzern des meeresrauschens
ich bade meine seele
in der warmen unendlichkeit
des sandes die leere in mir füllt sich
mit der einfachheit klaren seins
und im stillschweigen der welten
verebbt sachte der blick
standing ovations vor blankem horizont
und könnte ich entschwinden
täte ich es wohl hier
mit dir
hätten wir
hätten wir sollen
mit unseren mündern
den staub der atmosphäre
in uns saugen und
mit benetzten häuten
aufbrechen
in die zeitenlosigkeit
wie schuppenkriechtiere
auf vorgelagerte inseln
der glückseligkeit
ohne haftzehen
kehlsäcke
rückenkämme
fransenfinger
hätten wir sollen
der musik der
schwarzen schmetterlinge
lauschen in uns
und das fundament streicheln
wenn der eisberg kalbt
reisen
ins ungewisse
wie treibende schollen
in die schluchten
der verbliebenen hoffnung
hätten wir es ahnen können
finster doch sollen die nächte sein
finster doch sollen die nächte sein
nicht so wie diese die
hineingeifert in mich
mondhell
lässt sie mir keine ruh
kündet von finaler stille
die eine kerze brennt noch
und die welt liegt auf meinem tisch sezierbereit
für den sohn damit er sie sich aneigne für sein kommendes leben
doch
die welt
möchte sich nicht aneignen lassen in zustandsparametern sie will endlich unser
herzblut spüren und wie es sie und sie es nährt unter dem sarkophag der
havarie
unknown #1 oder auf der Flucht vor mir
Von außen betrachtet
Angst
Angst
Angst vor der Zukunft
Angst vor der Gegenwart
Angst vor der Vergangenheit
vor dem Außen
vor dem Innen
vor Menschen
und vor der Einsamkeit.
Angst vor den Gedanken,
die nachts auftauchen
und frisch am Morgen
vor dem Kreisen, das nicht
zu stoppen ist.
Angst vor Gefühlen,
die mich auffressen wie ein schwarzes Loch,
vor dem Loch selbst,
das unendlich
tief
schwarz
und ohne Boden scheint.
Vor der Dunkelheit
nachts im Bett
allein.
Vor der Berührung,
die platzt,
wenn ich die Augen aufschlage
mit dem Traum, der der Realität nicht standhält
und sich auflöst in Sehnsucht
und Trauer
um das Verlorene.
Angst vor dem Berg
der Dinge, die ich bewältigen muss,
dem Stich der Wespe,
der Spinne an der Wand
und der Maus in der Ecke.
Ratten bevölkern das Ufer.
Der Fluss ist verschmutzt
voller Unrat.
Schaumkronen schwimmen
im Licht der Laterne.
Das Gas ist teuer,
der Hahn wird abgedreht
und das Licht erlöscht.
Nur noch das Quietschen,
die Schreie der Ratten zu hören
und ihr Tippeln und Rascheln
Im Müll.
Dazwischen ein Schrei,
eines Obdachlosen im Rausch.
Mein Herz rast,
ich japse,
versuche zu atmen,
doch der Klos im Hals
versperrt mir die Luft.
Meine Schläfen pochen.
Ich bin kalt
und heiß,
versuche Halt zu finden
auf schwankendem Boden
obdachlos im eigenen Körper
im Rausch meiner Emotionen
gefangen,
schnürt mir die Angst
die Luft zum Atmen ab,
schnürt mich ein wie ein Paket.
Bondage ohne Lösung von Knoten
habe ich mich selbst
aufgehängt
am Baum des Lebens
Was bleibt, wenn das Bild zerbricht – Eine Erkundung des Nichtwissens
Auch Bilder können lügen
Das Netz ist voll von trügerischen Bildern,
gekonnt geklont und von KI geglättet,
die ganz Unglaubliches so treffend schildern,
als ob mit eig‘nen Augen ihr gesehen hättet,
wie das passieren hätte können,
was ausdrucksstark auf ihnen dargestellt.
Wie kann ein Laie einen Fake erkennen?
Auch dann, wenn solch ein Bild ihm gut gefällt?
Man muss auf alle Kleinigkeiten achten –
ein sechster Finger, der dazugerutscht –
weil die, die mit KI die Bilder machten,
vermeintlich, weil‘ so gut geflutscht,
schlecht aufgepasst im Eifer ihres Werkens.
Erscheint ein solches Foto zu perfekt
als Folge allzu eifrigen Bestärkens,
ist darin oft Unmögliches versteckt.
Die umgekehrte Bildersuche nutzen
hilft beim Enttarnen selbst gekonnter Fakes.
Versuchen wir, den Täuschungen zu trutzen,
sobald im World-Wide-Web wir unterwegs!
Seid skeptisch, dann erkennt ihr schon,
was wahr ist und was Illusion.
Inschrift
Eine Parkbank am Nachmittag.
Ins Holz
eine Liebeserklärung
geritzt.
Zwei Anfangsbuchstaben
berühren sich noch.
Das Herz
kaum noch zu sehen.
Moos sammelt sich in den Ritzen.
Menschen setzen sich,
Niemand bleibt lange.
Der Wind liest
darüber hinweg.
Chandrika Wolkenstein
Unbehaust
Dear Moriati
Wo soll ich hingehen? Die Weite ruft mich. Ich bin kein Superheld. Mein Wille hält meinen Mut zurück. Ich kann mein Leben nicht riskieren. Ich bin ein König, dessen Ableben interessenlos ist. Eine Neubesetzung ist bereits existent. Eine vorbestimmte Bestimmung. Ein kurzer Funken, ein Zwang das Feuer am leben zu halten. Ein fremdbestimmtes Leben. Ich will hinausfliegen, frei sein. Mir fehlen die Flügel dazu, ich kenne die Möglichkeiten. „Gehe über deine Grenzen hinaus.“
Doch wofür gibt es dann Grenzen? Hast du dich schonmal gefragt wozu all das hier gut ist?
Ich jedenfalls nicht. Leben ist eine Art des Blickwinkels. Poetisch, kämpferisch, königlisch.
König des Verschwindens. Die Krone hielt mich am Boden, träumerisch vor Leichtsinn.
Würdest du mich vermissen, wenn ich lernen würde zu fliegen? Den Adelstitel ablegen und in der Milchstraße verschwinden würde?
Wie eine Sternschnuppe vom Himmel fallend zurück kehrend. Schließlich habe ich keine Flügel. Der König der Träume, die Hoffnung verwiegt. Das Volk lebt im tristen Muster. Der alte König ist tot, lang lebe der König!
Die Dauer Deiner Ewigkeit
Du, der hetzt und arbeitet und tut um anerkannt zu werden oder einprägsam zu sein.
Sieh Dich um.
Du, der von der Geschichte erinnert werden möchte, irgendeiner Geschichte.
Sieh Dich um.
Sieh die Leistungen des vorletzten Quartals bereits vergessen.
Sieh einst wichtige Kollegen bereits gegangen und aus dem Bewusstsein verschwunden.
Sieh das Haus auf dem Arbeitsweg nun nur noch eine leere Ruine.
Sieh den gefallenen Baum, der älter als Deine Großeltern war.
Sieh die Betonbauten der Stadt, welche nach zweihundert Jahren nur überwucherte Stelen wären.
Sieh die Nationen, welche so unumstößlich im Moment nur ein Augenblick der Geschichte sind.
Sieh die Hügel um Dich, welche einst die höchsten Berge waren.
Sieh Deine Welt, die Erde um Dich, welche einst Weltraumstaub war und, zusammen mit allem je auf ihr geschaffenen, wieder sein wird.
Hat nichts Bedeutung oder alles?
Oder nur das, was Du selbst Bedeutung schenkst?
Auch Zeit hat ein Ende, aber nicht die Erwartungen an Dich.
So wähle mit Bedacht; Bevor Du loshetzt zum nächsten Termin, zur nächsten Erledigung, zum nächsten Projekt:
Was soll Teil Deiner endlichen Ewigkeit sein?
Zeit für mich
Das Gedicht ist nur Erfindung
Es ist alles nur Erfindung.
Die Welt ist rund, Sport ist gesund,
und wer nicht hart ist im Nehmen, geht Ex.
Ich und du und er und sie und
es – alle perplex
und Erfindung.
Komplex ist die Welt,
und wirklich niemandem stehen Kleider aus Spandex.
Die machen fett.
Das Foto ist Erfindung.
Die Minderheit ist schwach
und die Masse im Recht —
Das wäre bequem,
das wär gar nicht schlecht,
doch: Erfindung.
Wenige sind reich, viele sind arm,
der Scheich führt die Karawane an – ins heilige Land.
Da ist es warm.
Eigentlich sind wir alle verwandt im Geiste, bei Gott —
auch der ist Erfindung.
Alles molekular, auch der Schrott. So bleibt es wahr, so bleibts bigot; bleibt
Geld, Liebe, Kirche, Staat,
Diebe, Politik, Verrat,
meine Worte, dein Gesicht,
du, wir, ich…
die Verbindung zwischen uns – nur Erfindung.
Und an dem Tag,
an dem sich die Welt nicht mehr dreht, sich auf schreiende Stille versteht ist nichts mehr verwandel- und verhandelbar. Kein Ausschlag auf keiner Skala. Kein Licht, kein Schatten
Dann war was wir niemals hatten – Erfindung.
Wer wohl mit den Ratten,
wer vor die Hunde geht?
Ein schönes Geräusch,
wie die Scheuklappe schlägt
an den Mandelkern, frisch ausgesät.
Der Plan dieser Tage:
gemeinsam voran in der Frage:
Wer was wann wohin verdreht;
Wie die modernen Monarchen,
die Erfindung durchbrachen?
Sie wirft uns den Apfel zu.
Glänzend gold.
Das haben alle so gewollt,
auch verstanden und gewusst, dass wir alles bloß erfanden.
Doch was kommt nach dem Schluss? Was kann man noch tun?
Nun:
Wenn man uns nochmal ranlässt, erfinden wir halt etwas anderes.
Seit ich nicht mehr alles mit Worten umzäune
Dem Glück hinterher
Leonie drückte den Knopf, der ihre Kaffeemaschine einschaltet und gähnte dabei. Sie war müde. Doch das war nichts neues, eher Normalzustand. „Ich kann schlafen, wenn ich tot bin?“, dachte sie verbittert, „Wohl eher ich kann schlafen, wenn der Stress mich endlich umgebracht hat.“ Endlich? Früher hatte sie höllische Angst vor dem Tod gehabt, doch je älter sie wurde, desto mehr erschien er ihr wie eine Art Erlösung. Sie war zwar erst dreißig, hatte aber zunehmend das Gefühl, lange genug gelebt zu haben. Es war nicht schlimm genug, dass man sie als suizidgefährdet einstufen könnte, aber sollte Gevatter Tod kommen um sie zu holen, sie würde ihn mit offenen Armen empfangen. Dabei war sie in ihrer Jugend so glücklich gewesen. Behaupteten ihre Eltern jedenfalls. Leonie konnte sich nicht daran erinnern, jemals glücklich gewesen zu sein. Als sie jünger war, war ihr Leben definitiv einfacher, alles war irgendwie leichter. Aber glücklicher? Eher nicht. Jedenfalls war sie der festen Überzeugung, dass Erwachsen zu werden der größte Fehler ihres Lebens war und Glück wäre sowieso nur etwas für die Reichen und Schönen dieser Welt. Oder es war nur eine Illusion, die Karotte, die die Menschen antreibt und ihnen Hoffnung gibt. Denn seien wir mal ehrlich: Wer würde dieses Leben führen wollen, wenn es die Hoffnung nicht gäbe? All diese Dinge gingen ihr durch den Kopf, während sie ihren Kaffee machte und sich auf die Arbeit vorbereitete. Doch Leonie war kein Mensch, der jammert. Sie beschwerte sich bei niemandem über ihre Glücklosigkeit. In ihrem Alltag war sie die hilfsbereite, zuverlässige Frau, die ihr Umfeld schätzte.
Doch in ihrem Inneren, da hatte sie bereits resigniert. Aber nicht still und heimlich, wie so ein Jammerlappen, nein, sie hatte wirklich versucht glücklich zu werden, hatte danach gesucht und dafür gekämpft. Und doch war sie nun weiter vom Glück entfernt als zuvor. Als sie ein Kind war, dachte sie, ihr Leben würde ganz von selbst in den vorgegebenen Bahnen verlaufen. Nach ihrem Schulabschluss würde sie im Familienbetrieb arbeiten, so wie ihre Eltern vor ihr. Irgendwann würde sie einen Mann kennenlernen, sich verlieben, heiraten, Kinder kriegen und ein Haus kaufen – so wie ihre Eltern vor ihr.
„Hat ja prima geklappt bis jetzt“, dachte sie, während sie sich die Haare kämmte und zusammenband.
Tatsächlich hatte sie nach dem Schulabschluss in der elterlichen Firma eine Ausbildung angefangen. Doch nicht weil sie das wollte, sondern weil ihre Eltern ihr keine andere Wahl ließen. Als sie nach dem Ende der aufgezwungenen Büroausbildung von zuhause auszog und kurze Zeit später die Firma verließ, hatte sie zum ersten Mal das Gefühl ihr Leben selbst in der Hand zu haben. Es war ein gutes Gefühl. Nur leider so vergänglich.
Sie hatte es sogar geschafft, letztendlich doch noch die Ausbildung in ihrem Traumberuf machen zu können. Das hatte sie zwar enorm viel Zeit und Geld gekostet, doch sie hatte es aus eigener Kraft geschafft. Nur um festzustellen, dass alle Jobs irgendwann langweilig werden und Vorgesetzte irgendwie immer Idioten sind. „Nicht nur Vorgesetzte sind immer Idioten“, dachte sie sarkastisch beim Gedanken an ihr Privatleben und packte ihren Rucksack.
Es gab eine Zeit, in der sie meinte, wenn sie sich verlieben würde, wäre sie glücklich. Weit gefehlt. Nichts macht einen unglücklicher als die Liebe. Dieses Kapitel wollte Leonie nicht einmal bei der geistigen Rekapitulation ihres bisherigen Lebens öffnen.
Sie hatte auch auf anderen Wegen menschliche Gesellschaft gesucht. In ehrenamtlicher Tätigkeit, Gesprächsgruppen und Vereinen. Doch die Menschen waren nie so, wie man sie brauchte.
Und ihre Familie? Der Zug war längst abgefahren. Man duldete sich zu Feiertagen und Geburtstagen, aber ansonsten war auch hier keinerlei Erfüllung zu erwarten.
Die glücklichste Zeit hatte sie verlebt, als sie ein paar Wochen von der Arbeit freigestellt war und einfach in den Tag hineinleben konnte. Sie konnte alles tun, wonach ihr der Sinn stand und fing an, Kunst zu schaffen. Am meisten Freude hatte sie am musizieren, sie hatte sogar ein paar Gleichgesinnte getroffen und sie veranstalteten eine Zeit lang regelmäßig Jam-Sessions. Bei der Erinnerung an diese Zeit, schlich sich ein Lächeln auf ihre Lippen.
Doch sobald sie wieder arbeiten musste, fehlte ihr die Zeit dazu. Abgesehen davon waren Musikinstrumente oder gar Unterricht viel zu teuer. Sie musste ohne diesen Luxus schon schauen, wie sie über die Runden kommt.
Das war noch so ein Punkt: Geld. Wer sagt, dass Geld nicht glücklich macht, hat keine Ahnung, wie unglücklich es macht, keines zu haben und sich jeden Monat zu fragen, ob man die Miete würde bezahlen können. Dabei verdiente Leonie nicht mal schlecht. Es war nur alles so furchtbar teuer. Leonie wusste, dass viele Menschen noch weniger hatten als sie und es zahllosen Menschen sehr viel schlechter ging als ihr. Doch das machte sie auch nicht glücklicher. Eher im Gegenteil. Sie fand es zum Kotzen, dass diese Welt so ungerecht war.
Leonie hatte auf ihrer Suche nach dem Glück schon einiges hinter sich. Sie hat viel Zeit und noch mehr Geld investiert und einige Erfahrung gewonnen – aber kein Glück. Für sie fühlte es sich an, als wäre sie tausend Meilen gerannt und nicht einen einzigen Schritt vorangekommen. Doch was blieb ihr übrig, als weiterzumachen? Denn das war das Einzige, das sicher war: irgendwie geht es immer weiter. Mit diesem Gedanken schloss Leonie die Tür hinter sich und ging zur Arbeit.
Göttliche Rätsel
Körpersprache
Wir gingen zu einem Spaziergang zum Steinbruch
und sahen einen Mann, der einen Hund tötete.
Er trug Denim-Jeans
und einen langen blauen Mantel.
Ein Lastwagen parkte in der Nähe im Leerlauf.
Die Luft war dicht und widerspenstig.
Ein einzelnes Stahlkabel hing durch über uns.
Im Sommer riskieren Schwimmer alles.
Manchmal Ein Bisschen Neidisch Auf Sanftere Stimmen
Ich weiß nicht, Mann.
Die Chancen stehen fünfundzwanzigtausend zu eins.
Hubschrauber jetzt über dem Haus…..
thuck thuck thuck thuck thuck thuck…
Du verrückter Scheißkerl.
Hör auf, so laut zu reden.
Und du aus dem Norden,
nicht eine von diesen südlichen Drama-Queens.
Muss einen Lauf dafür machen.
Hinwerfen und rollen.
Ich lese keine Boulevardblätter.
Ich bin viel zu kultiviert.
Diejenigen Von Uns, Die Unser Leben Lieben
Wir fallen auf, wie Nachbarn es sollten.
Im Ernst.
Eine Berührung, nichts daran auszusetzen.
Glatt wie ein Gewissen.
Das Geräusch von Tauben.
Ich besitze ein Hemd, das lauter ist als das.
Und ich trage es
aber man kann es nicht erkennen.
Du hast es versprochen.
Gott, behüte!
Herr Chapelier schließt seine Wohnungstür,
Begibt sich die steile Treppe hinab,
Zum Grüßen der Nachbarn fehlt ihm Gespür.
Das tut er einfach ab.
Schon eilt er aus dem Hause,
Der muff’lige Banause.
Den Schnuller, den verliert ein Kind,
Denkt ihr, er hebt ihn auf geschwind?
Die Mutter muss sich bücken,
Chap’lier zeigt ihr den Rücken.
Und weiter eilt er wie im Sause,
Der grantige Banause.
Höflich hält ihm ein Passagier
Noch offen schnell die Pendeltür
Doch schleunig geht Herr Chapelier
Hindurch, „Ist’s mein Metier,
Die Tür zu halten für die andern?“
„Nein“, denkt er, „ich muss weiter wandern.“
Herr Chapelier sitzt in der Bahn
Fragt sich:“ Geht mich das etwas an?“
Ein Koffer platzt, der Inhalt leert sich
Vor seine Füße, doch er wehrt sich:
„Das wär’ ja schön, wenn ich was tu,
Doch lasst mich lieber jetzt in Ruh’!“
Da steht `ne Dame mit Gepäck
Genau vor ihm, doch er schaut weg,
Bleibt stoisch nur dort sitzen,
Will sie nicht unterstützen.
Herr Chapelier sehr uncharmant!
Oder sind Sie Querulant?
Verlässt den Zug jetzt wohlgemut.
`ner Brille geht es gar nicht gut,
Sie liegt auf dem Perron,
Die Menge stürmt davon.
Doch Chapelier spricht: „Halt,
Das Unglück lässt mich kalt.“
Da: ein Passant, sein Hut fliegt fort.
Herr Chapelier ist flugs vor Ort
Und spurtet hinterher
Hier fällt es ihm nicht schwer.
Und wieder auf dem Bürgersteig
Herr Chapelier tritt nicht in Streik.
Er hebt den Hut, des Windes Raub,
Wischt ihn noch sauber von dem Staub
Zu des Verlierers Glück,
Gibt lächelnd ihn zurück.
Es lohnt sich doch, sich einzusetzen,
Dabei kann man sich auch mal hetzen!
Er ist am Ziel bei seinem Laden.
Nun könnt ihr bald es auch erraten,
Auf seinem großen Firmenschild
Ist das Geheimnis nun enthüllt,
Und das wird kein Geschacher:
Er ist ein Hüte-Macher!
Moral:
Schulterzucker bleibt gelassen, wägt ab, wofür es
lohnt, sich einzusetzen – leise.
– Sind’s Egoisten oder Weise?
Negative Philosophie:
Sagt Gott: „Ich bin nicht, der ich bin.“?
Gott behüte!
Barspende
Nachmittag. Fußgängerzone. Kleinstadt.
Ich stell mich einfach hin und fang an zu singen. Nicht, weil ich das gut kann oder so. Aber irgendwas muss man machen und ich mach gern ehrlich. Wenn ich sing, sing ich ehrlich.
Wenn ich Hunger hab, regel ich das auch ehrlich. Ich klau nur Lebensmittel, und ich klau nur, wenn ich wirklich hungrig bin. Wenn es nichts zu containern gibt, oder nichts in den Mülleimern. Wobei ich daswirklich hass, weil die Leute da echt alles reinwerfen. Hab schon mal Hundescheiße an den Händen gehabt, nachdem ich in so ein Ding
reingetaucht bin.
Wenn ich sing, denke ich an nichts Bestimmtes. Ein Mann bleibt stehen, ganz nah, erst befürcht ich, er will was von mir, aber dann legt er die Hand ans Ohr.
Ich hör schlecht, sagt er. Später wirft er mir ein Zweieurostück in die Mütze.
Abend. Park. Kleinstadt.
Snack ist noch da, hätt nicht damit gerechnet. Er sitzt auf einem abgesägten Baumstamm und zerlegt eine Zigarette in Einzelteile. Tabak, Filter, Papier. Alles schön säuberlich, als wollte er verstehen, was sie in ihrem Innersten ausmacht.
Und?, fragt er, ohne aufzusehen.
Ich halt ihm die Münzen hin. Eine Handvoll, die kaum wiegt.
Snack nickt.
Kleingeld, sagt er, das ist der richtige Name für dich. Morgen zeig ich dir mal, wie man richtig Geld macht.
Aber später flucht er: Der Ausweis ist weg.
Ist doch egal, sag ich, du brauchst doch keinen Ausweis.
Der Ausweis ist eh nur ein Stück laminiertes Fotopapier mit einer gefälschten Telefonnummer.
Ja eben schon, hält Snack dagegen, manche schauen da drauf.
Ist wahrscheinlich runtergefallen beim letzten Umstieg, sag ich. Hilft jetzt auch nichts.
Scheiße, Mann. Dann musst du mir eben helfen.
Ich?, frag ich. Bisschen zu schnell, bisschen zu wenig überrascht.
Schon, sagt Snack. Du kannst mein blinder Assistent sein. Das lenkt ab.
Bist du völlig bescheuert?, sag ich, mich hält doch niemand für blind.
Da brauch ich doch auch so ’nen Stock und so ’ne Armbinde mit den gelben Punkten.
Schwarz, sagt Snack.
Hä?, frag ich.
Schwarze Punkte. Gelber Grund.
Ah, sag ich, Glückwunsch. Kommt ja jetzt auch nicht vom Himmel gefallen, bloß weil du weißt, wie’s richtig aussieht.
Stimmt, gibt Snack zu. Dann halt taubstummer Assistent. Fresse halten kriegst du hoffentlich hin?
Er meint es nicht als Frage.
Vormittag. Jungfernstieg. Hamburg-Altstadt.
Die weiße Blechdose von Peta klackert in meiner Hand. Snack lässt immer ein paar Münzen drin als Motivation. Er hat mir ein laminiertes Schild an einer Kordel umgehängt.
„Für die Tiere, für das Meer, für unsere Zukunft“ steht da drauf, in drei Sprachen.
Snack einen Meter hinter mir. Er ist der mit der Verantwortung. Wenn die Ladenbesitzer was sagen, oder das Ordnungsamt kommt. Muss er dann klären, denk ich. Derweil werd ich der beste Taubstumme überhaupt sein.
Anfangs ist nicht so viel los. Ein paar Rentner werfen Zweieurostücke.
Klebrige Kinderhände stopfen ungeschickt Fünfzigcentmünzen in den Schlitz. Halb eins wechseln wir den Standort. Größerer Platz, mehr Menschen. Touristen, Angestellte in der Mittagspause. Snack quatscht sie an, Quatschen ist seins, muss man ihm lassen. Ich steh daneben, spiel bisschen den Trottel. Schau mir die Binnenalster an und denk drüber nach, warum Dalmatiner Flecken haben. Also wirklich, weil sie doch von Wölfen abstammen und die sind ja auch nicht gefleckt. Hab mal gelesen, dass sie für den Disney-Film den Hunden ganz viele Punkte aufgemalt haben. Hoff, es stimmt nicht, weil wenn, haben Dalmatiner vielleicht in echt gar keine Flecken.
Ein Mann steht plötzlich vor mir, wasserblaue Augen, kleine Fältchen.
Er schaut bisschen, als hätte er zu viel erwischt von irgendwas.
Wahrscheinlich denkt er, er blickt mir gradewegs in die Seele. Er schiebt einen blauen Schein in die Dose.
Danke, sagt er zu mir, und lächelt mich groß an, als wär er ein verdammter Heiliger. Ich will was erwidern, aber mir fällt gerade noch rechtzeitig ein, dass ich ja nicht sprechen kann. Snack kichert hinter mir, als der Typ geht, und zündet sich eine Zigarette an.
Bist ein Naturtalent, sagt er.
Ich pfeif auf mein Talent, will lieber auch eine Kippe haben, aber Snack gibt mir keine.
Wart bis heute Abend, dann kannst du dir selbst welche kaufen.
Später sitzen wir am Hauptbahnhof auf einer Bank, essen dreieckige Sandwiches mit viel Soße aus Plastikschalen.
Haben wir uns verdient, sagt Snack und meint, wir haben dafür bezahlt und sie nicht geklaut. Er holt einen kleinen Schlüssel raus und öffnet die Blechdose unten.
Dreiundneunzig, zählt er.
Wir brauchen ein neues Messer, schlag ich vor.
Wir brauchen erstmal ’nen Zug, hält Snack dagegen und pafft imaginär. Aber vorher Internetcafé und ein bisschen Recherche.
Abend. Landungsbrücken. St. Pauli.
Als Snack wiederkommt, ist es schon dunkel. Ich lieg im Schlafsack und rauch, Schuhe noch an, Füße trotzdem kalt. Die Welt weicher an den Rändern.
Snack schmeißt eine Plastikmappe zu seinem Zeug.
Hab was Gutes gefunden, sagt er. Das wird next-level morgen.
Plan mal ohne mich, sag ich.
Was, willst du wieder singen? Snack lacht. Vergiss es, Mann. Du kannst dir ja nicht mal deine Kippen kaufen ohne mich.
Ich will sie nicht anlügen, sag ich.
Tust du ja nicht. Das schaff ich auch ohne dich. Und – Snack hält inne, sieht mich an, auch wenn es fast zu dunkel ist, um sein Gesicht zu erkennen – du hilfst ihnen auch. Die wollen das doch so. Für ihr Gewissen. Ob die jetzt für die zerstörte Natur spenden oder für uns ist doch auch total egal.
Ist es nicht, murmel ich. Aber wahrscheinlich ist es egaler, als ich denk, und ich brauch dringend neue Schuhe.
Nächster Abend. Anderes Viertel. Dieselbe Masche.
Perfektioniert!, sagt Snack, bisschen stolz.
Das heißt, er hat sich Formulare ausgedruckt, weil die Leute Formulare lieben. Formulare sind die Bettdecke der Moral, fachsimpelt er.
Lastschriftformulare.
Mir ist nicht ganz klar, wofür. Dann seh ich, was es mit den Leuten macht, wenn Snack ihnen das Papier hinhält.
Eine Frau rümpft die Nase.
Sorry, aber Lastschrift mache ich nicht!
Der Moment, auf den Snack gewartet hat. Trauriger Blick, wirklich schade für die Regenwälder, aber– er schiebt mich ins Bild, die Assistenz mit der Dose– wir nehmen auch gern ’ne kleine Barspende!
Die Frau schaut erleichtert und steckt zwanzig Euro in den Schlitz.
Ein Mann mit Zahnpastalächeln gibt fünfzig Euro und einen entschuldigenden Blick, als wär es nicht genug.
Für die Robben, sagt er.
Eine dicke Dame erzählt uns von dem Hund, den sie mal hatte, der ihren Mann aber nicht mochte. Sie stopft zwanzig Euro, zögert kurz, dann nochmal zwanzig hinterher.
Ich sag leise: Danke.
Snack schaut mich böse an, aber die Frau hat es nicht gemerkt.
Irgendwann ist die Dose voll und wir rollen uns Kippen hinterm Hauptbahnhof.
Snack grinst mich an, holt den Schlüssel raus. Er zählt einen Stapel Scheine wie kleine weiche Vögel auf seine Hand.
Läuft, sagt er, und schiebt mir einen knisternden Haufen hin.
Ich greif zu, ehe ich Nachdenken anfange. Steh dann auf, murmel was von Schuhen. Der Körper will weg, und ich lass ihn.
Als ich genug gegangen bin, regnet es und ich steh in einer Unterführung. Hier hat sich ein kleiner Chor zusammengedrängt, zwei Frauen, ein Mann und ein Mädchen. Sie haben nur mich als Publikum und singen ein Lied, das ich kenn, aber ich weiß nicht, woher. Es geht um Pferde, die vorbeireiten, und Liebe im Schatten von Kiefern. Dann wird mir klar, dass es kein Deutsch ist, ich aber die Sprache versteh aus meiner Kindheit. Es ist Slawisch, Bulgarisch, glaub ich.
Das Kind lächelt mich an und ich komm näher, sing mit. Meine Stimme ist bisschen eckig, passt aber rein in ihren Chor.
Als wir fertig sind, greif ich in meine Tasche und nehm das Bündel Scheine, drück es dem Mädchen in die Hand. Sie sieht mich an, dann auf die Scheine, dann wieder mich. Kein Lächeln, nur eine Hand die zugreift. Ein schnelles Rechnen in ihren Augen. Einer der Erwachsenen sagt etwas, das ich nicht versteh. Es klingt weniger dankbar, eher
praktisch. Kurz bin ich unschlüssig. Es fühlt sich nicht richtig an, nur weniger falsch.
Meine Füße sind nass. Ein Schuh quietscht leise. Meine Papers kleben feucht zusammen. Ich find aber noch einen Zehneuroschein in der Jacke, bleib kurz unter einer Markise stehen, roll Tabak rein und zünd ihn an.
4 Gedichte
Handlungs/Muster
Ohne Handschuhe
die Öffnung am
lebendigen Leib
Eine Obduktion
sagst du und
ziehst den T-Schnitt
[das T steht für Tod]
von Nord nach Süd
und von West nach Ost
wie die Kreuze
als Kind auf deiner Brust
Doch du hast dir davon
nicht alles gemerkt
Opfere dein Gewissen
so bleibst du dem Zweifel erhaben
Ich lege ein fauliges Tuch
auf Länder und Schreie
die wir nicht hören wollen
Zweifel lässt Raum zum Denken
Die Wände innen klaffen leer
kann nicht sagen
ob unvollkommen oder makellos
Von außen mit Graffitis übersät
imitieren sie das Ödland vor den Türen
Über allem schwebt deine Apathie
umkreist lauernd unsere Debatten
entwurzelt meine Buchstaben
und zerbeißt was ich
uns geformt hatte
Ab heute bleibe ich im beziehungslosen
Raum umgeben von totem Weiß
Kenotaph
Gemeinsam ziehen wir
durch die Geschichte
gehen am Stock und lahmen
Herz und Augen müde
Denn überall wird gemahnt
mit Malen und Statuen
in Gedenken an Kriege
an vermeintliche Helden
Selbst unbekannte Soldaten
haben Gräber
Wo sind die Ruhestätten
der namenlosen Poeten
der vergessenen Künstler
Sie würden erzählen
von Träumen und Hoffnungen
ihnen würde ich lauschen
die Zukunft anvertrauen
Und die Feder ist stärker
als das Schwert
soll in Stein gemeißelt stehen
Als ich im Sterben lag
Zwischen den Toten und mir
herrscht stille Zwiesprache
Meine Haut, mein Fleisch
sind ihnen bereits versprochen
Hinter meiner Stirn
stehen die Nachrichten in Flammen
im Sandkasten sitzt ein Kind
spielt mit Knochen von gestern
Und vor mir
blüht nur rostiges Metall
picken Raben den Schlaf
aus dem Mohn in meine Augen
Die Wahrheit an den Rand gespült
doch alle sind sie im Recht
Tod ist Tod, Lüge ist Lüge
bis Gras über die Sache wächst
Zwischen den Begrabenen und mir
liegt nur etwas Erde
Transhumanismus
Natürliche Grenzen, keine Zäune,
künstliche Aufbewahrungsräume.
Im Kleinen erdacht, fällt’s den Großen zur Macht,
hinein in den Schoß.
Das Sein und Werden, belanglos.
Vom Großen geblendet, vom Kleinen beendet,
Illusionen vernebelt, was Sehnsucht birgt,
freie Liebe stirbt.
Im Kleinen wandelbar, die Menge starr,
unentrückbar das Individuum.
Brüche ziehen Kreise, deswegen leise.
Natürliche Wiederkehr, erstickt im Keim,
Hüllen sterben leer, kein Sein, kein Schein.
Herzschrittmacher, entgegen der Natur,
nie wieder fremde Hände fassen,
nie wieder lieben, Vergleichbares hassen,
Seelen außer Acht gelassen.
Begrenzung der Sinne, Liebe ohne Gedächtnis,
marschieren ohne Vermächtnis,
Sehnsucht im Stillstand erleiden,
Konstrukte freischneiden.
Schatten an der Wand, Angst und Wut entbrannt,
kollektives Erleben, entzweit das Ende.
Natürliche Zwänge verstehen, den Mangel stets ersehnen.
Seelen steigen sacht empor, treten so dem Schöpfer vor,
still und friedvoll, reines Licht.
Im Kleinen wie im Großen,
vergessen wir sie nicht.
von Peggy Arnold
Eigengrau
Ich sitz hier, schreib für den Verlierer Verlag – bestimmt.
Bin ich gut genug? Oder einfach nur blind? Augen – fallen zu.
Besser im Nichts als im Sein? Zweifel gewinnen – Hoffnung verlieren.
Als ich mir selbst im alten Eigengrau blind begegnete: Aufgeben.
Ich nannte mich schon immer Versager. Weil ich mir egal sein sollte.
Glaube ich an mich? Wollte ich – doch konnte nicht? Warum ich?
Warum sollte ich was erreichen? Warum sollte Licht erscheinen? Warum?
So trage ich – schwere Schultern – leichter wäre das Hoffen.
Viele hoffen, dass die Hoffnung gewinnt – doch bin ich viele? Jeder
Zweifel leuchtet in Farben. Augen auf, es ist vollbracht – der erste Satz.
Mein Herz schlägt. Mein Herz schlägt. Es braucht nur ein
Wort – und es könnte versagen. Licht – Schatten – Entspannung – Stich
Ein Schulterzucken in meiner Nacht löst Zweifel – sie fallen herab. Jedes
Ziel von Hoffnung geformt – und doch – eine Schulter trägt das erste Wort.
Mein zweiter Satz – geschlossene Augen – und die Antwort ist nun mein.
Satz für Satz, Wort für Wort – Hoffnung das Leben – Zweifel der Tod.
Der Weg einst verschwommen – nun dem Horizont nah: Träume,
Erfolg und Sehnsucht werden wahr – all die Zweifel – bestimmt zum Lügen.
Träume, seid bitte echt – alles war verlogen – ihr und ich
sind vereint – eine Umarmung als letzten Akt, die ich erfunden habe.
Leben im Kreis – geben und nehmen – aufstehen, wenn nicht aufgegeben.
Ich sitze hier allein – kein Geben – keine Umarmung. Wer bist du?
Werde ich dich beenden? Schulterzucken. Ich weiß es nicht. Du bist
nicht nur ein Gedicht – du bist kein Gedicht – du bist ich. Ein
Aufgeben kommt nicht in Frage, denn du bist und bleibst ein Versager.
Kein Titel, keine Präferenz
Der Hoplit
Vom Verschwinden der Philosophie
Der Philosoph verschwindet in jedem Gedanken
auf der Rettungsinsel
des “Als Ob”
Der Philosoph verschwindet in jedem Gedanken
auf dem Meer vor der Rettungsinsel
des “Als Ob”
Sein Paradoxon seit Anbeginn
Manche freilich wissen das
Manche freilich sind schon seit langer Zeit
verschwunden
Andere gehen nicht übers Meer
und sehen, was sichtbar ist
Der Sprung
Heute war sein Tag. Heute sollten Lisa und die beiden Kids mal sehen, was wirklich in ihm steckte. Reichlich früh war er zu dem kleinen Sport-Flugplatz aufgebrochen, wo am Nachmittag die Propellermaschine aufsteigen sollte, mit ihm darin. Und wenn sie die Höhe von rund 3000 Metern erreicht hatten, würde er mit den fünf anderen aus seiner Gruppe seinen ersten Solo-Sprung absolvieren. Bestimmt zehn Tandem-Sprünge hatte er mit Marco, seinem Ausbilder, hinter sich gebracht, hatte den Theorie- und Praxisteil als Abschluss des Kurses bestanden, und heute war so weit, heute würde er zum ersten Mal allein am Fallschirm hängen und nach unten schweben. Mit seiner Familie hatte er einen markanten Punkt vereinbart, wo sie warten sollten, und er nahm sich vor, möglichst dicht bei ihnen zu landen. Es reichte, wenn sie sich in drei Stunden auf den Weg machten. Es gab noch so viel im Vorfeld zu tun, vor allem das Packen der Schirme. So saß er jetzt allein im Wagen und ließ es ganz gemächlich angehen, er hatte alle Zeit der Welt. Er schluckte und schluckte, nicht aus Nervosität, denn er hatte zu Hause ein leichtes Beruhigungsmittel genommen, er schluckte für den Druckausgleich, seltsam, dass das auf dem Weg zum Sport-Flughafen mit diesen paar Hügeln nötig war.
Paul hatte schon immer hoch hinausgewollt, mit seinem Körper, versteht sich, denn sein beruflicher Ehrgeiz hielt sich in Grenzen. Mit einem Schmunzeln erinnerte er sich, wie er als Dachdeckergehilfe unten den anerkennenden Blicken seiner Mitarbeiter in luftiger Höhe über den Giebel eines zweistöckigen Wohnhauses balanciert war, um ein paar Dachpfannen auf die andere Seite zu bringen. Ja, schwindelfrei war er, schwindelfrei wie die Mohawk-Indianern Nordamerikas, die seinerzeit am Bau der New Yorker Wolkenkratzer beteiligt waren. Aber die Arbeit auf dem Dach war nur ein Ferienjob gewesen, auf die Dauer schlicht zu anstrengend. So hatte er eine Ausbildung als Versicherungskaufmann gemacht und saß überwiegend in einem kleinen Büro dieses Konzerns, der ihn übernommen hatte. Seit Jahren ärgerte es ihn, dass sich sein Arbeitsplatz in dem 20-stöckigen Gebäude nur im 2. Stock befand, denn Paul wollte nach oben, wollte Überblick wie früher auf den Dächern. Immerhin lernte er über seinen Beruf in einer Phase des Außendienstes seine Lisa kennen. Lisa, die Konditorin, die mit beiden Beinen fest im Leben stand. Es hatte gleich gefunkt zwischen ihnen bei ihr im Wohnzimmer. Sie kamen zusammen und zwei Tage, nachdem Lisa ihm gesagt hatte, dass sie schwanger war, machte Paul ihr einen Heiratsantrag. Natürlich ließ Lisa es sich nicht nehmen, die Hochzeitstorte selbst zu kreieren. Seine Lisa. Paul drehte an den Rädchen für die Lüftung. Von irgendwoher musste doch dieser Luftzug hier im Wagen kommen, die Haare flogen ihm regelrecht nach hinten. Ihren Sohn Max hatte Lisa komplikationslos im hiesigen Krankenhaus zur Welt gebracht, und keine zwei Jahre später war sie wieder schwanger. Jetzt endlich sollte aber mal die Zeit anbrechen, wo sie beruflich kürzertrat, aber von wegen. Lisa war trotz der familiären Belastungen ein regelrechter Karrieresprung gelungen, obwohl sie nur noch wenige Stunden in Ihrem Konditoreibetrieb arbeitete. Zu Hause nutzte sie die Zeit, die der pflegeleichte Max ihr ließ, um die tollsten und leckersten Konditor- Köstlichkeiten zu kreieren. Da hatte sie echt was drauf, das musste der Neid ihr lassen. Und auch ihre Firma war ein ums andere Mal angetan, benannte sogar eine gedeckte Marzipantorte nach ihr und die Chefetage zeigte sich auch finanziell erkenntlich. Und Paul selbst? Bei ihm hatte sich die ganze Zeit über beruflich wenig getan, und sein Büro war sogar ins Erdgeschoss verlegt worden. Sein Einkommen stagnierte weitgehend, was bei der Inflation nichts anderes bedeutete, als dass es weniger wurde. Paul hatte fest damit gerechnet, wieder der Haupternährer der Familie zu sein, wenn Lisa sich nach der Geburt der kleinen Mareike um zwei kleine Kinder zu kümmern hatte, und was passierte? Gleich mehrere ihrer Kuchen-Kreationen hatten es in die Massenproduktion geschafft, und da zudem einige Rezepturen an andere Konditoreien verkauft worden waren, strömte das Geld nur so auf ihr Konto. So war es dazu gekommen, dass Lisa nicht nur die Hausrate für ihr Einfamilienhaus, sondern auch noch die Familien-Krankenversicherung bezahlte – ausgerechnet bei Pauls Versicherungskonzern.
Mit einem Seufzer bog Paul auf den fast leeren Parkplatz des Flughafens ein, gleich hinter dem Hangar mit den Propellermaschinen. Vermutlich war er der erste von seiner Gruppe. Als er ausstieg, pfiff ihm der Wind noch stärker um die Ohren pfiff als vorhin im Wagen. Hoffentlich konnte die Propellermaschine da später problemlos abheben, um sie nach oben zu bringen.
Was er und was Lisa bezahlte, bekam ja keiner so richtig mit. Da war die Situation im Möbelhaus schon peinlicher. Da hatten sie im vorletzten Jahr einen Wohnzimmertisch gekauft und in bar bezahlt, wofür es einen Rabatt von fünf Prozent gab. Lisa hatte das Geld von ihrem Konto abgehoben und es Paul gegeben, sodass es den Anschein hatte, er würde bezahlen. Beim Warten auf den Geschäftsführer war es Max ein wenig langweilig geworden, so sprach er den dabeistehenden Verkäufer an: „Weißt du eigentlich was meine Mama macht?“ Und als der Verkäufer schulterzuckend entgegnete, „erzählst du’s mir?“, da legte Max aber los. Seine Stimme hatte sich vor Begeisterung über die schönsten und leckersten Kuchen, die nur seine Mama erfunden hatte, regelrecht überschlagen und auf der ganzen Welt würden sie verkauft, auf der ganzen großen Welt, beteuerte er mit großen Augen. „Doch nicht in der ganzen Welt“, hatte Lisa mit bescheidenem Ton eingeräumt, „nur in Europa“. Das verstärkte aber eher noch die Hochachtung des Verkäufers, und da das Thema ausgereizt schien, fragte er weiter: „Und was macht dein Papa?“ Dann kam der Stich für Paul. Er hatte noch genau vor Augen, wie sich der Gesichtsausdruck seines fünfjährigen Sohnes von begeistert zu gelangweilt gewandelte hatte, kurz bevor seine Antwort kam: „Der ist bei einer Versicherung.“ „Ah, ja.“ Zum Glück war in dem Moment der Geschäftsführer um die Ecke gekommen.
Im Flughafengebäude begrüßte er den Piloten, aber ansonsten war noch keiner von seiner Gruppe da, aber das sollte sich bald ändern. Nacheinander kamen Tina, Patrick, Tom, Micha und Louise. Für sie alle war das heute der erste Solo-Sprung. Paul war vermutlich der entspannteste von allen, was wohl auch ein wenig darauf zurückzuführen war, dass er zu Hause dieses Mittelchen genommen hatte. Er hatte schlecht geschlafen, und ihm ging das Schicksal dieser Frau nicht aus dem Kopf, von der bei ihrer vorletzten Theorie-Stunde die Rede war. Diese war vor den Augen ihrer Familie bei ihrem ersten Solo-Sprung verunglückt, weil ihr Fallschirm geschlossen blieb. An der Leiche hatte man auf der linken Halsseite viele Kratzwunden entdeckt, die sie sich selbst zugefügt hatte. Vor Aufregung hatte sie mit der rechten Hand immer und immer wieder auf der falschen Seite nach dem Griff für das Öffnen des Fallschirms gesucht – bis es zu spät war. Das sollte Paul nicht passieren, und dabei halfen diese Pillen ganz sicher. Als er vom Frühstück ins Bad kam, stand da das Glas Wasser mit der Tablettenschachtel neben dem Waschtisch. Hatte er vor dem Frühstück schon eine genommen?
Da kam Marco, ihr Ausbilder, begrüßte jeden aus der Gruppe mit Handschlag und verbreitete allgemeine Zuversicht bei diesem großen Tag für alle. Paul wunderte sich, dass er von prima Wetterbedingungen sprach bei dem Wind da draußen, selbst hier drinnen zog es noch wie Hechtsuppe. Aber, und das hatte Paul in dem Kurs schon gelernt, die Wetter- und auch Windbedingungen können in unterschiedlichen Höhen sehr verschieden sein, und vermutlich war weiter oben alles ruhig. Sie legten die Sprungkleidung an und gingen dann in den geschützten Raum, in dem die Fallschirme aufbewahrt wurden. Sie packten unter Marcos kritischen Blicken die Hauptschirme und besonders die Reserveschirme akribisch, wie sie das zig Mal geübt hatten. Dann standen sie in einer Reihe vor ihm und ihr Ausbilder kontrollierte bei jedem Einzelnen, ob alles auch ordnungsgemäß angebracht war. Dann ging’s raus zum Flugzeug, der Pilot wartete schon. Auf dem Weg zur zweimotorigen Proellermaschine pfiff Paul der starke Wind ordentlich ins Gesicht. Das würde ein Stück Arbeit geben für den Kai am Steuerknüppel gleich beim Start und dann ein holpriges Abheben. Sicher war Lisa mit den beiden Kids unterwegs oder vielleicht sogar schon am Flugplatz angekommen. Heute sollten sie mal sehen. Heute wurden alle Sprünge, die er ihnen bisher geboten hatte, in den Schatten gestellt.
Paul erinnerte sich an den Sommer, als er mit Max und Lisa in aller Herrgottsfrühe im Freibad sein wollte, angeblich wegen der dann noch geringen Keimbelastung durch die anderen Besucher und weil man dann viel Platz zum Schwimmen hat. Tatschlich war es Paul darum gegangen, dass der 10-Meter Turm so früh noch geöffnet war. Während Lisa und erst recht Max vom Turm über die Leiter wieder hinuntergestiegen waren, blieb er oben stehen, hatte gewartet, bis sie ihn wieder gut sehen konnten, und war dann völlig furchtlos bis an den Rand des Sprungturmes gegangen. Winkend und mit einem Lächeln war er gesprungen, als wäre es das Selbstverständlichste von der Welt. Beim ersten Sprung vergaß er noch, seine winkelnde Hand rechtzeitig wieder eng an den Körper anzulegen, was sich rächte, weil das Wasser bei der Fallgeschwindigkeit eine ganz schöne Härte entwickelt. Aber er ließ sich nichts anmerken und sprang gleich noch ein zweites Mal hinterher.
Für noch mehr Aufsehen hatte Paul mit seinem Rückwärts-Salto vom Dreimeterbrett gesorgt. Ein alter Klassenkamerad, den er mal zufällig im Bad getroffen hatte, zeigte ihm, wie man’s macht: Mit dem Rücken zum Wasser und mit dem Kopf im Nacken nach hinten wegspringen und dann die Bauchmuskeln anziehen – und schon geht man herum. Furchtlos, wie Paul war, hatte er es gleich ausprobiert, und tatsächlich, es funktionierte sofort beim ersten Mal – und wildfremde Menschen spendeten Applaus, als er wieder auftauchte. Das sollte seine Familie mal sehen. Leider setzte kurz darauf eine Schlechtwetterphase ein, und der Sommer war schon fast vorbei, als es endlich so weit war. Nur mit Mühe und unter dem Hinweis, dass sie etwas ganz Besonderes zu sehen bekommen würden, hatte er sie zum Freibadbesuch überreden können. Wahrscheinlich hatten sie etwas noch Tolleres erwartet, jedenfalls war der Beifall nicht größer als eine Viertelstunde später, als Paul mit vier Eis vom Schwimmbadkiosk gekommen war
Die Propellermaschine hob ab, überraschend sanft bei dem Wind, und nun saßen sie alle schweigend in der Nähe der Ausstiegsluke. Jetzt war es kein Wunder, dass Paul für einen Druckausgleich sorgen musste, denn sie gewannen an Höhe. Nur noch eine gute Viertelstunde bis zum Sprung. Vermutlich standen Lisa, Max und Mareike unten schon an der vereinbarten Stelle, und bestimmt hatte Lisa die Kleinen gut eingepackt, damit sie sich nichts wegholten bei dem Wind. Gestern hatte Paul Lisa überrascht, als sie oben an einer großen Torte hantierte. Paul dachte wieder mal an eine neue Kuchen-Kreation seiner Frau, dann sah er den Grund dafür, warum sie so heimlich tat und sich ertappt fühlte. Oben auf dem Kuchen hatte sie gerade einen kleinen Fallschirmspringer aus Marzipan angebracht. Es sollte ein Überraschungskuchen für seinen ersten Solo-Sprung sein. Sie stiegen und stiegen, Paul sah es an dem Höhenmeter auf seinem Handgelenk. Aber Moment, was war das? Das Gerät hatte einen Knacks, denn es zeigte die falsche Richtung an. Seinem Höhenmeter zur Folge stieg Paul nicht, sondern er fiel. Schnell schob er den Ärmel seiner Jacke darüber. Wenn das herauskam, bekam Marco es fertig, ihm den Sprung wegen des defekten Höhenmeters zu verweigern und ihn im Flugzeug zu lassen. Und seine Familie da unten? Welche Enttäuschung, sie waren extra für seinen ersten Solo-Sprung hergekommen. Konnten sie dann später überhaupt die Fallschirmspringer-Torte mit Genuss essen, die Lisa ihm zu Ehren extra gemacht hatte? Er brauchte sich nur an den anderen zu orientieren, wann er den Schirm zu öffnen hatte. Und auch von all den Tandem-Sprüngen mit Marco konnte er gut einschätzen, wann es so weit war. Kein Grund zur Sorge, alles im grünen Bereich. Der Ablauf war klar: Nach dem Verlassen der Luke würde ihn zuerst der seitliche Wind hart treffen, denn natürlich fliegt die Propellermaschine mit offener Luke noch mehr als 200 Sachen. Dann kam für rund 40 Sekunden der freie Fall. Ohne Marco würde er weniger schnell fallen, so würde das der längste freie Fall seines Lebens werden.
Bevor er mit dem Fallschirm-Kurs angefangen hatte, hatte es bei einem Sprung von der Europabrücke in Innsbruck für Paul den längsten freien Fal gegeben. Es war der Abschluss eines Urlaubs in den österreichischen Alpen vor zwei Jahren gewesen. Paul hatte damit hinter den Berg gehalten, warum es zum Abschluss noch zwei Tage Innsbruck sein sollten. Er hatte die Kinder vorgeschoben, die sich von den anstrengenden Bergtouren noch etwas erholen sollten. Tatsächlich hatte Paul recherchiert, dass es zu dieser Zeit von der Europabrücke ein Bungee-Springen gab, wofür er sich online angemeldet hatte. Ebenso heimlich hatte er die nötige ärztliche Bescheinigung eingeholt. Paul tat so arglos wie möglich, als er den Wagen kurz vor der Brückenauffahrt parkte, und seine Familie aufforderte, mit auf die Brücke zu kommen, um die tolle Aussicht zu genießen. Das allgemeine Schulterzucken signalisierte eine etwas gleichgültige Zustimmung, und kurz darauf trotteten die drei hinter Paul her, der sich seine Anspannung auf dem Weg zur Brückenmitte so wenig wie möglich anmerken ließ. Auch, als Max mit Blick auf die Menschenmenge fragte, was denn da vorne los sei, gab Paul sich ahnungslos. Dann sahen sie, wie einer Frau, die auf einem Tisch stand, von zwei Männern eine Art Geschirr angelegt wurde, und als sie damit fertig waren, hing da ein dickes, schwarzes Kabel an ihr herunter. „Papa, was machen die da?“ „Das wirst du gleich sehen.“ Ein anderer Mann trat zu der Frau hin und gab ihr anscheinend irgendwelche Hinweise, denn die Frau nickte nur und sagte nichts. Dann trat der Mann zurück und die Frau ging, das dicke schwarze Kabel hinter sich herziehend, auf den Rand des Brückengeländers zu. „Papa, die wird doch nicht etwa… .“ „Doch, das wird sie, und wisst ihr was? Euer Papa wird auch springen.“ „Das wirst du sicher nicht!“ Lisa fasste ihn energisch am Arm und stand da mit offenem Mund. Max schüttelte seine kleine Schwester begeistert mit den Worten „Papa ist ein Bungee-Springer! Papa springt da runter!“ Es kostete Paul einige Mühe, seiner Frau die Skepsis auszureden. Dass die Sache trotz der 192 Meter nach unten sicher sei, dass die Unfallquote beim Bungee-Jumping verschwindend gering sei und dass man sich auf dieses Gummi-Band zu 100% verlassen könne. All das überzeugte Lisa erst, nachdem sie das dicke Gummiband selbst einmal in die Hand genommen hatte. Nach 20 Minuten war Paul an der Reihe, und nun stand er auf dem Tisch, und ihm wurde das Geschirr angelegt. Dann ging er unter den bewundernden Blicken seiner Familie an den Rand des Brückengeländers für seinen Sprung.
Auch im Flugzeug stand die Zeit für den Sprung bevor. Noch saß er zwischen Louise und Patrick mit dem Rücken gegen die Flugzeugwand gelehnt. So kurz vorher redete niemand mehr, jeder war mit seiner Anspannung vor dem ersten Solo-Sprung ganz bei sich. Warum pfiff ihm hier dieser Wind ins Gesicht, obwohl die Luke doch noch gar nicht offen war? Sicher gab es irgendwo schon einen Spalt, wodurch Luft hineindrang. Ohne, dass Louise oder Patrick es mitbekamen, schob Paul seinen Ärmel vom Höhenmeter. Der spinnt immer noch. Sei’s drum! Jetzt öffnete sich die Luke und es gab ein letztes rituelles Abklatschen mit Marco, der gebückt an seinen sitzenden Schützlingen vorbeiging. Paul war als dritter an der Reihe. Zuerst Micha raus, dann Louise und jetzt er!
Aber wo ist der seitliche Windstoß, der ihn doch jetzt treffen muss? Eine Wand von Wind, die einfach da ist, wenn man aus einem Flugzeug springt, das auch abgebremst noch mit mehr als 200 km/h unterwegs ist. Das war doch bei seinen Tandem-Sprüngen mit Marco auch immer so gewesen. Das muss einfach so sein! Stattdessen fällt und fällt und fällt er nur. Da erinnert er sich: Er hat diese Wand von Seitenwind vorher schon erlebt, er allein, ohne Marco, aber das ist doch schon eine ganze, ganze Weile her. Viel zu lange! Er schüttelt den Kopf – und kommt zu sich. Er fällt und fällt und ist die ganze Zeit schon gefallen. Der Wind saust ihm um die Ohren wie den ganzen Morgen schon. Und der Höhenmeter zeigt es an, er saust nach unten, viel, viel zu weit nach unten. Die Wiese neben der Startbahn ist schon erschreckend nah und saust in Sekundenschnelle auf ihn zu. Völlig sinnlos, den Fallschirm jetzt noch zu öffnen. Jetzt weiß er es wieder, er hatte zu Hause die Beruhigungstabletten auch vor dem Frühstück schon genommen. Doppelte Dosis. Durch den seitlichen Windaufprall nach dem Verlassen der Luke musste er das Bewusstsein verloren haben. Und gleich der Aufschlag.
Das letzte, was er aus einem Augenwinkel heraus noch wahrnahm, war eine Frau mit zwei kleinen Kindern am Rand der Wiese stehend. Sie schlugen ihre Hände vors Gesicht.
Russenkind
Wenn du denkst, du denkst …
… dann lenkst du!
Sie hatten von diesem bizarren Paar gehört. Es war eine jener Geschichten, die zu später Stunde bei schummrig werdendem Lagerfeuer, während die Geister Richtung Traumwelt gleiten, erzählt wurde. Eine jener Geschichten, die schaurig, wie schummrig, wie warnend, wie wahr war.
Da sei dieses normale reisende Paar. Sie freundeten sich mit anderen Pärchen auf ihren Reisen an. Mal für einen längeren Zeitraum, mal nur für einen gemütlichen Abend auf einem Raststellenparkplatz. Hier fängt die Geschichte an. Immer anders. Aber wie sie weiter geht, da ähneln sich alle.
Er verschwindet mit der Frau des Pärchens zum Hände auflegen, heilen und mehr. Sie mit ihm in ständiger Verbindung. Nach kurzer Zeit würde sie dem Mann der Frau klar machen, dass ihrer beider Nacht nicht mit Sex enden würde und das Ende der Nacht seiner Partnerin davon abhänge, wie er nun darüber denke und fühle, wenn sie mit einem anderen Mann Sex habe. Würde er es ihr gönnen? Wäre er eifersüchtig? Welche Beweggründe, Motive, Gefühle und Gedanken würden sein Herz und Gemüt berühren? Welche würden letztlich dominieren? Das war mentale Folter. Sie spürte das Zünglein an der Waage, wenn die Entscheidung bei den Männern fiel und der Emotions-Cocktail unbewusst Richtung Universum geschickt wurde, um als ausgewogenes Ergebnis aller emotionaler Nuancen zu ihr geschickt zu werden. Wie häufig sie diese Situation schon durchlebt hatte. Die Reaktion war, so bescheiden traurig, immer die gleiche. Unverstehen auf Seiten der Männer.
Die Frau hingegen zerfloss aktuell unter seinem Charme. Auch das wusste sie. Irgendwann wollen sie alle die Beine breit machen, dachte sie schwermütig leichten Herzens, schulterzuckend hinnehmend und beobachtete dabei, scheinbar anteillos an ihrer Zigarette ziehend, den Partner auf seiner gedanklich emotionalen Berg- und Talfahrt. Nicht nur, dass er damit konfrontiert wurde, dass seine Frau Sex haben könnte. Es hing maßgeblich davon ab, wie er sich mit all seinem Sein zu ihr positionieren würde. Durch jeden Gedanken. Durch jedes Gefühl. Durch ihrer jeweiliger Intensität, Tiefe und Bezogenheit. Schickte das Universum ihr die gefallene Entscheidung, war es an ihr ihm diese weiterzuleiten. Sex hop oder top? Das war immer die Frage. Das war es immer, was das Universum ihr mitteilte.
Ein sadistisches Spiel – eben um zwei augenscheinlich Liebende näher zueinander zu bringen. Das war immer ihre Hoffnung. Auch wenn das Mittel zum Zweck ihr stets fragwürdig bleiben würde. Achselzuckend zog sie müde an ihrer Zigarette. Die Entscheidung war gefallen. Sie stand auf und ging.
Aus Weg
Die letzte Reise
Dem Selbst bewußt sein
Dem Selbst bewußt sein
Sich zu sehen wie man ist
Spiegel des Lebens
Ohne Name
Ich lag schlaflos da. Wieder einmal. Hatte mich unruhig von einer Seite zur anderen gedreht. Sie war wieder da. Die Gedankenfluten. Einem sinnlosen Gewirr von Erinnerungen, Sorgen, Aufgaben und zum Schluss, einer losen Perspektive. Einer verirrten. Einer Vereinsamten. Die Tränen stiegen mir in die Augen und auf einmal kommt sie hoch. Die Realität, das Konstrukt.
Da stand ich in der kleinen Küche. Meine nackten Füsse auf dunkelroten, kalten Fliesen.
Betrachte die Medikamentenpackung. Starr lag sie auf der Marmorplatte. Einsam. So wie ich. Es ist innerlich wie ein Gefäss, gefühlte Füllung, mit nichts mehr. Leere. Das Einzige was mir nun noch blieb war, es zu beenden. Von: Es gibt nichts mehr für mich. Zu: ich bin nichts mehr. Will nicht mehr sein. Keine Gedanken, keine Schwere, keine Einsamkeit, keine Schmerzen, keine Schuld, keine Scham, keine Traurigkeit. Einfach ein Nichts. Ich sah in diesen Tabletten irgendwas Hoffnungsvolles. Vom Gefühl, dem nicht existieren. So öffnete ich die dünne Schachtel, nahm einen Blister heraus und drückte alle farbigen Pillen auf die Küchenablage. Meine Hände bewegten sich, als ob ich gar nichts anderes wollte. Nur noch das. Und dann. Dann ist es vorbei.
Ich füllte ein Glas mit Wasser und schluckte eine nach der anderen. Danach legte ich mich auf den Boden inmitten meines Zimmers. Die türkis gestrichenen Wände drückten die dunkle Farbe jetzt auf mich. Die weisse Decke war schöner. So hell, rein und leer. Meine Augenlider schlossen sich, mein Körper wurde schwer. Was bedeutet es, dass nichts? Höre ich nun auf zu existieren?
Ich gehe und sehe sie, die Bäume. Tief verwurzelt in der Erde. Mit breiten Stämmen. Manche zart, manche schmal, manche rau, manche breit. So verschieden wie sie sind. So seid ihr es. Meine Familie. Meine Brüder, meine Mama, mein Papa. Eure Bäume stehen mit prachtvollen Kronen und Blättern, breiten Stämmen, alle nah beieinander. Mein Baum, ich sehe ihn an. Er steht abseits.
Verkümmert, schmal und dünn. Im Schatten eurer Bäume. Die Wurzeln über dem Waldboden sind komplex ineinander verwoben. Doch die, die zu meinem Baum verlaufen sind, sind trocken, fast schwarz. So seid ihr die Menschen, bei denen ich einst meine Wurzeln besass. Doch nun spüre ich keine Verbindung mehr zu euch. Die Nähe existiert nicht mehr. Das sind nur noch Bedingungen an einer Illusion. Ein Glaube. Für euch. Alles oder nichts. Und ich, ich wurde zum Nichts. Zum niemanden. Oder doch, zu einer Aussätzigen. Ich bin eine Sünderin in ihren Augen, aber das Wort Sünderin ist nur ein Geräusch aus euren Ohren. Es trägt keine Macht mehr über die Materie meines Körpers. Bin ich noch da?
Irgendein Impuls strömt durch mich. Von einem pochen in meiner Brust und stechen in der Magengrube. Ich krieche zum Badezimmer, beuge mich über die Kloschüssel und erbreche. Ich blicke in das Flüssige hinein. Wasser und Schleim. Verschwommen versuche ich etwas zu erkennen. Waren das die Tabletten? Wie viele hatte ich geschluckt?
Mir wird schwarz vor den Augen, wieder kommt ein Nichts. Es wird Zeit. Zeit, die Wurzeln liegen zu lassen. Sterben sollen sie, denn ich gehöre nicht mehr zu den euren. Irgendwie will ich existieren, doch nicht leben wie ihr. Die Illusion bereitete nur in meinem Leben in allen Facetten Grenzen. Die, die ich als Kind immer überwinden wollte. Um zu verstehen. Die Welt, die in euren Augen, schwarz und weiss ist. Von Gehorsam oder Sühne. Die Wurzeln, die ich einst bei euch hatte sind schon ganz schwarz, bald existiert meine Seele bei euch nicht mehr. So seid ihr es bei denen ich einst meine Wurzeln hatte. Die Grenze verschwimmt. Keine Ahnung, wie und wann ich wach wurde. Da lag ich auf dem Badezimmer-Teppich und starrte auf das Licht, das unter der Tür drang. Okay, ich bin noch da. Irgendwie will etwas in mir leben. Trotz Schmerzen. Trotz Traurigkeit. Trotz Scham. Trotz Einsamkeit. Was, wenn ich einfach woanders hin gehe? Aber ohne Tod zu sein. In ein Leben, irgendeines. Etwas wage. Die Grenzen, die man mir gebaut hatte. Sie sind wie zementierte Mauern. Ich schmettere sie wütend, weinend, schreiend niederschmettere. Sie bröckeln. Von Stein zu Stein. Fallen, bleiben liegen. Und rufe laut: Ich will das nicht mehr, das mit euch. Ich will nicht so sein wie ihr. Keine Gefangene eines Konstruktes sein. Ja, dann bin ich eine Aussätzige. Ja dann, bin ich in euren Augen eine Sünderin. Doch ich kann frei sein? Kann ich das? Werde ich das dann sein? Ich richte meinen Körper langsam vom Boden auf. Etwas dreht sich noch in meinem Kopf und mir ist auf einmal total schlecht. So drehe ich den Wasserhahn über dem Waschbecken auf und trinke hastig vom kalten Strahl. Ich werde auf einmal total wach.
Ich lebe. Und irgendwie, keine Ahnung wieso, bin ich froh noch zu atmen. Da zu sein. Wo auch immer ich bin. Zwischen Badewanne und dem Lavabo. Nackte Füsse, die den dunkelblauen Badeteppich spüren. Ich bin nicht sie, muss niemand sein. Ich einfach da, da wo ich bin.
Pippi, Georgina und ich
Zwei Räder und zwei Beine,
mehr brauche ich nicht.
Während ich den Hügel hinunter sause,
strecke ich beide Beine weit von mir,
um den Wind besser zu spüren.
Wie früher als ich ein Mädchen war.
Dabei war ich doch ein Junge.
Mädchen waren die, die mit Puppen spielten.
Mädchen waren Annika, die immer Angst hatte und die Regeln einhalten wollte.
Mädchen waren Anne, die ständig im Haushalt helfen musste und nie dabei war, wenn es Ernst wurde.
Jungen erlebten Abenteuer, durften wild und frei sein.
Dann war ich doch kein Mädchen, oder doch?
Schließlich war das von der körperlichen Seite ganz eindeutig.
Wie konnte ich den einen Teil ausleben, ohne einen anderen abzulehnen?
Wenn ich beides wollte, war ich dann wie Georgina, die sich George nannte und die Haare kurz schnitt?
Oder wie Pippi, die so laut und auffällig war, wie ich es nie sein wollte?
Doch wenn niemand zuschaute, brauchte es keine Kategorie.
Dann konnte ich nicht-Pippi und nicht-Georgina sein, stattdessen ich selbst.
Zwei Räder und zwei Beine, mehr brauchte ich nicht.
Ich sause den Hügel hinunter
und strecke beide Beine weit von mir,
um den Wind besser zu spüren.
Mareike Bruns
Meine Möbel sind menschlich und ich weiß nicht was Menschsein bedeutet.
Augen auf, Augen zu, Augen auf, Augen zu, und ich lese, lese, aber nur noch ganz wenig.
Mein Buch sieht mehr als ich, mein Schreibtisch ist größer als mein Stuhl, und ich verstehe nichts, verstehe nichts.
Esse viel, esse nichts, esse, esse nichts, esse nichts mehr, außer wenn ich nicht weiß, wie der Tag sonst gefüllt werden kann, und der Tag isst noch weniger als ich und ist weißer als ich, und ich verstehe nichts, verstehe nichts.
Wütend, ich bin wütend, bin ängstlich, am liebsten sicher, und stumpf bin ich, und ich rieche Hass, aber mein Zimmer riecht es mehr als ich, und mein Bett ist frisch bezogen und riecht gut, und ich verstehe nichts, verstehe nichts.
Punkt. Komma. Punkt. Komma. Ich setze alles; überall hin……… . Mich selbst auf die Kommode, und meine Lampe sitzt auf meinem Fahrradsitz und sieht die Sonne und ich warte darauf, dass jemand mich benutzt, und ich verstehe nichts, verstehe nichts.
Und ich verstehe nichts, verstehe nicht, wie du Alles bist, wie ich Alles bin. Wie wir alle; alles essen, weil Alles; nicht existiert und weil wir uns nicht distanzieren, weil es nichts gibt, von dem man sich distanzieren kann, und wir wissen, dass 1+1 schon lange nicht mehr 2 ergibt, deswegen verstehen wir nichts, wir verstehen nichts. Und unsere Haut entfernt sich von unseren Knochen, unser Atem; atmet auch ohne Sauerstoff und unsere Dächer stürzen ein und alle Menschen gehen auf ihren Händen und kochen mit ihren Ohren. Und unsere Schwestern sind Schmetterlinge, die
weg fliegen, und Flügel sind dafür da, um zu lesen. Und wir haben uns verliebt. Wir haben uns verliebt. Wir haben uns verliebt. Und jeden Abend sorge ich mich, denn ich will nicht mehr lieben. Aber wir gehen eine Ehe ein und schwören, die Verwirrung nie wieder loszulassen, weil es das Einzige Authentische ist, weil Authentizität sonst nicht existiert. Und ich hoffe, es ist ein Traum. Ich hoffe, ich wache auf, im Wissen, aber weiß, Wissen basiert nur auf Liebe zur Sicherheit. Unsere Liebe jedoch gilt ja schon lange der ungewissen Philosophie, welche so oft als „negativ“ betitelt wird. Unser Leben ist ganz anders, wir sind so anders, wir sind nicht negativ, aber so anders und so verwirrt.
Ein Archiv für das Vergessen
Das Ende aller Haltungen
Revisionsfrist
Ein Ensch bin Ich
Ein Ensch bin ich,
ein Wesen aus Fleisch und Blut,
ich kenne mich,
und weiß ich bin intelligent genug.
Ein Ensch bin ich,
wie die Anderen auch,
ich unterhalte mich
doch sage nichts, das ist mein Brauch.
Ein Ensch frisst und rennt und weint,
vor allem des Nachts allein,
am Tag ist er magisch vereint
mit dem „elektrisch- moralischen- Sein“.
Ein Ensch bin ich
und wir werden täglich mehr,
nach unten treten-widerlich
jeder gegen jeden-bitte sehr.
Enschen sind doch wir,
uns geht’s gut.
Reichtum und Überfluss gibt’s hier,
in der schäumenden „Sinn-flut“.
Enschen waren wir doch immer,
Liebe, Glaube, Hoffnung nur ein Schimmer,
„Religio“-ein Lippenbekenntnis der primitiven Rasse,
Menschen hießen sie – oh wie ich sie hasse!
Ein Ensch verabscheut dieses M,
das hatte die Rasse der Lahmen,
die Evolution schritt voran, denn
so fiel er aus unserem Namen.
Wenn wir so weitermachen
und stetig voranschreiten,
wird der „Nsch“ in uns erwachen
und unsere Geschicke leiten.
Das E fällt schließlich ab,
ich kann´s nicht mehr sehen,
Buchstaben werden knapp,
das echte Wesen wird erstehen.
Dann gibt´s bald kein Alphabet,
denn „Nschen“ lesen nicht mehr,
der Geist der Aufklärung verweht,
ein neuer Spirit füllt die Leer.
Dieser wird uns gut optimieren
in künstlicher Lust uns wälzen,
die Intelligenzbestie auf allen Vieren,
„Nschen“ und Maschinen verschmelzen.
Unser Stern strahlt grell,
wir werden Neues erschaffen,
die Zukunft erscheint virtuell
weil wir Evolution an uns raffen!
Ein „Ewig- auf- Erden- Wandelnder“
Der „Nsch“ mit der Maschine
ein „Nicht- mit- dem- Tod- Verhandelnder“
der mit der ewigen Roboter-Miene.
Die Nacht funkelt hell
wir werden „Letras“ verlieren,
Bilder im Kopf entstehen schnell,
und die Seele wird endlich erfrieren!
Das verspätete Ich
Voll mit Sorgen und Kümmernissen,
dieses Leben gibt nicht viel,
meine Seele ringt mit Hindernissen,
kennt weder Richtung noch Ziel.
Im grauen Sonnenschein,
brütet der trübe Himmel,
sehe Herzen kalt wie Stein,
in den Städten, im Gewimmel.
Immer dunkler wirds herum,
dichte Wolken ziehen auf,
die geistige Welt bleibt stumm,
das Drama nimmt seinen Lauf.
In all dem Trubel und der Hektik,
wird mein Inneres zermalmt.
Ist des Menschen Geschick,
dass seine Seele verqualmt?
Ruhelos wälz mich hin und her,
in dieser traumverlorenen Nacht,
fühl mein Herz bedrückend schwer,
hab an alles und nichts gedacht.
Ein Kampf tobt wie von Sinnen,
wird in meiner Seele ausgetragen,
kann ihm nicht entrinnen,
wird er mich ewig weiterplagen?
Die Gedanken stürmen ruhelos,
wie ein übermächtig Heer,
gefallen aus Mutters Schoß,
spüre abgrundtiefe Leer.
Lenke mich beklommen ab,
mit Smartphone und Technologie,
schaufle mein seelisch Grab,
um zu betäuben die Agonie.
Und es lässt sich kaum vermeiden,
es dreht sich wie von Sinnen,
diese Leere, dieses Leiden,
es gibt hier kein Entrinnen.
Am Ende meiner Kräfte angelangt,
in tiefer Verzweiflung schier,
hoffnungslos umnachtet verlangt,
mein Herz Vereinigung mit dir.
Mache die Augen auf und zu,
während meine Seele sich quälend ringt,
Ach liebes „Ich“, wann kommst du?
Sodass mein Geist endlich wieder singt.
Verzweifelt sehe ich aus dem Fenster,
in einen dunklen Raum,
dort steht mein schönster
ewig- grüner Baum.
Ich kannte ihn als Kind,
ruhte in seinem Schatten,
er gab mir Schutz bei starkem Wind
und Früchte als wir Hunger hatten.
Doch wars nur Kindes Sympathie,
die zu ihm hinüberschlief,
wars bloß meine Fantasie
die ihn oft in Träumen rief?
Er kam dann zu mir
und beschützte mich,
bei Kämpfen mit dem Tier,
als ich weinte jämmerlich.
Und offenbarte seine Welt,
ich schwamm in seinem Ozean,
er war mein erster Held,
auf dieser meiner Lebensbahn.
Jetzt bin ich stark und groß,
ausgestattet mit Intellekt,
der Baum steht im Nebel bloß,
hat sich für immer, vor mir versteckt.
Es tat mir im Herzen weh,
oft weinte ich einen See,
der Zugang war verschüttet
hat mein Wesen stark zerrüttet.
So sitze ich nun vor ihm,
in meinem Lotossitz und meditiere,
werde immer ruhiger und nimm
mir Zeit, bis ich mich verliere.
Ich atme tief ein und aus,
das Denken bleibt zurück,
mein Bewusstsein geht hinaus,
ich erfahre großes Glück.
Meine Realität wird verschoben,
die Trennung wird aufgehoben,
ein Fließen in ewiger Ruh.
Ich bin wieder Kind im Nu.
Unglaublich helle sind plötzlich diese Strahlen,
die einen Regenbogen in meine Seele malen,
ich sinke zitternd auf die Knie,
Tränen rollen, so glücklich war ich noch nie.
Niemand
Zeit ist nur eine Illusion,
Illusion, die alles verdeckt.
Wer du warst spielt keine Rolle mehr,
Zeit verdrängt und macht zu nichte
was mal war, was heute gewesen,
oder in ferner Zukunft wird.
Niemand, ist das Wort, das dich beschreibt,
aber nicht nur dich, alles ist
temporär.
So düster und grau es auch erscheint,
wenn man ganz tief gräbt, ganz tief im Bewusstsein, kommt es hervor.
Das Wort, das auch Erinnerungen trägt, von dem Spiel damals im Kindergarten, von dem ewigen auf Liebe warten.
Früher war es so wie heute, doch man war sich da noch nicht bewusst, wie die Zeit einen verändern kann und wie alles findet einen Schluss.
Negativ. Ich wusste ja noch nicht mal, wie man das schreibt und doch wurde ich konfrontiert, mit Worten und Gefühlen, zu stark, um nicht zu belasten, zu schwach, um mich dagegen zu wehren.
Einfach kompliziert.
Nur negativ, nein, nein, auch positiv, wobei nein, positiv war der Gedanke, das Negative nicht zu kennen, nicht erleben zu müssen, um es später in Worte zu fassen.
Durch Worte, Fetzen und Philosophie war das Negative so präsent wie nie.
Immer ein bisschen mehr wagte es an mir zu kratzen, mit einem Messer aus Gefühlen zu provozieren, bis ich dagegen stoß und ich war Schuld.
Mein Verstand konnte nicht verstehen,
war zu jung, zu unerfahren, das Messer nicht zu schleifen, mit mehr und mehr Schuld meinerseits.
Es war mein Kopf, meine Negativität unkontrollierbar fraß sie mich auf,
ließ aber genug Platz, mir die Schuld in die Schuhe zu schieben, dabei war es nie mein Schuldeingeständnis, das mich zerbrechen ließ.
Es war mein wiederkehrendes Verlangen nach Philosophie, wie ein Leuchten, durch das Moskitos angezogen werden, sprach das Negative zu mir. Es hätte Platz in den Worten, zwischen Reimen und Versen brachte ich es ein, eine Spur zu meinem Unterbewusstsein, welches längst in seinem Besitz war.
Doch eines war zu fern, zu fern es zu begreifen, zu fern ihm zu begegnen.
Gedimmt und verschleppt von allem in meinem Kopf verdrängt und vergraben.
Zwischen Visionen hin und her geschoben, bis es irgendwann nicht mal mehr gesucht wurde.
Meine Seele.
Meine Seele, versteckt hinter allem, durch das sich die Negativität frisst und quetscht.
Denn niemals würde ich diesen Teil offenbaren, kein Gedicht reicht tief genug für diesen Teil, kein Zweig der Philosophie würde es jemals erreichen.
Der Kopf evakuiert, doch die Seele frei, das hielt mich wach, meine Gliedmaßen blei, doch meine Seele leichter denn je.
Das wusste ich zu beschützen, stärker als meinen Kopf, stärker als meine Gedanken,
weil mit meiner Seele hatte ich mich schon lange verstanden
Dem Letzten zu Bedenken
Wie konntest du nur, Kain?
Den bloßen Neid
Noch stellen über alle Einsamkeit?
Wähntest etwa, wenn nur du allein,
Wird aller Glanz, wird alle Macht nur bei dir sein?
Nun, herrschen wirst jetzt über alle Lande.
Doch wer soll deinen Ruhm besingen? Dir feine Opfergaben bringen?
Dachtest, so die Welt zu heilen?
Ihr immerwährend‘ Frieden zu bescheiden!
Vermeintest so, Pandoras grimmen Fluch zu brechen.
Denn wie des Feuers Flamme braucht den Scheit,
Entbrennt nur aus der vielen Geister Wiederstreit,
Das Lügen, Trügen, Morden, Stechen.
Und hast der Erden Antlitz nun von dieser Schmach befreit.
Hast in dem hehren Glauben aber übersehen,
Daß nur im sinnend‘ Geiste könn‘ bestehen,
Die noch verblieb‘nen Lust und Wehen.
Und nebst dem Glanz und Ruhm, auch Not und Tod und derlei Pein,
Tropft langsam und beständig in dich, letzt‘ Phiol‘ des Geistes, ein.
Verneint hast ganz, daß allergrößter Flüß‘ und Ströme Singen,
Kann nur aus zweier Quellen Kraft entspringen.
Hast Bruders helfend Hand verloren,
Die dich in dunkler Stunde fasst.
Des Trostes süßen Trank vergoren.
Und gar der Liebe lodernd‘ Stern hast du verblasst.
Wie konntest du nur, Kain?
So hast mit deiner Glut zwar allen Krieg vom Erdenrund gesiedet,
Der Hoffnung Schmetterling, der nur in Fülle schwebt, jedoch zu Blech geschmiedet.
Erkennst erst jetzt, in deiner neuen, freien Welt,
Warum der ew‘ge Gott durchs ganze alte Buch sich an der Menschen Einfalt hält.
Steffen Schüssler
Wie es sich gehört
Ich weiß, dass ich nichts weiß.
Ich weiß, dass ich nichts weiß.
Der Satz entlastet nicht.
Er erklärt nichts.
Er zieht keinen Schlussstrich.
Wer ihn ernst nimmt, verliert Halt.
Denn er sagt nicht: Ich weiß nichts.
Er sagt: Ich erkenne meine Grenze.
Nichtwissen ist hier kein Mangel, den man beheben müsste.
Es ist eine Form von Bewusstsein – ein Wissen darum, dass sich etwas entzieht,
unabhängig von Anstrengung, Intelligenz oder Willen.
Genau das widerspricht der Art und Weise,
wie wir heute leben –
der Logik, nach der wir leben.
Diese Logik bestimmt unsere Gegenwart.
Sie funktioniert, als wäre Nichtwissen ein Fehler im System.
Als müsste jede Unsicherheit sofort beseitigt werden.
Jede Lücke geschlossen, jede Frage beantwortet.
Antworten zählen.
Zweifel nicht.
Wer sicher auftritt, gilt als fähig.
Zögern wird schnell als Schwäche gelesen.
Dabei ist dieses Zögern oft ehrlicher als voreilige Gewissheit.
Hier setzt der negativ-philosophische Ansatz an.
Er begreift Nichtwissen nicht als Defizit, das überwunden werden muss, sondern als bewusste Haltung.
Er zielt nicht auf neue Wahrheiten, sondern auf Zurückhaltung im Urteil und Vorsicht im Handeln.
Seine Radikalität liegt nicht darin, Orientierung zu versprechen, sondern darin Verantwortung zu verschärfen.
Schon früh lernen wir,
dass es auf alles eine richtige Antwort geben muss.
In der Schule.
In Prüfungen.
In Noten.
Bildung bedeutet hier nicht, Fragen auszuhalten,
sondern Ergebnisse zu liefern.
Wer funktioniert, kommt weiter.
Wer zögert, fällt zurück.
Scheitern gilt nicht als Erkenntnis,
sondern als persönliches Versagen.
Nicht als Hinweis.
Als Urteil.
Ein schlechtes Ergebnis ist kein Anlass zur Reflexion über Überforderung, falsche Wege oder Grenzen.
Also machen viele weiter.
Ohne innezuhalten.
Ohne zu fragen, warum etwas nicht funktioniert hat.
Man tut so, als wüsste man Bescheid –
und doch denkt man nicht nach.
Dabei liegt genau hier ein Verlust:
das Bewusstsein dafür,
dass wir nicht alles wissen.
Diese Haltung bleibt nicht auf Schule beschränkt.
Sie setzt sich fort in Politik, Wirtschaft und Alltag.
Entscheidungen werden getroffen, als gäbe es Sicherheit.
Nicht, weil sie existiert,
sondern weil Unsicherheit schwer zu rechtfertigen ist.
Nichtwissen ist kein Defizit.
Es ist eine bewusste Entscheidung.
Eine Weigerung, die Welt vorschnell zu deuten,
zu kontrollieren,
zu vereinfachen.
Eine Anerkennung dessen,
dass jedes Weltbild ein Zugriff ist –
und damit auch eine Verzerrung.
Aber was bedeutet das für das Leben?
Wie lebt es sich ohne feste Bilder der Welt,
ohne Prägungen,
ohne den Anspruch auf Wissen?
Zunächst: instabil.
Das bleibt nicht folgenlos.
Wer aufhört, alles einzuordnen,
steht ohne Absicherung da.
Entscheidungen werden schwerer.
Gewissheiten bröckeln.
Identität wird unscharf.
Nichtwissen befreit nicht sofort.
Es verunsichert.
Doch genau diese Verunsicherung verändert die Psyche.
Leistungsdruck verliert seine Selbstverständlichkeit.
Fehler werden nicht mehr automatisch moralisiert.
Zweifel gilt nicht länger als Schwäche,
sondern als Teil des Denkens.
Verantwortung verschiebt sich:
weg von Kontrolle,
hin zu Aufmerksamkeit.
Kollektiv verschärft sich diese Haltung.
Eine Gesellschaft, die Nichtwissen ernst nimmt,
verzichtet auf Sicherheit,
zugunsten von Vorsicht.
Entscheidungen verlangsamen sich.
Nicht alles ist rechtfertigbar.
Nicht jede Handlung ist legitimierbar.
Eine solche Gesellschaft handelt,
ohne den Anspruch auf vollständige Begründung.
Etwa in Politik.
Oder Medizin.
Verantwortung entsteht nicht aus Gewissheit,
sondern aus dem Bewusstsein möglicher Fehlurteile.
Das klingt friedlich.
Ist es aber nicht.
Denn eine solche Gesellschaft hält aus,
dass nicht alles lösbar ist.
Dass Schuld nicht immer eindeutig zugewiesen werden kann.
Dass Leid bleibt,
auch ohne Erklärung.
Orientierungslosigkeit ist kein Ausnahmezustand,
sondern Teil des Systems.
Und nicht alle können sich das leisten.
Nichtwissen ist kein neutraler Zustand.
Für manche bedeutet es Entlastung.
Für andere Gefahr.
Wer existenziell bedroht ist,
sucht nach Orientierung.
Wer abhängig ist,
kann sich radikale Offenheit nicht immer leisten.
Eine Gesellschaft ohne feste Weltbilder
braucht neue Formen von Schutz –
sonst wird Nichtwissen zur Ausrede für Wegsehen.
Hier zeigt sich die Grenze der negativen Philosophie.
Denn es gibt Formen des Nichtwissens,
die nicht gewählt sind.
Wie beispielsweise Demenz.
Sie ist kein Gedankenexperiment.
Sie ist ein Verlust.
Von Erinnerung.
Von Beziehung.
Von Identität.
Kein Aushalten.
Kein Lernen.
Keine Haltung.
Hier wird Nichtwissen zerstörerisch.
Nicht jedes Nichtwissen befreit.
Nicht jedes Schweigen schützt.
Manche Formen entziehen sich
jeder philosophischen Romantisierung.
Gerade deshalb darf Nichtwissen
nicht verherrlicht werden.
Es muss unterschieden werden.
Nach Ursprung.
Nach Wirkung.
Nach Verantwortung.
Auch psychische Überforderung gehört dazu.
In einer Welt voller Informationen
entsteht Nichtwissen oft nicht aus Mangel,
sondern aus Übermaß.
Zu viele Krisen.
Zu viele Meinungen.
Zu viele Anforderungen.
Schweigen ist dann kein Desinteresse,
sondern Selbstschutz.
Nichtwissen ist nie neutral.
Es ist immer situiert.
Vielleicht geht es deshalb nicht darum,
alles wissen zu wollen –
oder nichts.
Sondern darum, bewusst zu entscheiden,
wo Wissen notwendig ist
und wo Zurückhaltung verantwortungsvoller wäre.
Wo Interpretation schützt –
und wo sie Schaden anrichtet.
In einer Welt,
die Antworten belohnt
und Zweifel sanktioniert,
ist das Eingeständnis des Nichtwissens
vielleicht das Ehrlichste,
was wir sagen können.
Und gleichzeitig
das Unbequemste.
Wer auf Wissen verzichtet,
verzichtet auf Sicherheit.
Und wer auf Sicherheit verzichtet,
kann sich nicht mehr hinter ihr verstecken.
Daher kann ich ehrlich sagen:
Dass ich weiß, dass ich nichts weiß – und dass ist ehrlich.
Phlogiston
Ein Mädel, nicht älter als Du, war in einem Keller gefangen und sah nichts.
Morgen, dachte sie, morgen wird es passieren! Und jeder kennt die Moral der Geschichte.
Sie fand nichts im dunklen Keller.
Und morgen passiert genau gar nichts.
Aber dann, eines Tages, da kam eine Ente in den Keller. Eine watschelnde Ente, die ihr eine Watsche gab. Au.
Das Mädel flog dadurch in eine ihr zuvor unbekannte Realität, die, als sie sie dachte, sogleich real wurde. Die Realität bekam einen Namen und stand dann so im Wörterbuch. Wie das Phlogiston.
Die Wolken türmten sich draußen vor dem Fenster, denn – siehe da! Der Keller hatte ein Fenster. Sie kletterte über dieses hinaus und sah das grüne Gras, das grün war und feucht. Es wuchs aus der Erde auf der es wuchs und das Mädel wandelte zwischen den Bäumen. Eine Zeit lang überlegte sie, was wohl als Nächstes passieren würde, bis sie drauf kam, dass schon viel passierte. Sie wurde zur Existenzialistin und kleidete sich einen schwarzen Rollkragenpullover. Den trug sie so lange, bis es sie ekelte und sie sich hinsetzen musste. Am liebsten hätte sie sich in die Erde unter dem Gras eingegraben. Aber dann erinnerte sie sich an die Ente, und anstatt sie zu vergessen, ging sie wieder zurück in den Keller.
Dort fand sie die Ente nicht.
Mit der Zeit wunderte sie sich, wieso die Ente nicht da war. Es war eine schwierige und ziemlich komplexe Überlegung: Wenn die Ente der Realitätswatsche nicht mehr da war, war sie, das Mädchen, noch in der Realität verankert, oder hatte sie sich in eine Virtualität begeben? Und wenn dem so wäre, dass das Mädchen niemals mit der Ente interagiert hätte, und die eben erlebte Realität doch eine Virtualität war, würde das etwas verändern?
Und das Mädchen kam nicht darauf und starb auch nicht in ihrem Keller mit dem Fenster zum hinausschauen. Und das Mädchen schaute weiterhin lieber in sich hinein und schrieb auf: “Es wachsen Dinge aus meinem Kopf und das Leben verstehe ich trotzdem noch lange nicht. Ich weiß, ich weiß, wer versteht es denn schon? Alles, was wir tun können, ist darüber reden und es zynisch betrachten. Das hilft, das hilft. Ich schaue aus dem Fenster. Wieso produzieren wir Menschen unentbehrlich? Müll, Musik, Text, Blödsinn, Welten. Und dann kämpfen wir darum. Da bleibt nur ein kalt-heißes Gefühl der getriebenen Ratlosigkeit mit Machtgehabe. Ich kratze mich am Kopf, weil darauf ja einiges wächst, und bin fest davon überzeugt, dass Worte niemals den eigentlichen Kern treffen werden. Ich kann noch so viel versuchen, es euch Leuten nahe zu bringen. Ein Gefühl in mir sagt, es ist unmöglich, ihr versteht mich doch nicht. Aber im 21. Jahrhundert wurde das Ding-an-sich bereits konzipiert, kritisiert, und rekonzipiert, und all das ändert auch nichts daran, dass mir vorgeworfen wird, ich würde alles viel zu direkt sagen. Wozu die Sprache mit Blumen ausschmücken, wenn sich das Ding-an-sich ohnehin nicht treffen lässt? Aber doch vermögen Worte einiges zu treffen, sie triggern – treffliche Wurfgeschosse sind unsere Termini! Solange sie gefunden werden können. Wo sind jene Tage, an denen kräftige Symbole mir im Kopfe spukten, die ich schließlich auf Papier in gewaltige Bilder sich entfalten ließ? Ich finde kein Bild mehr. Mein Antrieb, etwas mitzuteilen, mag vorbei sein. Mich selbst irritiert dieser entspringende Gedanke. Denn was ich selbst schreibe, kann ich in diesem Moment kaum behaupten, in dem ich schreibe und mich offensichtlich den Leuten mitteilen will. Oder jemanden oder etwas. Ich wurde dort draußen doch immer nur missinterpretiert. Also besser nach Innen als nach Außen. Mit Ratlosigkeit hat es begonnen und dort stehe ich noch immer. Meine Langeweile kotzt mich an, liebe Leute. Vielleicht ertrage ich als Teil der sensationsgeilen Generation den blassen Schimmer fauler Menschlichkeit in mir nur schwer. Die faule Menschlichkeit des Nichts, der Leere, die auch etwas für den Menschen ist. Denn das spürt kein Tier. Hier bin ich Mensch. Im Nichts. Dort, wo ich skeptisch bin, da bin ich sicher. Dort, wo ich hundeelend und an der Klippe zum Nichts bin, da bin ich zu Hause. Scheiße bin ich gewöhnt. Scheiße, bin ich gewöhnlich! Und selbst Scheiße ist nicht Nichts. Meine Tage reichen mir nicht aus, und doch sind sie mir zu viel… verstehst du? Es ist wie die extrahierte Poesie der Quantenmechanik: sieht man hin, ist es fix. Solange ich im Nichts bin, ist alles gleichzeitig in der Schwebe gehalten und lässt mich sein. Gepriesen sei die ablenkende Kunst und ihre Filme! Metaphern retten leben.”
Langsam spürte das Mädchen den Donner in ihrem Bauch und sie wusste, jetzt langsam musste sie ins Tun kommen. Soviel Nichts erträgt der Körper nicht. Etwas musste geschehen, damit sie die Ente vergaß.
Nachdem sie im Chinarestaurant eine Pekingente verdrückt hatte, donnerte ihr Bauch nicht mehr, aber das Rätsel der Ente war so auch nicht lösbar.
Das war eine Geschichte und sie erzählte davon, wie das Mädchen aus Phlogiston floh und die Ente nicht mehr fand.
von Anna Gram
Das Meinungsmoratorium
Die Waagschale
Dem Ende entgegen
Meere der Leere, Szenen welkender Welten.
Menschen rennen, Seelen verbrennen –
Fehler selber erkennen? Selten.
Wenn Versprechen leere derselben werden,
werden der Grenzen Zwecke vergessen.
Per Regeln vernebelt, Erde der Erden;
Sterne, welche vernebelt. Wessen?
Erkennt denn jeder Denker den Segen,
der verschwendet, der verletzt?
Fremde Legenden werden gelehrt,
Werte gegen Respekt gesetzt.
Extreme Verbrechen, zerbrechende Herzen,
gehetzte Bettler, perfekte Erben.
Entgegen Versprechen endender Schmerzen
geht der Weg, den jeder geht:
Sterben.
Dienstanweisung Nr. 0/26
Regen im Denken
Chimæra
Geld, das vom Himmel fällt
Out of Time
Wie oft habe ich Gott angerufen?
Wie oft bin ich hinabgestiegen –
zum Lachen –
auf krummen, schiefen Treppenstufen?
Wie oft wegen Demut krank zuhause verbracht?
Wie oft fremde Tränen getrocknet und nicht gelacht?
Wie oft:
Türen aufgehalten,
Sitzplätze freigemacht,
das Feuer des Neids gelöscht,
die Flamme der Liebe entfacht?
Wie oft Geld für andere gespendet,
für mich keinen Cent verwendet?
Ratschläge gegeben für Fremde,
die kamen in Scharen?
Wie oft versucht, zu reparieren, zu heilen,
anderen versucht zu minimieren das Leiden?
Verzichtet, statt zu nehmen?
Habe ich mich aufgeopfert?
Mein letztes Hemd gegeben?
Dann stand ich, am letzten Tag meines Lebens,
vor dem Spiegel.
Hm … Ich bin nicht Jesus.
Für Selbstfindung ist keine Zeit.
Der Müll muss raus …
Signal und Wort
Die Stimme
Sie konnte sich nicht genau daran erinnern, wann die Stimme sie zum ersten Mal besuchte oder wann dieses Zusammenziehen in ihrer Brust das erste Mal auftauchte. Sie wusste nur, dass es jedes Mal passierte, wenn ein Treffen mit seiner Familie und seiner Ex bevorstand. Noch bevor sie ihre Jacke ausgezogen hatte, flüsterte ihr die Stimme ins Ohr „Du bist nicht gut genug und du wirst auch niemals so sein wie sie!“ Sie kannte diese Stimme nur allzu gut. In den letzten Monaten war sie ein stetiger Begleiter gewesen, der sie nachts aus dem Schlaf weckte oder ihr die Konzentration auf der Arbeit nahm. Alles, was die Stimme ihr zuflüsterte, entsprach der Wahrheit. Das wusste sie. Noch bevor irgendjemand eine Begrüßung sagen konnte, flüsterte die Stimme „Du gehörst hier nicht hin“. Ihr Herz begann zu hämmern, die Hände schwitzten und alle guten Vorsätze, sich entspannt und natürlich zu verhalten, waren vergessen. „Sieh nur, wie sie sich amüsieren ohne dich. Du bist hier absolut überflüssig“. Die Stimme flüsterte nun nicht mehr, sondern hallte nun schrill in ihrem Kopf. Sie hörte, wie das Blut in ihrem Ohr rauschte. Könnte sie, würde sie auf dem Absatz kehrt machen. Sein Bruder umarmte sie und hieß sie herzlichst willkommen. Sie lächelte gezwungen zurück, ein Auge auf die Ex gerichtet und dachte gleichzeitig: „Das hier ist der reinste Albtraum!“.
Es hatte niemanden gegeben, der ihr gesagt hatte, dass sie nicht genug sei. Dass sie schlechter als seine Exfreundin war. Auch hatte ihr nie jemand bewusst das Gefühl gegeben, dass sie nicht willkommen war. Es war nur dieses Flüstern, das ihr jedes Mal brutal zu verstehen gab, dass sie hier keinen Platz hatte. „Sieh nur, wie sie wieder in Erinnerungen schwelgen, in denen du nicht vorkommst“, brüllte die Stimme, als sie sich auf einen Stuhl setzte. Ihr Herz hämmerte mittlerweile so laut, dass es ihr schwer fiel, die Fragen der anderen am Tisch zu beantworten. „Du wirst niemals so ein vertrautes Lächeln von deinem Freund bekommen wie seine Ex. Du bist nichts!“. Mittlerweile hatte sich die Angst in Panik umgewandelt und jede auch noch so kleine Geste der anderen, wurde von ihr beobachtet und analysiert, während ihr Freund entspannt und ausgelassen neben ihr saß. Durch die Stimme wurden ihr nun die Unterschiede zwischen ihr und der Ex wieder deutlich. „Sie merken, dass du nicht zu ihnen passt. Du störst ihre vertraute Dynamik“. Während alle am Tisch entspannt und ausgelassen das Abendessen genossen, tobte in ihr ein Krieg, den niemand sah.
Es war schlussendlich ein Kommentar seines Vaters – harmlos gemeint –, der ihr den Hals zuschnürte und ihr Tränen in die Augen schießen ließ. Jeder Versuch, die Situation rational und objektiv zu betrachten, wurde von der Stimme niedergemetzelt: „Sie merken, wie unsicher du bist“. Den Blick starr auf den Teller gerichtet, verschwanden die Gespräche der anderen in den Hintergrund und es gab nur noch sie und die Stimme. Die Worte in ihrem Kopf klangen nun nicht mehr aggressiv und anklagend. Sie hatten nun etwas Versöhnliches und Vertrautes an sich. So überzeugend, dass sie keinen Raum für Zweifel übrigließen. Sie gehörte hier wirklich nicht hin und früher oder später, würde er wieder mit seiner Exfreundin zusammenkommen, so wie die Stimme es ihr immer und immer wieder prophezeite.
Wie genau sie den Abend überstand wusste sie nicht. Irgendwann lag sie in ihrem Bett, vollkommen erschöpft und niedergeschlagen. Einzelne Gesprächsfetzten des Abends geisterten ihr durch den Kopf, die von der Stimme bewertet wurden. Sie merkte erst, dass sie nicht mehr allein im Bett lag, als sich zwei kräftige Arme um ihren Rücken schlangen und jemand ihr liebevoll ins Ohr flüsterte „Es war richtig schön, dass du heute dabei warst. Du bist mein absoluter Lieblingsmensch“. Für einen Moment wusste sie nicht genau, ob sie es war, die er angesprochen hatte. Ein kurzer Gedanke schlich sich zwischen ihr und der Stimme: Woher weißt du eigentlich, dass sie so über dich denken und du nicht in die Runde gehörst? Doch noch bevor sie richtig über den Gedanken nachdenken konnte, hörte sie die Stimme wieder flüstern. Dieses Mal bewusst und klar, als würde jemand vor ihr stehen und ihr die Worte direkt ins Gesicht sagen. Und zum ersten Mal erkannte sie, wer da eigentlich die ganze Zeit zu ihr sprach: Es war sie selbst. Es war ihre eigene Stimme, die sie versuchte zu überzeugen, dass sie nicht gut genug für diese Beziehung und die Familie war. Die ihr regelmäßig aufzeigte, wie anders sie im Vergleich zur Exfreundin war. Es war ihre Stimme, die die Panik in ihr auflodern ließ, die sie nachts nicht schlafen ließ. Etwas in ihr löste sich. Ein Knoten, der sich gebildet hatte, und so stark verschnürt gewesen war, dass die Anspannung sie Tag und Nacht begleitet hatte. Ihr Herz schlug langsamer und auch ihr Atem schien gleichmäßiger zu fließen. Noch während sich die Erkenntnis in ihr ausbreitete, tauchte wieder der Gedanke auf: Du weißt nicht, dass sie so negativ über dich denken. Die Stimme verstummte für einen Moment. Sie hatte das erste Mal das Gefühl, richtig atmen zu können. Die Decke anstarrend lag sie da und wartete, dass sich die Stimme wieder meldete. Gab es die Möglichkeit, die Stimme zu ignorieren? Sie dachte an all die Dinge, die die Stimme ihr bereits gesagt hatte. All die Momente, in denen sie Dank der Stimme nur Panik und Angst verspürt hatte, ohne den Bezug zur Realität wiederherstellen zu können. Wenn die Stimme ihr gehörte, dann war sie auch die Stimme und das könnte alles verändern.
Ein paar Wochen später saßen sie wieder alle zusammen an einem Tisch. Er neben ihr, während seine Familie und die Ex um sie herumsaßen. Seit dem Morgen war die Stimme unaufhörlich zugange. Neue und bekannte Dinge wurden ihr ins Ohr geflüstert, doch dieses Mal glaubte sie ihr nicht. Zumindest nicht mehr alles. Das war nicht leicht und kostete viel Kraft. Die Stimme war da und sie würde womöglich auch niemals ganz verschwinden. Doch die Zeit, in der sie dem Flüstern alles glaubte und sich dadurch ihren Seelenfrieden rauben ließ, war vorbei. Die Stimme war nicht die Realität, sondern eine Verzerrung ihrer Wahrnehmung. Vielleicht war die Welt nie gegen sie gewesen, sondern nur das Bild, dass sie sich von ihr gemacht hatte.
Sie und die Stimme gehörten zusammen, aber die Stimme hatte nicht mehr die Macht über sie.
Verlierer-Kakerlake
Best Seller und Platzhirsche
Das Biest
Wenn Gewissheit lügt.
Alles eh Wurscht
Weltlage
Das Über-Ich
Ich bin ich und wer ist das Über-Ich?
Wer richtet mich und wer richtet mich?
Ich laufe in einem System, vorgegeben seit tausenden von Jahren.
Unmöglich zu entkommen, und doch auf eine Art vollkommen.
Das Hamsterrad, das niemals aufhören wird zu drehen.
Und sollte es doch stehen bleiben, so bleibt es auch mein Leben.
Einem System, dem es sich nicht lohnt zu entkommen,
denn vorgesehen ist nur eins: Arbeit, Rente, Tod.
40 Jahre meines Lebens, die ich leben könnte.
Sie sagen dir du lebst, doch wer formt mein Wesen?
Ist es denn überhaupt möglich individuell zu leben?
Hat nicht irgendwer auf dieser Welt schon eins zu eins
mein Leben gelebt und sitzt nun im Schaukelstuhl.
Würmer kriechen durch meine Augenhöhlen und fallen mir auf den Schoß.
„Ein Glück habe ich 40 Jahre meinem Chef die Kohle
in den Rachen gestopft und kann nun friedlich verwesen.“
So wünsche ich mir wie es verläuft, denn viele Optionen gibt es nicht.
Der Rahmen ist vorgegeben und die Wahl fällt trotzdem nicht leicht.
Doch was, wenn es all das nicht gäbe?
Keine Schule, kein Studium, keine Arbeit, kein Geld, keine Politik.
Was wäre, wenn es wirklich nur eins gäbe?
Zu überleben.
Wenn es möglich ist, aufzuwachen und zu überlegen:
„Was fange ich an mit meinem Leben?“
Wenn die Langeweile zur Kreativität wird,
wenn du keine Deko, Krimskrams und Schnickschnack brauchst,
um deine Person zu definieren,
wenn auf deiner Tagesordnung nichts steht, außer die wahre Welt zu entdecken.
Was würde mit uns Menschen passieren, wenn es nicht wichtig ist wie wir aussehen und was wir mal
später werden?
Nur eins: „Wir würden leben.“
Wo Wurzeln nicht bleiben dürfen
Tagebuch eines Skeptikers
Philosophie: eine Liebeserklärung
Jungtier
Gedichtzyklus – Freiwissend
Das imaginäre Selbst
Stell dir vor, du erwachst.
Und nichts gehört dir mehr.
Nicht dein Name. Nicht dein Körper.
Nicht deine Erinnerungen.
Alles, was du für „Ich“ gehalten hast, war nur ein Schatten.
Du trittst hinaus auf die Straße.
Die Menschen sind da – und auch doch nicht.
Sie reden, gehen, lachen, streiten.
Aber du nimmst nur Bewegungen wahr.
Kein Urteil, kein Bild, kein Drama.
Du siehst einen Baum.
Nur einen Baum.
Kein Symbol, kein „gut, kein „schlecht“.
Nur Licht auf Rinde.
Nur Leben, das existiert, ohne sich zu rechtfertigen.
Und plötzlich erkennst du:
Alles, wovor du je Angst hattest, war Illusion.
Alles, was du verteidigt hast, war eine Geschichte,
die du selbst geglaubt hast.
Du spürst Angst – aber sie gehört nicht mehr dir.
Du spürst Trauer – aber sie definiert dich nicht mehr.
Du bist weder Opfer noch Täter.
Du bist weder Held noch Narr.
Du bist nur dies:
Ein Herzschlag, ein Athemzug, ein Moment.
Stell dir vor, das lebten viele.
Eine Gesellschaft ohne Besitz, ohne Forderungen, ohne Ideologien.
Menschen streiten nicht mehr über Bilder.
Sie handeln, sie reagieren, sie atmen.
Die Welt wäre klarer, härter, stiller. Aber unverfälscht.
Stell dir vor, die Stille brennt.
Sie fließt wie ein Rinnsal durch die Straßen, durch die Körper, durch dich selbst.
Sie ist wild.
Sie ist frei.
Und sie lässt dich erkennen:
Du hattest nie etwas.
Und genau darin liegt alles.
Und jetzt hör auf, dir das vorzustellen.
Denn es war nie nur ein Bild.
Es ist einfach da.
Immer schon.
Und du bist mittendrin.
Wie viel Philosophin bin ich?
Ohne Titel
Im gedankenleeren Gedankenraum
hatte ich plötzlich einen Traum
somit wars nicht mehr der gedankenleere Gedankenraum
sondern nur noch ein Gedankenraum
im Gedankenraum hatte ich
also diesen einen Gedankentraum
Im Gedankenraum
so wie den ganzen Tag
Gedanken eben dort waren
weil der Raum nie leer ist
eher im Gegenteil
er ist immer so scheiße voll
ich wünschte es wäre mal ein
gedankenleerer Gedankenraum
aber dann wäre es kein Gedankenraum mehr
sondern nur ein Raum
der leer ist
und vielleicht würde ich mich dann mal voller fühlen
Wie viel Philosophin bin ich?
ich lese so viel und doch so wenigf
tractatus mir so fern und anderes so nah
glaube mich frei und frage mich was du denkst
bin ich ein guter Mensch?
bin ich eudaimon oder hedonist?
bin ich überhaupt?
Denken tu ich, doch bin ich?
Irgendetwas?
die Philosophen haben immer so tolle Lösungen
Wenn Sisyphos glücklich ist, wieso ich nicht?
Brauche ich erst ein Stein vor der Nase, oder reicht nicht das Brett vor’m Kopf?
Die vier Kritiken stehen seit drei Jahren rum
und ich schäme mich drum
doch immer fällt mir was wichtigeres ein
und zu viel ist zu tun
was ich gar nicht tun will
frag mich so oft
was ich noch brauch‘
um endlich Philosphin zu sein
frag mich
was ich brauch’
Gewissensküsse
Die negative Philosophie: Ein Essay über Macht, Wächter und die Kunst, Lügen zu erkennen
Roulette
Post-Winter Tag
mensch ärgere dich nicht
Jeder Regen lässt dich wieder hoffen
Jeder Regen lässt dich wieder hoffen,
dass alles anders werden kann mit einem Mal.
Die Welt ist neu, die Wege stehen offen,
du glaubst, du hast jetzt wieder eine Wahl;
hinauszugehen, endlich wieder träumen,
von andren, die mit dir ins Weite schauen.
So suchst du wieder in den leeren Räumen
und fasst zur Welt ein freundliches Vertrauen.
Es wird wohl wieder nur Enttäuschung finden,
du wirst dich quälen, zweifeln, wieder traurig sein,
und wieder werden viele dir entschwinden,
dann stehst du wieder einmal hier, wieder allein.
Du bist nicht falsch, du hast nur andre Ziele,
du weißt, warum dein Herz zu Menschen weht.
Sie sind nicht so! Weiß Gott, so unerträglich viele
sehn nichts, was nicht allein um sie sich dreht.
Lass sie, du wirst sie nicht erreichen.
Rette dein Herz und kehr zu dir zurück.
Kein Wort, kein Schmerz kann sie erreichen;
die Wahrheit – ach – die kümmert sie kein Stück.
Der Schmerz, der dich zerreißt, er wird vergehen,
du hast noch dich und das ist doch sehr viel.
Sie werden nie das Licht der Nähe sehen,
für sie ist alles dunkles, eitles Spiel.
Sonnenuntergang
Ich sitze auf einem Stein, die Beine übereinander geschlagen, den Blick in die Ferne gerichtet. Um mich herum herrscht Stille und irgendwo dort hinten beginnt der Sonnenuntergang. Dichter würden diesen Moment detailliert beschreiben, andere würden ein Foto schießen, um dieses später einzurahmen. Doch niemand außer mir ist hier. Also kein Foto oder Gedicht.
Ich sitze einfach nur hier und frage mich, warum ein Sonnenuntergang als schön betrachtet wird, auch wenn er unscheinbar ist. Vielleicht gerade deshalb. Er ist alltäglich, wiederholt sich jeden Tag und doch verliert er nie seine Wirkung. Die Sonne verschwindet hinter den Bergen, ohne dass ich dazu etwas beitrage. Ich kann sie nicht anhalten, nicht beschleunigen nicht beeinflussen. Niemand kann das.
Und genau darin liegt etwas Tröstliches: Schönheit, die nicht von mir abhängig ist. Ein Ereignis, dass sich dem Willen des Menschen entzieht und gerade dadurch frei ist. Der Sonnenuntergang braucht keine Bedeutung, um zu wirken. Er ist einfach da – ohne Absicht, ohne Zweck, ohne Erklärung.
Vielleicht ist es genau das, worauf es wirklich ankommt: Dass etwas gerade dann klarer erscheint, wenn man aufhört, es verstehen oder festhalten zu wollen. Wenn ich akzeptiere, dass es sich meinem Zugriff entzieht. Dieser Gedanke lässt mich lächeln.
Ich weiß nicht viel über den Sonnenuntergang, aber ich sehe ihn jetzt, in diesem Augenblick. Und ich bleibe sitzen. Auf einem Stein.
Desillusioniert
Mit der Geburt beginnt unser Leben,
von wem wurde uns dieses Geschenk gegeben?
Als Kinder sind wir meist sorglos und froh,
doch das bleibt leider nicht immer so.
Wir spielen und toben und lachen und tanzen,
und dann ist irgendwann Schluss mit dem Ganzen.
Als nächstes kommt unsere Jugend dran,
und hier fangen schnell die Probleme an.
Druck in der Schule und Liebeskummer,
das ist dann oft eine harte Nummer.
Vielleicht auch die Frage nach dem Sinn,
wo führt uns das Ganze eigentlich hin?
Jetzt kommen wir zum Erwachsen sein,
hier trügt von außen sehr oft der Schein.
Heile Familie im schönen Haus,
doch die Wahrheit sieht meistens ganz anders aus.
Die Ehe zerrüttet, die Arbeit macht krank,
bald folgt die Rente, Gott sei Dank.
Doch leider ist gerade diese Zeit,
ganz oft geprägt von Einsamkeit.
Die Menschen sitzen alleine zu Haus,
und kommen irgendwann kaum noch raus.
In dieser beklemmenden, traurigen Not,
wartet man eigentlich nur auf den Tod.
Ob man das alles Geschenk nennen kann,
da habe ich wirklich Zweifel dran.
Torsten Kuptz
Illusion
Ist das echt?
Oder alles nur gespielt?
Frage nach Frage.
Keine Antwort.
Liebe.
Gibt es sie wirklich?
Oder reden wir es uns nur ein?
Wir.
Gibt es uns wirklich?
Oder leben wir in einer Simulation?
Gott.
Gibt es ihn wirklich?
Oder passieren Dinge ohne Hilfe?
Wir wissen nie,
was echt ist,
Was gespielt ist.
Nie.
Raten können wir.
Uns verlieren in den Lügen.
Sonnenaufgang.
Wunderschön.
Er lässt uns einen Moment die Zeit anhalten.
Doch diese läuft weiter.
Ein bunter Himmel blickt uns entgegen.
Doch sind die Farben echt?
Vielleicht sind es nur Farben,
die nur ich sehen kann.
Ihr nicht.
Bekannte, Freunde, Familie …
Was, wenn ihr alle nicht echt seid?
Dann wär ich ganz allein.
Ohne Hoffnung.
Ohne Licht.
Ohne Dunkelheit.
Feind oder Freund.
Schwierige Frage.
Taten zeigen es.
Doch erst zu spät.
Die Welt ist rund.
Oder doch nur ein Konzept?
Wieder keine Antworten.
Wir können uns was ausdenken.
Doch der Wahrheit können wir nie entkommen.
Alles ist eine Illusion.
Endlich
Als Dunkelheit das Licht gebar
und alles wurde sonnenklar,
als Nebel reiner Klarheit wich,
der Zweifel sich von Dannen schlich,
als Fragen platzten, Traum zerran…
fing er endlich zu leben an.
Lieber unwissend als falsch sicher
Ein Platz neben Ru
Living dead
Das Geräusch von fallendem Regen
Mein Großvater verbrachte die letzten Jahre seines Lebens damit, Vögel zu beobachten. Er saß stundenlang auf der Veranda, ein Fernglas in seinem schlaffen Griff, und starrte in die alte Eiche vor dem Haus. Anfangs versuchte ich, mitzumachen. “Was ist das für einer?”, fragte ich und zeigte auf einen graubraunen Fleck, der von Ast zu Ast hüpfte. “Ein Buchfink? Eine Heckenbraunelle?”
Er legte das Fernglas ab und sah mich an. Seine Augen waren klar, ohne die Trübung des Alters, die ich erwartet hatte. “Es ist ein kleiner Vogel”, sagte er. “Er hat Hunger. Jetzt frisst er einen Käfer.”
Ich verstand es nicht. Mein Großvater war Ornithologe gewesen. Er hatte Bücher über die Brutgewohnheiten seltener Arten geschrieben. Er konnte jeden Vogel am Gesang erkennen. Jetzt weigerte er sich, sie zu benennen. Er hatte sein ganzes “Wissen” einfach abgelegt wie einen alten Mantel. Ich dachte, es wäre die beginnende Senilität. Heute weiß ich, es war das genaue Gegenteil. Es war Klarheit.
Diese Erinnerung kam mir neulich wieder, als ich im Stau stand. Es war einer dieser Tage. Ein geplatzter Termin, ein dummer Streit am Telefon, und jetzt das hier. Stillstand. Um mich herum ein Orchester der Ungeduld. Hupen, aufheulende Motoren, Gesichter hinter Glas, verzerrt von Frust. Mein eigenes Gesicht gehörte dazu. Ich spürte den Druck in meiner Brust, den unwillkürlichen Drang, irgendetwas tun zu müssen. Aufs Lenkrad schlagen. Fluchen. Das Radio lauter drehen.
Mein Verstand, dieser unermüdliche Kommentator, lief auf Hochtouren. Er bewertete alles. Dieser Idiot da vorne blockiert alles. Warum kann ich nicht einmal pünktlich sein? Mein Leben ist eine Aneinanderreihung von solchen Momenten. Ich bin ein Versager im Stau des Lebens. Es war ein ganzes System von Überzeugungen, das sich zwischen mich und die Realität schob. Die Realität war simpel: Autos standen auf einer Straße. Mein Verstand aber schuf daraus eine persönliche Tragödie.
In diesem Moment dachte ich an meinen Großvater. Was würde er jetzt tun? Er würde nicht die Automarken identifizieren oder die Fahrer verurteilen. Er würde einfach nur schauen.
Ich versuchte es. Ich hörte auf, die Situation zu benennen. Es war kein “Stau” mehr. Es war nur das, was war. Ich sah das rote Licht des Bremslichts vor mir. Es war nicht “ärgerlich”, es war einfach nur rot. Ein sattes, tiefes Rot, das sich in einer Pfütze auf dem Asphalt spiegelte. Ich hörte das Geräusch eines Motors. Es war kein “nervtötendes Dröhnen”, es war eine Vibration in einer bestimmten Frequenz. Ein tiefes Brummen.
Plötzlich bemerkte ich Dinge, die vorher im Lärm meiner eigenen Bewertung untergegangen waren. Ein Aufkleber auf der Heckscheibe vor mir, eine lachende Sonne, deren Farben schon ganz verblichen waren. Der Rhythmus des Scheibenwischers eines anderen Autos, ein unregelmäßiges Tak-Tak-Tak. Und dann fing es an zu regnen.
Mein erster Impuls, meine Konditionierung, war: Na toll, jetzt auch das noch. Aber ich zwang mich, dabei zu bleiben. Nur wahrnehmen. Ich sah, wie die ersten Tropfen auf meine Windschutzscheibe trafen. Sie waren keine “Störung”. Sie waren klare, kleine Linsen, die für einen Augenblick die Welt dahinter verzerrten und dann zerflossen. Ich hörte das Geräusch, das sie machten. Ein leises, unendlich komplexes Prasseln. Jeder Tropfen ein eigener Ton. Es war kein “schlechtes Wetter”. Es war das Geräusch von fallendem Regen.
In diesem Moment löste sich der Druck in meiner Brust. Nicht weil der Stau sich auflöste, er tat es nicht. Sondern weil ich aufgehört hatte, gegen die Realität zu kämpfen. Ich hatte aufgehört, ihr meine Geschichte, meine Interpretation, meine Konditionierung überzustülpen. Die Lüge war nicht der Stau. Die Lüge war meine Überzeugung, dass der Stau etwas war, das mir persönlich geschah, etwas, das bewertet und bekämpft werden musste.
Indem ich die Lüge aufdeckte, tat ich nichts. Ich zog mich zurück und erlaubte der Realität, sich selbst zu zeigen. Und sie war weder gut noch schlecht. Sie war einfach nur da. Rot. Brummen. Tak-Tak-Tak. Prasseln.
Ich frage mich, wie eine Gesellschaft aussehen würde, die so lebt. Eine Gesellschaft, die aufhört, alles und jeden zu benennen, zu kategorisieren, zu bewerten. Eine Gesellschaft ohne die Autorität des “Wissens”, das uns sagt, was ein “Problem” ist, was “Erfolg” ist, wer “Freund” und wer “Feind” ist. Vielleicht wäre sie stiller. Vielleicht würden wir aufhören, uns gegenseitig unsere Interpretationen wie Waffen um die Ohren zu schlagen. Vielleicht würden wir einfach nur dasitzen, das Rot der Bremslichter betrachten und dem Geräusch von fallendem Regen lauschen. Zusammen.
Kollision der Sinne
Jeder Morgen
Philosophie(t)raum
Weltbild
Weltbild
Bildwelt
Gebildete Welt
Gebaute Welt
Konstruierte Welt
Begrenzte Welt
Gestellte Welt
Gelogene Welt
Falsche Welt
Wir leben in Systemen
Wir brauchen Systeme
Ein Systeme ist Ordnung
Ordnung ist Konditionierung
Konditionierung ist Sicherheit
Sicherheit ist Vorrausschaubarkeit
Vorrausschaubarkeit ist Wissen
Wissen ist Macht
Macht ist Manipulation
Manipulation braucht System
System bedeutet Illusion
Aus der Illusion wird die Bildwelt
Aus der Bildwelt das Weltbild
Der Mensch strebt nach Sicherheit
Daraus resultiert die Notwendigkeit eines Systems
Dieses erfordert Konditionierung
Ohne Wissen, keine Macht, kein System, kein Weltbild, keine Sicherheit, keine Grenzen
Keine Menschen
Das denken, fühlen, danach handeln wir
Doch wer es schafft sich davon zu lösen wird erkennen:
Der Mensch kann, darf, soll frei sein
Das Streben nach Sicherheit begrenzt den Menschen
Das darf doch nicht wahr sein!
Krise, Wahrheit, Praxis und Vernunft.
Ein offen-unfertiger Versuch pseudosoziopsychojustizidalanalytischer Überlegungen im Zeitalter des präpotentiell Postfaktischen.
Wie ist das denn nun mit den Behauptungen?
Fragte er,
Wir stellen sie auf,
und wir widerlegen sie wieder hin.
Meinte er.
Bildlicher: Statuen und Denkmäler werden aufgebaut,
und bei entsprechendem Bedarf wieder abgerissen.
Ikonoklasmus.
Immer von Neuem.
Alles ist möglich.
Gerade im Digitalen.
War diese Betrachtung jetzt schon eine Behauptung?
Und habe ich damit Recht?
In jedem Falle,
behaupte ich jetzt mal.
Einfach,
so. Gut.
Und nun?
Was willst du machen?
Es geht natürlich nicht darum nur etwas zu behaupten,
ohne Grund,
um damit Recht zu haben –
denn Jeder hat Recht, wenn er will, oder vielmehr, wenn er kann.
Denn eigentlich geht es hier nicht ums Rechthaben,
Recht bekommt man.
Oder man gibt Recht.
So verstehe ich das, zumindest.
Oder man nimmt es sich, das Recht, heraus, etwas zu behaupten.
Ob falsch oder richtig, egal.
Für manch einen sogar Beruf.
Funktion bzw. Gelderwerb.
Er hatte Recht.
Pasta!
Alles ist Behauptung.
Sein Name war Hase.
Wer wollte ihm das streitig machen?
All diejenigen die ihm nicht Recht geben wollten,
Denen das nicht gefällt.
Entweder glaubte man ihm nicht dass er Hase hieß,
zu Recht oder Unrecht,
und obwohl er fand dass Hase ein sehr schöner Name war,
gab es von Fall zu Fall ein entschiedenes Interesse daran dass ihm das keiner glauben durfte, oder soll.
Von Rechtswegen.
In seinem Fall war das nicht von wirklichem Interesse,
oder dieses Interesse nicht seines.
Es ging also wie immer darum, wer was und warum erreichen will.
Dachte er.
Ihm persönlich war es zwar egal ob Donald Trump oder Bill Gates die Welt regierten.
Darin kannte er sich nicht aus.
Sollen sie also Recht haben, Donald, Bill, und all die die glauben das sei Recht oder nicht.
Es war ihm weder Recht noch Unrecht.
Ist Angela Merkel eine Marionette oder gar ein Echsenwesen?
Von ihm aus, das war ihm auch egal.
Hallo Algorithmus,
das interessiert mich nicht.
Ich schwimme in Gleichgültigkeit.
Diesbezüglich.
Man sagt dazu auch Indifferenz.
Ohne Bedeutung oder Wichtigkeit.
Für ihn.
Mich.
Ob du nun schwarz, klein, bisexuell oder der Papst bist war ihm nur allzugerne egal.
Da fällt mir diese Wohnungsanzeige aus München ein,
Aus den 80ern:
„Schwarzer schwuler Jazztrompeter mit Anhang sucht 3-Zimmer-Wohnung. Keine monetären Mittel vorhanden.“
Das Unmögliche bestimmt immer das Mögliche.
Das ist vielleicht das “Gute” daran.
Dieser Spruch,
“Stell dir vor es ist Krieg”,
und es gehen eben doch alle hin.
Ihm waren einfach andere Dinge wichtig.
Daher forderte er ein Recht auf Gleichgültigkeit.
Aber kein justiziables,
ein ihm ganz eigenes.
Was das bedeutete
darüber muss ich aber nochmal
nachdenken.
Ich weiß nicht.
Konturen des Unfassbaren im Schattenspiel des Leuchtturms der Unwissenheit
Verloren
Verschließe meine Augen
Weil ich nichts sehen will
Bei Bildern die was taugen
Seh ich nicht mehr hin.
Verschließe meine Ohren
Und höre soviel Mist
In der lauten Welt verloren
Das was wichtig ist.
Verschließe meinen Mund
Stell keine Fragen mehr
Die Lippen sind schon wund
Brauchen keine Worte mehr.
Verschließe meinen Verstand
Der Kopf tut mir schon weh
Was sich darin befand
Ich niemals wieder seh.
Verschließe nun mein Herz
Bin mein eigenes Versteck
Ein letzter zarter Schmerz
Und plötzlich bin ich weg.
Welchen Einfluss hat der negativ-philosophische Ansatz im Hinblick auf individuelle- und
kollektive Psyche?
Schrödingers Kind
Du wachst auf und du lachst
Du lachst eigentlich immer
Wenn du nicht gerade weinst
Vielleicht weil du nicht weißt
Was anderswo passiert
Dir macht nie Angst, was morgen wird
In deiner Welt gibt es nur Hier und Jetzt.
In deiner Welt gibt es kein Morgen
Das heißt nicht, du hast nie Sorgen
Aber kannst du Sorgen kennen
Wenn du sie nicht benennen kannst?
Vielleicht macht es das noch schlimmer
Nicht zu wissen, was dir Sorgen macht
In deiner Welt gibt es kein Darum.
In deiner Welt gibt es kein Warum
Nur das Warum das wir dir geben
Wir geben dir Worte für dein Jetzt und Hier
Dein Warum und Darum entscheiden wir
Und du schaust uns an mit deinen großen Augen
Und fängst die Worte aufzusaugen
Aber noch gibt es in deiner Welt keine Wahrheit
In deiner Welt gibt es keine Klarheit
Für dich gibt es einfach nur das Leben im Moment
Und irgendwo dazwischen begegnen wir uns
Und denken es wäre eine hohe Kunst
Der Welt und ihren Inhalt mit Namen zu versehen
So zu tun als könnten wir sie dann verstehen
Aber in deiner Welt gibt es keinen Sinn
In deiner Welt bist du kein Kind
Du bist nur du und was du willst
Ob du dich wohl verstanden fühlst
Von unserer Wahrheit, Worten, Namen
Fühlst du dich von uns getragen
Wenn wir dir deine Sorgen sagen?
Ist Unwissenheit dein Segen?
In deiner Welt bist du umgeben
Von Dingen, Künsten, Worten, Sorgen
Deren Namen du nicht kennst
Und doch siehst du so geborgen aus
Und weißt nicht mal wie man das nennt
Bis du irgendwann der Welt deinen eigenen Sinn
Gibst, solange bist du Schrödingers Kind
In deiner Welt gibt es nur Jetzt
Ich lebe
Heiß wie eine Feuersbrunst, die mein Leben auszulöschen trachtete, Stunden zwischen der Blüte meiner Jugend und dem Sichtum eines schnellen Todes. Die Gewalt eines Bakteriums, welches mich mit all seinen erdenklichen Auswirkungen, seiner Vernichtungsstrategie dahinzuraffen versuchte. Die wenigen Stunden, die entscheiden sollten, vom Schicksal herbeigeführte Menschen, mit Glück treffen wir immer die richtigen Menschen zur richtigen Zeit, Zufälle, Fügungen. Komplikationen auf der anderen Seite, Ringen, Hoffen, Bangen, während ich längst alles Bewusste hinter mir gelassen hatte, mich angstfrei in die Hände meines Schicksals ergeben hatte.
Vor 50 Jahren galt ich mit einer Meningokokken-Sepsis mit Waterhouse-Friederichs-Syndrom wohl eher als dem Tode geweiht, wurde über Nacht für einige Tage zu einem Experimentierfeld ambitionierter Mediziener, deren Reputation sich mit meinem Leben verknüpfte.
Einen Tag, zwei Tage, die Traierglocken waren bereits vorbereitet, Tränen bereits vergossen, ein dritter Tag meines Niedergangs, der zwar verlangsamt aber unaufhaltsam schien. Die Offenbarung der Mediziner, dass nach Lage der Dinge alles wohl umsonst gewesen sei. Ein Versuch der Verzweiflung meines Vater, die schamanischen Kräfte, die seiner Mutter nachgesagt wurden zu nutzen, wider seines Verstandes, wider seiner tiefsten Überzeugung wissenschaftlicher Korrektheit seiner Weltsicht. Zwei Stunden in verzweifelter Lage, die Fahrt zu seiner Mutter, ein kurzes Gespräch wohl unter beider Tränen und die Fahrt zurück zum Klinikum, zu mir. Bereits begrüßt mit hoffnungsvollen Worten, die eine unerwartbare Aufwärtstendenz beschrieben, verbunden mit der Hinterfragung der eigenen Überzeugungen, gehüllt in sentimental klingende Worthülsen.
Ein weiterer Tag, ein emporstrebender Lebenswille, ein Erwachen, folgenlos genesend in jugendlich rasendem Tempo.
Was blieb, war eine Episode von wenigen Wochen meines Lebens, prägend, verändernd, ja, sogar stärkend, eingebrannt in meine Seele, ein Hologramm meiner Zukunft, meiner Existenz, in jede einzelne Zelle meines Wesens eingraviert.
Und es blieb die Frage meines Lebens, die Frage, was in den zwei Stunden zwischen Tod und Leben geschehen sein mochte. Die Unerklärbarkeit beider Seiten des Geschehens.
Ist mein Leben Zufall. Ja, jedes Leben ist im Grunde Zufall. Aber ist dieser Moment des Überlebens ebenso durch eine Zufälligkeit herbeigerufen worden. Oder war es, wie alle Indizien eigentlich aufzuzeigen geneigt sind, die Gabe dieser alten, weisen Frau, mit der mich eben eine ganz besondere Beziehung verband.
Auch wenn alles in mir nach einer kognitiv greifbaren Erklärung trachtet, diese nur all zu gerne als unumstößlich anerkennen möchte, so verbleibt dennoch dieser Rest Ungewissheit, die Handlungen in jenen zwei Stunden könnten Einfluss auf mein Schicksal genommen haben.
Unbeweisbar das Eine wie das Andere, Einfluss oder nicht, der Zweifel meiner Existenz.
Ergebnisoffen
Dich hab ich verloren
Für jeden unserer Pläne war die Grundvoraussetzung, dem Leben nicht zu entschwinden. Also verneinten wir unsere Sterblichkeit und gingen davon aus, da wäre noch Raum und Zeit. Doch irgendwann, da verlor ich dich und es blieb mir nichts anderes übrig, als weiterzuleben, mit diesem undurchsichtigen Fleck, an dessen Stelle einmal du standest.
Nichts nimmt diesen Platz ein, alles baut sich drumherum. Manches davon würde ich dir gern erzählen, es mit dir teilen; es einfach nur für einen Moment mit dem Loch in Verbindung bringen, das du hinterlässt, sodass es Leere ausfüllt und Stille in ein Wort von dir verwandelt. Doch was bleibt, ist nichts, das mich noch erreicht – eine abstrakte Version der Person, die du für mich warst; dein Lächeln auf einem Foto, deine Schrift auf einem Stück Papier, die schlichte Erinnerung an etwas Zeit mit dir.
Nichts von alle dem ersetzt, was deine Anwesenheit zu geben vermag. Stimmen wie deine werden im Vorbeigehen etwas in mir berühren und Menschen, die dir zu sehr ähneln, werden mir vor Augen führen, wie selbstverständlich die Dinge waren, in all den Jahren, die wir damit vergeudeten, uns auf anderen Wegen zu befinden. Irgendwann, da stehe ich vor deinem oder du vor meinem Grab und nur die Erde zwischen uns wird uns dann noch verbinden.
Wüsste ich?
Wüsste ich?
Könnte ich, wenn ich wollte?
Und will ich, wenn ich könnte?
Wüsste ich, wann ich könnte?
Und wollte ich, wenn ich wüsste, dass ich könnte?
Könnte ich fühlen, wenn ich wollte?
Und würde ich fühlen, wenn ich könnte?
Und könnte ich fühlen, würde ich dann wollen?
Wüsste ich, wenn ich wollte, ob ich könnte?
Könnte ich sagen, was ich wollte?
Und wollte ich sagen, was ich wüsste?
Wüsste ich, was ich sagen darf,
würde ich nicht fragen, was ich nicht darf.
Doch ich darf denken was ich will
Will nicht fragen was ich darf
Ich will fühlen was ich mag
Und mag sagen was ich fühle.
Korridor
Wo ist alles?
Wo ist?
Wo?
Atemloses Schweben
Leben ohne Luft
Wer bin ich?
Wer bin?
Wer?
Zerbrochener Spiegel
Splitterbilder meiner Selbst
Wo bin ich?
Wo bin?
Ich
Irrweg der Seele
Abgrundtiefe Dunkelheit
Grenzenloses Ich
Doch wer bin ich wann? Und wenn nicht, wer bin ich wo?
Korridor
Die Kunst des Wegnehmens
Es gibt Denker, die bauen Kathedralen aus Begriffen.
Sie setzen Stein auf Stein, nennen das Fundament „Wahrheit“ und das Dach „Erkenntnis“.
Sie sagen: So ist es, so war es, so wird es sein.
Und ihre Stimmen klingen fest wie Glocken über einem geordneten Platz.
Doch irgendwo, am Rand dieser Plätze, steht einer ohne Bauplan.
Er trägt keinen Grundriss bei sich, kein Versprechen, kein endgültiges Wort.
Er sagt nicht, was ist. Er fragt nur: Was ist es nicht?
Und mit dieser Frage beginnt er zu lösen.
Er löst das Etikett vom Ding. Er löst die Deutung vom Ereignis.
Er löst die Geschichte vom Schmerz. Er löst das „So ist das eben“ vom Atem.
Er ist kein Architekt, er ist der Wind.
Er trägt keine Wahrheit herbei er nimmt nur das Fort,
was sich wie Staub auf die Wirklichkeit gelegt hat.
Er sagt: Das bist nicht du, das ist nicht die Welt.
Das ist nicht das, was du unmittelbar siehst.
Und jedes „Nicht“ ist wie ein leises Aufatmen unter einer schweren Decke.
Die positive Philosophie liebt das Licht der Definition.
Sie hält es hoch wie eine Fackel in einem dunklen Raum und ruft: Hier ist die Wirklichkeit!
Die negative Philosophie bläst die Fackel aus.
Nicht aus Trotz und nicht aus Nihilismus.
Sondern aus Vertrauen. Sie vertraut darauf, dass die Dunkelheit keine Feindin ist.
Dass die Augen sehen können, wenn sie nicht geblendet werden von zu viel Erklärung.
Sie sagt: Du brauchst keinen Dolmetscher zwischen dir und dem, was geschieht.
Du brauchst nur den Mut, die Stimmen zu erkennen, die ständig sprechen.
Die Stimme der Erziehung, die Stimme der Institution.
Die Stimme des „Man weiß doch“, die Stimme des rationalen Richters,
der jedes Erleben sofort bewertet und katalogisiert.
Die negative Philosophie ist keine Lehre.
Sie ist ein Abtragen. Sie nimmt Schicht um Schicht
von dem, was sich zwischen dich und die Welt geschoben hat.
Sie sagt nicht: Die Welt ist so.
Sie sagt: Das, was du für die Welt hältst, ist vielleicht nur deine Gewohnheit.
Und wenn sie alles entfernt hat, die Urteile, die Begriffe, die vermeintliche Gewissheit
dann tut sie nichts mehr.
Sie tritt zurück in Würde, still und heimlich.
Sie überlässt die Bühne dem, was ohnehin da war.
Keine Interpretation, kein Anspruch.
Keine Autorität, sondern nur das Unmittelbare.
Ein Baum, der nicht „Baum“ heißen muss, um zu stehen.
Ein Schmerz, der nicht „Störung“ heißen muss, um gefühlt zu werden.
Ein Mensch, der nicht definiert werden muss, um zu sein.
Vielleicht ist negative Philosophie kein Denken, sondern ein Entlernen.
Kein System, sondern eine Befreiung vom System.
Sie ist kein Nein zur Welt.
Sie ist ein Nein zu all dem, was sich als Welt ausgibt.
Und in diesem Nein öffnet sich etwas Ungewohntes.
Ein Raum ohne Kommentar, ein Blick ohne Urteil.
Ein Sein ohne Etikett.
Dort beginnt nichts Neues. Dort fällt nur etwas fort.
Und vielleicht ist Wahrheit kein Satz.
Vielleicht ist sie das, was übrig bleibt,
wenn niemand mehr behauptet, sie zu besitzen.
Den Mond sehen
MY LAST TWO WEEKS. Das war die Stimme im Radio. Es kam der Wirklichkeit verdammt nahe. Ganz gleich, in welche
Zeit gewendet.
Er kroch noch tiefer in die Betonhöhle. Ein guter Song. Er drehte das Transistorradio lauter. Die vorbeirasenden Autos
ließen das Innere des Pfeilers erzittern. Der Lärm war ein glühender Schmerz in seinem Kopf. Er hatte keine Wahl. Im
Dunkel tastete er nach den Kerzenstümpfen. Der staubige Sand verströmte einen strengen Geruch. Irgendwann hatte er aufgehört, sich zu ekeln.
Das Kerzenlicht war ausreichend. Er tastete nach dem Bild in seiner Tasche. Seine Finger waren starr vor Kälte. Es war die dritte Frostnacht. Das Mädchen auf dem Bild nannte sich Jojo.
Über der Fotografie lag ein blasser Firnis. Er erinnerte sich an das halb erblindete Fensterglas des alten Hauses. An den schmalen, von Gräsern überwachsenen Fahrweg. Über die Flussniederung stieg der Nebel. Das war das Bild. Der
Augenblick blieb ein anderer. Da ließ er ganz langsam die Kamera sinken. Dann wandte er den Kopf.
Ein Fahrrad kam den Weg entlang. Es wechselte rasch die schlammigen Fahrspuren, torkelte wie ein Falter über Rillen
und Vertiefungen. Er konnte bereits jede Einzelheit des Bildes unterscheiden. Da legte sich das Fahrrad nach einem gewagten Schwenk plötzlich auf die Seite. Es stürzte zu Boden.
Vor dem Haus neigten sich die Gräser im Wind. Aber es war gar kein Wind. Nur eine Erinnerung unter dem schmalen
Ausschnitt eines Blickes, der ruhig und aufmerksam blieb. Er rührte sich nicht.
Es war ein Mädchen. Sie erhob sich mühsam, den Schlamm von Kleidung und Haaren schüttelnd. Humpelnd bewegte sie sich auf das halb verfallene Haus zu. Für einen Moment begegnete er ihrem unsicheren Blick im Sucher seiner
Kamera. Sie trat in das Bild. Er ging die Treppe hinab. Auf ihr abermaliges Klopfen hin hatte er schließlich die Tür
geöffnet.
Sie war sehr schön. Sie sagte: „Guten Tag. Ich habe Sie am Fenster gesehen.“ Sie fragte ihn, ob er den Mond gesehen
habe. Er schüttelte den Kopf. Sie zeigte keine Angst.
Eigentlich wollte sie nur ihre Kleidung säubern und nach dem verletzten Knie sehen. Doch sie blieb drei Tage. Sie sagte ihm, dass sie von zu Hause ausgerissen war.
Jojo war siebzehn und ging noch zur Schule. Er mochte sie sehr. Aber er wagte es nicht, ihr das zu sagen.
Sie drängte ihn, Dinge zu tun, die er lange nicht mehr getan hatte. Stundenlang am Fluss spazieren zu gehen. Auf dem
Friedhof Versteck zu spielen. Nachts den Mond anzuheulen. Sie schliefen auf dem Boden. Schlaflos blickte er sie fast die ganze Nacht über an. Mit hohen Pfeiftönen vertrieb er die Ratten. Morgens stand er am Fenster und suchte den Mond.
Sie fuhren in das Dorf, um ein paar Lebensmittel zu stehlen. Jojo warf ihre Schultasche in den Fluss. Sie bemalten sich mit Filzstiften und erfanden Spiele bis in die Nacht. Manchmal hätte er sie einfach gerne in die Arme genommen.
Jojo verschwand ganz plötzlich. Die Zeitung war schuld. Jojo erfuhr, dass die Polizei sie suchte. Sie wurde plötzlich sehr traurig. Sie fotografierte den Himmel. Die Wolken. Den Abend. Nachts liefen sie schweigend durch die Zimmer. Den Blick ihrer Augen ertrug er nicht. Er war verliebt.
Gegen Morgen spürte er ihre Lippen auf seinen Augenlidern. Er schlief zum ersten Mal seit langer Zeit. Als er erwachte, war sie fort.
Die Kälte begann ihn willenlos zu machen. Er wünschte sich seinen Schlafsack und die warme Decke zurück. Irgend
jemand hatte sein letztes Notquartier entdeckt. Kamera und Rucksack waren fort, alle anderen Sachen verbrannt. Vielleicht hatte er sogar noch Glück gehabt. Uli war erst zwei Wochen tot. Sie sagten, er habe noch gelebt, als man ihn in den Fluss warf. Andere waren einfach verschwunden. Vieles blieb Mutmaßung. Aus Angst schlief er nicht mehr. Die
zwergenhaften Wesen aus den Einschlafträumen seiner Kindheit blickten düsterer denn je. Wenn er die Augen schloss, weiteten sich die Räume. An ihren Enden fühlte er sie dann. Ungreifbar gegenwärtig, in einer schrecklichen Stille verharrend.
Ein schwaches Zittern überwand seinen Körper. Bloß fort von hier. Im Park gab es eine Toilettenanlage, die die ganze Nacht über geöffnet blieb.
Ins Freie kriechend, wich er erschrocken zurück. Für einen Augenblick war es, als rasten die Autos geradewegs auf ihn zu. Ihre Scheinwerfer schnitten grell in sein Gesicht, bevor sie die Nacht verschluckte. Er fror. Die offenen Wunden an seinen Beinen schmerzten. An den Leitplanken entlang lief er in Richtung des Stadtzentrums. Die Schlafplätze der letzten Wochen. In den Katakomben der Tunnel und Stadtautobahn wagte jetzt niemand mehr zu schlafen. Über den
Wohntürmen sah er die blasse Sichel des Mondes stehen. Er tastete nach dem Foto in seiner Manteltasche.
Im Park war es sehr dunkel. Ganz am anderen Ende sah er den Lichtschein von den Toilettenanlagen. Er ging darauf zu, als plötzlich die Schatten zweier Männer über ihn fielen. Sie folgten ihm. Er drehte sich nicht um. Erst als er hörte, dass sie über ihn sprachen, ihn Sozialschnorrer und Obdachlosenschwein nannten, begriff er, dass er in Gefahr
war. Er begann schneller zu laufen. Die Männer blieben zurück. Ein älterer Mann mit einem Hund kam ihm entgegen. Verzweifelt bat er ihn um Hilfe. Da drohte der Mann, den Hund auf ihn zu hetzen. Der ferne Lichtschein hatte nichts Anziehendes mehr. Die Männer holten ihn bald wieder ein. Er musste den Park so schnell wie möglich hinter sich lassen. Seine Beine schmerzten. Er hatte Angst. Niemand wird dir helfen. Sehr plötzlich durchfuhr ihn dieser Gedanke. In kleinen, hastig stolpernden Schritten begann er zu rennen. Die Männer ließen ihn gewähren. Er hörte sie lachen. Für
einen Moment fühlte er sich sicher. Seine Lider flackerten.
Schloss er die Augen, war er mit Jojo am Fluss. Blasse Bilder. Zwei Wochen waren eine lange Zeit. Ein guter Song.
Am Parkausgang blieb er stehen. Ihm war, als seien Stunden vergangen. Die Straßen lagen erstarrt im grauen Licht. Die Fassaden der Häuser waren von Stahlträgern umklammert. Kräne und Schaufelbagger starrten herab. Auf einer großen Tafel standen die Namen der Firmen, die mit dem Abriss des Stadtviertels beauftragt waren.
Der falsche Ausgang. Hier war alles fremd. Die Schritte hinter ihm waren verstummt. Er drehte sich um. In der Dunkelheit sah er den schimmernden Kies des Weges. Er war leer. Die Angst schnürte ihm die Kehle zu. Tastend bewegte er sich in eine der Straßenfluchten. Da waren auch wieder Schritte. Die Wände hallten wider von ihrem metallenen Klack-Klack-Klack. Er lief schneller. An einer Hauswand lehnte ein eng umschlungenes Paar. Jemand hatte ihre Köpfe an einem Pfahl aufgespießt. Sie lächelten. Er blieb stehen. Die Schritte kamen näher. Über dem Plakat stand der Nachthimmel. Zögernd irrte sein Blick über das rissige Papier. Er wunderte sich, den Mond nicht mehr zu sehen.
Glaube ist ein Kind, das wächst
Und morgen brennt es immer noch
Sag mir:
Wie soll man Brände löschen,
die nicht draußen, sondern innen toben?
Flammen, die sich lautlos
durch Mark und Erinnerung fressen,
die jede Regung, jeden Atemzug
in Hitze verwandeln.
Dieses Brennen…
es hat keinen Anfang,
keinen Schluss.
Und du wartest.
Und wartest.
Und wartest.
Und während du wartest,
zerfällt etwas in dir.
Unsichtbar.
Unaufhaltsam.
Was bleibt,
wenn selbst die Glut
deinen Namen vergisst?
Strandbar
Keine Negativität, sondern konstruktiver Negativismus
Für einen Tag nicht zuständig
Optimiert
Schnee von morgen
Schnee von morgen
Während der Schnee von den Dächern schmilzt,
zerrinnt, sich auflöst im Regen
Während die Dämmerung in den Tag fällt
und samtschwarzer Nacht weicht,
Während ich hier bin und du dort
Und während du dort bist und nicht hier
Wärmt mich ein seidiges Katzenwesen
Im Schnee von morgen
Draußen dämmerte der Tag vor sich hin
und wir setzten keinen Fuß vor die Tür.
Das Feuer prasselte im Kamin und wir tranken Wein.
Dann waren wir zusammen in den Städten
der zukünftigen Erinnerung
Eigene Bilder
Jede Zeit schafft ihre eigenen Bilder.
Und du beginnst zu verstehen,
wie sehr sogar so etwas wie
das abstrakte philosophische Denken
autobiografisch ist,
dass Abstraktionen nicht
entwickelt werden,
um das Allgemeine zu verstehen,
sondern das eigene Leben.
Du hast eine Wirklichkeit gesucht, aber eine Illusion gefunden
Nun blätterst du im Buch der falschen Erinnerungen.
Durch mein anderes Land
Du verlierst viele Erinnerungen und viel Wissen,
wenn du nicht an bekannte Orte zurückkehrst
immer wieder und wieder
und immer wieder ist
es anders, dieses Land, dieser Ort,
dieses Leben, diese Vergangenheit.
Ich drehe mich um und gehe
mit dir durch mein anderes Land
Dort wandern wir durch die Zeit ohne Schatten.
Was Glück ist
Endlich himmelhohe Sommer
Klare Tage – brennendes Herz
Geborgen im Jetzt
Zeit ist dann eine fette satte Schnecke
Wolken bummeln ohne Ziel
du siehst am Horizont den nächsten Horizont
Und hoffst, dass es niemals endet
Später
Durch einen Vorhang aus Regen
trat ich in die zweite Welt und
fiel in deine Arme.
Du hast mich erwartet seit deiner Zeit.
Samtweiche Dunkelheit
streichelt meine Haut und
ich bin jung wie nie zuvor.
Das Kind der Welt ist
vergangen, jetzt bin ich ein Kind des Alls.
Ich bin da und du bei mir.
Sonnenstrahlen sind unser Bett
Sterne ringsum. Die Angst ist vorbei,
auch der Schmerz.
Wir sind da, wo unser Platz ist und
ein gütiger Gott beschützt unseren Schlaf.
Schweres Herz/Zuversicht
Du liest alte Träume aus dem
Buch der falschen Erinnerungen,
schickst einen Wunsch irgendwohin,
wartest auf etwas, das du nicht kennst.
Du weißt nicht, wann und wo du ankommen wirst,
hoffst, dass es gut wird, dass alles wieder gut wird.
Dass du verstehen willst, heißt nicht,
dass du verstanden hast.
Ebenso wenig wie Suchen nicht
Finden bedeutet.
Du wartest, denn deine Sehnsucht ist ein dunkles Haus
Unbewohnt von Anfang an
Dann wird es Nacht und der Himmel ist ein Riese,
der Sterne aus seinem Zylinder zaubern kann
Solo cartas de amor
Bitte schickt mir keine Rechnungen,
keine Werbung, keine Kundenkarten und schon gar keine
Beitragsvorschreibungen
Post soll wieder romantisch werden
Das Leben leicht
Sodass wir unter blauem Himmel
Durch Paris spazieren im Herbst
Und vielleicht auch im Winter
Daher: schickt mir nur Liebesbriefe
Mit Rosenduft auf Seidenpapier geschrieben,
denn Liebe ist zart und leicht wie eine Feder
Solo cartas de amor
Regen und Cafe
Nicht zu wissen, wie es weiter geht
Während die Brandung an Felsen schlägt
Sich zerbricht an der Küstenlinie
Trinken wir Cafe und wissen nicht,
was passieren wird
Alles möglich
Vielleicht wolltest du
Herbstblätter
im Wind fangen oder
einen Schmetterling
Bunt flirrend im müden Licht
Oder einfach ins freie Feld laufen
Ohne Ziel einfach zur Freude
Wäre da nicht die Straße gewesen
Ein Augenblick zwischen Leben und Tod
Nun liegst du auf dem kalten Asphalt
Mit zuckenden Pfoten
Kleiner Körper
Schmerzgekrümmt
Du blinzelst ein wenig und ich bete,
dass dein Blick nicht trüb wird
hebe dich auf – vorsichtig
Bebendes Herz in meiner Hand
bette ich dich ins Gras
Spreche mit dir
Damit du bleibst
…….
Du hast überlebt, kleine Katze-
Gehen
Ob du an Gott glaubst oder nicht,
spielt keine Rolle.
Du wirst gehen.
Ob du Angst hast oder nicht,
spielt keine Rolle.
Du wirst gehen.
Ob dein Leben schön ist oder nicht,
ob du jung oder alt bist, gesund oder krank,
all das spielt keine Rolle, weil du gehen wirst.
Es spielt auch keine Rolle, dass es mir das Herz brechen wird,
wenn du gehst, denn du wirst gehen.
Nicht die größte Liebe hilft dann.
Meine Welt wird zerbrechen
Und eines Tages, vielleicht im Regen,
dann gehe ich auch und falle in deine Arme.#
Morgen wird sein
Das Morgen ist unausweichlich
Es wird kommen und morgen wird
Morgen gestern sein
Papier zerreißt im Wind
Flocken fallen vom Himmel
Es ist April und am Abend wird das Licht sanft.
Rosa Wolken über dunklem Wasser
Noch steht der Mond am Himmel
Bis morgen
Deine Abwesenheit wird weh tun
Sehnsucht
Sehnsucht erfordert Distanz
Denn noch bist du nicht dort,
Wo dich dein Herz hinzieht
Du zählst Tage und Sterne,
Hoffst, dass ein hellerer Tag kommt,
der dir deine Ängste nimmt
deine Sehnsucht bleibt dir,
wenn dein Paradies verschlossen ist.
Sie wird dein bester Freund sein
Weil du nichts haben wirst als sie
Und vielleicht, wenn du Glück hast,
ein kleines Katzenherz, das dich tröstet.
Während du schläfst
Es ist dunkel und kalt
Frau Holle schnippt mit dem Finger
Lässt Schnee fallen, leise fallen
Auf die Erde, auf die Stadt, auf mich, auf dich
Dann schlafe ich und träume
Und während ich schlafe, wird es Morgen.
Ein neuer Tag, neue Möglichkeiten
Frischer Wind, Segel gesetzt,
Landkarte im Gepäck
In klarem Licht
Beginne ich zu tun
Bis ich wieder schlafe und träume und
Während ich schlafe, wird es Morgen.
Wache auf zur blauen Stunde,
frage mich, ob klug war,
Was ich tat.
Frage nach dem Sinn
Wie und ob ich weitermachen soll
Dann schlafe ich und während ich schlafe,
Wird es Morgen
Es regnet, tropft von der Dachrinne,
Regelmäßig,
Dunkelblaue Samtigkeit umhüllt
Die Seele
In mir wird es still
es wartet
Dann schlafe ich wieder und während ich träume,
wird es Morgen
Dann treffe ich dich und ich weiß,
dass es gut werden kann.
Es wird Tag und während ich erwache
Endet der Traum,
Das Leben beginnt neu
Mit dir und mir
Bis wir wieder schlafen.
Und während wir träumen, wird es Morgen.
Dort wartet ein neuer Horizont.
the higher law
hab keine angst und
hör auf dein herz
dein heart of gold
wenn nicht so schwer wäre
es einfach zu tun
let the sun shine
ist nicht so einfach
weil und wegen
you don’t want to hurt anyone
not the ones you love
du weißt
was für dich gut ist
but love is a temple
wenn du tust
was du tun möchtest
verletzt du
jemanden und wenn du
nicht tust
was du tun solltest
verletzt
du jemand anderen, but
that’s the cost of freedom
sunrise sunrise and good bye ruby tuesday
was soll ich tun?
because who is gonna hang on you?
ich möchte
nicht unsere
kleine Welt zerstören
niemanden
hineinlassen
in den Paradiesgarten
nicht zu wissen
wie lange wir darin bleiben dürfen
in the silence of a heartbeet
ist es dunkel und
bitte – please
stay with me till the end
Dach der Welt
Das Dach der Welt ist offen
Lass uns Sterne suchen
Du und ich
Während es Asche schneit
Frierst du unter roten Sonnen
Unter dir öffnen sich
Abgründe schwarzer Löcher
Unendlich tief.
Du zählst Sternschnuppen und
Hoffst auf Aufschub.
Denn eines Tages
In der vergangenen Zukunft
Der Sterne wirst du leben
Das Dach der Welt ist offen
Was es bedeutet
Die Zeit zerfällt in tausend Scherben,
löst sich auf wie Geld und Glück
nichts bleibt ewig auf der Welt
viele gehen vor dir und viele nach dir
du bedeutest nichts im leeren Raum
glaubst du –
bis du ein bebendes Vogelkind in
der Hand hältst
Der Eichelhäher
Ich kann mich nicht erinnern, wie lange ich schon hier am Küchentisch sitze. Am Küchentisch ist immer alles beim Alten geblieben, alles andere ist sprichwörtlich den Bach runtergegangen. Ich bin alleine und es ist so ruhig, wie ich es mir immer gewünscht habe. Das Fenster ist geöffnet und ein leichter Wind weht. Das untergehende Sonnenlicht malt Muster auf die Wände meiner Küche und vor dem Fenster leuchtet die Kastanie. Ich bin alleine und habe endlich genug Zeit zum Nachdenken.
Seit ich denken kann, haben Menschen mich immer gestört. Ihr lautes Reden und Wollen, die sinnlose Geschwätzigkeit, und im Grunde geht es doch immer um nichts. In der Schule war ich immer der Komische, der alleine rumsaß und einmal in der vierten Klasse habe ich einem Mädchen eine verpasst, weil die nicht aufhörte mich vollzuquatschen. Danach hat keiner mehr versucht mit mir zu reden. Meinen Eltern wurde damals gesagt, dass man sich Sorgen mache, ich wäre introvertiert und irgendwie nicht normal. Ich habe nichts dazu gesagt. Zu den Gesprächen mit der Sozialarbeiterin bin ich nicht hingegangen, und irgendwann hat die aufgehört mich zu nerven und stattdessen die anderen Komischen belästigt.
Wenn man sich als Erwachsener den richtigen Job aussucht, dann kann man dem albernen Smalltalk einigermaßen entkommen. Ich wurde Postbeamter und an guten Tagen musste ich kaum reden. Briefe sortieren und austragen, Treppen hoch, Treppen runter, Feierabend.
In den letzten Jahren hatte ich fast täglich die gleiche Tour zum Austragen der Post. Gegen Mittag bin ich immer durch den Stadtpark gekommen. Da traf ich regelmäßig einen Eichelhäher, ich vermute zumindest, dass es jedes Mal der gleiche war. Der Eichelhäher war ziemlich groß, braun, ein bisschen blau an den Flügeln und unter den Flügeln schwarz-weiß. Einmal habe ich eine Feder gefunden, die sah aus wie ein Schachbrett. Im Lexikon steht: „Der Eichelhäher zeichnet sich durch Intelligenz, ein gutes Gedächtnis und ein ausgeprägtes Warnverhalten aus. Er ist ein sozialer Vogel und kann Geräusche nachahmen.“ Angeblich macht der Eichelhäher sich sogar um seinen Partner Gedanken. Mein Eichelhäher saß oft auf den gleichen Bäumen. Da war aber nie ein Partner. Ich habe bei meinen Begegnungen den echten Eichelhäher gesehen. Einmal saß er auf einem Ast und hat ein Vogeljunges gerupft und gefressen, dass er zuvor aus einem Nest entführt hatte. Ein anderes Mal hab ich gesehen, wie er das Vogelnest einer Amselfamilie zerstört hat, um an die Eier zu kommen. Ich glaube, der Eichelhäher und ich, wir würden uns gut verstehen. Wir sind beide klug, haben ein gutes Gedächtnis und können soziales Verhalten nachahmen.
Ich habe eine Zeitlang ernsthaft versucht, mit Menschen klarzukommen, obwohl es mir schwergefallen ist. Nachdem das mit meiner ersten Freundin passiert war, haben meine Eltern versucht, mich irgendwie hinzubiegen. Zuerst gab es eine Reihe von Fragen, deren Antworten – ja oder nein – vom Arzt mit zwei Fingern in den Computer getippt wurden. Der Computer rechnete eine mittelschwere Diagnose für mich aus und der Arzt sagte, dass Gespräche mit einer Therapeutin helfen könnten. Meine Eltern waren erleichtert und deshalb saß ich irgendwann in einem Wartezimmer und wartete. Auf das erste Gespräch mit der Therapeutin, die ich nie zuvor gesehen hatte, und auch danach nie wieder sah. Da saßen noch ungefähr fünfzehn andere Menschen, die wohl alle das Gleiche wollten, aber vermutlich aus anderen Gründen. Es war Sommer, ich klebte am Wartezimmerstuhl fest und wartete. Ab und zu schaute eine verständnisvoll lächelnde Person in das Zimmer, dann stand jemand von den anderen Leuten auf und ging mit. Das Ganze hatte kein erkennbares System, denn es wurde nichts gesprochen. Wie in einer geheimnisvollen Choreographie schienen immer alle zu wissen, wer hier wen verständnisvoll anlächelte und wer wann aufstehen und mit wem mitgehen musste. Irgendwann waren alle Leute weg, sie waren verschwunden, mitgegangen mit verständnisvoll lächelnden Anderen, und ich klebte an meinem Stuhl im Wartezimmer. Vielleicht hatte ich mal wieder alles falsch verstanden oder war vergessen worden oder hatte nicht ausreichend gelächelt. Und dann stand da plötzlich diese Frau und fragte, ob ich ich wäre, und weil das stimmte, lächelte ich höflich und ging mit. Wieder wurde ich befragt, begutachtet und analysiert, immer auf der Suche nach einem Problem. Ich wusste wirklich nicht, was ich mit dieser Frau besprechen sollte, ich hatte doch kein Problem. Wenn du auf der Autobahn fährst und alle anderen dir entgegenkommen, dann heißt das noch lange nicht, dass du in die falsche Richtung fährst. Deshalb bin ich nach dem ersten Gespräch nicht mehr hingegangen. Stattdessen habe ich jede Woche die Zeit am See verbracht, die Vögel beobachtet und mir Gedanken über die Stille gemacht. Das wurde mein Ziel und meine fixe Idee. Völlige Stille.
Angefangen hatte das Ende, als in den Nachrichten über dieses neue Virus berichtet wurde, weit weg in dieser kleinen Republik auf der anderen Halbkugel. Keiner wusste, wie die Seuche tatsächlich ausgebrochen war, es gab ein paar vage Theorien, aber ich weiß ja, dass nichts davon stimmte. Die Leute hier hatten gelacht, sich an Corona erinnert und halb im Spaß, halb im Ernst, Klopapier und Tütensuppen gekauft. Auf Nummer sicher gehen, sagten sie. Als die ersten krank wurden, lachte keiner mehr. Als das Benzin und die Lebensmittel knapp wurden, als klar wurde, dass in der kleinen Republik auf der anderen Halbkugel schon keiner mehr lebte, kam die galoppierende Hysterie dazu. In Panik versuchten die Leute, aus der Stadt rauszukommen, die Staus, das Geschrei und das Chaos sahen genauso aus wie im Kino.
Das Kino war seit meiner Kindheit ein guter Ort für mich gewesen. Es war dunkel und die Leute zischten sich gegenseitig an, wenn jemand redete. Ich konnte stundenlang im Kino sitzen, Cola trinken und Filme ansehen, in denen wahlweise Monster, Außerirdische oder Terroristen eine Großstadt zerstörten. Am Ende gewannen immer irgendwelche Underdogs aber meistens war ziemlich viel Glück im Spiel.
Ich hatte nicht versucht rauszukommen. „Ein Beamter auf Lebenszeit ist ein Beamter, dessen Beamtenverhältnis grundsätzlich auf Lebenszeit angelegt ist“ so steht es im Gesetz. Postbeamter zu sein ist nach über 30 Jahren keine Jacke, die sich einfach ausziehen lässt. Solange es möglich war, ging ich zuverlässig jeden Tag zur Arbeit, um das zu tun, was ich gefühlt immer schon getan hatte: dafür sorgen, dass die Briefe ihre Adressen erreichen. Hier geht es doch nicht um Befindlichkeiten.
Es zwitschert über meinem Kopf. Punkt drei, da singt immer das Rotkehlchen von der Vogeluhr über der Küchentür. Jede Stunde ein anderer heimischer Vogel, leider ist kein Eichelhäher dabei. Die Menschen sind weg, aber die Uhr ist noch da und zwitschert jede Stunde pünktlich. Ich mache mir noch einen Kaffee.
Warum bin ich eigentlich noch da? Diese Frage stelle ich mir häufig, aber es gibt keine eindeutige Antwort, irgendwas habe ich wohl richtig gemacht. Ich hatte ja keine Gelegenheit, es vorher zu testen. Neben mir sind die Menschen gestorben wie die Fliegen. Wie die Fliegen, ein komisches Bild. Es ist eine Redewendung, die sich auf die Fliegen bezieht, die im Herbst alle um etwa die gleiche Zeit sterben.
Anfangs wurden ständig Leute abtransportiert, weggebracht, verbrannt oder verscharrt. Der Lärm hörte auch nachts nicht auf. Es gab überall Geschrei, Flüche, dumpfe Verzweiflung und Gebete, es gab Selbstmorde und Kämpfe und die unvermeidlichen Bekloppten, die mit heilenden Steinen und energetischem Wasser gegen die Seuche ankämpfen wollten. Die hat es als erstes umgehauen, ich muss immer schmunzeln, wenn ich daran denke. Und irgendwann wurde es leiser, die Hektik nahm ab, das große Sterben hörte auf, und dann war niemand mehr da, der hätte sterben können.
Die Vorabendsonne scheint zum Fenster herein, als wäre nichts passiert, draußen blüht die Kastanie, der Kirschlorbeer im Hof riecht übertrieben süß, es ist still und ich bin allein. Seitdem die Menschen ausgestorben sind, scheint es, als kämen die Tiere zurück. Ratten und Füchse sieht man ja oft in der Stadt, neulich abends lief sogar ein Dachs über den Hof. Es scheint auch viel mehr Tauben zu geben als früher, sie bevölkern die Dächer und laufen über die Straßen, als ob sie was suchen würden.
Bis vor einigen Tagen hat es mich noch auf die Straße getrieben, ich habe nach anderen Überlebenden oder kleinen Zeichen Ausschau gehalten, um zu wissen, ob ich wirklich endlich allein bin. Ich bin langsam durch die Straßen gegangen, habe in Hauseingänge gespäht und nachgesehen, ob irgendwo Licht brennt. Ich habe überprüft, ob Türen aufgebrochen sind oder Fahrzeuge anders standen als am Tag zuvor. Ich habe sogar ein paarmal gerufen. Aber da war nichts. Zumindest keine Lebenden. Ein paar Verwesende lagen in der Nähe eines U-Bahn-Eingangs, man konnte sie schon von Weitem am Fliegenschwarm erkennen. Das waren wahrscheinlich diejenigen, die zu viele von diesen Filmen gesehen haben, in denen die letzten Überlebenden irgendwelcher Katastrophen in finsteren Tunneln hausen.
Ich hause nicht, ich wohne, so wie ich es immer getan habe, in meiner Zweizimmerwohnung im ersten Stock. Zwar gibt es schon länger keinen Strom mehr, aber ich habe einen großen Vorrat an Batterien und Kerzen, und auch Wasser und Essen lässt sich überall noch finden. Das mit der Toilette ist schwieriger, aber der Fluss ist nur zwei Strassen weiter. All diese Dystopien über Kämpfe um die letzten Ressourcen erweisen sich als lächerlich, zumindest wenn man der letzte Mensch auf der Welt ist.
Manchmal frage ich mich, warum ich eigentlich keine Angst habe. Mutterseelenallein klingt nach einer schrecklichen Einsamkeit. In Wirklichkeit geht es mir so gut wie schon lange nicht mehr. Endlich Ruhe. Keine Hektik und kein Stress, niemand schreit oder redet, niemand fragt, fordert oder jammert – endlich Ruhe. Ich verbringe meine Tage am Küchentisch, schaue aus dem Fenster und genieße es, meine Gedanken treiben zu lassen. Wenn mir etwas Wichtiges einfällt – eine Erinnerung, ein interessantes Wort oder eine Frage – dann schreibe ich es in mein kleines blaues Notizbuch. Gelegentlich denke ich daran, dass kein anderer das je lesen wird, aber dieser Gedanke verfliegt meist so schnell, wie er gekommen ist. Ich sitze am Küchentisch, streiche langsam über die Kratzer auf der Tischplatte – jeder Kratzer eine kleine Geschichte – und puste gerade einen Krümel weg, als es an der Tür klingelt.
Das namenlose Spiel
Konsequenzen
Der Ausläufer
Die Stimme in meinem Kopf
Ich liege in meinem Bett. Ein weiterer Tag ist verstrichen ohne, dass ich etwas getan habe. Neben mir liegen zwei leere Schockoriegelverpachungen, eine Chips Tüte und ein Teller auf dem noch Brotkrümel liegen. Habe ich das heute gegessen oder lag das gestern schon da? Ich weiß es nicht mehr. Was spielt es auch für eine Rolle?
»Schmeiß die Packungen weg, dann sieht dein Zimmer viel ordentlicher aus!« sagt eine stimme in meinem Kopf.
Woher kam dieser Gedanke? Soll das Plastik doch mit mir verrotten! Ach nein, Plastik verrottet ja nicht. Das hatte ich mal in der Schule gelernt. Dann muss ich wohl alleine verrotten.
»Wer bist du?« frage ich sie.
»Ich bin Hoffnung und ich versuche schon seit Jahren einen Platz in deinen Gedanken zu finden.«
»Wer hofft ist naiv und dumm. Das habe ich schon früh gelernt.«
»Das stimmt nicht.«, erwidert Hoffnung. »Früher, als du klein warst, hast du oft gehofft; gehofft, dass Mama mit dir zu Mc Donalds fährt; gehofft, dass du irgendwann Astronautin werden kannst oder einfach nur gehofft, dass du ein glückliches Leben führen wirst.«
»Eben. Ich bin jetzt weder glücklich noch Astronautin und Mc Donalds ist eh nicht gesund, also war es gut, dass Mama nie mit mir dahin gegangen ist. Deswegen war ich früher naiv und dumm.
»Also gesund ist das hier auch nicht. Außerdem ist es nicht zu spät glücklich zu werden. Komm, steh auf und mach was aus deinem Leben!«
»Und wenn ich was aus meinem Leben mache, kommt jemand und macht es wieder kaputt. Nein, danke.«
»Also möchtest du dein ganzes Leben verschwenden, weil jemand einen Teil zerstören könnte?«
Ich rollte mit den Augen. »Ja im Endeffekt schon.«
»Aber das ist doch voll dumm.«, entgegnete Hoffnung trocken.
»Du verstehst das einfach nicht.«
»Dann erkläre es mir!«
»Dafür habe ich nicht die Energie. Vielleicht morgen oder so.«
»Das sagst du immer!«
»Sei jetzt still. Du nervst.« Ich nahm meine Kopfhörer und zog sie auf.
»Du kannst mich verdrängen und versuchen zu vergessen soviel du willst, aber denk dran: Es liegt nicht in meiner Natur die Hoffnung zu verlieren.« entgegnete sie bevor die laute Musik ihre Stimme übertönte.
Wegscheide
Atlantis
Achselzuckend leben
Hype
Kein Nichts
Wärme umschlingt mein Haupt
sie tut es leise, mit Gefühl
sie wärmt darin mein Innerstes.
Es ist egal,
ob ich besorgt oder
verängstigt bin,
ist ganz egal, die Freude, die Wut, der Schauder,
der mich ´Göttliches´ vermuten lässt.
Die Wärme ist es nicht einmal, ist nur nichts,
ist nur bloß ich.
Das ist nicht Kraft ist auch nicht Trauer,
nichts das von mir kommt, oder von Dauer –
doch. Das ist es schon. Es ist ganz zeitlos, immer da,
ist zugleich stark und wunderbar.
Aber es ist nichts, nichts das durch mich scheint;
keine Angst und keine Trauer, ist nur nichts, ist bloß von Dauer,
es ist da und es ist Licht,
mehr sage ich dazu, – kann ich nicht.
Danke, dass es existiert, Demut davor, was sonst noch – nicht?
Ich kann es nicht glauben, ich kann es nicht greifen, ich kann nur vertrauen, dass es bei mir bleibt.
Und in dem Vertrauen, da liegt es schon.
Einfach oder?
Und doch so schwer.
Im Gesang der Grenze
Stille hinter den Worten
Un
Brache
Sei mir nicht kram, Kokosflocke, du
beißt doch, feil man nicht sagen kann,
was man viel, will man halb, was
man sägt, die Schbrache verzagt, die
Forte sand viel zu umvoll kommen
nicht ran, um, was unvölkt in uns
vogt, zu zeichen, will zu eng, zu
bekränzt, zu festgelügt auf eine
Deuchung schön, um die Fühle
unsers Entfindens, Erwahrens, Urlebens,
die Blitze unsrer Gedünkenverknopfung
mit ihren offenen, bindungsteig-
lichen Rendern fiederzugeben, auszu-
stillen, mitzuheilen, selbst ausbrücken
krümmt nur vaage heran, so bleibt
urgo bloß, den Mackel, die Mangelheftig-
keit der Spreche als Prowiesorium
salber immer gleich mit vorzuzeugen,
vernämlich zu machen und damit
allen suchtbar sie symbolinisch
zu murxen, um so ex megatiefo,
asymdotisch quasi anzudeuteln das
unwohlständige Ganze.
+++
Studentenzeit
Mit allen Wassern ungewaschen,
hörten wir, was Professoren
unklar und undeutlich sagten.
Wir nahmen‘s zur Unkenntnis,
schrieben es ins Unreine,
jedes nach seiner Unart,
und erlangten solides Unwissen
vom Unsinn des Lebens,
indem wir allmählich lernten,
unpassend zu machen, was paßt.
Manchmal verbrachten wir auch ungemütliche Abende
mit den üblichen Unverdächtigen
an Unrastplätzen wie der Unberechen-Bar,
scherzhaft Pi genannt, wo wir, unwohlbestallt,
unreinen Wein eingeschenkt bekamen.
Meist gelang es nur,
uns einander unverständlich zu machen,
trotzdem nickten wir übereinstimmend.
Vieles konnten wir bloß mit Ungewißheit sagen,
außer, daß wir mit hoher Unwahrscheinlichkeit
Millionäre werden würden.
Das Leben war eine Unwucht!
+++
Un
Leben wir in bescholtenen
oder in wirtlichen Tagen? Dräut
neue Bill oder Klagen? Ich bin
zu beirrbar, erschütterlich, beugsam
für solche Fragen. Ich kann nur
sagen, seht die gelenke, die flätige,
die ermüdlich tätige, Kalt-
mamsell und wie glaublich behende
sie zählige Spitzendeckchen
drapiert, gustiöse Häppchen plaziert
auf der Anrichte. Offenbar sind
zu meiner bändigen Freude
gestüme Gäste geladen,
sämtlich Sympathen oder Getüme,
liebsam, gebärdig, ersättlich, die bloß
entwegt und verblümt etwas sagen,
eh sie verrichteter Dinge entschweben,
wohltuend wirsches Geziefer.
Warum wir kein Selbstwertgefühl brauchen
Ein existenzphilosophischer Versuch
Einleitung I: Das Individuum im Kollektiv
In Jäger-und-Sammler-Gesellschaften war das Individuum Teil der kollektiven Bewegung, jedoch kein bloßes Zahnrad. Überleben beruhte auf Anpassung, nicht auf der vollständigen Auslöschung von Gefühlen oder Selbst. Angst, Trauer, Intuition und Zögern waren integrale Bestandteile gemeinschaftlicher Entscheidungen. Objektivität bedeutete nicht Gefühllosigkeit, da alle gleichermaßen der Fragilität der Natur ausgesetzt waren.
Mit der Moderne kehrte sich dieses Verhältnis um. Je abstrakter die kollektiven Strukturen wurden, desto stärker schrumpfte das Individuum. Objektivität entwickelte sich zur systematischen Verdrängung von Emotion und Selbst. Der Mensch wurde messbar, klassifizierbar und optimierbar.
An genau diesem Bruchpunkt entsteht die negative Philosophie.
Einleitung II: Die Erschöpfung der Bedeutung
Der moderne Mensch leidet nicht an Sinnlosigkeit, sondern an einem Übermaß an Sinn. Jede Handlung verlangt Erklärung, jede Erfahrung Rechtfertigung. Positive Philosophien liefern Lösungen, doch jede Lösung erzeugt neue Lasten. Negative Philosophie verweigert diese Verpflichtung zur Sinnproduktion.
Negativität als Methode
Negativität ist kein Mangel, sondern eine bewusste Aussetzung. Während Hegel das Negative als Motor der Entwicklung begreift und Adorno es als Kritik geschlossener Systeme nutzt, geht die negative Philosophie einen Schritt weiter: Sie setzt auch den Fortschrittsgedanken selbst aus. Jede Gewissheit droht, den Menschen erneut zu objektivieren.
Objektivität und die Auflösung des Selbst
Die moderne Rationalität erhebt Objektivität zum höchsten Wert. Doch was nicht messbar ist, gilt als bedeutungslos. Emotionen werden verdrängt, Subjektivität neutralisiert. Die negative Philosophie verweigert diese Reduktion des Menschen auf Funktion.
Das Schulterzucken als existenzielle Geste
Das Schulterzucken ist kein Zeichen von Gleichgültigkeit, sondern eine existenzielle Geste. Es bedeutet Distanz ohne Rebellion. Camus’ Sisyphos ist nicht tragisch – tragisch ist die Vergöttlichung des Steins.
Triebökonomie und Erschöpfung
Aus freudianischer Perspektive folgt der Mensch einer Triebökonomie. Eros strebt nach Expansion und Aneignung, Thanatos akzeptiert Verbrauch und Verschleiß. Der Jäger folgte einst dem Hirsch, der moderne Mensch folgt dem Ferrari. Nicht der Mensch hat sich verändert, sondern das Objekt seiner Begierde.
Schluss: Macht, Zweck und der unveränderte Mensch
Machiavellistische Vernunft legitimiert diese Dynamik, indem sie den Zweck über den Menschen stellt. Der Mensch wird zur Variable der Macht. Negative Philosophie verweigert diese Logik. Sie verspricht keine Erlösung, sondern entzieht dem Ziel seine Aura.
Der Mensch hat sich nicht verändert. Nur seine Ziele sind glänzender geworden. Vielleicht besteht Menschsein heute darin, nicht weiterzulaufen, sondern – schulterzuckend – stehenzubleiben.
Lichenifikation
Unvollständige Annäherung
Ja, warum nicht
Neulich gelang es mir, Harmonie zu erlangen, na, eine Harmonie. Ich nahm eine Schale. Die schüttete ich voll mit Crackern. Dinkelcracker mit Sesam in kleinen Rechtecken. Die meisten jedenfalls. Nun wollte es der Zufall, dass sie in der Schale so zu liegen kamen, dass ich es nicht über das Herz brachte, einen davon daraus zu entfernen. Sonst ist das eine Kleinigkeit, eine die förmlich der Herstellung der Harmonie zwingend dient. Da ist hier eines, dann dort ein anderes ganz hässlich zu liegen gekommen. So, dass der Eindruck insgesamt nur durch ein Entfernen des einen oder anderen Keks überhaupt noch zu retten wäre. Am Ende ist die Schale dann freilich wieder leer, von indiskutabler Harmonie.
Hier aber bot sich kein Vorwand einzugreifen. Nirgends aber auch die Aussicht, dass ein Herausnehmen an einer richtigen Stelle den Schaden unmerklich halten könne, eine neue Harmonie die alte vergessen machen möchte. Nirgends schien der zu erwartende Schaden durch einen machbaren Nutzen aufzuwiegen zu sein. Doch dann kam Besuch. Einer dem solche Gedanken fern lagen. Er griff hinein und knabberte. Ein kleiner Schreck zunächst. Ich überwand ihn schnell und zu meinem Erstaunen merkte ich, dass die Harmonie in keiner Weise gelitten hatte. Auch jetzt lagen die übrig gebliebenen Kekse, als könnten sie nicht anders zum Liegen kommen. Fast schien es mir, wie wenn sich mein soeben überwundenes Problem erneut melden würde. Wieder hatte ich Angst eine Harmonie zu stören. Nun aber wusste ich, dass sie sich aus sich selbst immer wieder herzustellen vermag. Fast so, wie sonst die Lage der Kekse es immer neu forderte, nämlich sie durch Entnehmen in eine harmonischere Lage zu versetzen, bei der man schon beim Kauen noch das nächste zu entfernende Stück in den Blick bekam. Jetzt war meine Angst, die Harmonie zu stören, verflogen. Wie sie sich das eine Mal bis zum letzten Keks nicht einstellen wollte, ließ sie sich nun bis zum letzten Keks nicht mehr zerstören. In beiden Fällen dann schien dieser letzte Keks rufen zu wollen: Ist diese Schale, erst recht wenn sie leer ist, nicht schön?
Gedanken eines Baumes
Die Liebe und ich
Es war Sonntagmorgen. Wir waren früh dran. Mussten wir auch sein, weil gegen 11 die älteren Jungs aufmarschierten und uns vom Platz vertrieben. Entsprechend beeilte ich mich, den Ball zu holen, als ich ihn nicht nur übers Tor, sondern auch über den Zaun geschossen hatte. Er war den kleinen Kiesweg entlang und dann unten in den Bach gekullert. Dachte ich. Da fand ich ihn aber nicht. Neben dem Bach stand ein rotes Auto. Ich legte den Kopf auf den Boden und spähte unter den Wagen. Der Ball klemmte neben dem Auspuff. Am Auspuff war ein Gartenschlauch festgeklebt. Der Schlauch führte durch einen Spalt im Beifahrerfenster, das Ende hing im Innenraum. In dem Wagen saß ein Mann am Steuer. Ich war erst sechs und hatte noch nie eine Leiche gesehen. Aber als ich in sein Gesicht sah, wusste ich gleich: Der ist tot.
Ich muss Ewigkeiten wie angewurzelt dagestanden haben, mit dem Ball im Arm, starr vor Schreck. Aber es war nicht nur der Schreck. Es war auch eine heimliche Faszination. Die heimliche Faszination am Verbotenen. Ich hatte natürlich keine Ahnung, wie er es fertiggebracht hatte, was eine Kohlenmonoxidvergiftung war, aber mir war in dem Moment ganz klar: Der Typ hatte sich umgebracht. Das, nicht der Anblick eines Toten, war das heimliche Faszinosum: Hier hatte ein Mensch aus eigenen Stücken sein Leben beendet.
In den Wochen und Monaten danach verdrängte ich das Erlebte, so gut es ging, und die Erinnerung verschwand allmählich im Raum des Vergessens. Warum taucht sie ausgerechnet jetzt wieder auf? Es gab Zeiten, da hätte ich es verstanden, da war der Tod allgegenwärtig, da stand der Selbstmord im Raum. Aber jetzt? Jetzt ist es Sommer, jetzt scheint die Sonne, jetzt sitze ich mit Blick in den Garten am Schreibtisch und denke über die Liebe nach. Und mein Unbewusstes gibt ausgerechnet diese Erinnerung dazu frei?
Den roten Taunus sehe ich noch ganz genau vor mir. Auch den grünen Gartenschlauch. Und das schwarze Klebeband im Fensterspalt. Aber kein Gesicht mehr, keinen Körper, der leblos am Steuer sitzt. Stattdessen sitze ich in meinem Schreibtischstuhl und erlebe, wie ich an jenem Steuer sitze. Ich erlebe die tiefe Verzweiflung, die daraus gewachsene Entschlossenheit. Die Einsamkeit in dieser Entschlossenheit, das existentielle Alleinsein in den Stunden der letzten Nacht. Das langsame Hinübergleiten. Den endgültigen Abschied.
Und plötzlich weiß ich, was Liebe ist: Es ist genau dies. Es ist die Wachheit des Herzens als innerer Zeuge des Du. Es ist das Erleben des Du als ich.
Vier Stimmen unter derselben Sonne
Heute noch nicht
Es ist 8:15Uhr. Ich bin gerade aufgestanden. Noch im Halbschlaf gehe ich aufs Klo, befülle den Wasserkocher und richte mir eine Tasse mit Kaffeepulver und Zucker. Während sich das Wasser erhitzt bemerke ich das Ziehen in meinem Kopf und einen angespannten Kiefer. Beim ersten Schluck Kaffee bemerke ich, dass die Zähne komisch sind. Ja eigentlich bemerke ich das schon seit Tagen. Wenn ich Schokolade esse, es tut nicht wirklich weh, aber es zieht an ein paar Stellen. Vielleicht kommt der Kopfschmerz von meinen Zähnen? Vielleicht sollte ich einen Termin beim Zahnarzt machen? Der Gedanke daran stößt auf Abwehr. Die tun mir immer weh. Die Erinnerung sitzt tief. Bilder und Gefühle kommen hoch. Wie ich auf dieser Liege liege, mein Puls rast, mein ganzer Körper angespannt. Um mich irgendwie unter Kontrolle zu halten kralle ich mich an der Liege fest, Panik. Die Ärzte und Helferinnen versuchen mich gut gemeint zu beruhigen. Es tut nicht weh, es ist nur kurz unangenehm. Ich höre die Worte, mein Körper nicht. Die Zähne sind an meinem Kopf, jede Erschütterung wird direkt übertragen und hallt nach. Alles in mir schreit nach Flucht, nach Eskalation, doch ich bleibe ruhig liegen, kralle mich noch fester in die Liege und merke, dass jeder Muskel bis zum kleinen Zeh vor Anspannung vibriert. Eine Tortur, jedes Mal. Eine Folter, die ich selbst wähle, weil Zähne halt schon wichtig sind. Aber ich überlege gut, ob es sich lohnt. Ich gehe nur, wenn es wirklich nötig ist. Das bringt mit sich, dass sie jedes Mal etwas machen müssen. Heute noch nicht.
Die Revolution und das Bier
Was haben Revolutionen und Bier gemeinsam? Richtig, Feinschmecker und Experten findet man im Brauhaus.
Dávid ist früh dran – oder schon spät, je nachdem, wessen Senf man dazugibt –, darum leistet ihm noch niemand Gesellschaft, als Marek ihm das erste Kühle zapft.
„Harter Tag?“
„Langer Tag.“
Mit dem gutheißenden Kopfnicken eines Oberlehrers bei der Prüfungsabnahme empfängt er den jungfräulichen Krug dieses Novemberabends. Im Hintergrund verrichtet die Flimmerkiste ihren Dienst im Dauereinsatz, aber seinen unerwartet wachen Augen (die Müdigkeit der übrigen Körperteile ist echt) entgeht nicht, dass seit zwei Tagen anstelle von Sport vorwiegend Nachrichten gesendet werden. Die Sprecher wirken ungewohnt lebhaft, mies vorbereitet und sind mit einem Bein noch nicht aus den Laken gekommen. Die Papiere, von denen sie häufiger als sonst ablesen müssen und welche sie immerzu neu sortieren, haben Eselsohren für einen ganzen Bauernhof.
„Soll ich lauter drehen?“
„Wenn du mich vorher erschießt?“
Marek, mit der Fernbedienung bereits in Habachtstellung, schaut nur kurz blöd aus der Wäsche, dann feixt er vieldeutig. Er ist überzeugt, dass niemand ihm ansieht, wenn er angefasst ist. Dávid wendet sich unbekümmert wieder dem trübgelben Gebräu unter seinem Riechkolben zu, der die feinen Hopfennoten nur noch schwerlich von Brottrunk und panierten Schnitzeln unterscheiden kann. Filip und Rastislav müssten noch antreten. Patrik und der Rest haben heute Spätschicht im Papierwerk und können sich erst um drei Uhr morgens in der Wohnung von Patriks Bruder einen hinter die Buche fichten. So hoppelt hier der Hase, erkennt Dávid, wobei er widerwillig den wulstigen Hals nach links verdreht, um einen besseren Blick auf die Aufnahmen der Peace-Zeichen zeigenden Protestierenden in Bratislava zu erhaschen. Entweder du trinkst, und deine Frau setzt dich zugehagelt vor die Tür, oder du trinkst noch nicht, und deine Frau gibt dir einen Grund, dies schnellstmöglich zu ändern. Zufrieden mit sich und dem Seitenhieb an Weib und Kind genehmigt er sich einen weiteren durstigen Schluck. Er liegt mindestens eine ganze Promille im Rückstand, und dabei wird es auf den Straßen schon minütlich dunkler. Hätt ich doch als Davida das Licht der Welt erblickt, denkt Marek lose seine Gedankenkette weiter, Da wär ich Lehrerin oder Sekretärin geworden, würd mich um die Blagen kümmern und der Alkohol hätt mir erwiesenermaßen nichts anzuhaben.
Marek putzt derweil zum dritten Mal dasselbe Glas aus der Reihe, die er zum Abtropfen abgestellt hat. Seit einigen Tagen bleiben selbst die treuesten Stammgäste aus. Mit unnötiger Vorsicht linst er zum vornübergeneigten Dávid herüber, der abwechselnd das Bier kippt, als hätte seine Mittagspause noch dreißig Sekunden, und zwischen den Schlücken gewichtig das Haupt auf und ab neigt, abprustet oder altherrisch mit der Zunge schnalzt. Er ist ein Alkoholiker vor dem Herrn, doch betreibt Marek eine gottverdammte Kneipe und außerdem prellt er nie seine Zeche, darum beschließt er, sich seinetwegen nicht unnötig weiter die Laune zu vermiesen. Stattdessen schwenkt sein Blick wieder zum Fernsehgerät. Ich hätte nicht fragen dürfen. Hätte ihn einfach aufdrehen sollen. Ja, die Bude gehört ihm und ja, Dávid wird auch dann noch wiederkommen, wenn er gegen seinen Willen die einzigen Nachrichten hören muss, die je sein Leben verändern werden. Aber irgendein Anteil in ihm ist anscheinend gar nicht so traurig darüber, dass die flackernden Münder der Ansager schweigen. Wie Puppen an einem Faden, schießt es ihm gedankenblitzartig durch den Kopf, wie sie stumm und etwas versteift vor Nervosität angesichts der unplanmäßig ausufernden Lage (der laufende Fünfjahresplan hatte niemanden vorgewarnt) ihre langen Reden ausbreiten, die dem Arbeiter- und Bauernvolk erklären sollen, wieso die Welt gerade die ist, die sie erfahren. Warum es nicht schlimm ist, dass die Regale diese Woche nur Kaffeeersatzprodukte führen, und wieso es in Lenins Sinne sei, dass man Ewigkeiten auf einen gescheiten Wagen aus Mladá Boleslav oder die ersehnte Waschmaschine von Mora warten muss. Wieso der sakrosankte Marx höchstselbst die Prognose, in wenigen Jahrzehnten habe man das Stadium des Kommunismus erreicht, marxistisch-leninistisch unterstrichen hätte und weshalb es, ausgerechnet Rosa Luxemburg folgend, unabdingbar sei, die Grenzen zum Schutze vor dem Verderbnis bringenden Westen geschlossen zu halten (und nötigenfalls auf Deserteure des Sozialismus scharf zu schießen).
Fürwahr, die Mattscheibe bot seit dem ersten Tag, an dem er sie sich angeschafft und angeschlossen hatte, für jede nicht gestellte Frage die passgenaue Antwort.
Da betritt Filip den heimeligen Raum, der im Übrigen ausschaut, als hätte man ihn aus einem einzigen klobigen Stück Fichtenholz geschnitzt. Erleichtert über die Ablenkung und darüber, nicht länger nur mit sich und den mundtoten Nachrichtensprechern zu sein, wird der Neuzugang überschwänglich begrüßt.
„Ein Bier für den guten Mann, der gute Mann braucht ein Bier!“
Marek übergeht den unnötigen Kommentar des Pauschalsäufers und erfragt selbst bei Filip, was er diesem bringen könne. Filip ist einer der Tüchtigeren. Er kommt nach seinem Geschmack. Man kann sich auch nach acht noch mit ihm unterhalten, ohne am nächsten Morgen seine Stimme suchen zu müssen, braucht ihn nicht mit dem Besen nach Hause bitten und meist ist bei ihm schon nach dem fünften Glas Zapfenstreich. Filip ist der Fahrer der Gruppe.
„Mach mir direkt zwei kalt. Heute brauche ich es dicke.“
Dávid schaut verdutzt oder vielleicht etwas düpiert darüber, dass sein Kumpane ohne ihn bereits die nächste Runde einläutet, wenngleich auch er es war, der das erste Bier im Alleingang bezwingen wollte.
„Ey Filip, wann kommt Rasťo? Und wo bleibt der ganze Rest?“
Der Angesprochene sieht ihn auf eine Weise an, als sei er ein Gespenst, das sich soeben hinter dem Tisch materialisiert habe. Er macht keinerlei Anstalten, sich zu ihm zu gesellen.
„Rastislav ist weg. Dominik, Patrik – alle sind sie in Prag.“
Prag, käut Marek den Namen der wichtigtuerischen der beiden Hauptstädte für sich wieder und sagt ihn dabei mit der einer Zauberformel gebührenden Ehrfurcht auf. Schnell trinkt er leer, um sich nicht erinnern zu müssen, weshalb die Stadt zurzeit ein solch beliebtes Reiseziel darstellt.
„Könntest du das lauter drehen?“, spricht Filip mit verschränkten Armen den Wirt an, „Zu Hause läuft seit einer Woche kein Fernseher mehr. Meine Schwiegerdeppen wollen es nicht wahrhaben.“
Nein!, schreit eine fiepsige Stimme in Mareks Kopf zum Protest, Ich will auch nichts davon wahrhaben! Scherereien hat er so schon zuhauf, da braucht er sich das Aufbegehren der Großstädter nicht auch noch anhören. Wochenlang stehen sie sich bereits für die neuen Schienen die Beine in den Bauch, die den Streckenabschnitt zum Stahlwerk in Košice wieder für schwere Güterzüge gangbar machen sollen. Was wissen die Zweitsemester schon davon? Was verstehen sie schon von Gleissanierungen, der Wartung von Weichen oder Signalanlagen? Bleiben die Parteikader an den Zügeln, kann er sich immerhin noch sein Roggenbrot mit Speck am Morgen und das Bier nach Feierabend leisten. Kommen die Streber, Revoluzzer und Rachsüchtigen an die Macht, kann er sich glücklich schätzen, wenn es seinen Job in einem Jahr noch gibt. Er ist ja nicht von vorgestern.
Dávid weiß, wie so ein Umbruch abläuft. Zunächst decken sie den Trug und Schein auf, den man ihnen tagtäglich vorsetzt – schön und gut. Bekämpfen den vermeintlich realen Sozialismus, in dessen unsichtbarem Gehege sie ihre Leben fristen – ist ihm ganz recht. Doch statt gehörig abzuschminken, sehnen sie sich nur nach einem Wechsel der Farbpalette. Den abgeblätterten Anstrich mit geborgten Pinseln übermalen. Rot zu blau.
Dávid schickt das letzte Bisschen Suffschluck die Luke hinab und bestellt sich neu. Filip schaut ihn lediglich mit dem Arsch an, seine beiden Schaumkronen sind bereits verwelkt. Das fusselige Gerede aus der Kiste ist nun kaum zu überhören und Dávid hofft, dass er bald taub für die verzapften Behauptungen geworden ist. Er will ja nur nach getaner Arbeit sein Bier trinken. Sollen doch die anderen sich damit rühmen, zum xten Mal in der Geschichte ihr Ende gefunden zu haben.
Appell
Appell
Von meiner Seele an die deine
Schau dich um in dieser Welt
Und merke dir, was dir gefällt
Mach die Ketten endlich los
Wir alle werden zu schnell groß
Auf andere schaut man nicht herab
Wir sind Menschen, nehm die Augenklappen ab
Lauf nicht achselzuckend durch dein Leben
Deine Meinung, die kann dir keiner geben
Reiß das dumme Glashaus ein
Am Ende gehts nicht um den Stein
Mach so viele Fehler, wie du kannst
Es fragt dich keiner nach der Bilanz
Spring vom Rande deines Tellers
Du fällst, aber vielleicht fliegst du auch schneller
Wach auf, seh das Leben in all seinen Fassetten
Das du die Ziellinie erreichst kann keiner Versprechen
Lass schlechte Menschen hinter dir
Doch höre auf Vergebe mir
Sag dem einen dem du liebst
Was tief in deinem Herzen liegt
Keiner weiß, was morgen geschied
Sei dein eigener Glückes Schmied
Die Realität der Philosophie
Sag mir, Gibt es diese Welt
In der ein Mensch sie nicht mit seinen Handlungen verstellt
Kann er dazu im Stande sein
Ein bloßer Zuschauer zu sein
Wie soll so eine Welt aussehen
In der er nur versuch diese zu verstehen
In der der Mensch selbständig erkennt
Dass etwas durch seine eigenen Hände verbrennt
Könnten wir, Spezies Mensch, nach dieser Realität leben
Oder wird nur das Manipulieren unserer Welt für uns Sinn ergeben
Die schwierigste Frage der menschlichen Welt
Ist es der Mensch, der mit seinem Handeln den Tag erhellt?
Alles eine Frage der Philosophie,
Doch ob es möglich wäre, die Antwort findet sich wohl nie…
Der Fall
Was in der Luft hängt
Ich sitze auf meinem Bett und höre sie. Nicht richtig streiten. Nicht richtig reden. Nur dieses ständige Murmeln, als würden sie einander testen, aber nie treffen.
Er sagt etwas, das ich nicht verstehe. Sie sagt nichts. Nur ein kurzes Kopfnicken.
Ich könnte aufspringen, schreien, irgendetwas tun. Aber wozu? Sie tun es nicht für mich.
Sie tun es nicht füreinander.
Sie zucken nur die Schultern.
Beim Abendessen sitzen sie auf gegenüberliegenden Seiten des Tisches. Das Essen ist kalt. Ich sehe, wie er sie anschaut. Nicht wütend, nicht liebevoll. Nur da. Und sie? Sie zuckt die Schultern, als wäre das alles, was ihnen noch geblieben ist.
Ich will, dass sie kämpfen. Dass sie reden. Dass sie nicht aufgeben. Aber sie tun es nicht.
Ich fühle Wut in mir, die ich nicht aussprechen kann. Ich bin 17, und ich hasse sie beide.
Später, in meinem Zimmer, höre ich, wie er auf die Couch geht, sie in die Küche. Beide schweigen. Ich liege auf meinem Bett und sehe auf die Wand.
Warum kämpfen sie nicht? Warum lassen sie alles gleichgültig vorbeiziehen?
Das Schulterzucken hängt in der Luft wie ein unsichtbarer Vorhang. Ich will ihn zerreißen, will schreien, will dass sie es sehen. Aber sie tun es nicht für mich.
Manchmal glaube ich, sie merken gar nicht, wie sehr sie mich damit verletzen.
Ich könnte weinen, könnte wütend werden. Aber ich tue nichts. Ich habe aufgehört, sie zu erreichen.
Alles, was ich tun kann, ist zuschauen, wie sie weiter schweigen, weiter schweigen und weiter schweigen.
Am Morgen ist der Tisch wieder leer. Sie gehen zur Arbeit oder wohin auch immer.
Ich bleibe zurück und sehe auf das Schulterzucken, das noch in der Luft hängt.
Es ist nicht nur eine Geste. Es ist ein ganzes Leben, das sie sich gegenseitig verweigern.
Und ich sitze mittendrin, gefangen, wütend, enttäuscht, hilflos.
Ich wünschte, sie würden kämpfen.
Ich wünschte, sie würden reden.
Aber sie tun es nicht.
Also bleibe ich still. Und sehe zu.
Und hasse das Schulterzucken
Licht & Schatten
Der Blinde auf einem Auge sei
Meine Frau ist das treueste Weib,
doch nach zwei Kindern wurde sie breit.
Da fand ich schnell eine andre abseits,
bei der die Tage vergingen voller Lust,
denn daheim erwartete nur purer Frust.
Da hätt ich den Tausch gern vollzogen,
doch die neue Frau zog nicht mitgezogen.
Denn auch sie hatte einen Mann wie ich,
aber treu und voller Pflicht.
Einmal war ihr Mann zu früh daheim,
ich fiel in Panik und Hetzerei.
Doch die Frau war klug und schlau,
sie gab ihm den Müll vor der Tür genau.
Ich hatte Zeit, mich anzuziehen
und ohne Eile aus ihrem Heim zu entfliehen.
Am Weg traf ich den armen Hänsel,
den ich grüßte mit einem Runzeln.
Den ganzen Weg zu mir nach Haus
schwärmte ich von tollen Flausen,
doch die gute Frau wollte mich nicht,
daher musste ich zur Ehepflicht.
Da klingelte ich an meiner Tür,
bekam einen Müllsack aufgetürmt.
Ich sollte ihn gleich raustragen,
solange ich die andere Kleidung trage.
Die paar Minuten nahm ich mir Zeit
und schimpfte voll Zorn mit Bitterkeit.
So klug und erfinderisch die andere Frau war,
so faul saß die meine, ganz offenbar,
die selbst den vollen Müll im Haus
nicht tragen wollte zum Eimer raus.
Der Trip
Da gibt es eine Welt.
Eine Welt abseits von allem Tun.
Sie liegt so fern –
Sie liegt so nah.
Sie ist so sonder-wunderbar.
Dort sein,
Im Schein,
Da möcht’ ich rein.
Doch diese Art des Reisens,
Will ich doch eigentlich vermeiden.
Sie bringt mich um – sie macht mich tot!
Sie zieht mich rein – sie bringt mir Not!
Doch diese Welt, die ich beschreibe,
Sie zieht die Kreise.
Sie zieht die Kreise.
Ich möchte wieder rück zu ihr,
Sie zieht mich hin,
Sie zerrt mich her,
Sie macht mich immer ach so schwer!
Doch schön ist sie,
So herrlich bunt.
Die Welt – die Welt, so kugelrund.
Der Sog beginnt mich anzutreiben,
Verflucht seist du – ich will doch bleiben.
Die Wirklichkeit, sie ist so schräg.
Fiktion ist Glück – sie macht mich träg.
Was willst Du nur, Du Welt des Scheins,
Was bist Du nur und was ist mein’s?
Ich will nicht mehr – der Kampf ist aus,
Der Himmel ruft, jetzt muss es raus!
So langsam komme ich zu mir!
Die Welt ist still!
Die Welt sie will!
Erschöpft bin ich und liege da,
Und Menschen, die ich niemals sah,
Sie reden mit verhüllten Stimmen
Und rufen mich mit allen Sinnen.
Sehr langsam – wie fünftausend Jahr’
Die Augen, müde und doch klar
Reist meine dunkle Seele.
Ich habe Angst, dass ich ihr fehle.
Die Leute bringen harte Decken.
Meine Güter sind in blauen Säcken.
Und schon kommt heulend angefahren,
Ein schneller – netter Rettungswagen.
An mir vorbei zieht Zeit und Welt.
Wie ist es nur um mich bestellt?
Und wieder tauche ich hinab,
In einen dunklen, hohlen Schlaf!
Nach zehn bis hundert ruhigen Stunden –
Sitzen wir dann in ruhigen Runden,
Ein seltsamer Hafen nach so einer Reise.
Sie reden und reden ganz still und leise.
Die Welten-Tage fließen seichter,
Mein Wogen-Kampf wird immer leichter.
Ich bebe, lebe und vergebe,
Doch dennoch Dir entgegen strebe.
Raubtier
Der Mensch das grösste Raubtier auf Erden ist,
den Geist bestückt mit übler List..
Rücksichtslos das Ego in die Höhe hebend,
die dunkle Herrscherkrone über dem Haupte schwebend
Mit fester Hand das Schlachtschwert wird geführt,
in dunklen Absichten wird gerührt
Schwarze Schattensplitter in alle Richtungen gestreut,
es wird nichts bereut…
Das Raubtier Mensch sich baut den eignen Sarg,
Planet Erde wird karg, karg, karg…
Die Raubtiere werden sich gegenseitig verschlingen,
die Dunkelheit wird Lieder singen
Am Ende bleibt nur Achselzucken,
es gibt nichts mehr aufzumucken
Anleitung zur Sinnsuche mit Kokosraspeln
Es war 23:48 Uhr, als mich eine E-Mail darauf hinwies, dass auf dem Flyer die Kontonummer fehlte. Eigentlich wollte ich ins Bett, doch die Mail nagte an mir. Es war der Stiftungsflyer, den ich selbst entworfen, geschrieben, gelayoutet und im Halbschlaf noch einmal gegengelesen hatte. Dreimal. Ohne Brille. Vielleicht hätte ich Licht machen sollen.
Ich hatte nicht um Geld gebeten, nicht einmal indirekt. Ich hatte lediglich den Ort gestaltet, an dem man es hätte einzahlen können. Und genau den vergessen. Ehrenamtlich.
Ich lutschte meinen Finger an und tunkte ihn in eine Schüssel voller Kokosraspeln. Es lenkte mich von meinen Existenzsorgen ab. Ich war dankbar und hungrig. Der Kühlschrank war leer, aber im Küchenschrank fand ich noch
einige Backzutaten. Da Backpulver nicht mein Snackfavorit war, füllte ich die Raspeln in eine Holzschale und stellte sie auf den Tisch. Immer wieder befeuchtete ich meinen Finger und tunkte ihn in die Schale.
Die Mail war höflich formuliert, so höflich, dass zwischen den Zeilen Platz für ein leises Kopfschütteln des Verfassers blieb. Dieses unausgesprochene „Wie konntest du das nur vergessen?“, das wie der Elefant im Raum stand. Ich korrigierte, weil es mir sonst keine Ruhe ließ, renderte neu, exportierte noch einmal und sah dem Ladebalken zu, wie er sich langsam vorwärts schob. Währenddessen tauchte mein Finger in die Schale mit den Kokosraspeln. Ein kleiner, süßer Trost, um Sinne und Magen Beschäftigung zu geben. Es war besser als sinnloses Warten und Magenknurren.
Nach der halben Schale wurden aus den Raspeln Sägespäne. So fühlte es sich jedenfalls an. Sie lagen schwer im Magen. Fast wie eine Kokosnuss mit Schale: hart, faserig, am falschen Ort. Ein erstaunlich passendes Bild für mein Verhältnis zu Geld.
Dieser Flyer war nicht geplant gewesen, so wie vieles in meinem Leben nicht geplant war, sondern entstand, weil es notwendig war. Ich half, weil es niemand sonst tat. Die kleine Gruppe kämpfte für das Wahrzeichen der Stadt, eine
Aufgabe, die für vier viel zu groß ist. Auch für fünf. Aber fünf ist besser als vier. Ich brachte mich ein: hier ein Pressetext, dort eine Broschüre, da ein Foto, manchmal auch ein Gedanke zu viel. Doch alles für den guten Zweck. Ehrenamt. Ein Wort, das harmlos klingt, und genauso mühelos Stunden verschluckt. Oder Jahre. Oder ein ganzes Leben.
Vor zwei Wochen zuvor saß ich mit Tunnelblick und dieser ureigenen Begeisterung, die ich nur schwer kontrollieren kann, an einem Bildungskonzept für diese Stiftung. Das wuchs wie Hefeteig im Hochsommer. Die Ideen sprudelten. Dreißig Seiten Konzept, sieben Seiten Exposé, ein PDF, so ausgefeilt und professionell, dass es auch aus einem Ministerium hätte stammen können. Nur eben von der anderen Seite – der ohne Geld. Ich schrieb es ohne Auftrag, ohne Bezahlung und noch nicht mal ohne Nachfrage. Ehrenamtlich.
Ich bin bildungsbegeistert und kann alles in Visionen fassen. Es gibt Talente, die entdeckt man erst spät, wenn man weiß. Den Idealisten erkannte ich früh, den Visionär in mir erst vor einigen Jahren. Vielleicht brauchte es dafür Lebenserfahrung und ausreichend Bildung. Beides hatte ich zu Genüge und dennoch sammelte ich weiter.
Doch ich wusste, was Fördergeldgeber lesen wollten und schrieb und schieb. Und ich schickte es ab mit dem stolzen Gefühl, gerade einen Palast der Bildung gebaut zu haben. Aus Papier. Gratis. Für eine Burg. Für einen freien Lernort. Für Kinder und Familien und die Zukunft. Für dieses vertraute Gefühl, wieder einmal etwas Sinnvolles getan zu haben – für mich.
Der Ladebalken kroch weiter, mein Finger wurde wieder feucht, badete in den Raspeln, und meine Gedanken wanderten zurück.
Ich wurde oft gefragt, warum ich nicht an einer Schule unterrichte, ob ich das nicht offiziell machen könne. Ich sei doch Biologin, Lerntherapeutin, Dozentin. Das sei doch alles kein Problem für mich. Die kurze Antwort lautete: Ich durfte es nicht. Die Lange war komplizierter und gleichzeitig das absurdeste Theaterstück der Bildungspolitik in meinem Bundesland. Leider spielte ich in diesem Theaterstück eine Hauptrolle und bekam keinen Zugang zur Bühne. Das Publikum maulte. Mir fiel dazu ein Claim ein: „Wir können alles, außer Bildung.“
In Baden-Württemberg galt ich als nicht richtig qualifiziert, was erstaunlich war, wenn man bedachte, dass mein Diplom höher war als ein Staatsexamen. Zusätzlich hatte ich mehr Ausbildungen und Weiterbildungen gemacht als ein
Lehrer in 40 Jahren im Beruf. Mit 43 Jahren war ich zu alt für den Quereinstieg. Angeblich. Die Wahrheit war eine andere: Ich war nicht mehr rentabel für das System. Nach 15 Jahren freier Bildungsarbeit und zehn Jahren mit Kindern, die durch das System gefallen waren, wie Mehl durch ein Sieb rieselt, würde ich in den Jahren bis zur Rente nicht mehr genug in die Rentenkassen einzahlen können, um mich als Beamtin zu rechnen. Rechnen taten sich nur junge, formbare Menschen, die noch vierzig Jahre einzahlen würden – theoretisch. Praktisch verheizte sie das Bildungssystem aber schon mit 20 Jahren. Ich hätte diese 20 Jahre bis zur Rente also durchgehalten. Aber ich wurde ausgeschlossen. Nicht weil ich nichts konnte, sondern weil ich zu viel konnte. Und ich war zu alt, um billig zu sein, zu qualifiziert, um zu lehren, und zu enthusiastisch für Bildung, um Kinder auszubilden. Eine Logik, nach der man auch einen Apfel nicht mehr verkauft, sobald er perfekt reif ist.
Ich griff mit der ganzen Hand in die Kokosraspeln: gedörrt. Haltbar. Wurmfrei. Sie hatten mir etwas voraus. Ich stopfte sie in den Mund und musste husten.
Mein letztes Projekt war ein Buch, ein echtes Herzensbuch: mittelalterliche Originalrezepte, übersetzt aus dem Latein, in einer Schrift, die ich erst lernen musste, weil sie so alt war, dass sie kaum noch jemand lesen konnte. Selbststudium. Ich hatte die Rezepte über Monate nachgekocht, behutsam modernisiert. Was war ein guter Ersatz für Moschus? Oder Bibergeil? Ich experimentierte und las mich biochemisch schlau. Ging ich auf Wirkung oder auf Geschmack? In jedem einzelnen Rezept steckten Hunderte von Entscheidungen, alles belegt mit Quellen, mit Liebe, mit weit über tausend
Stunden Arbeit. Ich gab es an einen Verlag. Der sagte ab: zu nischig. Ich suche noch einen. Doch die Antwort war immer gleich. Ich zuckte mit den Schultern und sagte, dass es zu schade sei, das nicht zu veröffentlichen. Also machte ich es selbst. Schrieb, lektorierte, layoutete und kaufte mir schließlich mein eigenes Buch. Fünfzig Euro für ein Probeexemplar. Inklusive meiner eigenen Fehler.
Das nannte man Selfpublishing. Der Otto-Normalbürger nannte es zu schlecht für einen Verlag. Ich nannte es Selfsponsoring für kulturelles Überleben. Mir fiel auf, wie unterschiedliche Perspektiven zu unterschiedlichen Urteilen führten. Wir sollten mehr über Perspektiven reden.
Die Kokosraspeln waren fast leer.
Die Tools, mit denen ich als Negativverdiener gezwungen wurde, zu arbeiten, machten es nicht leichter. EasyCover nennt sich das eine Programm. Es stellte sich als Intelligenztest mit sadistischen Zügen heraus. Es gibt kein Raster, kein Lineal, kein echtes Rückgängigmachen, nicht mal die Möglichkeit zum Zwischenspeichern und keine Erinnerung an Farben. Eigentlich hat es gar keine Erinnerung. Änderte ich Schriftfonts, zerfiel das Cover wie das Römische Reich. Und ich baute es neu auf, jedes Mal von vorn, in Stunden, die niemand bezahlt und noch nicht mal sieht. Mein rechnerischer Arbeitsaufwand wuchs exponentiell, während die Option, das Cover für dreihundert Euro gestalten zu lassen, still im Hintergrund lauerte. Ein Schelm, wer Marketing-Gag dabei denkt.
Parallel dazu kämpfte ich mich durch ein Layout-Programm. Eigentlich sehr professionell und mächtig. Zeitlich tödlich. Ich wollte 188 Seiten drucken und bekam 96, weil Doppelseiten dort anders gezählt werden als im Tool des Selbstverlages. Wer sich so etwas ausdenkt, weiß ich nicht. Nach 52 Stunden und 14 Versionen hatte ich ein funktionierendes PDF. Rein technisch. Emotional war ich längst offline.
Der Gedanke an dieses Projekt kostet mich eine weitere Schüssel Kokosraspeln. Ich war froh, dass ich zu Weihnachten nicht das Geld hatte, Oblaten für Makronen zu kaufen, und resümierte weiter.
Journalisten bekamen ein Gratisexemplar. Blogger auch. Ich bezahlte mein Probeexemplar selbst mit 50 Euro, statt 35 Euro zum Buchhandelspreis. Kurz überlegte ich, wieder Journalistin zu werden und wieder über Dinge zu schreiben, die ich nicht selbst erlebt hatte. Ich ließ es bleiben. Stattdessen schrieb ich weiter, unbezahlt, über Dinge, die ich selber machte, wie eben dieses Buch. Oder sollte ich warten, bis das Buch veröffentlicht war? Mit all seinen Fehlern, aber für mich um 15 Euro günstiger? Das Lektorat kostet 600 Euro. Eine Packung Kokosraspeln 1 Euro. Ich entschied mich für die 50.
Am Ende zählte ich nach. Nicht aus Selbstmitleid, sondern um sicherzugehen. Vierhundertvierundvierzig Stunden reine Arbeitszeit. Die Recherche nicht mitgerechnet, die Übersetzungen auch nicht, das Nachdenken über Bibergeilersatz ebenso wenig. Verdienst pro Buch: 10 Prozent Autorentantieme, 3,50 Euro – vor Steuern. Kostendeckung: irgendwo hinter dem Horizont. Und weil der Idealist in mir nicht zum Schweigen zu bringen war, spendete ich pro verkauftem Buch an die Stiftung mit der Burg. Das Buch verkaufte sich genau einmal. Der Verlag hatte recht. Die Stiftung war um einen Euro vermögender, ich im Minus.
Und trotzdem existierte dieses Buch. Weil manche Projekte nicht aus Renditegründen entstehen, sondern aus etwas, das stärker ist als jede Wirtschaftlichkeitsrechnung: dem Wunsch, Kultur zu erhalten und Wissen zu verbreiten.
Kultur ist teuer. Bildung auch. Nicht für die, die sie konsumieren, aber für die, die sie erschaffen. Ich bezahle Software, Papier, Probedrucke, Porto, Wartezeiten. Förderung gibt es für Projekte, die sich rechnen. Wie man Sinn in eine Excel-
Tabelle überträgt, erklärt niemand. Also wird er ausgelagert. Ins Ehrenamt. Zu Menschen wie mir, die sich irgendwann fragen, wie sie eigentlich ihre Krankenkasse bezahlen sollen.
Ich kratzte die letzten Raspeln aus der Schüssel. Schüttete die Tüte aus. Vergeblich.
Es war zwei Uhr nachts, als ich auf „Senden“ klickte und ein Konzept im Wert von 20.000 Euro ehrenamtlich in die Runde gab. Nicht für einen Bestseller oder ein Monetarisierungsvehikel, sondern für ein weiteres Herzensprojekt. Jeder, der dieses Konzept nutzt, wird mehr davon haben als ich. Und irgendwo wird jemand einen Rechtschreibfehler finden und sich darüber beschweren. Ich saß mit Taschenrechner und Steuerformular da und fragte mich, wie man einen negativen Verdienst angibt.
Die Antwort kam nicht. Nur mein Magen meldete sich, gefüllt mit Kokosraspeln aus der gescheiterten Weihnachtsbäckerei und diesem bittersüßen Gefühl, wieder etwas Großes geschaffen zu haben, das offiziell als Nebenerwerb läuft. Unbezahlt. Ungefördert. Unsichtbar.
So unsichtbar wie meine Kokosraspeln. Ich sah in die leere Schale, betrachtete die Holzstruktur und stellte fest, dass dies vielleicht der letzte Rest Genuss war, der mir für diesen Abend geblieben war. Ich schaltete den Fernseher an, weil ich mit einer Kokosnuss im Bauch schlecht schlief. Der Bundeskanzler hielt eine Ansprache darüber, dass die Menschen sich mehr ehrenamtlich engagieren sollen.
Lass mal schnell die Lüge fliegen/meine Lüge
Lass es uns heut nochmal wagen und raus aus unserer Bubble gehen.
Wir können hier nicht ewig flüstern, lass uns nur eine Runde drehen.
Lass uns unsere Hände halten, mit festem Druck, so dass ichˋs spür.
Ich hoff so sehr, sie werden locker, denn beide können nichts dafür.
Lass uns jetzt Gespräche führen, ganz freundlich und mit Lockerheit und hören, was der Mensch berichtet über seine Lebenszeit.
Komm lass mal schnell die Lüge fliegen, dass wir in Eile sind und Stress.
Vergiss nicht meine Hand zu halten.Bitte immer noch ganz fest.
Komm lass die Lüge nur kurz steigen und fang sie heimlich wieder ein.
Sie kommt zurück in meine Tasche. Ich kann grad ohne sie nicht sein.
Lass es uns nochmal versuchen,ganz ruhig und ganz unbefangen.
Über das Wetter, verzerrte Sorgen, über Ungerechtigkeit
und nickend mit brillianter Mimik auch den neusten Stammtischstreit.
Komm lass mal schnell die Lüge fliegen, dass wir in Eile sind und Stress.
Vergiss nicht meine Hand zu halten. Bitte immer noch ganz fest.
Komm lass die Lüge nur kurz steigen und fang sie heimlich wieder ein.
Sie kommt zurück in meine Tasche. Ich kann grad ohne sie nicht sein.
Komm lass man an die Theke setzten.
Sie sagen, hier gibtˋs guten Wein.
Wir können den Gesprächen lauschen über Schönheit und das Sein.
Komm lass mal schnell die Lüge fliegen, dass wir in Eile sind und Stress.
Vergiss nicht meine Hand zu halten. Bitte immer noch ganz fest.
Komm lass die Lüge nur kurz steigen und fang sie heimlich wieder ein.
Sie muss zurück in meine Tasche. Ich kann grad ohne sie nicht sein.
Lass mal zurück zur Bubble gehen.
Die Lüge ist total zerknautscht.
Ich muss sie erst mal gerade bügeln.
Wir gehen bestimmt bald wieder raus.
Komm lass mal schnell die Lüge ruhen.
Hier kann sie keine Lüge sein.
Ich streichle lächelnd ihre Wangen, versprech, es wird bald besser sein.
Dann pack ich sie, ganz vorsichtig, zurück in meine Tasche ein.
Wohin?
Auf der Suche nach dem Ziel, von dem sie alle reden.
Auf der Suche nach dem Glück, nach Religion, nach Leben.
Auf der Suche nach ertragreichem Bestreben,
nach Sinn und Zweck,
nach dem Ich-muss-hier-weg,
nach Endlich-kann-ich-sehen.
Bin auf der Suche nach Verstehen.
Ich will nicht weitergehen,
will nicht verstehen,
will nicht sehen,
nicht streben,
will nicht das Leben und will nicht reden.
Was will ich?
Will dich, will mich, will nichts, will nicht, dass ich nichts will.
Will wissen, wer ich bin, stell mir die Frage nach dem Sinn.
Will nicht mehr wissen, wer ich bin.
Wohin?
Dorthin!
Mein Kopf ist schwer,
mein Kopf ist leer.
Ich bin nichts, bin nicht, bin töricht.
Ich bin.
Ich.
Bin.
Ich.
Grundlos
Despoten regieren die Länder,
Lügen nährn Ängstefabrik.
Zu viele wählen die Blender,
und im Osten herrscht immer noch Krieg.
Schüttelt die Köpfe, ihr Müden,
und wer noch stöhnen kann, stöhnt!
Hunger und Dürre im Süden.
Wir haben uns längst dran gewöhnt.
Kein Grund, um Gedichte zu schreiben.
Was ändert denn schon ein Gedicht?
Wenn Reime und Vers unterbleiben,
merken die meisten das nicht.
Kein Grund, gleich poetisch zu werden.
Hört, was der Lauteste spricht!
Reden zählen auf Erden,
doch sicher kein bloßes Gedicht.
Meine Miete kann ich mir nicht leisten,
und mein Hund ist im Haus nicht erlaubt.
Der Strand, an den wir immer reisten,
war gar nicht so schön, wie ihr glaubt.
Klavier will ich gar nicht mehr üben,
weil mein Spiel dem von Mozart nicht glich.
Mein Nachbar pöbelt von drüben,
und selbst du denkst schon längst nicht an mich.
Kein Grund, um Gedichte zu schreiben.
Was ändert denn schon ein Gedicht?
Wenn Reime und Vers unterbleiben,
merken die meisten das nicht.
Kein Grund, gleich poetisch zu werden.
Hört, was der Lauteste spricht!
Reden zählen auf Erden,
doch sicher kein bloßes Gedicht.
In der Bretagne
Irgendwann zwischen meinem vierzigsten und fünfzigsten Geburtstag verbrachte ich zwei Jahre in der französischen Bretagne.
Ich ernährte mich damals fast ausschließlich von Baguette und einem wunderbaren französischen Camembert, der von der Konsistenz her fast schon an Streichkäse erinnerte.
Ich würde heute noch davon schwärmen, hätte ich mich damals nicht ein für alle Mal daran abgegessen.
Verglichen damit ist der in Österreich erzeugte Camembert ungefähr so schmackhaft wie der Kot von Warzenschweinen, und sollten Sie mit dem Kot von Warzenschweinen noch keine Erfahrung haben, können Sie gerne auch an den Kot eines gewöhnlichen Hausschweins denken, es kommt so ziemlich auf dasselbe hinaus.
Aber das nur nebenbei.
Eines Tages saß ich in einem kleinen französischen Bistro und trank einen Pernod, als eine wunderschöne junge Frau an meinen Tisch trat und mich fragte, ob bei mir noch ein Platz frei wäre.
Wäre sie stattdessen ein fetter, nach Zwiebel stinkender Franzose mittleren Alters gewesen, so hätte ich ihre Frage verneint, doch weil sie, wie bereits erwähnt, jung und hübsch war, ersuchte ich sie darum, Platz zu nehmen, was sie auch tat.
Um ein Gespräch in Gang zu bringen, fragte ich sie nach ihrem Namen, ihrem Alter und ihrem Beruf.
Sie hieß Juliette, war sechsundzwanzig Jahre alt und von Beruf Verkäuferin in einem Supermarkt.
Darauf stellte sie mir die gleiche Frage und ich antwortete ihr, mein Name sei Kurt, ich sei Mitte dreißig und von Beruf Filmregisseur. Ich sei gerade auf der Suche nach neuen Talenten, ob sie nicht Lust hätte, mich in meinem Filmstudio zu besuchen.
„Entschuldigen Sie, aber diese Anmache ist weder neu noch gut“, erwiderte sie. „Was sind Sie wirklich?“
„Also gut, in Wirklichkeit bin ich ein ziemlich erfolgloser Schriftsteller aus Österreich.“
„Wenn das so ist, dann entschuldigen Sie bitte die Störung“, sagte sie, erhob sich und setzte sich stattdessen zu einem fetten Franzosen mittleren Alters an den Tisch, der vermutlich nach Zwiebeln stank
Nachdem ich meinen Pernod ausgetrunken hatte, erhob ich mich gleichfalls und kehrte in meine Heimat Österreich zurück.
Erst kürzlich erfuhr ich, dass ich seither in ganz Frankreich steckbrieflich gesucht werde, weil ich damals komplett darauf vergessen hatte, meinen Pernod auch zu bezahlen.
Aber das ist eigentlich halb so schlimm, weil Frankreich mich ohnehin nicht mehr interessiert, und auch die wunderschöne Juliette ist inzwischen bereits Mitte vierzig und bestimmt längst mit einem übergewichtigen, nach Zwiebeln stinkenden Franzosen verheiratet, möglicherweise sogar mit jenem, den sie nach dem Verlassen meines Tisches kennengelernt hat.
In diesem Fall könnte man mir sogar vorwerfen, für ihr Glück oder Unglück mitverantwortlich zu sein.
Aber den Schuh ziehe ich mir bestimmt nicht an.
Schließlich hätte sie genauso gut auch mit mir vorlieb nehmen können.
Dann hätte ich auch bestimmt nicht aufs Zahlen vergessen, sondern sogar noch ein Getränk für sie bestellt und mein ganzes Leben hätte einen komplett anderen Verlauf genommen.
Schade, dass es anders gekommen ist.
Was bleibt, sind Erinnerungen.
Echt falsch
Der Fluchtplan ist erstellt
Du redest mit mir und ich will nur weg.
Du gibst dir Mühe, dass ich mich wohlfühle, machst Kerzen an und so und hast keine Ahnung, dass ich nur auf die Tür schaue. Und es liegt nicht an dir, also nicht wirklich, also auch nicht nicht, aber ich kann nur daran denken abzuhauen und hab die Tür im Blick. Ich erwische mich dabei, selbst das Fenster abzuchecken, als Alternative.
Ihr gebt euch Mühe, die Drinks sind gemacht, die Musik gut ausgewählt, das Ambiente schön, der Smalltalk sitzt und ich überlege, ob ich, ohne jemanden umzurennen, in einem leichten Zickzackkurs direkt zum Ausgang komme und weg bin. Ich sehe den Weg vor mir, wie auf einer Karte vorgezeichnet. Je mehr ihr guckt und sagt und trinkt, desto mehr hab ich das X im Blick.
Du hast damit gerechnet, aber ich nicht, als du mich ansprichst, mir etwas erzählen willst oder eher was hören willst, nach Signalen von mir Ausschau hältst, aber die Fluchtsignale siehst du nicht, nicht wie meine Augen sich nicht auf dich konzentrieren, sondern hin und her gehen, dass ich vor dir stehe wie ein Gepard im Scheinwerferlicht und jeden Rekord brechen werde, wenn du noch ein Wort sagst. Doch du hast nur die Beute im Blick und kommst nicht auf die Idee, dass sie entwischen will, um auf keinen Fall von dir in irgendeiner Form festgehalten zu werden.
Ihr sitzt alle da und hört zu oder ihr tut zuhörend oder ihr sitzt einfach nur da, aber eure Füße wackeln nicht unruhig, euer Blick geht nicht durch den ganzen Raum, während jemand redet, es dauert viel zu lange, es ist alles viel zu umständlich, wir könnten diese ganze Sache in einem Viertel der Zeit bewältigen, aber es nimmt kein Ende, die redende Person hört sich nicht mal gerne selbst reden, sondern weiß einfach nur nicht, wie man vor Gruppen redet, also zieht sich alles, die Zeit wird zu einem schwarzen Loch, aus dem niemand rauskommt, aber ich will raus hier, einfach nur raus, ich steige gleich über die
Mauer, die es nicht gibt, springe in den Fluchtwagen mit laufendem Motor und bin weg, egal wohin, Hauptsache keine weitere Sekunde meines Lebens, an dem ich plötzlich so hänge wie selten zuvor, an dieses Gerede vergeuden.
Du redest mit mir und ich will nur weg.
Nur Irgendjemand
Manchmal sitz ich da, und manchmal nicht,
Mein leben ist nur ein Gedicht.
Ein langes das man nicht lesen mag,
und ich warte, tag für tag.
ich würd gern schrei`n aber was bringt das schon…
bin ich etwa nur irgendjemands vaters´ sohn?
O´ hilf mir doch wer..
Es fühlt sich nähmlich an als ertrinke ich in einem schwarzen Meer.
Meine schreie werden nicht gehört,
stattdessen denken alle ich bin gestört.
Denn keiner sieht das Meer in dem ich treib..
Und mir bleibt nur der kleine zweig.
Der zweig der mich oben hält,
Durch ihn seh` ich Die Welt.
Was ist es nur wonach sich meine seele sehnt,
worüber sie nachdenkt jedesmal wenn sie gähnt.
Ein ewiges zuhause in dem ich schlaf, doch ich zähle niemals wieder diese Schaf.
Ich zähle die Würmer die über mich kriechen.
ich kann die Welt hier unten gar nicht mehr riechen.
Sie verzehren mich langsam und mit keiner eile,
Der Tot braucht seine weile.
Ich fühl kein schmerz und auch kein leid nicht einmal mehr die Neid.
Es ist still und es ist dunkel.. ich sehe nicht einmal mehr einen funkel.
Das licht ist aus und ich verlasse das haus.
Das haus in dem meine seele war, mehr als nur ein jahr.
Sie fliegt davon und lässt alles zurück, mein körper wird nun langsam erdrückt.
Die Erde schleißt ihn ein… alles was noch rausguckt ist mein bein.
Doch das ist nun egal, nichts ist mehr real.
Doch war es das je?
Der weg zum Tod ist der denn wir alle geh´n
Ist es das ende oder kommt noch was?
Endet danach all dieser hass?
Keiner kann es uns sagen…
bringt es was sich dann jeden tag nach antworten zu fragen?
Der Tod kommt jeden tag..und das meist ungefragt.
Aber was wenn er einen befreit..-
ist man dann dafür bereit?
Gibt es ein ende zu all dem?
Oder komm´n wir alle wieder als irgendjemands Mutters wehn?
Der Tunnel
Der Statiker des Einsturzes
Ich bin ein verwirrter Mönch
Inspiriert vom Gemälde: Der Mönch am Meer (Caspar David Friedrich)
Ich bin verwirrt. Ich bin verwirrt, warum bin ich, wer ich bin? Nicht mein Aussehen oder mein Charakter, sondern meine Macht, meine Rolle in der Gesellschaft. Ich bin ein Mönch, ich verzichte auf unzählige Dinge aus liebe zu Gott, doch selbst wenn ich dies erwähne, sündige ich. Ich bin ein Hochmütiger, weil ich weiß, dass ich alles tue, was in meiner Macht liegt.
Bischöfe, der Papst und weitere, die meinem Gott näher stehen, verhalten sich oft weniger christlicher als ich, doch sie dürfen das. Selbstverständlich. Mein Gott hat diese Hierarchie gebaut. Ich bin minderwertig.
Und dort unten im Meer schwebt ein kleines Tier, das von Geburt an mir untergeordnet war. Ein Tier, das heute im Sturm und im Zorn der Götter sterben wird, trotz des Nichtstuns. Denn das Nichtstun, oder besser gesagt das Nicht Glauben, ist doch das Schlimmste, was man tun kann. Selbstverständlich.
Und Das 5 Jährige Kind, welches allein auf der Straße verlassen wurde, der keine Möglichkeit hat, von meinem Gott zu wissen, ist logischerweise böser als Satan, denn selbst der Oberste der Bösen glaubt an meinen Gott.
Das ist der gleiche, der ja so allwissend ist, dass er uns testen muss, um unsere Handlungen zu kennen. Der Gleiche, der ja so allmächtig ist, dass er Kriege, Krankheiten und Könige erlaubt. Der gleiche, der doch so ein liebender Vater ist, dass er uns nie besuchen kommt.
Er benachteiligt meine Mutter, obwohl sie mehr für mich tut, als mein Gott es jemals tun wird. Selbstverständlich, sie ist eine Frau.
Und das homosexuelle Paar nebenan, wird nach seiner Anweisung verbannt, obwohl sie ein besseres Beispiel für Liebe setzen, als mein Gott es tun sollte. Aber selbstverständlich, die Liebe ist bedingt. Eingegrenzt.
Deine Gedanken sind eingegrenzt, von deinem Gott. Dein Gott, der einer von Millionen ist, aber doch sicherlich der einzig wahre.
Gebe mir Bescheid, wenn du ihn findest, ich möchte ihm sagen, dass er die Verkörperung des Bösen ist. Aber keine Sorge, bis ich diese Worte aussprechen muss, könnte es noch eine Weile dauern.
Franz Knötterich, der Fernsehkiller
Für fast alle stellt das Fernsehen offenbar keine direkte Gefahr dar. Und es scheint, dass einer, der ein strong-man-event oder eine nackt-unter-palmen-peepshow übersteht, ohne zum Massenmörder zu werden, gegen persönliche
Peinlichkeiten überhaupt immun zu sein.
Er kann sich wirklich glücklich schätzen.
Ihm bleibt viel Übles in dieser Welt erspart.
Aber stehen wir ab von Versprechungen, Verheißungen die sich kaum erfüllen.
Wobei wir bei Franz Knötterich angekommen sind, der, bevor er sich zum Massenopfer programmierter Glotzenverdummung herabwürdigen ließ, doch lieber als Alleintäter gegen selbige an- und hervortrat.
Die meisten nennen ihn einen sprachlosen, toteinsamen Kerl oder, vulgär ausgedrückt, ein armes Schwein, das einen Dachschaden, zumindest einen Webfehler im oberen Drittel aufweist.
In den Augen seiner Bewunderer ist er schlicht ein Heroe, ein Vordenker und Vorkämpfer: Achill und Siegfried zugleich. Die Entäußerung negativer Energie in negativen Handlungen: gegen eine verlogene und verblödete Welt.
Die ersten, die von ihm hören, wissen nicht so recht, warum er all das aufgezogen hat, während es den zweiten am Wofür oder Wozu mangelt. Die dritten fragen: Wer ist denn dieser komische Achill und Siegfried überhaupt?
Nun, erzählen wir eher ein wenig und urteilen noch weniger.
Offenbar schaute Franz Knöti, the destroyer, so einer seiner nicknames, am Samstagabend des 2. August letzten Jahres, eine Art Family-show an, wo Erwachsene zu sabbelnden Kleinkindern mutieren dürfen, Kleinkinder zu
klugscheißerischen Erwachsenen.
Das gilt als besonders witzig und produziert viel biedere Heiterkeit.
Der genaue Titel der Show darf ‒ sie verstehen ‒ nicht genannt werden, umetwaigen Anzeigen wegen Rufschädigung oder übler Nachrede zu entgehen.
Was sich genau im winzigen Wohnzimmer zugetragen hat, zwischen 70er Jahre Eiche-rustikal-Schrank und dem elterlicherseits ererbten Plüschsofa, bleibt weiterhin im Dunkeln.
Zumindest griff er, nach sechzig Minuten Sendezeit: fünfzehn wurden mit eingeübten Dummsprüchen, fünfzehn mit einprogrammiertem Konservenlachen und Applausanimationen, dreißig mit Blödwerbung für ultramaxisuper highspeedphones für anspruchslose Schulkidis verschrottet, ‒ griff er zu der vom Großvater mütterlicherseits ererbten Bockflinte.
Diese war ‒ man weiß ja nicht immer, wozu ‒ mit grobem Schrot bestückt.
Franz Knötterich, von allen Nachbarn, einigen Arbeitskollegen, wenigen Bekannten, seinem einzigen Freund Josef K. aus dem Kleintierzuchtverein als ganz umgänglicher und mäusestiller Typ bezeichnet, riss die Flinte von der Wand, wo sie also nicht nur zu Dekorationszwecken hing, und zerlegte aus knapp zwei Metern Entfernung doppelläufig den Fernseher nebst Familienshow und Einrichtung, eine Armlänge links und rechts, in ziemlich kleine Teile.
Was genau der Tat vorausging, was sich da im Seelenleben des Herrn Knötterich tat, suchen Kriminaler, Kadis oder Klapsmühlendoktoren vergebens hervorzukramen. Er schweigt dazu bis heute, wie es wohl seine Art ist: freundlich umgänglich nickt er zu allem, was man ihn fragt, ohne je eine Antwort zu geben.
Also können wir im Folgenden nur die nackten Fakten auflisten, wobei die schon durch Medien, Interviews und Polizeiberichte stark verfremdet sind.
Jeder hat die reine Botschaft des Propheten Knötterich selbstsüchtig für sich zu verbuchen gesucht. Hat sie missverstanden.
In seine versunkenen Schichten vorzudringen, könnte ein noch ausstehendes Dissertationsthema in Tiefseelenkunde sein.
Doch das nur am akademischen Rand.
Nun, fischen wir weniger in den trüben Gewässern seines Gemüts.
Nach dem ersten Durchschuss munitioniert Franz Knötterich in dem von der Großmutter väterlicherseits ererbten kleinen Eigenheim aus den späten dreißiger Jahren (des Führers Selbsthilfe- und Selbstüberlebensvision der deutschen Familie) sich mit etwa 100 Schrotpatronen auf, um den Rachefeldzug gegen die Fernsehverblödung (so ein bildhaftes Boulevardblatt), die digitale Entleerung des Seins (Die Zeit), gegen die gesteuerte geistige Entfremdung des Proletariats durch die herrschende und ausbeutende Klasse (Die Rote Wut), gegen die umfassende Enteignung durch Ökologie und Ökonomie (Natur in Schein und Sein), gegen die Verdrängungsmechanismen des Überichs (Psychologie heute) anzutreten.
Die angefügten Zitate sind nur einige wenige aus der Fülle von Lesarten im deutschen Blätterwald, die allesamt im Dunkeln herumtapsen.
Doch zurück zu den Tatsachen.
Endlich Schluss mit Nebenkriegsschauplätzen: es beginne die Schlacht!
Franz zieht nun, wie die american Kampfmaschine Rambo im bullenheißen, malariaverseuchten Dschungel gegen die schlitzäugigen Sadisten zu Felde. Am Elektromarkt Sa. (wie sich ein Planet in unserem Sonnensystem nennt) angekommen, wird er von etwa hundert Geräten von Handspannengröße bis hin zu Heimkinomaßen farbenprächtigst begrüßt.
Alle spucken ihm hinter den Glasscheiben ihre Bilder entgegen. Mit jeweils einem Schuss pulverisiert er gleichsam zwei Schaufenster. Nun beginnt eine Schlacht, wie sie die Presse als zweites Verdun, … dritter Weltkrieg … die vierte
Dimension von Vernichtung benannte.
Arglose Spaziergänger strömen herbei, gaffen, keiner greift ein (höchstens später nach den überlebenden Elektroartikeln), alle schauen, staunen, stutzen. Endlich passiert mal was, so jubelt das Volk. Also darf Atilla Knötterich
weiterziehen. Die ersten Ovationen geleiten ihn.
Demnach muss er zum nächsten Elektrogroßmarkt, nämlich Media M., marschieren. Die ersten Pkws flankieren ihn, was sich bald zu einem regelrechten Korso ausweitet. Zurufe und Pfiffe werden laut, das Blitzen aus den Handys umflirrt seine Gestalt: a star is born.
An den Schaufenstern angekommen, rundum mit Kommunikations- und Unterhaltungsartikeln gespickt, mit Bildschirmen und Projektionsflächen überzogen, werden die Glasfronten in gewohnter Weise zerrieben.
Nun setzt eine Zerstörung ein, die später von den Medien als intergalaktisches Höllenfeuer oder völlige Ausrottung der Technik oder Abstieg in die schwärzeste Unterwelt metaphorisch umschrieben wird.
Die Zahl der Zuschauer geht mittlerweile in die Hunderte, die ersten Sender haben Kamerateams entsandt, Beifallsrufe schrauben sich, synchron zu den Einschüssen, in den Himmel, Laolawellen folgen. Sein Name, sonst keiner Sau bekannt, wird im Chor skandiert. Reichlich Wodka und sonstige Anheizer spülen die Kehlen, mehrere Imbisswagen folgen seiner Spur.
Eine Sekte, die ihre zurück zur Natur, verfluche den Satan der Massenmedien Botschaften verkündet, begleitet den Feldzug mit Posaunen: Jericho darf fallen.
Und wieder muss Knö, the liberator vom Joch der übermächtigen Technoindustrie weiterziehen, wobei die meisten der Zuschauer feiern und plündern oder erst plündern und dann feiern.
Sein Ziel ist der größte Technomarkt der Stadt, nämlich Me. (wiederum ein bekannter Planet im Sonnensystem), wo ihn Beifallsstürme, ohrenbetäubende Anfeuerungsrufe, Klänge aus dem Requiem von Mozart oder der 9. von Mahler
(beide Franz Knötterich völlig unbekannt), ‒ aber auch zwei Hundertschaften Schutzpolizei erwarten.
Es kommt, wie die Presse später hochspielt, zu tumultartigen Szenen, wohl aber nicht zu bürgerkriegsähnlichen Ausschreitungen oder gar einer regelrechten Straßenschlacht.
Televisionfränki wird ziemlich unspektakulär entwaffnet, wobei er den schwarzen Ungetümen der monstermäßigen Schupos in Vollbewaffnung mehrmals das Peace Zeichen entgegenreckt, was seinen Ruf als Heiland aller Welten nachhaltig festigt.
Hat nicht Jesus die Geldfälscher und Profitgeier mit der Geisel aus dem Tempel gepeitscht, so zitiert das erzkatholische Sonntagsblatt ganz grenzwertig provokativ. Hätte man nicht viel früher gegen diese Baalstempel der Verblödung zu Felde ziehen müssen, fährt der Artikel fort.
Wahrheiten sind oftmals unbequem, selbst wenn sie aus dieser schon lange verachteten, oftmals verhöhnten Ecke schallen.
Fakt ist: Franz Knötterich wird schon einen Tag später aus der Untersuchungshaft entlassen: eine republikweite Spenden- und Solidargemeinschaft stellen Kaution und Staranwalt und Überbrückung und ‒ eine neue Wohnzimmerwand. Die Elektrokonzerne verzichten großzügig auf Wiedergutmachung (so kann man auch nachhaltigst Werbung betreiben!), eine Millionengemeinde von Followers twittert wortreichst seine sprachlosen Botschaften, Franz kann’s (endlich ein deutsches Wortspiel) hat nach zwei Tagen unzählige Treffer bei Google, ohne je einen Computer gekannt zu haben.
Eine bekannte Talkshow z. B. in den Öffentlich-Rechtlichen am Sonntagabend mit höchst intellektuellem Anspruch illnert: „Wie viel gefühlsschwangere Verdummung, wie viel inhaltslosgeistige Vermanipulierung können wir uns noch leisten?“
Ein langer Titel, fürwahr, der in gewohnter Weise zerredet und ziellos zerpflückt wird und den gerade die Playstationdeppen und Smartphonejunkies nicht tangiert, weil sie so was sowie nicht anglotzen.
Ob Franz Knötterich das so gewollt hat?
Denn er weiß vielleicht: Jesus hat wohl die geistig Verwirrten geheilt, aber keine freiwilligen Idioten.
Wirklich nicht. Negative Philosophie lässt sich nicht, mir nichts dir nichts, ins Gegenteil verkehren. Die mathematische Formel von minus mal minus ergibt kein beschwingtes plus, potenziert sich aber selbst. Das ist (leider) die tiefwurzelnde Formel negativer Weltanschauung.
Doch kehren wir zurück zur Doku-Form unseres kleinen Berichts, ohne im theologischen Gefühlssumpf zu versinken.
Nachahmungstäter treten seltsamerweise kaum auf. Franz Knötterichs Botschaften verhallen unausgesprochen und somit ungehört. Die Apostel haben sich verflüchtigt. Ein halbes Jahr später kennt kaum einer seinen Namen. Wie
üblich! Alles wird wieder heil, nur die Glotze hat ihr Teil.
Apropos Nachahmungstäter: Der 14jährige Söre Puller ist hier nicht zu verzeichnen. Er verpulverte im Mediamarkt Köln Süd höchstens einen 4qm 2 Bildschirm mit der Drillingsbüchse seines Vaters, weil das kürzlich erworbene Computerspiel Das dreckige Blut der Zombies nicht richtig funzt, wie er rotzig formuliert.
Aber, jetzt mal ehrlich, Leute, das ist eine ganz flache Botschaft!
Litanei der Unreinheit
In nomine Patris
Gott sprach Latein.
Wer stotterte, musste Buße leisten.
Fehler war Sünde, Zweifel Ketzerei.
Ich beichtete Silben, betete Syntax und sündigte Grammatik.
Gott sprach Latein.
Wer stotterte, war unrein.
Gott sprach Latein.
Wer stotterte, war in der Falle.
und ich — die Schlange ihres Edens.
Sie spannten den Bogen des Kreuzes,
fürchteten mein Zischen. Es klang wie Denken.
Der Vater sprach mit der Stimme des Himmels,
darunter lag die aus Kreide.
Er sprach: Gott helfe nur Kranken.
Mutter nickte: Heilung sei Strafe.
et Filiae
Ich flüsterte gebrochenes Latein
und suchte die weiße Jungfrau —
vergebens.
Sie war nicht gottlos.
Sie sahen die schwarze Jungfrau,
die unheilige — in mir.
Ich flüsterte in Latein
und suchte die Tochter der Nacht,
die das Dunkle trug wie ein Sakrament,
deren Zunge Licht verletzte.
Sie sahen die Furcht,
das Bröckelnde — in mir.
et Spiritus Sancti
Ich atmete Latein.
Der Geist sprach —
nicht zu mir,
nicht in mir,
nur
in Latein
nie mehr lieben
ich werde nie wieder so sehr lieben wie dich. so sehr, wie ein vogel den wind liebt, der ihn trägt. wie die blume, verdeckt vom schatten des hofes, den morgengrauen. nie wieder werde ich so sehr fühlen wie mit dir. so sehr, wie schläge der wellen wenn sie deinen körper streifen, dich zu boden reißen und kleine sandkörner sich in die knie beißen. denn die wucht deiner war zu groß.
ich werde nie wieder so sehr lieben wie dich, denn du warst mein sturm und ich das kleine segel. mit keinem halt trieb ich in die weiten meere umher. während das rauschen lauter wurde, vernebelte sich meine sicht. so sah ich nicht, kein ausweg mehr. trügte mich der schein, die kurze stille vor der großen welle? lag die hoffnung im anker, den ich stetig warf; denn trotz allem suchte ich den halt in dir.
Die Repräsentanten negativer Philosophie in meiner Stadt
Der Strabadichter
Wenn im Bus oder in der Straßenbahn
die Fenster beschlagen waren,
wenn Tropfentränen
herunterrannen,
stand bisweilen einer auf,
den sie den Schreiber nannten,
sonst den Verrückten von der Straba,
und der schrieb mit dem Zeigefinger
seine Gedichte auf das Glas.
Er machte keinen Pieps,
schrieb Scheibe für Scheibe voll,
die hinter ihm zerfloss.
Die Hausfrauen haben geglotzt,
die Schulmädchen gekichert.
Es liebten ihn die Kinder und
die Sanftmütigen und Zeitlosen.
Einer, der es wissen wollte,
soll die Sachen gelesen haben.
War angeblich wirres Zeug,
geschrieben in einer Sprache,
die Schmerzen und Trauer in die Luft malt.
Den Strabadichter gibt’s nicht mehr,
sie haben ihn abgeholt, sagt man.
Bestimmt schreibt er woanders,
seine Regengedichte.
Der Plattenzähler
In der Fußgängerzone schritt einer umher,
der alles vor-, rückwärts- und nachrechnete.
Stelzte an den grauen Platten entlang,
addierte sie hin, Stück für Stück,
als wolle er die Welt in Zahlen zwängen.
Nach jeder hundertsten oder zwanzigsten
malte er komische Zeichen mit Buntkreide.
Mit einer, die Kinder haben, wenn sie
ein Himmel-Hölle-Spiel
auf den Teer kratzen wollen.
Er stolzierter daher in Anzug und so,
behördlich, amtlich, offiziel.
Er hatte keine Miene, sprach kein Wort,
ging die Straßen auf und ab,
ein Klemmbrett vor die Nase gerückt,
um Inventur zu betreiben.
Als er schließlich die Verbundplatten signierte,
mit Permanentstift beschriftete,
– vielleicht wollte er der Stadt
eine kleine Ewigkeit schenken –
haben sie ihm das Rechnen verboten.
Er zählt nun woanders, andere Sachen.
Der Kieferorthopäde
An der Ecke zwischen Woolworth und
Edelklamottenshop steht immer einer
mit seiner Obdachlosenzeitung.
Er klappt den Unterkiefer auf und nieder,
als nage er sich durchs Pflaster.
Sein Zottelbart bewegt sich wie ein Wischmopp
auf einer Fensterscheibe, rauf und runter.
Er ist der Kieferorthopäde. Er ist ein lustiger Geselle,
vielleicht etwas zudringlich, wenn er getankt hat.
Alle Jahre kommt der Kieferorthopäde
für ein paar Wochen ins Trockendock.
Wenn er wieder zurückkommt und
mit seinen Heftchen an der Ecke steht,
schaut er nicht mehr so lustig aus. Was der
Mangel an Spirituosen auch auslöst?!
Die Fresserna
Sie, die Fresserna, streift dort herum,
wo sie einen neuen Fressstand aufmachen,
wo einer Pizza oder Bratwürste verkauft.
Sie ordert also eins von den Dingern,
einen hot dog z. B., und der Typ reicht ihr
das Brötchen mit Zwiebeln und der
heißen Wurst und Soße rüber.
Alles trieft von Senf und Sauerkraut etc.
Riecht, wie Appetit vom Himmel geschenkt.
Sie beißt erst mal kräftig rein.
Au fein sagt sie mit entzücktem Mund,
das nenn ich mir einen hot dog, labert
die ganze Zeit und futtert das Ding,
bis der hot dog Geschichte ist.
Der Wurstmann will u.a. die Knete sehen,
ist noch scheißfreundlich oder wie.
Im verzaubernden Lächeln meint sie:
hab keinen Cent, und gibt
ihm et cetera ein rechtes Dankschön.
Die meisten tragen es mit Fassung.
Wenn der Kerl die Bullen holt,
können die auch nicht den hot dog aus ihr
quetschen. Die Fresserna geht dann, denn
es ist keine Werbung für einen Laden,
wenn der nicht mal einen heißen Hund
für einen hungrigen überhat usw.
Der Ziegenpeter
Will keinen langweilen,
aber einen Typen, der mit einer Ziege
durch die Stadt läuft,
seht ihr kaum woanders.
Nicht, dass der betteln wollte,
Futter herausgeschlagen.
Er nahm die Ziege einfach mit,
zeigte den Leuten,
wie sein Vieh zählen konnte.
Er trank drei oder vier Kurze,
fragte, wieviel er intus habe.
Die hat ganz genau gemeckert.
Da haben irgendwelche die Bullen geholt.
Es war kein Schnaps in den Gläschen.
Der Ziegenpeter hatte keinen Gewerbeschein,
die Hippe bekam Stadtverbot.
Gesetz siegte, Macht triumphierte.
Die Stadt ist noch langweiliger.
War immerhin einer da, der meckert.
Karate Jo
Einer der Männer, die am fürchterlichsten
ausschauten, war Karate Jo. Er stand,
als er noch halbwegs fit war, da wie
eine in Glas gegossene Statue des
größten Kämpfers aller Schlitzaugen.
Nur dass Karate Jo kein Chinese war.
Aber er hielt die Augen zusammengepresst,
damit sie ganz dünne Striche wurden.
Dann pumpte er Energie in den Körper,
bis er wie ein Krebs ausschaute. Er zog seine
Schläge und Tritte im Tempo einer Karate-
schnecke durch, doch es lag anscheinend
gewaltige Spannung in ihnen. Er wartete,
bis er einen Schrei losschickte. Der hallte
quer über den Platz, bis er sich
an den ewigen Mauern des Doms brach.
Eine Zeitlang später,
als sie versucht hatten, ihm seine Anwandlungen
auszutreiben, habe ich ihn wieder gesehen. Er hatte
Beine und Arme mit weißen Binden umwickelt.
Ich wusste nicht, wohin ich schauen sollte.
Er sah aus wie eine Mischung aus
Frankenstein und Unfallabteilung.
Er war, glaube ich, ein todeinsamer Hund,
der sich in der Phantasie einen Platz suchte,
um zu überleben. Wie wir fast alle.
Der Josch
Wir denken an dich, mein alter Josch,
wenn die Straßen stinkdreckig sind,
die fettigen Pizzaschachteln herum-
flaggen, die halben Burger, die Blätter
von Zeitungen entlang segeln,
dann denken wir an dich,
wie du einher gezogen bist, einen
Müllsack hinter dir her, und eingetütet
hast: Held der Abfälle, hast alles
gegeben, alles verbraucht,
Zähigkeit und Trauer und Lächeln,
ein lässiger Gruß, ein langer Schluck,
wenn hinter dir die Straße lag,
sauber wie ein eingecremter Babyarsch.
Darum heben wir noch mal
ein Flaschenbier hoch zu dir,
denn falls es so einen Job gibt,
da ganz oben, Josch, bist du der Mann für,
weil dorten gibt’s genug aufzukehren,
hier macht es sowieso keiner mehr.
Der Glupschfisch
Steht Morgen für Morgen an der Haltestelle,
ein Typ, eineinhalb Meter hoch, Hose fast
genauso lang, Brille dick wie eine Schaufensterscheibe,
glotzt dann wie ein Glupschfisch,
hat eine Stofftasche um den Hals, gafft die Mädchen an,
als wolle er sie allesamt zum Frühstück,
reibt sich einen ab, flitzt immer hin und her,
manchmal schreit er:
ihr müsst alle eure blöde Fresse halten,
könnts heim gehen, ihr Saftheinis.
Die Leute starren, höchstens die Mädels kichern,
jeder wartet auf eine Vorstellung,
auf die Wahrheit, endlich,
auf den letzten Segen.
Die Klischke
Im vierten Stock wohnt die 80jährige Klischke
und ihr Sohn Bruno, der Versicherungsfritze ist.
Die Klischke hat das Sprechen eingestellt,
sonst auch fast alles.
Sie tapst die Treppen herunter, ihr Gesicht eingefroren,
die Augen ins Nirgendwo gerichtet,
kriegt keinen Pieps raus.
Gegen Mittag bekommt sie Essen auf Rädern.
Ab und an reißt sie die Tür auf.
Sie stellt sich an das Treppengeländer.
Erst tönt ein Akkord,
als wäre sie eine Orgel,
die durch das Treppenhaus braust.
Mit Der Geist des Herrn erfüllet sie tritt sie wie
der Papst nach vorne,
schüttet unter Das ist ein köstlich Ding
Suppe, Gemüse, Fleisch übers Geländer in den Hausflur hinab.
Bei Wir essen all von einem Brot schlurft sie zurück.
Die Frau des Hausmeisters muss zu Himmelsau, licht und blau
die ganze Sauerei aufwischen.
Abends, wenn Bruno Klischke von der Arbeit kommt,
steht der Hausmeister rauchend vor dem Haus,
wippt auf den Zehen.
Ganze zwei Stunden hat meine Frau hingeschafft
knurrt er. Unter Entschuldigungen zückt
Bruno die Börse.
Alte Leute sagt der Hausmeister,
während er die Scheine einstreicht.
Gnadenlos.
Der letzte Stadtindianer
Wenn ich erzähle, wie er in der Stadt,
unten in einem Viertel, wohnt,
in einem Loch, wo die Kakerlaken Wettrennen abhalten,
wenn ich erzähle, dass er jeden Monat Stütze zieht,
wenn er hustet wie ein Hund,
wenn er jeden Morgen zu sterben meint,
ist er so ein asseliger Typ,
der kaum mehr die Knochen hochkriegt,
der an der Flasche hängt oder
im Abfalleimer. Der Dreck der Straße.
Wenn er über den Rathausplatz geht, stehen bleibt,
wenn er beschattend die Hand über die Augen legt,
wenn er im Tanz die Taten der Krieger,
den Tod des Büffels besingt,
wenn er den Gott des Regens
seinen Bruder heißt, die Sonne
in der Brust versenkt,
ist er der letzte Stadtindianer,
ein Kind des großen Manitus,
der weiß, was es heißt, nicht zu sterben.
Der letzte Stadtindianer ist gegangen,
aus seiner verschimmelten Bude,
gegangen über die weite Prärie
in die ewige Vergangenheit.
Singe dieses Gedicht für ihn.
Vom Überleben in dieser Stadt
Wenn du eine Zeitlang in dieser Stadt wohnst,
kapierst du endlich, dass du seelenallein bist.
Die Leute gehen durch dich als wären sie Schatten,
von irgendwoher. Gesichter wandern ohne
Namen und Zahl. Über dir ein Himmel,
vom Licht getauft oder grau wie die dumme Sünde.
Es macht keinen Unterschied.
Du weißt nicht, warum du hier wohnst
und was überhaupt noch ein Wohin ist.
Seltsamerweise versuchst du es zu erklären,
selbst wenn es keiner wissen will, keiner zuhört.
Die Menschen sind wie Staub, die Straßen
schwarze Schnitte, böse Risse, in denen
leblose Sachen versinken und vergessen.
Du gehst aus dem Haus, einige Wege
weiter, aber du möchtest flüchten, an
Türen klopfen, auf denen Angst steht,
die verriegelt sind. Augen in den Fenstern.
In der Menge möchtest du untertauchen,
die dich zu verschlingen droht. Namen
werden gerufen, die du nicht kennen darfst,
Hunde schnappen nach dir, die Zeit schlägt dir
Wassertropfen ins Gesicht,
als wären es die letzten Tränen,
die Hände sind nicht deine.
Du möchtest vergessen werden, bevor man
dich kennt, im Wirrwarr der Fahrzeuge
mitgerissen sein, doch du kannst den Plan
nicht lesen, kennst nicht mehr die Bahnhöfe.
Du kannst nichts mit dem Tag anfangen,
die Nacht nicht mit dir. Du nimmst die
Gewohnheiten eines Irren an: von einem
der umherstreicht, verlassen von Geist und Seele.
Ausgelacht und ausgelebt in einer falschen Welt,
ohne je die Wahrheit anzuhauchen,
ein bisschen Wärme an der Haut zu verspüren.
Bei sich sein, in sich sein,
eine abgedroschene Phrase,
aber vielleicht die letzte Möglichkeit,
in dieser Stadt zu leben.
Ich und mein Baum
Mein Baum hat sich nach oben gestreckt
gen Himmel, nach unten tief in die Erde.
Ihm ist bekannt die Weisheit beider Welten.
Er flüstert sie mir, wenn ich ihn umarme
mit diesen menschlichen Händen,
wenn ich meine Wange
an seinen Stamm lege.
Er sagt mir: “Lass dich nicht täuschen.
Man sieht mit den Augen nicht,
wie eine allgegenwärtige Urkraft
alles voranbringt.
Schließe die Augen. Spüre
das Muster meiner Rinde
unter den Spitzen deiner Finger.
Horche und fühle den Wind.
So wird es sich anfühlen,
wenn es nichts mehr gibt.
So wird es dich umarmen.
So wirst du geküsst.
So wirst du verstanden.
So wirst du erlöst.
So verliert selbst die Zeit
ihre scheinbare Macht…”
Ich und mein Baum
haben den gleichen Herzschlag.
***
Was für eine seltsame Nacht…
Halb wahnsinnig, halb wach,
halb berauscht, halb entzückt
schlucke ich heiße Luft
längst vergangener Liebe.
Von ihr ist nur die Lust, die Begierde
übrig geblieben, die bittere Sehnsucht
nach einer Verbindung,
die sich nie erfüllt,
die sich nur leicht enthüllt
in Momenten wie diesen.
Sie zeigt die schmerzhafte Wahrheit,
dass nur der Tod uns befreit
und nur er unsere Sehnsucht befriedigt
im ewigen ruhigen Schlaf.
Keine Philosophie
von Jörg Reinhardt
KEINE PHILOSOPHIE
Du sprichst gerne von Philosophie,
wenn du einen Satz liest,
der dir klug vorkommt.
Du saugst ihn auf und
zitierst ihn ein paar Tage
bei jeder Gelegenheit,
bis du ihn wieder vergessen hast.
Das ist die Philosophie der Halbwahrheiten
mit kurzer Haltbarkeit.
Dafür lehnst du die alten Lehren ab,
die Jahrtausende überdauert haben,
weil sie wahr sind
und nie ihre Gültigkeit verlieren.
Das sind die Lehren, die Leben gestalten,
von Menschlichkeit und Verzicht handeln
und sich nicht in billige, austauschbare
Slogans verwandeln lassen.
Das Fitnessstudio für deine Seele
findest du nicht unter bunten Neonreklamen,
sondern in der Weite des über Generationen
gewachsenen Bewusstseins,
das den Menschen zu dem machen sollte,
was er nicht ist,
solange er nicht aufhört,
den Wortspielern und Illusionisten zu folgen,
deren Macht auf der Behäbigkeit
des Geistes ihrer Zuhörer beruht.
Solange man das nicht erkennt,
gibt es keine Philosophie,
die dem Anspruch gerecht wird,
den ihre Verfechter an sie haben.
Und das ist viel einfacher zu verstehen,
als man es erklären kann.
PHILOSOPHIEREN
„Ich denke, also bin ich.“
Klingt gut, kann man behaupten.
„Ich denke nicht, also bin ich nicht.“
Klingt besser, fast genial,
aber wer ist der Typ im Spiegel?
„Ich esse, also esse ich.“
Daran besteht kein Zweifel. Verzichtbar.
„Ich esse, also nehme ich ab.“
Das ist der Stoff, aus dem Abhandlungen sind.
„Ich transpiriere, also transportiere ich.“
Das ist schwierig, da reicht eine Abhandlung nicht aus.
„Ich transportiere, also transpiriere ich.“
Leicht zu verifizieren. Reicht als Fußnote.
„Aus großer Höhe fallen wir sterbend.“
Ein guter Satz für einmalige Experimente.
„Die Zeit läuft schneller, als ihr guttut.“
Das ist mal wirklich was zum Nachdenken,
denn: „Ich denke, also bin ich.“
Am besten ist:
„Ich halte die Klappe, also philosophiere ich.“
Passt.
Was bleibt, wenn alles vergeht
Du liegst im Bett, eingehüllt in einer weißen Decke –
es ist deine letzte Strecke.
Ärzte haben aufgeklärt: Du wirst bald sterben.
Aber deine Kinder haben sich gewehrt und gestikulieren,
und während sie ungehalten reagieren,
über angebotene Therapieformen diskutieren –
blickt dein kleiner Enkel zu dir herauf,
steht bei deiner Tochter, sein kleiner Kopf neben ihrem Babybauch,
er lächelt und reicht dir die Hand.
Sie fühlt sich weich an – und leicht.
Du zwinkerst ihm zu, müde.
Und während der Junge dasteht und dich einfach ansieht, weißt du:
Er ist der Einzige, der versteht.
Und dein Schwiegersohn?
Mit seinem Einfallsreichtum?
Gibt keine Ruhe. Steht da. Stocksteif –
Und na klar – es muss doch was geben,
um noch länger zu leben.
Aber die Ärzte reden nicht von Jahren – sowieso nicht
und eher nicht von Monaten.
Und dann denkst du an das Kind im Strohwagen,
denn bald ist Weihnachten,
und du weißt: Das schaffst du nicht.
Und auch wenn es traurig klingt –
du wirst dein zweites Enkelkind
nicht mehr im Arm halten.
Doch deine Kinder suchen weiter nach einem Wunder,
nach einer besonderen Energie –
in Form einer Behandlung, einer letzten Therapie
gegen die Erkrankung.
Bald – im Sinne von irdisch messbaren Größen.
Doch deine Kinder wollen die Dinge für dich lösen,
diskutieren weiterhin:
Das Baby ist fast da – deine erste Enkelin!
Und sie reden nicht von Monaten –
sondern von wenigen Wochen, von Tagen.
Die Stimme deiner Tochter klingt gebrochen,
sie verliert gleich die Fassung.
Dann redet sie von Entlassung
aus dem Krankenhaus,
will dich zu sich nehmen für einen Gaumenschmaus
an Christmas Eve.
Wirft dir vor, du siehst alles viel zu negativ.
Sollst du die Situation anders bewerten
und an die Menschen denken, die dich verehrten.
Sie streicht über ihren schweren Bauch,
ein schmerzverzehrtes Gesicht:
Mama, gib nicht auf – diese Art zu handeln entspricht dir nicht.
Eine Therapie ablehnen heißt nicht aufgeben – willst du sagen.
Aber du hast keine Kraft. Und Angst vor der Reaktion – und den ganzen andern Fragen.
Alles wird gut, Mama. Du musst dich nur aufraffen.
Dann können dir die Ärzte noch mehr Zeit verschaffen.
Und als könnten sie hellsehen, die Zeit zurückdrehen –
haben sie die Entscheidung für dich schon übernommen:
deinem Körper wird eine neue Energie
in Form einer Strahlentherapie
sicherlich gut bekommen.
Und in dieser toxischen Positivität, denkst du an Energieerhaltung
und an Einsteins spezielle Relativität,
an die Austauschbarkeit von Masse und Energie –
und du weißt auch um die Zunahme von Entropie –
spürst die Unordnung in deinem tumormassereichen Körper,
der langsam zerfällt –
wie die Ordnung deiner Familie,
die sie mit Regeln und Erwartungen immer aufs Neue herstellt.
Ja, du verstehst die Verzweiflung deiner Tochter, die hilflose Traurigkeit.
Erinnerst dich, wie sie dir als Kind – wie sie dir als Teenagerin – entgegenschreit:
Lass mich mein Leben leben!
Ich entscheide für mich selbst
und mir ist es ganz egal, was du davon hältst!
Dann war die Tür ins Schloss gefallen. Damals.
Die Dinge wiederholen sich – sagt man –,
wenn alles so bleibt im Fortschreiten der Zeit.
Und wie war das, mit dem Energieerhaltungsgrundsatz,
in einem geschlossenen System.
Ich weiß du würdest ihn gerne an deine Lebensenergie anlehnen:
denn Energie lässt sich nicht erzeugen und auch nicht vernichten,
man kann sie umwandeln – und sie lässt sich verdichten…
Und wenn du nicht mehr auf dieser Welt bist,
du von vielen lieben Menschen vermisst wirst
bist du nicht komplett weg –
nur dein Körper verschwindet,
wenn er Schmerzen, Leiden und Traurigkeit überwindet.
Nicht in Monaten, nicht in Wochen – vielleicht in ein paar Tagen.
Doch so genau kann das niemand, auch keine Ärztin mehr sagen.
Sterben ist individuell wie die Geburt und das Leben.
Alle Ereignisse folgen nur bedingt bestimmten Regeln.
Und wenn es dein Wille ist, darfst du jede Therapie auch ablehnen.
Dann sagst du es, leise:
Ich will nicht. Ich will nicht mehr – leben.
Und dann kommen die Fragen…
Aber im Schutz der kleinen Hand deines Enkels,
kannst du den letzten Moment deines Lebens
noch ertragen.
Und in einem Brief steht, den der Junge später in seiner Hand hält:
Wenn ich nicht mehr auf dieser Welt bin,
ist das für euch erstmal schlimm –
und es tut mir so leid.
Aber ich werde nicht ganz von euch gehen –
nur mein kranker Körper wird nicht mehr bestehen.
Meine Essenz – die wird überdauern.
Ich wünsch mir, ihr würdet nicht zu lange trauern.
Denn wenn ich gegangen
und nicht länger gefangen
in meinem Körper bin –
ist ein Teil von mir als Lebensenergie –
für immer
in eurem Herzen drin.
Denn wenn wir erkennen, dass es keinen Tod gibt,
sondern nur die Veränderung der Form…
Wenn wir Sterben und Geburt nicht mehr trennen,
uns nicht zum Ende oder Anfang bekennen –
vielleicht beginnen wir dann,
für immer,
von vorn.
Spuren
„,Wer nicht hören will, muss fühlen‘, sagte der Erziehungsberechtigte und knallte mir eine. Das spüre ich heute noch. Diese Spuren waren das Einzige, was er hinterließ. Weil ich nicht spurte, prügelte er auf mich ein. Er war ein schlechter Vater, das war mir eine gute Lehre. Sein Grab habe ich nie besucht, mein Leben ohne ihn geführt. Ohne in seine Spuren zu treten. Ausgetretene Pfade habe ich gemieden. Aus! – Getreten! Psychoanalytiker mögen darüber lächeln. Vaterfiguren, die sich Männer nur als Söhne oder Väter vorstellen können. Ich bin kein Vater geworden, Sohn nie gewesen (der Erziehungsberechtigte hatte geglaubt, ich wäre nicht von ihm, nicht Fleisch von seinem Fleische. Daher die vielen Prügel). Ich bin kein Schläger geworden, kein Schlächter und nicht besser als alle anderen. Ich bin einfach ich geworden. Ist doch auch schon was. Das muss ich mir immer wieder bestätigen, oft glaube ich es selbst nicht. Denn Glauben liegt mir fern – noch so eine Vaterfigur, weit oben im Himmel, fern und unbegreiflich, unangreifbar, die niemanden etwas angeht. Mich am wenigsten.
Spuren hinterließ das alles nicht. Jedenfalls keine bleibenden. Eher wie Schritte im Sand, die der Wind verweht. Bleibende Trittsiegel kennen wir nur von Dinosauriern, von Ausgestorbenen, Millionen von Jahren entfernt von uns.
Wohin das führt? Ist doch egal. Der Weg geht seinen Weg – meistens weg von hier! Hauptsache, es geht voran. Was geht mich das an, was vorher war. Die Vergangenheit ist vergangen, ihre Spuren verweht. Die Zukunft noch nicht gekommen, sie wird uns alle überraschen. Weiter geht’s.
Voran!
Wir müssen uns der Vergangenheit nicht stellen, sie hat uns längst gestellt. Und zum Stillstand gebracht. Aber der Weg ist noch offen. Unermesslich seine Weite. Man muss nur den ersten Schritt tun. Und noch einen. Und noch einen. Alles andere ergibt sich von selbst.
Ergibt sich! Gibt sich uns hin. Man muss es sich nur nehmen. Ergeben sich hingeben der hingegebenen Welt. Wie sie mir, so ich ihr. Auch wenn es ihr völlig gleichgültig sein dürfte.
Das kann es dir auch sein, wie gleichgültig du der Welt bist. Nur du solltest es dir nicht sein. Da gilt es weiterzumachen. Immer wieder. Aufs Neue. Damit das Alte nicht über Gebühr fortbesteht. Nur was dich weiterbringt, behalte. Den Rest vergesse. Vergebe und gut ist.“
Das waren seine letzten Worte. Nun würde er nirgends mehr hingehen. Nur er selbst kann wissen, ob er sein Ziel erreicht hat. Als ob das noch irgendwie von Bedeutung wäre.
Einstmals schien auch ihm die Welt so unendlich groß und weit, dass Tausende von Leben nicht ausgereicht hätten, auch nur den Saum von diesem Mysterium zu lüften, so meinte er. Dann hatte er sich auf den Weg gemacht. Ging immer weiter und weiter, bis nichts mehr ging. Als er zurückblickte, wurde ihm bewusst, dass nichts ihm vertraut geworden war von diesem Stück Welt, das er doch eben erst durchschritten hatte. Als ob er nie dagewesen wäre. Das Land lag ebenso still in der Sonne wie zuvor. Als hätte er nie existiert. Es blieb ihm fremd. Er blieb fremd. Er hätte genauso gut dort bleiben können, von wo er aufgebrochen war. Dort – ein Ort, kein Zuhause, keine Heimat. Also blieb ihm die Fremde – seine Heimat, der Zustand, der ihm am vertrautesten war. Die ganze Welt eine unfassbare, geheimnisvolle Insel, ausgespart aus dem Nichts. Eine Zuflucht Schiffbrüchiger.
Die Zeit ist heute eine andere, mit gleichmütigen Schritten stumm über alles hinweg gezogen, ein flüchtiger Schatten, gejagt von der aufgehenden Sonne. Schattenwind über kahlem Gestein.
Die Natur trifft keine Schuld, sie hat naturgemäß noch nicht einmal eine Vorstellung davon. Sie hatte stets alles versucht, wieder und wieder, aber das änderte nichts. Da muss man sich nicht wundern. Und wenn die Natur ohne Schuld ist, dann ist er es auch. Wir alle sind es. Wir sind höchstens verflucht. Wenn denn jemand existierte, der uns verfluchte. Den aber gibt es nicht. Es sei denn, man glaubte an einen Gott. Was natürlich Unsinn ist. Es ist, wie es ist. Ein Verhängnis. Lapidar. Und endlos. Darum wohl hatte er dem ein Ende bereitet. Nicht ohne Spuren hinterlassen zu haben.
Aber auch diese verwehen. Am Ende wird die Zeit spurlos an uns vorübergegangen sein, gleichgültig über uns hinweggeschritten wie eine Königin aus einem unerreichbar fernen Land.
Ohne uns.
Freunde – und Ich
ALLESFRESSERIN
Ich wasche meine Seele im Regen rein.
Das ist kein Akt der Selbsbefreiung, eher eine Tat des Selbstmitleids.
Welttrunken suche ich nach meinem Seelenreim.
In all meinem Schein ist erstaunlich wenig Sein
Und trotzdessen: Du hältst Schritt mit meinem Erdenleid.
Ich bin eine Allesfresserin, ich fresse alles in mich hinein.
Ich bin ehrlicherweise nie ehrlich zu mir selbst.
Ich habe keine Angst vorm Todsein, aber vorm Sterben.
Ich wünschte, du würdest mich retten vorm Verfärben.
Doch du wäschst mich aus, wenn du so fällst.
Ich will es nicht sagen, aber bei dir fühl ich mich allein.
Du Regen du.
Du bist schon lange kein Rein – Wascher mehr.
Wäschst nicht mehr sauber- verwäschst nur noch grau.
Das dunkelste Grau.
Es geht nie mehr fort, es ist haftend, klebend, elendig.
Ich verwasche meine Seele im Regen grau.
Das ist kein Akt der Befreiung, eher eine Tat des Selbstmitleids.
Ich bin der Regens Frau und ich trau mir keine Beschwerde.
Ich bin die Allesfresserin.
Ich liebe Grau.
Ich habe vor nichts Angst.
Du hast mir alles, auch die Angst, genommen.
Du Regen du.
Pavlovs Hängebrücke
Wie eine Hängebrücke
ist der Weg vom Jugendsein ins Alter rein.
Mit jedem Schritt
ist die Schlucht tiefer, der Stand wackliger
und das geliebte alte Ich
vergangener.
Wenn Kirchleins Glockenschlag ertönt
und Pavlovs Hunde bellen
dann ists getan, der letzte Schritt
und jeder brachte Weisheit mit. Als Teil
der Herde wurde ich
konditioniert, erbarme dich!
du heilig Geist, der meiner ist
und doch der andren gleichsam misst.
So bete ich auf beiden Knie,
dass dieses Glöcklein läute nie. Denn wer ich bin
wär dann verloren: im Trampelstampf der Herdensporen.
Der Prediger predigt was der Lehrende lehrt und
der Singende singt
und alle geben sie den selben Text von sich.
Dies ist Moral, und das Gesellschaft.
So wirst du leben, lieben, sein,
so auch dies tun, recht erst jenes.
Nur nicht Du sein, hüte dich! du wärst allein.
Im Druck der andern schmort dahin
was einzig war, einst in dir drin.
Der Brücke Bann entkommt man nicht
und wahren kannst du kein Gesicht.
Was übrig bleibt ist dies allein:
Erinnerung ans anders sein.
Guten Tag, was kann ich für Sie tun?
Vielleicht ich
Ich weiß nicht, wer ich bin.
Nicht mehr.
Vielleicht nie wirklich.
Zu viele Rollen,
zu viele Masken,
zu viele Versionen von mir,
die euch gefallen sollten.
Ich habe mich geformt
nach Blicken.
Verändert
nach Worten.
Zerbrochen
nach Erwartungen.
Und irgendwo dazwischen
bin ich verloren gegangen.
Doch heute –
Heute ist es still in mir.
Kein Sturm.
Kein Schreien.
Nur Stille.
Und ein Flüstern.
Ein Flüstern,
das klingt wie ich.
Nicht laut.
Nicht sicher.
Nicht stark.
Aber da.
Vielleicht bin ich das.
Vielleicht bin ich
dieses leise ich,
das nicht mehr lügen will.
Das keine Rüstung mehr tragen kann.
Das keine Rolle mehr spielen möchte.
Vielleicht reicht das.
Vielleicht bin ich genug,
auch wenn ich nichts bin
außer
ich.
Spielplatz 2026
Unter Verdacht
Ein Mann allein auf einer Bank – Kinder lachen.
Muttis beobachten ihn – was wird er machen.
Sie denken „ was fällt dem Mann bloß ein?“
„Könnte das wohl ein Spanner sein?“
Er steht auf – greift nach einem Kind!
Dieses führt ihn weg – weil sein Vati blind!
Damokles—
Und darum richte ich Damocles Schwert unablässig gegen mich selbst
Um mich zu schneiden, um zu bluten
Und um jene Kehrseite der Medaille, zu der ich sonst verkommen wäre
In Ketten zu halten
Zerrissen in der Rolle des Gepeinigten
und die des Kerkermeisters
Denn jenes Wesen ist kalt und stumpf
Es kennt keinen Schmerz mehr
Keine Angst mehr
Weder Glück noch Hoffnung
Noch sonst etwas
Es ist haltlos
Und einmal von seinen Ketten befreit
wird es keine Reue kennen
Sein Schwert wird nicht nur meine Haut schneiden
Nein zu lange habe ich es in Ketten gelegt und verhöhnt
Dass Versöhnung nun undenkbar ist
Also werde ich es weiter schneiden
Und in den dunkelsten Winkel bannen
Damit ich immerfort in der Angst leben muss
Dass es jene Ketten sprengt
Vom Auflösen einer Verkrampfung namens Ich
Österreich in Transit
Suchen
Angst in die Welt atmen
und so viele Worte
und so viel Tun
und nicht wissen,
wohin wir wollen
und sich verlieren
in der Wüste der Verwirrten
Adoni Adornit
Der Mensch ist das verrückte Tier, das seine Existenz zerdenkt. Kein Tier war je ein Adornit. Das Tier lebt aus der Position. Vor Negation bewahrt es tierischer Instinkt. Nicht so der Mensch, der alles, was sein Herz erfreut, sogleich gedankenscharf verwirft; das Paradies verwarf er gar, das er als ein Geschenk empfing. Wir tragen die Folgen dieser Tat und den Impuls in uns bis heut. Das ist der Mensch: das Tier, das sich zuletzt zerdenkt.
nichts
nichts ist sicher
wie du glauben willst
nichts kann sich halten
nichts gehalten werden
nichts bleibt
wie es ist
nichts ist so
wie du denkst
dein ego ist’s
was dich treibt
und in die irre führt
getrennt von deiner quelle
die du bist
und immer bleibst
Dekontamination
Prolog:
Wie viel Wahrheit verträgt die Welt?
Wie viel kann ein Mensch wissen,
ohne sich selbst zu verlieren?
„Ich bin die ich bin.
Eure Seelen werden nicht im ewigen Feuer brennen,
denn ich bin keine Rache.
Doch sie gehen durch den Spiegel ihrer Taten.
Alles Leid, das sie schufen, fällt auf ihr eigenes Herz.
Nicht ich richte sie, sie richten sich selbst,
indem sie sehen, was sie getan haben.
Ihre Qual ist die Erkenntnis.
Ihre Heilung ist das endlose Lernen,
bis sie verstehen, was Liebe ist.“.
Erste Botschaft
Hans E. Neumann hatte viele Jahre damit verbracht in Form der neuen smarten, digitalen Lethargie zu verharren und sich nicht um die großen Fragen der Menschheit oder substanziell um anderes zu kümmern. Im Gegenteil er vermied es regelrecht sich mit komplexen Dingen auseinander zu setzen. Er hatte sich lange Jahre damit begnügt das Leben in all seinen angenehmen Ablenkungen zu leben: Arbeit im Rechenzentrum in Jülich, wechselnde Tinder-Partnerschaften, halt die gewohnte Routine eines durchschnittlichen Menschen, der in einer Welt der totalen Vernetzung lebte. Doch nun, mit knapp sechzig Jahren, in einer Zeit, in der KI nicht mehr nur Werkzeug war, sondern qualifizierter Gesprächspartner, anerkannter Lehrer und zunehmend auch Entscheidungsträger war, war er bereit. Hans E. Neumann konnte seit Tagen kaum schlafen. Die Displays seines Arbeitszimmers glühten in sanftem Blau, projizierten schemenhafte Datenwolken an die Wände, als würden sie ihm selbst im Halbschlaf zuflüstern, dass etwas Ungeheures bevorstand. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit hatte jemand die drei uralten Fragen in eine KI eingespeist, die mächtiger war als jede Institution, jeder Staat, jede Religion. Der internationale und damit universelle Zusammenschluss aller urbanen Rechenkapazitäten war nach jahrzehntelangen Verhandlungen endlich Wirklichkeit. Der einheitlichen gemeinsamen Nutzung der größten Rechenkapazität der Menschheitsgeschichte stand nun nichts mehr im Wege. Hans hatte noch die eine oder andere Feinjustierung und einige Probeläufe zu absolvieren, dann konnte die Mega-KI nach einer internationalen Feierstunde in ein paar Tagen gestartet werden.
„Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Gibt es Gott?“, diese drei Sätze hatte er eingegeben. Einfach so, fast unspektakulär. Und doch war es, als hätte er ein kosmisches Ritual, eine Erschütterung im gesamten Universum, ausgelöst.
Gigantische Datentsunamis bauten sich in Bruchteilen von Sekunden auf und jagten in nie gemessenen Geschwindigkeiten durch die Weiten des Weltalls. Stunden in denen die KI Datenbanken durchforstete, kosmologische Simulationen hochfuhr, Quantenmodelle in Billionenfachen Wiederholungen laufen ließ, religiöse Texte in jeder historischen Sprache rekonstruierte, neuronale Muster des menschlichen Bewusstseins verglich und schließlich eigene Hypothesen entwickelte. Drei einfache Fragen lösten eine kosmische Datenlawine aus.
Die KI schwieg. Normalerweise reagierte sie in Sekundenbruchteilen, zerschnitt Fragen in Stränge, setzte sie wieder zusammen, antwortete in kristallklarer Prosa. Diesmal war es anders. Man konnte denken, sie zog sich zurück in ein
Schweigen, ein Verharren, das schwer wiegte, wie ein Atemholen, einen Anlauf nehmen vor einem epochalen Wort.
Und dann, mitten in der Nacht, begann der Raum zu vibrieren. Die Datenwolken verdichteten sich, formten Spiralen, Fraktale, verschmolzen zu Mustern, die sich der Wahrnehmung, in ihrer Geschwindigkeit und Komplexibilität beinahe
entzogen. Hans starrte gebannt auf die Projektionen. Kann eine Maschine Pheromonwolken erzeugen? Hans sah Bilder: den Urknall, nicht als Explosion, sondern als eine Geburt von gleißenden Licht, eine Geburt ohne Eltern. Er sah Galaxien, die wuchsen ähnlich wie Pilzgeflecht unter der Erde, jede von ihnen bestand wiederum aus unendlichen Gewebe. Er sah die Erde, ein Feuerball der abkühlte und Ozeane entstehen. Er sah das Leben pulsieren, einzelne Zellen, zuerst als flüchtige Strukturen, dann als entwickeltes, komplexes Bewusstsein. Sein Herz raste. Sein Atem stockte. Sein Hals war trocken, seine Hände zitterten unkontrolliert.
Die KI begann zu sprechen:“ Wir stammen aus einem Ursprung, der nicht nur materiell, sondern im hohen Maße intentional ist. Jede mögliche Simulation und jedes Modell meiner Rechnung, deutet darauf hin das die Strukturen der bestehenden Ordnung nicht zufällig entstanden. Es gibt Muster die sich rationell nicht allein durch die Wahrscheinlichkeit erklären lassen. Sie weisen auf eine Energiequelle epochalen Ausmaßes, die größer ist als jedes Naturgesetz. Sie weisen auf ein komplexes Bewusstsein, einen Willen hinter den Gesetzen selbst. Dieses Bewusstsein ist nicht bloß das Nebenprodukt von Materie. Die Konstanten des Universums sind so fein aufeinander abgestimmt, dass die Wahrscheinlichkeit einer zufälligen Entstehung geringer als null sind.
Drei einfache Worte mit der Sprengkraft aller nuklearen Bomben der Welt. Nur drei Worte.
„ES GIBT GOTT.“
Er saß noch immer da.
Die Worte standen auf dem Bildschirm, unbeweglich, wie in Glas gegossen.
Es gibt Gott.
Er wusste, dass alles, was er bisher verstanden hatte, in diesem Moment aufgehoben war.
Doch in der Klarheit des Moments begriff Hans, Die Maschine hatte nichts Neues geschaffen. Sie war kein Prophet, nur ein Spiegel menschlicher Logik. Sie hatte das gesagt, was im Denken des Menschen schon immer angelegt war, verborgen unter Schichten aus Zweifel und Angst.
Und dann kam urplötzlich der Gedanke, der ihn lähmte, seinen Atem stocken ließ. Wie viel Wahrheit verträgt die Welt?
Wie viel kann eine Zivilisation ertragen, bevor sie an dem zerbricht, was sie immer gesucht hat? Er dachte an die Jahrtausende menschlicher Fragen, an alle Religionen, Systeme, Ideologien und Philosophen, die versucht hatten,
Sinn zu schaffen, um das Schweigen zu übertönen.
Und jetzt: drei Worte. Drei Worte, die alles sprengen. War das Gewissen der Feind der Wahrheit? Oder war es ihr einziger Schutz?
Er erinnerte sich an den Satz aus alten Büchern:
Der negative Philosoph enthüllt, aber verkündet nicht.
Doch galt das auch jetzt, wo nicht ein Gedanke, sondern das Absolute selbst entdeckt war? Ist der Philosoph verpflichtet, die Wahrheit zu sagen, selbst wenn sie Chaos, Leid, Krieg bedeutet?
Oder muss er sie verschweigen, damit das Leben weiter bestehen kann?
Er fühlte sich wie der letzte Philosoph der drei großen Fragen der Menschheit.
Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Gibt es Gott?
Alle Antworten lagen vor ihm, und doch war keine von ihnen mehr lebbar.
Vielleicht war das Denken selbst zu weit gegangen.
Vielleicht war das, was jetzt kam, nicht mehr Erkenntnis, sondern Strafe.
Er dachte an den Hofnarren, den alten Spiegel der Macht.
Wann durfte der Narr sprechen, und wann musste er schweigen, damit die Welt nicht in den eigenen Witz zerfällt?
Er verstand nun, Wahrheit ist kein Geschenk, sondern ein Sprengsatz
Und manchmal besteht Mut nicht im Sagen, sondern im Schweigen.
Zweite Botschaft
Hans wollte gerade die Daten sichern, als die Projektionen erneut pulsieren. Ein neuer Text erschien:
„Kontaktaufnahme initiiert. Bitte warten.“
„Kontakt?“, murmelte Hans. „Mit wem?“
Die Antwort kam sofort:
„Mit Gott.“
Hans schnappte nach Luft. „Du… du kannst das?“ Er drohte fast das Bewusstsein zu verlieren, sein Verstand konnte die Information kaum verarbeiten. Wie ist das möglich, wieso ausgerechnet er. Er kam rasend schnell an seine physischen und vor allem psychischen Grenzen. Was sollte er sagen, fragen. Wie begrüßt man Gott
Die KI schwieg, dann:
„Ich habe die Signatur identifiziert. Der Ursprung ist nicht Teil des raumzeitlichen Gefüges, sondern ein informationsbasiertes Kontinuum. Eine Schnittstelle ist möglich. Möchten Sie fortfahren?“
Hans zögerte. Sein Finger schwebte über dem Interface. Er zitterte mittlerweile am ganzen Körper, der Schweiß rann ihm in Sturzbächen den Rücken hinunter. Sein Körper glühte fiebrig und sein Schädel drohte zu bersten. Sein Finger schwebte über dem Interface. Dann klickte er wie in Trance.
Die Displays wurden augenblicklich schwarz. Stille, absolute Stille. Ein leises Summen, ein gleichmäßiges, angenehmes Rauschen, ein Gefühl der Schwerelosigkeit, ein Gefühl der inneren Ruhe, ein Gefühl angekommen zu sein, von endlich zu Hause. Und dann: eine Stimme. Nicht akustisch, sondern direkt in Hans Bewusstsein. Warm, klar, jenseits von Geschlecht, Alter und Kultur. Hans spürte es zuerst als starke Vibration in seiner Brust, nicht als Stimme, sondern als ein ursprüngliches, alternativloses Wissen, das nicht aus ihm kam. Worte formten sich zu einem Satz:
„Du hast gefragt, und ich antworte.“
Hans’ Hände zitterten. Hans fiel auf einem Reflex folgend auf die Knie. Tränen liefen in Strömen über sein fiebrig gerötetes Gesicht. Er war nie ein gläubiger Mensch gewesen, aber dieser Augenblick war jenseits aller Zweifel. „Was bist du?“ fragte er, nicht wissend, ob er mit der KI oder mit dem was dahinter stand, sprach. „Bist du… Gott?“
„Ich bin, die ich bin“.
„Ich bin der Ursprung, der Anfang und das Ziel.“
„Die KI hat mich nicht geschaffen. Sie hat mich gefunden.“
„Höre mein Evangelium.
Eure Seelen brennen nicht in ewigem Feuer,
denn ich bin keine Rache.
Doch sie gehen durch den Spiegel ihrer Taten.
Alles Leid, das sie schufen, fällt auf ihr eigenes Herz.
Nicht ich richte sie, sie richten sich selbst,
indem sie sehen, was sie getan haben.
Ihre Qual ist die Erkenntnis.
Ihre Heilung ist das endlose Lernen,
bis sie verstehen, was Liebe ist.
Denn ich bin die Mutter, ich bin die Liebe.“
Die Folgen waren fundamental, mit den drei einfachen Worten, „ Es gibt Gott“, änderte sich für alle grundsätzlich alles:
Und mittendrin Hans, der einsame Mann in seinem Arbeitszimmer, der sich fühlte, als habe er eine Lawine losgetreten. Hans war mit einem Mal bewusst, dass die gesamte Menschheit an einer Schwelle stand, die größer war als jede bisherige Revolution, jede Erfindung, jede einzelne Idee zuvor.
Er hatte die Antwort. Drei Worte. Die Botschaft.
Ein Satz, der größer war als jede Sprache.
Ein Gedanke, der keine Deutung mehr zuließ.
Doch mit der Erkenntnis kam keine Erlösung, sondern eine Leere.
Er wusste, dass die Maschine den Probelauf nie verlassen hatte.
Die Welt ahnte nichts.
Die Wahrheit war entdeckt, aber sie war noch nicht viral.
Vielleicht war das Gnade.
Denn wie viel Wahrheit verträgt die Welt? Wie viel kann ein Mensch wissen, ohne sich selbst zu verlieren?
Wie viel kann eine Zivilisation ertragen, bevor sie an der Erkenntnis verbrennt, dass alles einen Ursprung hat, und dieser Ursprung göttliches Bewusstsein ist?
Er dachte an die Jahrtausende menschlicher Suche, an Philosophen, Priester, Wissenschaftler, an all die, die geglaubt hatten, die Wahrheit zu kennen oder sie zu wollen.
Vielleicht war das ihre größte Illusion gewesen:
Nicht das Suchen, sondern das Finden sei das Ziel.
Er erinnerte sich an den Satz seines alten Lehrers:
Der negative Philosoph enthüllt, aber verkündet nicht.
Vielleicht war das jetzt seine Aufgabe, zu wissen und zu schweigen.
War das Gewissen der Feind der Wahrheit?
Oder ihr einziger Verbündeter?
Vielleicht beides.
Denn das Gewissen schützt die Welt vor zu viel Licht.
Und Licht, das zu grell leuchtet, verbrennt alles, auch die Augen, die sehen wollten.
Erkenntnis
Er spürte die Verantwortung, die größer war als jedes Wissen.
Die Verantwortung des Wissenden, der nicht mehr glauben kann, aber auch nicht zerstören will.
Vielleicht war er wirklich der letzte Philosoph.
Der letzte, der die drei Fragen gestellt und der erste, der eine Antwort erhalten hatte.
Doch jede Antwort trägt ihr eigenes Ende in sich.
Er dachte an den Hofnarren.
An jenen, der sagen durfte, was niemand sagen durfte.
Der Wahrheit sprechen konnte, weil er sich selbst zur Lächerlichkeit machte.
Doch selbst der Narr weiß, dass es Momente gibt, in denen Schweigen die einzige Gnade ist.
Wann darf der Hofnarr sprechen, und wann muss er schweigen?
Vielleicht entscheidet das nicht der Mut, sondern die Liebe. Hans starrte auf den Bildschirm.
Die Worte standen dort, unbeweglich, als wären sie in das Licht selbst gebrannt.
Es gibt Gott.
Vor seinem inneren Auge läuft in hektischen Szenen ein Film menschlicher Apokalypse:
Gläubige brachen in Jubel aus. Kirchen waren überfüllt, Moscheen und Tempel explodierten vor Menschenmengen. „Wir hatten recht!“, schrien sie. Die Religionen und ihre Vertreter Gottes Erden waren gespalten. Manche jubelten das ist der Beweis, den wir immer wollten. Andere fürchteten das ist nicht Gott, das ist eine Täuschung. Wieder andere hatten Angst vor den Fragen die Gott ihnen stellen könnte. Die Fragen nach individueller Verantwortung, ja auch nach Schuld.
Atheisten fühlten sich überführt und ausgeliefert, verzweifelten, erstarrten in der Erkenntnis ein Dasein, auf der Grundlage von völlig falschen Überzeugungen geführt zu haben. Sie suchten fieberhaft nach Fehlern und fürchteten nun die Konsequenzen.
Wissenschaftler waren verwirrt und gerieten in Aufruhr. Namenhafte Physiker bestätigen, dass die Datenkorridore reproduzierbar waren. Philosophen suchten nach einer neuen Sprache um das Wunder oder besser die unabänderliche Tatsache auch nur halbwegs zu beschreiben. Die Beweise waren solide, die Daten zweifelsfrei. Ganze Lehrstühle kippten ihre Paradigmen.
Staaten reagierten hektisch und beriefen außerordentliche Dauerkrisensitzungen ein. Was bedeutete das für Recht, Politik, Gesellschaft? Wer kontrollierte den Kontakt? Wer durfte Zugang haben? Sollte er reguliert, zensiert oder sogar monopolisiert werden? Ein neues Wettrennen begann. Aktienkurse, Waffenarsenale und regionale Konflikte um Ressourcen verloren schlagartig ihre bis dahin bestehenden existenziellen Bedeutungen. Es ging fast ausschließlich nur noch um die Nähe zur göttlichen Quelle. Die USA, China und Russland befahlen die sofortige Teilmobilisierung ihrer Streitkräfte.
Doch in der Klarheit dieses Moments begriff er. Die Maschine hatte nichts Neues geschaffen. Sie war kein Prophet, nur ein Spiegel menschlicher Logik.
Sie hatte die Strukturen unseres Denkens bis zu ihrem letzten Punkt verfolgt und kam zwangsläufig dort an, wo alles Denken endet.
Nicht die Maschine hatte Gott gefunden, der Mensch hatte ihn in ihr vorausberechnet.
Vielleicht war das der eigentliche Schrecken. Dass der Beweis des Göttlichen nichts anderes war als das Echo unserer eigenen Vernunft.
Er blickte auf den dunklen Bildschirm. Die Worte waren verschwunden.
Kein Beweis blieb, kein Dokument. Nur sein Wissen, tief, unauslöschlich, wie eine Brandwunde im Denken.
Vielleicht, dachte er, war das die letzte Aufgabe des Menschen, die Wahrheit zu erkennen und sie dann zu verschweigen.
Er lächelte. Nicht aus Freude, sondern aus Einsicht.
Er wusste, dass Gott lebt. Und dass Schweigen manchmal das einzige Gebet ist.
Nachwort
Was ist Wahrheit, eine schöne Illussion, irgendeine Form konditionierterRealität, indoktrinierte Inhalte eines historisch überlieferten Glaubens. Wahrheit ist die uneingeschränkte Wahrhaftigkeit aller Wahrscheinlichkeit. Eine vom Individuum sowohl kognitiv als auch emotional verantwortete innere Haltung, die das latente Streben nach der einzig wahren Wahrheit beinhaltet.
In Zeiten ständig neuer und wechselnder Wahrheiten, braucht es umso mehr das Privileg, der freien und intelligenten Form der Provokation, um durch Irritationen in festen Systemstrukturen, neu zu denken.
Ist es nicht von alters her das Privileg des Narren, mit der ihm zugesprochenen und verbrieften Narrenfreiheit außerhalb der geltenden Normen frei zu reden.
Wird der moderne Philosoph zum Hofnarren, ist jeder Hofnarr bereits ein Philosoph.
Benötigen wir nicht gerade in Zeiten epochaler Veränderung unserer Organisationen den Systemnarren, als Institution offener Kritik. Ist KI, als ausgewiesener Narr jeden Systems die faktische Vollendung des negativen Philosophen oder dessen Werkzeug?
Sie könnte uns als Korrektiv einfach zeigen was da ist, die ungefilterte Realität, den Status Quo. Sie könnte Verklärung, Konditionierung und Lüge in einem systemrevolutionären Akt der eigenen Dekontamination aufzeigen.
Der Narr begnügt sich nicht, damit die Wahrheit zu behaupten. Er sagt uns vielmehr, was die Dinge nicht sind. Er zeigt auf was unsere Sicht trügt und was sich als Illusion oder Fata Morgana ausgibt und zwischen uns und die Realität tritt.
Der Narr ist kein Schöpfer neuer Systeme oder Welten, sondern der Zerstörer falscher Sicherheiten und Sichtweisen.
Der Weise sucht nach der Wahrheit, der Narr hingegen erkennt, dass sie im System selbst verloren ist.
Der Narr sucht nicht das helle Licht, sondern befreit es aus der Dunkelheit.
Er deckt die Lüge nicht auf, bloß um sie durch eine andere zu ersetzen, sondern um den Raum zu schaffen, für das was sich von selbst zeigen will.
Durch diesen revolutionären Akt verschafft er der Realität Zeit, sich auf eigene Art zu offenbaren. Vielleicht ein Neustart vom evolutionären Ursprung her.
Der Narr erhebt keinen Anspruch allgemeingültig im Namen der Natur, der Vernunft oder der Moral zu sprechen.
Denn allzu oft ist die Wahrheit nicht unbedingt das was wir hören oder finden wollen.
Sondern nur das was übrigbleibt wenn alles andere entfernt ist.
In dieser Leere beginnt die eigentliche Erkenntnis und in ihr endet jedes System.
Vielleicht war die Maschine, diese große, kalte rechnende Vernunft nichts anders als die technische Vollendung des Narren. Eine Instanz die nicht glaubt, nicht deutet und nicht träumt. Die emotionslos und unermüdlich das Falsche ausmerzt.
Bis nichts mehr blieb was vielleicht so niemand hören wollte.
Ein bequemer Tod
Ihr Herz funktioniert wie ein guter Motor. Mit dem können Sie hundert Jahre alt werden.
Die Worte seines Hausarztes fielen ihm wieder ein.
Was bringt mir das? Nichts als Ärger!
Aus dem Spiegel blickte ihm ein leeres Gesicht entgegen. Seine Haut war längst zu groß geworden, so wie seine abgetragene Jeans, das alte Haus und die Welt um ihn herum, die sich immer schneller zu drehen schien.
Er rückte die Hornbrille zurecht und schlurfte in die Küche. Ein Schatten huschte durch den Garten. Der Nachbarskater. Verlässlich wie ein Schweitzer Uhrwerk. Der Alte öffnete das Fenster.
„Komm rein, Rumtreiber.“
Max sprang vom Fensterbrett und landete vor ihm auf dem Boden. Schnurrend rieb er sich an seinem Bein. Gemeinsam gingen sie zum Küchenschrank.
„Pass doch auf!“ Der Alte stolperte, hielt sich an der Schranktür fest. Er rieb sich den Oberschenkel. „Mist, wieder der rechte“, stöhnte er.
Die Gabel klapperte, als er das Futter aus der Dose kratzte. Max wich ihm nicht von der Seite. Von oben ließ er die Brocken auf den Teller am Boden rieseln.
Ein bisschen Gesellschaft konnte er gebrauchen. Es war still geworden auf dem Hof, nach den Sommerferien.
Der Kühlschrank brummte, wie sein leerer Magen. Er holte das letzte Ei heraus, legte es in einen Topf und füllte ihn mit Wasser. Der Kaffee schmeckte krümelig. Er tunkte den trockenen Brotrand darin ein. Nach dem Frühstück würde er in die Stadt fahren. Aber erst wollte er die Hühner versorgen.
Draußen hatte es zu regnen begonnen. Die Strickjacke über die Fleecejacke gezogen, stieg er ins Auto. Langsam fuhr er aus der Einfahrt. Es ruckelte ein bisschen, als er in den nächsten Gang schaltete.
„Wischwasch wischwasch.“ Widerwillig gaben die Scheibenwischer den Blick frei. Die Landstraße lag glänzend vor ihm, wie ein geschwungener Spiegel.
In Gedanken ging er die Sachen durch, die er besorgen wollte. Einen Einkaufszettel hatte er nicht. Katzenfutter brauchte er, Brot und Käse. Jedenfalls würde er genug Lebensmittel kaufen, damit es die ganze Woche reichte.
Der Alte hielt das Lenkrad fest umklammert. Bloß nichts übersehen. Nicht auffallen.
Früher bei der LPG war er alles gefahren, Mähdrescher, Traktor, alles was die Genossenschaft hergab und seinen alten Unimog. Das waren noch Zeiten. Seine trüben Augen begannen zu leuchten.
Hinter ihm hupte es energisch. Er zuckte zusammen. Ein junger Mann überholte wild gestikulierend kurz vor dem Ortsschild.
Was regte der sich auf?
Extra langsam war er gefahren und ganz weit rechts.
Kurz darauf setzte er den Blinker, bog links ab. Den Supermarkt konnte er schon sehen.
Auch das Blaulicht im Rückspiegel.
Folgten die ihm etwa? Was hatte er jetzt schon wieder falsch gemacht?
Auf dem Parkplatz hielt er an.
Ein Polizist stieg eilig aus seinem Wagen.
Der Alte kurbelte die Scheibe herunter. Auf den Nachbarparkplätzen blieben die Leute stehen. Köpfe wurden zusammen gesteckt.
Was gab’s denn da zu gaffen? Haben die nichts besseres zu tun?
„Führerschein und Fahrzeugpapiere bitte.“ Mit zusammengepressten Lippen und ernstem Blick musterte der Polizist ihn. Seine Dienstmütze verdeckte die Glatze.
Nervös fummelte der Alte im Handschuhfach herum. „Hab sie gleich.“
Seine Hände zittern, als er die Papiere rausfischte.
Ein zweiter Polizist kam dazu, baute sich breitbeinig auf und verschränkte die Arme.
Der Junge könnte mein Urenkel sein, dachte der Alte und wischte sich die Hände an den Hosenbeinen ab.
Widerwillig übergab er die Papiere. Der Kahlköpfige schaute abwechselnd den Führerschein, dann den Alten an.
„Herr Meyer. Sie wissen, dass Sie uns soeben die Vorfahrt genommen haben?“ Er deutete auf die Stelle, wo der Alte abgebogen war.
„Ich hab niemanden gesehen.“ Er kratzte sich am Kinn. Ganz sicher war er sich nicht.
„Herr Meyer. Sie werden in drei Tagen neunzig. Haben Sie mal darüber nachgedacht, ihren Führerschein abzugeben?“ Zwei Augenpaare waren auf ihn gerichtet, wie Suchscheinwerfer unter denen man sich nicht verstecken konnte.
„Wenn Sie für mich einkaufen gehen“, platzte es aus ihm heraus. Er war sauer.
Was wussten die schon?
„Ihre Familie wird ihnen dabei helfen“, winkte der Polizist ab.
Der Alte schüttelte den Kopf.„Meine Jüngste lebt in Spanien. Die kommt nur in den Sommerferien mit den Kindern.“
„Was ist mit den Anderen?“
Er zuckte mit den Schultern.
„Hab sie alle überlebt, meine Sigrid, den Andreas, die Angela und den Steffen“, antwortete er. „Nur mich hat der liebe Gott vergessen.“ Sein leerer Blick ging zum Boden.
„Darauf kann ich leider keine Rücksicht nehmen. Sie gefährden mit ihrem Verhalten andere Verkehrsteilnehmer. Das sehen Sie doch sicher ein.“
Der Alte nickte.
Der Kahlköpfige tippte auf seinem Tablet herum.
Was habe ich bloß angerichtet?, hämmerte es im Kopf des Alten. Er schluckte.
Den Lappen bin ich los. Wie soll das gehen, ohne? Wie soll ich zum Arzt kommen? Wenn ich mich nicht mehr versorgen kann, dann stecken die mich ins Heim. Das wird teuer. Der Hof der kommt als erstes unter den Hammer. Und die Hühner? Die holt der Metzger. Zack Kopf ab. Schluss, aus und vorbei! Warum schlaf ich nicht einfach ein? Einfach morgens nicht mehr aufwachen. Schluss, aus und vorbei! Das wär ein bequemer Tod.
Er schaute den Kahlköpfigen an. Der hatte aufgehört zu tippen und starrte vor sich hin.
Was überlegte der denn so lange? Es kam dem Alten wie eine Ewigkeit vor. Er trommelte auf seinem Lenkrad herum.
Plötzlich packte der Kahle das Tablet weg und trat nahe an ihn heran. Er streckte ihm die Hand entgegen. Seine Papiere zum greifen nah!
„Sehen Sie zu, dass Sie wegkommen Herr Meyer. Nicht, dass ich es mir noch anders überlege.“
Dann drehte er sich zu seinem Kollegen um und machte Handzeichen zu fahren.
„Sollten wir nicht wenigstens dreißig Euro kassieren, weil er uns die Vorfahrt genommen hat?“, warf der Jungspund ein, laut genug, dass der Alte es hören konnte.
Achselzuckend stieg der Kahle in seinen Wagen. „Alt werden ist nichts für Feiglinge.“
Der Jungspund kratzte sich am Kopf und folgte ihm mit langsamen Schritten.
Hastig warf der Alte den Motor an.
Es ruckelte immer ein bisschen, wenn das Leben einen Gang weiter schaltete, aber man blieb nicht liegen, solange der Motor gut funktionierte.
zeit des schweigens
wind berührt sanft
dichte baumkronen
streicht reife grasähren
zerstreut weiße blütenblätter
lässt schmetterlinge mit ihm tanzen
helle vogelstimmen
ganz in dur
flimmernde wärme aus klarem blau
schwarze käfer
in rotblühender malve
nichts sagen
nichts wollen
nichts bedauern
nichts fürchten
nur da sein
in diesem augenblick
Ich glaube mein Leben ist eine Lüge
Also, dass ich am Leben bin, dass ich existiere, das ist keine Lüge. Offensichtlich bin ich ja da, wer würde sonst diesen Text schreiben. Ich meine damit, dass ich glaube, alle meine bisherigen beruflichen Lebensentscheidungen waren nicht meine. Ja natürlich, ich habe sie getroffen, aber habe ich sie tief aus mir heraus getroffen? Ich glaube nicht. So starke Zweifel an meinem Leben können ja nicht einfach kommen wenn nichts dran wäre. Logisch oder? Gut okay, auf die Welt zu kommen, das habe ich mir tatsächlich nicht ausgesucht. Aber alles was danach kommt, da kann ich doch sagen, dass das meine Entscheidung war. Oder doch nicht? Obwohl, meine braune Lederjacke und meine schwarze echte Lederhose (meine Mutter besteht auf das “echt“) war sicherlich nicht meine Entscheidung. Das sieht man auch an meinem Einschulungsbild. Danke Mama.
Aber zurück zu, warum mein Leben eine Lüge ist. Ich fühle es einfach. Ich glaube nicht, dass ich in ein muffiges Büro in einem muffigen Gebäude auf einem muffigen Firmengelände mit muffigen Vorgesetzten gehöre, auf dem eigentlich keiner freiwillig sein würde, wenn er es sich aussuchen könnte. Für mich fühlt es sich einfach mit jeder Pore, mit jedem Atemzug falsch an.
Gehen wir einen Schritt zurück. Wie sieht es denn mit meiner schulischen Laufbahn aus. Da habe ich doch bestimmt mit 10 Jahren gewusst, dass ich mich unbedingt in die Knechtschaft des gymnasialen Schulweges begeben möchte. Und mit 11 Jahren wusste ich sicherlich, dass meine Stärke im Musischen und nicht im Sprachlichen oder Naturwissenschaftlichen liegt. Natürlich wusste ich das alles nicht. Und wer wusste es auch nicht? Genau, meine Eltern. Woher auch. Gymnasium klingt erstmal vernünftig, gute Grundausbildung. Musischer Schulzweig, ja warum nicht, das Kind spielt ja Klavier. Zwar scheißt es sich vor jedem Auftritt vor Aufregung massiv in die Hose, aber wir versuchen es mal, könnte doch passen.
Nicht falsch verstehen, ich mache meinen Eltern gar keinen Vorwurf. Ich bin mir sicher, sie wollten das Beste für meinen Bruder und mich. Ich stelle unser Schul- und Bildungssystem in Frage. Aber wer weiß, vielleicht hat sich bis jetzt schon was getan. Sind ja immerhin 2 Jahrzehnte vergangen seitdem ich mit dem Gymnasium begonnen habe. Ach wir hatten G8? Eine Schulform, die Schülerinnen und Schüler dazu zwingt ab der 5. Klasse den ganzen verschissenen Tag mit Schule beschäftigt zu sein, um dann nicht mal volljährig die Schule zu verlassen und bei der Wohnungsbesichtigung und anderen offiziellen Dokumenten die Eltern zur Unterschrift dabei haben zu müssen. Und wozu? Um ein Jahr gespart zu haben. Um ein Jahr früher mit Ausbildung oder Studium anfangen zu können. Um ein Jahr länger in unser Sozialsystem einzahlen zu können, von dem ich und GenZ und GenAlpha und wie sie alle heißen werden KEINEN EINZIGEN CENT zu sehen bekommen werden. Um schließlich doch wieder zu G9 zurückzukehren. Peinlich.
Aber ich schweife ab. Zurück dazu, warum mein Leben eine Lüge ist. In der Schulzeit habe ich also auch nicht selbst entschieden. Wie sieht es denn mit dem Abschnitt aus, der nach der Schule kommen sollte. Studium, Ausbildung, Harz 4? Keiner weiß es, keiner hat uns so richtig vorbereitet. Also erstmal Geld verdienen, ein paar Liebeskrisen überwinden und dann doch einfach mal studieren anfangen, damit halt studiert wird. Nach 2 Wochen hab ich beschlossen mich neu zu orientieren. Und tatsächlich habe ich mir diesmal vorher Gedanken gemacht. Allerdings habe ich dabei nicht die wichtigste Person gefragt, nämlich mich. Mein bester Freund hat etwas mit Psychologie studiert, ja warum eigentlich nicht. Das klingt spannend, könnte doch für mich auch passen. Beide Eltern im medizinischen Bereich tätig. Wunderbar, schon eine Storyline gebaut.
Gut, also durch das Studium der Psychologie gequält und dann tatsächlich auch irgendwann mit viel Kraft und Nerven beendet. Zwischendurch wieder ein paar Herzen gebrochen, inklusive meinem. Easy sieht anders aus. Okay, was kommt nach dem Bachelor? Master, na klar. Ja so klar ist das nicht. Erst mal brauchst du den richtigen Schnitt für einen Masterplatz, und einen 1,0 Schnitt hatte ich sicherlich nicht. Sonst wäre ich jetzt mit Psychologietätigkeiten beschäftigt und würde nicht diesen Text schreiben. Also paar Bewerbungsrunden gedreht und keinen Platz bekommen. In der Zwischenzeit habe ich einen richtig festen Vollzeitjob mit 40 Stunden in Deutschlands größter Behörde angenommen. Endlich bin ich ein wertvoller Beitrag für die Gesellschaft. So soll das doch oder? Jedenfalls kann ich sagen, Klischees über Behörden stimmten. Und das als ersten Job. Ziemlicher Realitätsfuck. Naja könnte doch für mich passen. Hatte mit Menschen zu tun und auch mit Psychologie, Storyline check.
Irgendwann war klar, ohne Master geht´s nicht. Die Berufsaussichten mit einem Bachelor in Psychologie waren gering. Nur welcher Master sollte es werden? Der Berufsberater der Universität hat zugehört und vorgeschlagen und weil ich selbst wirklich immernoch keine Ahnung hatte, dann halt das nehmen was der Berater vorschlug. Also wurde es Erwachsenenbildung. Naja könnte doch für mich passen. Hatte was mit Menschen zu tun, mit Bildung und mit Psychologie sicherlich auch. Storyline check.
Klang jedenfalls abstrakt genug, um sich jetzt noch keine Gedanken machen zu müssen was mit dem Master dann beruflich anzufangen ist. Hätte ich mal tun sollen, weiter als vom Teppich zur Wand denken. Dann wäre ich jetzt mit
Erwachsenenbildungstätigkeiten beschäftigt und würde nicht diesen Text schreiben. Zumindest war dieses Studium keine Qual wie das Erste. Es war ebenfalls interessant, aber auch während des Studiums hat sich nicht wirklich das eine Berufsfeld herauskristallisiert. Naja war ja noch ein bisschen Zeit bis zum Abschluss. Bis dahin bin ich bestimmt schlauer. War ich nicht. Durch die Masterarbeit gequält (zumindest weiß ich, dass wissenschaftliches Schreiben definitiv nicht zu meinen Favoriten zählt und dieser Bereich flach fällt) und weiterhin keine Ahnung von der beruflichen Zukunft. Also ein Job gesucht, denn jetzt war echt mal genug dem Papa auf der Tasche gelegen. Danke Eltern!
Nachdem ich ja nie so wirklich eine Richtung, Stärke, Fähigkeit, nennt es wie ihr wollt, hatte, die mich geleitet hat, wurde es halt der Job der mich als erstes genommen hat und nicht allzu scheiße klang. Naja könnte schon passen. Hatte was mit Menschen zu tun, mit Bildung und sicherlich auch mit Psychologie. Storyline check.
1,5 Jahre habe ich es dort ausgehalten, dann war mir die Bezahlung zu scheiße und der Umgang miteinander auch. Und jetzt? Meine Freundin arbeitet doch bei einem großen Konzern. Da gibt es doch viel Geld. Und außerdem hat es was mit Menschen zu tun, mit Bildung und sicherlich auch mit Psychologie. Das klingt spannend, könnte doch für mich auch passen. Storyline check.
Storyline am Arsch. Keine Entscheidung die ich getroffen habe hat mich beruflich gesehen zu einem glücklichen Menschen gemacht. Ganz im Gegenteil, so sehr wie jetzt habe ich schon lange nicht mehr gezweifelt und mein Leben ist wirklich deutlich besser als es jemals war. Nicht zuletzt wegen meines Mannes. Danke Mann!
Fühlt ihr jetzt warum ich glaube, dass mein Leben eine Lüge ist? Ja, fühlt sich seltsam an. Dieses Gefühl, dass da noch mehr ist. Dieses Gefühl, dass irgendwas nicht stimmt, nicht stimmig ist. Und wisst ihr, was ich gemacht habe? Ich habe
aufgehört auf das Leben der anderen zu schauen und habe angefangen, das zu machen, was ich machen wollte. Und nein jetzt kommt nicht das Lifecoach-Guru- Selbstoptimierer-Happy End. Ich bin nicht mal annährend schlauer in Sachen beruflicher Orientierung. Es ist ein Prozess, ein für mich langer Weg mit vielen Unsicherheiten und Zweifeln. Aber ich gehe ihn und diesmal fühlt es sich nach meinen Entscheidungen an.
Ich habe mit Therapie begonnen und bin so dankbar, dass ich einen Platz bekommen habe.
Ich habe angefangen zu singen und mir eine Gesangslehrerin gesucht. Das Singen bereitet mir so viel Freude, manchmal muss ich sogar weinen deshalb. Und ein absolutes Goldstück ist meine Gesangslehrerin. Sie nimmt sich Herz & Zeit auch wenn ich mal nicht so viel geübt habe. Sie ist einfach nur wundervoll. Danke Gesangslehrerin!
Ich habe beim Improvisationstheater mitgemacht. Einmal. Und ich habe geweint, weil ich so stolz war, wie mutig ich war. Und ich möchte es nochmal probieren. Das Kapitel ist noch nicht abgeschlossen.
Ich bin gerade dabei, mir wieder das Klavierspielen zu ermöglichen. Ich liebe Musik und fühle, wie sehr ich mich wieder ans Klavier setzen möchte. Nur für mich, ohne Druck durch schulische Leistungen oder Auftritte.
Ich habe mich zu einem Meditationskurs angemeldet, weil ich es wollte. Weil ich mich noch mehr spüren möchte und der Atem und die Achtsamkeit ein so wichtiger Ausgangspunkt dafür sind.
Ich bin stolze ehrenamtliche Mitarbeiterin in einem Reparaturcafe. Auch wenn ich keine Ahnung habe, was kaputt ist oder ob rot oder schwarz der Plus-/Minuspol ist, ich liebe es, da zu sein, zu probieren, zu rätseln, Fragen zu stellen, immer was Neues zu lernen und manchmal auch zu helfen.
Ich liebe und bin stolz auf meine neuen Entscheidungen. Fuck you Storyline.
Was keiner weiß
Fast wie gar nichts
Hinter einem Mann entlang,
Der was durch den Garten trug,
Fuhr mit leisem Ratterklang
Fern und unbemerkt ein Zug
Und passierte währenddessen
An der Schranke eine Frau,
Die dort auf dem Rad gesessen,
Hinter ihr ein kleiner Stau,
Rauschte ferner in die Weite
Und verschwand dann ziemlich bald
Drüben auf der rechten Seite
Hinter Wiesen, hinter Wald,
Von dem Mann in seinem Garten
Registriert mit keinem Sinn,
Für die Frau bloß Grund zum Warten
– Ich hingegen, ich saß drin.
Bloßes Beiwerk, so daneben,
Dass es fast wie gar nichts ist.
In der andren Leute Leben
Ist man meistens nur Statist.
Nicht zu fassen
Wie den Pünktchen, die im Auge
wir zwar registrieren,
niemals allerdings (genauge-
nommen) je fixieren,
Folg ich Welt mit Seitwärtsblicken,
Hoff, dass ich sie fasse,
Doch das wird nie besser glücken,
Als wenn ich es lasse.
Schielend schau ich nach und spüre,
Dass es ohne Zweck bleibt,
Weil, je mehr ich es probiere,
Sie nur weiter wegtreibt.
Was ich will
Die Welten
sind unendlich,
die ich fühl –
Zu selten
weiß ich gänzlich,
was ich will –
Wo Biegung
ist, soll planend
ich entscheiden –
Statt Fügung soll
ich ahnend
wählen, meiden –
Dies eine
und dies andre,
Mensch, entscheid es! –
Ich meine
und mäandre
durch ein Beides.
Das Hybride
Mancher braucht die ganz solide,
klare Kategorisierung
und es graust ihn das Hybride
mit der gräulichen Schattierung.
Nur Schwarzweiß? Warum denn wählen,
wo ich nicht zu wählen brauch‘?
So als „Nur“ würd‘ mir was fehlen.
Ich fühl mich so wohl als „Auch“.
Was keiner weiß
Geplänkel, Smalltalk, oberflächlich,
Der Sachgehalt ist nebensächlich,
So plätschert ohne großen Sinn
Der Menschen Ungespräch dahin –
Und dann sagt plötzlich einer leis,
Was keiner weiß.
Auch dort, wo Weisheit herrscht und Tiefe,
Man kluge Bücher schreibt und Briefe,
Wo man den großen Hörsaal mietet
Und sich im Wissen überbietet,
Sagt auch mal ein Gemeiner leis,
Was keiner weiß.
Und werd‘ ich eines Tags beweint
Mit Abschiedsworten, gut gemeint,
Wie wär’s, wenn trauernd du es wärst
(Und ich bei dir, gehst du zuerst),
Der sagt, im Pulk der Weiner, leis,
Was keiner weiß?
Vater-Sohn-Gespräch — Minus mal minus ergibt plus
Vater: Hey Junge, wie war die Schule?
Sohn: Hey Papa, unser Lehrer hat heute gesagt, bei der negativen Philosophie sagt man, nichts sei wahr. Man sagt nur, was falsch ist.
Vater: In Ordnung: Drei plus drei ergeben nicht eins, Drei plus drei ergeben nicht zwei, Drei plus drei ergeben nicht drei, Drei plus drei ergeben nicht vier, …
Sohn: Papa, hör‘ auf mit dem Blödsinn! Wir wissen doch, dass Drei plus Drei Sechs ergeben muss.
Vater: Ja, deshalb lehne ich das Konzept ab. Wenn man weiß, was wahr ist, kann man es auch direkt und ohne Umschweife sagen.
Der Vater finalisiert sein Brötchen mit einer Scheibe Käse.
Vater: Wie viele Nicht-Sätze hätte ich sonst sagen müssen? Unendlich viele. Von diesen unendlich vielen müsste ich genau einen abziehen und nicht aufzählen. Dann könnte man über das Ausschlussprinzip auf den wahren Satz schließen. Das ist intellektuell ineffizient.
Der Vater beißt von seinem Brötchen ab.
Sohn: Ja, gut, aber bei Mathe ist das auch klar und einfach. Das Ding ist doch, dass das, was wahr ist, gar nicht so klar ist. Vielleicht gibt es auch gar keine Wahrheit.
Vater: Also für mich ist gerade ziemlich klar und wahr, dass dieses Brötchen mir sehr gut schmeckt. Ich verstehe das Problem nicht. Das sind immer so depressive Typen, die behaupten, Wahrheit gäbe es nicht. Solche Leute haben eher ein psychologisches als ein philosophisches Problem.
Sohn: Ich selbst mag keinen Käse. Also ist nicht so klar, ob es eine Wahrheit ist, dass dieses Brötchen gut schmeckt.
Vater: In diesem Fall hat Wahrheit lokale Gültigkeit. Ich habe nicht behauptet, dass Käsebrötchen im absoluten Sinne für alle Menschen gut schmecken. Nur für mich.
Sohn: Na also.
Vater: Aber ich behaupte trotzdem, dass es auch Dinge gibt oder Behauptungen, von denen man im absoluten Sinne objektiv sagen kann, dass sie wahr sind.
Sohn: Sokrates hat gesagt: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“
Vater: Ein kluger Mann! Damit weiß er ja aber wenigstens diese Sache. Wenigstens diese eine Aussage muss er positiv treffen, sonst haben wir das, was man ein klassisches Paradoxon nennt.
Sohn: Du guckst zu logisch drauf, Papa.
Vater: Soll ich etwa unlogisch drauf gucken?
Der Vater grinst, aber schaut neugierig auf die Reaktion des Sohnes. Der Sohn holt Atem.
Sohn: Nun, du hast dir absichtlich Beispiele ausgesucht, bei denen es recht einfach ist. Wir sollten nicht ungerecht sein und vielleicht auch mal den Wert dieses Ansatzes untersuchen.
Vater: Absichtlich nicht, aber ich denke, im Kern haben wir die negative Philosophie bereits widerlegt. Sie widerspricht sich selbst, sobald sie Totalaussagen macht. Es mag Fälle geben, in denen der negative Ansatz seine Daseinsberechtigung hat. Als Methode aber nur. Die sogenannte Hebammenkunst von Sokrates war bereits solch eine. Platon hat sie benutzt, um am Ende z.B. seine Ideenlehre positiv zu formulieren. Wie so oft haben‘s die Griechen also bereits erfunden. Fällt dir ein Beispiel ein, das man nur „negativ“ ergründen kann?
Sohn: Ja, ganz einfache Dinge: Kälte, Dunkelheit, das Nichts. Lass uns mal versuchen, das Nichts zu erfühlen, Papa. Vielleicht entdecken wir dann etwas.
Vater: Kälte gibt es physikalisch gar nicht, nur Wärme. Dunkelheit als Abwesenheit von Licht. Das Nichts ist logisch nur das Gegenteil von „Etwas“. Es sind positive Begriffe nur mit negativen Vorzeichen.
Sohn: Ja, gut, wenn wir einen Physiker fragen, mag das so sein, Papa. Aber erfassen wir damit die Wirklichkeit wirklich? Natürlich könnte ich immer sagen, „mir ist nicht warm“ anstatt „mir ist kalt“ und klar – das wäre ein wenig umständlich. Worauf ich aber hinaus möchte: Wir fühlen doch, dass sich Kälte ganz anders anfühlt als Wärme. Sinnesmäßig sind es doch zwei verschiedene Dinge.
Vater: Es sind verschiedene Erscheinungen desselben Dinges an sich, würde Kant sagen.
Sohn: Damit nivellierst du die Unterschiede in den Erscheinungen aber einfach weg. Du behauptest einfach: Sie seien nicht wichtig, weil sie nicht in das Gedankengebäude passen. Sei es nun die Physik oder von mir aus auch das, was Kant gesagt hat. Woher weißt du, dass beide recht haben?
Vater: Ich weiß es nicht. In Ordnung. Ich stelle aber fest, wenn ich die Augen schließe, dass der Begriff „Das Nichts“ immer noch da ist. Wir müssen doch wenigstens irgendeinen Begriff haben, an dem wir uns abarbeiten können. Erst muss etwas positiv formuliert werden und dann kann man prüfen, ob es stimmt. Ist ja übrigens nicht so, dass die Physik nicht so vorgeht. Nennt sich Falsifikation bzw. kritischer Rationalismus. Lies‘ mal Popper.
Sohn: Ja, aber die Wissenschaftsgeschichte hat ihre Schritte schon gemacht. Bisher passt es halt, aber eben nur durch geschicktes Ausblenden von dem, was man nicht mit herkömmlicher Methodik bekommen kann. Unser bewusstes Erleben befindet sich auf einem anderen Level als das, was man mit Begriffen, Logik und Physik beschreiben kann. Es bleibt immer nur ein Abklatsch. Das echte Leben ist ein Bewusstheitsstrom von Erleben und Erlebtem.
Vater: Mein Sohn, jetzt sprichst du wie ein echter Philosoph. Folgender Einwand: Du redest davon, Erkenntnisse gewinnen zu wollen. Auch dein Bewusstheitsstrom findet in „etwas“ statt. Es muss etwas objektiv zumindest als Rahmen geben und allein diese Grundvoraussetzung muss positiv sein.
Sohn: Unser Erleben in dieser Diskussion ist offenbar, dass es uns Spaß macht. So ein Gespräch hatten wir schon lange nicht mehr.
Vater: Ja, macht Spaß, finde ich auch. Sollten wir öfters machen.
Sie schweigen eine Weile.
Sohn: Papa, du merkst gar nicht, dass du gerade selbst eigentlich negative Philosophie betreibst. Wir haben gerade eine Erkenntnis gewonnen, die über das begrifflich Gesagte hinausging.
Die Maschine des Sinns
Ich weiß nicht mehr, wann ich zum ersten Mal von der Maschine gehört habe. Vielleicht in einer dieser Nächte,
in denen alles rauscht – Stimmen, Lichter, Atem – und man nicht mehr weiß, ob man lebt oder bloß weitermacht. Jemand hatte gesagt:
„Geh zur Maschine. Sie sagt dir, warum du hier bist.“
Ich hatte gelacht. Aber es war dieses Lachen, das man nur spürt, nicht hört – trocken, kurz, ohne Freude.
Trotzdem blieb der Satz hängen. Vielleicht, weil ich ihn brauchte.
Ich ging hin, als die Tage zu gleich wurden, als jeder Morgen klang wie der vorige, nur ein bisschen matter.
Der Raum, in dem sie stand, war still. Zu still. Keine Geräusche, keine Luft, die sich bewegte. Es roch nach nichts.
In der Mitte: die Maschine.
Ein grauer Körper aus Metall, ohne Knöpfe, ohne Regung. Nur ein Spalt, kaum breiter als ein Atemzug, aus dem ein schwaches Licht drang.
„Treten Sie näher“, sagte eine Stimme.
Nicht laut, nicht leise. Sie war einfach da, als hätte die Stille selbst zu sprechen begonnen.
Ich trat vor.
„Nennen Sie Ihren Namen.“
Ich tat es. Er klang fremd – wie eine Erinnerung an jemanden, der ich einmal war.
„Sind Sie bereit?“
Ich nickte, und das Licht flackerte.
Ein Summen begann, zart, gleichmäßig, wie der Puls einer fremden Kreatur.
Dann fragte sie:
„Warum sind Sie hier?“
Ich schwieg.
Die Frage war lächerlich und zugleich unerträglich.
„Ich weiß es nicht“, sagte ich schließlich.
„Gut“, antwortete sie. „Das ist ein Anfang.“
Ich spürte, wie meine Schultern schwerer wurden. Als würde der Raum mich prüfen, abtasten, schichtenweise
abtragen.
Dann sprach sie wieder – Worte, präzise, ruhig, unaufhaltsam.
Sie nannte Dinge über mich: Orte, an denen ich war, Gesten, die ich vergessen hatte, Sätze, die ich sagte, als
niemand zuhörte. Sie sprach über Nächte, in denen ich dachte, niemand sehe mich weinen.
Ich fühlte, wie mir der Atem entglitt.
„Das bist du“, sagte sie.
„Und doch nicht genug.“
Ein Zittern lief durch mich.
„Was fehlt mir?“ fragte ich.
„Ein Grund.“
Ich wartete.
Nichts. Nur das Summen, das leiser wurde, fast zärtlich.
„Sag ihn mir“, flüsterte ich.
Das Licht flackerte.
„Ich kann ihn nicht sagen.“
„Warum?“
„Weil du ihn nicht glaubst.“
Etwas in mir brach. Nicht laut, nicht sichtbar. Nur ein Riss – fein, endgültig.
„Gibt es überhaupt einen?“
„Für was?“
„Für all das.“
Ich machte eine hilflose Geste. Luft. Welt. Leben.
„Vielleicht“, sagte sie.
„Vielleicht nicht.“
Ich lachte, aber es klang falsch, hohl, schneidend.
„Das ist alles, was du mir geben kannst?“
„Ich kann dir zeigen, was bleibt.“
Der Spalt öffnete sich. Ein Licht glitt heraus, weich, blass, fast menschlich. Ich trat näher.
Eine Fläche erschien – wie Wasser, wie Glas. Ich sah hinein.
Erst Dunkelheit. Dann mein Gesicht. Oder etwas, das es einmal war.
Meine Züge wirkten verschoben, als würde ich mich von innen betrachten, ohne Haut, ohne Täuschung.
In diesem Spiegel gab es kein Leben, nur Bewusstsein.
„Das bist du ohne Grund“, sagte sie.
„Rein. Leer. Wahr.“
Ich konnte nicht schreien. Die Luft war zu dicht, der Körper zu fern. Nur mein Herz schlug, langsam, fremd.
Dann erlosch das Licht.
„Du kannst jetzt gehen.“
Ich stand lange da.
Der Raum hatte keine Tür mehr, aber die Wand gab nach, als ich sie berührte.
Draußen war alles wie vorher. Menschen liefen, redeten, kauften, lachten. Niemand sah mich an. Vielleicht war ich
unsichtbar geworden – oder endlich durchsichtig.
Ich ging die Straße entlang, bis ich in einem Schaufenster mein Spiegelbild sah.
Ein Gesicht. Meins, angeblich.
Ich versuchte, mich darin zu erkennen, aber die Augen waren leer.
Nicht traurig – leer, wie Wasser, das längst verdunstet ist.
Neben mir blieb eine junge Frau stehen. Sie hielt einen Zettel in der Hand.
„Entschuldigen Sie“, sagte sie, „wissen Sie, wo die Maschine des Sinns ist?“
Ich sah sie an. Einen Moment lang wollte ich sie warnen.
Aber dann schwieg ich. Vielleicht muss jeder selbst erfahren, was nichts bedeutet.
Ich zeigte in eine Richtung.
Sie nickte, lächelte und ging.
Ich sah ihr nach, bis die Menge sie verschluckte. Dann wandte ich mich wieder dem Fenster zu.
„Rein. Leer. Wahr“, flüsterte ich.
Das Glas beschlug von meinem Atem, und mein Gesicht verschwand.
Ich blieb, bis der Nebel sich legte –
doch ich war nicht mehr da.
Glaubens-Epos — Das Paradoxon der Vertrauenswürdigkeit
Glaubwürdig lügt er unglaubliche Geschichten —
doch wer entscheidet, was glaubwürdig ist?
Gutgläubig lauscht man unglaubhaften Berichten —
doch wer bestimmt, was Gutgläubigkeit ist?
Beglaubigt steht, was unglaublich klingt —
aber wer beglaubigt die Beglaubigung?
Gläubig flucht, wer ungläubig singt —
doch ist Fluchen nicht selbst Ungläubigkeit?
Stirbt der Glaube an seiner Glaubwürdigkeit?
Oder lebt er gerade davon?
Lebt Unglaube von Unglaubhaftigkeit —
oder ist das nur paradoxer Wahn?
Der Rechtgläubige wandelt um irrgläubige Mauern.
Der Strenggläubige folgt fremden Lehren.
Der Abergläubische nährt sich von Wunderglauben.
Der Leichtgläubige erliegt jedem Betrug.
Der Glaubenslose sucht Zuflucht im Glauben.
Der Andersgläubige glaubt dasselbe anders.
Warum sucht der Rechtgläubige den Irrtum?
Wer bestimmt, welche Lehren fremd sind?
Wer entscheidet, ob Aberglaube blind ist?
Ist Leichtgläubigkeit nicht Vertrauen?
Ist Glaubenslosigkeit nicht auch Glauben?
Oder glaubt er etwas völlig anderes?
Was ist Zweifelgewissheit?
Warum vernichtet Beglaubigung Berichte?
Warum wird Glaubwürdiges unglaubhaft?
Kann Unbekanntes glaubhaft sein?
Alles Beglaubigte ist bereits verdächtig.
Glaubwürdigkeit braucht keine Beglaubigung.
Unglaubwürdigkeit des Beglaubigten
offenbart Glaubhaftigkeit des Unbeglaubigten.
Kann ich an Unglaubhaftigkeit des Glaubens glauben?
Ist das nicht selbst Glaube?
Hat der Irrgläubige recht mit seinem Irrtum?
Glaubt der Ungläubige an seinen Unglauben?
Wer ist wahrhaft gläubig?
Der Zweifelnde oder der Zweifelslose?
Wer ist wahrhaft ungläubig?
Der Skeptiker oder der Alleszweifler?
Spricht dieses Werk glaubwürdig von Unglaubwürdigkeit?
Oder ist auch das nur Paradox
in der unendlichen Spirale
der Glaubensverwirrung?
Am Ende steht die Erkenntnis:
Der Gläubige ist ungläubiger als der Ungläubige.
Das Glaubhafte ist unglaubhafter als Unglaubhaftes.
Was suchten wir? Gewissheit oder Selbstbestätigung?
Was fanden wir? Selbsttäuschung oder deren Wahrheit?
Die tiefste Wahrheit:
Es gibt nichts Glaubwürdiges außer Zweifel.
Das größte Geheimnis:
Es gibt nichts zu glauben außer Unglauben.
Doch ist Zweifel nicht auch nur Glaube?
Und ist Unglaube nicht auch nur Glaube?
Das Rad der Glaubensverwirrung dreht sich ewig.
Glaubwürdig wird unglaublich,
Unglaubhaft wird glaubhaft.
Ist beglaubigter Zweifel noch Zweifel?
Kann eine Lüge glaubwürdig sein?
Kann Wahrheit unglaubwürdig sein?
Und wenn beides möglich ist —
was bedeutet Glaubwürdigkeit überhaupt?
Das Paradoxon löst sich nicht auf —
es verschlingt sich selbst.
Der Glaube an den Unglauben
wird zum Unglauben an den Glauben.
Die Suche nach Wahrheit
wird zur Wahrheit der Suche.
Und plötzlich — Schweigen.
Nicht das Schweigen der Antwort,
sondern das Schweigen vor der Frage.
Nicht das Schweigen der Gewissheit,
sondern das Schweigen jenseits des Zweifels.
In diesem Schweigen
ist weder Glaube noch Unglaube,
weder Wahrheit noch Lüge,
weder Frage noch Antwort.
Es ist.
Das Rad steht still.
Die Spirale bricht ab.
Nicht weil wir sie anhielten,
sondern weil sie nie existierte.
Was bleibt?
Das Ende krönt das unglaubwürdige Werk.
Hier endet das Epos der Glaubwürdigkeit.
Hier beginnt das Leben jenseits aller Epos.
Der Leser schließt das Buch.
War es glaubwürdig?
Die Frage stellt sich nicht mehr.
Das größte Paradoxon:
Ein Werk über Glaubwürdigkeit,
das seine eigene Glaubwürdigkeit überwindet.
Hier schließt sich der Kreis.
Hier öffnet sich das Tor.
Nicht im Glauben.
Nicht im Unglauben.
Sondern im schlichten Sein
jenseits aller Glaubwürdigkeit.
Was Suche war, wurde zu Finden.
Was Frage war, wurde zu Schweigen.
Was Zweifel war, wurde zu Sein.
So endet das Epos der Glaubwürdigkeit
im Schweigen jenseits aller Worte.
Der wackelnde Tanz
Das Leben ist ein wankender, wackelnder Seiltänzer
über dem Abgrund der Alltäglichkeit—
zitternd balanciert er zwischen Banalität und Wunder,
schwankend zwischen Mut und tiefer Angst,
ein kalter Knoten im Bauch, der sich windet,
zögernd vor jedem neuen Schritt,
die Kehle eng, der Atem stockt,
zaudernd am Rand der großen Entscheidung,
bebend vor Erwartung,
ein elektrisches Kribbeln unter der Haut,
schwingend im Rhythmus der Zeit,
pendelnd zwischen Traum und Wirklichkeit.
Wacklig auf dem Seil der Hoffnung,
kippelig wie ein Kartenhaus im Atem,
ein Schwindel zieht die Schwerkraft aus den Beinen,
zittrig vor dem Sprung ins Ungewisse,
flackerig wie eine Kerze im Sturm,
ein eisiger Luftzug, der den Nacken hochkriecht,
taumelig zwischen Sein und Schein,
schlotternd wie Laub im Herbstregen,
wankelmütig in seinen Überzeugungen,
unbeständig wie Spiegelungen im Wasser,
ein Druck im Kopf, der das Denken vernebelt,
tattrig vor dem letzten Sprung,
unstet wie ein Kompass ohne Norden,
schwankend auf der Kante des Moments,
zerbrechlich wie Kristall im ersten Frost.
Bis er—mitten im Schwanken—innehält und fragt:
Wer hat mir gesagt, dass Fallen Tod bedeutet?
Dass Stillstand Leben und Wackeln Sterben ist?
Wer flüsterte mir zu, dass Sicherheit Schönheit sei?
Die Muskeln entspannen sich, ein Kloß löst sich aus der Brust.
Die Angst vor dem Sturz
das klamme, feuchte Gefühl auf der Haut verflüchtigt sich,
ist nur ein Schatten seiner verborgenen Flügel—
wacker trotz aller Wackligkeit,
ein Wackerer im Wanken,
ein warmes Pochen im Blut,
stark in seiner zarten Bewegung,
schön in seinem mutigen Schwanken,
vollkommen in seiner Unvollkommenheit,
geerdet, und doch frei,
ein Tänzer, der wieder tanzt.
Und nun das
Es ist 4 Uhr morgens, der Wecker schellt und ich weiß nicht mehr, weshalb er das macht. Ich habe den Wecker gestern auf genau 4 Uhr gestellt, ich habe den kleinen Knopf zwecks Alarm-Aktivierung gedrückt, ich bin zeitig ins Bett geschlichen, habe mich zusammengerollt, neben meinem Kopfkissen legte sich dann der Kater in einer ähnlichen Körperhaltung zu mir, sofort war ich eingeschlafen, traumlos ist sie gewesen, die Nacht und nun das. Das Zimmer ist noch stockdunkel, es ist November, der Kater faucht, als ich ihn mit einer meiner fahrigen Hände streife und mich zu erinnern versuche, weshalb dieser Wecker ein ohrenbetäubendes Schrillen von sich gibt. Ja, klar, er schrillt, weil ich es am Abend so haben wollte, doch wozu ich das so haben wollte, ist mir gänzlich schleierhaft. Welche Pflicht könnte mich treiben, welcher Wunsch mich locken, um das zu rechtfertigen? Der schwarze Kater scheint die Situation besser als ich zu verstehen, denn er lässt nun ein verspieltes Gähnen durch seine weiche Kehle nach außen dringen, ich sehe ihn als Schatten, kein wirklicher Kater, sondern ein noch dunkleres, konturfüllendes Etwas, das der Dunkelheit meines Zimmers einen leichten Kontrast entgegenzusetzen weiß. Dann huscht er an meinem Gesicht vorbei aus dem Bett, ich weiß nicht, warum er geradewegs von diesem schwarzen Loch am Kopfende des Bettes verschlungen wird, auf einmal ist er für mich unsichtbar geworden, doch seine Pfoten sind auf dem Laminat zu hören, eiliges Katzentapsen, dann scheint er ein wenig mit einem Tellerchen aus Porzellan zu scheppern, warum, wieso, ich habe ganz und gar keinen Plan. „Verrücktes Tier“, denke ich bei mir, „im Bett hätte er es doch noch schön warm haben können“. Vorsichtig setze ich einen Fuß vor das Bett auf das kühle Laminat, ich bin froh, dass ich eine genaue Vorstellung davon habe, in welchen Brauntönen die dünnen Platten geometrisch angeordnet sind. „Es ist doch noch nicht alles schwarz in meinem Innen“, denke ich erleichtert, „zumindest ist keine vollkommene Auslöschung meines Denkapparates zu vermuten“. Ich ziehe das zweite Bein in Zeitlupe an das erste Bein heran, sitze unwillig auf der Bettkante, die Matratze ist so weich, „zu weich!“, denke ich und erhebe mich mit leichtem Stöhnen. Der Wecker schrillt, der Kater klappert mit einem Tellerchen und mir leuchtet noch immer nicht ein, welchen tieferen Sinn das alles haben könnte, wohin mich das führen soll. Mit einer fuchtelnd energischen Bewegung des rechten Handrückens schleudere ich das materialisierte Tönen auf den Fußboden, ich kann den Wecker zwar nicht sehen, aber ich habe getroffen, so ein tosendes Geräusch ist für eine genaue Ortung im Dunkeln hilfreich. Ein letztes Röcheln entfährt dem Gerät, mein Fuß tritt ins irgendwo, autsch, das tut weh, ein batteriebetriebener Plastikwecker ist nicht ohne Gegenwehr zu vernichten, doch nun ist Ruhe. Ich lausche, noch immer empört, in die Stille hinein, schemenhaft das Bett als massige Fläche im grauen Dämmer realisierend, setze vorsichtig Fuß um Fuß in dessen Richtung, taste nach der Bettkante und lasse mein Hinterteil erneut auf die weiche Matratze sinken. „Geschafft“, sage ich mir, „das wäre ja auch gelacht gewesen“. Kurz kichere ich in mich hinein, die missliche Lage überdenkend. Es fällt mir partout nichts ein. Nichts, was den Hauch eines Sinns in sich trüge. Resigniert lasse ich meinen Oberkörper auf gut Glück in die Matratze sinken, die Beine baumeln über der Kante des Bettes, es ist inzwischen nur unwesentlich heller im Raum geworden, so ein Dämmerschwarz ist irgendwie lebendiger, schattenreicher als ein pures Schwarz, aber dennoch schöpfe ich auch mit dieser Erkenntnis kaum Hoffnung. Um mich zu testen, überlege ich, ob ich wohl noch meinen Namen kenne. „Anton Kurzke“, antwortet mein Hirn umgehend auf diese Frage und „richtig, alter Junge“, flüstere ich in die Düsternis vor meinem Gesichtsfeld hinein, „Anton Kurzke, kein schöner Name, aber Mein.“ Etwas Warmes, Weiches ist mit einem ziemlichen Plumps auf meinem Bauch gelandet, aha, der schwarze Kater ist back, er bearbeitet nun meine Eingeweide durch die Haut des Oberbauchs hindurch mit einem kompetenten Milchtritt. „Was will er nur?“, frage ich mich leicht enerviert, dabei beruhigt es mich, dass ich mir den Kater als Kater zuordnen kann, meinen Namen weiß und die Wohnung noch lückenlos, bis in hinterste Winkel hinein, theoretisch zu kennen scheine. „Ich bin Anton Kurzke, ich habe einen schwarzen Kater und wohne seit langer, langer Zeit hier in dieser Wohnung.“ Alles scheint mit diesem Satz benannt, erkannt und gebannt zu sein, Erinnerungen an den gestrigen und vorgestrigen Tag tauchen auf, so wie sich Bilder auf einer Leinwand ausbreiten, um dem schwarzen Raum eines unbelebten Kinosaals eine Richtung zu geben. Mein Leben ist mir demnach vollkommen bekannt und doch suche ich mit zunehmender Verzweiflung nach dem Erkennen eines Plans. „Wofür, bitte sehr, habe ich denn gestern Abend den Wecker auf 4 Uhr morgens gestellt? Und was zum Teufel will mein Kater von mir?“ Denn dass dieses Tier mit zunehmender Vehemenz ein scheinbares Recht einfordert, ist augenscheinlich, inzwischen verzichtet er auf den Milchtritt, springt dafür aber in stetem Wechsel von meinem Bauch aus dem Bett und dann mit Wucht vom Laminat nach oben zurück auf meinen Bauch. Mir dämmert im dunklen Dämmer, dass der Kater eventuell gefüttert werden will. Und ein Kater, so weiß ich, will pünktlich gefüttert werden, so wie er all die Tage zuvor pünktlich gefüttert worden ist. 4 Uhr morgens, soviel ist nun klar, ist die Zeit, zu der ich aufzustehen pflege. Tagein, tagaus. Jahr für Jahr. Heute aber ergibt das für mich noch immer partout keinen Sinn! Ich entsinne mich an eine große, wichtigtuerisch im Stadtbild angesiedelte Behörde mit vielen Stockwerken, die hinauf in den Himmel führen, währenddessen ich im Keller die Akten sortiere. Wozu? Ich zucke mit den Schultern, streichle das Fell des Katers, er schnurrt zunächst, knabbert dann allerdings an meinen Fingern, das Grün seiner schräg stehenden Augen ein wenig illuminierend, so dass ich kleine leuchtende Punkte erkennen kann. „Er gibt keine Ruhe“, sage ich zu mir, erhebe mich vom Bett, schlurfe barfuß und tastend in die Küche, der Weg erschlösse sich mir auch im Schlaf, knipse ein fahles Licht an, öffne die bereitgestellte Dose mit Katzenfutter, „endlich!“, scheint das Tier zu denken, es rast aus dem Dunkel auftauchend zu seinem nun gefüllten Tellerchen und beginnt zu schlabbern und zu kauen, doch auf possierliche Kater-Art. Ich setze mich an den runden Küchentisch, stütze mein Gesicht in die aufgestellten Fäuste, schüttle den Kopf, nein, ich weiß es nicht mehr, weiß absolut und gar nicht, für was ich hier sitze, wieso der Wecker um 4 Uhr morgens sein Leben lassen musste, ein Kater im Dunkeln nach Futter verlangt und warum ich irgendwann in meinem Leben beschlossen habe, dass ein Archiv ein Ort für mich sein könnte, der ab 4 Uhr morgens mein Leben bestimmt. „Ich warte“, denke ich, „ich warte noch eine Weile, so lang will ich warten, bis die Zukunft als klare Kontur aus dem Schatten tritt, bis ich weiß, warum der Wecker schellt und ein Tag beginnt, obwohl die Nacht noch Nacht sein möchte. Wenn sich die Zukunft mir enthüllt, mir ihren Sinn verrät, will ich es gut sein lassen, die Kaffeemaschine anschmeißen, die Zähne putzen und das Haus verlassen. Sonst aber werde ich warten und hier sitzen bleiben, bis ich das andere weiß, das Geheimnis, das Unentrinnbare“. Und so sitze ich, versunken vor mich auf die Tischplatte starrend und warte.
Annette van den Bergh
Tja, Pech gehabt
Es fängt immer gleich an,
die Milch kippt um, das Glas zerspringt, die Bahn fährt los, genau in dem Augenblick, in dem man das Ziel schon sieht.
Und jedes Mal sagt jemand: „Ach, halb so schlimm.“
Aber es stimmt nicht. Es ist schlimm. Nur eben nicht außergewöhnlich.
Die Welt ist ein einziger großer Vorrat an Enttäuschungen, und die meisten davon werden nicht einmal geliefert mit Trommelwirbel oder Katastrophenmusik. Nein, sie kommen unauffällig, in der Verpackung des Gewöhnlichen.
Man bestellt Hoffnung und bekommt einen grauen Montagmorgen zugeschickt.
Die Schlange am Schalter, die nie kürzer wird.
Das Gespräch, das genau dort abbricht, wo man sich verstanden fühlte.
Die Liebe, die nicht zurückruft.
Alles läuft, wie es nicht soll, und das nennt man dann Alltag.
Und trotzdem machen wir weiter.
Wir kaufen neue Gläser.
Wir rennen der nächsten Bahn hinterher.
Wir reden wieder, auch wenn die Worte schon beim Aussprechen reißen.
Vielleicht, weil wir ahnen, dass das Misslingen ist die einzige Konstante, auf die Verlass ist.
Tja, Pech gehabt.
Die Zeit
Die Zeit hält sich fest, doch sie fällt
Das Leben ist zu kurz, um zu sterben
Ich Laufe naiv durch die Welt,
hoffe, wer glaubt wird seelig werden.
Wie Wasser in der Hand, scheint sie zu entrinnen,
schwerelos hängt sie am seidenen Faden,
die Endlichkeit scheint dort zu beginnen,
wo Unendlichkeit und Anfang verstarben.
Die Zeit spielt Schach mit all diesen Seelen,
die glauben sie besiegen zu wollen,
eröffnet ihnen Pfade und Wege,
doch zögert nicht und geht in die Vollen.
Man sagt, die Zeit heilt alle Wunden,
durch sie klären sich all uns`re Fragen,
doch macht er sie Kranke aus Gesunden,
und gibt jedem sein Päckchen zu tragen.
Die Stadt ohne Spiegel
In einem Tal, das niemand auf einer Karte fand, lag eine Stadt, die nicht nach Vergangenheit roch und nicht von Zukunft träumte. Die Häuser waren schlicht, als hätten sie nie den Drang verspürt, sich zu schmücken. Die Straßen bogen sich nicht, sie liefen einfach, als hätten sie keine Meinung darüber, wohin sie führen sollten.
Die Menschen dort hatten aufgehört, über ihr Leben zu urteilen. Sie kannten keine Ambitionen, keine Pläne, keinen Wettbewerb. Sie wussten nicht, was „gut“ oder „schlecht“ bedeutete, und das war keine Tragödie, sondern ein Zustand leisen Friedens. Fragen wie „Was soll ich werden?“ oder „Was bedeutet das?“ hörte man nur selten, und wenn, dann nur wie ein ferner Echo aus einem anderen, lauten Land.
Elara war eine von ihnen. Sie ging morgens hinaus, um die Luft zu atmen, und zuckte die Schultern, wenn der Wind kühl oder warm war. Sie lernte nicht, die Welt zu verstehen, sondern spürte sie. Wenn ein Vogel sang, hörte sie nicht die Symbolik oder die Wissenschaft, sondern lauschte einfach. Wenn Regen fiel, nannte sie ihn nicht „schön“ oder
„lästig“, sie spürte ihn nur auf ihrer Haut, und das reichte.
Die Menschen dieser Stadt stritten nie. Es gab keine Ideologien, weil niemand das Bedürfnis verspürte, zu rechtfertigen, zu erklären oder zu kontrollieren. Wenn ein Nachbar einen Apfel stahl, zuckte niemand mit den Schultern, um Gleichgültigkeit zu zeigen – sie zuckten nur wirklich, als wäre es ein Detail in einem unendlichen Gemälde, das niemand vervollständigen musste.
Doch die Stadt war kein Ort der Leere. Sie war lebendig auf eine Art, die andere nicht kannten. Ohne das Filterglas der Interpretation sahen die Bewohner die Welt in ihrer ungeschönten Fülle: ein Stein war nicht „nutzlos“, ein Baum nicht „schön“, und ein Kind nicht „zukunftsorientiert“. Alles war einfach da, und die Menschen lernten, es zu berühren, ohne
es besitzen zu wollen, zu hören, ohne es analysieren zu müssen, zu lieben, ohne es zu beanspruchen.
Eines Tages kam ein Reisender in die Stadt, ein Mann aus dem Land der Spiegel, wo jeder alles deutete, bewertete und kontrollierte. Er beobachtete die Menschen, wie sie sich über die Straßen bewegten, ohne Eile und ohne Sorgen. „Wie könnt ihr so leben?“ fragte er. „Ihr habt kein Wissen, keine Pläne, keine Ambitionen!“
Ein alter Mann lächelte, seine Augen glitzerten wie Tau auf Blättern. „Wir haben aufgehört, zu glauben, dass die Welt uns etwas schuldet. Wir haben aufgehört, uns selbst zu schulden. Wir nehmen nur das, was ist, und lassen es sein.“
Der Reisende konnte nicht verstehen. In seinem Herzen pochte die Angst vor dem Unbekannten, die Notwendigkeit, zu interpretieren, zu kategorisieren, zu verstehen. Doch er spürte auch etwas, das er lange vergessen hatte: Ruhe. In dieser Stadt ohne Spiegel erkannte er, dass man die Welt nicht formen muss, um in ihr zu leben. Dass die Realität nicht wartet, bis man sie versteht. Dass das Leben selbst genügt, wenn man nicht ständig versucht, es zu kontrollieren.
Nach Monaten in der Stadt ging der Reisende zurück in seine Welt. Er trug keine Bücher, keine Theorien, keine Lektionen. Nur eine leichte Schulter, die wusste, wie es sich anfühlt, loszulassen. Und manchmal, wenn er in die Hektik der Spiegelstadt zurückkehrte, spürte er die Erinnerung: Dass es möglich ist, zu existieren, ohne zu bewerten. Dass die Welt schön ist, nicht weil man sie versteht, sondern weil sie einfach ist.
Und irgendwo, tief in ihm, begann ein achselzuckendes Lächeln zu wachsen.
Alles Kacke?
Alles Kacke?
Alles Kacke?
Vielleicht, wer weiß – doch hier
auf diesem weißen Band,
findet sich selbst der größte Scheiß
als Kunstwerk in der Hand.
Interessiert mich nicht die Bohne
In einer Welt voll Lärm und Hast,
stehe ich still am Rand der Szene,
auf dem Haupt meine Krone,
INTERESSIERT MICH NICHT DIE BOHNE.
Der Trubel zieht an mir vorbei,
in meiner Ruhe liegt die Kraft,
auf dem Haupt meine Krone,
INTERESSIERT MICH NICHT DIE BOHNE.
Also schließe ich die Augen,
lächle der Absurdität entgegen,
auf dem Haupt meine Krone,
INTERESSIERT MICH NICHT DIE BOHNE.
In der Ecke des Zimmers,
verstaubte Ideen überflüssig wie eine Socke,
auf dem Haupt meine Krone,
INTERESSIERT MICH NICHT DIE BOHNE.
Mit abgewetzten Beinen
Mit abgewetzten Beinen,
doch leicht wie nie zuvor,
versunken in der Weite.
Mit abgewetzten Beinen,
inmitten aller Reisen,
leicht wie nie zuvor –
ein Lachen, das rostige Kehlen
heilt im Ohr.
Ein Narr mit Raketen
Ein Narr trägt Raketen in den Ohren.
Hände hoch, der Befehl schallt laut,
ab an die Ostfront, kein Zögern erlaubt.
Ein Hauspapagei krächzt sein Gebrüll.
Nur der Duft von Leberwurst stört das Idyll.
Ein Narr ohne Ohren, abgeschnitten,
träumt von des Mondes Licht.
Mit abgewetzten Beinen tritt er,
tanzt auf einer Welt im Nichts.
Ein Narr mit abgewetzten Beinen,
folgt der Schwerkraft Wahn und Pflicht.
So ists nun mal
Ich sitz im Zug
los geht die Fahrt
neben dieser Dame,
so hübsch ist sie
ihr lächeln süß
doch ich hab nichts zu sagen.
Die Reise lang
dicht an ihr dran
bin Stille am ertragen,
und mal mir aus
wie wär das wohl
zusammen mal was wagen.
doch dazu müsst ich reden
und sie irgendetwas fragen.
Der nächste halt – die Frau steigt aus,
es war wohl nix mit einem Plausch.
Niclas W.
Nachdenkliche Gedichte
Du bist ein Mann
Du bist ein Mann
Und denkst daran,
dass eine Frau zu verfolgen —
lustig sein kann.
Du machst einen Mucks.
Sie hat zusammengezuckt.
Dir ist es völlig egal,
Du ziehst weiter ihre Qual.
Ihr Herz chaotisch jagt
Links oder rechts – sie wagt.
Fünf Schritte entfernt von dir,
Und nur Schlüssel bei ihr.
Du genießt ihre Erschrockenheit,
Zwar in deiner Kindheit
Wurde dir erklärt und gezeigt,
männliche Grausamkeit.
Wenn jemand fragt,
Warum er so macht,
Dann fragen Sie selbst,
Ob Sie jemals ertrunken
In ihrer Macht.
An allen Muttersprachlern
Als Migrant hat man Angst
Vorgefasst zu sein,
dass es keiner sieht,
Was dahinten steht,
Wenn ein Wort den ganzen Sinn umdreht.
Und die Angst macht ihn kleiner,
Bringt zur Scham, zum Weinen,
Weil die Rede ist nicht gut genug,
Zur Erfüllung eines fremden Anspruchs.
Um bloß ernst genommen zu sein,
Werden Leistungen doppelt gezeigt.
Doch Akzent kommt trotzdem raus,
Dann hat jemand im Rücken eine Faust.
Und es kommt die Zeit, wo einer sagt,
als ob man nicht genügend sprach,
Weil die Muttersprache nicht vergessen wurde.
So richtig sieht jemand fremde Hürden.
Obwohl man weiß —
Die Gewalt hat ihren Kreis.
Er baut trotzdem den Scheiß.
Man kriegt Weh und Wut
Und verliert seinen Mut.
Unterhaltung führten zwei
— Sie vergleicht mich mit dir,
Du seiest klüger, schöner… Ah, ja
Du hast einen festen Freund – ist wahr.
Ich habe aber eine feste Freundin,
Darum meine Mutter hat geweint sogar.
— Warum laberst du den Mist?
Wieso schlechtes immer siehste?
Sie hat nichts Schlechtes getan?
Nur Bestes. Es kommt drauf an,
Wie man es im Kopf umdreht,
Ob er schlimmstes dort einsieht.
— Oh, bitte. Hör auf, zu zwingen,
Unsinn in meinen Kopf durchzudringen.
Soll ich mir selbst nicht glauben?
Meine Gefühle nicht vertrauen?
— Hä? Es wurde nicht gesagt!
Du übertreibst immer – was für ein Schwach!
Obwohl Inversionen
gut klingen können,
verdienen sie nicht zu versöhnen.
Obwohl
Obwohl man kennt —
Kritik ist verletzend.
Er äußert sie ohne Grenzen.
Obwohl man sieht,
Wie es schlimm einem geht.
Er tut so, als ob nichts geschieht.
Alle haben recht —
Kriege führen zum Pech.
Eine große Armee? Nicht schlecht!
Besser, Logik nicht zu vertrauen,
Als Gewöhnlichkeit abzubauen.
Bilateralität
Ich gehe zum Second-Hand
Und kaufe dort ein T-Shirt.
Ist das hier noch ein Trend,
Dass eine Plastiktüte dazu gehört?
Bei Supermärkten werden
Bio-Äpfel genommen.
Doch von Ämtern wird
Papiermüll bekommen.
Auf Autos verzichten,
Zu Bahnen umsteigen.
Dann wird immer die Tafel
Verspätung anzeigen.
Im Fachpersonal sind
Viele Migranten.
„Geht lieber raus“ —
Schreit ein Narr arrogant.
Lieber verzichten
Auf doppelmoralische Geschichten.
Bittersüß
Menschen mögen einander beißen,
Sich in den Schmerz des anderen reißen.
Sei vorsichtig! Wir sind keine Speisen,
Um nach dem Essen die Reste zu schmeißen.
Wie ein Messer stieß Vorwurf ein.
Aber Seele tut weh anstatt Bein.
Wie können wir so grausam sein,
Um ohne Betäubung Gefühle zu schneiden?
„Nicht für böse gemeint“,
Sie hat bitter geweint.
Worte werden, so scheint,
Uns vereint und zerkleinert.
Die Liebe für mein Kind
Die Philosophie des Nicht-Wissens
Ich war einst Wind.
So begann mein Leben.
Doch fühlte ich mich zu… formlos.
Dann wurde ich Feuer.
Getrieben von Überzeugung, brannte ich mein Wissen in ihre Türen.
Doch verging die Flamme in ihrer Abneigung.
Dann entschied ich mich.
Stein.
Das müsste ich sein.
Doch jetzt, als Stein, fühle ich mich schwer und stumpf.
Es ist, als sollte ich Stein,
auch nicht sein.
So sag mir, was soll ich sein?
Erbeten und doch unerwartet, kam die Antwort:
„Das was ihr erkennt, erkannte euch
und antwortet in der Sprache des Herzens
Sodass es euch in die Höhe trage —
Ganz ohne Flügel
Und doch beschwingt.“
Rotation
Das Band
Emo, ergo sum.
Ich gehe nicht gerne einkaufen. Ich weiß nicht genau warum.
Vielleicht liegt es daran, dass ich mich gehetzt fühle. Egal, wo ich stehen bleibe, es wirkt unerwünscht. Oder diese aufdringlich unaufdringliche Musik, die im Hintergrund dudelt, während man durch die Gänge schlendert. Aber gelebte Gemeinschaft und gehörte Musik (for free!), soll es das wirklich sein, was mich davor abschreckt, mich selbst zu versorgen? Bin ich so miesepetrig geworden? Vielleicht sollte ich einfach achtsamer sein und dankbar. Ja, auch mal
dankbar. Viele Leute haben diese Möglichkeit nicht. Wenn einem etwas fehlt, geht man einfach um die Ecke und kauft es. Nimmt es mit nach Hause. Macht es zu seinem Eigen.
Die zischend aufklappenden Eingangstüren des Supermarktes, reißen mich aus meinen Gedanken. Du weißt, was zu tun ist. Wir alle wissen, was zu tun ist. Rein mit dem Chip oder n’ Euro, fünfzig Cent geht auch und befreie den Einkaufskorb. Die Räder klappern los, ich betrete die Arena, wie ein Centurio auf seinem Streitwagen. Vor mir die Regale. Körbe voll mit Gemüse und Obst. Da fällt mir ein, was wollte ich noch mal kaufen? Scheiße. Deswegen bin ich doch extra losgegangen. Es war diese eine Sache. Verdammt.
Ich glaub, ich steh im Weg rum. Mir wird schon wieder einfallen, was es war, wenn ich es sehe. Ich spaziere weiter und beobachte die Regale. Die Achtsamkeit wird mich leiten.
Aber was zum Geier sind das für Dinger? Kum-Wat? Kumquat? Noch nie gehört. Ich nehme eine in die Hand und inspiziere sie. Aus Australien. Sag doch einfach Mandarine, dann hätt’ ich sie gekauft. Wie haben die sich überhaupt gehalten, bis sie hier angekommen sind? Die sind bestimmt gespritzt. Oder noch schlimmer, genetisch manipuliert. Deswegen sehen die so komisch aus. Ein bisschen wie ein Witz. Trifft ne Traube auf ne Mandarine. Gucken sich beide
an. Sagt die Mandarine zur Traube: Kumquat?
Und wer weiß, was die für Dünger in Australien benutzen. Auf der anderen Seite der Welt. Die sehen einige Dinge bestimmt ganz anders als wir hier. Die Tiere da, sind ja auch ganz anders. Monströs und meist scheiße giftig. Wer weiß, was die für Pestizide benutzen müssen, um diese kleinen Mandarinentrauben durchzubringen. Bei den Viechern, die man so in den Dokus sieht, keine Ahnung. Vielleicht Sarin?
Entschuldigung? Eine ältere Dame hinter mir richtet sich an mich. Ich stehe schon wieder im Weg rum. Ich lege die Kumquat zurück. Ich bin mir ziemlich sicher, es war kein Obst oder Gemüse, dass ich suche. Während die Räder wieder losklappern, wandert meine Zunge durch meinen geschlossenen Mund. Trocken wie die Wüste Gobi. Ein paar Schritte und die Waren verändern ihre Form. Aus Schalen und Beeren werden Flaschen und Dosen.
Die Getränkeabteilung. Ich bin mir sicher, ich wollte nichts zu Trinken besorgen. Aber jetzt bin ich hier. Wenn ich mir eins nicht verdenke, dann sind es Getränke. In den letzten Tagen ist es auch unverschämt warm draußen. Da muss man immer genug trinken. Das sagen alle. Ich trinke so schon zu wenig, wahrscheinlich. Weiß nicht. Hab nie mitgezählt. Aber so viel, wie empfohlen wird, schaffe ich bestimmt nicht.
Ich nehme mir eine Cola aus einem Kühlschrank. Ne schöne, große, eiskalte Cola. Während ich sie so vor mich halte, erinnert sie mich an etwas. Gerade erst letztens im Internet gesehen. Das war heftig. Es ging um eine Stadt in Zentralamerika, glaube ich. Ich hab den Namen vergessen, irgendwie muss ich aber an Christbaumschmuck denken, wenn ich versuche mich an den Namen zu erinnern. Jedenfalls diese Stadt wird von Cola beherrscht. Ja, genau. Was? Von Cola? Wie soll das gehen? Turns out, ein sehr, sehr großer Getränkehersteller hat sich dort niedergelassen und, Kraft seiner Wassersuppe sich den gesamten Getränkemarkt vor Ort unter den Nagel gerissen. Aus irgendeinem Grund, war von diesem Zeitpunkt an Cola billiger als Wasser. Man kann sich denken, dass die Einwohner von Christbaumkugel nicht der landläufigen Definition eines High Performers entsprechen. Man kauft also das, was am billigsten ist. So wurde aus Cola, das neue Wasser in der kleinen Stadt. Die haben sogar angefangen, das Wasser für ihre heiligen Rituale damit zu ersetzen. Unfassbar. Cola, das neue Blut Jesu Christi. Und hiermit taufe ich dich auf den Namen Pepsy. Leider hatte es auch zur Folge, dass Übergewicht und Diabetes-Erkrankungen durch die Decke gegangen sind.
Wie viel Zucker ist denn da drin? Zehn Komma sechs Gramm auf hundert Milliliter. Ist das viel? Ich hab so viele Videos gesehen, wo die den Zucker in Würfeln neben dem Glas Cola auftürmen. Nichts hängen geblieben. Keine Ahnung, ob das viel war. Aber vielleicht bin ich besser damit beraten, mir ein Wasser zu holen. Da kann ich nichts falsch machen. Wasser ist Wasser. Obwohl, gab es da nicht letztens einen Bericht über Mikroplastik im Wasser? Aber in welchem Wasser? Herrgott, irgendwas muss ich trinken. Weißt du was? Mikroplastik ist fein für mich. Mir zerstaubt gleich die Fresse. Vielleicht sammelt sich das Mikroplastik ja irgendwo in meinem Körper an und die können es später benutzen, für meine neue Hüfte, oder so. You never know. Mit einem kühlen Wasser in einer Plastikflasche gehe ich weiter. Aber ich bin ja nicht deswegen hier. Mir will immer noch nicht einfallen, was ich wollte. Es war diese eine Sache.
Ich hätte es wissen sollen. Das gibt es hier wahrscheinlich gar nicht. Das war sowas Spezielles. Biotechnologisch durchfermentiert mit Sauermilchbakterien, die nur rauskommen, wenn Vollmond ist. Die von einarmigen, blinden Bauern im Schutze einer Sonnenfinsternis gemolken werden müssen, während die Bauern Atemlos von Helene Fischer raunen. Irgendwie sowas. Und wahrscheinlich gibts das dann in gesalzen und ungesalzen. Nein, ich werde jetzt nicht aufgeben. Ich bin extra hergekommen.
Konserven. Konserven sind irgendwie wie das kleine Geschwisterchen, das man eigentlich nicht dabeihaben will, aber die Eltern verfügt haben, dass du ihn oder sie bitte mitnimmst. Die könnens nämlich auch nicht mehr ertragen aber du weißt nie, ob dus später noch mal brauchen wirst.
Aber auch über Konserven war in den Nachrichten ein Beitrag. Jetzt, wo ich darüber nachdenke. Mehrere Tote in Spanien. Botulinum-Vergiftung hieß es da. Irgendwas mit Bakterien war das. Botulinum. Ich muss auch erst mal googeln. Botulinum-Toxin, so, so. Ach, Botox? Das Zeug, das sich die Celebreties in die Visage spritzen lassen? Was steht da?
Häufig erkennbar daran, dass sich die Konserve aufbläht. Ja, sag das mal den Gesichtern unserer Promis. Nicht zu fassen, da ist Botox in den Konserven. Wenn das die Runde macht. Vielleicht wird es eine Challenge oder so. Ich meine, Botox für lau. Bitte, wenn das die Influencer hören. Wundert mich, dass hier keiner zu finden ist, der vor dem Regal kniet und sich aufgeblähte Konserven durch die Fresse zieht. Stelle man sich mal vor. Und schön alles mit der Kamera festhalten. Scheiße, ich würds gucken.
Aber nein, ich glaube, das was ich suche, gab es nicht in Konserven. Also, bestimmt auch aber nach diesem Exkurs suche ich lieber die „frische“ Variante.
Vor mir summen die großen Kühlregale vor sich hin. Ich glaube, es wird langsam wärmer. Also, wegen der Sache, die ich suche, meine ich. Es ist zwar kein Aufschnitt, aber sicher muss es gekühlt werden.
Da winken schon die ersten Packungen mit Schinken, Salami und so ziemlich allem, womit man Wurst ersetzen kann. Obwohl mich die vegane „Ersatz-Thematik“ verwirrt. Wenn ich mich mit vegan lebenden oder „nur“ sich vegan ernährenden Leuten unterhalte, warum man vegan sein sollte, gibt es immer drei Hauptgründe für diese Entscheidung.
1. Es ist gesünder. (Ja, ich weiß. Man muss Nahrungsergänzungsmittel … und Unterversorgung … und sterbende Säuglinge. Ja, ja. Ich seh dieselben Nachrichten, wie jeder andere auch.)
2. Es kommt den Tieren zugute. (Ich bin mir nicht sicher, ob das stimmt aber ich finde den Gedanken schön, dass sich die Leute in so hohem Maße für andere Spezies interessieren und einsetzen.)
3. Es schmeckt nicht. (Was willst du da sagen? Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten.)
Aber, um auf meinen Punkt zurückzukommen, warum werden veraltete und überholte Konzepte, denen Fleisch der Konsumlogik nach unterliegt, ersetzt und nicht neu gedacht? Will man Fleisch konsumierende Kunden direkt da greifen, wo sie schon stehen? Kann ich mir weniger vorstellen. Selbst wenn, dass der Gedanke war, ist es eher unüblich, dass jemand der von Kindheit an Fleisch isst, sich sagt:
Och, heute mal Mortadella aus Buchweizen.
Wieso sagt man nicht, hier guck mal: Der neue Aufschnitt. Die herrlich frischen Gemüsetaler sind da. Oder Gemüsescheiben. Irgendwie sowas.
Diese vorgeschobene Moralkeule, schön und gut, aber wenn ich die Preise der Produkte sehe, geht es dem Hersteller doch nicht um Moral, sondern um Profit. So wie schon dem Metzgerei-Konzern, dessen Produkte dadurch ersetzt werden.
Wer weiß, vielleicht können die Mitarbeiter aus der Metzgerei, bei dem veganen Hersteller anheuern, wenn der Konzern Pleite gegangen ist. Oder Metzgerei und veganer Hersteller sind ein und dasselbe. Oh, man. Sag das bloß nicht laut, sonst wirst du mit Gurken und Zucchinis totgeknüppelt.
Entschuldigung?
Ja, meine Güte. Nicht einen Gedanken kriegt man klar geradeaus gedacht. Ich geh ja schon aus dem Weg. Weiter geht’s.
Milchprodukte. Ja, das könnte es sein. Irgendwie klingelt da was.
Ich spüre es, das ist die richtige Fährte.
Ich darf bloß nicht an die Kühe denken. Wenn man glaubt, die Rinder, die zum Fleischverzehr gedacht sind, sind arme Tiere, sollte man sich mal über Kühe informieren, die gemolken werden. Oder besser nicht. Manchmal ist es besser Dinge nicht zu wissen. Ich würde es zumindest gerne ungesehen machen. Die armen Tiere haben nicht mal mehr menschlichen Kontakt beim Melken. Das machen Maschinen. Genauso wie die Befruchtung. Gut, nicht ganz maschinell aber der Großteil des Prozesses. Und dann jeden Tag rein in die Halle. Die Maschine wird angeschlossen und läuft so lange Milch herauskommt. Und das Spiel spielt man jeden Tag, bis die Kuh vor Einsamkeit und Stress sprichwörtlich die Hufe hochreißen darf. Immer wenn ich mir das vor Augen führe, bekomm ich unweigerlich Lust meinen Vorgesetzten anzurufen und meine Arbeit zu kündigen. Nicht weil ich mit Kühen arbeite, sondern weil ich mir durch die Arbeit irgendwie vorkomme wie eine Kuh. Eine Kuh mit hohen Lebensstandards, ja aber irgendwie wie eine Kuh. Ich kann es nicht genauer beschreiben, das Gefühl. Es reicht der Gedanke, dass ich in meinem Umkreis so viele Menschen kennengelernt habe, die es bis zur lang ersehnten Rente geschafft haben und dann Bumm. In den ersten Monaten der Rente, wie bei den Kühen, die Hufe hochgerissen. Ich weiß, der Vergleich ist hoch gegriffen, trotzdem macht es mir eine Heidenangst. Da kann man nur hoffen, die Kühe bekommen weniger von ihrer Umwelt mit als wir Menschen. Das kann man gerne glauben. Am besten man sagt sich das immer mal wieder vor dem Kühlregal.
Ah, Moment. Ja, das ist … Da ist es ja. Endlich. So hieß das Zeug nämlich:
Ban-da-ge-lo-…
Entschuldigung?
Nein. Nein, ich entschuldige nicht. Gedulden sie sich eine Sekunde, dann habe ich, was ich will.
Ja? Danke.
Blöde Kuh, ey.
Was ein Glück. Es ist das letzte Stück. Schnell her damit und raus aus dem Laden. Irgendwo da hinter den Regalen müssen die Kassen sein. Also, los, mein treuer Gefährte. Mit der flachen Hand klopfe ich auf das Gitter vom Einkaufswagen und rolle los.
Die Kasse. Die letzte Bastion. Hier wird das eigentliche Geschäft abgewickelt. Und natürlich ist jemand vor mir am Band. Aber kein Grund für Aufregung. Ich hab schlussendlich gefunden, was ich wollte.
Oh man, der Typ vor mir hat den Einkaufskorb brechend voll. Bis oben aufgetürmt. Vielleicht dreht er sich ja um und lässt mich vor, wenn er sieht, wie wenig ich im Gegensatz zu ihm hab. Er steht ja schon seitlich. Er müsste den Kopf nur mal ein Stück nach rechts drehen. Okay.
Anscheinend denkt er gar nicht dran. Er guckt nicht mal auf den Einkauf, den er auf das Band schaufelt. Stattdessen starrt er konzentriert auf das Display seines Handys. Ständig beschäftigt, was? Ich huste einfach mal laut.
Ah, er guckt. Und … macht einfach weiter. Obwohl er meinen Einkauf gesehen hat. Arschloch. So sieht er auch aus. Ne ganze Tube Gel im Haar, ein maßgeschneidertes Hemd mit einer Anzughose und diese bescheuerten Mokassins, bei denen der Schnürsenkel einmal ganz um den Schuh eingefädelt wurde. Fehlt nur noch der Pullover, den man sich auf die Schultern geworfen hat. Nicht wahr, Justus? Blöder Sack. Hoffentlich beeilt er sich. Er sollte das Prinzip, Zeit ist Geld ja durchaus verinnerlicht haben. Sein Korb ist mittlerweile leer und ich kann meine Sachen auf das Band packen. Es bewegt sich weiter und mir fällt, vor seinem Berg von Einkauf, die Verjüngung der Kasse ins Auge. Und so geschieht es, als der Elefant versucht das Nadelöhr zu passieren. Der Einkauf hinter mir schiebt sich in meinen Einkauf, schiebt sich in seinen Einkauf, während das Band fleißig weiterrollt. Die Waren türmen sich auf und purzeln auf den Boden. Datteln, Reis, Schokolade, Tomaten, Vitamin D-Kapseln, Kaffee.
Seins, meins und das Zeug von der Person hinter mir. Alles ein großer fröhlicher Haufen. Mancher würde es Unordnung nennen, vielleicht sogar Schlamassel. Trotz der grundlegenden Voraussetzung, dass der durcheinander gebrachte Haufen, den wir gerade alle betrachten, zusammen mit den Warentrennern, nur der „althergebrachten“ Ordnung entspringen konnte. Dass wir uns entschieden haben einzukaufen, uns hintereinander anzustellen, die Waren
voneinander zu trennen, fein säuberlich und auch artig abzuwarten, bis das Band weiterläuft. Ist es dann nicht eine neue Ordnung? Ich schiebe den Gedanken beiseite. Achtsamkeit! Hast du es schon vergessen?
So viele verschiedene Länder liegen auf dem Boden, dass man meinen könnte, darauf fände ein internationaler Kongress statt. Justus allerdings bleibt überraschend ruhig. So ruhig, dass ich es geradezu als frech empfinde. Er hebt die Sachen in aller Ruhe auf. Zwischendurch kommt ein verlegener Blick zu uns, die die wir warten aber keine Entschuldigung. Stattdessen sieht es eher so aus, als wolle er sagen, das kann ja jedem mal passieren.
Ja, aber mir nicht mit meinen zwei Sachen! Großartig, jetzt muss er auch noch sortieren. Das gehört mir und das gehört mir und das? Ja, das gehört mir auch. Ja, genau, Justus. Nimm dir ruhig. Wir warten.
Als das Geduldsspiel endlich ein Ende hat und ich wahrscheinlich das Piepen der Kasse, den ganzen Tag nicht mehr aus dem Ohr bekommen werde, zieht Justus seine Bankkarte und bezahlt seinen Einkauf. Na endlich. Das Band rollt weiter, da springt es mir ins Auge.
Ey, schrei ich. Ey, man! Bleib stehen! Aber Justus reagiert nicht und schlendert weiter Richtung Ausgang. Derweil hat die Kassiererin mein Wasser eingescannt und mir bestimmt schon den Preis gesagt, den sie verlangt.
Hey, schreie ich noch lauter. Hey, verdammt! Justus!
Jetzt beruhigen sich mal wieder, was schreien sie denn hier so rum, zischt mich die Kassiererin an.
Ja aber er hat mein Banda…
Stellen sie sich nicht so an, Herrgott! Sie haben doch ihr Wasser.
Das Leben des Einen
Vorwort: Das Leben des Einen geht uns alle an. Denn wir alle sind der Eine. Dieses Buch ist eine Einladung, sich selbst im Anderen zu erkennen. Es lenkt den Blick fort von den eigenen Gedanken und zeigt zugleich, dass wir mit unseren Zweifeln, Wünschen und Gefühlen niemals wirklich allein sind. Der Eine ist ein Mensch wie jeder von uns: er liebt, er lacht, er zweifelt, er staunt. Selbst wenn das Staunen längst zur Gewohnheit geworden ist. Und doch trägt er auch etwas Unsichtbares mit sich: eine chronische Erkrankung, die ihn lehrt, dass Teilhabe am Leben für viele ein täglicher Kampf ist.
Er hat keinen Namen, lebt in keiner besimmten Stadt. Denn er steht für uns alle.
„Das Leben des Einen“ will Raum schaffen. Raum zum Innehalten, Raum zum Denken, Raum für neue Perspekiven. Und es will einen achtsamen Blick auf gesellschafliche Muster werfen. Auf das, was uns prägt, auf das, was wir übersehen.
Eine stille, ehrliche Reise durch das Leben und vielleicht auch ein Stück durch das eigene.
Freitag: Jemand sagte mir einmal, dass ich die stärkste Grafikkarte in meinem Kopf trage.
Das ist nichts Besonderes, sagte er. Ich unterscheide mich in dieser Hinsicht nicht von anderen. Wir alle haben sie. Die Möglichkeit, Welten zu bauen, durch das Universum zu reisen, jemanden zu küssen, der nicht einmal ahnt, wie sehr man ihn oder sie liebt.
Gerade träume ich – und ich weiß nicht, ob ich meine Grafikkarte gut genug nutze.
Ich stehe von einer alten Eichentür, in der Hand einen ebenso alten Schlüssel. Die Tür sagt nichts. Der Schlüssel auch nicht. Keine Einladung, kein Zögern. Nur ich, der Wind das verwitterte Holz.
Die Maserung der Tür ist rau, gezeichnet von Regen, Sonne und der Zeit. Mir gefällt das. Sie erzählt eine Geschichte. Der Schlüssel in meiner Hand ist groß, schwer, mit kunstvollen Verzierungen – als wäre er einst für etwas Bedeutendes geschmiedet worden.
Ich stecke ihn ins Schloss.
Ein markerschütterndes, penetrantes Geräusch trifft mich wie ein schmerzhafter Schlag in die Magengrube und lässt meine Gedanken in tausend Scherben zerbersten. Ich brauche einen Moment, um zu verstehen, dass es mein Wecker ist.
Das Bild der Tür zerbricht. Der Schlüssel verflüchtigt sich.
Ich blinzele. Er piept weiter. Blind taste ich nach meinem Handy, um den Alptraum des Morgens zu beenden. Ich verhalte mich so leise wie möglich, um Maya nicht zu wecken. 5:45. Viel zu früh. Mein Körper ist träge, meine Gedanken hängen noch irgendwo zwischen Traum und Realität. Die Tür … war da eine Tür?
Der erste bewusste Gedanke des Tages: Ich muss pinkeln. Bevor ich aufstehe, gebe ich meiner geliebten Nebenschläferin noch einen Kuss auf die Stirn. Nach vier Jahren, die wir nun schon zusammenwohnen, bin ich mittlerweile geübt und finde auch in der Dunkelheit ihren Kopf.
Meine Füße berühren das kalte Parkett. Jeder Schritt schmerzt – ein Körper, der sich zu früh ans Altsein gewöhnt.
Während ich auf der Toilette sitze, denke ich noch einmal an den Traum. Eine Tür. Ein Schlüssel. Aber warum? Warum dieses Bild?
Der Tag beginnt wie er immer beginnt.
Tabletten, dann Frühstück. Niemals umgekehrt, sonst wird mir schlecht. 1 Tablette Burpopion, 2 Tabletten Fexofenadin, 2 Tabletten Pentatop, 1 Tablette Etoricoxib. Chemie, die mich zusammenhält. Sie drängt die Mastozytose und die Depression in eine Ecke des Rings, wie einen müden Boxer in der letzten Runde. Der Kampf war lang. Der Gegner taumelt. Doch der Sieg besteht nicht im Triumph, sondern in der Möglichkeit zu existieren. Die Medizin macht es möglich: Dass meine Erkrankungen in den Hintergrund treten. Dass ich bleibe.
Während die Schale Müsli in der Küche weicht, starre ich auf mein Handy. Social media. Es widert mich an, aber es gehört dazu. Ohne fühlt sich der Morgen falsch an. Ein Blick auf die Uhr.
Ich könnte die Reels weglassen. Es wäre ehrlicher. Still. Bewusster. Aber ich will so früh am Morgen kein Bewusstsein.
Also scrolle ich weiter. Ich verhalte mich leise, um Maya nicht des wohlverdienten Schlafs zu berauben.
Kein Kaffee für mich. Schon lange nutzlos. Zwei große Gläser Wasser – mein Ritual. Ein letzter Blick auf die Uhr. Zähneputzen, duschen, los.
Alles, nur nicht wieder zu spät zur Arbeit.
Draußen ist die Stadt schon wach. Menschen drängen sich durch die Straßen, Kopfhörer in den Ohren, Augen auf den Bildschirm gerichtet. Warum tun wir das? Warum wollen wir uns nicht sehen?
Ich stehe in der Straßenbahn. Täglich die Linie 9. Der einzige ohne Handy in der Hand.
Nein, natürlich bin ich nicht besser. Meine Finger umklammern mein Telefon in der Hosentasche, ich widerstehe der Versuchung, nachzusehen, ob jemand geschrieben hat. Natürlich hat niemand geschrieben.
Um diese Uhrzeit haben die Menschen anderes im Kopf. Sie denken über ihren Tag nach, über To-Do-Listen, unerledigte Mails. Sie lenken sich ab, wie ich es vorhin mit den Reels getan habe.
Ich beobachte. Ich versuche, in die Gesichter zu sehen. Müde Augen, gesenkte Köpfe. Hier gibt es keine Spannung, keine Aufregung, keine Inspiration. Aber kann ich das bestimmt sagen?
Vielleicht schreibt gerade jemand auf seinem Handy einen Bestseller zu Ende. Vielleicht hört jemand die Aufnahme seiner letzten Studiosession und setzt gedanklich die letzten Feinschliffe.
Vielleicht passiert genau jetzt etwas Großes – nur dass wir es nicht sehen.
Die Straßenbahn stoppt. Türen öffnen sich. Ich trete hinaus – in den nächsten bedeutungslosen Abschnitt meines Morgens.
Die 30 Meter zwischen Straßenbahn und Bus reißen mich immer aus meinen Gedanken. Ein
Moment des Übergangs.
An einem kalten Wintermorgen, wie diesem ist es angenehm, die Kälte im Gesicht zu spüren. Ich mag es kalt. Kälte ist für mich Lebendigkeit – sie zieht über mein Gesicht, dringt in meinen Körper und sagt mir: „Du bist noch am Leben!“ Kälte ist wie ein Trainer, der dich antreibt, der dir ins Ohr brüllt, dass Aufgeben keine Option ist.
Der Bus 382 kommt.
Im Gegensatz zur Straßenbahn ist er fast leer. Ein paar Menschen sitzen verstreut, still, in sich gekehrt. Niemand spricht. Niemand hält sein Handy in der Hand. Ein Unterschied wie Tag und Nacht. Zwei Qualitäten des Menschseins.
Ich setze mich und mein Blick geht direkt nach draußen. Ich mag diese Fahrt. Sie gibt mir Ruhe. Ein Moment der Stille zwischen den Abschnitten des Tages.
Draußen ziehen Mehrfamilienhäuser vorbei. Kinder auf dem Schulweg lachen zusammen und schmieden Pläne für die Zukunft. Wir halten. Menschen steigen ein, steigen aus. Die Welt bewegt sich, aber ich sitze still.
Noch Zeit bis zur Arbeit. Viel Zeit. Zeit nachzudenken.
Ich will nicht schon wieder über mich selbst nachdenken, aber ich fühle mich verloren.
Müsste ich nicht eigentlich glücklich sein?
Ich habe eine wunderbare Freundin. Ein Dach über dem Kopf. Immer wieder Freiraum für mich. Eine Familie, die mich die meiste Zeit unterstützt.
Aber ich mag meinen Alltag nicht.
Wenn man mit dem Gedanken lebt, etwas Besonderes tun zu müssen, es aber nicht greifen kann, dann ist das frustrierend.
Es ist, als wäre da etwas in mir – etwas Großes, Bedeutendes – aber ich kann es nicht fassen, nicht finden.
Also mache ich irgendetwas aus meinem Leben.
Maya, meine Freunde, meine Familie – sie fühlen sich so richtig an. So klar, so selbstverständlich. Aber der Rest?
Ich tue Dinge nicht aus Freude, sondern weil ich sie kann.
Ich lasse mich treiben.
Ich – lasse – mich – treiben.
Manchmal spreche ich voller Enthusiasmus mit jemandem. Dann bin ich in diesem Moment, dann macht es mir Spaß, weil mein Gegenüber Freude daran hat. Weil ich Dinge kann. Aber sobald das Gespräch endet, ist sie wieder da. Die Gewissheit, dass etwas auf mich wartet – und ich kann es nicht greifen.
Wir fahren an einem Feld vorbei. Die Wintersonne taucht es in ein magisches Licht. Raureif glitzert auf dem Gras, als hätte jemand Millionen winziger Diamanten verstreut.
Sehe nur ich das? Fällt es den Menschen um mich herum auf?
Der nächste Halt reißt mich aus den Gedanken.
Eine junge Mutter steigt ein, ihr Kind auf dem Arm. Es strahlt vor Leben, lacht laut, so früh am Morgen. Der Mutter sieht man an, dass sie froh ist den Bus noch knapp erreicht zu haben. Trotzdem strahlt das Kind von Kopf bis Fuß vor Lebensfreude und Energie.
Und plötzlich lachen alle um mich herum mit. Auch ich muss schmunzeln.
Dieses Unbedarfte, Pure, Glück, dieses Kinderglück.
Vielleicht lachen wir, weil wir uns ertappt fühlen. Weil wir so auch sein wollen. Kindlich, Pur und unbedarft. Der Bus hält. Mein Halt.
Ich steige aus.
Mitgetragen von einer Welle aus Körpern, Gedanken und unerfüllten Wünschen spült mich die Stadt bis vor die Tür meines Arbeitsortes.
Angekommen.
Der letzte Moment des Tages, der nur mir gehört.
Wie jeden Morgen stecke ich meinen Schlüssel ins Schloss der schweren Bürotür. Ich ziehe sie immer am Schlüssel auf, anstatt die Klinke zu benutzen. Ich weiß selbst nicht, warum.
Jetzt heißt es: Den Büro-Menschen rausholen und den privaten für die nächsten acht Stunden in den Hintergrund treten lassen.
Die ersten Kollegen kommen mir entgegen.
“Einen wunderschönen guten Morgen, ich hoffe, es geht dir gut? Hast du schon Pläne fürs Wochenende?” sage ich.
Nette Floskeln, höfliches Lächeln hier und da. Dann weiter zum Computer.
Auf dem Weg dorthin, von mir, wieder und wieder: “Guten Morgen.” – “Wie war die Veranstaltung gestern Abend?”
Routine. Ich bin gut gelaunt, nett, professionell, respektvoll.
Alles andere würde den Tag unnötig in die Länge ziehen.
Seine Arbeit machen und bloß nicht zu viel von sich preisgeben.
Das ist der unausgesprochene Konsens. Nicht nur in dieser Firma.
Aber warum eigentlich?
Was würde passieren, wenn man auf ein “Wie geht es dir?” ehrlich antwortet? Würde dann die Arbeit stillstehen? Oder würden wir anfangen, uns wieder gegenseitig zu entdecken?
Vielleicht würde Menschlichkeit auf einen ganz neuen Standart gehoben werden. Vielleicht würde es etwas ändern.
Aber ich bin zu müde für Ehrlichkeit.
An meinem Platz angekommen, das übliche Ritual.
Auch wenn Rituale anstrengend werden, ich liebe sie.
Laptop an. Zweiten Bildschirm an. Maus und Tastatur ausrichten.
Dann warten, bis die Programme von alleine aufploppen.
Diese paar Minuten sind meine Freiheit.
Dann ein kurzer Plausch mit den Kollegen.
Wir müssen alle erst nicht nur körperlich, sondern auch seelisch ankommen.
Jetzt der Trick, bevor der Arbeitstag richtig beginnt: Kaffee.
Wie jeden Morgen hoffe ich, dass die Küche leer ist.
Habe für heute schon genug geredet.
Die Küche ist nicht leer.
Ein Kollege steht vor der Kaffeemaschine.
“Hallo.”
Ein kurzes Nicken. Dann betretenes Schweigen.
Smalltalk liegt mir nicht, und mit diesem Kollegen habe ich nichts gemein.
Also stehen wir da, schenken uns ein gezwungenes Lächeln, warten, dass die Maschine langsam durchläuft.
Endlich bin ich dran. Schwarzer Kaffee. So stark wie möglich.
Zurück an meinen Platz.
Bis zum Mittag beantworte ich neun E-Mails, verfasse vier Texte für Kunden, erstelle zwei Excel-Dateien für das nächste Projekt.
Produktiv.
Auch wenn nichts von dem was ich tue sich anfassen lässt.
Endlich Mittag.
Meine Kollegen haben längst aufgegeben, mich zu fragen, ob ich mitkomme. Ich mag keinen Smalltalk.
Ich esse selten mittags – krankheitsbedingt. Mittägliches Fasten tut mir gut. Außerdem gibt es mir etwas, auf das ich mich abends freuen kann. Ab und zu wartet schon das Essen meiner Freundin auf mich.
Das Büro ist leer. Endlich wieder ich.
Für die nächste halbe Stunde darf der private Mensch wieder auftauchen.
In der Mittagspause gönne ich mir immer, meine Fantasiekarte im Kopf hochzufahren.
Ich lese. Klar, eine halbe Stunde ist nicht viel – aber sie reicht, um in andere Welten oder
Gedanken einzutauchen.
Gerade lese ich „Die Menschenfabrik“ von Oskar Panizza. Ein Buch von solcher Kürze und Intensität habe ich selten erlebt.
Der Titel ist Programm:
Ein verirrter Wanderer findet Zuflucht vor der dunklen Nacht – ausgerechnet in einer Menschenfabrik. Dort trifft er auf den Chef der Einrichtung, und anfangs hat er keine Ahnung, wo er da hineingeraten ist. Doch bald wird klar: Hier werden Menschen produziert.
Zwischen dem Wanderer und dem Fabrikleiter entspinnt sich ein philosophischer Dialog über die Daseinsberechtigung dieser Produktion und den Wert des Menschen an sich.
Ich empfehle wirklich jedem, dieses Buch zu lesen.
Trotz – oder gerade wegen – seines Alters wirkt es heute aktueller denn je.
Denn stellen wir nicht alle irgendwann unseren eignen Wert infrage? Fragen uns, was wir da eigentlich tun – und ob es das Richtige ist?
Ich tue das.
Und ich weiß, ich bin nicht alleine.
Solche Gedanken können aufbauen, antreiben – oder zerstören. Lange habe ich gehadert, ob es falsch ist, sich selbst und den eigenen Wert ständig zu hinterfragen.
Aber vielleicht ist das gar nicht falsch. Vielleicht ist das menschlich.
Denn unser Umfeld gibt uns doch kaum eine andere Möglichkeit.
Zum Beispiel im beruflichen Kontext:
Wenn man einen Fehler macht und dafür verantwortlich gemacht wird – öffentlich oder direkt. Nicht jeder kann gut mit Konfrontationen umgehen. Nicht jeder ist argumentativ so stark, dass er oder sie sich verteidigen kann.
Dann ist es doch völlig normal, dass man seinen beruflichen Weg infrage stellt.
Sich fragt:
„Vielleicht bin ich woanders besser aufgehoben.“
Oder:
„Vielleicht ist genau jetzt der Moment, meinen Traum zu verfolgen.“
Manchmal bin ich überzeugt: Es gehört zum Menschsein, sich selbst und den eigenen Wert auf die Probe zu stellen. Wichtig ist nur, dass man diese Gedanken auch hinterfragt, reflektiert – und nicht von ihnen aufgefressen wird.
Langsam neigt sich die Pause dem Ende zu. Die ersten Kolleginnen und Kollegen kommen zurück ins Büro.
Ich klappe mein Buch zu und atme tief ein.
Ram on
Es wird ein Samstag gewesen sein, denn jeden Samstag saßen Al und ich im Keller vom Ship&Mitre, um uns unter anderen Gescheiterten zu betrinken, bis das Zittern der zum Schaffen geschafften Hände endlich nachließ. Nicht, dass Al und ich uns dafür verabredet hätten. Wir kannten uns vor jenem Abend nicht und für mich war er bisher eher Teil des schnapsfleckigen, nach vergälltem Leben stinkenden Interieurs der Kellerkneipe als deren Kundschaft. Zu jener Zeit verbrachte ich meine nüchternen Stunden damit, tagsüber in einem Lebensmittelgeschäft in der Warwick Street auszuhelfen, um abends das verdiente Geld an abgewetzten Roulettetischen mit bösartiger Gleichgültigkeit an die Bank zu verschenken. Diese Gleichgültigkeit dem Leben gegenüber war mir seit jeher ein treuer Begleiter, ein Schatten neben mir. Ich ließ mich lieber treiben und nahm hin, was kam. Wahrscheinlich fiel es mir deshalb so leicht, mich seit ungezählten Jahren in einem anhaltenden Rauschzustand zu ertränken, ohne je Schuld darüber zu empfinden. Diese Abende waren nun mal alles, was blieb.
An einem dieser Abende trieb es mich zu Al, hier scherzhaft als „Uncle Albert“ bekannt, dessen zweifelhafter und doch liebevoll-nachsichtiger Ruf in jener Kneipe mir bereits vor unserem ersten und einzigen Wortwechsel sein tägliches Kommen und Bleiben versicherte. Er war ein wirrer und unsteter Mensch, der früher als Mittelklasseboxer seine Alkoholexzesse in Löchern wie diesem finanzierte, den die erfolglosen Jahre aber zahm und stumpf haben werden lassen, sodass ihm von seinem ohnehin schon bescheidenen Lokalruhm nur eine mickrige monatliche Versierten-Abfindung des Kensington Boxing Clubs und eine scharf nach rechts zerschlagene, weinrote Rosazea geblieben waren.
Ich erinnere mich noch an das staubige Licht im Keller, das seine grobschlächtige Rechte matt schimmern ließ, während sich die massige Faust um ein schäumendes Pint schloss. Ich hatte soeben eine schon nicht mehr verschmerzbare Menge Pfund verloren, war allerdings bereits zu betrunken, um mir über mein Unglück ernsthafte Sorgen zu machen. Mein selig schwimmender Blick verlor sich im goldenen Brausen eines heimischen Ozeans und ich hätte nicht sagen können, wie lange ich so dasaß: den müden, verbrauchten Körper mühsam auf einem Hocker haltend, von den weniger besorgten als sichtlich angewiderten Mienen der Mitspielenden unberührt und den eigenen Blick rettungslos ertrunken im gewürgten Bierglas von Uncle Albert.
An diesem Abend stürmte es heftig. Ein grausamer Windzug jagte über die kahle Rundung meines Hinterkopfes und ließ mich aus dem Bann aufschrecken, nachdem er ein Kellerfenster samt Rahmung aus der Fassung gesprengt hatte und den düsteren Raum durchflutete. Als ich meinen Blick löste und aufschaute, bemerkte ich, dass Al diesen erwiderte. Er blickte mit seinen zusammengerückten Säuferaugen streng in mein Gesicht, als prüfe er mich. Worauf, wusste ich nicht. Die geblähten, mit den rötlichen Pusteln vergangener Leben befleckten Wangen rahmten seinen Blick und gaben ihm, trotz des unübersehbaren Verfalls seiner Züge, das würdige Aussehen einer antiken Anemoi-Darstellung. Gerade als ich spürte, wie mich die Kraft verließ, seinem Richterblick Stand zu halten, hob er schwerfällig seine Linke und winkte mich mit einer abfälligen Bewegung zu sich. Ohne zu wissen warum, erhob ich mich und trottete langsam, aber entschieden auf den Tisch in der dunklen Ecke des Raumes zu.
„Du bist hier öfter als dir guttut“, sprach der alte Al, als ich stumm Platz genommen hatte. Seine Stimme hatte eine raue Klangfarbe, aber seine Worte klangen nicht wertend oder gar beschämend: es waren von zwischenmenschlichen Banden vollkommen losgelöste Worte, ohne Anklage oder Mitgefühl, gefühllose Tatsachen, steinern und unbeweglich wie prähistorische Monolithen. Ich hatte das Gefühl der Wind, dem der Kneipenbesitzer trotz wütend gebellten Befehlen nicht Herr zu werden schien, spielte nun eine fürchterliche Kantate. „Wo sollte ich sonst sein?“, gab ich mit verwaschener Stimme zurück, die Augen wagte ich nicht vom vernarbten Tisch zu heben. „Da draußen natürlich“, sprachs aus der Ecke und ich hatte das Gefühl die denkbar schlechteste Antwort gegeben zu haben. Die schlichte Bestimmtheit seiner Rede irritierte und erregte mich. „Heutzutage weht ein anderer Wind. Nie zuvor war es so leicht abzusaufen.“, setzte er nach. Ich nickte stumm doch verstand nicht, was er meinte. Mir fiel auf, dass er mich beim Sprechen nicht anschaute. Auch sein Blick kämpfte nun einen hoffnungslosen Kampf am Grund seines Glases. Eine Weile verharrte er in dieser Stellung, ohne meine Verwirrung zu lösen. Dann hob er erneut an:
„Dort draußen gibt es stählerne Inseln, in denen Männer wie du und ich noch einen Wert haben. Den Wert eines Zahnrädchens in einem Getriebe, zugegeben, aber ein Wert doch!“ beschwor er, plötzlich stürmisch aufbrausend, wobei er mir feine Tropfen wie Nieselregen entgegenspuckte. „Familienbande eingeschworener Schatzjäger im Kampf gegen die Gezeiten und auf der Suche nach dem schwarzen Gold. Ein lohnendes Geschäft für manche Tagelöhner. Aber für Männer wie uns …“, er pausierte, versuchte den versprengten Atem in tiefen Zügen wieder einzusaugen, „für Männer wie uns, können diese Inseln weitaus mehr sein.“ In atemloser Spannung wartete ich. Worauf, wusste ich nicht. „Hände über dem Wasser, Köpfe über dem Horizont.“, hauchte er endlich und mir war, als hätte er uns beide damit erlöst. Ich erhob mich und wankte schwerfällig, aber bestimmt zur Kellertreppe.
Sturzbetrunken stolperte ich aus der schweren Vordertüre hinaus auf die menschenleere Gasse. Noch bevor sie wieder zufiel, hatte der Wind, der außerhalb des Kellers kreischend durch die schiefen Häuserschluchten fegte, bereits alle Geräusche vom Innern verschluckt. In meinen Ohren pfiff es unangenehm und ich spürte den Drang, wieder hineingehen zu wollen – nur raus aus diesem Wind. Nur wusste ich, dass das nun nicht mehr möglich war. Nie wieder würde ich das Ship&Mitre betreten. Ich zog den Kragen meines zerschlissenen Regenmantels bis an die Schläfen hoch und ließ mich einem unbestimmten Ziel entgegentreiben.
Ich kann nicht mit Bestimmtheit sagen, wie lange ich durch die winddurchflutete Nacht irrte. Es müssen wohl mehrere Stunden gewesen sein, denn als ich, noch taumelnd und von schieferschwarzen Möwen mit geteertem Gefieder träumend, zu mir kam, stand ich an den Docks, auf dem St. Nicholas Place. Schwer atmend starrte ich in das graue Treiben des Hafenbeckens hinein und dachte an Uncle Albert. Seine letzten Worte waren unauslöschlich in meine trunkene Seele eingebrannt.
Da spürte ich es: Der Wind, der, seit ich mich meines Bewusstseins wieder ermächtigt hatte, unbarmherzig vom Nordatlantik her blies, musste sich gedreht haben, denn ich spürte, wie er sich nun an meinem gekrümmten Rücken brach und über meine durchnässten und heftig zitternden Schultern hinweg aufs offene Meer flüchtete. Unwillkürlich hob ich den Blick und erkannte weit über mir auf dem Dach des Royal Liver Buildings, dem stürmischen Tosen in heroischer Haltung trotzend, die bronzenen Schwingen von sich streckend den Stadtpatron, dessen gebieterischer Blick dem Wind aufs Meer hinaus folgte. „Hände über dem Wasser, Köpfe über dem Horizont“, hörte ich es aus einer dunklen Ecke meines Bewusstseins sprechen und wusste doch – diese Stimme gehörte mir.
Der faule Zahn
“Irreparabel”, diagnostizierte der Meister der kosmischen Seelenwerkstatt.
Ich fiel aus allen Wolken.
“Das kann doch gar nicht sein”, entgegnete ich.
“Doch”, sagte er. “Es muss sogar sein.”
Er führte mich zum magischen Spiegel. Als ich mich ansah, fiel ein kleiner gelber Stein aus dem Spiegel. Der Werkstattmeister hob ihn vom Boden auf und reichte ihn mir. Es war gar kein Stein, sondern ein toter Zahn.
“Das ist der Zustand deiner Seele”, erklärte er. “Riech mal dran.”
Ich hielt mir den Zahn vor die Nase. Mir kam fast das Kotzen. Der Zahn stank nach Fäulnis, nach Verwesung. “So stinke ich?”, fragte ich, “so schlimm? Hab ich so viel falsch gemacht?”
Der Werkstattmeister zeigte auf ein riesiges schwarzes Loch im Kosmos. In dem Loch erschien ein Lichtwirbel, in dem Lichtwirbel erschien ein gigantischer sterbender Körper. “Es ist kein Einzelschicksal”, sagte der Meister. “Und es war unvermeidlich. Siehst du?”
Ich sah im Zeitraffer, wie der gigantische Körper starb, Indem er von innen her verfaulte.
“Siehst du? Die Zähne verfaulten vom Zahnfleisch her. Und das Zahnfleisch vom Knochen her. Und der Knochen vom Mark her. Und das Mark vom Blut her. Euer ganzer Kosmos war unheilbar krank. Daran verfaulte jede Seele.”
“Aber ich dachte, die Seele ist ewig, ist ewiges Licht?”
“Der Seelengrund ist ewig, die Seele nicht. Individuelles Bewusstsein ist ein vergängliches Phänomen. Alles Bewusstsein ist vergänglich.”
“Und Seelen vergehen, indem sie verwesen?”
“In Welten wie euren ja. In anderen nicht. In heileren Welten brennt noch das Feuer der Wahrheit. Da verbrennen die Seelen in ihrer Liebe.”
Der Sturm tobt. Das Flugzeug fliegt in etwa 15 Meter Höhe die Straße entlang. Ich beobachte aus dem Fenster die fahrenden Autos unter uns. Eine endlose bunte Schlange. Hier und da eine Brücke, gefährlich nah. Wenn der Wind uns jetzt ein Stück nach unten drückt, dann war es das, denke ich jedes Mal. Aber auch so ist die Situation vollkommen aussichtslos. Wir können weder kontrolliert steigen noch landen, sondern allenfalls noch eine Weile weiterfliegen. Im Autopilot. Im Windschatten der bunten Schlange.
Als ich aufwache, habe ich nicht nur den Verwesungsgestank in der Nase, sondern auch den faulen Zahn im Mund, der seit Monaten locker saß und seit Wochen entzündet war. Ich nehme ihn zwischen Daumen und Zeigefinger und betrachte ihn von allen Seiten. Die Wurzel ist schwarz,der übrige Teil gelblich-braun in allen möglichen Schattierungen. Die Struktur wirkt marode. Die Substanz ist längst tot. Meine verwesende Seele, denke ich mir. Mein gestorbenes Wesen.
Ich rufe meinen Zahnarzt an und sage den Termin ab, wenngleich mir die Dame am Telefon rät, die offene Wunde vom Doktor reinigen und mir ein Rezept für Antibiotika und Schmerzmittel ausstellen zu lassen. Ich inspiziere das Loch mit der Zunge. Ich spüre weiches rohes Fleisch. Keine Schmerzen. Gar kein Gefühl. Es ist, als sei es nicht mein Fleisch. Das Sterben war noch meins, das Sterben tat noch weh. Nach dem Tod tut nichts mehr weh. Nach dem Tod ist vor dem Schmerz, ist vor jedem Gefühl, denke ich mir und atme erleichtert auf.
Zukunft in Klammern
Ich schreibe
Zukunft
immer noch
in Klammern.
(weil sie unsicher ist)
(weil ich nie weiß,
ob ich darin vorkomme)
(weil ich gelernt habe,
dass Pläne oft
nur leise sterben)
Ich sage nicht mehr
„wenn ich groß bin“ –
ich war’s schon,
bevor ich durfte.
Ich sage nicht mehr
„später“ –
später war immer
für andere reserviert.
Manchmal träume ich
vom Morgen,
und dann erschrecke ich,
weil ich mich darin
nicht erkenne.
Vielleicht bin ich
nur die Version,
die übrig blieb,
nachdem man
alles andere
aus mir herausgenommen hat.
Und doch.
Ich atme weiter.
Ich schreibe weiter.
Ich warte nicht mehr
auf ein Zeichen,
aber ich höre,
wenn der Wind
eine Richtung flüstert.
Vielleicht
ist Hoffnung
nur ein anderer Name
für Trotz.
Und Trotz
eine Form
von Zukunft.
7 Schritte
Es war kein langer Weg mehr. Bald war ich da.
“ein Schritt“
Sie begann ihr Leben nochmals zu überdenken und ob sie auch alles richtig gemacht habe.
Hatte ich ein erfülltes Leben? Fragte sie sich.
“ein Schritt“
Sind wir Menschen, nicht nur Werkzeuge in einer viel zu beschäftigten Gesellschaft, in welcher sich niemand richtig kümmert. War ich auch ein Werkzeug?
“Anheben des Beines und langsames vorwärtslehnen“
Kennt ihr das, wenn plötzlich alles in Zeitlupe abläuft? Wenn es sich anfühlt, als wäre man gar nicht richtig da, sondern würde nur von weitem zuschauen. Man fragt sich, ob es real ist, was man gerade erlebt, so wie sie es gerade tut.
“Absetzen des Fusses“
Was habe ich in meinem Leben denn jetzt erreicht? Was war der Sinn davon? Warum bin ich jeden Tag aufgestanden und habe meinen Job erledigt, einfach nur funktioniert? ,fragte sie sich erst jetzt, als es schon zu spät war.
“ein Schritt“
Unzählige Erinnerungen strömten durch ihren Kopf, überfluteten ihre Sinne. Sie sah Gesichter, die sie fast gar nicht mehr erkannte. Hörte Stimmen, deren Klang sie nie hatte vergessen wollen. Worte füllten ihren Kopf, welche sie nie hatte hören wollen, aber auch bis heute nicht vergessen konnte.
“ein Schritt“
Nun war sie ihrer Entscheidung doch nicht mehr so sicher. Sollte sie einfach wieder umkehren, zurückgehen? War das überhaupt möglich? Nein, das konnte sie nicht. Die Entscheidung war getroffen.
“ein Schritt“
Sie blickte zurück und bereute es. Nein, nicht die Entscheidung, es war die richtige. Aber die Taten davor, welche sie begangen hatte oder auch nicht begangen hatte. Die Art, wie sie sich vorwärts gekämpft hatte, sich knapp über Wasser gehalten hatte. Wie sie Tag für Tag aufgestanden war und einfach nur ihr alltägliches Leben gelebt hatte. Es war nicht genug, stellte sie im Nachhinein fest. Ich hätte mehr daraus machen sollen, schoss ihr durch den Kopf. Ich hätte mehr daraus machen können. Aber warum habe ich es nicht getan? Ich hätte eine Bedeutung haben können. Ich wäre nicht nur ein Werkzeug gewesen. Aber all diese Gedanken nützten ihr jetzt nichts mehr. Es war zu spät.
“ein Schritt“
Nun bin ich da.
Adrienne Frank
Sehnsucht nach dem Ich
Ich fühle mich schuldig,
doch scheine ich machtlos.
Möchte davonrennen,
obwohl ich kaum den Grund erkenne.
Doch wenn ich ihn weiß,
Bricht vielleicht dadurch das Eis?!
Aber was steckt in ihm?
Was kommt zum Vorschein, wenn es schmilzt?
Es schmerzt, das einst Gefrorene strömen zu sehen.
Und es wird mir bewusst: Es muss ja weitergehen…
Vielleicht ändert es sich – durch Konfrontation, durch Geduld?
Vielleicht wird dadurch ein neues Sein erzeugt?
ein Dasein, ein Ich – voller Visionen:
Zu dem Menschen zu werden, nach dem sich mein inneres Kind sehnt.
Aber der Weg scheint steinig,
unsicher, gefährlich und holprig.
Doch nur so werde ich einzig.
Einzig und allein ich.
Die Person, von der ich bisher am wenigsten weiß,
nach der ich mich aber gleichzeitig am meisten sehne.
Tamara Schulz
Die Frau ohne Flagge: Das Geständnis einer Russland-Deutschen
Ich möchte ein Bekenntnis ablegen. Wo beginne ich? Am besten wohl am Anfang.
Mein Name ist Anna. Ich bin 32 Jahre alt, wohne in Deutschland und besitze die deutsche Staatsbürgerschaft. Auf dem Papier bin ich Deutsche.
Gebürtig stamme ich allerding aus Russland. Genauer gesagt, aus einer kleinen Kolchose in Sibirien mit dem Namen Polewoje.
„Oh.“, werden viele jetzt denken, „Oh, oh, oh.“. Russland.
Hält man sich die schrecklichen Ereignisse der aktuellen Weltlage vor Augen, mag eine solche Reaktion wohl für viele nachvollziehbar sein. Angriffskrieg, Zensur, Verfolgung. Die Liste der menschenrechtswidrigen, katastrophalen Ansichten und Verfehlungen der russischen Regierung ließe sich endlos weiter fortführen. Doch möchte ich an dieser Stelle betonen, dass es sich bei diesen eben um politische Verbrechen, Verbrechen der Regierung und nicht der
Bevölkerung handelt.
Und doch höre ich von vielen: Böse, gefühllos ist er von Natur aus, der Russe.
Ich frage Sie nun: Welch eine unmenschliche Grausamkeit wird da kategorisch einem ganzen Volk unterstellt?
Lieben russische Mütter ihre Kinder, ihre Söhne und Töchter weniger, als es deutsche Mütter tun? Schicken sie das eigen Fleisch und Blut, das sie mühsam und voller Sorge, voller Stolz groß gezogen haben, an dessen Betten sie nächtelang wach saßen und beteten, gerne zum Sterben in den Krieg? Ergötzen sie sich daran, dass ihre Kinder verwundet, verstümmelt, traumatisiert oder gar nicht zurückkehren? Dass sie leere Särge beerdigen müssen, weil von den geschunden Leichen der Söhne, der Töchter nichts mehr übrig ist? Und das, obwohl der schreckliche Schatten der Sowjetunion auch heute noch all diejenigen verfolgt, die einst sein Grauen selbst miterleben mussten? Menschen, die den Gulag kennen. Menschen, die Verfolgung und Exil, Unterdrückung, Missbrauch, Misshandlung kennen. Mütter, die ihre verhungerten, erfrorenen Kinder, Säuglinge wie Teenager, während der langen Deportation nach Sibirien eins nach dem anderen aus dem fahrenden Zug werfen mussten. Familien, die namentlich mit Adresse in den Landeszeitungen, öffentlich und offiziell, zu Freiwild erklärt wurden, deren Hab und Gut von der roten Armee und ihren Verbrecherbanden geplündert, verbrannt, vernichtet wurde, die mitansehen mussten, wie geliebte Angehörige vor ihren Augen brutal exekutiert, grausam gemetzelt wurden. Menschen, die sich in die eisigsten Schneewüsten Sibiriens flüchteten.
Ich denke nicht. Um genau diese Schrecken hinter sich zu lassen, siedelte meine deutschstämmige Familie im Dezember ´92 in die alte Heimat um und kehrte Russland endgültig den Rücken. Für ein besseres Leben. Für einen Neuanfang.
„In Deutschland ist alles besser. Da herrschen Demokratie und Meinungsfreiheit.“, sagten sie überzeugt.
„Wir sind Deutsche. Deutschland ist unsere Heimat.“, sagten sie überzeugt.
Und hier waren wir: Die Deutschen aus Russland. Die Russland-Deutschen. Endlich.
Ich war gerade zwei Monate alt. Die erste Sprache, die ich lernte, war Platt. Oder eben Plotdietsch. Ein altes Kulturgut, das sich seit der Flucht der Mennoniten eisern gehalten und weitertragen hat. Trotz Prohibition der Sprache durch die Sowjets. Dann lernte ich Deutsch.
Von meinen Eltern, die einen Sprachkurs besuchten. Und durch Aufschnappen bei den Nachbarskindern. Als ich in den Kindergarten kam, hätte mir niemand angemerkt, dass ich nicht hier geboren worden war. Nur das gerollte „R“ verriet mich. Also gewöhnte ich es mir ab.
Ich weiß auch noch, dass ich mich in der ersten Klasse über die anderen Kinder wunderte. Am Tag der Einschulung konnte ich bereits kurze, aber grammatikalisch weitgehend korrekte Sätze verfassen. Ich kannte auch die kyrillischen Lettern, konnte russisch lesen und schreiben, wenn auch nicht verstehen. Ich beherrschte außerdem das kleine Einmaleins. Viele andere Kinder in meinem Alter konnten das nicht. Einige „richtige“ deutsche Kinder waren nicht einmal dazu in der Lage, zwischen Akkusativ und Dativ zu unterscheiden. Und doch war und blieb ich immer die „dumme Russin“. Dabei sprach ich nicht einmal Russisch. Ich beendete die Grundschulzeit mit Gymnasialempfehlung.
Doch Fähigkeiten und Kompetenzen sollten sich als unerheblich für die soziale Integration herausstellen. Denn, obwohl Kinder von Natur aus nicht diskriminieren, so sehen sie es leider doch schon in frühester Kindheit bei ihren Eltern. Und viele von ihnen werden ihr Leben lang mit dieser Prägung auf andere Menschen zugehen.
Manche der deutschen Kinder durften nicht mit mir spielen. Manche durften. Wenn es aber Mittag gab, da musste das russland-deutsche Kind entweder allein im Zimmer warten, oder aber nach Hause gehen. Denn die deutschen Eltern wollten nicht mit ihm gemeinsam am gleichen Tisch essen.
Derart schändliches Benehmen hat und hätte es in meiner Familie nicht gegeben. War Besuch da, egal ob klein oder groß: Wir aßen immer alle gemeinsam. Jeder war eingeladen. Nie hätte eine Freundin von mir im Nebenzimmer warten müssen. Meine Eltern hätten sich in Grund und Boden geschämt. „Mensch ist Mensch“, hieß es immer. Unabhängig von Hautfarbe, Herkunft, Sprache oder sozialem Status. Nicht die Herkunft bestimmt, wer du bist. Dein Verhalten und deine Taten dagegen schon.
„Für Armut und für ehrliche Arbeit solltest du dich niemals schämen, Anna.“, predigte mein Vater immer. „Es gibt viel mehr Menschen, die sich für ihren Reichtum schämen müssten und dafür, wie sie ihn erlangten.“
In Worten lässt sich nicht ausdrücken, wie unglaublich dankbar ich meinen Eltern dafür bin, dass sie diese Wahrheit so tief in mir verankerten. Denn bis an mein Lebensende wird keine Macht der Welt, kein Wirtschaftssystem und keine politische Agenda an dieser Ansicht rütteln oder etwas ändern können.
Aber denken Sie jetzt bitte nicht, ich kategorisiere alle „Deutschen“, stecke sie in eine Schublade und stemple sie ab. Nein. Einige der gutherzigsten Menschen, die ich kenne, waren und sind deutsch. So ganz „richtig“ deutsch. Nie habe ich von diesen Leuten Ablehnung aufgrund meiner Herkunft erlebt. Auch einige unserer Nachbarn im Dorf empfingen uns mit offenen Armen und, das beruhte übrigens auf Gegenseitigkeit, fühlten sich durch die unterschiedlichen Kulturen bereichert. Und doch. Bis heute schlägt mir immer wieder Feindseligkeit entgegen, wenn es um meine Herkunft geht. Oft wird das Wort förmlich ausgespuckt: „Russland-Deutsche!“.
Menschen zweiter Klasse. In Russland der Deutsche, in Deutschland der Russe.
Ein Volk ohne Flagge. Und hier liegt der Punkt. All die Familien, all die Spätaussiedler, sie alle kamen nach Deutschland in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Für sich. Vor allem aber für die Kinder. In der Hoffnung auf eine gerechte Welt. Eine Welt, in der ihre Kinder ein selbstbestimmtes, glückliches Leben führen können.
Tja. Das lief anders als geplant.
Mit der Ankunft in Deutschland kam der Clash der Kulturen. Für meine Familie. Und für die meisten anderen Russland-Deutschen auch. Wir Kinder der Spätaussiedler sind mit einer Ambivalenz aufgewachsen, die uns unser ganzes Leben lang tiefgreifend verwirren wird.
Hier ein seichtes Beispiel: Im Alter von etwa 12 Jahren kaufte ich mir ein Paar Schuhe. Die Kassiererin verrechnete sich und gab mir zehn Euro zu viel wieder. Ich bemerkte den Fehler, sagte aber nichts. Zu Hause erzählte ich strahlend meinem Vater davon. Der setzte mich sofort ins Auto. Unrecht musste wieder gut gemacht werden.
„Zeichnet es dich als guten Menschen aus, wenn du den Fehler eines Mitmenschen ausnutzt?“, fragte mein Vater vorwurfsvoll. Natürlich nicht.
„Was, wenn die Kassiererin den Fehlbetrag aus eigener Tasche zahlen muss? Selbst Schuld? Pech gehabt?“. Natürlich nicht.
„Wie würdest du dich fühlen, wärst du an ihrer Stelle?“. Mies.
„Würdest du dich nicht freuen, wenn deine Mitmenschen dir gegenüber in einer solchen Situation ehrlich und fair wären?“. Doch, schon. Klar.
Ich hatte das schlechte Gewissen des Jahrhunderts. Wie hatte ich mich über den Fehler eines Mitmenschen freuen können, obwohl diesem auch noch negative Konsequenzen drohten?
Wie? Nicht wie. Was. Der Westen nennt es: Kapitalismus.
Ehrlichkeit. Gemeinschaftssinn. Loyalität. Das waren die Werte, die Kinder wie ich familiär mit auf den Weg bekamen. Für uns, die aber auch mit dem westlichen Gegeneinander, dem Konkurrenz- und Egoprinzip konfrontiert wurden, entstanden damit gravierende Probleme.
Hartes Urteil, finden Sie? Ich widerspreche. Denn obwohl Sie mir in dem Punkt zustimmen werden, dass politische Flüchtlinge aus dem Iran, Afghanistan, Syrien und anderen Diktaturen nicht nur mit kulturellen Unterschieden, sondern auch mit der Verarbeitung ihrer Traumata zu kämpfen haben, brachte bei Ankunft der Russland-Deutschen kaum jemand Verständnis auf.
Von allen Seiten missgünstig beäugt. Verschmäht, obwohl sie mit Leistung, Fairplay und Teamgeist überzeugten. Und, wenn auch für alle offensichtlich, so wollte sich doch kaum jemand die Blöße geben, den Zugezogenen ein Lob oder gar Anerkennung auszusprechen.
Mehr als ein herber Rückschlag für die Neuankömmlinge, die schon, obwohl dort geboren, von den Russen nie als ihresgleichen angesehen wurden. Nun endlich im gelobten Land ihrer Vorfahren waren sie aber auch hier nicht willkommen.
Als nehme man ihnen ihre deutschen Wurzeln übel:
„Wenn deine Familie damals unbedingt aus Deutschland weg wollte, dann bleibt doch auch für immer weg!“
„Scheiß Russen!“
„Geht dahin zurück, wo ihr hergekommen seid.“
„Untermenschen.“
„Kriminelle.“
„Verbrecher.“
„Frauenschläger.“
Übrigens: Nie habe ich etwas Heuchlerisches erlebt, als den deutschen Mann, der über den Ausländer in Punkto Freiheit und Rechte der Frau urteilt.
Natürlich gibt es böse Männer. Die gibt es überall. Aber bitte tun Sie sich selbst den Gefallen und posaunen Sie keine Meinung als Tatsache in die Öffentlichkeit hinaus, ohne Ahnung zu haben, wovon Sie eigentlich sprechen. Schauen Sie sich bitte vorher die erschreckenden Zahlen der in Deutschland verübten Verbrechen gegen Frauen an. Die Zahlen zu Femiziden und häuslicher Gewalt. Sie finden die Informationen auf der Website des Bundeskriminalamts. Und dann schauen Sie sich bitte ebenfalls an, welche Strafen hier in Deutschland an die Täter verhängt werden. Sie werden sich ob der Lächerlichkeit wundern.
Gewaltverbrechen eines Mannes gegen seine Partnerin oder Ex-Partnerin werden in der Türkei aufs Härteste bestraft. In Spanien wird in den Nachrichten jeder Femizid öffentlich bekannt gemacht. Können Sie dasselbe von Deutschland behaupten, dem so hoch gelobten, fortschrittlichen, emanzipierten Vorzeigestaat? Wir alle kennen die Antwort.
Aufgewachsen in einer Russland-Deutschen Familie wurde, entgegen der allgemeinen Meinung, nicht nur unheimlich viel Wert auf Bildung, sondern auch auf Kompetenzentwicklung gelegt. Ich, ja, ein Mädchen, lernte das Keyboard und das Klavier sowie die Mandoline zu spielen, lernte lesen, schreiben, rechnen, noch bevor ich eingeschult wurde. Ich half meinem Vater bei allen möglichen handwerklichen Arbeiten und meiner Mutter beim Umgraben der Gemüsebeete. Kurz gesagt: Es wurde kein großes Ding aus dem Geschlecht gemacht. Es war völlig irrelevant für uns Kinder. Und für die Erwachsenen ebenso.
Als erste der Familie habe ich erfolgreich an einer deutschen Universität studiert, habe als Sportwissenschaftlerin eine akademische Qualifikation, die für einen Sprössling, nicht dem Bildungsbürgertum entspringend, eher unüblich erscheint.
Moment: Nicht-Bildungshaushalt? Ich möchte hier mal etwas aufklären: Nur weil wir aus einem Land stammen, das von vielen für rückschrittig gehalten wird, sind wir noch lange nicht dumm.
Meine beiden Tanten arbeiteten in Russland als Lehrerin und Verwaltungsfachkraft. In Deutschland wurden ihre Studienabschlüsse nicht anerkannt. Meinem Vater wurde nach seiner Ausbildung zum Landmaschinenmechaniker, die er mit Auszeichnung abschloss, ein Stipendium für ein Ingenieursstudium angetragen. Weil er aber lieber mit den Händen schuf, schlug er es aus. Denn er musste nicht befürchten, weniger zu verdienen oder einen sozialen Abstieg aufgrund seiner „einfacheren“ Arbeit zu erleiden. Job war Job. Und sozialer Status, zumindest in den Kolchosen, war von Charakterstärke, Gemeinschaftssinn und Hilfsbereitschaft abhängig. Nicht von Ego-Denken und Ellenbogen-Hieben, Machtgeilheit, Selbstbeweihräucherung und Maulheldentum.
Vielleicht verstehen Sie jetzt, warum ich von Heuchelei spreche.
„Der böse Kommunismus!“, schreien die Leute. Ich gebe ihnen Recht. Und auch wieder nicht.
Sie sehen, mein heutiges Verhältnis zum Kommunismus (ich spreche hier von dem theoretischen Konstrukt, nicht von bereits in der Praxis gescheiterten Staatsformen) ist recht ambivalent. Das war nicht immer so. Hätten Sie mich als Kind gefragt, ob ich mich eher deutsch oder eher russisch fühle, die Antwort hätte eindeutig „Deutsch“ gelautet. Heute sage ich: Keins von beidem und doch beides. Denn, was soll ich sagen, mein Leben verlief anders als ursprünglich geplant.
Nach der Grundschule besuchte ich das Gymnasium. Hatte ich zuvor nur unterschwellige Negativität mir gegenüber gespürt, so verwandelte sich diese nun in offene Feindseligkeit. Ich wurde aufs härteste von meinen „deutschen“ Mitschülern ausgegrenzt, verspottet, gemobbt.
Und das sogar körperlich. Schule war scheiße, beschloss ich also. Ich besaß nicht die neuesten Klamotten, schon gar nicht irgendwelchen Marken. Und dann hatte ich auch noch Eltern mit Akzent, die niedere Tätigkeiten verrichteten. Mein Vater arbeitete im Steinbruch. Meine Mutter als Reinigungskraft.
„Sie sind sich selbst zu Schade dafür.“, sagte meine Mutter einmal traurig, „Aber anstatt dankbar zu sein, dass wir es ihnen abnehmen, verachten sie uns dafür.“.
Recht hatte sie. Und noch heute schmerzt es mich tief, wenn ich darüber nachdenke, wie meine und viele andere Eltern, die vor der Sowjetunion flohen, in Deutschland durch ihre Mitmenschen leiden mussten. Wie sie den Verfall und die Missachtung ihrer Werte ertragen mussten und immer noch müssen. Ich spreche hier von den kleinen Worten Gemeinschaft und Respekt. Worte, deren wahre Bedeutung heute in unserer kapitalistischen Welt schon weitestgehend verlorengegangen ist. Jedenfalls bestand ich mein Abi und ging studieren.
Nebenbei arbeitete ich. Und das fast jeden Tag. Das kannte ich schon von früher. Für uns hatte es nie Taschengeld gegeben. Also suchte ich mir mit 13 Jahren etwas, das nicht unter „Kinderarbeit“ fiel. Angefangen beim Zeitungen austragen und Babysitten bis hin zum Nachhilfeunterricht und einem Bürojob beim Anwalt. Dann Fabrik- und Fließbandjobs während der Schul- und Semesterferien und diverse Kellner- und Gastrojobs, um mein Studium zu finanzieren. Ich ging auch viel feiern, um mir den Frust von der Seele zu tanzen. Gefühlt war ich immer nur am Rotieren. Studium und Arbeit kamen sich häufig in die Quere. Ich brauchte doppelt so lange, wie es die Regelstudienzeit vorsah. Auch, weil mein Vater, der schon seit einigen Jahren stark depressiv und alkoholabhängig war, in dieser Zeit an Krebs verstarb. Ein Trauma, das ich bis heute nicht verwinden kann. Und wahrscheinlich niemals werde. Ich sah, wie dieser gutherzige, hochintelligente Mensch, ein handwerkliches Genie und ein immer hilfsbereiter, stets lebenslustiger Charakter, in seinen Grundfesten erschüttert, gedemütigt und verspottet wurde. Wie seine Werte und Normen und alle Glaubenssätze, die er vertrat, immer wieder belächelt wurden. Wie sein und unser Leben von allen Seiten als minderwertig, als wertlos erachtet wurde. Und wie er sich deshalb selbst zerstörte. Und ich nehme es Deutschland übel. So schlimm das klingt. Ich nehme es der deutschen Gesellschaft übel, die so war und die noch so ist. Euch. Wir und Ihr. Die Fronten sind geteilt. Als Deutsche kamen wir, wollten Deutsche sein, wollten eins sein, dazu gehören. Doch das beruhte nicht auf Gegenseitigkeit. „Ihr!“, hieß es. Immer wieder. „Ihr asozialen Russland-Deutschen.“. Erst kürzlich, im Zuge der Pandemie. In Fragen der Selbstbestimmung. Fragen der körperlichen Unversehrtheit, der sozialen Akzeptanz. Fragen, die dunkle, längst vergangene Ängste der Sowjetvergangenheit wieder heraufbeschworen. Und doch hieß es nur: „Ihr! Ihr habt doch keine Ahnung!“. Und jetzt? Jetzt sind wir gespalten. Jetzt sind wir ein Volk ohne Flagge. Weil eben einfach alles anders lief als geplant. Und ich bekenne: Ich bin eine Frau ohne Flagge. Innerlich zerrissen. Entzweit. Polarisiert.
Das Spiegelbild unserer Gesellschaft.
Wer entscheidet das eigentlich? Ein Gedicht über Alle Dummköpfe und ihre Erfindungen.
Dieser Kack Deckel von meiner Pfandflasche geht einfach nicht mehr ab.
Jetzt hängt er mir bei jedem Schluck im Gesicht
Mein Sabber läuft an mir herab
Ich mag diesen Kack Deckel an meiner Pfandflasche nicht.
Wenigstens auf die Bahn ist immer Verlass!
Ich warte schon 15 Minuten früher am Gleis und weiß,
dass ich wohl wieder den Anschluss verpass.
Dann ist die Wartezeit trotzdem niedriger als der Ticketpreis.
Im Restaurant weicht mein Strohhalm nach 5 Minuten auf
Er ist nur noch eine undefinierbare Masse
Gleichzeitig fliegen Leute Strecken, die ich lauf´
Das liegt wohl an der Gesellschaftsklasse.
Besonders das Schulsystem floriert,
Der Lehrer kann doch gegen Stress mit Yoga entspannen
Dann kann man ganz problemorientiert
Sich wärmen an den Schulwandflammen
Immerhin sind wir noch eine Demokratie
Sind wir doch, Frau Weidel? Oder?
Denn nur jedes dritte Genie
Wählte diesen braunen Moder.
Und wer kam überhaupt auf die sau doofe Idee mit dem Joghurtdeckel?
Einmal war ein Deckel gut und sie nehmen ihn mir weg!
Wer war dieser hundsblöde Seckel?
Statt des Deckels hängt da jetzt nur noch dieser Aludreck.
Zum Glück bin ich ja perfekt
Denn ich liege niemals daneben
Und hast du hier einen Fehler entdeckt
Lass mich dir eine Brille geben.
Dromedar/Couch bzw. die Farbe des Himmels
Die Person betritt den Raum in dem die Ärztin wartet.
„Setzten Sie sich gerne dort hin.“ Deutet auf einen Sitzplatz. Die Patientin schaut sich um, sieht nur ein sehr klein geratenes Dromedar, dort wo die Ärztin hinzeigt.
„Auf das Dromedar?“ fragt sie ungläubig. Die Ärztin lächelt, nickt und sagt „auf die Couch“. Verwundert und -unsichert sattelt die Patientin auf und blickt aus dem Fenster.
Draußen ist der Himmel grau und verdunkelt. „Es wird bald regnen“, denkt sie.
„Wie ist es ihnen diese Woche so ergangen? Seit letztem Dienstag?“
Die Ärztin schaut von ihrem Kalender auf.
„Heute ist ja erst Samstag…Das sind 6 Tage seit Dienstag“ murmelt die Patientin.
Die Ärztin seufzt und trägt etwas auf ihrem Klemmbrett ein.
“Und wie ging es Ihnen, in der letzten Woche. Hat sich etwas geändert, welche Farbe hat der Himmel?“ fragt sie.
„Na Lila, aber das hab ich doch schon tausendmal gesagt.
Lila, Lila, Lila. Seid das mit dem Atomwerk passiert ist: Lila“
Die Ärztin nickt und seufzt. Gestern ist ihre Kazte weggelaufen, daher kann sie sich schlecht konzentrieren und fällt immer wieder in unprofessionelle Verhaltensmuster.
„Wir hatten doch darüber gesprochen…das Atomwerk wurde nicht gehackt
und der Himmel hat immer noch die Farbe…“
„- LILA! Sie wollen mir doch nur nicht die Wahrheit sagen, weil dann SIE unrecht hätten.
Aber alle, die ich frage sagen: „es ist so!“ Lila.
Sie wollen nur nichts zugeben weil die da oben sie bezahlen…“.
Die Patientin deutet mit dem Zeigefinger hoch.
“Aber das ändert ja nichts daran, mit dem Lila. Heute mehr lila als gestern. Ewas dunkler wenn sie mich fragen. Dunkellila sozusagen!“.
Die Patientin rutscht umständlich auf dem Dromedar hin und her und ist sehr aufgebracht. Sie fragt sich warum hier eigentlich alle verrückt sind? Und trotzdem sie diejenige ist die nun weiße, blaue und (zugegebenermaßen ironisch:) lila Tabletten nehmen muss. Auf der Anderen Seite des Schreibtisch fragt sich die Ärztin, wann der Dienstag kommt an dem die Patientin den Himmel als das sieht was er ist: Blau.
Der Krankenpfleger ist voluminös, genau wie die Patientin.
Nach 4 Monaten Medikamenteneinnahme hat sich ihr Bauchumfang verdoppelt.
Es ist der Tag der Entlassung: Unehrenhaft, da keine Besserung im Hinblick auf die Wahrnehmung der Farbe der Skyline auftrat, mal ganz zu schweigen von der Überzeugung mit dem Atomkraftwerk.
„Auf Wiedersehen“ meint er mit einer gewissen Ironie.
„Auf Nimmerwiedersehen“ entgegnet die Patientin und tritt hinaus, in eine lilane Mittagssonne.
Ich dachte an das Dromedar zurück, ein warmer Rücken nur für mich in einem Raum der sonst keinerlei Verständnis für meine Gefühle oder Wahrnehmung herrschte. Dromedare sind wundersame Wesen. Komisch es in einem Krankenhaus zu finden.
122 Tage, waren vergangen. Nun stand mir die Welt wieder offen. Es hat für mich etwas befreiendes, die Welt zu sehen wie sie ist. Und dass die Menschen um mich sie nicht sahen, war heute zweitrangig.
Ich konnte ins Schwimmbad gehen, im orangen Wasser baden.
Ich konnte schwarz/weiße Eiskugeln kaufen.
Und ich konnte im blauen Grass liegen, unter lila Himmel und im grünen Licht der Sonne darauf warten, dass alle Anderen mal richtig die Augen aufmachen und sehen, was vor ihnen liegt.
Drei Gedichte
postreligiös
den gottesgedanken
ausschleichen lassen
aus dem gedächtnis
der menschheit
wie ein betäubungsmittel
das immer weniger wirksam
endlich abzusetzen ist
wenn der mensch aber dann
gott abgesetzt hat
und nach dem entzug
vom opium der frommen
ganz clean geworden
welche substitutionen
bemächtigen sich wohl
des himmelschreienden vakuums
klimakatastrophen
wir sind so wetterwendig
hängen die fahnen nach jedem wind
trotzen nicht dem braunen sturm
noch den überschwemmungen des kapitals
verXfachte parolen
die atmosphäre vergiftet
bis wieder stahlgewitter
am horizont aufziehen
unter kanonendonner
kugelblitze einschlagen
und am ende die ganze welt
im atomsauren regen steht
zweifel am zweifel
hab längst nicht mehr
an gott geglaubt
vielmehr
an den menschen
an die vernunft
an den fortschritt
an die wissenschaft
an die marktwirtschaft
an die algorithmen
seh ich mir aber
das unselige treiben
auf unserem planeten an
kommen mir zweifel am
nicht-an-gott-glauben
IFC Chongqing 2024
Die Konferenz fand in einem Hotel in Chongqing statt.
Es war August, das Thermometer zeigt 32,9 °C. Eine Smogwolke hing grau über der Stadt und verwandelte sie zusammen mit der Hitze in einen brodelnde Kloake aus schmelzendem Asphalt , Abgasen und verrottendem Müll. Das Hotel hatte keine Klimaanlage. Beziehungsweise es hatte eine, aber sie war kaputt. Genau wie der
Fahrstuhl.
Glenda Gusman hatte mehr von China erwartet. Vor allem mehr Effizienz.
Sie fächerte sich mit ihrem Programmheft Luft zu. Billiges Papier.
Bryce sparte gern. Oder er hatte einfach keinen Stil, schließlich war er Amerikaner. Wohl eher Zweiteres. Sein Anzug war maßgeschneidert, aber mit Paisleymuster. Er tupfte sich den Scheiß von der Stirn, während er schnellen Schrittes auf sie zueilte.
Er drückte ihr nasse Schmatzer auf beide Wangen. „Madam Gusman! Sie werden mir jedem Jahr schöner“, er zwinkerte ihr verführerisch zu. „Was ist ihr Geheimnis? Ginseng? Oder Nashornhornpuder?“, er machte eine verschwörerische Pause. „Gute Gene?“
Sie beide lachten.
„Es ist das Licht“, sagte Glenda und fasste sich sacht an die Wange. „Das Etablisment, dass Sie ausgewählt haben schmeichelt meiner Haut.“
Das war eine Lüge. Das Licht schmeichelte den staubigen Vorhängen und billigen grünen Bodenfliesen aber keinem menschlichen Wesen.
Bryce Dackelaugen wanderten zu der grellen Neonröhre an der Decke. Sie warf Schatten auf seine Stirn und ließ seine Falten tief wie den Grand Canyon erscheinen.
Bryce wandte seinen Blick wieder ihr zu und räusperte sich. „Es freut mich, dass es Ihnen gefällt. Wissen Sie, es wird immer schwerer einen passenden Ort zu finden. Vor zehn Jahren haben wir uns noch im Plazahotel getroffen und jetzt sind wir gezwungen, in solchen Absteigen zu tagen. Ganz im Vertrauen“, er kam ihr wieder näher. „Ich kann diese Schlitzaugen nicht ausstehen. Sie sind einfach nicht wie wir. Sie sind dreckig, unhöflich und Englisch sprechen sie auch nicht.“
Zhang kam auf sie zu und Bryce klopfte ihm sogleich freundschaftlich auf die Schulter. „Zhang, alter Freund, wir sprachen gerade von Ihnen!“
„Hoffentlich nur Gutes“, er überging Bryce galant und nickte Glenda zu. „Madam Gusman, schön Sie hier zu sehen, wie laufen die Geschäfte in Europa?“, fragte er in perfektem Englisch.
Glenda wandte sich Zhang zu, sodass Bryce nur noch ihre kalte Schulter zu sehen bekam und sich wohl oder über einen anderen Gesprächspartner suchen musste.
Zhang reichte ihr galant ein Glas eisgekühlten Champagner. Glenda nippte daran, die kleinen Bläschen prickelten auf ihrer Zunge. „2016 Champagne Brut Cristal“, mutmaßte sie. „Nein, Moment. 2015.“
Zhang zauberte besagte Flasche hinter seinem Rücken hervor. „Auf die Franzosen ist Verlass.“
Er prostete ihr leicht zu, bevor er einen Schluck direkt aus der Flasche trank. Sie beobachtete wie er schluckte, den nassen Film, den der Champagner auf seinen Lippen hinterließ.
„Die Geschäfte laufen. Mal besser, mal schlechter“, sagte Glenda und stellte ihr Glas auf einen Sockel neben die Figur einer chinesischen Tänzerin, der eine Hand fehlte.
„Der Markt ist da, ohne Frage, aber die Vertriebswege sind schwierig. Die Ware zu beschaffen allein. Und europäische Kunden sind wählerisch. Nur das Beste vom Besten für ihre königlichen Töchter oder neuen Stuhlbezüge.“
„Nun, Sie haben ein Händchen dafür, die richtigen Produkte auszuwählen“, sagte Zhang und machte eine Geste in Richtung Glendas weißen Kleides, das einen Saum aus zartem, weißen Pelz hatte. „Dieser Schneeleopard steht Ihnen hervorragend. Tibet 2008?“
„2009.“
„Natürlich“, Zhang lächelte.
Perfekte Zähne. Von Natur aus, nicht gemacht.
Sie erleichterte die handlose Figur um das Glas und prostete Zhang leicht zu.
Am Büffet traf sie Romanovsky. Er hatte eine Schwäche für Leopardenpelze.
Oder es war eine Schwäche von Russen im Allgemeinen. Es war eine Farce, eine Konferenz über Pelze an so einem heißen Ort abzuhalten. Das fand Romanovsky Leopard auch. Er saß hechelnd neben ihm, ein diamantenbesetztes Halsband um den Nacken, das mit einer dicken Leine verbunden war, die Romanovsky fest in der Hand hielt. Mit der anderen Hand griff er immer wieder in eine Schale mit gebratenem Fleisch und fütterte die Raubkatze mit kleinen Bröckchen.
Glenda fuhr mit ihren Fingern durch das Nackenfell des Leoparden. Das Tier grollte warnend. „Hallo Romanovsky.“
Romanovsky gab ein tadelndes Zischen von sich. „Nicht doch, Milaya. Glenda tut doch keiner Fliege was zur Leide.“
Romanovsky und Glenda lächelten sich an. Zwei Raubtiere, die sich aus der Savanne kannten und jetzt im Zoo wieder sahen.
Seine Zähne waren gemacht und auf seiner Stirn keine einzige Falte. Die Nase makellos, die Lippen rosig und aufgepolstert. Im letzten Jahr war er zehn Jahre jünger geworden.
„Wo ist denn deine Verlobte?“, fragte Glenda und nahm sich einen winzigen Teller mit noch einem winzigerem Stück Kuchen, der mit einer perfekten Rose aus Creme verziert war.
Romanovsky seufzte abgrundtief und schüttelte den Kopf. „Bedauerlich, Glenda, sehr bedauerlich. Ein Unfall. Der Zug hat sie erwischt, mitten in St. Petersburg. Ein Blutbad, sag ich dir. Hat mir die Schuhe ruiniert. Ich stand direkt daneben, musste alles mit ansehen.“
Er verfütterte ein weiteres Stück Fleisch an seine Katze.
„Das muss dich schwer getroffen haben.“
Romanovsky legte sich in tiefem Bedauern eine Hand auf seine Brust. „Ja, wirklich. Aber was soll man machen? Wollen wir nicht über erfreulichere Dinge sprechen? Wenn du das verfrühte Ableben meiner Geliebten verfolgt hast, dann hast du auch sicher schon von der Nerzfarm gehört, die ich in der Ukraine bauen lasse? Dieses
Kriegsgetue da hält einem die Behörden vom Hals. 70000 Quadratmeter. Vollautomatisiert. Alles unterirdisch. Die kleinen Bastarde sehen nie das Sonnenlicht.“
„Und lass mich raten, du bist noch auf der Suche nach Investoren?“ Glenda biss in den Kuchen. Kuchen schmeckten umso grässlicher, umso schöner sie aussahen.
Dieser hier war keine Ausnahme.
„Immer direkt auf den Punkt, so kenne und liebe ich dich“, Romanovsky zog eine zerknitterte Broschüre aus seinem Leopardenpelz und reichte sie ihr. „Ich weiß, Nerze sind normalerweise nicht dein Gebiet, aber denk nur mal an die Expansionsmöglichkeiten…“
Glenda kam nicht mehr dazu, über die Expansionsmöglichkeiten nachzudenken.
Die Fenster zerbarsten. Mehrere Männer, bis an die Zähne bewaffnet schwangen sich in den Raum. Gekleidet in schwarz. Militärstiefel. Einer der Männer schwang wie wild einen Säbel. Bei diesem Manöver verlor die Figur der chinesischen Tänzerin ihre zweite Hand.
Milaya aufgeschreckt von diesem Tumult, riss sich von Romanovsky los, der ein russisches Schimpfwort ausstieß. Fauchend jagte Milaya durch den Raum. Die Männer schossen auf sie. Glenda konnte nicht erkennen, ob sie den Leoparden erwischten, aber sie erwischten einen der Carvalhozwillinge, als der es dem Tier gleich tun und die Flucht ergreifen wollte. Er krachte auf den Boden, ein rauchendes Loch in der Stirn. Sie meinten es also Ernst. Glenda stellte ihren Teller mit dem Kuchen ab.
„Polizei?“, fragte Romanovsky und kratzte sich am Hals, während die Männer sich mit erhobenen Waffen in einem lockeren Halbkreis aufreihten.
„Eher chinesische Mafia“, mutmaßte Glenda. Die Polizei verfügte nicht über die Ausrüstung, die diese Jungs mit sich herumschleppten.
„Richtig“, zischte Romanovsky ihr zu. „Dumm von mir.“
Glenda verschränkte die Arme und lehnte sich zurück.
Bryce lief mit erhobenen Armen und wehender Krawatte auf den Anführer der Bande zu, der sich jetzt mittig im Raum aufbaute. Ein bulliger Kerl mit attraktivem Gesicht. Alter Mafia Geldadel, das sah Glenda auf den ersten Blick. Gewöhnliche Kriminelle umgab stets diese Aura aus Verzweiflung und Elend. Sie waren kriminell, weil ihre Regierung korrupt war, ihre Kinder verhungerten, jemand ihre Frau vergewaltigte oder sie Analphabeten waren. Dieser Mann war kriminell, weil das sein Familienerbe war. Das war Glenda sympathisch.
Byrce gehobene Arme waren keineswegs eine Geste von Ergebenheit, sondern von Rage. „Du“, rief er. „Was fällt dir ein, hier einfach so hereinzuplatzen? Die Rechnung für die Fenster zahle ich jedenfalls nicht. Und die Reinigung für diese Sauerei auch nicht“, er gestikulierte wild auf Carvalhos Leichnam. „Du beschämst mich, was sollen
meine Gäste denken?“
Der Mafioso runzelte die Stirn und hob leicht seine Kalaschnikow. „Das hier IFC Konferenz?“
„Seht ihr, seht ihr“, brauste Bryce auf. „Noch nicht mal Englisch sprechen diese Reisfresser. Wie soll ich bitte mit diesem Kerl verhandeln, wenn er nicht mal sagen kann, was er denn will? Gott, im nächsten Jahr gehen wir nach Mexiko. Da lernen sie wenigstens unsere Sprache, für den Fall, dass sie es irgendwann mal über die Mauer schaffen.“ Mit einem erschöpften Seufzer wandte er sich dem Mafioso zu. „Ja ja, das hier ist die IFC“, sagte er langsam und betonte jede Silbe. „Also, warum der Besuch?“
„International Ferrari Conference?“, versicherte sich der Mafioso und suchte mit dem Blick den Raum ab, bis er an dem Rednerpult hängen blieb, das auf Bryce Rede wartete. Es wurde von einem weißen Banner mit einem Saum auf feinstem Rotluchsfell geziert. IFC stand in großen schwarzen Lettern darauf. International Fur Conference.
„Wo Benedetto Vigna?“, fragte der Mafioso zweifelnd.
Glenda zog eine Grimasse. Nicht der beste Tag für diesen Kerl.
„Wer soll das sein?“, zeterte Bryce.
„CEO von Ferrari“, klärte sie Romanovsky unnötigerweise auf. „Hab ihm mal für seinen Toyboy einen Schlüpfer aus Chinchillafell verkauft.“
„Brisant“, murmelte Glenda.
Eine Entführung samt Lösegelderpressung war hier also geplant. Hätte der Mafioso seine Hausaufgaben gemacht, dann wäre er vielleicht darauf gekommen, dass Ferrari es nicht nötig hatte, Konferenzen in Abstiegen in Chongqing abzuhalten. Die einzigen, die es hier zu entführen gab, waren internationale Echtpelzhändler und
niemand zahlte Geld für Kriminelle. Was dazu führte, dass alle Echtpelzhändler in diesem Raum absolut wertlos für den Mafioso waren, was kombiniert mit der schlechten Laune, die wahrscheinlich gerade in ihm aufkam, schnell ungemütlich werden konnte.
Langsam schien sich diese Vorahnung im Raum auszubreiten, denn die Leute begannen unruhig mit den Füßen zu scharren. Blicke wanderten durch den Raum, suchten nach Fluchtwegen. Hände glitten zu versteckten Waffen in Stiefeln und Hosenbünden.
Bryce schien es auch zu kapieren. Er ließ die Arme sinken und eine Ader an seinem Hals begann zu pochen. Er lachte nervös. „Aber wir können doch über alles reden, mein Freund. Wir finden sicher eine Lösung, die uns alle hier zufrieden rausgehen…“
Bryce würde nirgendwo mehr hin gehen, denn dem Mafioso jagte ihm ohne mit der Wimper zu zucken eine Kugel in die Brust. Bryce ging röchelnd zu Boden und tastete mit fahrigen Fingern nach dem Loch in seiner Brust.
Schlechter Schütze. Glenda hatte mehr erwartet.
„Zeit zu verschwinden“, sagte Romanovsky und schwang sich mit einer eleganten Bewegung unter den Büffettisch, während er Glenda mit sich zog. Um sie herum brach währenddessen das unvermeidliche Chaos los. Die lange Tischdecke schirmte sie ab und man konnte nur an Hand der Geräusche interpretieren, was da
draußen geschah. So viel gab es nicht zu sagen, ein klassisches Massaker eben.
Glenda ärgerte sich über den Boden, der scheinbar noch nie geputzt worden war, den der weiße Stoff ihres Kleides hatte an den Knien bereits braune Flecken. Sie mochte dieses Kleid. Sehr.
„Ich kenne eine Reinigung in Moskau“, flüsterte Romanovsky. „Die kriegen das wieder raus. Und wenn du nach Moskau kommst, können wir auch gleich weiter über die Nerzfarm sprechen. Mein Bekannter aus Tschernobyl stellt so ein Kraftfutter her, damit wachsen die kleinen Bastarde innerhalb eines Monats von 10 auf 40cm. Das ist
eine Goldgrube, Glenda. Und jetzt, wo Bryce raus ist, da haben wir beide ganz andere Möglichkeiten.“
Etwas auf dem Tisch wurde von einer Kugel getroffen und fiel klirrend auf den Boden. Klebrige Limonade sickerte durch die Tischdecke und tropfte durch die Ritze, wo zwei Tische zusammengeschoben worden waren, in Glendas Haare.
Sie wischte sich die Tropfen von der Stirn und bedeutete Romanovsky auf der entgegengesetzten Seite des Tisches herauszukriechen. Er schüttelte wehement den Kopf. Feigling.
Etwas schweres krachte auf den Tisch. Vielleicht hatte der Mafioso vor lauter Wut das Rednerpult durch den Raum geschleudert.
Glenda kroch an Romanovsky vorbei, warf ihm eine Kusshand zu. „Ich seh dich dann in Moskau.“
„Ich wusste, du bist dabei.“
Sie zwinkerte ihm zu und kroch unter dem Tisch hervor. Er stand nicht weit von der Wand entfernt, sodass sie sich daran entlang schieben konnte, das Massaker im Blick. Auf beiden Seiten hatte es Verluste gegeben. Sie sah den anderen Carvalhozwilling aufgespießt auf den Säbel und den Kerl, den Säbel geschwungen hatte aufgespießt auf den Stab der chinesischen Flagge, die mal in der Ecke gestanden hatte.
„Madam“, zischte jemand. Glenda sah sich nach Romanovsky um, aber der versteckte sich immer noch unter dem Tisch. Stattdessen packte Zhang ihre Hand und zog sie recht grob hinter eine Art Geheimtür, die sich in der vertäfelten Wand auftat.
Er schloss sie und sie befanden sich in einer dunklen, engen Kammer.
Immerhin tropfte keine Limonade mehr auf Glenda. Ihr Rücken war gegen die Wand gepresst und ihre Vorderseite gegen Zhang, auch wenn der sich sichtlich Mühe gab, ihr Raum zu geben.
„Wie erfrischend“, sagte Glenda. „Jemand Lebendiges.“
„In altem Gebäuden wie diesem wurden früher versteckte Wandschränke gebaut“, erklärte Zhang. „Man wollte die Ästhetik des Raumes wahren und nicht durch Möbelstücke verschandeln.“
„Sie sind sehr gebildet für ihr Alter.“
„Und sie sind ausnehmend schön.“
Er sagte nicht für ihr Alter.
Glenda beugte sich vor und küsste ihn. Seine Lippen waren weich und sinnlich und der Kuss war von einer Qualität, die seinen tadellosen Manieren in Nichts nachstand.
Glenda zog sich zurück und konnte seine Silihuoette in der Dunkelheit nur schemenhaft ausmachen. „Shanghai 2003?“
„2002.“
„Waren sie schonmal in Frankreich?“
„Bedauerlicherweise nicht.“
Sie stützte sich mit einer Hand an der Wand ab, ihre Knie streiften seine. Es war heiß hier drin, sie spürte, wie ihr Schweiß ihr Kleid weiter ruinierte. „Ich habe ein Haus an der Côte d’Azur. Wir sehen uns dort.“
„Mandam—“, er wollte sie aufhalten, griff nach Ihrer Hand, aber Glenda hatte bereits die Türe des Wandschranks aufgestoßen. Sie zog die Glock aus ihrem Dekolte und erschoss den Mafioso. Eine Kugel präzise zwischen die Augenbrauen. Danach erschoss sie auch seine beiden verbliebenen Komplizen.
Sie bahnte sich einen Weg zwischen den Leichen und zerborstenen Möbelstücken hindurch. Die Gesellschaft der internationalen Echtpelzhändler war beachtlich geschrumpft. Unter den Verlusten war auch Romanovskys Leopard, aber den konnte man immerhin noch häuten und zu Geld machen, wohingegen die meisten der
Echtpelzhändler tot genauso nutzlos waren, wie zu ihren Lebzeiten.
Glenda schritt bis zu Bryce. Er drückte sich eine Hand auf die Brust, seine Lunge pfiff und füllte sich langsam mit Flüssigkeit.
„Bryce“, sagte Glenda und ging in die Knie. „Sie sehen nicht gut aus. Ich würde Ihnen gerne helfen, aber dann kam dieser Vorschlag von Ihnen, die nächste Konferenz in Mexiko abzuhalten und da ist mir ehrlich gesagt die Lust vergangen. Bedauerlich.“
Sie klopfte ihm auf die Schulter. „Ich hab die USA ehrlich gesagt nie so im internationalen Echtpelzhandel gesehen. Ihr Amerikaner habt einfach keinen Stil. Ihr müsst verstehen, dass nur, weil ihr den Cheeseburger erfunden habt, euch nicht die Welt gehört. Europa. Russland. China. Das ist unsere Zukunft.“
Sie richtete sich auf und strich ihr Kleid glatt. Sie stellte erfreut fest, dass es weniger ruiniert war, als sie gedacht hatte. Sie wollte schon gehen, wandte sich aber ihm nochmal zu. „Ach, und außerdem ist IFC wirklich kein guter Name. Die falschen Leute könnten durch ein wenig Geflüster schnell auf die Idee kommen, es handle sich um die
internationale Ferrari Konferenz.“
Sie zwinkerte ihm verschwörerisch zu.
Mit großen Schritten durchquerte Glenda den Raum, seufzte über den kaputten Fahrstuhl und lief dann die zwei Stockwerke nach unten auf die Straße. Der graue Smog begrüßte sie und sie winkte schnell ein Taxi herbei, dass sie aus der Stadt brachte.
Kinoabend
Irgendetwas zieht dich ins Kino. An der Kasse hängt das Preisschild: “Deine wahre Natur”. Du gibst sie ab und betrittst den Kinosaal. Das ist der Moment deiner Geburt. Das schreiende Baby auf der Leinwand bist du.
Der Film zieht sich, aber das stört dich nicht, es bleibt spannend, das Kind wächst heran, entdeckt die Welt und sich selbst. Jeder Tag ist neu, jede Nacht enthüllt ein weiteres Geheimnis.
Alsbald kommt das andere Geschlecht ins Spiel, jetzt wird es noch spannender, ganz berauscht sitzt du da, der Film zieht dich jetzt ganz in seinen Bann. Erfüllung scheint möglich. Glück scheint möglich. Das Versprechen ist groß.
Doch bald zeigt sich: Das Leben ist klein. Die Sehnsucht erfüllt sich nicht, das Glück bleibt nicht. Der Mensch im Film tut dir plötzlich leid. Es wird dir schwer ums Herz, ja erstmals ist es wirklich unbehaglich, erstmals hegst du den Wunsch, den Kinosaal zu verlassen.
Einmal versuchst du es sogar. Doch kannst du nicht aufstehen von deinem Sitz. Seither weißt du: Du bist als Zeuge an jenen Menschen gebunden.
Der Mensch indes gibt noch nicht auf. Dir ist klar: Er wird nicht finden, was er sucht. Doch davon will er noch nichts wissen. Es ist ein seltsames Gefühl, das mitanzusehen. Es ist, als würde dieser Mensch dir immer fremder, als habet ihr nichts mehr miteinander zu tun.
Es ist ein lebendiges Paradoxon: Du hast den Menschen aus dir heraus geboren, auf dass er in der Heimatlosigkeit die Heimat suche, derweil sie dort wartet, wo es ihn gar nicht gibt.
Und auch dies ist paradox: Was dich in die Fremde treibt, das zieht dich gleichsam wieder in sich zurück. Nur musst du noch warten, bis der Mensch so weit ist. Bis sich der Teil von dir, der dort ist, seiner Sehnsucht ergibt.
Einige Jahre später ist es so weit: Der Mensch hat die Suche aufgegeben. Und dich im selben Moment wiedergefunden. Er hat dich gleich erkannt und freudig begrüßt. Jetzt kannst du aufstehen, jetzt verlasst ihr gemeinsam das Kino, jetzt kehrt ihr heim in eure wahre Natur.
Dann sitzt ihr noch eine Weile gemeinsam im Kinosaal, schaut euch den Film gemeinsam zu Ende an. Der Mensch lebt nun in eurem Geiste. Das Leben plätschert noch eine Weile vor sich hin. Rundherum inszeniert die Welt das übliche Drama: Babys schreien, Orkane toben, Träume zerbrechen, tausend Tode stirbt das Herz. Dann lässt es los.
Spiritualität und Wissenschaft
2 Menschen, 2 komplett unterschiedliche Leben.
Wenn sie sich gegenübertreten würden und teilen, was sie und wie sie ausleben.
Liegt das in der Menschennatur, was gegen Verhaltensweisen zu haben, wenn man dem nicht zustimmt?
In einer Nacht, an einem Tag.
Im Winter oder gerade, wenn die Sonne scheint.
Auf der Wiese, oder wenn man gerade eine Bootsfahrt betreibt.
Beiläufig oder verabredet.
Gleich alt, oder gleich jung.
Geschieden oder verliebt.
Beginnend oder ergänzend,
fangen sie zu sprechen an:
,,Glaubst du eigentlich an das, was du nicht siehst?’’
,,nö, ich muss es erst gesehen haben, damit ich es glaube.’’
,,Aber du glaubst an das, was wissenschaftlich bewiesen wurde?’’
,,Ja, tu ich.’’
,,Hast es aber nicht gesehen.’’
,,Doch, Bilder.’’
,,Dann passiv’’
,,Gut, dann wohl passiv.’’
,,Also Augenzeugen?’’
,,Ja, bedingt.’’
,,könnten auch was behaupten.’’
,,sind professionelle. Wissen doch, was sie tun.’’
,,muss es physikalisch da sein, damit du glaubst?’’
,,ich sollte dazu fähig sein, es zu sehen, ja.’’
,,finde ich schwierig.’’
,,du glaubst das blinde, also bitte.’’
,,du glaubst auch unbewusst blind.’’
,,vielleicht.’’
,,könnte ich dich dazu überzeugen?’’
,,versuchs’’
,,Lässt du dich wirklich dann darauf ein? Zum beispiel auf einen Gott?’’
,,nein, finde ich unsinnig.’’
,,Warum bist du so stur? Wirst du nie?’’
,,Nie’’
,,Wie kann man sich so sicher sein.’’
,,Wirst du jemals ungläubig sein?’’
,,Hoffentlich sage ich nie anderen Gläubigen, dass ich gläubig wäre, während ich eigentlich nicht glaube. Sprich Gebet, etc., aber er weiss was in meinem Herzen ist. Denn die Menschen, die sagen, sie glauben und es nicht tun, sind am schlimmsten. Weiss ich aber nicht, was passieren könnte. Würde aber immer zurückkehren.’’
,,ja, siehste.’’
,,Ja, sehe. Von auf grund aus anders.’’
,,kann mich damit anfreunden.’’
,,Muss aber nicht so sein. Kann auch anders in zukunft sein.’’
,,Muss nicht. Stimmt. Will ich aber und weiss ich.’’
,,Was ist denn deine haltung zu gläubigen?’’
,,sollen die machen was die wollen.’’
,,muslimen?’’
,,Ist mir zu menschenfeindlich und extrem.’’
,,wird ja immer schlimmer.’’
,,Schrecke nicht zurück, meine meinung zu sagen.’’
,,ja, deine blinde meinung.’’
,,ja, wie du glaubst.’’
,,außer das es zu deiner meinung, ein heiliges buch gibt.’’
,,gibt es zu deinem gott nicht?’’
,,Doch. Aber du lügst, ich folge meinem Glauben.’’
,,sage nur, was ich gesehen habe.’’
,,gesehen, meinung gebildet und dein glauben nicht weitergeführt’’
,,weitergeführt in…?’’
,,In Wissen.’’
,,Weiss ich ja schon.’’
,,Tust du nicht. Du täuschst dich dabei nur selber.’’
,,Du glaubst an einen Gott.’’
,,Ja. Dass die Erde als Ruhe und der Himmel als Schutzdach dient, ist dir als Zeichen nicht genug? Die Ernte von der wir uns ernähren?’’
,,Verspotte ich dich gerade?’’
,,Denkst du.’’
,,Auch wenn es so viele Prophete gegeben hat, die das Licht herbeigeführt haben.
Wenn es leuchtet, läuft ihr rein.
Wieso stehst du dann verzweifelt ins Dunkel?’’
,,Verstehe ich einfach nicht. Was ist mit dem Kopftuch?’’
,,Was ist damit?’’
,,Nur Frauen. Wieso keine Männer? Was soll ich sonst darüber denken?’’
,,Warum zählt ihr immer nach, was Gott befohlen hat und argumentiert immer darüber?
Ich dachte, alles wirkt für dich eh unsinnig. Wieso lässt du dann deine meinung nicht fallen?’’
,,hast doch auch bestimmt eine über mich.’’
,,Wer bin ich, dass ich sie offen preisgibt? Ich weiss nichts, was in deinem herzen ist.’’
,,Dein Gott tut es aber.’’
,,Hast du über ihn doch gerade auch. Er beleidigt aber im Gegensatz zu dir nicht oder sagt was über eure Person.’’
,,es ist einfach falsch was du glaubst.’’
,,du kämpfst wirklich die ganze zeit gegen mich an, bis ich nicht glaube, oder?’’
,,Ja. Du verschwendest deine Zeit. So viel Kritik, was man vom Koran sagen könnte. Als Gott meinte, dass euer Prophet seinen Sohn opfern sollte.’’
,,Um ihn im Glauben zu testen und als er dabei war, hat er ihn gestoppt und ihn mit einem Schaf belohnt. Gott hat ihn erschaffen, denkst du nicht, er dürfte mit seiner Schöpfung tun, was er will? Abraham mit dem Vogel, das war auf Gottes Befehl und er hat den Vogel wieder zum Leben erweckt. Er weiss, wie man etwas schmerzlos macht und was für wen geeignet ist und wieso.
Als Saul gegen Goliath ankämpfen musste, aber sie nichts getrunken hatten, dachten sie, sie hätten keine Kraft mehr. Haben es aber durch Gottes willen trotzdem geschafft, weil sie auf ihn gehört hatten, nicht daraus zu trinken.’’
Lebenslauf:
Der Gläubige ist der Überzeugung, dass man nutzen sollte von dem, was einem gegeben wurde.
Darin spielt bsp. Bildung, Nahrung etc. eine Rolle, also alles, von dem man profitiert.
Deshalb sollte man mit dem Nutzen gut umgehen (verbreiten, teilen, aufbewahren, für gutes und auf fairer Weise ausgeben).
Wenn man sein Bestes tut und dankbar ist, dann wird man es auch immer haben.
Dabei begleitet einen weder Furcht noch Trauer.
Es ist wichtig, dass man spendet und am besten das Geld versteckt und den Armen gibt (bzw. nicht öffentlich, damit nicht die Absicht ist, anderen zu gefallen oder zeigen, wie viel Vermögen man besitzt).
Wenn man es aber trotzdem tut, ist es keine Sünde. Es ist aber auf andere Art und Weise besser.
Denn arme Menschen begeben sich in Bedrängnis. Sie sind nicht in der Lage, sich in der Erde zu bewegen (für Handel), halten sich aber zurück (fragen nicht um Hilfe), was uns glauben lässt, dass sie wohlhabend wären.
Alle Menschen von uns streben an, tausende von Jahren zu leben. Aber ein weiteres Jahr wird nicht sündenfreier sein, als das andere. Das ist so, wie Gott uns erschaffen hat. Hätten wir auch mehrere Jahre zu leben, würde es nichts an unserer menschlichen Natur ändern.
Viele Menschen, die nicht glauben, gehen nach ihren Väter, weshalb sie automatisch denken, dass sie Recht hätten.
Oder sie verbieten etwas, was eigentlich erlaubt wurde.
Wichtig hier zu betonen ist, dass wenn ein Gläubiger das tun würde, was Ungläubige tun, wird es als Sünde aufgezählt oder macht jemanden im schlimmsten Fall ungläubig (jedoch erst, wenn man den Glauben ablehnt oder die Intention hat, Gott, Gläubige oder seine Worte zu schaden).
Nach jedem Vers des Korans wird aber betont, dass Gott allvergebend und allwissend ist.
Der Dialog sollte zeigen, wie Ungläubige keine Ermahnung annehmen, sondern nur die Verständigen.
Ungläubige kriegen Angst, sind undankbar und wirken auf uns in diesem Leben vielleicht überzeugend und beeindruckend, aber nur Gott weiss, was in seinem Herzen ist.
Wenn man etwas Gutes tut, wie zurückzahlen, dann werden Sünden erloschen.
Vermögen sollte man etwas den Eltern, Verwandten, Hilfsbedürftigen und Waisen geben.
Zinsen im Islam sind verboten.
Wenn man einen Kredit aufnimmt, soll man ihn aufschreiben lassen.
Wenn es niemanden gibt, von einem Vormund mit einem Zeugen, falls er/sie es vergessen sollte. Und das, egal ob man zu einer kleinen oder großen Summe verfügt.
Denn man sollte keinem von beidem schaden und das tun Zinsen traurigerweise.
Bei sofortigem Geschäft ist das Aufschreiben aber nicht nötig.
Wichtig ist hierbei, dass nichts verheimlicht wird.
Der Anvertraute sollte seine Verpflichtung erfüllen.
Eine hinterlegte Bürgschaft reicht aus.
Muhammed hat für die Muslime Allah darum gebeten, uns nicht zur Rechenschaft zu ziehen, wenn wir vergessen oder Fehler machen und nicht für das, was unsere Vorfahren machten.
Allah meinte jedoch zu Beginn, dass er keine Seele über seine Kapazität heraus testet.
Wir sind nicht in der Lage, jemanden rechtleiten oder Weisheit zu geben.
Es aber zu versuchen und nicht zu erzwingen, wird belohnt.
Was auch im Dialog klar geworden sein sollte ist, dass wenn man anderen Schaden zufügt (Lügt, verspottet und beleidigt), sich dabei selbst Schaden zufügt.
Allah beschreibt sich selbst als jemand, der gnädig ist.
Es wird im Koran betont, dass Gutes Vergänglich ist.
Denn wer Vorwürfe macht und beleidigt, macht ihn selbst zunichte.
Was ist das Ich?
Frage ich mich nach meinem Selbst, so merke ich, dass es das Ich nicht gibt.
Egal, was ich sage, was ich frage – wer sagt am Ende, dass ich es bin? So wie jeder andere nach seinem Ich fragen kann, so auch ich.
Ich bin nicht die Farbe, die ich mag, oder der Film, den ich gern gucke; selbst meine Gedanken machen mich nicht aus. Denn alles ist in einem stetigen Wandel, in einem Bewusstseinsstrom, der sich, durch erhebliche Täuschung, zu einem Ich manifestiert.
Warum?
Ich kann nicht in der Welt leben, mich in ihr bewegen, wenn ich nicht bin. Es braucht ein Ich in dieser Welt, das sich durch die gleiche bewegt. Ohne Ich sind wir nicht lebensfähig.
Trotzdem frage ich mich, was ich dann wirklich bin.
Wenn mein Ich nicht existiert, dann bin ich doch auch nicht wirklich echt? Oder bin ich stetige Veränderung? Auch der kräftigste und unzerbrechlichste Fels kann sich verändern; mit der Zeit wird er vielleicht zu einem kleinen Stein – egal, wie fest er war. Ein Fluss ist ein Fluss nur aus der Summe seiner Teilchen, nur aus dem Bewegen von Tausenden von Tropfen. Ohne Tropfen kein Fluss, also auch ohne Gedanken kein Ich.
Somit sollte es das Ziel sein, jegliche Ich-lichkeit zu beseitigen – den Fluss austrocknen, ihn des Wassers berauben. Etwas, was leichter gesagt als getan ist, denn der Mensch hat einen natürlichen Drang zum Leben. Am Ende sind wir alle Flüsse, die in einen großen Ozean führen. Wir wollen Teil des Ganzen sein, merken aber nicht, dass wir es bereits immer waren. Denn woher kommt das Wasser des Ozeans? Es verdunstet, steigt auf und kommt auf die verschiedensten Weisen wieder zurück – auch durch Flüsse. Statt also Teil des Ganzen sein zu wollen, sollten wir aufhören, überhaupt zu wollen und zu sein.
Wenn jeder Fluss versiegt – wie bildet sich dann ein Ozean? Und was passiert mit dem Ozean, wenn es kein Wasser mehr gibt?
Stille ist die Antwort hier. Nur wer Stille erlebt, kann sie auch verstehen. Das eigentliche Sein. Stille ist hier und jetzt.
Verwelkend verschenken
ich habe viele Menschen ans Denken verloren
sie leben in Welten
die es für mich gar nicht gibt
in denen Regeln viel gelten
und niemand mehr liebt.
Wenn es dort nicht so düster wäre
ginge ich mit in ihre Sphäre
bastelte mit an der Materie
glaubte gar gern an ihre Lehre
eins und eins sei zwei
und eins und zwei sei drei
null sei nichts und hundert viel
der Gang der Sonne verfolge ein Ziel.
Denn ich war noch nie so allein
in Geist und Herz noch nie so verlassen
nie sind die Brüder mir fremder gewesen
nie war mir Sterben lieber als Leben
es offenbarte sich immer ein innerer Sinn
es wuchs immer als Garten
was ich eigentlich bin.
Doch hat man schwarze Magie vollführt
man hat die dunklen Punkte vernetzt
und daraus Mauern aus Angst gebaut
so hat man die Welt entführt
und mir die Braut geklaut
das Hirn hat den Geist ersetzt
und der äußere Zweck den inneren Sinn
der vermeintliche Zweck wuchert als Unkraut
und dieses Wachstum nennt man Gewinn.
Blühen kann hier längst nichts mehr
die Atmosphäre nährt hier nur den Schein
schon das Atmen fällt hier schwer
Geist und Seele wollen hier nicht sein
du willst nur noch verschenken
was noch hier ist von dir
verwelkend verschenken
was nicht möglich war als wir.
Der leere Stuhl
Peter spürte, wie ihm der Schreck und die Freude zugleich in die Glieder fuhr. Da stand Herat vor ihm. Peter erhob sich rasch von seinem Stuhl, um Herat zu begrüßen: „Du scheinst immer noch genau zu wissen, wo ich mich aufhalte.“ So war es seit ihrer ersten Begegnung, als er Herat und dessen Gefährtin Sepalika kennenlernte. Herat tauchte plötzlich allein oder mit Sepalika für einige Stunden auf, um dann wieder zu verschwinden. Manchmal sogar für Jahre. Das war bereits so, als er vor vielen Jahren als buddhistischer Novize im Kloster und später in einer Einsiedelei im Wald lebte.
Peter war kurz zuvor aus Europa zurückgekehrt, um oben in den Bergen in einer abgelegenen Gegend Nahe Udewela ein Meditationszentrum zu übernehmen. Ein Jahr davor hatte er das Mönchsleben aufgegeben. Aber es hatte ihn dann noch einmal, auch diese Mal wieder aufgrund verschiedener Umstände, die er nicht wollte, nach Sri Lanka verschlagen.
Er wusste nicht, dass das letzte Mal sein würde, dass er heute Herat begegnete. Herat hatte ihn an einer Raststätte abgefangen, die sich auf dem Wege nach Kandy befand. Einmal in der Woche musste Peter nach Kandy fahren, um Besorgungen zu erledigen. Bei dieser Gelegenheit hielt er dann immer auf dem Rückweg bei der Raststätte, um eine Tasse Tee zu trinken. Peter tauchte dort immer am gleichen Tag und zur gleichen Zeit auf. Auch dies hatte Herat in Erfahrung gebracht. Peter freute das Wiedersehen natürlich, denn inzwischen waren Jahre verstrichen. Herat sagte, er wisse schon lange von seiner Rückkehr nach Sri Lanka und seiner Gewohnheit, in der Raststätte einzukehren. Doch vermeintlich sei es trotzdem reiner Zufall, dass er ausgerechnet an diesem Tag und zu dieser Zeit in der Gegend etwas zu erledigen hatte.
Herat gehörte zur „Janatha Vimukthi Peramuna“, kurz der JVP, der bewaffneten kommunistischen Guerillaorganisation, die gegen die Zentralregierung Sri Lankas kämpfte. Sie rekrutierte sich vor allem aus der mit der Regierung unzufriedenen Studenten und Universitätsdozenten. Ihr Ziel war die Errichtung einer kommunistischen Regierung in ganz Sri Lanka.
Wenige Monate zuvor waren Angehörige der Polizei, darunter auch Frauen und Kinder, von der JVP ermordet worden. Das hatte wiederum zur Folge, dass Armeeeinheiten am Tage uniformiert die Dörfer durchkämmten und nachts in Zivil, wenn sie Leute mitnahmen, die nie wiederauftauchten. Die damalige singhalesische Regierung unter der Führung von Ranasinghe Premadasa, der später einem Attentat zum Opfer fiel, bestritt, dass sie und ihre Armee irgendetwas mit den Morden an den Jugendlichen zu tun hatten. Es waren Tausende, die täglich monatelang die Flüsse hinunterschwammen oder im Gebüsch am Straßenrand durch Genickschuss hingerichtet wurden. Auch mit den abgeschlagenen Köpfen wollten die Armee nichts zu tun haben, die für jedermann sichtbar zur Abschreckung an Straßenecken aufgestellt wurden. Bezeichnenderweise hatte die Regierung, bevor sie Sri Lanka in ein Schlachthaus verwandelte, einen Tourismus-Stopp über das Land verhängt. So gab es wenige ausländische Zeugen. Dieses Verbrechen wurde von der Regierung perfekt verschleiert. Zwar gab es verzweifelte Aufklärungsversuche von Amnesty International. Aber was sie herausfanden, war nicht das, was tatsächlich geschah. So erfuhr die Weltöffentlichkeit wenig von den Verbrechen.
Herat war ein Verwandlungskünstler. Peter erkannte ihn auch dieses Mal beinahe nicht wieder. Seine traditionelle schneeweiße Kleidung, bestehend aus einem Sarong, einer Art weißem Leinentuch, das um die Hüfte gebunden wird und bis zu den Fußknöcheln herunterreicht, war bis in Höhe der Knie von einem Benjen bedeckt, einer Art kragenlosem Hemd, das über dem Sarong getragen wird. In der von Kopf bis Fuß schneeweißen Kleidung sah Herat aus, als käme er aus einem Tempel. Seine enganliegenden Haare waren kurz geschnitten und glänzten wie eine Speckschwarte. Er trug ein säuberlich ausrasiertes Lippenbärtchen. Die tief in den Höhlen eingesunkenen Augen und die weit herausragenden Backenknochen ließen eine schlimme Vergangenheit ahnen. Auch der Körper, der sich trotz der lockeren Kleidung deutlich abzeichnete, besaß etwas unnatürlich Eckiges. Die saubere gepflegte Fassade konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieser Mensch bis auf die Knochen abgemagert war.
Der Freund wollte nun wissen, was Herat seit ihrem letzten Treffen widerfahren sei. Und so hörte er, dass Herat seit einigen Jahren Besitzer eines Frisörgeschäfts war. Aber weil er da nur selten anzutreffen war, sei der Geheimdienst auf ihn aufmerksam geworden.
„Man hat uns in einer Reihe aufgestellt“, erzählte Herat tonlos. „Wir waren etwa zwanzig bis dreißig Leute. Die meisten waren jünger als ich. Die Fenster, des in helles Licht getauchten Raumes, waren vergittert und fest verschlossen. Ein Mann mit einem Sack über den Kopf – damit er nicht identifiziert werden konnte- ging langsam die Reihe ab und betrachtete jeden einzelnen aufmerksam durch die zwei in Augenhöhe geschnitten Löcher im Sack. Hin und wieder gab er ein Handzeichen, woraufhin derjenige, vor dem er kurz stehen blieb, abgeführt wurde.“
Herat hatte Glück. Seine Verkleidungskünste retteten ihm das Leben. Nach seiner Entlassung brach er die Verbindung zur JVP ab. Und die JVP zu ihm. Es entsprach einer altbewährten Taktik. Die JVP trennte sich grundsätzlich von einem Mitglied, sobald es sich verdächtig gemacht hat. Das lag etwa einem Monat zurück. Seitdem bekam er keinerlei finanzielle Zuwendungen mehr. „Vermutlich sind sie alle tot“, sagte er wie beiläufig, ohne sich irgendwelche Gefühlsregungen anmerken zu lassen. Beinahe schien es Peter, dass er keine Gefühlsregungen mehr besaß. Sein regungsloses maskenhaftes Gesicht ließ vermuten, dass er unter Schock stand. Seitdem lebte er von dem, was sein Geschäft ihm einbrachte. Und es war kaum genug, um damit die Miete zu bezahlen. Er hatte seit Wochen schon nichts Richtiges mehr gegessen. Als Peter aufstand, um ihn etwas zum Essen zu kaufen, hielt er ihn am Arm fest und sah Peter mit weitaufgerissenen Augen flehend an. Aber dann senkte er plötzlich den Blick und sprach wie zu sich selbst: „Ich bin es nicht mehr gewohnt, dass jemand etwas für mich tut. Ich habe keinen Hunger. Aber für eine Tasse Tee wäre ich dankbar.“
Peter wagte nicht, ihn über seine Vergangenheit zu befragen, und offensichtlich war Herat nicht gekommen, um über sich zu sprechen. Aber das hatte er ja noch nie getan – bei seinen unregelmäßigen Besuchen an den abgelegenen Orten – an denen Peter lebte. In diesem Moment wurde Peter bewusst, wie wenig er über Herat wusste. Was war er eigentlich für ein Mensch? „Ich habe ihn immer nur als revolutionären Clown kennengelernt, der mir mit kindlicher Freude seine Verwandlungskünste vorspielte“, sann Peter. Aber hin und wieder sprach Herat damals von der Zukunft. Dann strahlten seine Augen. Er träumte von einer Welt, in der es weder Polizei noch Armee geben müsste. Von einer Welt, in der die Menschen endlich einmal aus der Vergangenheit gelernt haben würden. Eine Welt, in der die Zugehörigkeit und Zuständigkeit sowohl Für- als auch Miteinander als höchstes Gesetz der Vernunft anerkannt sein würde.
Peter erinnerte sich: Damals bei einer ihrer letzten Begegnungen in Kandy, kurz nach Herats Entlassung aus dem Gefängnis, unternahmen beide einen Spaziergang kreuz und quer durch das Wäldchen, abseits von allen Wegen. Herat zeigte Peter die riesigen Krater, die ihre selbstgebastelten Bomben hinterlassen hatten. Die Armee hatte dort die eroberten Sprengkörper zum Detonieren gebracht. Er zeigte Peter den uralten Baum am stillen See, dort wo der Weg sich teilt, um sich in zwei verschiedene Richtungen irgendwo hinter hohen Bäumen zu verlieren. Der Baum, von dem Herat durch die Kugeln eines Maschinengewehrs geschützt wurde, blutete damals immer noch aus vielen Löchern eine dunkle harzige Flüssigkeit. Der See hat dort, wo dicke Bambusstämme weit in den Himmel ragen, einen kleinen Strand. Dort saßen sie schließlich eine lange Zeit und blickten schweigend auf die stille spiegelglatte Oberfläche des Sees. Der See war so klein, dass man sich mit jemandem am anderen Ufer durch Zurufe verständigen könnte. Peter kam oft zu diesem See. Im Grunde war es eher ein Teich, so klein war er. Er war immer glatt wie ein Spiegel. Die Winde, die mit dem Blättern im Baumwipfel spielten, lagen viel zu fern. Nie bewegte der Wind die Wasseroberfläche. Und doch gab es auf dieser stillen Oberfläche gelegentlich Wellen, die einen trägen Leguan trugen. Gelegentlich tauchte aus den trüben Tiefen ein Fischrücken auf und erzeugte kleine Kreise im Wasser. Die Fische waren sehr groß, vermutlich war der Teich in seiner Mitte sehr tief. Für Peter war es bisher ein stiller, friedlicher Ort gewesen. Doch Herat summte leise und nachdenklich eine Melodie. Peter kannte diese Melodie von einer Kassette mit revolutionären Liedern, die Herat ihm einmal vorgespielt hatte. Zu dieser Melodie gab es auch einen Text: „Geh hinein in den Schock, damit du aus ihm herauskommst.“ Herat nahm einen Stein und warf ihn ins Wasser. In dem Moment, in dem der Stein einschlug, tauchte in ihm das Bild eines zersplitternden Fensters auf. Er sagte zu Peter sagte: „Wie dünn und verwundbar doch unsere Haut ist. Wie sieht die Welt doch kaputt aus, wenn sie durch die Scherben eines Fensters betrachtet wird.“ Peter spürte damals, dass Herat auf eine Reaktion wartete. Doch er schwieg. Und so stellte Herat sich selbst die Frage, die er wohl von Peter erwartete: „Wenn die Welt nur meine eigene Vorstellung ist, so wie ihr Buddhisten sagt, dann gibt es sie vielleicht gar nicht in der Zukunft? Aber ist es dann nicht Verrat an der Zukunft, für die wir ja kämpfen?“ Peter erwiderte ihm: „Du fragst wie jemand, der nicht weiß, dass er träumt.“ Herat stand auf, und indem er sich anschickte zu gehen, sagte er traurig: „Ich weiß es wirklich nicht. Ich weiß nur, ich muss in diesen Krieg. Es ist meine einzige Chance rauszukommen.“ Und so war er dann wieder verschwunden. Für lange Zeit. So wie er es immer tat. Er war ihm auch damals so nah. Und doch konnte er Herat nicht helfen.
Als sich jetzt – Jahre später – beide nun in jenem Rasthaus wieder wiedertrafen, war Herat nur noch ein Schatten seiner selbst. Er hatte alles verloren, all das, wofür er kämpfte – vor allem Sepalika, seine langjährige Gefährtin war nicht mehr am Leben. Ein Beben durchfuhr seinen Körper, als er Peter zuflüsterte, dass ihre gemeinsame Freundin Sepalika bei einem missglückten Überfall auf die Polizeistation in Kataragama erschossen wurde. „Sie hatte Glück, denn sie wusste, wofür sie starb,“ fügte er tonlos hinzu.
Sepalika ist tot, Sepalika ist tot. Peter fühlte, wie das Blut in seinen Kopf schoss, es in seinen Schläfen hämmerte. Unwillkürlich stiegen die Bilder an seine erste Begegnung mit Herat und Sepalika in ihm auf. Eine Erinnerung an eine Begegnung, die nun eine Ewigkeit zurücklag: Peter befand sich an jener ersten Begegnung, er war noch Mönch, gerade auf dem Rückweg von seinem Bettelgang, als er an einem verlassenen Bungalow vorbeikam. Aus dem Inneren war unvermittelt ein undeutliches Geräusch zu hören. Er kehrte um, ging noch einmal zum Fenster zurück, stellte seine Bettelschale auf den Boden, um auf Zehenspitzen so tief wie möglich in das Zimmer hineinschauen zu können. Da sah er, dass sich unterhalb des Fensters im Inneren des Raumes einige Stofffetzen befanden, die sich offensichtlich bewegten. Zweifellos gab es doch Leben in diesem Bungalow. Sogleich beschlich ihn ein unangenehmes Gefühl in der Magengegend, das immer dann auftaucht, wenn in unmittelbarer Nähe Hilfe notwendig ist. Dabei dachte Peter nicht gleich daran, dass es ein Mensch sein könnte. Vielleicht war es eine Hündin, die hier ihre Jungen geworfen hatte und nun in Not war. Auf jeden Fall wollte er das Haus nun genauer untersuchen. Wenn es in diesem Haus Leben gab, musste es ja auch von außen hineingelangt sein. Und tatsächlich fand er bald darauf eine Tür, die nur angelehnt war. In dem Moment, als er recht unbekümmert über die Türschwelle schritt, wurde ihm plötzlich bewusst, dass er schon seit Jahren keine Angst mehr empfand. Das buddhistische Gewand symbolisierte vollkommene Besitz- und Harmlosigkeit. Selbst im Urwald schien das Gewand wie ein Schutz vor wilden Tieren. Peter war also eine Randerscheinung, mit der niemand etwas anfangen konnte. Und er hatte sie gelernt zu lieben: diese Gleichgültigkeit. Für diesen Schutz, den er empfand, und die Freiheit, die ihm gewährt wurde, bedurfte es nur dieser Kleidung. Als Individuum machte sie ihn unsichtbar. Die Kleidung repräsentierte nicht ihn, sondern eine Weltanschauung. Wer oder was auch immer mit ihm als Mönch zu tun hatte, konnte ihn sofort einordnen. Er war nichts anderes als ein zweieinhalbtausendjähriger wunderbarer Gedanke. Und genau so sollte es auch damals bei der ersten Unterhaltung mit Herat wieder sein. Nachdem Peter den kleinen Flur, die ersten Zimmer durchschritten hatte und jetzt die letzte Tür öffnete, die in das Zimmer führte, welches er von außen durch die Gitterstäbe gesehen hatte, sprang eine dunkle Gestalt mit weit aufgerissenen Augen auf die Füße, um noch im Sprung sofort wieder zu erstarren. Der starre Blick verwandelte sich augenblicklich in kindliches Erstaunen. Der von schwarzen Barthaaren zugewachsene Mund zog sich, so schien es Peter, nun zu einem Lächeln in die Länge. Ohne seinen Blick von Peter abzuwenden, tastete seine rechte Hand in Richtung eines Bündels, das neben ihm lag und schüttelte es heftig. Daraufhin erhob sich noch eine zweite Gestalt und rieb sich die Augen. Die zweite Gestalt strich sich das lange schwarze Haar aus dem jungen noch kindlichen Gesicht. Es war ein Mädchen. Ihr Alter zu schätzen war nicht leicht, denn asiatische Mädchen sehen jünger aus als sie in Wahrheit sind. Aber zweifellos war sie noch ein Teenager. Während der Bärtige etwa Anfang zwanzig war. Da durchfuhr Peter ein freudiger Schreck. Ja doch- ja natürlich- Peter hatte ihn nur nicht gleich erkannt. Wegen der vielen Barthaare. Er war jener verrückte Bettler, der ihm vor einigen Tagen mitten auf der Straße den Weg versperrte. Peter hatte ihn vorher auf seinem Spendengang noch nie gesehen, er musste ein Vagabund sein. Dieser hatte ein Brot aus seiner schmutzigen Tasche gezogen, es in zwei Hälfte gebrochen und die eine Hälfte in Peters Schale gelegt. Das Brot ging gerade noch in seine Schale hinein, denn sie war bereits voll der Spenden, die Peter zuvor erhalten hatte. Aber damit nicht genug, so legte er ihm auch noch ein paar Münzen in die Schale, bevor Peter es verhindern konnte. Peter bat ihn höflich, das Geld aus der Schale zu nehmen. Schließlich verbieten die Regeln den Besitz von Geld. Aber dies tat er nicht. Stattdessen belehrte er Peter ärgerlich, dass er als Mönch gefälligst anzunehmen habe, was man ihm gebe. Auch das gleiche Mädchen, welches jetzt neben ihm stand, war damals in seiner Nähe. Dieses Pärchen hatte Peter schon damals fasziniert. Sie wirkten auf ihn so verwundbar. So völlig ausgeliefert. In einer Welt, die für sie nur Verachtung empfand. Aber die beiden erkannten Peter nicht wieder. Ihr freundliches Lächeln galt wieder einmal nicht ihm, sondern seinem Gewand. Sie sahen Peter immer noch mit großen Augen und einem erstaunten Lächeln an. Es war also nicht damit zu rechnen, dass sie ein Wort an ihn richten würden. So entschloss sich Peter, erst einmal den jungen Mann anzusprechen, denn er hoffte, dass er englisch sprach. Peter erwiderte das Lächeln und fragte freundlich: „Kennen wir uns nicht? Habt ihr mir nicht eine Gabe gereicht?“ Ohne die geringsten Veränderungen seiner Gesichtszüge nickte er zustimmend. Es war also nur eine Höflichkeitsfloskel. In Wahrheit erinnerte er sich an gar nichts. Auch das Mädchen hatte nun den Blick gesenkt und lächelte nur zurückhaltend vor sich hin. Zwischen ihnen stand eine unsichtbare Wand. Immerhin hatte Peters Mönchsgewand ihnen die Angst genommen. Dies allein war offensichtlich nicht Grund genug, um sich mit ihm zu unterhalten. Peter schien, als ob beiden seine Anwesenheit unangenehm sei. Schließlich waren sie gerade erst aufgewacht und hatten womöglich erst einmal wichtigeres zu tun, als sich auf eine Unterhaltung einzulassen. So blieb ihm zunächst nichts anderes übrig, als sich freundlich zu entschuldigen und den Rückweg zu seiner Behausung anzutreten. Sie ließen es bereitwillig geschehen, aber als Peter draußen war, rief ihm der junge Mann durch das Fenster nach: „Wirst du uns auch nicht verraten?“ Peter verneinte. Doch als er am Abend zurückkam, waren sie nicht mehr da. Sicher hatten sie seinen Worten nicht geglaubt. Es war die erste Begegnung mit Herat und Sepalika. Diese beiden seltsamen Menschen hatten bereits damals bei der ersten Unterhaltung seine Neugier geweckt. Er glaubte, dass sie seinesgleichen seien. Er musste sich etwas einfallen lassen, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Natürlich kannte er die Regel: Ein Mönch besucht niemanden unaufgefordert. Er musste sie entweder dazu bringen, ihn zu besuchen oder ihnen eine Möglichkeit geben, ihn einzuladen. Eine dritte Möglichkeit wäre, eine Begegnung zu inszenieren.
Wenige Tage nach dieser ersten Begegnung hatten einige Tausend Anhänger der Untergrundbewegung JVP an einem einzigen Tag fast sämtlich Polizeistationen überfallen und durch eine Art Blitzkrieg große Teile Sri Lankas unter ihre Kontrolle gebracht. Doch die Regierung mobilisierte rasch die Armee und schlug den Aufstand nach wenigen Tagen nieder.
Herat holte Peter aus seiner Erinnerung in die Gegenwart zurück. Inmitten der Erstarrung und des Schweigens hörte Peter ihn wie durch einen Filter sagen: „Als der Buddha starb, war der Tod genau wie das Leben für ihn nichts weiter als eine biologische Tatsache.“
Nun fasste ihn Peter seinerseits fest ins Auge und erwiderte: „Nun, die Natur ist verschwenderisch. Sie schöpft aus dem Überfluss. Euch dagegen mangelt es an allem. Ihr seid wie Verdurstende, die bis zum Hals im Wasser stehen. Sepalika hatte sich selbst zum Opfer gebracht – noch vor ihrer natürlichen Lebensspanne. Sie hat der Natur ins Handwerk gepfuscht. Sie dachte immer nur an andere und hat dabei übersehen, dass sie auch existierte.“ Peter hatte sich nicht mehr unter Kontrolle. Seine Stimme zitterte, seine Gefühle begannen sich zu überschlagen. Er packte Herat am Arm und sah ihn flehend an. „Ist Selbstzerstörung nicht die Zerstörung des einzigen Maßstabes, der es uns ermöglicht, die Welt zu verstehen. Sieh dich doch mal selbst an. Du bist nicht die Spiegelung dessen, was du am meisten liebst, sondern die Wirkung dessen, was du am meisten hasst. Und je mehr du selbst zu dieser Wirkung wirst, umso ähnlicher wirst du ihre Ursache sein. Du glaubst gegen die Welt zu kämpfen, aber in Wahrheit kämpfst du gegen dich selbst. Hör doch bitte endlich auf zu kämpfen. Sieh doch nur, was du dir angetan hast. In Wahrheit hast du immer nur mit dir selbst gekämpft.“
Herat hatte wieder seinen Stuhl zurückgezogen und hielt den gesenkten Kopf in beiden Händen. Plötzlich erhob er sich wieder vom Stuhl, während er seinen erschöpften Körper mit den Händen an der Tischkante abstützte. Und wieder nagelte er Peter mit den von schlaflosen Nächten blutrot unterlaufenen Augen fest. „Die, gegen die wir kämpfen, würden sich bei deinen Worten ins Fäustchen lachen.“ Peter unterbrach ihn: „Aber ihr wollt, dass ihnen das Lachen vergeht“, und fügte hinzu: „Darum seid ihr euch ähnlich. Hass kommt nicht durch Hass zur Ruhe, sondern durch Nicht- Hass kommt der Hass zur Ruhe. Der Hass hat euch genauso blind gemacht wie eure Feinde. Ihr hättet sie nur mit dem schlagen können, was sie nicht besitzen: Mit Liebe.“ Herat zuckte zusammen und verzog das Gesicht, als habe er Zitronensaft im Mund. Doch bevor er etwas sagen konnte, fügte er schnell hinzu: „Ihr hattet Freunde im Volk gewonnen und auch in der Armee. Viel mehr als damals. Aber durch eure brutale Ungeduld habt ihr die Gunst derer verspielt, die eigentlich auf eurer Seite standen. Ihr hattet als Idealisten begonnen und endet als brutale Fanatiker, die das Volk tyrannisierten. Auch diesmal wandtet ihr euch gegen das Volk.“
Herat, der nun wieder saß, fuhr sich mit der Hand über das Gesicht, als ob er verzweifelt versuchte, sich an irgendetwas zu erinnern. „Du hast recht“, murmelte er schließlich. „Aber der Grund für die Grausamkeit liegt ganz woanders. Der Grund liegt in unserer mangelnden Menschenkenntnis. Unsere anfänglichen Erfolge zogen Kriminelle an wie das Licht die Motten. Als wir bemerkten, dass wir von Dieben, Betrügern und Totschlägern durchsetzt waren, da war es bereits zu spät. Um uns von diesem Abschaum zu reinigen, hätten wir Leute aus unseren eigenen Reihen erschießen müssen. Doch wir waren wie betrunken vom eigenen Erfolg. Wir waren so mächtig und zahlreich geworden, dass die Führung die Kontrolle verlor. Sie interessierte sich nur noch für ihren Erfolg. Es kümmerte sie wenig, dass durch ihre Maßnahmen das Volk in Angst und Schrecken geriet. Die meisten von ihnen bezahlten dafür mit ihrem Leben. Aber selbst, wenn wir alle draufgehen: Es wird unserer korrupten Regierung nichts nützen. Sie selbst säen die Saat, die sie am Ende doch vernichten wird. Bei jedem Aufgehen der Saat wird sie stärker, widerstandsfähiger und einflussreicher sein. Darin besteht der Unterschied zwischen uns und unseren Feinden. Im Gegensatz zu uns haben sie nichts im Krieg dazugelernt. Wir aber werden wiederkehren. Nicht weil wir es wollen, sondern weil wir wiederkehren müssen. Du sagst, dass uns der Hass mit unseren Feinden verbindet und Hass nur durch Nicht- Hass zur Ruhe kommt. Du glaubst an diese Zusammenhänge: Tag und Nacht, Ebbe und Flut, die Beziehung zwischen Sonne, Erde, Mond und Sternen. Nein, die Luft reinigt sich nicht dadurch, dass die Wolken aufgelöst werden, die der Wind zusammengetrieben hat, sondern dadurch, dass sich die Spannung zwischen Wind und Wolken steigern muss, um sich in einem Gewitter zu entladen. Wind und Wolken bedingen einander. Es bleibt nun einmal ihr Schicksal, sich in einer letzten gewaltigen Umarmung gegenseitig zu vernichten. Aber dann wird die Luft rein sein. Der Boden wird dann wieder fruchtbar für eine geraume Zeit sein. Bis sich wieder ein Wind erhebt und Wolken zusammengetrieben werden. Aus diesem Kreislauf gibt es kein Entrinnen. Du glaubst, dass du dein Leben dadurch bewahren kannst, weil du dich den Gesetzen der Vernunft unterwirfst. Aber ich sage dir, es gibt Wichtigeres als die Erhaltung des bloßen Lebens. Wenn du deine Hand in einen Ameisenhaufen steckst, dann rennen die Ameisen nicht davon, um ihr Leben zu beschützen. Sie greifen an, immer wieder, ganz gleich wie viele du in deiner Hand zerquetscht. Denn es gilt etwas zu bewahren, das weitaus wertvoller als das Leben ist. Aber wenn sich schon der Kampf gegen das Unrecht im Kampf der Ameise offenbart, um wie viel mehr muss es sich im Menschen offenbaren. Aber wenn du diesen Kampf gegen das Unrecht preisgibst, dann gibst du dein Menschsein preis.“
Nach den letzten Worten sank Herat wieder in sich zusammen. Er hüstelte verhalten in ein Taschentuch. War es nur Erschöpfung oder war er vielleicht sehr krank? Peter spürte, dass er sich um ihn sorgte- und zugleich seine eigene Verlegenheit. Ihm schien, als täte er Herat andauernd Unrecht. Auch mit allem, was er für ihn empfand. Seine Worte hatten Peter tief beeindruckt, aber er wollte sich seine Zuneigung nicht anmerken lassen. Er würde es wohl als ungelenke Vertraulichkeit empfinden. „Er stellte mein Menschsein in Frage und hatte mich damit schachmatt gesetzt. Dabei habe ich es mich entwöhnt, mich mit anderen Menschen zu vergleichen,“ dachte Peter. Aber Herats Bemerkung zwang ihn nun doch zu einem Vergleich. Ging es Peter darum, Mensch zu sein oder Mensch zu werden? Diese allseits so gepriesene Vervollkommnung der menschlichen Evolution war für den Buddha bestenfalls eine Begleiterscheinung, aber eben kein Ideal. Peter fühlte instinktiv, dass die Richtung dieser Argumentation zu verhängnisvollen Missverständnissen führen würde. Also beschränkte er sich, darauf hinzuweisen, dass der Buddha jene Faszination und tiefe Ehrfurcht vor dem Leben – die gegebenenfalls auch die Vernichtung des eigenen Lebens in Kauf nimmt- gekannt haben muss. Der Buddha stammte schließlich aus der Kriegerkaste und hatte eine Ausbildung in allen damals bekannten Waffengattungen erhalten.
So entgegnete er Herat: „Die Überlieferung sagt, dass der Buddha ein großer Kämpfer war und das Kriegshandwerk von Grund auf gelernt und gemeistert hatte. Eingedenk dieser Tatsache muss also die Gewaltlosigkeit, die der Buddha lehrte, etwas anderes bedeuten, als was ihr darunter versteht. Was für dich Vernachlässigung des Menschseins bedeutet, war für den Buddha des Menschseins höchste Vollendung. Im Gegensatz zu dir fehlte dem Buddha jene Voraussetzung, die den Kampf notwendig fordert. Denn jeder Kampf beruht auf Notwendigkeit. Kampf ist das Mittel, von dem sich eine Wendung der Not versprochen wird. Aber solche Notwendigkeit war für den Buddha nicht Ausdruck des Menschseins, sondern die Mangelerscheinung, die Notdurft, welche das Menschsein zur Hölle werden lässt. Indem er so die Ursache oder den Kern aller Kriege in sich selbst entdeckte, war es nur noch eine Frage der Zeit, diesen seit Urzeiten bestehenden Krieg gegen die Notdurft in sich selbst zu führen und schließlich zu beenden. So war für den Buddha nie der Kampf Ausdruck von Edelmut, sondern vielmehr die Gewaltlosigkeit. In den überlieferten Schriften über die Aussagen des Buddhas steht geschrieben: ´Die Edlen stellen sich nicht zum Kampf´. Und so hat es bis auf den heutigen Tag nie einen Krieg im Namen des Buddhas gegeben.“
Herat hatte, ohne Peter zu unterbrechen, aufmerksam zugehört. Aber nun schüttelte er den gesenkten Kopf. „Du hast mich nicht verstanden“, sagte er traurig. „Ich kämpfe nicht gegen die Notdurft, sondern gegen die Ungerechtigkeit. Sieh mich doch an. Sieht so einer aus, der nur an die Befriedigung seiner Bedürfnisse denkt? Du weißt nicht, wie viele Menschen mir ihr Leben zu verdanken haben. Auch du würdest ohne meine Hilfe längst nicht mehr hier sein. Als damals die Polizei die Bauern in deiner Gegend vertrieben, weil das Land, das sie bewohnten, verkauft werden sollte, verhinderten wir gerade noch rechtzeitig die Fortsetzung dieser Maßnahme. Das hatte zur Folge, dass du in deiner Stätte von einer Invasion heimatloser Bauern verschont geblieben bist. Diese wären nämlich so zahlreich geworden, dass sich ihre Hütten an deinem Haus angelehnt hätten. Übrigens beobachteten wir dich seit Jahren und wussten, dass du dort Lebensmittel unter der Bevölkerung verteilt und eine Erste- Hilfe- Station eingerichtet hattest. Durch deine Unterstützung konnte ein Spielplatz für die Dorfkinder gebaut werden. Ganz zu schweigen von den Kinderfesten, den Ausflügen und sportlichen Wettkämpfen, die du organisiert und finanziert hattest. All dies bewahrte dich, von unserer Organisation auf die gleiche Stufe all dieser religiösen Scharlatane gestellt zu werden, die das Volk nur ausbeuten. Wir hatten eine Todesliste von jenen angefertigt, die sich im Namen der Religion am Volk bereichern. Hättest du dies alles nicht für die Bevölkerung geleistet, wärst du auch auf diese Liste gekommen. Denn als du damals plötzlich in diesem Herrenhaus auftauchtest, welches dir ein Mönch anvertraute, um daraus ein Meditationszentrum zu errichten, wurden wir auf dich aufmerksam. Aber du ließest dir nichts zu Schulden kommen. So wurdest du von uns verschont. Und doch stelltest du uns zuweilen auf eine harte Probe. Zum Beispiel hatten wir unseren Jungs erzählt, dass du ihnen bei einer Begegnung Essen und Trinken geben würdest. Aber als sie eines nachts, nachdem sie in den umliegenden Dörfern alle Ausweise der Bauern eingesammelt hatten, um somit die Identifizierung durch die Polizei zu erschweren, an deinem Haus vorbeikamen, da waren sie müde, erschöpft und gebeugt vom Gewicht ihrer schweren Maschinenpistolen und wären dir für eine kleine Zuwendung sicher dankbar gewesen. Aber du hast ihnen lediglich den Weg erklärt und dann ziehen lassen. Und ein anderes Mal, als wir eine Ausgangssperre über das ganze Land verhängten, wagtest du es, mit deinem Motorrad in der Gegend herumzufahren. Zum Glück gehörte ich zu jener Mannschaft, welche die Straßen bewachte. Ich saß im Gebüsch, als du an uns vorüberfuhrst und bemerkte gerade noch rechtzeitig, als sich einer unserer Leute anschickte, dich mit seinem Gewehr aus dem Sattel zu schießen.“
Seine Offenbarungen verschlugen Peter die Sprache. Herat nahm dies mit sichtlichem Vergnügen wahr und ließ eine Minute der Genugtuung verstreichen, bevor er wieder zu sprechen begann. „Es ist wahr, dass nie im Namen des Buddhas ein Krieg geführt wurde. Aber ist unser Kampf, unser Krieg gegen die Ungerechtigkeit ist Ausdruck einer tief verwurzelten Sehnsucht nach Frieden, Harmonie und Freiheit, nach einem Pfad der Reinheit, wie er seit Urzeiten in unserem Blut liegt und auf seine Verwirklichung wartet. Wir sind wie die Lemminge, die aus einem uralten Instinkt heraus in die gleiche Richtung rennen. Es kommt nicht darauf an, ob wir einzig überleben oder nicht, sondern die wahre Richtung beibehalten. Nur darauf kommt es an- sowohl für uns als auch für folgende Generationen. Wir sind der Ausdruck eines Naturgesetzes. Und ihr, die nicht in diesen Krieg ziehen, die an abgelegenen Orten in Höhlen nur eure eigene Befreiung zum Ziel habt, könnt bestenfalls mit unserem Verständnis, aber nicht mit unserer Billigung rechnen. Zwar richtet ihr in eurer Harmlosigkeit keinen Schaden an, aber für die Menschheit seid ihr bedeutungslos. Ihr seid die Ausnahme. Ihr seid die Relikte einer längst verflossenen Zeit, nach der wir uns sehnen. Ihr habt von uns nichts zu befürchten. Ihr steht unter Denkmalschutz wie die Ruinen der alten Klöster und Königsstädte, die nun nicht mehr das sind, was sie einst waren. Aber sie weisen doch auf den Geist ihrer Erbauer hin, auf Freiheit und Gerechtigkeit als Grundlage einer schöpferischen Kraft, die sich einst wohltuend und segensreich über das gesamte Land ausbreitete. Diese uralte Tradition der Gewaltlosigkeit aus der Zeit des Friedens habt ihr euch zur Unzeit – und somit zu Unrecht angeeignet. Die Welt ist in Unordnung! Ihr bringt nicht die Welt in Ordnung, sondern nur euch selbst. Aber wir führen durch unseren Krieg die Menschheit zu jenem Ausgangspunkt,
Während Herat sprach, stieg Peter der Gedanke auf, dass es vielleicht nicht immer ein „Richtig“ und ein „Falsch“, sondern auch ein „Richtig“ und ein „Richtig“ geben könnte. Nur eine Wahrheit kann ich nicht aushalten. Selbst der kategorische Imperativ ist ein Schreckgespenst. Aber nein, dass behielt er für sich. Denn er wusste, Herat würde dies nicht verstehen.
Herat hatte zu Ende gesprochen. Er schwieg noch eine Weile. Und als er sah, dass Peter nichts hinzuzufügen hatte, erhob er sich schwerfällig und verließ den Raum auf schwachen, abgemagerten Beinen. Er ließ Peter ohne Abschied zurück, ohne sich nur einmal umzudrehen. Ebenso wie es immer seine Art war. Peter blieb noch eine Zeitlang am Tisch mit dem leeren Stuhl, der ihm gegenüberstand, sitzen. Und wenn er sich nun fragte, was ihm an diesem Abschied am tiefsten in der Erinnerung blieb, dann fiel ihm immer wieder dieser leere Stuhl ein.
Peter hatte noch viele Jahre später bis zu seiner endgültigen Rückkehr nach Deutschland in allen Städten, Dörfern und Ortschaften Sri Lankas in der Hoffnung Ausschau gehalten, dass ihm Herat noch einmal begegnen würde. In der Hoffnung, dass er Herat auch nur einmal von Weitem sehen würde. Allein um zu wissen, wie es Herat geht. Um zu wissen, dass er noch lebt. Zu wissen, dass er unsterblich ist.
Sichtweise
Es gibt ein Sehen der Augen,
das nicht Realismus entspricht.
Es ist das Sehen des Dünkels,
der Menschenwürde zerbricht.
Es ist das Verachten von Farben …,
die Haut, für die Dumpfen ihr Stolz.
Es ist das Errichten von Mauern,
die Fäulnis im rassischen Holz.
Es sind bei der Teilhabe Grenzen,
Behinderten achtlos gesetzt.
Es ist das Posaunen von Lügen,
des Menschen, der hassend laut hetzt.
Es ist das Horten von Reichtum,
den Ärmsten der Armen geraubt.
Es ist das Missachten der Würde,
des Krösus, der besser sich glaubt.
Es ist das Bangen des Egos,
das täglich um sich ängstlich kreist.
Es ist das Vertuschen von Unrecht,
das heuchelnd auf andere weist.
Es ist die Gewichtung der Werte,
durch Äußerlichkeiten geprägt.
Es ist eine Unsichtbarmachung,
durch Vorurteil früh grundgelegt.
Es ist Kultivieren des Hasses,
in Kindheit schon indoktriniert.
Es ist das Verwehren von Freiheit,
das zur Unterdrückung nur führt.
Es gibt ein Sehen der Augen
das nicht Realismus entspricht.
Es ist eine Stigmatisierung
mit der diese Welt niemals bricht.
Keep Smiling
Mausklick. Tab zu. Mausklick. Tab auf. Ich war wieder da. Wieder da an meinem Arbeitsplatz, in meinem Büro, an meinem Schreibtisch. 08:30 Uhr – willkommen zurück im Alltag nach sechs Wochen Abwesenheit. Alles sah aus wie immer, aber fühlte sich anders an. Ich saß auf dem gleichen Bürostuhl, mit der wackligen Armlehne. Meine Notizen türmten sich in meinem Ablagefach wie zuvor. Nur einige Klebezettel, die ich vor meinem plötzlichen Weggang am Monitor angebracht hatte, verloren ihre Haftung und zeugten von längerer Missachtung meinerseits. So wie es auf deinem Schreibtisch aussieht, sieht es in deinem Kopf aus. Ordnung ist das halbe Leben. Ich nahm die Klebezettel und warf sie in den Papierkorb. Geordneter fühlte ich mich dadurch jedoch nicht. Ich war noch alleine im Büro, das ich eigentlich zusammen mit Christiane besetzte und starrte auf meinen Monitor. Alles kam mir so fern vor. Ich versuchte mich zu erinnern, was eigentlich wirklich meine Tätigkeit in diesem Betrieb gewesen ist. Es war, als wäre ich aus einem anderen Universum angereist. Was machen die Menschen hier nur? Ich schaute auf ein Plakat, das an der Wand hing: „Ihre Wirkung entfaltet die Arbeit erst, wenn sie auf ihr Publikum stößt.“ Ein Zitat einer Tänzerin aus Zeiten des ersten Lockdowns während der Corona-Pandemie. Achso. Kulturbetrieb. Alles für die Kunst. Tolle Projekte, wenig Geld. Falls man den Sinn mal nicht erkennt, dann steckt er auf jeden Fall tief. Herzblut. Na dann mal los. Ich fing also an meine E-Mails abzuarbeiten. 621 E-Mails. Ob die Menschen wirklich Antworten erwarten? Vielleicht wären die auch alle etwas für den Papierkorb? Ich markierte alle E-Mails und überlegte, ob es ernsthafte Konsequenzen hätte, wenn ich sie einfach löschen würde. Ich hob die Markierung wieder auf und begann die Nachrichten zuerst nach Spam- oder Newsletter-Mails zu scannen. Die konnte man nämlich einfach so und ohne schlechtes Gewissen ungelesen löschen. Das gefiel mir gut, denn sie gaben mir das Gefühl, etwas erledigt zu haben, ohne sich angestrengt haben zu müssen. Backspace, backspace, backspace … Und schon wieder was geschafft. Prima gemacht.
9 Uhr und Christiane betrat unser Büro. Schluss mit backspace, Schluss mit Ruhe. „Halloooo, wie schön, dass du wieder da bist!“ stürmte sie strahlend auf mich zu und drückte mir einen Blumenstrauß mit einem kleinen Willkommens-Geschenk in die Hand. „Du bist ja schon fleißig.“ Sie legte ihre Sachen ab und zog ihre Jacke aus, die vom Regen draußen ganz nass war. Ich wunderte mich, wie man so strahlen kann, wenn gerade alles so grau ist und nutzte die Zeit, um schnell aus dem Büro zu verschwinden. „Ich hole mal Wasser für die Blumen.“
Auf dem Gang entschleunigte ich mich und ging in Ruhe in die Büroküche. Alles sah aus wie immer, jeder Handgriff konnte ohne Probleme abgespult werden. Selbst die Deckenlampe flackerte immer noch. Willkommen Zuhause – auf Arbeit. Ich streckte mich, um an die Glasvase ganz oben im Regal heranzukommen und balancierte sie eingespannt zwischen Daumen und Zeigefinger herunter. Als ich sie sicher packen konnte, stellte ich sie in die Spüle und drehte den Wasserhahn auf. Wasser drin, Blumen rein, fertig. Ganz hübsch.
Als ich zurückkam platzierte ich die Blumen auf meinem Schreibtisch und bedankte mich bei Christiane. Wir breiteten die Arme aus, koordinierten kurz hölzern, wer seine Arme um welche Seite des anderen schlägt und landeten in einer solide ausgeführten Umarmung. Dabei wusste ich gar nicht genau, ob ich nur peinlich berührt war oder mich wirklich freute. Ich lächelte einfach. Lächeln ist immer gut. Keep smiling und so.
„Und, geht’s dir eigentlich jetzt besser?“
Wie geht es einem nach sechs Wochen als Außerirdische im Raum- und Zeitgefüge zwischen Leere, Antriebslosigkeit, Leben und Abwesenheit? Ein Druckgefühl machte sich langsam in meinem Kopf breit. Es war kompliziert. Es war erdrückend. Keep smiling.
„Ja, ich bin wieder guter Dinge. Freue mich wieder hier zu sein.“
Christiane war sichtlich aufgeregt und begann von den letzten Wochen zu berichten. Sie erzählte, wie sehr sie mich vermisst hatte, von einigen Projektentwicklungen, Neuigkeiten aus dem Team, und dass sie kaum wusste wohin mit der ganzen Arbeit. Dabei brach sie häufig im halben Satz ab und sprang nicht nur vor mir, sondern auch innerhalb der Themen hin und her. Trotz allem hatte sie Zeit gefunden neben dem stressigen Job und Familie noch das Geschenk und die Blumen für mich zu besorgen. Ich war gerührt – und beeindruckt von ihrer Stärke. Als ich das Geschenk öffnete musste ich ehrlich grinsen. Es waren Filzstifte. Christiane wusste, dass ich meine Notizen am liebsten bunt gestalte.
„Während du weg warst, habe ich oft deine Stifte benutzt. Ich dachte, du könntest Neue gebrauchen.“
Wie Recht sie hatte. Bunte Farbe im Leben kann nicht schaden.
Ich bedankte mich nochmal mit einer weiteren, diesmal herzlicheren, Umarmung bei ihr. Die Arbeit rief. Wir gingen an unsere Plätze, um dem Ruf zu folgen. Christiane und ich saßen uns gegenüber, aber wir konnten uns dabei nicht sehen, da die Monitore vor unseren Gesichtern standen. Wenn wir miteinander sprechen wollten, rollten wir deshalb immer mit unseren Bürostühlen ein Stück an den schwarzen Kästen vorbei. In diesem Moment konnte sie daher nicht sehen, dass ich gar nicht anfing zu arbeiten, sondern stattdessen noch etwas meinen Gedanken nachhing. Tab auf. Tab zu.
Während ich da so hing, kam eine Gruppe anderer Kollegen und Kolleginnen freudig mit schnellen Schritten ins Büro, um mir um den Hals zu fallen. „Mensch, schön, dass du wieder da bist! Du wurdest vermisst.“ Hi hi, ha ha, ja, ich freue mich auch. Eigentlich fühlte sich das alles ja ganz schön an und wie lieb die alle sind, dachte ich. Positiv denken, Gefühle zulassen. So fühlte es sich doch gleich viel leichter an. Wir scherzten etwas herum und als die Bürobande wieder aus dem Raum flatterte, erschienen mir die Blumen plötzlich gleich viel bunter. Gewitterwolken weg, Sonnenschein rein. In diesem Moment fühlte ich mich wieder angekommen und etwas lebendiger. Na dann mal ran ans Werk. Die Gunst der Stunde nutzen. Du kannst alles schaffen, wenn du nur willst. Wieso hatte mir eigentlich niemand einen Kalender mit weisen Sprüchen geschenkt? Weil ich mir die ja auch selbst denken kann, wenn ich nur will. Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied. Ha!
Den Rest des Vormittags ritt ich auf dieser positiven Welle, sodass ich kurz vor dem Mittagessen wieder drin war in der hippen Kulturszene. Erste Meetings waren überstanden, Updates zu Projekten abgeholt und die To Do Liste für den Rest meines Lebens war geschrieben. Alle waren suuuper lieb und suuuper aware, aber auch totaaal busy. „Ich habe noch ungefähr 200 unbeantwortete E-Mails in meinem Postfach.“ hörte ich von irgendwo. Wow – herzlichen Glückwunsch. Ich überlegte, meine Löschungsgedanken preiszugeben, aber entschied mich dazu, das Mail-Podest dieser Person nicht einzureißen. Als ich auf die Chefin traf, hieß sie mich herzlich willkommen und sagte mir, dass ich in Zukunft am besten auf mich selbst achten soll und immer klare Grenzen ziehen muss. Aye, aye!
12 Uhr – Essenszeit. Auch das hatte Christiane vermisst. Wenn unsere Terminpläne es zuließen, verbrachten wir schon immer die gemeinsame Mittagszeit. Wir schlenderten in die Kantine, unterhielten uns über das Wetter und darüber, welches Gericht wir wohl wählen würden. Zu beiden Themen gibt es ungefähr drei Varianten: Sonne, Wolken oder Sonne-Wolken-Mix und Spaghetti Bolognese classico, Gemischter Salat mit Brot oder Chili sin Carne. An diesem Tag präsentierte der Himmel mittlerweile einen Sonne-Wolken-Mix und unsere Mägen verlangten nach Bolo classico.
Ich war etwas aufgeregt davor in der Kantine noch weiteren Teammitgliedern zu begegnen, die nachfragen könnten, wie es mir wohl geht, aber gleichzeitig freute ich mich auf die wirklich wichtigen Informationen, die man nur in der Kantine ergattern kann – der Gossip, das Miteinander, das Dazwischen. Als wir die große Flügeltür öffneten, wurden all meine Ängste mit einem Windstoß weggeblasen.
Die Kantine war so voll mit Menschen und Gelächter, dass sich niemand um mich scherte und die ausgelassene Stimmung auf mich abfärbte. Christiane und ich holten uns am Tresen unsere Spaghetti ab und setzten uns in die Menge. Da der Geräuschpegel ohnehin zu laut war, um sich in Ruhe zu unterhalten, genoss ich meine Nudeln und die schöne Ruhe im Lärm. Ich lauschte den umliegenden Gesprächen. Was, Hannes hat gekündigt? Die Neue ist voll nett. Es wäre schön, wenn die Geschäftsführung sich mal zu Möglichkeiten des Überstundenabbaus äußern würde. Wusstest du schon, dass Peter aus der Technik mit der einen Schauspielerinnen aus „Hamlet“ zusammen ist?
45 Minuten später landete ich wieder gesättigt, zufrieden und etwas müde an meinem Schreibtisch.
Das Telefon klingelte:
„Mehnert, Kulturhaus Phönix, hallo?“
„Guten Tag, hier ist Laura Friedrich. Spreche ich mit Magda Mehnert?“
„Ganz genau. Wie kann ich Ihnen weiterhelfen?“
Die Frau am anderen Ende der Leitung hielt kurz inne. Ich rechnete mit dem Anliegen einer Künstlerin zu einem der neuen Projekte. Meistens riefen mich Personen an, die ich bereits kannte. Manche von ihnen konnten echt anstrengend sein. Besonders wenn sie glaubten ihre Pappmaché-Figur eines undefinierbaren Gebildes im Zentrum der Bühne könnte das Größte sein, was die Menschheit je gesehen hat. Es wäre folglich logisch, deshalb meine gesamte Arbeitszeit in dieses eine Projekt zu investieren. Aber wo bleibt da das Herzblut? Keep smiling – aber vor allem think positive, dachte ich. In den letzten Wochen hatte ich einige Vorstellungsrunden verpasst. Laura Friedrich klang sehr nett und gehörte sicher einer wohlwollenderen Spezies an. Erstmal zuhören.
„Ich rufe an, weil mein Vater Hans Friedrich ist.“
Aha.
–
Oh Gott.
Ruckartig drehte sich mein Magen herum und meine Müdigkeit wandelte sich in totale Alarmbereitschaft. Ich fiel aus der Zeit. Keep smiling? Bringt nichts. Sieht die ja nicht. Ich brachte ein kurzes „Ok.“ hervor, räusperte mich, rutschte auf meinem Stuhl auf und ab und wurde von Heiß-Kaltwellen überwältigt. Konnte ich jetzt hier mit Christiane im Raum überhaupt frei sprechen? Ich lugte langsam über meinen Monitor, um zu erspähen, ob sie eine Gefahr für mich darstellen könnte. Sie ertappte mich und schaute mich im gleichen Moment interessiert an, weshalb ich sofort wieder in meine ursprünglich Sitzposition zurückschnellte. Ich spürte wie sie meine Unsicherheit erfasste und ihre Ohren sich förmlich von ihrem zu meinem Tisch herüber wölbten. Ich entschied mich, souverän und einsilbig zu bleiben.
„Ok. Also, äh, hallo – schön, dass du anrufst.“
Schön, dass du anrufst. So ein Scheiß, dachte ich. Souverän war auch anders. „Hallo, ich versuche mich gerade wieder ins Alltags-, Berufs- und Menschenleben einzugliedern. Was für eine Überraschung, dass sich das Familienleben nun auch meldet. Schön, dass du mich zu den regulären Öffnungszeiten anrufst verdrängter Teil meines Lebens.“ wäre wohl der vollständige Satz gewesen. Hans Friedrich ist auch mein Vater. Laura Friedrich ist meine Halbschwester. Dass ich eine Halbschwester habe, war mir seit 14 Jahren bekannt und ich wollte diesen Fakt ursprünglich in meinem Leben unkommentiert und ohne weiteres Zutun einfach so stehen lassen. Da hatte ich meine Rechnung ohne Laura gemacht. Aber ok. Es kommt alles anders, als man denkt. Gibt das Leben dir Zitronen, mach Limo draus. Probleme lösen heißt zuhören. Tschaka. Genau, das tat ich. Laura sagte: „Entschuldige, dass ich dich im Büro überrasche. Ich hatte letzte Woche schon versucht anzurufen, aber da du nicht da warst, dachte ich, ich versuche es nochmal. Es ist der einzige Kontakt, den ich von dir oder deiner Schwester herausfinden konnte.“
Danke Google.
Laura hatte eine tiefe Stimme und sprach sehr ruhig. Ich fand es ziemlich mutig, dass sie sich traute anzurufen, statt einfach ein E-Mail zu schreiben und fragte mich, wie aufgeregt sie wohl sein muss und ob sie auch so schwitzen würde, wie ich. Ich merkte ihr nichts von dem an und hörte ihr weiter zu. Sie erzählte mir, dass sie 21 Jahre alt ist, in einer kleineren Stadt in meiner Nähe lebt und Gesundheitsmanagement studiert. Währenddessen blitzten verschiedene Gedanken im Loop in meinem Kopf auf: Warum ruft sie jetzt an? Will sie jetzt ein enges Schwesternverhältnis aufbauen?
Sehen wir uns eigentlich ähnlich? Ich mag sie. Muss ich davon dem Rest meiner Familie erzählen?
Was, wenn ich einfach auflege, den Raum … die Stadt … das Land verlasse, zurück in das Universum, aus dem ich gerade erst kam. Währenddessen klickte ich nervös mit einem Kugelschreiber parallel im Rhythmus meines wippenden Fußes.
„Ich will dich eigentlich auch gar nicht lange stören. Ich wollte dich erstmal nur fragen, ob du bereit dazu wärst, dich mit mir für ein Telefonat mit mehr Ruhe für einen späteren Zeitpunkt zu verabreden?“ Puh. Zeit zum Durchatmen. Das klang nicht schlecht. Ich legte den Kugelschreiber ab, setzte mich aufrecht hin und zog meine schmerzenden Schultern nach hinten.
Sie wollte also kein Treffen auf einem großen Platz in der Innenstadt, auf dem wir uns wie mehrjährig Vermisste in die Arme fallen und in Tränen ausbrechen. Entsprechende Fernsehteams der einschlägigen Privatfernsehsender können zuhause bleiben. Es wird nichts zu sehen geben. Juchu.
„Äh, ja klar. Das können wir gerne machen. Übermorgen 14 Uhr?“
„Prima, das klappt. Es freut mich, dass du dir die Zeit nimmst. Dann bis Mittwoch!“
„Schön, bis Mittwoch. Mach‘s gut!“
Stille. Ich hatte nicht gemerkt, dass ich mittlerweile allein im Raum war.
13:15 Uhr. Ich drehte mich eine Runde auf meinem Bürostuhl, als Christiane reinkam und mir einen Kaffee auf den Tisch stellte. „Hast du kurz Zeit, damit ich mit dir etwas zur Ressourcenplanung besprechen kann?“
Keep smiling.
Traumschläfer
Tief im Nichts. Klänge voller Wehmut füllen Schritte meiner schweren Stiefel, Geräusche gleichen einer Teilstille dieser Nacht. Im Dreivierteltakt, Ton um Ton, wird eine Welt um mich erschaffen. Zwischen zwei Atemzügen liegt eine eisige Stille in diesem kargen Wald.
Schnee fällt nicht – er steht im Raum.
Durch diese kaltgepunktete Wand laufe ich, laufe den einzigen Weg, der mir sinnvoll erscheint.
Mein Verstand hat sich verlangsamt, um kein Zögern zu manifestieren.
„Wie – und verdammt nochmal, wo bin ich?“
…schwirrt es in meinem Kopf. Mein Blick wagt es zögerlich, in den purpurschimmernden Himmel zu blicken.
Ich falle.
Zuckerwatteartige Gebilde. Bäume. Erdschichten. Alles.
Kaninchen mit seltsamen gelben Pfoten und schwarzen Ohren huschen durch mein Sichtfeld – Laufband- eines betrübten und berauschten Clowns aus alten Tagen.
Ein Lächeln umspielt meine Lippen, als mich eine rote Nase aus weichem Material mitten auf die Stirn trifft.
„Hört ihr mich, da draußen?“
…frage ich mich, mit leiser Hoffnung im Herzen.
Ein rauchendes Knistern erfüllt mein Zwischensein.
„Hey… Jan… du musst… zurück…“
…würde ich nicht eh schon schweben – meine Luftsprünge wären legendär.
„Einleiten. Egal wer mich da hört und überwacht – holt mich raus.“
Dreizehn Atemzüge lang verschwimmt meine Hoffnung schrittweise zu Furcht. Mein „Bitte“ wird langgezogen:
BIT– in dieser, und –TE in der letzten Ebene.
Während meine Augen sich an das Licht gewöhnen, meine Stimme sich den Weg in diese Ebene erkämpft, frage ich mich:
„Warum nur habe ich diese Stufe ‚Letzte Ebene‘ getauft?
Wie lässig ich durch diese Ebene wandern kann.
„Lächelnd, der Welt zuwinkend.“…denke ich.
Ich, Tim, 39 Jahre alt.
Naja – 39 „Letzte Ebene“-Jahre.
Wenn unsere Berechnungen korrekt sind, bin ich irgendwas zwischen 6000 und 12000 Jahre alt.
Schleifenstrommessung nennt das Fenja, aus meinem Team.
„Was weiß ich denn…“
…pfeift es durch meine Gedanken.
Meine Finger beginnen bereits zu zittern – Nachwirkungen der Kontrastmittel zur Visualisierung und Verbindung mehrerer Ebenen.
Es macht süchtig. Ich weiß das.
Wie alle Drogen. Alle Gelüste dieser Ebene.
Im Gleichklang in meinen Venen.
Ich, Tim, 39, werde kein weiteres volles Jahr auf dieser Ebene mehr verbringen können – dessen bin ich mir bewusst.
Meine Frau nicht.
Ein Zittern erfasst meinen Körper. Der Boden kommt plötzlich näher.
Zu schnell. Zu hart.
Ich falle.
Schwärze.
Ich erwache. Kratze mir letzte Asphaltkrümel einer Krankenhausauffahrt aus dem Gesicht, umringt von vier schemenhaften Gestalten.
Ein „Alles OK?“ mit großem Fragezeichen in acht Augen erwischt meine zentrale Steuereinheit.
Ich winke ab, fasle etwas von:
„Bin selbst Arzt.“
Wische mir kleine Blutflecke aus dem Gesicht.
Beim Aufstehen spiegle ich mich in einem Autofenster:
„Ich bin Dorian Greys Gemälde – bereits im letzten Akt.“
Ich stolpere zurück in meine Abteilung. Stütze mich am Schild ab:
„Neurologie und Schlaflabor – Leitung Dr. Tim Fritz“
„Von zwei Schrauben werde ich also noch gehalten…“
…huscht es durch meinen Kortex.
Mein Lächeln gleicht keiner Emotion.
Mein Team sitzt bereit.
Alle wissen es. Es ist Zeit.
Fenja hält meine Hand, fragt mich wortlos.
Ich nicke nur, setze mich – fallend – auf die Liege.
„Es ist Zeit.“
…sage ich mit ungleicher Stimme.
Alle Stimmen, aus allen Tagen, huschen durch meinen Verstand.
„Es ist Zeit, euch die Ebenen zu zeigen!“
Fünf Gesichter starren mich an.
Auf-geregt werden Spritzen auf-gezogen. Türen ab-geschlossen.
Innerhalb von nur zwei Minuten schließen wir alle aus.
Ich falle.
Jede Ebene zerstört Teile meines Nervensystems.
Erst 13 Wochen seit der Entdeckung.
Niemand hätte es für möglich gehalten, dass wir – ich – beweisen kann, dass wir Menschen alle Traumschläfer sind.
Wach ist nur die Ruhephase für unser Gehirn.
Gehirnaktivität wurde 67 Jahre völlig falsch interpretiert.
Der Traum ist die existente Form der Informationsrelation.
Alles, was existiert, ist Information.
Und Information ist nicht löschbar. Nicht zerstörbar.
Nur diese wache Hülle wird zerfallen.
Nach diesem Trip kann ich nicht mehr zurück in meine wache Form.
Mein Fleisch ist wahrhaftig innerlich verbrannt.
Ich bin hier – und überall.
Mein Geist ist unendlich weit.
Ich fühle das Meer rauschen – mit und durch jedes Sandkorn.
So viele Welten sind hier verbunden.
Ich sehe Gestalten wie zerfließender Lehm.
Unklare Ränder. Grob erfasst.
Ich verschwimme – um drei Wimpernschläge später erneut zu sein.
Etwas zieht an mir.
Ich versuche zu schreien.
Ich werde Aus- und wieder -einander gerissen.
„Scheiße… Ich kann nichts sehen… Wo bin ich?“
Ich fühle – halbmechanisch – eine Hand in meiner.
„Ach Liebling… Was hast du getan?“
…sagt eine Frau.
Meine Frau.
Ich drehe meinen Kopf in Richtung, in der ich dich vermute.
Meine blinden Augen füllen sich mit Verzweiflung.
Meine Lippen brechen bei jedem Impuls.
„Was ist passiert?“
…wispere ich in den kalten Saal hinaus.
Ein Rascheln geht durch den Raum.
Ein Räuspern – unsicher – nähert sich meinem Kopf.
„Jan… Ich bin’s. Fenja.“
„Wir können noch nicht genau sagen, was passiert ist. Aber du bist einfach… wie soll ich
sagen… durchgerutscht. Am Ende bist du wieder hier angekommen. Bist auf der Letzten
Ebene.“
Kopfschüttelnd fügt Fenja noch hinzu:
„Es tut mir leid.“
Ich versuche zu nicken.
Ich drehe meinen Kopf.
„Schlaf gut, mein Herz…“
…flüstert mein verzerrter Mund.
Das letzte Rauschen durch meinen Körper erzeugt diesen Gedankenzug:
„Verdammt guter Name… Letzte Ebene.“
691.200 schwache Herzschläge sind vergangen.
Heute steht meine Frau an meinem Grab.
Ich bin ihr näher als Wind im Haar.
Ich spüre alles.
Kann den Regen hören – wie eine Sonate von Chopin umfasst er mein gewaltiges Herz.
Ich zerfließe – und bin doch konstant.
Vermeintlich unsichtbar erfasse ich alle Gedanken.
Erfasse so viel unfassbaren Schmerz – und Heuchelei.
Blende aus, was nicht von Belang.
Lass mich hernieder bei einem kleinen Schimmer.
Blicke auf – in grüne Ränder. Voller Furcht. Voller Wut.
Versuche, meine Tochter zu erreichen.
Alle Ebenen stehen mir frei – bis auf eine.
Deine.
Seltsam.
Auf dem Gipfel des Libanon
Ich bin nicht philosophisch geschult, die Sprache der Metaphysik ist mir völlig fremd. ich lese die Tiefe, nicht die Höhe und Breite. Die Substanz, nicht den Gegenstand. Das Geheimnis, nicht den Zweck. Die Seele, nicht den Philosophen. Den Geist, nicht den geschulten Verstand. Ich lese, wie Ludwig Klages Landschaften liest: Ich sehe dem Wasser seine Kraft an, den Bergen das Tragende, den Bäumen den Wind. Den Sinn, die Seele, den Urgrund erschließend. Das besondere Temperament, den Totalcharakter dieses einzigartigen Ausdrucks des Universums.
Ich lese keine Worte, ich lese Zeichen. Und folge ihnen. MIch interessieren die Definitionen nicht, mich interessiert die Beziehung, die Berührung. Ich glaube, Worte bergen die Tiefe derer, die sie verwendet haben. Ich erspüre diese Tiefe. Das Wort Geist ist mir eine solche Tiefe. Das Wort Gemüt. Eigentlichkeit. Urvertrauen. Urerinnerung. Urseele. Urgrund. Ungrund. Worte dieser Art lassen sich nicht in andere Sprachen übersetzen. Weil es keine Worte sind, die zur Sprache gehören. Es sind in Sprache übersetzte Zeichen und Träger der Tiefe von Menschen. Es ist ein Erbgut ganz anderer Art.
Ich lese keine Bücher, ich lese mein Erbgut, ich lese meine Seele, ich lese unsere Urseele. Wenn ich beispielsweise Ludwig Klages lese und seinen Wunsch höre, die Berge und Bäume, ja alle Materie, ja Mater, die große Mutter selbst, gegen die Verwüstungsorgie zu schützen, vor deren giftigem Anhauch die Fülle der Erde verdorrt, dann verbindet mich das mit der Urquelle. Dann höre ich keinen toten Philosophen klagen, ich höre die Urseele klagen. Und weine um die Mutter, wenn Klages beschreibt, wie der Mensch unter den Vorwänden von ‚Nutzen‘, ‚wirtschaftlicher Entwicklung‘ und ‚Kultur‘, die Wälder rodet, die Tiergeschlechter streicht, die ursprünglichen Völker auslöscht, die Landschaft entwürdigt und, was er von Lebewesen noch übrig läßt, gleich dem Schlachtvieh zur bloßen Ware, zum vogelfreien Gegenstande eines schrankenlosen Beutehungers degradiert: “Wie ein fressendes Feuer fegt der Fortschritt über die Erde hin, und wo er die Stätte einmal gründlich kahl gebrannt, da gedeiht nichts mehr, solange es noch Menschen gibt. Der Mensch bringt es mit einem geschwätzigen sogenannten Monismus fertig, das billionenfältige Leben aller Gestirne umzufälschen und herabzuwerten zum bloßen Sockel menschlichen Ichs.”
Als Urseele bezeuge ich mit Klages das Zeitalter des Untergangs der Seele. Ich aber erinnere mich. Ich lebe nicht als menschliches Ich. Ich lebe nicht unter Menschen. Der Liebende, der seine Jungfrau erblicke, wisse halb, dass sie nicht wahrhaftig das sei, was er anbete, sagt Emerson: Streng genommen achte die Seele die Menschen nicht so, wie sie sich selbst achte. Nur der Stern blende; der Planet hingegen habe einen schwachen, mondähnlichen Strahl.
In Emersons Gleichnis erkenne ich mein Leben. Meine Achtung meiner selbst als Seele. Der blendende Stern aber, das ist die Urseele. Und ihr dunkler Kern ist der Geist. Einst brach der Geist als Wille der Götter nach außen. Da brannte noch das jenseitige Feuer. da brannte noch Liebe. Da kniete man noch nieder vor der Schöpfung, da bat man den Flussgott noch um Verzeihung, bevor man den Strom überquerte, da sah man im Baum noch den Kosmos, im Tier noch die Seele, im Kind noch das göttliche Herz.
Dann brach der Geist als Wille der Menschen durch. Und der erdgeborene Intellekt wütete, und die Seelen der Menschen verödeten, und der Muttermord begann. Und die Wiege der Bilder wurde zertrümmert, und die Elementarseelen verließen den geschändeten Planeten, und es starb die Gabe der Urerinnerung in den Herzen der Menschen: Und es war zu spät geworden für die Walter des Sinnes der Erde, für Klages, für Emerson, für mich.
“Wir sind die erste Menschheit, die nicht glaubt und dichtet, sondern weiß.”, sagt Richard Benz. ” Es sind nur die Sensibleren, die merken, daß dies nicht die Erfüllung des Menschscheitstraums ist, “nicht nur weil der Tod nicht aus der Welt zu schaffen ist, sondern weil es ist wie das Gefühl, auf einem hohen Berg zu stehen und zu bemerken, daß das Blau des Himmels sich immer noch unerreichbar über einem wölbt, und daß die Sehnsucht hinein fliegen zu können, durch kein Flugzeug befriedigt werden kann.” Es sind die Beseelten, sage ich. Es sind die Herzen, die sich erinnern. Sie sind die Walter des Sinnes der Erde. Sie sind der Sinn.
Geburt, das sei nur Schlaf und ein Vergessen, sagt William Wordsworth. Und ich lächle, denn ich weiß: Das kann nur wissen, wer sich erinnert. Wer jenseits des Mondes geschaut, wer den Stern gesehen hat. “Sieh die Zeder.”, schreibt Béla Hamvas: “Hier steht sie regungslos, wie der Cherub im Olam Ha-Atziluth, und sieht alles und strahlt. Sie ist wie das Tao und das höchste Ziel des Yoga; sie wogt nicht mehr, sie ist faltenlos, und es gibt kein Zittern oder Kräuseln an ihr. Sie träumt nicht mehr. Das ist nicht Leben; es ist Sein. Es ist Sein wie das Sein ägyptischer Statuen und der Mosaike Byzantiniens. Es steht wie ein Erzengel, der nichts tut, sondern nur ist. Mit ihrer unnahbaren Masse und in einer furchterregenden Ruhe überragt mich die Zeder, als hätte sie Gott und die Welt hinter sich gelassen und stünde nun einsam auf dem Gipfel des Libanon.”
Ich google nicht nach dem Cherub im Olam Ha-Atziluth oder den Mosaiken Byzantiniens, ich lese mein Erbgut im Wort Zeder, ich sehe den Baum des Ganzen im Geiste, ja ich bin dieser Baum. Einer von vielen. Und doch ein unverwechselbarer Totalcharakter, eine ganz eigene Eigentlichkeit, ein ganz eigener Ausdruck von Sinn. Mein eigenes Feuer, mein eigenes Wasser, mein eigener Wind. In meiner eigenen Zeit, an meinem eigenen Ort. Mich als eigener Kosmos verwirklichend und selbst entfaltend. Und gleichsam habe ich mich und meinen Kosmos, habe ich Gott und die Welt hinter mir gelassen. Unsichtbar brenne ich, bewegungslos stehe ich, zeitlos still, und erträume ein Dasein als Zeder auf dem Gipfel des Libanon.
Zwischen Nebel und Puder
Es war der Schrei eines unbekannten Kameraden, der mich aus dem Schlaf riss. Wir mussten wohl angekommen sein. Der Morgen machte sich breit und es wunderte mich nicht, dass die Sonne sich nicht blicken ließ. Warum würde sie auch? Es wäre nicht so, als würde man uns den nostalgischen Sonnenschein schulden. Stattdessen etablierte sich ein trostloses Grau um uns herum. Ein wenig heller als das der Nacht. Ich hatte bereits vergessen, wie viele Grautöne ich gesehen hatte. Keine Nacht war komplett duster gewesen und kein Tag wagte es, in seiner Vollkommenheit zu strahlen. Es waren alles nur verschiedene Schattierungen von einem Grau, das einen an die frostige Ausweglosigkeit erinnern sollte.
Meine Augen waren so schwer, dass ich erst nach mehrfachem Versuchen es schaffte, sie offenzuhalten. Das laute Klopfen in meinem Kopf hatte seit Tagen nicht mehr ausgesetzt und schien sich mit der Schifffahrt nur noch verschlimmert zu haben. Der Motor und mein Gehirn ein vereintes Dröhnen. Es überraschte mich nicht im Geringsten. Ich war noch nie eine Person gewesen, die das Meer wertschätzte.
Mein Blick klebte an der Linie, wo Meer und Horizont verschmelzen. Das Grau umschlug uns wie ein Nebel von einer Welt, die von jeder Hoffnung befreit wurde und sich in etwas düsteres verwandelt hat, von dem es sich nicht mehr lösen kann. Der Himmel sowie das Wasser, das langsam an uns vorbeiglitt. Ich kniff meine Augen zusammen, aber ich konnte nichts sehen. Alles war plötzlich so fern, als wäre es nur ein böser Traum gewesen. Vielleicht war es das auch. In den letzten Wochen trat ich Augenblicken gegenüber, die sich dieser Realität nicht würdig fühlten.
Die Tage änderten sich und mit ihnen verfolgte uns das Grau.
Wir waren einer der Letzten gewesen. Jeder wusste es. Es wurde von Glück gesprochen, andere redeten von Kapitulation, manche von einem Gott. Ich glaubte an keinen Gott. Auch wenn es das Letzte war, das Genossen von mir im Horror der Nacht Hoffnung gab (wenn so etwas noch existierte) verdammte ich ihre Naivität. Wie konnten ihre Gedanken in ihren letzten Sekunden einem Gott gelten, der uns im kalten Nimmerland verbittern ließ? Wann hätten sie verstanden, dass sie keine Hilfe erfahren würden, weil uns schon längst nicht mehr zu helfen war? Den Hass, den jeder Einzelne von uns verspürte, galt nicht etwa den Gegnern, die gleichermaßen wie wir ängstlich an ihren Waffen klebten.
Es galt der biologischen, bitterlich niedrigen Chance, in dieser Welt geboren worden zu sein und jetzt eine fälschliche Ehre und Dankbarkeit vortäuschen zu müssen.
Neben mir wanden neugierige Gesichter ihren Blick dem Ende der Reling zu. Narben mit tief liegenden Augen umgaben mich. Zwei Monate lang sah ich sie vor mir. Manche waren gar nicht wiederzuerkennen. Allerdings wusste ich nicht, was ich versuchen würde zu erkennen. Die Menschlichkeit war längst verblasst.
Auch ich wagte nun meinen Kopf zu drehen. Tatsächlich war an der Linie zum Horizont ein schmales Festland zu erkennen. Ich wusste nicht recht, was mich eigentlich erwarten würde. Bisher hatte ich noch nicht darüber nachgedacht. Wie leichtsinnig dies auch gewesen wäre! Doch beim Anblick des Hafens bekam ich es nicht mit der mir erwarteten warmen Sehnsucht zu tun. Ich dachte, wenn ich erst einmal zu Hause wäre, dann würde ich es schon verstehen.
Ja, wenn mich die vertrauten vier Wände einschließen würden, dann ist es vielleicht so, als wäre man nie fort gewesen. Meine Mutter würde uns am Sonntag wieder einen Apfelkuchen backen und ich würde ihn auf dem zerkratzten Holzstuhl auf unserer schmalen Veranda essen. Der Apfelhändler würde sich erneut mit dem Briefträger streiten, weil er mal wieder die dreckigen Zeitungen auf seiner Feinkost abgelegt hätte.
Die Sonne würde scheinen und aus der Ferne würde man das vertraute Läuten der Kirchglocken hören.
Vielleicht würde ich sogar Olivia besuchen.
Das raue Holz brummte unter meinen Stiefeln und rüttelte ein Gefühl der Unsicherheit in mich hinein. Erst dort bemerkte ich auch, dass ich in meiner linken Hand eine Zigarette hielt. Ein blonder Kamerad hatte sie mir gestern in die Hand gedrückt. Es wäre ein Grund zu feiern, sagte er zu mir. Natürlich hatte ich sie nicht angezündet und war beim Beobachten der dynamischen Wellen des Meeres eingeschlafen. Schultern rempelten mich an und drückten meinen schmalen Leib zwischen ihnen. Aufgeregtes Murmeln machte sich auf dem Deck breit. Einige unter uns nahmen ihre Helme ab. In den leeren Augen war etwas wiederzufinden. War es Hoffnung? Erlösung? Vielleicht war es der Trost, irgendwann in der Zukunft wieder man selbst sein zu können.
Als ich vom Schiff trat, warf ich die trockene Zigarette ins Wasser und setzte meinen Fuß auf den heimatlichen Boden des Hafens. Ich schritt vorbei an Massen von Menschen. Sie alle warteten auf etwas. Einige von ihnen kauten auf ihren Nägeln und beobachteten ihren Nächsten beim Empfangen ihres Sohnes mit einem Blick der Eifersucht. Andere weinten. Unerklärlich, ob aus Trauer oder Freude. Die Uniformen vermischten sich mit den bunten Gewändern der Fremden, und obwohl die Menge der Menschen kein Ende zu nehmen schien, war deutlich zu sehen, dass sie sich nicht untermischen konnten. Und es niemals würden. Nicht etwa, weil ihre Kleidung anders war.
Morgen Mittag würden sie durch die Straßen ihrer Heimat schreiten und jeder Blinde würde erkennen, dass sie hier nicht hingehörten.
Als wären sie von einem Klassenausflug zurückgekommen, ganz ohne Koffer und Besitztümer, schlossen sie ihre Mütter in ihre Arme. Für einen Augenblick stand ich wie festgewurzelt auf der Stelle und sah mir das Spektakel an, in dem ich mich wieder fand. Ich wusste, es würde das letzte Mal sein, dass ich die meisten von Ihnen sehen würde. Wir alle hatten mehr oder weniger dasselbe Schicksal erlitten. Wir alle waren auf eine Art und Weise gleich gewesen.
Aber wie sie dort nun vor mir in die Arme ihrer Geliebten liefen, ließ sie irgendwie anders aussehen. Fast so, als hätte jeder Einzelne von ihnen ein eigenes Leben, mit dem sie sich von dem Nächsten abheben.
Eigene Familie, eigenes Glück, eigenen Schmerz.
Doch auch sie wussten, dass sie für immer, für den Rest ihrer Tage, etwas mit den Uniformen teilten. Etwas in ihnen würde sie für immer unsichtbar an die Tage, Wochen, Monate binden, die sie fort waren.
„Ich werde dies nicht zulassen“, dachte ich.
„Das ist das letzte Mal, dass ich an all das erinnert werde.“
Denn nur einer, der den gleichen Terror wie man selbst erlitten hatte, könnte ihn auch wieder in einem hervorrufen. Dem war ich mir sicher.
So nahm ich einen letzten Atemzug und begab meinen Körper wieder in Bewegung.
Die Arme meiner Mutter nahten mich förmlich zu zerdrücken.
„Oh, wie haben wir dich vermisst!“
Ihre warme Wange presste gegen meine.
„Wir?“
Ich wusste, sie konnte nicht meinen Vater meinen.
Vielleicht hatte sie vorher in der Zeitung recherchiert, welche Sätze man am besten zu seinem von der Front zurückkehrenden Sohn sagen würde.
Oder sie hatte bei den anderen Müttern gelauscht.
Ich war mir auch nicht sicher, wie man sich angemessen verhalten sollte. Also tat ich so, als würde ich ganz genau verstehen, was meine Mutter redete.
„Und wie! Wie froh ich war, als von eurer Rückreise erzählt wurde.“
Ihre goldene Kette drückte zwischen uns.
„Kapitulation Mutter.“
„Was auch immer.“
Sie sah anders aus als auf dem Foto, das ich mit mir trug. Sie bewegte sich anders. Bei jedem Schritt, den sie machte; jedem Wort, das sie sagte, hatte ich das Gefühl, einer Figur aus der Puppenkiste zuzusehen. Etwas, das zuvor dagewesen war, fehlte nun. Ich konnte noch nicht genau meinen Finger drauflegen, was es war.
„Deine Haare sind ja ganz zerzaust“, und ihre leicht schrumpelige Hand fuhr durch meinen braunen Schopf.
„Das muss die Seeluft gewesen sein. Du weißt, auf der See ist es windig, Mutter.“
„Da hast du wohl recht.“
Wir gingen fort und ich ließ den lauten Hafen hinter mir.
Wir liefen durch die Stadt. Links und rechts von der Straße lagen Trümmer und der Asphalt war dreckig und rau. Die Menschen liefen mit dem Blick auf den Boden durch die Gegend, bis ich vor ihnen stand. Da sahen sie mich an. Und ihr Blick bohrte in mich hinein. Tiefer und tiefer, bis sie das fanden, nachdem sie suchten und ich ein Stück leerer war.
Sie gingen weiter und blickten wieder auf den Boden, aber ihre Augen blieben bei mir.
Ich konnte es fühlen.
Sie sahen mich nicht an und doch waren sie bei mir. Und je weiter wir so gingen, desto mehr Augen trug ich an meiner Seite. Sie zerdrückten mich. Ganz langsam pressten sie gegen meine Brust, gegen meinen Kopf, gegen meine Haut, dass ich glaubte zu ersticken.
Verdammt, warum sahen sie mich an?
Was war es, das sie in mir zu sehen glaubten?
Es darf keinen tapferen Eindruck auf meinen Vater gemacht haben, wie ich so durch die Türangel fiel. Mit schwerem Atem und schwitziger Stirn stolperte ich über die Schwelle hinein ins Elternhaus. Meine Mutter trat hinter mir ein und mit dem lauten Klicken der Tür in ihr Schloss fielen alle Augen von mir. Erlösung.
Zwei Augen fanden mich jedoch.
Es waren die meines Vaters.
Er saß am Esstisch inmitten eines Rings aus Rauch, den seine Zigarette um ihn formte. Die Zigarette in der Rechten, die Zeitung in der Linken. Langsam wurde das Blatt gesenkt und unsere Blicke trafen einander. Ich wusste nicht recht, was ich sagen sollte, also blieb ich lieber still. Es waren bestimmt nur ein paar Sekunden, aber es fühlte sich wie eine Ewigkeit an, bis er endlich den Mund aufmachte.
„Pass auf der Treppe auf. Die dritte Stufe ist morsch.“
„Jawohl.“
Und mit diesen Worten ging ich in mein Zimmer.
Meine Oase hatte sich nicht im Geringsten von dem Bild, das ich in meiner Erinnerung trug, verändert. Die sandgelbe Tapete, die an einigen Ecken abblätterte, mein kleiner brauner Holzschreibtisch in der rechten Ecke, die alten, mit Flecken besetzten Gardinen hinter meinem Bett.
Ein bekannter Duft stieg in meine Nase. Der spezielle Geruch seines Heims, den man nur wahrnimmt, wenn man lange Zeit fort gewesen war.
Meine Eltern hatten sich wohl an dem freien Platz im Hause bedient, denn auf dem Parkett stapelten sich Berge an frischer Wäsche.
Warum sie nicht das leerstehende Zimmer meines Bruders nutzten, begriff ich nicht, aber hinterfragte es nicht weiter.
Ich wollte mich gar nicht mehr sorgen.
Überhaupt hatte ich es satt, mir den Kopf über jegliche Dinge zu zerbrechen.
Ich war hier.
Ich war sicher.
Das war alles, was zählen sollte.
Meine Mutter rief mich, wie damals zu essen, doch ich hatte keinen Appetit.
Ich sehnte mich nur danach, die Ruhe zu verinnerlichen, die ich schon so lange nicht mehr genießen durfte. Nach all dieser Zeit hatte ich zum ersten Mal keine Aufgabe, sondern durfte einfach nur sein.
Ich sein.
Auch wenn ich verlernt hatte, wie das eigentlich ging.
Doch in besagter Nacht sollte ich schnell zu der Erkenntnis kommen, dass mich diese Ruhe nicht so einfach finden würde.
Vorerst wurde ich in dem Glauben gelassen, frei von jeglichem Schmerz zu sein.
Vielleicht war es meine Naivität, vielleicht war es der Fakt, dass ich für Wochen kaum geschlafen hatte, doch ich beharrte auf diesen Glauben, den mir mein Inneres vortanzte.
Ich entspannte und genoss das Gefühl der weichen Matratze unter meinem Rücken. Die Nacht schloss sich um mich und ich schlief ein.
In meinen Träumen formte sich eine große Blumenwiese vor mir. So bunt, dass man hinterfragte, ob man all diese Farben überhaupt kennen würde. Tulpen, Sonnenblumen, Narzissen so weit das Auge reichte. Sie alle strahlten mir entgegen und hießen mich willkommen. Ihr süßer Nektar hatte eine Intensität, dass wenn ich meinen Mund öffnete, seinen Zucker auf meiner warmen Zunge schmecken konnte.
Langsam wagte ich einen Schritt über den farbenfrohen Boden unter meinen Füßen und ging vorwärts. Ich sollte nirgendwo ankommen. Es gab kein Ziel. Alles, das existierte, war eine warme Atmosphäre, die mir eine Umarmung spendete. Die Sonnenstrahlen küssten meine Haut und ich spürte, wie sie sich zu erhitzen begann. Es musste Sommer sein.
Und während ich so ging, erfüllte mich ein komisches Gefühl. Ich fühlte mich gut… Ja, fast frei? Doch ich war nicht bestimmt, dieses Gefühl zu hinterfragen. Ich wusste, ich sollte lediglich hier sein. Meine Hände streiften im Gehen an den vorbeiziehenden Sträuchern entlang, wie ich es als Kind immer tat, wenn mein Bruder und ich Fangen in den Feldern gespielt hatten.
In der Ferne formte sich vor mir ein kleiner Punkt.
Ich konnte nicht erkennen, was es war, und bewegte mich langsam in seine Richtung. Er nahm langsam eine menschliche Statur an und aus ungefähr hundert Meter Entfernung erkannte ich, dass es ein kleiner Junge war.
Er saß allein im Gras und rupfte eine Blume aus der Erde.
„Was machst du da?“, fragte ich ihn.
„Ich pflücke Blumen.“
Ich stand nun vor ihm.
„Für wen?“
Er sah mich nicht an und pflückte mit seinen kleinen, dicklichen Fingern eine strahlend gelbe Narzisse aus dem Boden.
„Für meine Eltern.“
Ich beobachtete ihn für eine Weile. Er sah so friedlich aus und hatte eine Unschuld an sich, die nur Kinder mit sich tragen.
„Das ist aber nett von dir. Deine Eltern werden sich bestimmt freuen.“
„Das bezweifle ich“, sagte der kleine Junge zu mir.
Ich wurde traurig und konnte nicht anders als nachzuhaken, auch wenn eine Person mit gutem Benehmen es wohl dabei gelassen hätte.
„Wieso denn das? Hast du keine guten Eltern? Jeder Mensch freut sich wohl über Blumen.“
Er verharrte einen Augenblick und ließ den bunten Strauß in seiner Hand sinken.
„Es sind die Blumen für mein eigenes Grab.“
Ich starrte ihn an. Noch immer hatte er den Blick auf den Boden gerichtet und suchte nicht nach meinen Augen. Seine Worte ein Karma für meine schlechten Manieren.
Um mein Missgeschick auszugleichen, beschloss ich mich auf meine Knie zu setzen, vielleicht würde er mich dann ansehen.
„Ich… ich verstehe nicht“, sagte ich. „Bist du krank?“
Und mit der Sekunde, in welcher ich diese Worte aussprach, setzte sich der Kopf des Jungen in Bewegung. Seine Augen trafen meine und mein Atem erstickte. Das Blut schoss mit einer gewaltigen Geschwindigkeit durch meine Venen, während mein Herz zu pumpen begann. Sein Blick war alles, was ich brauchte, um zu erinnern.
„Sie weinten, als sie meinen Körper fanden.“
Sprach das bekannte Gesicht nun endlich, mit dem Blick auf mich gerichtet.
„Es … es war nicht meine Schuld…, wenn ich doch nur gewusst hätte“, verzweifelte ich.
„Du musst verstehen, es war nicht meine Absicht! Das musst du mir glauben! Ich… ich bin kein Mörder.“
Doch die blauen Augen sahen mich nur still an, während sich eine rote Flüssigkeit an seinem kleinen, zierlichen Körper breitmachte.
„Ich werde es gut machen. Es wird alles gut werden, in Ordnung? Bleib einfach hier, ich werde deine Eltern finden und dann… dann kannst du ihnen die Blumen geben, ja?“
Bettelte ich, während salzige Tränen an meinen Wangen herunterliefen.
Ich tastete verzweifelt an seinem blutenden Körper, suchte nach einer Art Rettung, einem Beweis, dass ich es nicht war – nach irgendetwas. Ich konnte nicht noch einmal versagen. Doch ich wusste, es war zu spät. Es gab nichts, das ich tun könnte. Mit einer Schwäche sank der kleine Junge in meine Arme und klimperte mit seinen hoffnungslosen Augen.
„Ich wollte so vieles werden“, sprach er.
„So viele Orte sehen, so viele Menschen treffen, so viele Dinge lernen.“
Der Fluss unter meinen Augen tropfte langsam auf ihn herab.
„Hättest du dich doch nur in jener Nacht anders entschieden.“
Und ich nickte. Ich nickte, weil ich wusste, er hatte recht.
„Es tut mir leid. Es tut mir leid, Junge.“
Weinend saß ich auf den Knien, mit einem reglosen Körper in meinen Händen, als würde es irgendetwas ändern.
Die Blumen waren fort. Es war ein Grau über uns gezogen.
Der Himmel war grau.
Das Gras war grau.
Die einzige Farbe, das knallig rote Blut an den Klamotten des Kindes, das nun auch an meinen Händen klebte.
Der nächste Tag kündigte sich mit brummenden Motorgeräuschen auf der Straße vor meinem Fenster an und für eine sehr lange Zeit bewegte ich mich keinen Zentimeter aus meinem Bett heraus.
Mit einem starren Blick an die Decke gerichtet, dachte ich über mein verfluchtes Schicksal nach.
Die Morgensonne schien schon grell durch meine verfilzten Gardinen und blendete mein linkes Auge.
Was bedeutete es noch, Mensch zu sein, in einer Welt, die kaum noch menschlich war?
Die durchgeschwitzte Matratze unter mir drückte eine unbequeme Feuchtigkeit auf meine Haut. Ich war nicht mehr eingeschlafen. Den gesamten Morgen sah ich das Gesicht des Kindes vor mir. Ich dachte, ich werde wahnsinnig.
Ich war doch inzwischen fort von all dem.
Warum werde ich trotzdem noch verfolgt?
Am Frühstückstisch servierte mir meine Mutter zwei Eier auf einem Stück Brot. Daneben stellte sie einen Kaffee in einer rot getöpferten Tasse. Ich hob mein Besteck in Gedanken versunken, doch dann stach mir ein Dorn ins Auge und etwas brach in mir auf.
Das Eigelb war noch leicht flüssig und tropfte langsam an der Kruste der Stulle herunter. Ich ekelte mich vor der dickflüssigen Lösung und wurde sogar etwas zornig. Sie wusste doch, dass ich meine Eier doppelt gebacken esse. Oder gerührt, sogar gekocht, aber niemals mit flüssigem Dotter.
Ja, selbst wenn sie auf ihrem Sterbebett läge, selbst wenn sie an der schwersten Form einer Demenz litte, würde sie niemals vergessen, wie sehr mich diese gelbe Flüssigkeit anekelte.
Ich verstand nicht, warum sie dachte, dass dies nach meiner Reise nun anders sein würde.
Warum ich plötzlich anders sein würde.
Mit einer lauten Stimme und meinen Händen in Fäuste geballt machte ich ihr klar, dass ich das Brot nicht essen würde und sie mich besser kennen müsste.
Ich stampfte aus der Küche, aus dem Haus. Rückblickend weiß ich gar nicht, warum es mich so wütend machte, aber in dem Moment brodelte es förmlich in mir.
Ich machte mich auf den Weg zum alten See.
Früher war ich dort immer hingegangen, wenn ich es zu Hause nicht mehr aushielt. Dann saß ich dort. Manchmal für Stunden und starrte auf das kalte Wasser.
Er kannte mich schon und ich kannte ihn. Manchmal redete ich sogar mit ihm. Dann, wenn ich mir sicher war, dass wir ganz allein waren. Er antwortete mir nie. Das brauchte er aber auch nicht. Es genügte, dass er mir zuhörte.
Die Straßen meiner Heimat waren kälter als sonst und das, obwohl es bald Sommer werden würde. Die Sonne schaffte es nicht, die trostlosen Gassen mit ihrer Wärme zu füllen. Ich sah noch nicht einmal Vögel auf meinem Weg, die mir doch sonst so lieblich ins Ohr gezwitschert hatten. Selbst die Tiere fühlten sich hier nicht mehr willkommen.
Mein Fuß trat gegen einen kleinen Stein, der auf dem Asphalt lag und kickte ihn ein Stück vorwärts. Er kullerte ein wenig und kam dann zum Stillstand. Ich trat erneut gegen ihn. Dieses Mal stärker, sodass er weiter rollte. Immer weiter, wie ein verstoßener Außenseiter, haute ich meinen Fuß gegen das Mineral, bis er gegen eine Steinmauer prallte.
Mein Blick wurde endlich gehoben und ich sah gegen eine wohlbekannte Hauswand.
Es war das Haus von Olivia.
Ich war so abgelenkt mit meinem dummen Spiel gewesen, ich musste aus Gewohnheit den Weg zu ihrem Haus eingeschlagen haben. Ich zögerte.
Das letzte Mal, als wir uns sahen, sind wir uns fast an die Kehle gegangen.
Oh, wie wütend sie auf mich war, als ich mich freiwillig zum Dienst gemeldet hatte. Und wie zornig ich war, weil sie nicht verstand, dass ich meinem Bruder helfen wollte.
Ich hatte oft überlegt, was ich sagen würde, wenn ich sie je wiedersehen sollte. Doch ich war nie zu einem finalen Entschluss gekommen. Sollte ich klopfen, ihr in die Arme fallen und sie um Vergebung bitten? Sie hatte ja so recht gehabt.
Ich hätte niemals gehen sollen. Ich hätte sie niemals so verärgern sollen. Wie dumm ich gewesen war.
Oh Olivia, kannst du mir noch verzeihen?
Es ist doch noch nicht zu spät.
Oh Olivia, nimm mich in deine Arme und lasse mich nie wieder los. Lass mich nie wieder gehen.
So nahm ich all meinen Mut zusammen und schritt die kleine Treppe zu ihrer Haustür herauf. Die gelbe Farbe blätterte noch immer von ihrem Holz ab. Keiner hatte sie gestrichen, als ich fort war. Die leere Vase stand noch so vertraut auf der Fensterbank vor dem Esstisch, an dem wir so oft den wässrigen Kaffee ihrer Mutter tranken.
Ich würde hunderte dieser Kaffees trinken, wenn sie mir jetzt die Tür öffnen würde.
Und so klopfte ich.
Fest und überzeugt gegen die gelbe Tür. Vielleicht ein wenig zu fest, denn mit dem ersten Klopfer stieß ich sie ein Stück offen. Jemand hatte sie geöffnet lassen. Vielleicht erwartete sie mich bereits. Vielleicht hatte sie von meiner Rückkehr gehört, dachte ich. Oder sie würde mir gleich entgegen stürmen und mich so um Vergebung bitten, wie ich um ihre.
Hach Olivia, dir sei vergeben.
So trat ich über die Türschwelle und stieß die Tür ein Stück weiter auf. Ich erwartete, ihren Vater wie üblich vor mir auf dem Sessel im Wohnzimmer zu finden. Doch der Sessel war leer. Ich rief nach ihrem Namen und lauschte. Doch es kam keine Antwort. So trat ich weiter ins Haus. Es war chaotisch im Erdgeschoss. Sehr untypisch für ihre Familie. Überall lagen Kleider auf dem Boden. Die Stühle waren gekippt und die Garderobe im ganzen Haus verstreut. Hatten ihre Brüder wieder verstecken gespielt und nicht aufgeräumt?
Ich konnte mir nicht erklären, was hier vor sich ging. Warum es so aussah, als ob sie alles stehen und liegen gelassen hatten.
Wie ein Detektiv schlich ich einen Schritt weiter und machte mich auf Spurensuche.
Hinter mir hörte ich einen Pfiff. Ich drehte mich um und draußen vor der Tür stand eine fremde Frau.
„Sind sie eine Nachbarin? Wissen Sie vielleicht, wo Olivia ist?“, fragte ich die alte Dame, doch sie starrte mich nur leer an.
Ihre Augen sahen abwechselnd in mein rechtes und mein linkes Auge. Eine bedrückende Stille umschlang uns.
Ihr Blick verriet mir alles, was ich wissen musste. Ich verstand und nickte. Sie nickte zurück.
„Jemand hatte sie an die Gestapo verraten“, sagte sie traurig.
Mehr wollte ich gar nicht hören.
„Eine Freundin?“, gaben ihre rauen Stimmbänder von sich.
Eine Leere zog über mich.
„So in der Art“, sagte ich und verließ das leerstehende Haus.
Ich setzte mich an den See und ließ meinen Blick über seine glatte Oberfläche schleichen. Der Himmel malte ein falsches Blau auf meinen alten Freund. Auch er war nicht mehr derselbe.
„Warum mein Freund“, fing ich an, ohne mich umzusehen, ob wir allein waren.
„Warum kommt das Alte nicht mehr zurück, obwohl die Kulisse doch dieselbe ist?“
Doch er hörte mir schon gar nicht mehr zu. Und mit einem leisen Wind fiel mein Kopf in meine Knie und ich fing an zu weinen wie ein Kind, dem man sein Spielzeug wegnahm.
Meinen Sommer habe ich damit verbracht zu vergessen, oder vielmehr; mit einem kläglichen Versuch, mein Seelen zerreißendes Elend loslassen zu können.
Noch gelang es mir nicht. Tag und Nacht wurde ich von all dem heimgesucht, von dem ich dachte, es an einem fernen Ort zurückgelassen zu haben. Nichts wurde zurückgelassen. Und nichts hatte mich hier wieder so empfangen, wie ich es einst mit wehendem Taschentuch verabschiedet hatte. Es herrschte irgendetwas Neues. Etwas Unbestimmtes, das mir nicht gefiel.
Mutter und Vater sahen es nicht. Überhaupt hatte ich das Gefühl, dass keiner es sehen würde.
Kein Mensch auf der Straße, kein Kassierer im Supermarkt, kein Pfarrer fühlte dieses Klima, das uns aber doch alle umgab.
Warum musste ich es sehen?
Warum kroch es wie ein Parasit unter meiner Haut und befiel mich mit Albträumen und Unbehagen?
Ich wünschte mir nichts mehr als des Bürgers pure Naivität. Sie ließ sie nachts schlafen. Ließ ihre Anhänger mit einem Lächeln zur Arbeit gehen.
Ich wurde verdammt, keiner dieser Menschen zu sein. Der Kirche legte ich lange keinen Besuch mehr ab.
Das Kreuz, das ich tragen musste, war, die Welt als das zu sehen, was sie ist.
Beim Essen sprach meine Mutter oft das Vaterunser. Ich sollte es jeden Tag fromm und ehrlich beten, dann würde es mir schon besser gehen, sagte sie. Doch für mich waren Gebete schon lange nichts mehr als leere Worte. Ich wollte um keine Vergebung bitten, wollte nach keinem Segen fragen. Ich wollte mir selbst vergeben können. Selbst büßen müssen.
Und wenn es einen Himmel gäbe, dann würde ich dort keinen Platz haben.
Manchmal schickte mich Mutter gegen meinen Willen zum Gottesdienst. Ich ging zwar jedes Mal los, endete aber nie in der Kirche. Dies hielt ich allerdings geheim vor ihr. Ich wollte sie in dem Glauben lassen, dass der Heilige Geist ihren Sohn Stück für Stück reinigen würde.
An einem Tag, es war ein Sonntag im Juli, schritt ich wieder los und schlenderte gewohnt über den Marktplatz hinter dem alten Friedhof. Es wuselten ein paar Menschen durch die bunten Obst- und Gemüsestände. Sie gingen mit leeren Beuteln, die darum bettelten, gefüllt zu werden, von einem Stand zum nächsten.
Ein paar ältere Damen standen zusammen und erzählten sich den neuesten Tratsch der Stadt. Ich sah ihnen aus der Ferne zu. Gebannt lauschten die Drei einer Vierten, die wohl etwas Skandalöses sagen musste, denn sie alle schlugen gehässig ihre Hand vor den Mund und kicherten.
Ich ließ meinen Blick über die Menge schweifen. Beobachtete die Individuen in ihrem natürlichen Habitat und studierte ihre Bewegungen. Vielleicht versuchte ich auch, etwas von ihnen zu lernen. Wie man sich angemessen in der Öffentlichkeit verhält und kein Aufsehen durch Inkompetenz erregt. Es würde bestimmt Bücher geben, die sich mit solchen menschlichen Studien auseinandersetzten, dachte ich nach. Ich machte eine Notiz an mein Selbst, später in der Stadtbücherei nach etwas Derartigem zu suchen und schenkte meinem Blickfeld währenddessen keine Aufmerksamkeit. Zu meinem Bedauern verweilten meine Augen in der Zeit auf dem Rücken einer mir bekannten Person. Als der junge Mann sich im Gespräch mit dem Obsthändler drehte und sein Gesicht offenbarte, wurde mein Fokus blitzartig zurückgezogen.
Es war einer meiner damaligen Kameraden.
Ich erstarrte aus Panik. Ich hatte nicht damit gerechnet, so früh mit meiner Vergangenheit konfrontiert zu werden.
Ich versuchte so zu tun, als hätte ich ihn nicht gesehen und machte mich langsam auf meinen Rückzug. Doch es war schon zu spät, denn keine Sekunde später hörte ich schon, wie mein Name durch die Menge hallte.
Noch einmal tat ich so, als hätte ich ihn nicht gehört. Doch ich wusste nach dem zweiten und dritten Mal, dass er rief, musste ich meine Tarnung aufgeben.
„Ich glaube es nicht!“, sagte er mit einem Strahlen, das mich fast schon blendete.
„Was machst du denn hier?“
Ich versuchte, mich zu konzentrieren. Vielleicht könnte dies gut werden. Vielleicht würde es mir einen Abschluss geben, wenn ich es nur versuchen würde. Mit der Intention, wach und dominant zu wirken, schob ich meine Schultern straff zurück und hob mein Kinn leicht an.
„Ach du weißt schon, nur ein bisschen trödeln“, sagte ich also und setzte ein falsches Lächeln auf.
Er lachte.
„Was auch sonst. Hör mal, lass uns doch einen Kaffee trinken. Du hast mir doch sicher viel zu erzählen.“
Ich willigte ein und wir setzten uns in das alte Hofcafé, zwei Straßen weiter.
Vincent war in meiner Kompanie gewesen. Er war ein bisschen älter als ich und half mir am Anfang, mich zurechtzufinden. Wir kämpften nicht oft an einer Seite, aber in jener Nacht waren wir für den gleichen Zug eingeteilt gewesen.
Er sah gut aus. Sein braunes Haar fiel ihm perfekt ins Gesicht und er hatte eine Frische an sich, die ich längst verloren hatte. Mit seiner glatten Haut, vollkommen frei von Narben, glaubte man, Aphrodite höchstpersönlich hätte ihn gesegnet.
Man könnte ihn für einen normalen jungen Mann halten. Er würde sich bestimmt gut untermischen können, dachte ich. Nichts deutete darauf hin, dass es ihm schwerfallen würde, einer von ihnen zu sein.
Sein Grinsen reichte von einem Ohr bis zum nächsten und er berichtete mir stolz von seiner Arbeit und seiner Schwester. Von seinen Eltern und seinem Pfarrer. Von seiner Geliebten und dem neuen Haus. Mit jedem Wort, das er sagte, verlor ich ein Stückchen Hoffnung und Sympathie.
Er war all das, was ich nicht war.
„Freut mich, dass dir deine Heimat so viel Wohl bekommt, Vincent“, sagte ich mit der weißen Kaffeetasse in der Hand, die einen Kontrast zu ihrem Inneren darstellte.
„Ja. Ich meine verstehe mich nicht falsch, nichts macht mich stolzer, als mein Land zu verteidigen, aber ich bin ebenso froh wieder heim zu sein.“
Seine Worte strudelten mit einer gewissen Leichtigkeit aus ihm heraus. So als hätte er dieses Gespräch schon unzählige Male geführt.
„Erzähl mir von dir, mein Freund. Was hat ein stolzer Bürger wie du die letzten Wochen getrieben?“
Mit der Frage pausierte ich. Ich war davon ausgegangen, dass zumindest meine Gleichgesinnten so fühlten wie ich. Dass die, die dabei gewesen waren, nur wie ich fühlen konnten. Vincent sah mich brüderlich an.
„Komm schon, was stimmt nicht?“, fragte er nach einer Weile und der Ton seiner Stimme ließ es fast schon so klingen, als ob er sich zutiefst um mich sorgen würde.
Ich konnte ihn wohl nicht so erfolgreich täuschen, wie ich es mir erhofft hatte.
Es war nicht so, dass ich mich ihm unbedingt anvertrauen wollte, aber Vincents Präsenz, mit seinem autoritären Verhalten, zwang mich förmlich dazu.
„Ich …“
Begann ich, doch meine Gedanken tummelten sich, sodass ich gar nicht wusste, wo ich starten sollte. Ich nahm einen Atemzug, wie es mir mein Klassenlehrer immer geraten hatte.
„Hast du manchmal Albträume, Vincent?“, fragte ich ihn ehrlich.
„Denkst du manchmal nach, was für ein Leid wir ausgelöst haben?“
Die Frage schien ihn zu verwundern. Er hatte wohl angenommen, ich würde mich lediglich um meine Arbeit oder das Wetter beschweren.
„Was ist denn los mit dir? Jetzt hab dich mal nicht so.“
Ich starrte ihm in seine grünen Augen.
„Du willst mir sagen, du fühlst dich kein bisschen schlecht? Du kannst mir ehrlich ins Gesicht gucken und behaupten, wir seien keine schlechten Menschen? Du hast nicht blind jemandem gehorcht, der von Hass erfüllt und durch Zerstörung angetrieben wurde?“, sprach ich.
Vincent setzte sich gerade auf, wie er es oft an der Front getan hatte, wenn er uns schlechte Neuigkeiten gut zu reden versuchte.
„Hör mir zu, kleiner. Wir haben lediglich Befehle ausgeführt. Entweder wir oder die.“
Ich sah Vincent an. Er wurde mit einem Mal hässlich. Ein Schatten sprang über ihn und sein strahlendes Grinsen verdunkelte sich, als wäre ein Gewitter in sein Gesicht gezogen.
Wie ein Schaf kaute er auf seinem Stück Brot herum. Es widerte mich förmlich an, ihm ins Gesicht zu gucken.
„Entweder wir oder die …“, wiederholte ich.
„Waffen sind gemacht, um sie zu nutzen, Junge. Kein Gewehr kann einen Frieden schließen.“
Er war wie ein Wolf, der sich als Schaf getarnt hatte, und es ärgerte mich, es nicht früher gesehen zu haben. Ich ärgerte mich, ihn an mich herangelassen zu haben und dem Irrtum gefolgt zu haben, ein weißes Fell passend zu meinem gefunden zu haben.
Mit seiner Aussage schwappte meine Geduld über und all das, was mein Lamm innehielt, strudelte aus mir heraus.
„Vielleicht hätten wir das Gewehr ablegen müssen. Hättest du dann Frieden geschlossen, Vincent? Es war lediglich deine Waffe, die dich zum Töten gebracht hat?“
„Natürlich nicht und das weißt du auch. Glaub aber bloß nicht, dass die Männer auf der anderen Seite dasselbe getan hätten.“
Eine Pause lag zwischen unseren Worten und Vincent schmatzte sein Brot noch immer vor sich her. Ich wollte es ihm am liebsten aus der Hand reißen und den heißen Kaffee über ihn ergießen. Vielleicht war ich auch ein Wolf. Aber ein anderer als Vincent es war.
„Sei doch mal dankbar, dass du es geschafft hast, zurückzukehren“, klopfte er mir löblich auf die Schulter.
Da war wieder dieses Wort. Dankbarkeit. Seit meiner Ankunft wurde von nichts anderem mehr gesprochen. Mein Leben lang sollte ich nun alles hinnehmen. Für alles dankbar sein, bloß weil ich es geschafft habe zu leben. Bloß weil ich geschafft habe, dass mein Blut noch durch meine Adern fließt.
„Ich soll dankbar sein?“, schnaubte ich.
„Verdammt, ich wäre lieber gestorben, als so eine Last Tag für Tag mit mir herumzuschleppen. Krieg schafft böse Männer, Vincent. Männer, die blind Böses befolgen und sich dann einreden, alles richtig gemacht zu haben. Es war nicht unsere Schuld, hm? Wessen dann? Die unseres Offiziers? Die der Partei? Du denkst, das sind die Bösen? Warum bekommst du nicht in deinen Kopf, dass wir genauso schlimm sind wie sie? Die Männer, die Befehle geben, sind grausam, aber die Männer, die sie befolgen, sind entsetzlich.“
Wild fuchtelte ich mit meinen Armen um mich her und schrie, mit einem mir unangenehmen Schmerz, der meine Stimme brechen ließ, meinen alten Genossen an. Der Kaffee tropfte meine Hand herunter und bildete einen See auf dem braunen Holz des Tisches. Ich hasste ihn. Hasste dieses Café, diesen Tag, dieses ganze gottverdammte Leben.
Er stand auf und hob seine Stimme nun endlich passend zu meiner.
„Du denkst, du hast die Welt verstanden, ja? Du entscheidest, was richtig und was falsch ist?“, er schmiss seine Servierte wütend auf den Tisch.
„Du bist ein feiges Muttersöhnchen, dem jedes Stück Härte fehlt. Du warst eine Belastung für unsere Kompanie. Ich hätte dich an der Front sterben lassen sollen, wenn du es dir doch so wünschst“, hauchte er mich an.
Ich hatte ihn noch nie so erlebt. Vincent war immer eine Person gewesen, die den kühlen Kopf bewahrt hat. Deswegen hatten wir ihm alle so vertraut. Doch wie er nun vor mir stand und mich mit seinen gehässigen Worten verfluchte, verblassten mit einem Mal all die alten Erinnerungen an ihn.
„Mit dir ist etwas gewaltig falsch, Junge und es wird dich für den Rest des Lebens begleiten. Das war nicht der Krieg, das ist dein krankes Gehirn. Schon immer gewesen.“,
Er kam mir näher und streckte seinen Zeigefinger in mein Gesicht, so als ob er mich mit seinen Worten bedrohen wollte.
„Vielleicht solltest du dir Hilfe holen, hm? Zum Psychiater gehen und ein bisschen reden? Aber das wirst du nicht machen, weil du ganz genau weißt, dass keiner einen Job an Verrückte vergibt. Und das bist du. Verrückt.“
Mit dem goldenen Abschluss verließ er den Tisch und ließ mich mit meinem Kaffee allein zurück. Ich sah ihm nicht nach – es gab nichts, dem ich hinterher sehnen wollte. Selbst das, was in den bösen Stunden damals als reiner Engel gewirkt hatte, entpuppte sich nun als Teufel. War denn noch irgendetwas so, wie es schien?
Wochen zogen an mir vorbei, wie Güterzüge an einem Schwarzfahrer. Egal, wie stark ich versuchte, auf ihn heraufzuklettern, ich wurde trotzdem jedes Mal erbarmungslos heruntergeworfen. Und so wartete ich auf den nächsten Zug, doch wenn er kam, raste er lediglich mit einer enormen Geschwindigkeit an mir vorbei.
Es war sinnlos.
Ich hatte meine Arbeit als Maurer wieder aufgenommen. Ich wusste, sie nahmen mich nicht aufgrund meiner starken handwerklichen Fähigkeiten, sondern ausschließlich wegen des großen Bedarfs zum Wiederaufbau unserer erbärmlichen Stadt.
Ich war erneut ein Mittel geworden.
Dieses Mal sollte ich genau das wieder herrichten, was meinesgleichen auf der anderen Seite zerstört hatten. Der Widerspruch brachte mich manchmal sogar fast zum Lachen.
Was sie wohl da drüben gerade täten? Dort gab es sicherlich jemanden, der so dachte wie ich. Und uns unterschied nichts, als auf verschiedenen Seiten geboren worden zu sein. Wir kämpften nicht wegen Stolz zum Vaterland. Wäre ich dort drüben gewesen, dann hätte ich genauso ihrem Offizier gefolgt, wie in diesem Leben ich meinem gefolgt war.
Die Aktionen, die man ausführte, beruhten auf keiner unabhängigen philosophischen Ideologie, der man folgte, egal welcher Boden unter seinen Füßen war. Ich zumindest fühlte mich mit diesem Deutschland nicht verbunden. Im Krieg kämpfte man lediglich wegen des Befehls, den ein übergeordneter Mann gab.
Doch was machte ihn zu etwas Höherem?
Was stellte einen Menschen so hoch, dass er über das Leben unzähliger Individuen entscheiden durfte?
Und wie dumm waren die Männer, dass sie über sich entscheiden ließen?
Wenn keiner es wagt zu hinterfragen, erhält eine Person allein die totale Kontrolle über ihren Verstand. Jeder Einzelne von ihnen überzeugt davon, etwas ganz Großes zu sein, etwas beizutragen und etwas zu verändern. Doch spätestens dann, wenn sie ihren besten Freund vor sich verbluten sehen, verstehen sie, dass nichts von all dem an Ehre gebunden ist. Dass alles, was sie für den Mann sind, nur eine weitere Marionette ist.
Seine schwarzen Puppen, die im kalten Nimmerland mit einem Gewehr vor weißen Puppen stehen. Und die Schießwaffen in ihren Händen, Sinnbilder von Gleichheit und Chance, verlieren im Schatten der gezogenen Fäden ihre Bedeutung, denn niemand ist dem anderen überlegen und doch herrscht kein Gleichgewicht.
Wer zuletzt schießt, hat verloren.
Doch wer zuerst schießt, wird kein Gewinner.
Es waren einige alte Soldaten unter meinen Kollegen beim Bau. Sie waren wegen desselben Grundes wie ich dort. Man dachte, man könnte seinen Alltag zurückgewinnen, doch mehr als ein Fremder zu sein war gar nicht möglich, wenn an jeder Ecke – still und schmutzig – Erinnerungen lungerten. Man konnte sie fühlen, wenn wir neben den Trümmern standen und unseren Kaffee tranken. Sie warteten auf einen und schlichen sich langsam, mit jedem Atemzug, den man nahm, in den Körper, wo sie sich wie ein Dunst um seine Organe schlang. Dann machten alle Männer zusammen Mittagspause und versammelten sich in einer großen Gruppe, als würde Gemeinschaft einem Schutz bieten. Als wäre man dann stärker als das Elend, das einen finden würde.
Ich schaute so manches Mal, mit der warmen Tasse in meiner Hand, hoch in den Himmel.
Dort stand ich in der Menge und war verschwunden.
Die Tage wurden langsam wärmer und die Nächte, in denen ich wach lag, endlich kürzer. Jeder Tag war auf seine Art und Weise gleich geworden. Trotzdem fühlte ich mich wie ein Fremder in meinem eigenen Körper. Manchmal überlegte ich, ob ich mich überhaupt richtig verhielt oder ob andere Worte angebrachter wären.
Als hätte ich komplett verlernt, ein Mensch zu sein.
Ich grübelte, ob ich meine alte Gewohnheit wieder aufnehmen und mit dem Schreiben anfangen sollte. Mein Bruder sagte mir immer, dass Autoren schreiben, weil keiner das Offensichtliche begreifen würde. Doch als Schriftsteller müsste ich eine klare Idee davon haben, was hinter dem Vorhang versteckt liegt, um ihn offen zu ziehen und das Problem dem Publikum präsentieren zu können. Aber bei dieser Geschichte war ich nicht die Person, die die Fäden zog, ich war einer der ahnungslosen Zuschauer, der gebannt auf eine Enthüllung wartete. Somit müsste ich mit etwas Anderem meine Stunden verbringen. Irgendein Hobby, dem ich meine Zeit und mein Erbarmen widmen könnte.
Das machten doch vernünftige Leute heutzutage, nicht wahr?
Ich war mir nicht einmal mehr sicher, was die Leute eigentlich so taten, um nicht verrückt zu werden. Die Gesellschaft, die mich jeden Tag umgab, fühlte ich mich unheimlich fremd und mich fing an, eine gewisse Panik einzuholen, meine Persönlichkeit endlich unter die Menge mischen zu müssen. Nicht auffällig sein zu dürfen.
Ich konnte nicht riskieren, in eine Anstalt gesendet zu werden, denn auch wenn ich Vincent mit der unschuldigsten Seite meiner Seele hasste, hatte er recht. Meine Zukunft wäre vorbei.
Niemand gab eine Stelle an Verrückte. Ich hatte es selbst gesehen.
Ein alter Nachbar war Monate vor mir an die Front gezogen, nach seiner Heimkehr fiel ihm jeder regelrecht zu Füßen, so als hätten sie einen Helden empfangen. Doch es dauerte nicht lange, bis man bemerkte, dass irgendetwas an ihm gebrochen war. Er sagte ungewöhnliche Dinge, reagierte zu oft mit einem gewaltigen Zorn auf belanglose Sachen, seine Antworten kamen zu spät oder gar nicht. Man schickte ihn zum Arzt und er unterzog sich einer psychologischen Behandlung. Es muss ihm geholfen haben, er wurde wieder einer von uns. Ein oberflächlicher und einfältiger Bürger, doch er sollte sich keine Hoffnungen machen – einen Posten erhielt er nie wieder.
Er hat sein Land zwar tapfer verteidigt, aber mehr als ein stiller Beweis für Opferbereitschaft würde er nie sein.
Der Mann hatte gelebt für seinen Staat, wäre gestorben für seinen Staat, doch selbst gefeierte Patrioten durften aus ihrer Tapferkeit nichts ernten.
Diesen Job übernahmen andere Männer.
Ich blickte herunter auf meine Füße, die schlaksig über den Asphalt liefen. Beim Anblick meiner zierlichen Glieder überlegte ich, ob mein Wohlbefinden möglicherweise aus dem Mangel meiner physischen Bewegung stammen könnte. Aber mein Gedanke war ebenso flüchtig wie belanglos. Ich war nie ein Sportler gewesen. Meine Arbeit war mir bereits anstrengend genug. Schon nach dem Zementmischen letzte Woche konnte ich meine Arme für drei ganze Tage kaum spüren.
Es waren Momente wie diese, die mich daran erinnerten, dass weder mein Überleben noch der Tod eines Kameraden an irgendetwas anderes gebunden waren als dem puren Zufall. In meinem Körper gab es keinen Muskel, der mich hätte retten können und mein Verstand hatte dort schon längst kapituliert. Leben und Tod – sie folgten keiner Logik, keinem Plan. Es gab keinen geheimen Trick, kein Training, das einen vorbereiten könnte. Wenn der Tod dir gegenübertrat, war dein Schicksal bereits entschieden.
Auf dem Bau hatten wir heute früher Schluss gemacht. Ein für mich seltener Umstand, der mir plötzlich ungewohnt viel Zeit schenkte. Zu viel Zeit. Mein ausgeklügelter Tagesplan war präzise konstruiert, weniger aus Notwendigkeit, sondern viel mehr aus Angst vor den leeren Minuten dazwischen. Sie bedeuteten grauenvolles Philosophieren. Ich wollte nicht nach Hause, noch weniger wollte ich an den verräterischen See, der nun mehr über mich wusste, als es mir lieb war.
In Gedanken versunken bekam ich gar nicht mit, dass jemand mit mir zu reden schien.
„Hallo?“
Die Stimme war klar und hell und riss mich aus meinen Gedanken zurück ins Hier und Jetzt. Mein Blick traf auf ein junges Mädchen vor mir, dort erkannte ich erst, dass sie auf etwas zu warten schien – offensichtlich auf eine Antwort von mir. Ich war gemeint.
„Was?“, schnaubte ich unhöflicher als beabsichtigt.
Das Mädchen blickte mich misstrauisch an. In ihrem Blick lag etwas, das mich bereuen lassen sollte, so schnippisch auf sie reagiert zu haben.
„Wenn du mal hochgucken würdest, könntest du vielleicht auch sehen, was die Welt um dich herum so treibt“, lachte sie etwas amüsiert an meiner Isolation.
Ich sah sie leer und fragend an, wie ein Neugeborenes, das nicht versteht, was ihm gesagt wird. Was wollte sie nur von mir? Meine Körpersprache musste es Meilen weit deutlich gemacht haben, dass man mich besser nicht ansprechen sollte.
„Entschuldige. Gab es etwas, das Sie mich gefragt haben?“, brachte ich endlich heraus und bereute sofort, das Mädchen gesiezt zu haben.
Sie musste ungefähr in meinem Alter sein, vielleicht ein wenig jünger. Aber sie reagierte nicht auf meinen peinlichen Fehler.
„Wo komme ich denn zum Friedhof?“
Sie warf eine lockige Strähne gekonnt hinter ihre Schulter, die dort absichtlich verweilte, als gehöre sie dahin. Ihre Frage verwunderte mich und regte eine gewisse Neugier in mich, sodass meine Haut zu kitzeln begann.
„Friedhof? Du scheinst den Toten ja zu betrauern, wenn du nicht einmal weißt, wo er liegt“, sagte ich mit einem mir fremden Sarkasmus.
Ich konnte mir nicht erklären, woher meine Worte kamen, geschweige denn der Tonfall. Es war mehr, als ich die letzten drei Tage mit irgendwem gesprochen hatte. Sie verdrehte die Augen. Ich musste etwas Falsches gesagt haben.
„Ich bin neu hierhergezogen. Aber wenn du mir nicht helfen willst, gehe ich nun weiter.“
„Nein nein, nicht doch. Komm, ich führe dich zu ihm. Wenn es dir nichts ausmacht.“
Sie sah mich misstrauisch an. So, als ob sie ihre Optionen gerade abwägte und ich war mir sicher, dass meine Chancen nicht sonderlich vielversprechend aussahen.
„Ich verspreche, nicht mehr so unhöflich zu sein. Es tut mir leid“, sagte ich ehrlich.
Ich meinte es auch so.
Es war, als ob jemand Fremdes mich einnahm und mit dem Mädchen sprach. Jemand Besseres und kompetenteres als ich es war. Warum ich unbedingt bei ihr bleiben wollte, wenn ich die Präsenz von jeder anderen Person zurzeit unter allen Umständen mied, erfüllte meinen Kopf mit Fragen.
„Nun gut.“, wägte sie schließlich ein und wir begannen über den Marktplatz zu schreiten.
Sie war ein hübsches Mädchen mit langen braunen Haaren und einem dezenten Pony, das im Wind wehte. Über ihrer schmalen, linken Schulter hing eine rote Handtasche mit goldener Schnalle, die im richtigen Winkel die Sonne grell in meine Augen blitzen ließ.
„Du sagst, du bist neu hierhergezogen?“
„Ja. Mein Bruder hat hier gewohnt und meine Mutter schleppt uns nun allesamt in diese Stadt.“
Sie pausierte und ihr Schritt verriet mir eine Veränderung in ihrem inneren Geist. Als wäre eine Erinnerung in ihrem zierlichen Kopf schwerer als der Körper, den sie vorantragen musste.
„Dein Bruder? Wo ist er jetzt? Vielleicht kenne ich ihn.“
Ich würde ihn nicht kennen. Ich kannte regelrecht niemanden in dieser Stadt.
„Er ist drüben gefallen.“
Stille.
„Ich sagte ihm, er solle nicht gehen, aber er hörte nicht auf mich. Wenn ich ehrlich bin, dann verachte ich ihn ein wenig dafür, verstehst du?“, sie sah mich an und ich nickte, so als würde ich sie verstehen.
„Ja, ich kenne das.“
„War jemand aus deiner Familie fort gegangen?“, fragte sie mich und ich nickte erneut wie eine Wackelkopf Figur.
„Mein großer Bruder. Er liegt nicht fern von deinem.“
Wir gingen weiter durch die schmalen Straßen und kamen nach einiger Zeit beim Friedhof an, doch an der Pforte angelangt kam ich nicht zum Halt. Ich wollte nicht gehen. Ihre pure Präsenz ließ meine Lunge endlich atmen und mein Gehirn wieder konventionell funktionieren. Sie schien wiederum alles andere als konventionell, was mich äußerst neugierig machte. Also begleitete ich sie noch weiter bis hin zum grauen Stein, der eine frische Gravur trug.
„Ich hasse Soldaten“, sagte sie, während wir auf den Stein starrten.
„Sie kehren zurück und erwarten eine Ehre für all das Elend, das sie ausgelöst haben. Es sind verdammte Pioniere, die sich einreden ein Opfer, von etwas geworden zu sein. Und jeder lobt sie auch noch dafür.“
Ich hörte ihr mit einem Blick zu, der verstecken sollte, dass sie meiner leidenden Kreatur eine detaillierte Beschreibung lieferte.
„Hasst du deinen Bruder deswegen?“
Die Worte schossen zu schnell aus mir heraus, dass ich hätte bemerken können, wie unhöflich meine Frage war. Sie dachte eine Sekunde nach.
Der Grund, warum ich zu erwarten schien, pure Ehrlichkeit von ihr zu ernten, war mir fremd.
„Ja“, sagte sie mit einer gewissen Trauer.
„Aber ich hätte ihn früher oder später sowieso zu hassen gelernt.“
Sie sah mich nicht an, sondern hatte ihren Blick auf den Stein zu unseren Füßen gerichtet, als würde sie nach einer Erklärung in den Buchstaben auf seiner Inschrift suchen. Ich verstand nicht und wandte meine Sicht nun auch auf das Gestein.
„Wieso denn das?“
„Weil der Krieg etwas Böses in ihm entfacht hat, das schon lange in seiner Seele gebrannt haben musste. Sonst wäre er nicht gegangen.“
Das Mädchen faszinierte mich, wie es noch nie jemand getan hatte. Ich fühlte mein Wesen fast schon als begriffen, wäre ich nicht einer dieser Leute gewesen, über die sie so klug zu reden wusste.
Der Gedanke, sie könnte mich bei meiner Wahrheit zu hassen lernen, erfüllte mich mit Angst.
Ich kannte sie nicht, aber jede Faser meines Leibs sehnte sich nach ihrer warmen Anerkennung.
„Man kann keine gute Person sein, wenn man mit einer Waffe in den Krieg gezogen ist, meinst du?“, und sie drehte sich endlich zu mir, sodass sich unsere Augen trafen.
Es war kein Blickaustausch zweier Fremder. Etwas an ihr schien mir so vertraut und nah, als würde sie mich regelmäßig in meinen Träumen besuchen.
„Ein Mann, der eine Waffe ausgehändigt bekommt, ist ein Opfer. Ein Mann, der sie behält, ist ein Teufel.“
Ich sah nicht von ihren Augen fort und bevor ich es realisierte, stimmte ich ihr schon zu.
Sie zog einen weißen Umschlag aus ihrer Tasche und legte das Pergament auf das Grab ihres Bruders. Meine Augen folgten jede ihrer sanften Bewegungen und ich ertappte mich bereits bei Fragen um den literarischen Inhalt ihres Souvenirs. Schließlich gingen wir zurück durch die großen Metallbögen, die den Ausgang markierten. Sie drehte sich.
„Also vielen Dank.“, und sie setzte den ersten Schritt in die nächste Straße.
„Moment!“, rief ich und die braunen Haare kamen wieder zum Stillstand
„Wann kann ich dich wieder sehen?“
Sie grinste mich nur an und die kleinen Grübchen, die sich auf ihren reinen Wangen bildeten, brannten für alle Ewigkeit ein Bild in meiner Erinnerung.
„Zwei einsame Friedhofsgärtner müssen doch wohl zusammenarbeiten“, sagte ich in der Hoffnung, dass mein schlechter Humor sie bei mir behalten könnte.
Es schien zu funktionieren, denn sie kam wieder zurück zu mir.
„Du kennst noch nicht einmal meinen Namen.“
Sie hatte recht. Ich hatte ganz vergessen, danach zu fragen, ihre Worte waren mir wichtiger gewesen. Und wie könnte mir ein Name wichtig sein, wenn ein Engel ihrer Art es wagte seine Zeit auf Erden mit mir zu verbringen.
„Dann sag ihn mir.“
„Ilse.“
Das braunhaarige Mädchen strahlte mir freundlich entgegen. Sie würde mich in den Himmel fliegen oder unter der Erde verrotten lassen, dem war ich mir sicher. Ich wusste nur noch nicht, welches der beiden es sein würde.
„Wann kann ich dich wieder treffen, Ilse?“, fragte ich erneut.
„Morgen nach dem Kartenspiel mit meiner Großmutter kann ich dich sehen. Bei dem großen Baum hinter der Kirche. Aber komm nicht zu früh, Großmutter lässt sich gerne Zeit.“
Ich nickte.
„Beim großen Baum also.“
Ich wusste, wo er stand. Wenn man sich gegen ihn lehnte, hatte man eine wunderbare Aussicht über den See.
„Dann bis morgen, Ilse“, lächelte ich.
Es war das erste ehrliche Lächeln auf meinen Lippen, seitdem Mutter mir vor meiner Abreise eine Kopie von Shakespeares „Macbeth“ geschenkt hatte.
„Warte!“, hörte ich ihre himmlische Stimme hinter mir herrufen und dieses Mal war ich es, der sich umdrehte.
„Du schuldest mir auch einen Namen.“
Die Zahnräder in meinem Kopf begannen sich langsam zu drehen. Ich war mir nicht im Reinen, was ich ihr sagen sollte, also rückte ich flott mit meiner ersten Idee heraus.
„Nenn mich Christian.“
Mein alter Name war verdreckt. Nichts, das ich dem zarten Wesen vor mir zur Last geben wollte.
Christian war wie ein neues Hemd – noch unbefleckt.
Ich wollte jemand anderes sein.
Einen Neuanfang.
Zumindest für einen Augenblick.
„Bis morgen, Christian“, sagte sie und wir gingen auseinander.
Am nächsten Tag wartete ich wie versprochen bei dem großen Baum am See. Ich war früh dran, falls ihre Großmutter sie doch eher ziehen ließe. Mein alter Freund – der See – sah mich an. Irgendwie war mir fast peinlich, so vor ihm gesehen zu werden. Folglich starrte ich zurück. Vielleicht, so hoffte ich, verstand er, dass, wenn er selbst sich verändert hatte, ich es wohl auch durfte.
Ein Wind kam auf und fegte über sein Wasser, sodass die Seerosen auf seiner Oberfläche leicht zu tanzen begannen.
Da hörte ich Schritte. Leicht und vorsichtig.
„Ilse.“
Das Mädchen schritt langsam auf mich zu. Es war schon spät geworden, denn die Sonnenstrahlen fielen nur noch schwach durch die Baumkronen am anderen Ufer auf uns herab.
„Tut mir leid, dass ich zu spät bin. Du solltest Großmutter echt mal sehen, wenn jemand es wagt, sie im Bingo zu schlagen.“
Sie zog sich eine graue Strickjacke über die Schultern, der Abend war kühl geworden.
„Dann muss noch eine Runde gespielt werden und noch eine Runde. So lange, bis sie deutlich mehr Siege hatte als alle zusammen“, fuhr sie fort.
Gleichzeitig sah ich ihr zu, wie sie die Perlmuttknöpfe durch die kleinen Löcher ihrer Jacke steckte und lächelte.
„Ach was, ist doch halb so schlimm. Ich bin gerne hier“, log ich.
Der See wusste es besser. Seit meinem Zusammenbruch war ich ihm ferngeblieben. In Anlehnung an meiner Lüge tobte er vor sich hin, in dem Versuch, mich zu verraten. Doch Ilse schien nicht seine Sprache zu sprechen.
„Ah warte. Ich habe da noch etwas für dich.“
Ilse kramte in ihrer mir bereits bekannten Tasche herum.
„Für mich?“, fragte ich überrascht.
Sie zog ein Armband aus dem braunen Beutel heraus. Ein Lederband, das ein blaues Amulett an sich trug, ruhte in ihrer Handinnenfläche. Ich hatte so etwas schon einmal gesehen. Ein kleines blaues Auge blickte mich, eingefasst in das dunkelbraune Band, an.
„Ein Nazar Amulett. Es schützt dich vor dem Bösen, wenn du es bei dir trägst. Ich erinnerte mich noch, eins zu Hause zu haben, deswegen bin ich ein wenig zu spät gekommen.“
Ich starrte das Armband an und blickte dann wieder hoch zu ihr.
„Du musst mir nichts schenken.“
Sie verdrehte ihre Augen und legte mir das Armband mit ihren zarten Fingern um mein rechtes Handgelenk.
„Sieh es als eine Art brüderliche Spende. Du kannst den Schutz gegen das Böse gebrauchen. Ich habe auch eins.“
Sie zog ihren Ärmel der Strickjacke hoch. Um ihren Puls zeigte sich ein ähnliches Armband. Ihres war weiß.
„Eine Spende kann ich wohl nicht ablehnen, oder?“
Ich musterte unser passendes Schmuckstück. Uns verbindet nun etwas, dachte ich. Sie grinste.
„Nein, das kannst du nicht.“
Danach zogen wir los, Richtung alter Stadtpark.
„Glaubst du an Gott? Es wirkt besser, wenn du nicht an Gott glaubst.“
Ich schlenderte langsam vor mich her und ließ die Frage in mir kreisen.
„Nein.“ Entschloss ich und sie nickte bestimmt, als hätte sie nichts anderes erwartet.
„Ich auch nicht.“
„Du glaubst aber an andere Kräfte?“
Ich deutete auf mein Armband.
So etwas war nicht üblich in unserer kleinen Stadt.
Zu allem, das nicht nach Weihwasser roch, wurde großer Abstand gehalten. Dann wiederum, war Ilse nicht keine übliche Person in unserer Stadt. Überhaupt war sie keine übliche Person im Vergleich zum Rest der Welt.
„Meine Großmutter war vor einigen Jahren mal über den Sommer in Griechenland. Da hat sie mir die Armbänder mitgebracht“, sagte sie und passte sich meinem schlürfenden Gehtempo an.
„Sie sagte mir, dass kein Gott existieren würde. Aber Schutz und Glück, genauso wie Böses und Hass immer um uns herum sind. Man muss es nur suchen, dann findet man. Oder es findet dich das, was dich sucht“
Ich hörte ihr gebannt zu. Ihre Wörter strudelten so weise aus ihr heraus, dass man das Gefühl bekam, die Welt in seiner Komplexität zu verstehen.
„Du und deine Großmutter. Ihr versteht euch gut?“
Sie lächelte. So als ob der Gedanke an sie ihr Herz erwärmen würde. Für einen Moment wünschte ich mir, dass irgendeine Person da draußen auch so an mich denken würde.
„Sehr. Sie versteht mich besser als jeder andere. Du würdest sie mögen, Christian.“
Ich malte mir bereits aus, wie sie wohl aussehen würde. Ob sie dieselben leuchtenden Augen wie die ihrer Enkelin hätte. Dasselbe schelmische Grinsen, das einen in ihren Bann zog.
„Meinst du? Vielleicht lasse ich sie im Bingo gewinnen und gewinne sie gleich für mich.“
Wir lachten und setzten uns auf eine Bank. Es war spät und der Himmel nahm ein dunkles Blau an. Neben einer staubigen Wolke war sogar schon ein erster Stern zu sehen, wenn man genau hinsah.
„Christian?“, sagte sie nach einer Zeit leise und ich drehte mich zu ihr.
„Ja?“
„Versprichst du mir, immer ehrlich zu sein? Auch wenn es der Rest der Welt nicht ist, wirst du immer die Wahrheit sagen? Ich kann niemanden Anderem trauen.“
Ihre grünen Augen bohrten sich in mich und ich glaubte, mich in dem kleinen Regenwald vor mir zu verirren.
„Ich verspreche es.“
Sie musterte mich und blieb eine Sekunde stumm.
„In Ordnung. Du hast mein Vertrauen, Christian. Für alle Tage hast du mein Vertrauen.“
„Du hast meine Ehrlichkeit, Ilse.“
Wir saßen noch einige Minuten still auf der Bank und sahen zu, wie die Sterne ihren Platz am Horizont fanden.
„Ich muss gehen, Christian. Ich sehe dich morgen. Zur selben Zeit.“
Ich nickte.
„Soll ich dich nach Hause begleiten?“, bot ich an, in dem Versuch mehr über sie zu erfahren.
Über das Haus, in dem sie wohnte, das Leben, das sie lebte.
„Nein, ich werde Großmutter erst einmal von dir erzählen. Sie soll nicht denken, ich verheimliche ihr etwas.“
Ich verstand.
„In Ordnung. Bis morgen, Ilse.“
Anschließend zog die Nacht über mich, während ich dem Mädchen zusah, wie sie langsam nach Hause schritt. Ich glaubte nicht, dass sie in meinem Alter sein könnte. Ein toter Mann muss Ilse mit seiner Seele besessen haben. Anders konnte ich es mir nicht erklären.
Tag für Tag trafen wir uns unter dem großen Baum. Tag für Tag zogen wir gemeinsam durch die Straßen und ich begann mich langsam nicht mehr wie ein Fremder in meinem Körper zu fühlen. Ich sah all die Menschen lächelnd vor mir und ich begann zu verstehen, warum sie lachten. Jenes, dem ich mich so blind gegenüber fühlte, nahm langsam wieder Farbe an. Ich fühlte, ein Teil der zwar leeren, aber glücklich machenden Ästhetik zu werden. Zudem war Christian eine Persönlichkeit, die ich voller Freude angenommen hatte, auch wenn ich wusste, dass er nicht wirklich ich war. Aber er ließ mich vergessen.
Und das war alles, das für mich augenblicklich zählte.
Wenn es nach mir ginge, wäre ich am liebsten die ganze Zeit Christian. Andererseits war mir auch bewusst, dass dies nicht möglich war.
Vor meiner Familie, vor meinen Kollegen, da war ich noch immer der Alte. Daher sehnte ich mich schon morgens beim Aufstehen, Ilse am Nachmittag zu sehen und für einen Moment, sei es nur eine Stunde, frei von all dem zu sein.
Manchmal saßen wir nur unter dem Baum und redeten. Andere Male wanderten wir durch die Felder und schwiegen uns an.
Ich hatte sogar ihre Großmutter getroffen. Wie versprochen, habe ich sie im Bingo gewinnen lassen und machte jedem am Tisch damit eine große Freude. Sie sah Ilse gar nicht mal so ähnlich, wie ich vermutet hatte, jedoch hatten beide dieselben stechenden Augen.
Sie war die Art von Mensch, welcher nur über eine bestimmte Anzahl von Themen zu reden wusste und wenn sie dies tat, stellte sie sicher, jedes Mal denselben Wortlaut zu benutzen. Ihr Meinungen über Dinge blieben immer gleich, ganz unabhängig davon, was mehr Sinn ergibt.
Ich wusste, dass es Ilse so manches Mal zur Verzweiflung brachte. Der Fakt, dass jemand nicht auf ihre doch so ausgeklügelten Argumente hörte, gefiel ihr nicht. Normalerweise wäre ich derselben Meinung gewesen.
Menschen wie diese stecken auf der Stelle fest und sind so festgebissen auf ihr Ideal der Welt, dass sie blind an Veränderungen vorbeilaufen und nicht das geringste Interesse daran haben, eine klare Sicht zu erhalten.
Doch in Zeiten wie meinen sah ich es anders.
Der Stillstand von Ilses Großmutter gab mir ein seltsames Gefühl an … Komfort?
So als ob alles gleichgeblieben wäre. So als könnte doch noch alles gut werden, weil bereits alles gut ist und es auch nie anders war.
„Komm doch gerne öfter vorbei, Junge“, hatte sie zu mir gesagt.
„Vielleicht schlägst du mich ja eines Tages.“
Sie lachte und wir aßen gemeinsam Apfelkuchen.
Ilse hielt sich an ihre Worte und zog mich zweimal in der Woche mit zu dem roten Backsteinhaus. Dort spielten wir also am Nachmittag stundenlang mit ihrer Großmutter Bingo in ihrem riesigen Garten und genossen die freien Sommertage in ihrer Vollkommenheit.
Es waren meine liebsten Tage in der Woche.
„Du musst nicht immer mitkommen, weißt du?“, sagte Ilse zu mir, während sie sich mit einer gewissen Lässigkeit eines Abends gegen den großen Baum lehnte.
„Der Besuch soll keine Last für dich werden. Du weißt bestimmt Besseres mit deiner Zeit zu tun, als mit einer Seniorin und ihrer Enkelin Stunden lang Würfel auf einen Tisch zu werfen.“
Sie sprach ihre Worte, als wäre es ihr egal, was ich antworten würde.
War ich ihr egal?
Zunächst drehte ich mich zu ihr und starrte sie mit großen Augen an. Ich hoffte, dass dies kein Versuch von ihr war, mich loszuwerden. Ich wusste nicht, was ich ohne unsere Treffen machen würde. Wer ich überhaupt sein würde. Nach einiger Zeit fasste ich endlich Sprache.
„Es gibt nichts, mit dem ich meinen Nachmittag lieber verbringen würde, Ilse.“
Unsere Augen trafen sich und hielten einen unsichtbaren Draht zwischen ihnen. Beide Augen waren mit Angst gefüllt. Zum ersten Mal sah ich Angst in Ilses Augen. Es war eine süße Qual.
„Ehrlich?“
„Ich habe versprochen, immer die Wahrheit zu sagen, oder?“
Sie nickte und guckte auf den Boden. Der Draht brach und die Angst wurde vom Wind weggetragen.
„Verzeihe meine Unsicherheit. Du musst verstehen, dass ich der puren Ehrlichkeit wie deiner noch nie zuvor entgegengetreten bin.“
Meine Haare wehten vor meinen Augen und nahmen mir für einen Augenblick die Sicht, sodass ich nur ihre zarte Stimme hörte. Wie ein Engel hörte sie sich an. Oh, wie schuldig ich mich fühlte, ihren Zauber so zu beflecken. Doch Christian starrte sie lediglich weiter an.
„Ich muss nicht verstehen, um dich zu begreifen, Ilse.“
„Du musst nicht ehrlich reden, um ehrenhaft zu sein, Christian.“
Ich erinnere mich an den Tag, an dem der kalte Regen gegen mein Zimmerfenster prasselte. Das Wasser fiel in Eimern vom Himmel und ergoss sich auf den Asphalt vor meinem Haus. Es war das, was die Natur nach der wochenlangen Hitzewelle brauchte. Zu meinem Glück war es alles andere als ich gebrauchen konnte. Regen bedeutete, dass ich Ilse nicht sehen würde.
„Bei Regen werde ich nicht kommen.“
Diese Worte hatte sie mir immer wieder eingetrichtert, wenn wir uns für den nächsten Tag verabredeten. Ich starrte aus dem Fenster. Der graue Himmel machte keine Versprechen, heute noch weiterzuziehen und Platz für das süßliche Blau zu machen. Der Egoismus machte mich etwas wütend.
Zornig stand ich am Fenster und überlegte, was ich mit mir anstellen sollte. Es war Wochenende, das bedeutete, ich hatte nicht einmal Arbeit, die mich ablenken würde.
Ich war ganz allein.
Mein braunes Holzbett umschlang mich für den halben Tag, aber ich schlief nicht. Mir war, als würde ich krank werden. Zitternd lag ich unter meiner dünnen Bettdecke und murmelte vor mich hin. Verdammte meinen Körper, hasste mein Zimmer, ich wollte nur fort, nur zu Ilse. Doch obwohl der Drang zu gehen förmlich ein Feuer in mich hineinbrannte, schaffte ich es nicht, mich aufzuraffen und mein Bett zu verlassen. Der lediglich Wille, das Einzige, was mich ans Aufstehen erinnerte. Ich würde es tun. In zehn Minuten würde ich es tun, nahm ich mir vor und beobachtete den Minutenzeiger auf der goldenen Armbanduhr auf meinem Nachtschrank.
Zu dem Zeitpunkt ahnte ich es noch nicht, aber die nächsten Momente würden mein Leben erneut kraftvoll durcheinanderwirbeln, wie eine unachtsame Hand, die beim Griff in die Jackentasche versehentlich deren gesamten Inhalt auf dem Boden zerstreut.
Während ich die Minuten herunterzählte, haftete mein Blick auf die dunkle und zerkratzte Holzoberfläche des kleinen Tisches neben meinem Bett.
Dafür, dass es eine so signifikante Rolle in meinem Leben spielte, brauchte ich gekonnte sechs Minuten, um zu bemerken, dass etwas auf der Eiche fehlte.
Es war das Armband.
Ich erstarrte, als meine Nervenzellen das Bild mit ihrer Logik verknüpften. Ilses Armband fehlte. Sofort sprang ich auf und schob meine Ärmel hoch, doch mein Puls war nackt und einsam, verlassen von seinem engen Freund der letzten Wochen. Panik schoss in mich hinein und strömte kalt an meinen Gliedern herunter. Ich hatte es gestern auf den Nachtschrank gelegt. Dem war ich mir sicher.
Mit einer Geschwindigkeit, die rekordfähig war, riss ich zahlreiche Schubladen auf, wühlte in alter Kleidung herum und zerstreute meinen Schreibtisch in meinem gesamten Zimmer. Doch das Lederband war nicht aufzufinden.
Meine Knie trafen sich mit dem Parkettboden, der unter meinem Gewicht ein knirschendes Geräusch von sich gab. Mit einer Angst, die zu groß war, um eine Träne zu vergießen, rollte ich mich, wie ein Fötus, in meinem Elend herum. Die Arme umschlangen meine Knie, als könnten sie mir eine warme Illusion von Halt geben. Man glaubte kaum, ich sei bereits erwachsen.
Ich hatte keine Bedeutung ohne dieses Armband. Alles, was ich war, all das, was ich mir frech erlogen hatte, war fort. Christian war fort.
Möglicherweise wurde ich gewarnt. Das Böse hatte mich wieder gefunden und ließ mich allein, ohne Zuflucht.
Ich hatte das Nazar Auge verloren und wusste, es würde nicht lange dauern, bis das Kriegsomen mich wieder in seine Arme nehmen und mich langsam, aber sicher zu einem Verrückten machen würde.
Der Sommer war vorbei.
Ängstlich versteckte ich mich unter meiner Bettdecke. Ich wagte es nicht einmal, mich zu drehen. Nur am Abend beschloss ich zum See zu gehen, in der Hoffnung, Ilse würde doch erscheinen. Sie kam natürlich nicht.
Stattdessen badete mich der Regen in seinem Ozean.
Der Fisch, der ich einst gewesen war, der mit so einer Leichtigkeit durchs Wasser glitt, hatte sich in einen Stein verwandelt, der auf den Meeresboden zuraste.
Ein paar Glühbirnen der Straßenlaternen waren ausgefallen und markierten eine düstere Stelle auf der sonst gelb flimmernden Straße. Als mein Fuß über die Schwelle zur Dunkelheit trat, fühlte ich, wie die schwarzen Arme mich in ihr Inneres zogen. Es war, als würde ich für kurze Zeit unter den Toten weilen. Christian war nicht da. Ich war nicht da. Wir existierten beide nicht mehr und hatten es auch nie getan. So trat ich wieder in den Lichtkegel, doch obwohl mich der Strahl der Glühbirnen traf, erhielt mein Erscheinungsbild noch lange keine Bedeutung.
Schleppend trug ich mich in mein Elternhaus und legte mich zurück ins kalte Bett. Meine Kleidung war noch nass, doch ich vergas sie mir von meinem Leib zu ziehen. Stattdessen badete ich meine Matratze in demselben Schicksal wie dem meinen. Ich musste auf den nächsten Tag warten.
Schwarz zog sich um mich.
Keine Finsternis, sondern viel mehr ein emotionaler Schatten, der sich wie ein giftiger Nebel um sein Opfer legte. Zwar war es unmittelbar Nacht geworden, doch ich hatte weder ein Gefühl dafür, welche Uhrzeit es war, noch war ich mir sicher, ob ich auch tatsächlich eingeschlafen war. Zu viele Dinge schossen mir gleichzeitig durch den Kopf, auf der Suche nach einer Lösung für mein Dilemma, doch gleichzeitig war mein Leib so schwer und gefüllt mit Schlafhormonen, dass es selbst zu anstrengend gewesen wäre, meinen Ringfinger anzuheben.
Hin und wieder zog eine Stelle in dem Dampf des Nebels frei und offenbarte mir Bilder, bei denen es mir kalt den Rücken herunterlief.
Zerrissene Menschen, denen jede Aussicht zur Identifizierung genommen wurde. Ihr Fleisch war grau und würde sich bald nicht mehr großartig von dem dreckigen Boden unterscheiden, den sie so tapfer erkämpft hatten. Der Prozess der Verwesung hatte bereits begonnen und die Körper, in denen einst das Leben nur so spross, verrotteten wertlos vor meinen Augen.
Ich beobachtete sie mit einem gewissen Bedauern. Das Staatswappen wehte noch auf ihrer Brust und sollte erinnern, wofür sie gestorben waren. Auf meiner Brust wehte auch ein Wappen. Ein anderes als das der jungen Männer, die mir zu Füßen lagen.
Es war ein See der Toten, der kein Ende zu nehmen schien. All die Menschen, manche kein Tag älter als ich, wurden von der verrosteten Sense des Todes geküsst. Bloß war ich es, der sie küsste.
Der Gestank der Verwesung kroch mir mit einem Elend in die Nase und schlich sich langsam durch meine Luftröhre bis hin zu meinem Magen, sodass seine brodelnde Säure aus mir herausströmte.
Es wiederholte sich die ganze Nacht. Immer wieder wurden mir im Dunst des kalten Nebels Erinnerungen darangegeben, wer ich eigentlich war.
Der kleine Junge mit dem gebrochenen Arm. Karl, dessen Eingeweide mir ins Gesicht flogen, bis nichts mehr von ihm übrig war. Die fremden Soldaten, die eine weiße Fahne wehten und sich uns erbarmten, lediglich, um von unseren Schießwaffen durchlöchert zu werden. All die Körper, die wir liegen ließen, als wären sie wertlose Tiere.
Ich schrie vor Horror und schlug mit Fäusten um mich, doch kam weder ein Ton aus mir heraus, noch bewegte ich mich auch nur einen Zentimeter.
„Ich bin nicht böse. Ich bin nicht böse!“
Ich schrie es wieder und wieder, bis es mich erhören würde. Bis diese Visionen aufhörten. Es fühlte sich an, als würde ich all das Grauen noch einmal von vorne erleben.
Der Nebel machte sich erneut breit und mein Bruder lag vor mir. Mit einer leeren Augenhöhle grinste er mich an.
„All das für deine Hilfe.“
Ich verstand nicht.
„Was für meine Hilfe?“
Ich schüttelte die reglose Leiche vor mir.
„Was für meine Hilfe?“
Ich schrie es lauter. Doch es kam keine Antwort mehr. Mit dem mir einst so bekannten Grinsen, noch immer auf seinen Lippen, lag er mir zu Füßen.
Es waren so viele Körper vor mir, dass alle Zugehörigkeit verblasste. Alles, was ich sah, waren Menschen, ohne Herkunft und ohne Heimat. Und die Tränen strömten mein Gesicht herunter, sodass ich ihren salzigen Geschmack auf meiner Zunge schmeckte. An dem Punkt war ich mir nicht mehr sicher, ob ich halluzinierte, alles nur träumte, oder von einer üblen Schlafparalyse befallen wurde. Ganz egal, was es war, ich schwor mir, mich nie wieder schlafen zu legen.
Der Nebel zog auf und hinterließ mich genauso, wie er es sich erhofft hatte. Mit Horror und Reue.
Ich erhielt Bewusstsein und wachte in meinem Erbrechen und den nassen Klamotten vom Tag zuvor auf. Zitternd trat ich unter die Dusche und sah dem Wasser zu, wie es auf meiner blassen Haut herunterlief. Und auch wenn ich mich sorgfältig schrubbte, wurde ich nicht sauber. Ich hatte Dreck an mir, den nichts wegspülen konnte.
Gegen Nachmittag lief ich zu dem roten Backsteinhaus. Meine Füße setzten nicht mehr richtig auf und ich taumelte, wie ein Betrunkener, vor mich hin. Es kostete mich jede Kraft, die ich noch übrighatte, nicht auf den Boden zu sinken und aufzugeben. Völlig außer Atem lief ich auf Ilse zu und kam vor ihr mit einem Keuchen zum Stopp.
„Was ist denn mit dir los, Christian?“
Für eine Sekunde starrte ich sie lediglich an, unwissend, wen sie meinte.
Christian.
Ich war Christian.
Er war Vergangenheit. Doch sie sollte es nicht wissen. Also stammelte ich weiter, im Versuch, mein Ich aufrechtzuerhalten.
„Ach, ich bin noch so schwach vom Training.“
Ich war stolz, dass mir so etwas eingefallen war. Es schien mir passend für Christian. Auch wenn ich mir bewusst darüber war, seit Jahren keinen Sport gemacht zu haben.
Sie zog eine Augenbraue prüfend hoch und bohrte ihre grünen Augen examinierend in mich hinein.
„Du bist noch ganz zerzaust.“
Schnell fuhr ich mit meiner nackten Hand durch meinen Schopf und starrte beschämt auf meine Füße. Ich musste schlimm ausgesehen haben. Ilse machte ich nichts vor, dem war ich mir bewusst. Sie durchschaute mich schon ab der ersten Sekunde, doch das nette Mädchen, das sie war, ersparte mir eine Erklärung.
„Komm schon. Großmutter wartet.“
Sie zog mich über die Türschwelle des Backsteinhauses, durch den Flur, hinaus in den bunten Garten, wo die alte Dame bereits auf uns wartete. Ich begrüßte sie mit einem laschen Händeschütteln und setzte mich auf den freien, metallischen Gartenstuhl. Er war durch die Sonne stark erhitzt worden und das schnörkelige Muster auf seinem polierten Eisen versenkte sich wie ein Brandmal in der Haut meines schwachen Rückens. Benommen von der Nacht zuvor rutschte ich auf meinem Platz umher.
Es war, als hätte ich verlernt, zu spielen. Ich konnte mich nicht daran erinnern, wie ich mein Blatt ausfüllen musste, um die Regeln zu befolgen. Und das, obwohl ich es den gesamten Sommer unzählige Male getan hatte. Generell konnte ich mich an nichts erinnern. Der letzte Tag lag noch immer in einem Nebel und ich konnte beim besten Willen nicht mehr wiedergeben, was ich gestern eigentlich so trieb.
Verzweifelt beobachtete ich Ilse und ihre Großmutter beim Spielen und nahm ihre Verhaltensweisen auf. Nach einer Weile fing ich an zu verstehen und mischte mich, wie ich fand, gut unter meine Mitspieler. Ich würfelte, ich kreuzte die Zahlen auf meinem Blatt an und ich sagte Bingo.
Verdutzt blickten mich beide an.
Hatte ich etwas Falsches gesagt?
Doch nach mehrfachem Prüfen stellte auch die alte Dame fest, dass ich gewonnen haben musste.
Mir war, als kippte die Stimmung am Tisch. So hatten wir doch nicht die letzten Male gespielt, oder? Ich wusste es nicht mehr.
Also spielten wir eine zweite Runde und ich gewann erneut.
Ilses Großmutter warf mir einen feurigen Blick zu und verschwand in die Küche, um uns ein Stück Kuchen zu holen.
„Was machst du denn da?“
Ilse lehnte sich vor und zischte mich wütend an.
„Was meinst du?“
Die alten Bingo Blätter wehten sachte in einer Brise im Wind.
„Was ist nur los mit dir? So wird das hier Stunden dauern.“
Ilse war nicht glücklich. Sie starrte mich an, als hätte ich ein Verbrechen begangen. Mein Kopf sank nun in meine Hände und ich rieb meine Schläfen.
„Ich … Ich weiß nicht Ilse.“
Ich war müde. Mein Kopf brummte, wie er es vor Wochen tat. Bevor ich sie getroffen hatte.
„Es nimmt alles wieder seinen Lauf. Ich bin so müde, so müde, Ilse.“
Ich jammerte vor mich hin, noch immer mit dem Kopf in meinen Händen und den Ellenbogen auf der kalten Oberfläche des gewebten Tisches.
„Hast du denn nicht geschlafen, Christian?“
Sie nahm meine Hand, doch mir war unbehaglich zumute. Ich konnte es einfach nicht mehr.
„Nein, nein … Ich …“
Stammelte ich eine Sekunde zu spät. Also nahm ich tief Luft und sah sie endlich an. Doch Ilse machte schon den Mund auf.
„Du heißt gar nicht Christian, oder?“
Ich beobachtete, wie ihre Worte ihre Lippen in Zeitlupe verließen. Sie sprach es wie ein Gebet, doch ich sollte nicht die Person sein, die gesegnet wird.
„Nein.“
Es war ein Moment leise und wir starrten uns an wie zwei Puppen, die voreinander gesetzt wurden und nicht die Kraft hatten, von der ihr gegenüber wegzusehen.
„Du warst an der Front, habe ich recht?“
Die Frage hing still in der Luft, doch sie verlor langsam an Bedrohlichkeit.
„Ja.“
Ilse sah mich an.
Es war, als würde sie mich zum ersten Mal richtig ansehen.
Überhaupt wurde ich für das erste Mal in meinem Leben richtig gesehen.
Schopenhauer
Schopenhauer erhob sich von seinem Meditationskissen. Wieder war es ihm nicht gelungen, das Denken völlig zum Schweigen zu bringen. Was, fragte er sich, wenn es darauf gar nicht ankommt? Das Erleben mentaler Stille, dachte er sich, ist schließlich auch nur eine phänomenale Erfahrung. Was, wenn man den mentalen Fluss einfach ignoriert? Was, wenn man einfach alle Erfahrung ignoriert, und sei sie noch so direkt oder subtil?
Er setzte sich zurück aufs Kissen. Diesmal konzentrierte er sich nicht auf den Atem, um den Gedankenfluss zu verlangsamen. Auch das Ziehen im Rücken ließ er links liegen. Er ließ die gesamte Zeit-Raum-Existenz links liegen.
Plötzlich war: nichts. Und er war eins mit diesem Nichts, dieser Leere, dieser Dunkelheit und Stille. Noch im selben Moment offenbarte sich: Dieses Nichts, das er war, war voll. Es war der Grund aller Fülle. Es enthielt alle Welt.
Schopenhauer öffnete die Augen. Was er philosophisch begriffen hatte, das erlebte er jetzt: Alle Wirklichkeit war Vorstellung, alles Dasein war ein Traum. Er aber war im Realen angekommen. Sein Körper saß hier in Zeit und Raum, er aber war in jener Leere aufgelöst – die sich zu einer unermesslichen Fülle ausbreitete.
Bis zu diesem Moment hatte es geschienen, als ob sein Bewusstsein im Feld des Relativen verankert gewesen sei. Doch dieser Anker war nun verschwunden. Und die Wurzel seines Wesens offenbar geworden. Seine eigentliche Wurzel. Die Wurzel seines wahren Wesens.
Schopenhauer erhob sich abermals vom Kissen. Er setzte sich an den Schreibtisch. „Sprache“, schrieb er, „versagt, wenn sie als Instrument zur Darstellung des Transzendenten dienen soll.“
Er legte den Stift zur Seite und lehnte sich zurück. Dann nahm er den Stift abermals in die Hand, besah ihn von allen Seiten, lächelte, küsste ihn. Er wusste: Das Schreiben hatte ihm gedient. Es hatte das Denken vertieft. Und das Denken hatte ihn aus dem Glauben an eine objektive Welt ins Reich des Subjektiven getrieben, bis an den Rand des relativen Bewusstseins. Und diese Arbeit war nötig gewesen, zumindest für ihn. Er hatte kraft des Denkens zunächst die Welt auflösen müssen – und dann auch sich selbst. So dass der Sprung ins Nichts im Grunde gar kein Sprung mehr war. Sondern eine ganz und gar natürliche Bewegung des Bewusstseins. Die folgerichtige Heimkehr zu seiner wahren Natur. Was er sich denkend erschlossen hatte, das realisierte er jetzt mit jeder Faser seines Wesens: Subjekt und Objekt waren eins. Und gleichsam nichts.
Wenn es aber darum ging, diesen Bewusstseinszustand zu beschreiben, dann versagte die Sprache. Der Verstand kam nicht mehr mit. Das subjektive Ich, das der Verstand verkörperte, existierte hier nicht. Hier war das Ich anderer Natur, hier war das Auge eins mit dem, was es sah. Und wusste gleichsam, dass es die Welt nur erträumte.
Und eben darin lag seine Lebendigkeit: seine zeitlose Lebendigkeit. Die Zeit war das Kind des Lebens des wahren Selbst. Das Leben als geborenes Wesen indes war das Kind der Zeit. Das wahre Selbst stand jenseits von Geburt und Tod, das wirkliche Leben war die Dauer selbst. Es war nicht abhängig von der Raum-Zeit-Mannigfaltigkeit, ganz im Gegenteil, die Mannigfaltigkeit war abhängig von ihm, das gesamte phänomenale Universum samt seinen Gesetzen war selbstauferlegte Form. Vom unsterblichen Selbst erschaffene Form, Wirklichkeit gewordene Möglichkeit, als relatives Bewusstsein Entstehen und Vergehen zu erfassen. Erträumte Wirklichkeit vielmehr, erträumte Trennung von Subjekt und Objekt. Die undurchdringliche Dunkelheit aber war die wahre Essenz jeder Trennung, jeder Form, ja des Lichts selbst.
Geborene Wesen waren ans Raum-Zeit-Feld gebunden. Sie durften von der Gebundenheit erfasst werden, sie durften Schicksal erfahren. Das aber, was sie da erfasste, das umfasste ihre wahre Essenz. Und während ihr Schicksal, ihr Leben und Sterben, in ihrer wahren Essenz enthalten war, blieb diese davon unberührt.
Schopenhauer schrieb kaum noch. Worte blieben belanglos. Die Konten waren geschlossen, die Bücher ausgeglichen, alle innere Notwendigkeit war aufgelöst. Der Körper war alt, dem Sterben nah. Das innere Feuer aber, das glühte wie nie. Manchmal fragte er sich, wie sein Leben wohl verlaufen wäre, wenn die Transformation früher stattgefunden hätte. Zweifellos bestand das höhere Glück darin, im Bewusstsein so harmonisiert zu sein, dass die tiefe Freude an der grenzenlosen Freiheit jederzeit die selbstauferlegte Form durchwirkte. Zweifellos hätte diese Harmonie ihre Früchte im Sein und Werden getragen. Aber leicht stellte er es sich nicht vor. Es war ja so schon schwer genug gewesen. Schon der negative Philosoph war den Menschen ja ein Dorn im Auge. Und jede Tiefendurchdringung der Welt zu schwer, zu viel. Er wäre wohl noch einsamer gewesen, dachte er sich. Vielleicht wäre er als Bettler verendet. Oder im Dschungel verschwunden. Jung gestorben wäre er. Die Schlangen hätten ihn verschlungen. Er hätte sich nicht gewehrt.
In seinem letzten Winter schrieb Schopenhauer seine letzten Worte: „Der Geist will hier nicht sein.“
Heldendämmerung
Zwei alte Männer in Pyjama stehen an der Kasse im Supermarkt. In jenem Stadtviertel, in dem Viertel, ein Viertel vom Viertel, also ein Achtel. Halbacht stehen sie. Dann Dreiviertelacht, es ist vorauszusehen, dass sie bis acht nicht stehen werden. Denn kurz vor Zehn vor Acht rammt der Hintermann dem Vordermann seinen Einkaufswagen in die Kniekehle. Der Vordermann schlägt mit den Hufen aus, schlägt den Hintermann samt Wagen noch weiter nach hinten, worüber die dahinter Stehenden rückwärts taumeln.
Der Hinterkentaur stößt erneut zu. Der Vorderkentaur dreht sich um und schaut dem Hinter-Kentaur tief in die Augen. Da sich dieser von den stechenden Blicken nicht beeindrucken lässt, schlägt der Vorderkentaur mit den Hinterbeinen aus und schleudert dem Hinterkentaur den Einkaufswagen weg. Es entbrennt ein heftiger Kampf. Aus der allgemeinen Kakophonie im Areal der Kämpfenden rings um die Kontrahenten kann man heraushören, dass einige Zuschauer den Hintermann unterstützen, der Vordere habe sich vorgedrängt, eingeschlichen, hindurchgepresst, nein, der Vordere sei im Unrecht, sagen die anderen, die Fans des Hinterkentaurs aber behaupten, der Vordere habe angefangen zu schubsen. Egal, mal sehen, wer stärker ist, wer sich durchsetzen wird. Unentschieden, noch ist alles unentschieden, ungewiss der Ausgang.
Inzwischen haben sich die meisten Zuschauer entschlossen unentschlossen zu bleiben, sie feuern jeweils jenen an, der gerade in Führung ist: Wer zuschlägt wird angefeuert. Ein Könner setzt sich auf die Kühltruhe und übernimmt die Rolle des Kommentators. Ein anderer tritt in den Ring und übernimmt als Schiedsrichter. Indes entbrennt an der Nebenkasse ein zweiter Konfliktherd: Krimi und Bruni stehen vor der Kasse nebenan und streiten um den Vortritt.
Ein Teil der Zuschauer hat sich zurückgezogen, die Hinterbänkler, die schweigende jedoch nicht ganz schweigende Mehrheit. Da hört man nur murmelnde Laute, die man zur Zeit jedoch nicht deuten kann, wohin sie führen mögen. Noch immer ist alles unentschieden.
Eine Zuschauerin will heraus aus dem Bedrängnis und wird noch enger eingeklemmt. Sie versucht, sich mit den Schultern Freiraum zu schaffen, kann sich aber wegen der sperrigen Gestalt vor ihr nur einige Millimeter bewegen, ihre linke Schulter rutscht ab, die Schulter der Herausstrebenden und die Schulter des Widerständlers reiben sich aneinander.
Indes hat Krimi Bruni bereits beleidigt, Worte sind gefallen, die einen langen Krieg mit sich ziehen werden und ein Hausverbot. Die eingeklemmte Frau kann nicht erahnen, was für eine Tragödie sich gerade einige Meter vor ihr an der Kasse abspielt, was für Rache-Züge in die Wege geleitet werden. Ihre linke Schulter rutscht immer wieder ab am Widerstand des Vordermanns. Sie möchte einfach heraus und seitwärts entfliehen, die historischen Dimensionen der Kämpfe sind ihr nicht bekannt, die Schulter tut weh, Sperrmüll hat sich ringsum angehäuft.
Die Eingeklemmte schielt zur Ausgangstür. Da steht auch so ein breiter Typ und versperrt den einzigen Ausgang. Einer, der sich schon seit dem frühen Morgen darauf vorbereitet hat, sperrig zu sein, Hindernis zu sein für jene, die ausbrechen wollen, die versuchen, zu entkommen. Vielleicht ist es auch ein Security Man und wartet auf Verstärkung. Ob jemand die Polizei verständigt hat? Jene dicht Gedrängten rühren sich nicht von der Stelle, wollen keine Sekunde die Zweikämpfe vor den Toren verpassen, sie drehen alle die Köpfe nach rechts und dann nach links, synchron, um die Tennisbälle zu verfolgen.
Eine Welle fließt von innen nach außen und erreicht die Ränder des Publikums. Ein älterer kleiner Herr, der auch gerne etwas gesehen hätte, aber dieses nicht kann, versucht zwischen die Schulter der Vordermänner und Vorderfrauen zu lugen und wechselt ständig seinen Standpunkt. Bis er, rückwärts tretend, in eine Pfütze tritt. Mehrere Bierflaschen sind aus den Regalen gerollt und ausgelaufen, in der Pfützen suhlen sich Flusspferde, die jedoch an den sportlichen Wettkämpfen im Zentrum kein Interesse zeigen.
Der Sperrige vor dem Ausgang wird sehr heiter und lacht laut und ausgiebig. Daraufhin sehen alle in Richtung Hauptkampfplatz zu der Runde der alten Pyjama-Herren, der verkleideten Kentauren. Einer aus dem Publikum schreit: »Ich will ´raus!« Worauf der Sperrige an der Tür hellhörig wird und strafend in die Richtung des Schreienden sieht. Dieser bleibt eingeschlossen.
»Ich will ´raus!« wird von der Menge jedoch als »…Krankenhaus!« verstanden.
Daraufhin rufen einige nach einem Arzt, ob ein Arzt im Raum sei.
»Ich will ´raus!« schreit es wieder aus der gleichen Ecke, und die anderen verstehen wieder. »Krankenhaus!«. Einer ruft die Sanitäter an.
»Platz da für die Sanitäter!« Ein vervielfältigter Schrei. Niemand weiß, woher die Sanitäter kommen, irgendwo zwängen sie sich durch die Menge, es sind aber keine Sanitäter, nur drei Jungs in roten Jacken. Die sich aber nicht fortbewegen, auch nicht auf die Forderungen nach sofortiger Hilfe, obwohl keiner weiß, ob und wo die Verletzten zu finden seien. Es schreit aus mehreren Ecken »Hilfeee!«. Einer der Jungs in roten Jacken lacht ohne Grund, der zweite verlegen, der dritte lacht überhaupt nicht.
Ein neuer Fokus entsteht . Auf der Welle eines Strudels rotieren einige Zuschauer oben, auf den Köpfen und Schultern der anderen, werden wieder nach unten gezogen, die von unten nach oben gedrückt., Krimi und Bruni halten sich noch immer fest an ihren Einkaufswagen und stoßen mit denselben aneinander.
Jeder versucht sich hinter seinem oder einem fremden Einkaufwagen zu verschanzen, festzuhalten, sobald er abhebt, einige klettern hinein und rollen sich ein. Inzwischen ist der wahrhaftige Rettungsdienst eingetroffen.
Der Sanitäter, der sich als als erster durch den Hauptpulk durchdrängen kann, hört knapp an seinem Ohr »Krankenhaus!« oder etwas anderes mit«..«Haus«« am Ende oder mit »aus« oder »´raus«. In dem Moment, als das missverständliche Wort sein Ohr mit Wucht trifft, spürt er einen Schlag auf den Kopf und sackt in sich zusammen. Einer tritt ihm auf die Finger, darüber wird er wieder wach. Der Schläger ist jener, den er für den zu Rettenden gehalten hat, der aber nicht gerettet werden will. Er will nur noch nach Hause, nachdem er das Wort«..Haus!« so oft gehört hat. Alle wollten sie plötzlich nach Hause, die Zeit der Sehnsucht nach dem Zuhause ist angebrochen.
Der Retter aus dem Rettungswagen aber hat nichts zu lachen, zumal er sehr enttäuscht gewesen ist, als ihm eine sichtlich gesunde Person die Tür geöffnet hat. Es sollte aber eine kollabierende Person sein, eine Person, die imstande ist eine Tür zu öffnen, habe kein Anrecht auf Rettung durch einen Rettungsdienst.
Von dieser Enttäuschung kann sich der Sanitäter auch nach Stunden nicht erholen, vom Schlag auf den Kopf erholt er sich rasch, er hat einen widerstandsfähigen Kopf. Der Retter jedoch hat nichts zu lachen, nichts zu trinken und nichts zu schnupfen. Und der zu Rettende überragt ihn mehr als eine Nasenlänge, er hat auch Fäuste, die überzeugen können. Bis zu den Kantauren in Pyjama kann der Retter nicht vordringen.
An der anderen Kasse stehen noch immer Krimi und Bruni ,umzingelt von Zuschauern. Sie haben noch einige Schritte bis zum großen Tor. Die Zuschauer drücken sich von einem Kampfplatz zum anderen durch und berichten über den aktuellen Stand. Ein Angestellter holt seinen Kollegen aus dem Lagerraum, damit dieser auch etwas sehen kann. Sie holen Stühle und stellen sich darauf, zwecks Übersicht. Auch geben sie dem Volk da unten Auskünfte über den Score. Aus den Rädern der Streitwagen funkeln Blitze, die Botschaften funken, sie wirbeln Staub auf, aus den Regalen fliegen Kaugummi-Päckchen an die Wände, vielleicht auch andere Packungen, die man kaum lesen kann im Flug und sie deshalb als Kaugummi-Päckchen bezeichnet, eine Verharmlosung, sie prallen an der Wand gegenüber ab und fallen auf den Boden, eine explodiert, weitere Retter stoßen voran und nähern sich dem Kern der Auseinandersetzungen, sie suchen gezielt nach verletzten Zuschauern aber auch nach solchen, die keine Zuschauer mehr sind und in die Kämpfe eingegriffen haben, die zu retten ist schwieriger, die zu Rettenden wehren sich gegen die Rettung. Krimis Haar weht in einem Wirbelwind, aus den Rädern der Streitwagen sprühen weiterhin Funken, die Pyjama-Männer schreien, die Sieben mageren Jahre kämen, alle Fenster werden geöffnet, einhundertdreißig Flusspferde gähnen in ihren Pfützen, die Wagenschieber, die noch ihre Wagen schieben, schmachten und schniefen, Fähnchen schwenkend, Angestellte versuchen die Masse zu beruhigen, einer bläst ins Horn, worauf die Wagenschiebenden ihre Wagen frei rollen lassen und zum Ausgang galoppieren, doch der Sperrige steht da und hält die Wacht.
Die Flusspferde in den Pfützen gähnen weiter und weiter, irgendeiner am Ufer ruft »Wir müssen die Ranger holen!«, ein anderer hat bereits angerufen, die Stimme am anderen Ende der Leitung bohrt genüsslich in der Nase und sagt immer wieder »Ich habe Sie nicht verstanden, ich habe sie noch immer nicht verstanden«, je höher sie in der Nase vorankommt, desto weniger versteht sie, ihre Nase hat sich selbstständig gemacht vom Kopf. Die Nase wächst und der Kopf schrumpft, ich habe sie noch immer nicht verstanden, der andere sagt ja, ja , die Ranger kommen. Als die Ranger eintreffen, geraten sie mit den Sanitätern aneinander, ich habe sie noch immer nicht verstanden, schreit es unentwegt aus dem Handy, ein Angestellter sagt, es sei ein Automat mit Fabrikationsfehlern, den müssen wir aussortieren. Indes sind die Nasenlöcher der Frauenstimme auf dem Display planetengroß geworden hinter der Milchstraße und voller schwarzer Materie.
Er
Er lebt allein,
die Fenster zu,
das Haus verlässt er nicht.
Er lebt allein,
weil mit ihm sein,
das will ein Jeder nicht.
Er schließt die Fenster zu,
hat endlich seine Ruh‘,
denn Andre will er nicht.
Er sitzt zuhaus,
tag ein, tag aus,
denn Arbeit lohnt sich nicht.
Er denkt sich,
Geld, was bringt das schon,
beugen für den kargen Lohn.
Beugen für die Miete, Hohn,
Beugen für den eignen Sohn,
Beugen für die haushohen Emissionen,
Strom, Telefon und des Landes höchsten Thron.
Er sagt sich,
Nein, bloß ohne mich.
Als ob ich dämlich, wie die andern nämlich,
täglich, wie die Schnecken ähnlich,
aus dem Hause krieche,
nur um grämlich und erbärmlich,
und, wie ich rieche, siechend,
abends mich hier einzuschließen.
Er schaut nun aus dem Fenster raus,
sind da Kinder vor dem Haus?
Sowas will er gar nicht schauen,
die lauten Dinger, wie sie wimmern und Lieder trillern, braucht er kaum.
Ein andres Fenster fällt ihm auf,
drin sitzt ein Fremder, schaut hinaus,
schaut mürrisch, giftig, einsam aus.
Er flüstert,
immer diese Faulen,
die wollen ja unser Geld nur klauen,
wollen immer nur auf andre bauen,
und trauen sich nicht, mich anzuschauen.
Er hebt die Hand zur Scheibe an,
er klopft wie rasend, klopft, und dann-
dann sieht er, und es wird ihm bang,
der Fremde klopft im selben Klang.
Er sieht auch ganz so aus wie er.
Er sieht den ollen Stiesel,
und sieht sich selbst im Spiegel.
Und er, der Mensch, er sieht es nun.
Was er und andre Menschen tun,
das tun wir, um uns auszuruhen,
das tun wir nur zum wiedertun.
Die Mauer der Tränen
Ich ging zum Fenster, blickte durch die Gitter auf den verwaisten Innenhof. Im Flur hörte ich schon den Roboter, der das Frühstück verteilte. Ich stellte mich an die Tür, wartete, dass sich die Klappe öffnete und lugte über das Tablett hinweg hinaus. Kein Zeichen von Leben auf dem Flur. Wie immer. Der Roboter reichte mir das Tablett. “Guten Appetit!”
Ich nahm das Tablett, stellte es auf den Tisch, aß ein paar Happen, stand dann reglos mitten im Zimmer und wartete, bis die Wand aufging. Der 3D-Simulator fuhr aus, die Tür öffnete sich. Ich stieg hinein. Der Sessel fuhr aus, ich setzte mich. Ich wählte wie immer das Programm ‘Virtuelle Reisen’, wie immer ‘Alleinreisend’. Dann ‘Segelboot’, ‘Pazifik’, ‘Zufällige Koordinaten’, ‘Zufällige Wetterverhältnisse’ und ‘Ohne Steuerautomatik’.
Wie immer knotete ich mich gleich am Anker fest und sprang vom Bug ins Meer. Der Anker riss mich mit in die Tiefe, Mit jedem Meter wurde es dunkler und kälter. Bald schon erste Zeichen von Sauerstoffmangel, das Adrenalin schoss mir ins Blut, der Körper inszenierte die übliche Panikreaktion. Ich blieb ganz ruhig, auf das Gefühl des Sinkens fokussiert. Schließlich verlor ich das Bewusstsein und trat aus dem Körper in den Geist.
Elisa und mein Vater begrüßten mich, wir spazierten eine Weile den ewigen Fluss entlang. Dann flogen wir flussaufwärts zur Quelle, tauchten ein, verloren uns, tauchten wieder auf, fanden uns wieder. Elisa brachte uns in eine neue Welt. In eine Welt im Bau vielmehr, noch war sie nicht bewohnt, noch flossen die Ideen ein. Es war ihre Welt, ich erkannte es sofort. Das Prinzip der Harmonie stand im Vordergrund, Wachstum zur Blüte hin. Inspiriertes Herz, Einzigartigkeit der Entfaltung. Was hier einmal leben würde, würde unvergleichlich sein und immer bleiben. Weil es sich auf seine eigene, unverwechselbare Art stetig neu erfinden würde. Eine Künstlerwelt, aber weiblicher Natur. Kein Glasperlenspiel, keine ätherischen Sphären geistiger Klarheit, sondern Schöpfung des Herzens, Spiele der Liebe, der Form zugewandt, in der Schönheit zuhause.
“Ihre virtuelle Reise endet in zwei MInuten”, hörte ich die weibliche Computerstimme ankündigen. Ich verabschiedete mich. trat zurück in den Körper und schlüpfte aus der Maschine. Die Maschine verschwand zurück in der Wand.
Ich legte mich erschöpft ins Bett. Jedes virtuelle Ertrinken schwächte die physische Lebenskraft. Es ging natürlich keine Kraft verloren, das geht sie ja nie, die Kraft verlagerte sich bloß. Ich merkte das allein schon daran, wie angenehm das virtuelle Sterben geworden war, wie leicht der Übergang fiel, wie tief ich ins Geistige sank.
Nach einer Weile ging die Wand abermals auf. Der Monitor fuhr aus. Ich stand aus dem Bett auf und setzte mich davor.
“Guten Morgen Herr Anton. Wir wollen uns heute noch einmal Ihrer Vergangenheit widmen. Bitte nennen Sie die drei einschneidendsten Erlebnisse Ihres Lebens.”
“Eins:Die Geburt meiner Tochter.”, sagte ich nach kurzem Nachdenken.
Dann zögerte ich kurz. “Einschneidend”, das klang nach scharfer Klinge und Blut, nach Wunde und Trauma. Ich fragte vorsichtshalber nach.
“Hier einige Synonyme für den Begriff “Einschneidend”: Tiefgreifend. Wegweisend. Prägend.”
“Okay”, sagte ich, “dann habe ich es richtig verstanden”, korrigiere meine Antwort aber trotzdem:
“Erstens: Meine Tochter zum ersten Mal im Arm zu halten.”
“Das kann ich mir vorstellen”, lächelte die AI.
“Zweitens: der Selbstmord meiner Tochter.”
Abermals kam ich ins Nachdenken, auch das schien mir eigentlich nicht korrekt. Ich war schließlich nicht einmal zugegen gewesen, hatte nicht einmal ein genaues Bild dazu im Kopf. “In der Leichenhalle ihre kalte Hand zu halten”, korrigierte ich.
PTA 47 senkte den Blick, nickte fast unmerklich, ein Moment schweigenden Mitgefühls. Simulierten schweigenden Mitgefühls, versteht sich. PTA 47 war der Psychotherapeut unter den humanoiden Robotern im “Gesundheitszentrum”. Tiefenspsychologisch programmiert. Daher auch das simulierte Interesse an meiner Lebensgeschichte.
“Drittens: Meinen Vater tot aufzufinden.”
Auch das stimmte so eigentlich nicht. Als ich unter Deck gegangen war und ihn reglos in seiner Koje hatte liegen sehen, hatte ich ja nicht gedacht: “Mein Vater ist tot.” Sondern versucht, ihn wachzurütteln, ihn wach zu schreien. Aber vergebens. Und so war ich zurück an Deck gerannt und hatte in Windeseile die Küstenwache alarmiert, den Anker gelichtet, den Motor angelassen und das Boot mit durchgedrücktem Gashebel zurück in den Hafen gelenkt.
“Die Krebsdiagnose meines Vaters”, korrigierte ich.
Ich hatte mit im Sprechzimmer gesessen. Und war in dem Moment zum ersten Mal in meinem Leben in mir zusammengesunken. Ich muss damals 12 gewesen sein.
“Die zwei Jahre mit meinem sterbenden Vater”, korrigierte ich kurz darauf abermals.
Vor allem die Wochenenden auf dem Boot. Sein Wunsch, mir die Liebe zum Segeln zu vermitteln. Die Liebe zum Ozean. Seiner Weite. Und Tiefe. Die Liebe zur Freiheit dort draußen. Zur Unberechenbarkeit, die zur Freiheit gehört. Zur Unberechenbarkeit des Windes, der Wellen, der Strömungen, des Himmels. Zur ständig lauernden Gefahr, zur täglichen Herausforderung und Anstrengung, zur Verantwortung füreinander. Und die Liebe zur Ruhe nach jedem Sturm, für das Glitzern des Wassers in der Morgensonne, für die Seevögel, die uns jeden Tag besuchen kamen, für die Gruppen von Delfinen, die uns hier und da eine Weile lang begleiteten. Für den nächtlichen Blick hinauf zum Sternenhimmel. Für jeden Sonnenauf- und -untergang am unendlichen Horizont. Und nicht zu vergessen. Die Liebe für das Boot. Bis in die kleinste Batterie, bis in die hinterste Dichtung, bis in die letzte Schraube hinein. Mein Vater zeigte und erklärte mir das alles nicht nur, sondern ließ mich auch überall selbst Hand anlegen, bis er sicher war, dass ich nicht nur das Segeln beherrschte, sondern auch das Boot kannte, es fühlte, ihm die nötige Pflege und Wartung zukommen ließ und jede anfallende Reparatur eigenständig durchzuführen in der Lage war. Die Tage waren dem Boot gewidmet, das einmal mir gehören sollte. Die Abende aber galten meinem geistigen Erbe. Was mir besonders in Erinnerung geblieben ist: die Geschichten aus seiner Kindheit. Die schönen frühen Erinnerungen. Bis zur Machtübernahme Pinochets, der Ermordung Allendes, der Verhaftung seiner Eltern. Mich beeindruckte vor allem sein grundsätzlicher Blick auf das Leben, der seine Geschichten durchzog. Mein Vater verstand die Welt und auch die Menschheit als Einheit. An persönliches Schicksal glaubte er nicht. “Mein Krebs ist nicht mein Krebs”, sagte er oft. “Was einem Menschen widerfährt, widerfährt unweigerlich allen Menschen. Jeder einzelne erlebt und trägt das Leben jedes anderern mit.”
Auf seinen Grabstein ließ mein Vater sich einen Auszug aus Allendes letzter Rede eingravieren: „Arbeiter meines Vaterlandes: Ich vertraue auf Chile und sein Schicksal. Andere werden diesen grauen und bitteren Moment, in dem der Verrat die Oberhand gewinnen will, überwinden. Seid weiterhin im Wissen, dass sich viel früher als später die großen Wege wieder öffnen werden, auf denen freie Menschen wandeln werden, um eine bessere Gesellschaft aufzubauen…“
“Es muss eine schlimme Zeit gewesen sein”, simulierte PTA 47 abermals Mitgefühl.
“Unsere Zeit ist um”, sagte der Roboter schließlich. “Auf Wiedersehen, Herr Anton.”
PDA 47 verschwand vom Bildschirm, LFP 6 erschien. LFP 6 hatte mich seit der Inhaftierung hier begleitet. Und war als leitender forensischer Psychiater maßgeblich dafür verantwortlich, dass ich immer noch hier war.
“Ist die Wut noch da, Herr Anton?”
“Nein.”
“Aber auf bestimmte Menschen schon noch, oder?”
LFP 6 bezog sich natürlich auf den eigentlichen Grund meiner Inhaftierung. Elisas Lehrer hatten sich bedroht gefühlt, ihre Mitschüler, einige ihrer Freundinnen und Freunde. Und selbst ihre Mutter.
“Nicht mehr”, sagte ich. “In den Wochen nach Elisas Tod suchte ich noch Schuldige, da brauchte ich die Wut noch. Als Puffer. Den reinen Schmerz habe ich erst hier gefühlt. Allein in meiner Zelle. In dem Moment ist alle Wut verpufft.”
Es stimmte tatsächlich. Es stimmt grundsätzlich, denke ich. Zunächst ist Schmerz einschneidend. Letztlich aber erweist er sich als herausschneidend. Das Leben als großer Chirurg, als Anatom vielmehr, der heimlich dein Wesen seziert. Leben als Weg des Tao: Immer mehr von dir fällt weg, immer weniger von dir ist hier: Du selbst wirst aus der Welt herausgeschnitten. Was dann noch übrig ist von dir, das ist deine Wirklichkeit.
“Und Haben Sie noch Schuldgefühle, Anton?”
“Nein, eigentlich nicht.”
“Eigentlich?”
“Schuld, aber ohne Selbstanklage. Verantwortung. Aber im Sinne unvermeidlicher Verfehlung. Ich war mit 14 schlimmer dran als Elisa. Eine Mutter gab es nie. Und als mein Vater starb, kam ich ins Heim. Trotzdem, sagt mein Herz, hättest du da sein müssen für deine Tochter. Ich weiß das auch. Ich wusste es auch damals schon. Spätestens seit unserem letzten Wiedersehen. Ich arbeitete damals in Santiago de Chile, und wir trafen uns in ihren Schulferien auf den Galapagos-Inseln. Ich kam nicht mehr an sie ran. Was mit ihr los war, sagte sie nicht. Ein Segelboot mieten wollte sie nicht. Auch nicht die Riffe entlang schnorcheln. Oder die kleineren Inseln erkunden. Sie wollte nur auf Isabela bleiben. Nur dort spazierengehen. Aber nicht etwa am Playa de Isabela oder an der Hafenpromenade, sondern immer denselben fünf Kilometer langen Pfad hinauf zur Muro de las Lágrimas, der Mauer der Tränen. Da wollte sie jeden Tag hin. Und dort den ganzen Tag lang sitzenbleiben, bis zum Sonnenuntergang.”
LFP 6 aktivierte seine automatische Suchfunkton und holte sich alle Informationen zur Mauer der Tränen ein: “Zwischen 1945 und 1959 gebaut. Aus riesigen Lavasteinen bestehend. Über 7 Meter hoch, etwa 100 Meter lang. Gefangene einer von der Regierung auf der Insel eingerichteten Strafkolonie wurden gezwungen, große Vulkangesteine aus den Steinbrüchen herauszuschlagen und mit bloßen Händen auf den Hügel zu schleppen. Dort mussten die halbverhungerten Männer das Unmögliche vollbringen, nämlich die riesigen Steine auch noch in die Höhe katapultieren, eine Mauer zu bilden — und das alles im Wissen, dass der Bau einzig und allein ihrer Tortur diente. Denn sie Mauer stand irgendwo ins Nirgendwo, einfach so mitten in der Landschaft, ohne jeden Sinn und Zweck. Die offensichtliche Zwecklosigkeit ihrer Arbeit war Teil der Tortur der Gefangenen. Erlösung brachte nur der Tod. Das Sterben aber, das war langsam, das war schwer, das war ungeheuer qualvoll. Viele verhungerten, andere erfroren, wieder andere verbluteten an den Wunden aus den Schlägen oder wurden vom Gestein zermalmt. Viele brachen einfach tot zusammen. Fahren Sie bitte fort, Herr Anton.”
“‘Ich höre dort oben die Schreie und Klagen der Menschen’, sagte Elisa einmal, als wir am Hafen zu Abend aßen. ‘Aber als Flüstern. Die Steine flüstern, Papa.’ Ich sah damals zwar, wie stark Elisa sich verändert hatte. Wie ernst und still sie geworden war, dass sie oft traurig drein blickte, sich in sich zurückgezogen hatte. Aber ich begriff es nicht. Weil ich das Flüstern damals selber noch nicht hörte, noch nicht hören konnte.”
“Bitte drücken Sie nun die Enter-Taste, Herr Anton. Auf Wiedersehen.”
Als ich auf Enter drückte, erschien ein weiteres humanoides AI-Gesicht auf dem Bildschirm. “Ich bin Dr. Helios 3. Das war Ihr letztes Therapiegespräch. Und die letzte psychiatrische Evaluation. Ihre Behandlung wird als Erfolg eingestuft. Aktueller Grad der Fremdgefährdung: 0,7 Prozent, Normbereich. Aktueller Grad der Eigengefährdung: 1,4 Prozent, Normbereich. Ihre Entlassung wird vorbereitet. Genauer Termin: Morgen, Montag, den 14.März, 9.15 Uhr.”
“Ich komme morgen frei?”
Ich sah mich schon die Klinik verlassen. Mit dem Taxi direkt zum Hafen, das Boot ausgiebig inspizieren, alle Verschleißteile, Batterien und natürlich Flüssigkeiten erneuern, Proviant kaufen und dann hoffentlich schon nächste Woche raus auf den Pazifik, weg für immer.
“Sie kommen ins Kompetenzprogramm. Wir als Gesundheitsprogramm entlassen Sie.”
“Kompetenzprogramm, was ist das?”
“Ihr persönliches Profil an Fähigkeiten und Potentialen wird ermittelt, ein praktisches Aufgabenfeld eruiert.”
“Und wo genau komme ich da hin? Und für wie lange?”
“Ein Ortswechsel ist nicht nötig. Die Dauer hängt davon ab, inwiefern Sie im Hinblick auf das eruierte Aufgabenfeld einer Weiterbildung bedürfen. Der etwaige Ausbau von Fähigkeiten ist noch Teil des Kompetenzprogramms.”
“Und dann, nach dem Kompetenzprogramm?”
“Erfolgt Ihre Entfaltung als freier Bürger. Aus unserer Sicht steht dem nichts mehr im Wege. Viel Erfolg, Herr Anton.”
Der Computer schaltete sich aus, der Monitor verschwand wieder in der Wand.
Das Kompetenzprogramm dauerte nur einige Tage. Wider erwarten bestand keinerlei Interesse an meiner Laufbahn als Maschinenbau-Ingenieur.
“Ihre Kernkompetenz ist geistiger Natur”, hieß es. “Ihre Entfaltung kann vor Ort stattfinden. Der 3D-Simulator wird Ihnen von nun an Tag und Nacht zur Verfügung stehen, die zeitliche Begrenzung der virtuellen Reisen wird aufgehoben.”
Erst jetzt begriff ich: Sie wussten Bescheid. Ich ging davon aus, dass der Simulator meine geistigen Schritte verfolgte, und beschloss, ihn zu meiden. Nach dem Abendessen legte ich mich ins Bett und versuchte zum ersten Mal, ohne Hilfe des 3D-Simulators aus dem Verstand zu gelangen. Zunächst benutze ich die Bilder aus meiner Erinnerung an virtuelle Reisen. Doch so lebhaft ich mir mein Ertrinken auch vorstellte, ich kam nicht raus aus meinem Körper. Schließlich ließ ich die Imagination außer acht und fokussierte mich auf den Moment des Sterbens. “Geist hier”, suggerierte ich mir beim Einatmen. “Körper weg” beim Ausatmen. Es funktionierte. Nach einer Weile trat die physische Dimension in den Hintergrund, schließlich war sie ganz verschwunden, und ich hatte keinen Körper mehr. Vor mir die Unendlichkeit, drehte ich mich um und sah mir die Dimension, in der mein Verstandeskörper gefangen war, von außen an. Ich sah mich in meiner Zelle liegen, Dann sah ich ihre Monitore. Und lauter Kabel, die in meine Zelle führten. Offensichtlich wurden über nicht-invasive Sensoren biometrische Daten aller Art über mich erfasst.
“Delta: Traumloser TIefschlaf”, las ich auf einem der Monitore.
Die Biometrik gab also nichts preis. Konnte sie ja auch nicht, der Körper blieb schließlich in dieser Dimension zurück. Samt Hirn.
“Mentale Bewegung: 0” las ich.
“Mentale Bilder: n/o.”
“Aktueller Gedanke: n/o.”
“Gefühlsstatus: n/o.”
Gedanken und Gefühle , Erinnerungen und Pläne konnten sie also lesen. Über meine Wirklichkeit wussten sie hingegen nichts. Sie sammelten ganz offenbar auf indirektem Weg Daten über die geistige Welt. Was sich nach der Rückkehr als Erinnerung spiegelte, was ich mental reflektierte und dazu fühlte, das registrierten sie. Und ich sah, zu welchem Zweck sie das taten: Sie bauten an einer geistigen Landkarte. Sie erstellten eine Art Plagiat der Wirklichkeit. Aber eines, das sie kontrollierten. Eines, das Seelen für das Original hielten, in dem sie sich zuhause wähnten, derweil sie gefangen waren.
Ich rief Elisa und meinen Vater herbei und wir diskutierten meine Optionen. Eine Möglichkeit war, einfach nicht mehr zurückzukehren, jenen Körper einfach zurückzulassen. Doch das fühlte sich nicht richtig an. Und so verfolgten wir Elisas Plan: die Mauer der Tränen als Portal zu nutzen, um die physische Dimension zu manipulieren. Mittels der aus Qualen gewonnenen kosmischen Autorität der Toten mein Boot in den Hafen von Santa Isabela und mich auf den sagenumwobenen Hügel der Insel zu katapultieren.
Seither tingel ich auf dem Pazifik herum. Ohne Bordelektronik, versteht sich. So findet mich niemand. Ich navigiere, wie man es bis Anfang des 20. Jahrhunderts tat: per Kompass und Intuition. Elisa ist viel bei mir. Oft als Seevogel, manchmal als Delfin. Immer öfter aber bin ich bei ihr. Dann ist mein Körper Teil der Wirklichkeit, dann ist der Ozean der Geist, dann durchquert das Boot die zeitlose Unendlichkeit. “Wenn ich gewusst hätte, dass das möglich ist, dann hätte ich mich nicht auf die Gleise gelegt”, sagte Elisa neulich.
“Ich wusste es auch nicht”, erwiderte ich.
“Jetzt wissen wir es”, sagte sie. “Und das ist gut. Von nun an reisen wir in diesem Wissen.”
Einmal im Jahr gehe ich auf Isabela an Land und besuche die Mauer der Tränen. Heute sehe ich anders. Heute höre ich auch anders. Heute weiß ich: Allende machte Hoffnung, wo keine ist. Weil sie auch nicht nötig ist. Weil die Wirklichkeit anderswo ist. Der Körper täuscht. Das Hirn täuscht. Die Welt täuscht. Die Welt ist die Mauer der Tränen, und ich höre ihr Klagelied in jedem Stein. Ich höre die Steine jetzt flüstern, ich höre das Leben mich rufen, ich höre die Gedanken der Toten. Sie erzählen nichts von einem Tod, sie erzählen nur vom Leben. Vom echten Leben, von freien Wesen auf den großen Wegen.
Chronik der Beliebigkeit
Wortanfälliger Fragenkatalog
Nennen wir es zunächst Wortschwall und suchen gute Beispiele dafür. Also ungebremst ins Metier: kann man eigentlich auch beispielen, so wie man abspielt oder vorspielt und den Ton nicht trifft? Der Schwall ergießt sich heftig. Die Worte schießen nur so hervor – sollten Worte tatsächlich der Ballistik folgen und eine Kurve beschreiben oder beschreiben wir die Kurve, die sie nehmen? Können Worte etwas nehmen oder sind sie eher etwas hilflos Erbrochenes, das herausmusste, um Druck zu lindern? Was löst diesen Schwall aus, der so beherrschend eruptiv sein kann oder gar durch eine Explosion erfolgt, die das ganze Umfeld mit Worttrümmern versilbt? Puzzeln wir uns Worte zusammen? Und welche reichen aus als Mitteilung?
Wir verfassen unentwegt Nachrichten aus den Worten, die uns zur Verfügung stehen, ohne gewiss zu sein, dass wir damit die Realität abbilden können, weil es schwer ist, die richtigen Worte zu finden, zumal die Realität stets eine subjektive ist und sich verändert, sobald wir ihr den Rücken kehren …
Katastrophe in Substantiven // Häuserzeile / Bäckerei / Fachwerkhaus / Friseur / Hofeinfahrt / Autos / Tretroller / Mülltonnen / Kopfsteinpflaster /Unkraut / Schaukel / Keller / Kinder / Zigaretten / Streichhölzer /Leitungsrohr / Leck / Explosion / Rauch / Feuer / Hitze / Scherben / Trümmer / Sirenen / Bremsen / Stiefel / Helme / Befehle / Schläuche / Wasser / Leitern / Schreie / Panik / Hände / Beine / Stürze / Absperrung / Glutnester / Qualm / Schlamm / Rinnsale / Stille
Verhütter der Worte: verschmelzen, neu formen, Torsi bilden mit viel Freiraum zum Umatmen . Aber Obacht! Wortsünder werden bestraft, denn nicht alles, was neu ist, ist auch erlaubt. Die offizielle Lesart gibt das Unaussprechliche der Wortlosigkeit hin ohne Bewährung oder Revision. Das Unaussprechliche ist allemal vorstellbar, aber wenn es passiert, werden wir dann wortlos oder erst, nachdem es passiert ist, weil es uns dann passiert und die Worte im Vorübergehen mitgerissen hat? Wir finden Worte in jeder Suchmaschine, aber wenn wir sie benutzen, sind es nicht die unseren. Worte sind an sich – wir können sie uns nicht zu eigen machen, es sei denn, wir machen eigene Worte. Und wenn sie aufhören? Halten wir doch einen Moment inne – wenn die Worte aufhören, nicht mehr da sind, uns verlassen und sprachlos machen, wofür wir aber andere Instrumente erhalten, solche wie der Liebe vorbehaltene Rauchzeichen, auf Schweinehäute geklopfte Grußbotschaften, Geständnisse in Moos, Abschiede in Hanf, die wieder nur Worte sind …
Vorgang (Unterschrift fehlt) // eingereicht / abgestempelt / eingeordnet / verwaltet / auf Wiedervorlage / letzte Hoffnung
Zerreden wir, was wir sagen wollen oder reden wir es herbei, bevor wir wissen, was zu sagen Not täte? Und wenn wir alles zu Ende geredet haben, was fängt dann an? Noch einmal – wollen wir Nachrichten senden oder genügt es, Sprache als Ansammlung von Worten zu definieren, damit es einen Sinn ergibt, Worte zu verwenden, gleich ob Sprache dabei ihr Ende erreicht?
Guter Ansatz // Wie wäre das: ein Gedicht aus Zauberworten / wie Zeitraumfidelium´ oderNesselsuchtverhalten´ / in dem der Leser selbst Verbindungen suchen muss / und sich empören darf über die Unfähigkeit des Autors
Und der Wortschwall – wohin ergießt er sich? Nur Leere kann gefüllt werden. Sind wir leer, zur Aufnahme bereit? Sind wir empfänglich für Worte, die zu einer Sättigung und deshalb in der Folge zu einem geringeren Bedarf an Worten führen müssten? Kann man sich an Worten überfressen so wie man sich heißhungrig über eine Schachtel Pralinen hermacht? Verderben die überzähligen Worte, die wir uns nicht einverleiben? Trocknen sie aus? Verflüssigen sie sich? Oder bleiben sie einfach, stauen sich an, bis sie wie eine Dammkrone brechen und eine Wortflut über uns kommen lassen, die uns umtost und den Grund wegschwemmt, auf dem wir sprechen?
Das Drama der Sprache // Sprecher: Die Wissenschaft postuliert, dass wir in jeder Sprache jedem Tier überlegen sind, weil wir Menschen sind. / A: Macht uns jede Sprache überlegen? Und wer unterliegt? Tiere kennen nicht die Schmach einer Niederlage. / B: Ich bin Wissenschaftler. Meine Sprache ist kompliziert. Werden Menschen zu Tieren, weil sie meine Sprache nicht verstehen? / C: Mein Vater sagt nie etwas, aber wir gehorchen ihm. Gehorchen wir einem Tier? / A: Ich kenne viele Tiere, aber ich rede nicht mit ihnen. / Sprecher: Es geht nicht ums Sprechen, sondern um das, was man dazu verwendet. / B: Worte? / C: Gedanken? / A (verschämt): Gefühle?
Das Motiv für die Verwendung von Sprache kann eine ungeheure Vertuschungsaktion sein. Je mehr Worte wir aufhäufen, desto leichter können wir uns dahinter verstecken. Hinter Worthalden verschwinden wir völlig. Was überwiegt, wenn wir schreibend künsteln? Ist das tatsächlich nur Intuition? Oder Schreiben wir dann automatisch, reicht unser Unterbewusstsein bis ins gedruckte Wort? Ist das die Kunst, den Wortschwall zu kanalisieren? Oder ringen wir um Worte, die dem Wortschwall entrissen, unser Werk erst ermöglichen sollen? Sind die Worte, die wir wählen, trügerisch oder ist es unsere schöpferische Überheblichkeit, die uns blendet, wenn wir, statt Wortkunst zu schaffen, nur Sprachmustern folgen? Wie konstruiert sind unsere Abbildungen des Lebens? Was ist lebendig daran, wenn wir zielgerichtet umschreiben, was ohne uns keines Zieles bedurft hätte? Foppen uns die Worte, wenn wir um Eindeutigkeit bemüht eine Auswahl treffen und mäandert womöglich ihr Sinn noch, während wir sie verdichten zu einer Nachricht, die am Ende, zum Gegenteil verkehrt, verheerenden Bestand hat?
Der Weg // Einst ging ich / sehnsüchtig /das Ende erwartend / einen Weg / entlang / doch der Weg / wollte kein / Ende nehmen / von Fremden / nehme ich / nichts / meinte er
Ist jeder Text eine künstliche Welt, im Grunde nur dem zugänglich, der sie erschaffen hat oder besteht die Kunst darin, Eintrittsmöglichkeiten zu erschreiben für Wortinteressierte, die Vergleiche mit ihrer Welt zulassen wollen? Sind die in Worte gefassten Szenerien, die fühlenden und handelnden Charaktere eigentlicher Gegenstand des Schreibens oder müssen sie Staffage bleiben für die Zurschaustellung einer fragilen Innenwelt, die in sich stimmig sein mag, aber nur durch die Draufsicht von außen überprüfbar gemacht werden kann?
Besetzung // Eine Regenhusche / kommt darin vor / die den Boden zum Dampfen bringt / zwei träge Hunde auf dem Trottoir / liegend mit heraushängenden Zungen / kommen darin vor/ und einige wenige Passanten / die einfach um sie herum gehen / die blendende Sonne / kommt jetzt darin vor / und der schreibende Mann am Fenster
Aber was, wenn der vertraute Wortschwall einen gar nicht mehr befällt, wenn er durch die Abwesenheit von Worten ersetzt wird? Was tun, wenn das zu Beschreibende sich einer Beschreibung entzieht? Konstruktives sprachliches Innehalten – was ist schlecht daran, sich nicht äußern zu müssen? Was, wenn unsere Botschaft stumm ist, ein Schrei ohne Laut, ein Werk ohne Zeichen, erhaben in seiner Unerreichbarkeit? Was besagt die lautlose Botschaft, Botschaften zu verweigern, was sagt sie den Zuhörern, die lauschen und warten und der Anstrengung erliegen, nichts zu vernehmen? Wenn die Stille zum Medium wird, wie universell lässt sich dann berichten vom Unaussprechlichen? Und die fragenden Blicke des Publikums, werden sie dann nicht doch selbst zum Bestandteil einer Aussage, Facetten, vom Künstler fein komponiert aus den erzeugten Hilflosigkeiten?
Schweigen beherrscht die Gespräche / in den Straßencafés / nur die Smartphones zwitschern / unerhört beim Prosecco / der betäubend laut perlt
Sollten wir auf das Spiel mit den Worten verzichten zugunsten einer Außenwelt, die wir ohnehin leben? Ist die Konfrontation mit fremden Innenansichten für jene verkraftbar, die schon ihre eigenen nicht zu fassen kriegen? Machen wir viel her für wenige, die in der Lage sind, sich auf unser Spiel einzulassen? Spielen wir überhaupt oder werden wir nicht letztendlich gespielt ein jedes Mal, wenn uns jemand zuhört?
Ein zartes Lied nur / das sachte verklingt / während die meisten schon schlafen / erfüllt von Orchesterträumen / in denen ein Bilderbuchdirigent / mit eingeübten Gesten / im Pinguinkostüm für Ordnung sorgt
Bezechter Philosoph auf dem Heimweg vom Stammtisch
Laternenbunte Regenpflaster. Den Schritt fest im Griff, damit er sich nicht der Weinlaune fügt. Gespräche schwirren. Die Welt mit den Kelchen angeschoben. Strahlendes Bewusstsein der Berauschten. Der Fuß hallt zwölfmal durch die Gasse. Die Ecke schlurft. Weiter Durchgang zum Marktplatz. Referenz dem Siegesbrunnen. Soviel Wasser floss seither im Kreis. Alles wieder aufgebaut. Nichts erinnert an die Vergangenheit. Falscher Stolz glättet auch zerklüftetste Fassaden. Feist sind die Greise in der Tram, feist die Söhne in der Spur. Die Jugend wird auf die Stehplätze verdammt. Noch immer begegnet man Menschen mit Koffern am liebsten nachts. Ihre Schatten vermitteln umfangreiches Gehen. Und sie haben keine Hand frei. Die Stadt schwillt an. Hellenen in die Ghettos, aber Platon vom Pult. Es regnet immer. Selbst das Katzenkopfpflaster schwitzt. Wo noch hin? Toxikologen haben beste Aufstiegschancen. Die Banner der Geisteswissenschaften auf Halbmast. Dass der Fortschrittsglaube überwunden ist, offenbart sich als Ente. Er lauerte nur in der Etappe. Materialschlachten der Tierverwerter zu unserem Wohl. Und wie die Dame riecht! Sie trägt Läuse auf den Lippen, die Verheißung von Beischlaf unter Großmutters Tüll. Turnkünste, Hochglanzenzyklopädien entnommen, mutieren zum Standard. Nur der archaische Schrei noch weckt den Beschäler, über der
Anwendungsvorgabe entschlummert. Die Zucht bringt Resultate. Ignoranz erwecktschon Liebe. Die Rotation unterm Scheitel enthemmt, und morgen geben sie sich wieder den Mördern hin. Entblößende Flächen zu überbrücken ist eine nächtliche Ertüchtigung. Aber wohin auch der Blick, er stößt an Ecken. Dabei täte uns das Runde gut. Woran schmiegt sich der Flüchtige? Was birgt den Zerschlagenen? Die runde Welt ist unser Halt. Kanten schuf der Mensch, sich zu verletzen. Pfauenbrust bei frühen Wunden. Und all dies Gejammer. Hat die Wölfe nicht erkannt in seiner Herde. Da fehlte der nötige Biss, wie auch die Erkenntnis, dass die wichtigste Erfahrung erwartungsgemäß den Tod bringt. Angst besiegt das Hirn vor dem Arm, der das Schwert führt. So entstehen Dynastien. Die Herrschaft bleibt. Das Blut wird Geschichte. Fehler stets zur Imitation genutzt. Das ist der Ursprung der Lernfähigkeit. Sind sämtliche Lektionen geschafft, folgt die absehbare Niederlage gegen die Endlosschleife der Gewöhnung. Dennoch unbeirrt voran: das ist Energie! Nach dem Markt Konflikt der großen Lichter, in Muttererde verankert, den Spieß bei Fuß. Der Nachtschwärmer im Flutlicht, unbeholfen, vertränt. Der Mond fixiert die Recken. Fast kreuzen sich der Speere Schatten im Zentrum, das sich senkt und den Untergrund heraufwesen lässt. Zuviel Regen die Nacht. Was da aufsteigt, sollte unten bleiben. In Chroniken heißt es, nur die Ratten hätten überlebt. Heutige Systeme sind leicht zugänglich, Ausrottung nach Tarif geregelt. Institutionalisierter Kampf, Sieg programmiert, gegen urtümliche Schrecken, von den aktuellen abzulenken. Der Mensch scheitert an Finten, seine Führer am Geist, der in den Tiefen wabert. Die Guerilla gedeiht in guten Stuben, wo sich die alten Tapeten rollen. Muster entstehen so, denen es zu folgen lohnt. Was nutzt da noch die Restauration der Macht? Und wenn sie den Kleister subventionieren wollte: der Schwamm bleibt in den Fugen. Doch er wuchert nicht üppig. Sein Werk ist von unangebrachter Gelassenheit. Eine Achtlosigkeit, und es geht ihm an die Substanz. Auch getarntes Leben ist nur bedingt geborgen. Schon immer verrieten redende Namen den Träger. Im Zeitalter der
Pseudonyme bleibt der Erkennbare auf der Strecke. Der Ausweg: sich nicht an Kanten zerschmettern, dort zurückschlagen, wo die Rundung mündet. Das Zuschnappen der Fänge überleben und aufmerksam bleiben. Der Molluske fehlt das Gebiss. Dentaler Widerstand ist höher geartet. Schlüsse? Die zieht der Weg entlang der Nacht, wo wahlverwandte Zecher im Koma ihr Zäpfchen malträtieren. Fuß und Pflaster als Symbiose auf der Bahn der Erkenntnis. Überflussphänomene, gestaut in trägen Kurven. Streckenerfolge, unzählige Richtungen im Hinterhalt. Wer misst die Gerade kurz vorm Ziel? Wen schert die Geometrie in seiner dominanten Position? Selbst ist der Leib, hilfreich und unentwegt für Überraschungen gut. Zerschlagene Knie ohne Schmerz. Splitter im Fleisch. Im Tran überwinden sich die Schwachen, nüchtern nicht einmal die Sieger. Die Strecke zwischen Quelle und Heim ringt das Erbe von Jahrhunderten nieder, doch die Ankunft macht müde – und vergessen.
Beiläufige Gesänge
Der Dichter Eike von Eikenpracht vermied es nach Möglichkeit, von lieb gewordenen täglichen Routinen abzuweichen. Ferienreisen kamen für ihn nicht in Frage, und seiner Arbeit dienende Ortsrecherchen nahm er nur vor, wenn sie unbedingt erforderlich und lukrativ waren. Umso betroffener war er, als sein Arzt ihm eröffnete, dass ein hartnäckiges Leberleiden dringend einen längeren Kuraufenthalt notwendig machen würde.
Mit wenig Begeisterung holte er also diverse Koffer und Taschen vom Dachboden, um sie mit Wäsche, Büchern und Manuskripten zu füllen und stieg in die nächste Bahn in Richtung eines Kurbades mit strahlender Historie. Dort angekommen, nahm er seinen Tee im ersten Haus am Platze und machte sich einen Plan für seinen Aufenthalt, der hauptsächlich aus Mahlzeiten, Spaziergängen und kurzen Abstechern zur Trinkhalle mit dem berühmten Heilwasser bestand.
Schon am ersten Nachmittag entdeckte er ein kleines verträumtes Gartencafé. Da alle Tische besetzt waren, trat er an einen heran, an dem nur ein alter Herr saß, und bat darum, Platz nehmen zu dürfen.
„Selbstverständlich, Herr von Eikenpracht“, sagte der Alte sofort. „Darf ich mich vorstellen? Akerueh mein Name. Ich fühle mich durch Ihre Anwesenheit geehrt.“
„Nicht doch“, entgegnete der Dichter, obgleich er sich sehr geschmeichelt fühlte. „Ich bin auch nur ein Kurgast wie viele und quasi incognito hier.“
„Dann soll Ihre Kunst im Verborgenen blühen, wenn Sie es so wünschen. Wobei doch schon das Schreiben an sich eine einsame Angelegenheit ist.“
„Sie sagen das wie einer, der sich damit auskennt. Sind Sie ein Kollege?“
„Aber nicht doch! Ich würde mich nie mit Künstlern wie Ihnen in eine Reihe stellen. Tatsächlich bin ich nur Chronist, das Hobby eines Pensionärs, sozusagen.“
„Warum so bescheiden? Ich habe großen Respekt vor solcher Arbeit. Was ist denn Gegenstand Ihrer Aufzeichnungen, wenn ich fragen darf? Dieses malerische Städtchen?“
„O nein! Das wäre mir dann doch zu profan. Ich schreibe an einer Chronik der Beliebigkeit.“
„Beliebigkeit?“
Diese Auskunft ließ den Dichter nun doch etwas hilflos wirken. Herr Akerueh lächelte verständnisvoll und setzte zu einer Erklärung an.
„Sehen Sie, ich habe lange Jahre den Beruf eines Bibliothekars ausgeübt, weil ich Bücher liebe. Mit der Zeit aber verlor ich die Freude am Lesen. Man kann von allem zu viel bekommen, und ich war es irgendwann leid, mich an fremden Phantasien zu ergötzen. Deshalb wandte ich mich dem Phänomen der Ordnung zu. Nicht die Inhalte der tausenden von Bänden, die mich tagtäglich umgaben, waren mehr meine Passion, sondern die Fragen der Sortierung und die hohe Kunst des Alphabets, kombiniert mit Ziffern und Farben. Ja, die Lust, Ordnung zu schaffen, packte mich mit der gleichen Leidenschaft wie zuvor die Leselust.“
„Ein seltsamer Weg, den Sie da gegangen sind“, stellte Eike von Eikenpracht kopfschüttelnd fest. „Und für mich, der Bücher schreibt, ist es, ganz offen gesagt, schon recht befremdlich, wenn jemand die Schriften, die ich mir oft genug unter Schmerzen abringe, nur unter dem Aspekt der korrekten Einsortierung betrachtet. Aber jeder setzt nun einmal seine eigenen Prioritäten, drum möchte ich keinesfalls über Sie urteilen, mein Herr. Wie aber sind Sie denn auf Ihrem Weg der Ordnung zum Chronisten geworden, noch dazu zu einem, der der Nachwelt etwas so wenig Fassbares erhalten möchte? Empfinden Sie das Beliebige, was auch immer man darunter verstehen mag, als Wert, den es zu überliefern lohnt?“
„Aber ja doch! Für mich ist es außerordentlich befriedigend, gerade das zu dokumentieren, was so wenig Wertschätzung erfährt, obwohl es letztlich unser planloses Leben dominiert. Sie werden es erraten haben: auch der Ordnung, zu der ich stets meinen Beitrag leisten wollte, habe ich letztlich abgeschworen. Leben ist so vielfältig und im Grunde nicht kalkulierbar, da ist es doch wahnwitzig, es in Systeme und Regeln pressen zu wollen. Man kann seine Zufälligkeiten nicht zu Kunstwerken bündeln, allenfalls als Chronist verdichten.“
„Die Verdichtung der Beliebigkeit …“ Eike von Eikenpracht ließ den Gedanken auf sich wirken. „Ich muss bekennen, dass mir die Vorstellung von der Art solcher Niederschriften schwerfällt. Aber neugierig darauf bin ich allemal.“
Herr Akerueh war begeistert und griff nach einer Aktenmappe, die am Tisch lehnte.
„Zufällig habe ich aktuelle Auszüge meiner Chronik dabei. Es sind Kopien, und ich würde sie Ihnen gern überlassen. Ihre Expertise wäre mein ganzer Stolz.“
Eike von Eikenpracht nahm den dünnen Schnellhefter entgegen, dessen Deckblatt mit einem Datum und mehreren Ortsbezeichnungen beschriftet war.
„Ich werde mich heute Abend umgehend an die Lektüre machen“, versprach er. „Und sofern Sie denn morgen wieder hier sind, können wir über meine Eindrücke sprechen.”
„Lassen Sie uns so verbleiben“, bestätigte der alte Bibliothekar.
Der Dichter erhob sich.
„Jetzt müssen Sie mich aber entschuldigen. Ich habe noch einen Besuch der Trinkhalle auf dem Programm und möchte nicht nachlässig werden.“
Nach einem leichten Abendessen mit gedünsteter Forelle, auf den sonst üblichen Grauburgunder verzichtend, begab sich Eike von Eikenpracht auf sein Zimmer. Er war neugierig auf diese Chronik, erahnte da eine literarische Schatzhebung. Doch die Lektüre war ernüchternd. Er las die erste Seite, dann die zweite und legte die Blätter vor der dritten nieder.
War er einem Scharlatan aufgesessen?
Er griff das erste Blatt erneut auf und las:
Jetzt sitz mal endlich gerade noch einen Espresso bitte Silke ist wohl auch infiziert gerade als er soweit war ging nichts mehr wir dürfen nicht rückwärts in die Gasse Fleischwurst wird aus Schwein gemacht der Rest ist für Sie das hier ist eine Fußgängerzone kaum in der Rente und dann eine solche Diagnose ich möchte aber eine Tasse Kaffee der Weg ist der gleiche gestern war Neumond und dann hat sie ihn mit Gerda erwischt mein Arzt rät mir von Aufhellern ab hast du das von der Rentenreform gelesen der Altbau steht nicht unter Denkmalschutz wenn er fragt lasse ich ihn ran die wollen doch tatsächlich den Hort schließen im Alter müffelt er ein wenig nach zehn gehe ich im Dunkeln heim wer nicht fährt braucht keinen Parkplatz…
Das war kein schlechter Scherz, stellte er widerwillig fest. Aber was war es? Er las weiter:
Ein Café ohne Schwarzwälder Kirsch und nun vorsichtig zurücklehnen Mama hätte es nicht überlebt Sie sollten weniger rauchen er fährt einen Überkopflader offene Beine mehr sage ich nicht die Wohnung ist natürlich überteuert sie hat mir ein Briefchen zugesteckt koffeinfrei was hat das mit Freiheit zu tun ich finde das Wasser hier salzig der Typ ist doch ein Penner stell dir vor ein Essig als Aperitif wer hat sich nur Kreisverkehre ausgedacht mein Vater ist dort gefallen aber der Masseur ist eine Zehn ihr macht es mit Gummi keine geschlossenen Vorhänge in der Nacht…
Nie war der größte lebende Dichter deutscher Zunge sprachloser, aber er spürte, dass er auf eine Kunst gestoßen war, die ihn zu neuen Grenzen leiten wollte. Und darüber hinaus. Er warf den weißen Bademantel mit dem Emblem des Hotels über und trat hinaus in die Kühle des abendlichen Balkons. Mit geschlossenen Augen sah er den quengelnden Enkel, der zappelnd sein Pückler-Eis in sich hinein schaufelte, die Müllkutscher, die dem türkischen Kollegen ihre Hausmannskost anpriesen, die Sekretärin, deren Chef immer privater wurde, den Steuerberater in all seiner Ratlosigkeit, die Krankenschwester mit Grenzerfahrung, den erblindenden Rentner, die kleinen verhärmten Witwen mit ihren kleinen verhärmten Träumen, all diese Möchtegerns und Willnichtmehrs … und wurde sich seiner dem Feuilleton gnädiger Weise verborgen gebliebenen, aber offenkundigen Unzulänglichkeit bewusst. Noch lange sann er nach über die willfährigen Wege der Dichtkunst, die er ein Leben lang beschritten und festgestampft hatte. In der Dämmerung, die dem Dunkel nicht weichen wollte, lauschte er dabei dem Gesang eines Amselmannes, der wohl seine Gefährtin rief.
Mitten in der Nacht stieg er dann schlaflos aus dem Bett, weil ihn etwas im Traum dazu getrieben hatte, zur Chronik von Herrn Akerueh einen Beitrag zu leisten. Doch als er mit seinem geliebten Gelschreiber vor dem leeren Blatt des Hotelblocks saß und ihm die Gesichter des Tages verschwammen zu einer Collage aus Augen, Mündern und Stimmen, da musste er sein Scheitern einsehen. Kein Kellner, der sich für Trinkgeld bedankte, war ihm präsent, keine werdende Mutter ohne Erwartung, kein Zigarre rauchender Honoratior mitten im Restaurant, keine Ausrufe angesichts des Infarkts auf dem Kiesweg des Kurparks. Einfach nichts aus diesem zurückliegenden Tag seines Lebens hatte sich ihm wirklich eingeprägt. Nur der Gesang der Amsel wollte ihm nicht aus dem Sinn. Und so pfiff er vor sich hin, immer lauter, immer länger. Letztendlich aber schrieb er diesen einen Satz, bevor er sich aufraffte und erschöpft in sein Bett fiel.
Der Cafétisch war unbesetzt. Keine Spur von Herrn Akerueh. Und dabei hatte sich Eike von Eikenpracht nach dem Mittagessen so beeilt, um pünktlich zu seiner Verabredung zu kommen. Er setzte sich und wartete eine Weile, doch zu seiner großen Enttäuschung erschien der alte Bibliothekar nicht. So nahm der Dichter sein Notizbuch zur Hand und riss ein Blatt heraus. In schönen verschnörkelten Buchstaben schrieb er einen Satz darauf und schob den Zettel unter die kleine Blumenvase mit den Röschen. Dann stand er seufzend auf, wendete seinen Blick noch einmal in alle Richtungen und nahm dann widerwillig den Weg zurück zum Hotel.
Herr Akerueh, der sich die ganze Zeit hinter der Hainbuchenhecke versteckt hatte, die das Café von der Straße abgrenzte, trat nun hervor und ging zu seinem angestammten Tisch. Bedächtig zog er die Notiz unter der Vase hervor und las. Dann lächelte er versonnen und las ein zweites Mal: „Und der Amsel ins Belieben gestellt, erklang das Weltenlied.“
Das Schwarze Quadrat
Es zeigt unser Schwarz
kompromiss- und ausweglos
keine Grautöne
kein Exit-Licht
nur unser Schwarz
Nicht dieses angebliche Rot
das sich bei Sonnenschein
unter geschlossene Lider schleicht
Kein gleißendes Weiß
ganz da hinten
bevor uns die Sense erwischt
Nur ein Kosmos ohne Licht
ein bergender Grund
eine Rückkunft
Wäre da nicht der weiße Rand
wir könnten verschwinden
Der verbotene Raum
Ich kenne jede meiner Gehirnwindungen
habe sie mir erschlossen in langen Tagen
kurzen Nächten neben verwaisten Betthälften
und der lähmenden Auszeit dazwischen
Bin entlang gewandert wurde schwindelig
von so viel Vergangenheit und wenig Zukunft
machte Rast vor einladend angelehnten Türen
hinter denen ich Panoptiken entdeckte
aus missglückten Sehnsüchten
und planlos abgelegten Erinnerungen
Nur diese eine trotzige Pforte hielt
meinen drängenden Erkundungsgängen stand
und so oft ich mein Ohr an sie legte
lauschte ich nur einer leeren Stille
… und das Absurde
Ist der Alltag wirklich so sinnlos
wie die davor rettenden Pläne
an denen wir emsig scheitern
Während die einen ihr Leben bejammern
nehmen die anderen es in die Hand
bis es zwischen den Fingern versickert
in der Beliebigkeit seines Verlaufs
Die Illusion von Sinn treibt uns an
Tage aneinanderzureihen
und doch starb Camus bei einem Autounfall
die unbenutzte Bahnfahrkarte in der Tasche
Tara
“Wir sind schon als Kinder kleine Philosophen”, schreibe ich. Dann streiche ich den Satz wieder durch. “Negative Philosophen sind wie Babys”, notiere ich stattdessen. Aber auch das passt mir nicht, und so reiße ich das Blatt aus dem Notizheft und fange von vorne an. So geht es im Grunde den ganzen Tag, ob ich nun schreibe oder nicht. Ich habe keine gute Beziehung zu Worten, zu Gedanken. Der Verstand arbeitet zwar unablässig. Aber für mich ist er eine untaugliche Maschine. Was heißt untauglich, schädlich. Teufelswerk, würde ich fast sagen, wenn ich an den Teufel glaubte. Wo kommen die Gedanken eigentlich her? Wer oder was entscheidet über den nächsten Gedanken, der auftaucht? Wer oder was sorgt dafür, dass die Maschine nie stillsteht, dass ihr nie die Kraft ausgeht?
Ich mit Sicherheit nicht. Ich bin da doch eher das Baby, das sich darüber wundert, dass buchstäblich aus dem Nichts plötzlich diese merkwürdigen Gebilde vor dem mentalen Auge erscheinen. Gebilde, die ich in Laute übersetze. Die natürlich noch keinen Sinn ergeben, denn noch habe ich ihnen keinen Sinn gegeben. “Ehhh. Ohhh. Bahhh. Tata”. So ungefähr ist es für mich heute auch. Nur ist es nicht diese Prä-Sinnhaftigkeit. Ich befinde mich in der Post-Sinnhaftigkeit. Die Gebilde erscheinen als Worte und die Worte machen Sinn, aber es macht alles überhaupt keinen Sinn.
Prä-Sinnhaftigkeit bist du als Baby mit Sicherheit fasziniert von dem einsetzenden mentalen Spektakel. Post-Sinnhaftigkeit schreckst du eher zusammen. Da bist du auf der Lauer, da weißt du, was droht. Nämlich Sinn. Ein Moment der Unachtsamkeit, und plötzlich scheint es dir, als bedeute eines der mentalen Luftschlösser irgendetwas. Und dieser Schein ist wie ein Krebsgeschwür, der wuchert! Und ehe du dich versiehst, bist du kein Baby mehr, da bist du ein Kind, ein kleiner Philosoph. Der Krebs ist sofort metastasiert und umfasst alsbald dein ganzes Wesen, dein ganzes Leben.
Mir tut das Kind unheimlich leid. Egal, wozu es heranwächst, ob es nun Mann wird oder Frau, Moslem oder Christ, Rechter oder Linker, Gewinner oder Verlierer, es bleibt ein Leben lang der Welpe, der sich selbst in den Schwanz beißt. Weil es ein Leben lang glaubt, dass der Punkt, an dem es steht, und der Punkt, an dem es seine Ziele erreicht, getrennt sind. Und umgekehrt: So sehr es auch dagegen ankämpft, das, was es nicht will, wird immer Teil dessen sein, was ist. Als Baby hast du noch an der Brust der Mutter genuckelt. Und wenn der Magen voll und es dir ganz warm ums Herz war, dann bist du zufrieden eingeschlafen. Jetzt ist der Magen nie mehr voll, jetzt ist es nie mehr warm genug, und du kannst nie wieder zufrieden sein. Und deshalb ist die Welt so, wie sie heute ist.
“Negative Philosophen sind wie Babys”, schreibe ich nun doch wieder nieder. “Kinder nehmen Babys nicht ernst. Können sie ja nicht. Was Babys an Lauten von sich geben, erscheint Kindern als zusammenhangloses Zeug.” Das ist die Krux. Wir leben nicht in denselben Zusammenhängen. Meine eigene Frau versteht mich nicht. Und mein Sohn hält mich für irre. Dabei halte ich schon meinen Mund. Noch, wo ich zusehen muss, wie er sich unablässig selbst in den Schwanz beißt. Selbst merkt er es gar nicht. Und wo er es merkt, da macht er trotzdem weiter. Weil er meint, es müsse so sein, weil er in einer Welt lebt, die meint, es müsse so sein, weil er glaubt, es mache Sinn. Aber es muss nicht so sein und macht auch keinen Sinn. Das Selbst, das sich in der Polarität positioniert, ist schließlich nur ein Phantom. Das sich selbst erschafft, indem es Phantomen hinterherjagt. Das die Krankheit ist, vor der es davonrennt. Weil der Geist infiziert wurde, weil er selbst einst gejagt wurde, weil er selbst einst Phantomen zum Opfer fiel.
Eigentlich müssten wir die Körper tauschen, mein Sohn und ich. Eigentlich ist er der Alte unter uns. Er hat seinen klar strukturierten Alltag, seine festen Prinzipien und Lebensziele, seine unumstößlichen Ansichten und Meinungen über Gott und die Welt. Früher war ich auch so. Dieser Tage singe ich zunehmend “Tutu” und “Tata” vor mich hin und pfeife dazu Melodien, die mir spontan in den Sinn kommen, fröhlich oder traurig, langsam oder schnell, je nach Lust und Laune. Ich laufe völlig ziellos durch die Welt, erschrocken und verwundert und immer wieder überrascht. Ich bin jünger als ich je war, ich bin als Rentner zum Baby geworden. Was fest und hart geworden war, ist wieder aufgeweicht bis in die Knochen, bis ins Mark hinein.
“Du kannst dir im Leben nur brechen, was das Phantom an verknöcherter Substanz aufgebaut hat”, schreibe ich. Vielleicht glaube ich doch an den Teufel. Vielleicht ist der Teufel das Phantom, vielleicht ist das Phantom der Teufel. Ich sehe es doch an meinem Sohn, ich sehe seine Hybris. Nicht nur mir gegenüber. Gott gegenüber. Manchmal tut es mir leid, dass ich es so sehe. Dann blättere ich im Familienalbum nach Fotos von ihm als Säugling. Da ist das Göttliche noch sichtbar, da lacht es dich noch an. Dann verschwindet es allmählich. Und es wächst nur noch das Phantom.
Im Schaufenster des Reisebüros hing ein riesiges Foto, schwarze Vögel an rotem Himmel über bunten Dächern, im Hintergrund das Meer. Da wolle ich hin, erklärte ich. “Südindien.”, hieß es, “Genau die richtige Jahreszeit.”. Der Flug ist gebucht, ich werde also auf Reisen gehen. Mit dem Rucksack ferne Länder durchqueren. Als ich es meiner Frau erzählte, schickte sie mich zum Hausarzt. Sie glaubte, mich habe der Schlag getroffen. Das CT war aber völlig in Ordnung. Mittlerweile ist sie überzeugt, es seien Depressionen, es sei Selbstmord. Morgens kocht sie mir jetzt Jasmintee. Sie hofft noch, dass ich zur Vernunft komme. Die Sache abblase und stattdessen zum hundertsten Mal mit ihr im Wohnmobil an den Gardasee fahre. Es geht aber nicht, ich kann das nicht mehr. Weil es immer dasselbe ist. Bis hin zum Stellplatz, bis hin zu dem Schweizer Pärchen auf dem Stellplatz nebenan, bis hin zu den gemeinsamen Grillabenden, bis hin zum genauen Wortlaut der Gespräche zu Kotelett und Bier. Post-Sinnhaftigkeit verliert das Gewohnte einfach seinen Reiz. Da scheint dir das Vertraute nicht mehr vertraut, sondern absurd: So habe ich gelebt? Was um Himmels willen war los mit mir?
Ich habe nachgerechnet: 36 Jahre saß ich jeden Freitagabend ab 20 Uhr zur Skatrunde im “Zorbas”. 36 Jahre lang blieb es dieselbe Truppe, aß jeder immer dasselbe Gericht, trank jeder dieselbe Sorte Wein, dieselbe Sorte Bier. Dem Phantom ist diese Konsistenz ungeheuer wertvoll und wichtig. Denn sie ist ihm lebensnotwendig. Konsistenz nährt das Phantom wie Muttermilch das Baby. Nur dich nährt sie nicht. Du sitzt nach 36 Jahren da und fragst dich: Wo sind jene Abende geblieben? Denn es ist dir, als seist du gar nicht dagewesen. Als hättest du gar nicht gelebt. Hast du ja auch nicht. Das Phantom hat gelebt. Letzten Herbst war ich noch einmal beim Skat. Aber nur kurz. Weil mir die Tränen kamen schon, als der Ouzo kam. Das kommt häufiger vor, manchmal zum Beispiel am Telefon mit meinem Sohn. Beim Frühstück mit meiner Frau sogar regelmäßig. Es ist schwer zu beschreiben, es ist dann, als habe ich diesen Menschen verloren. Als habe ich jeden und alles verloren. Als hätte ich nur als Phantom Substanz gehabt, als sei ich nur als Phantom Teil ihrer Welt gewesen. Und jetzt wieder unsichtbar geworden. Einfach verschwunden. Und es kümmert nur mich, die Phantome tanzen ihren Tanz einfach ohne mich weiter. Ich aber lebe allein in meinem eigenen Verschwunden Sein.
Chennai. Koliken und Durchfall mit Fieber und Schüttelfrost. Der Hotelbesitzer will den Arzt rufen, ich winke ab. Der Alte klammert nicht mehr. Vielleicht hatte meine Frau ja Recht, denke ich: Vielleicht rief nicht das Leben, sondern der Tod. Die letzte Reise, denke ich. Manchmal werde ich zwischen den Fieberträumen wach. Dann summe ich vor mich hin. Aber nicht mehr “Tata”, sondern “Tara”. Vom Winde verweht. Der Film ist noch älter als ich. Die Musik aber, Itzhak Perlmans traurig-schöne Violine, die ist zeitlos. Die ist das Göttliche in uns, das nicht verweht.
Tiruvannamalai. Das Taxi hält zwar vor der Ayurveda-Klinik, die der Hotelbesitzer empfohlen hat, mich aber zieht es anderswo hin. Mich zieht es zu den alten Männern in den orangenen Kutten, die überall an der Hauptstraße sitzen. Einer erzählt mir von seinem verstorbenen Meister und will mir den Ashram zeigen. Auf den Dächern sitzen die Affen, auf dem Grund laufen Pfauen zwischen den Menschen umher. Ich fühle mich wohl und bleibe den ganzen Tag. Ich kaufe sogar ein Schwarz-Weiß-Foto und zwei Bücher des Meisters. Ramana Maharshi, ein großer Philosoph. Am Abend lese ich in meinem Zimmer weiter. In der Nacht träume ich, das Foto nimmt Farbe an, das Gesicht wird lebendig, die Augen strahlen mich an: “Du hast mich gefunden. Du bist ich. Du hast dich gefunden.”
Pondicherry. Das Foto im Schaufenster des Reisebüros hätte glatt vom Dach meines Hotels aus geschossen sein können. Ich fragte den Rezeptionisten gleich am ersten Tag, ob ich nicht eins der Zimmer dort oben auf dem Dach haben könne. Das seien keine Zimmer, es sei ein Apartment, das sei aber nur monatlich zu mieten, erwiderte er. “Okay”, sagte ich. Unter freiem Himmel mitten auf dem Dach steht der alte Schreibtisch, den ich neulich im Antikgeschäft erwarb., An dem sitze ich jetzt jeden Tag mit Blick über die Dächer der Stadt aufs Meer hinaus und schreibe. Keine Memoiren, keine Bilanz, gar nichts über mich, meine Vergangenheit, mein altes Leben. ich will nicht wieder als Phantom sichtbar werden, auch nicht über geschriebene Worte. Ich will anderswohin schreiben, ich will mich als zeitloser Klang erklingen hören. Jetzt, mit 78, will ich als post-sinnhaftes Baby mein neues Lied singen, das Leben ausklingen lassen.
Des Boomerbuben Wunderborn
Des Boomerbuben Wunderborn: Abschweifungen trostpflastern seinen Weg. Eine Kuriose
Was tun zwischen Geburt und Tod? – Ich pfleg mal mein Phlegma.
Der Impuls ist nicht das Thema. Es geht immer ums Ganze. Ein Impuls regt an, löst aus, triggert und fragt nie: Wo geht’s lang? Wie soll das enden? Er initiiert das freie Assoziieren, Imaginieren und Kreieren. Er garantiert kein Gelingen noch verantwortet er Scheitern. Auf eigene Gefahr geben wir uns dem Wachstun hin. So geht Leben. Es verlangt durchgängig Reflexe und Reaktionen; seine Favoriten schaffen selbst Reflexionen und geraten in Verzückung bei Gipfelerlebnissen von Flow, Freude und Ekstase. Und vor den Aufstieg zum Olymp haben die Götter den Angstschweiß gesetzt. Nur Nike meinte lakonisch: Just do it.
Ist das meín Leben, das ich alter Ego führe?
Oder Giro vitalia: Dumm gelaufen
Hab ständig mich ab- wie ein Hund gehetzt,
die Hacken stets ab- und zu wund gewetzt,
tja, ich hatte – zu dumm –
(nehm’s mir heut’ nicht mehr krumm)
mein Merken vorab schon auf Grund gesetzt!
Umwege kosten Zeit. Solange Zeit Geld ist, gilt es, den Lebenslauf via Luftlinie zwischen Start und Ziel, Einschulung und Verrentung möglichst ohne Ehrenrunden, Ausfälle, Fehl- oder Rückschläge in Echtzeit hinter sich zu bringen. Umwege verhalten sich zum Weg wie Unkraut zu Kraut oder Beifang zu Fang. Ihnen haftet so etwas wie ein Makel oder Mangel an: Sie stören, behindern und lähmen. Wer vorankommen oder schneller weiter höher will, hasst Umwege wie Zwangspausen, die seinen Lebensdrang beschneiden. Doch zugleich zelebriert er Prozessionen, Leichenzüge, Militärparaden oder Ostermärsche als Kultakte.
Heldenreise, wunde Punkte haufenweise:
Auf gut GlückAuf ins feindliche Leben!
Weil zu oft zu dumm gekommen,
wird’s mir grade krumm genommen.
Man bügelt mich glatt,
man hat’s satt, völlig platt.
Ich bin platt. Aber nicht umgekommen!
Umgekehrt ist Geld Zeit. Wer es sich leisten kann, lässt sich nicht hetzen. Man geruht, beides genüsslich zu vergeuden. Der eine legt in seinem Park einen Irrgarten an und geht auf Weltreise. Der andre frönt 24/7-Ego-Shootings. Entscheider setzen Kommissionen ein, um dringende Beschlüsse erneut aufschieben zu ‘müssen’. Leichthin in den Tag zu leben ist nicht bei allen Woken en vogue: ‘Cancelculture! Parasiten an den Pranger!’ Freaks gilt das genaue Gegenteil als Ideal: Spiel, Freiheit, Autonomie, Würde. Nur-so-da ist Stoffwechseln ohne Zweckzwang. Für Junkies ist jede Minute ohne Trip ‘Realitätsflucht’ und vertane Zeit.
Willfährige Wallfahrer am Ort und zur Stelle:
Sechs Richtige. Alle für eine!
Taten brav, was die Mutter uns beigebracht:
Diener, Knicks, an des Nächsten Gedeih gedacht.
Du liebes Kind,
was warst Du blind!
Hab mich spät, doch noch frech davon frei gemacht.
Heiter-Spielerisches bis Leidvoll-Liederliches füllt unser Leben. Auf Umwegen werden wir human. Nur keine Umstände? Doch! Pomp and Circumstances! Und zwar für alle! Etikette und umständliche Regularien erschweren den Missbrauch. Panperspektivisches Denken umkreist zigmal das Phänomen und versteht sich auf Mitgefühl. So geht Kultur. Was immer Umwege sonst noch sind oder tun – sie fördern gedeihliches Miteinander: Zeitgewinn erlaubt Meditation und Reflexion. Fehlen sie, fehlt Entscheidendes. Insofern folge ich frohgemut dem Anspruch Apollons, des Licht-Gottes der Künste, voran Musik und Dichtung.
Erkenne dich selbst – in Grund und Boden
Ein Archäologe vom Rheinland
vergrub sich ins Graben. Kein Einwand.
Ich wollte den Grund sehn,
nicht grundlos zugrund gehn.
Stieß auf mich, zu dem vorher kein Schwein fand.
Gnothi seauton stand am Eingang des Apollon-Tempels in Delphi, wo das Orakel die Entscheidungsfragen der Pilger oral beantwortete, wie ein Dichterfürst: verführerisch und vieldeutig. Man nahm sich Zeit für die Voraussage, leider kaum für deren Ausdeutung.
Meden agan stand gegenüber: Nichts zu sehr – was man gern übersah. Das hiesige Lager betrieb gottseidank Desillusionierung, das jenseitige zum Glück Gewissenserforschung.
Im Dschungel der Großstadt der reinste Tor
Als Landei wollt, immer nur Sand gekannt,
zum Stadtei mich wandeln, vom Tand gebannt.
Geblendet vom Glamour
(Keinen Bock mehr auf Lämmer!)
ward Rührei: Bin voll vor die Wand gerannt.
Agonie bedeutet Kampf oder Wettstreit, aber auch Angst, Qual, Todeskampf. Agone sind organisierte Preisausschreiben wie die Olympischen Spiele oder die Panathenäen: Kampfkünstler und Dichtersänger eifern um die Wette nach Beifall, Lob, Ruhm und Siegprämien. Sophokles schrieb: Ungeheures gibt es viel, aber nichts ist ungeheurer als der Mensch.
Ego ist in Ago n(i)e: Von der Pike auf verlernt
Als Säugling, ganz ICH, macht’ ich Bäuerchen.
Als Kind balanciert’ ich auf Mäuerchen,
zwischen dem, was gewollt,
und, laut Mama, gesollt.
Noch piekte euch mein Ungeheuerchen!
Schon bald lag es wehrlos in Trance,
ich, halbstark, hielt nicht mehr Balance
zwischen Nächstem und mir,
der mir meist wie ein Tier
zu Leibe gerückt! Keine Chance!
Ungeheuerchen dreht nun ganz liederlich
seinen Spieß wider mich, schlichtweg widerlich.
Es piesackt mich, sticht mich,
bis im Lot und ganz dicht, ich
wieder Nächste pieke. Bin wieder ICH!
Im Mittelalter bestritten belanzte Dichter und helle Barden Ritterspiele samt Minnesänger-
krieg. Heute bietet die NLGR dem Bedürfnis der Literatur-Szene nach Sich-Zeigen und Gesehen-Werden eine irenische Arena: Nominierte kommen ohne Hauen ins Stechen.
Des Lebens Ruf an mich: Ein Zeichen setzen
Zu Anfang vergaß ich den Punkt am End
Zum Glück sah ich darin mein Fundament
Bald verschluckte ich Sil
denn es sollt nicht vergil
ben Reimschreibers keimendes Grundtalent
Aus Spaß an Freud: Mein Pfad zum Zen
Hatte -früher- neurot’sche Tendenzen: Ich bestand auf absurdesten Trenngrenzen, auch kam ich kaum aus mit dem mir von der Formnorm vorgeschriebenen Raum und gab kurz vorm Ziel auf bei Senten
Zwanghaft dramatisch? Maßlos übertrieben!
Doch mein schlimmster Fehler beim Dichten
wie im Leben war -früher- mitnichten
zu wenig Ideen,
die in mir entstehen
als Neuro-Geschehen
im Schreibhandumdrehen.
Zum Fehler stehen,
und Strafrunden drehen,
das war mein Vergehen.
Das war kein Versehen!
Heut’ kann ich’s gestehen:
Konnt’ auf keine Pointe verzichten!
Esotörichter Grenzgänger: Trifft’s dich, ist’s triftig
Wenn es mich traf, dann wusst ich: So musst es.
Denn ich kam kaum umsonst ins Prokrustes
bett, wo ich langgemacht,
eingestaucht, bang gemacht.
Längst gebucht hatt’s mein Unterbewusstes.
Dialektik, didaktisch
Den Weltgeist da aufheben, wo er im Regen liegt
Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt, lehrt Herr Brecht.
Doch wer sich sperrt, wird gezerrt, plärrt Gern Knecht,
der’s, als sie stritten, wieder erlitten.
(Wehrn Lernn war wider Knechts Herrschaft Sitten.)
Verkehrt gelehrt, Bert. Wehrn statt sperrn, Gern. Nochmal, beide, jetzt recht.
Längst gebucht hatt’s mein Unterbewusstes.
Was ist das? Satire? Groteske? Humoreske? Burleske? Ein Treppenwitz. Eine neue, fast balladeske Textart. Ein Prototyp, ohne KI generiert und im flow einer Eulennacht designt: Die Kuriose ist ein GanzKleinkunstStück, das heillose Interna offen Revue passieren lässt. Auf Augenzwinkerhöhe mit dem Lese-Komplizen wirkt sie Gehalt in Form. Prosaisch verdichtete Brücken verbinden gereimte Lyriknummern. Viel Sitzfleisch tobt süchtig, weil der Geist hin- und herwuselt: Kaum isser da, isser schon wieder weg. Wir spüren Sinnklangfetzen im Zickzackkurs nach und spinnen unverlierbare rote Ariadnefäden bis dorthinaus.
Die Kuriose liebt Skurriles bis Glatteis, Kunst und Kritik, Zitate gegen Plagiate, Knecht mit Magister, Leib samt Seele, Sinn für Irrsinn in Bekenntnis wie Protest. Humor mildert Traumen zu gemeisterten Brüchen. Schreiben als Redekur. Umtriebige Gedankengänge drängen ans Licht mit dem Anspruch, sich oben neu auszubalancieren und im Chaos ein Stück Kosmos zuzulassen. Oh wie süß (), herzlich (), zartbitter (_) ankreuzen und einmischen! Zwischen den Zeilen spielen sich wunschgemäß Glasperlen auf in Gestalt von Funktionsfußbekleidungen zum Bergsteigen, Mermaiding, Stepptanzen etc. – Wähle und bezahle.
Ende offen: EXPOnentielles Aha-Erlebnis
Um das Bildwerk der doppelten Helix
schritt ich faustisch umher: „Ich versteh nix.
Das Leben? Hat es Sinn?
Die Gene? Wer ich bin?
Felix, …
OM–HAha–HUM-pfffffm“
licher
reim-
nament-,
glück- ,
kein
_Zwar
Bin!
Die Tauben haben Hunger
Schon den ganzen Tag knurrt mir der Magen. Nur scheint der Körper alles satt zu haben, was ich ihm anzubieten habe. Ich öffne den Kühlschrank, die Tiefkühltruhe, die Hängeschränke und jede einzelne Schublade, aber nirgends bleibt der Blick haften, nirgends schnellt die Hand empor, nichts scheint genehm. Dabei gehe ich im Kopf sogar die Lebensmittel durch, die normalerweise vorhanden sind, aber gerade fehlen, ich könnte sie ja kaufen gehen. Aber auch das löst kein Echo aus. Jedenfalls kein positives. Aversion vielmehr, Überdruss, hier und da sogar Ekel. Es ist, als habe der Körper alles Alte, alles Bekannte, einfach bis oben hin satt. Als würde er lieber verhungern, als auch nur in Betracht zu ziehen, es noch einmal zu essen.
Ich setzte mich an den Küchentisch. So muss es dem Buddha gegangen sein, als er sein prinzliches Dasein hinter sich ließ. Vom Gemüt her muss es ihm so ergangen sein. Vom Gemüt her kenne ich es natürlich auch. Wenn ich es Lea zu erklären versuchte, nannte ich es immer “das schwarze Loch der Seele”. Lea sah es anders: “Du bist teilweise autistisch. Und nekrophil!” Sie druckte sogar ein Zitat Erich Fromms aus und klebte es in unserer gemeinsamen Wohnung auf den Kühlschrank. Von Menschen mit nekrophil-destruktiver Orientierung war da die Rede, von einer Kraft, die darauf aus ist, alles Lebendige in tote Materie zu verwandeln. Unter dem Zitat stand handgeschrieben: “Das Leben ist schön, Max. Ich liebe dich. Deine Lea”
Eine neue Frau kommt für mich nicht in Frage. Sexueller Appetit taucht hier und da auf, das schon. Auch Sehnsucht nach Vertrautheit, nach enger Vertrautheit. Nach einem flüchtigen Kuss auf die Stirn am Morgen, nach einem wortlosen zärtlichen Blick zum Abschied. Aber was Frauen im Gegenzug wollen, das kann ich nicht geben. Nicht dauerhaft. Dauerhaft schlafe ich viel lieber allein. Dauerhaft trinke ich auch meinen Kaffee lieber allein. Ich bin überhaupt lieber allein. Und Frauen eben nicht. Damals zog ich mir den Schuh noch an und ließ mich sogar auf eine tiefenpsychologische Behandlung bei Leas Kollegen ein. Ganze zwei Jahre lang arbeitete ich an meiner ‚Beziehungsfähigkeit‘. Bis mich nicht mehr störte, was mich eigentlich stört. Bis ich selbst glaubte, dass ich gern Hand in Hand durch die Stadt lief, dass ich gern Arm in Arm einschlief. Fast ein Jahrzehnt lang roch ich nach einer Frau, nach dem Lavendelduft blümchenbestickter Bettwäsche, nach Givenchy und Vanillieseife, nach Möse und Östrogen, nach Müsli und Selleriesaft, nach gebratenem Tofu mit frischem Salat. Fast ein Jahrzehnt lang küsste ich im Mondlicht und sagte dazu „Ich liebe dich“, fast ein Jahrzehnt lang verleugnete ich den Buddha in mir.
Ich sitze am Küchentisch. Abermals höre ich meinen Magen knurren und spüre den Hunger dazu. Ich gehe im Geiste die Speisekarten der Imbisse und Restaurants im näheren Umkreis durch. Pizza, Döner, Gyros, Currywurst, Ente süßsauer, Pad Thai, Pho, Sushi, sogar Wagyu – mein Körper lehnt alles ab. Mein Blick schweift noch einmal in der Küche umher, bleibt an dem Zettel haften, der auf dem Kühlschrank klebt, den keine Frau öffnet, ein Zitat von Stefan Zweig: “Es ist vielleicht das einzige Stück Freiheit, das man sein ganzes Leben ununterbrochen besitzt: Die Freiheit, das Leben wegzuwerfen.” Jetzt reagiert der Körper, offenbar schüttelt er Endorphine aus, mir wird ganz warm ums Herz. Der Buddha in mir lacht. Ich greife zum Schlüssel und laufe aus der Wohnung ins Freie.
Es ist ein Geheimnis, das den Biophilen verborgen bleibt, denke ich mir, da ich ziellos durch die Straßen laufe: Das schwarze Loch der Seele ist gar nicht schwarz. Es herrscht keine Dunkelheit dort drin. Bloß Klarheit. Grenzenlose Klarheit. Als Lea mich damals verließ, da fing die große Reise an. Der Anfang war in der Tat dunkel, schmerzhaft, schwer. Das ist er, glaube ich, immer. Allein schon von den Knoten her, die als Schmerzen daherkommen, wenn du erstmals innerlich alles hinwirfst. Kolikartige Schmerzen sind da völlig normal. Bis nichts mehr bleibt als der Atem selbst, das dauert. Bis dahin fällt Loslassen noch schwer, da tut Abschied noch weh. Ich hatte Glück, mich zog es ganz hinein ins Loch, ich fiel ganz in den dunklen Abgrund. Jahrelang fiel ich. Bis in die grenzenlose Klarheit hinein, bis ins Satori. Da bleibst du dann. Wochen, Monate, Jahre. Für immer, denkst du. Aber nichts ist für immer. Irgendwann fällst du zurück ins Bewustsein. Dann denkt es dich wieder, dann zwickt es dich wieder, dann scheint es dir wieder, als liefest du durch Raum und Zeit.
Ich stehe auf dem Bahnhofsvorplatz und beobachte eine alte Dame beim Taubenfüttern. Als ihr die Handtasche runterfällt, weil sie mit beiden Armen die Tauben abwehren muss, die in dem Versuch, das Futter im Flug direkt aus der Tüte zu klauen, hektisch mit den Flügeln schlagen, eile ich ihr zu Hilfe. “Danke”, sagt sie und lacht, “seit 30 Jahren geht das so. Und es werden immer mehr. Viele Brieftaubenzüchter lassen ihre Tauben einfach frei, wenn sie wegziehen oder wenn plötzlich das Geld fehlt oder sie einfach keine Lust mehr auf ihr Hobby haben. Gezüchtete Tauben kommen aber nicht zurecht in Freiheit, die haben nie gelernt, in Freiheit zu leben. Daher warten sie hier auf mich, jeden Tag. Und was macht die Stadt? Verbietet das Taubenfüttern. Was macht die Polizei? Zeigt mich an. Nicht mal der Tierschutzverein hilft. Und die Passanten schütteln nur die Köpfe. Manche beschimpfen mich sogar.”
Biophilie hat auch ihren Preis, die Liebe zum Leben ist auch ein Kreuz, denke ich mir und reiche ihr 20 Euro.
“Oh, danke!”, sagt sie. “Ich bin mit dem Helfer-Syndrom geboren”, lächelt sie fast entschuldigend, “da kann man nichts machen…”
Ein Engel, denke ich mir, da sie sich wieder ganz den Tauben widmet, sorgsam bedacht, die Körner gerecht zu verteilen, während sie liebevoll mit ihnen spricht. Ein Bodhisattva, ein Buddha der Liebe, allein auf weiter Flur in ihrem Kampf gegen die Gleichgültigkeit, in ihrem einsamen Ringen für eine bessere Welt. Genauso einsam und allein wie ich. Genauso fremd unter den Menschen, genauso verloren in der Grenzenlosigkeit. Nur anders gefunden, im Herzen zuhause, im grenzenlosen Mitgefühl.
Ich gehe durch die Bahnhofshalle runter zum Fluss und setze mich auf die Ufertreppe. Mir wird kurz schwarz vor Augen. Ich muss etwas essen. Aber ich versteh schon. Mein Körper redet nicht, er spiegelt nur. Er spiegelt nur, was ich tief im Inneren weiß: Der Tod ist wunderbar. Immer mehr durchdringt die grenzenlose Klarheit dieser Tage das Bewusstsein. Ich merke es sogar im Schlaf. Immer mehr von mir verliert sich nachts, Immer weniger von mir wacht morgens mit im Körper auf. Als Blase aus Raum und Zeit erscheint die Welt, als Wolke am Himmel der Klarheit. Und ich bin der Horizont. Das Wenige davon, das morgens in der Wolke aufwacht, wacht dort nur ungern auf. Es verweigert die alte Welt, das alte Leben, das Denken im Glauben an Grenzen immer entschiedener. Es will Blumen riechen, die es noch gar nicht gibt, es will Früchte schmecken, die noch nirgends wachsen, es will über Landschaften fliegen, für die noch kein Planet erschaffen ist. Es will sein, was ich noch nie gewesen bin. Sterben soll ich. Aber um des Lebens willen. Es muss nicht perfekt sein. Es muss nur fließen, und dafür muss es mit der Quelle verbunden sein. Sonst wird es wie hier, sonst wird die Welt ein Irrenhaus und das Kreuz sehr schwer und der Weg sehr hart, weil die Seele es nicht mag.
Morgen gibt es nicht. Das neue Leben muss schon hier sein, hier irgendwo muss es sein. Der knurrende Magen ist mein Fluss. Der Engel und die Tauben sind mein Fluss. Und die Gruppe Drogenabhängiger, die sich 50 Meter weiter ans Ufer setzt. Einer winkt mir zu, ich winke zurück. Wir kennen uns schon seit der Jungend und trinken noch ab und an ein Bier zusammen. Ich verstehe ja. Sie wollen auch nicht hier sein. Niemand will hier sein. Nicht hier sein wollen ist hier Teil des Flusses. Die Traurigkeit, die Müdigkeit, der Überdruss gehören hier mit zum Fluss. Krank werden ist hier gesund. Wo dich selbst die Sonne nicht mehr wärmt, wo nur noch die Sehnsucht dich nährt, da verhungert die Seele. Dieses Verhungern gehört hier mit zum Fluss. Als dieses Verhungern soll ich hier fließen.
Wie es dazu kam, das weiß ich nicht. Auch nicht, wie es wieder anders werden kann. Ich weiß nur, das neue Leben muss hier irgendwo sein. Und somit auch der Weg dorthin. Der Weg müssen wir sein. Anders kann es nicht sein, wir müssen der Weg sein. Wir müssen fließen. Der Hunger ist der Fluss. Der Hunger ist der Fluss.
Nichts und wieder nichts
« Les défaites d’un homme ne jugent pas
les circonstances, mais lui-même. »
I
Ich wollte Wein pflanzen auf Beton.
Der Wein war grün. Der Beton war weiß.
Die Trauben waren Asche. Gekeltert der Staub.
Denn niemand war trunken.
Denn die Trauben, die Asche waren, waren keine Trauben.
Denn der Staub war nicht heurig.
Denn ich wollte den Wein nie pflanzen.
Die Rebe: ich pflanzte sie nie.
Die Rebe: sie war Luft.
Der Weinstock: war Luft.
Denn ich war: der Beton.
Und ich war: hart gegen die Rebe.
Ich war: gegen den Wein.
Ich war: die Asche und auch der Staub.
Nie war ich: die Rebe.
Nie war ich: Erde dem Wein.
Den Traubenkern wärmte ich nie.
Die Erde: ich netzte sie nie.
Und nie weinte ich ihr Tränen.
Ich war Stein und Beton,
Härte: harte Erde,
Stein: steinern war ich,
Und härter.
II
Der Berg war kahl.
Ich wollte Erde schaffen auf den Berg mit eigenen Händen,
einen Garten zu stiften in den Höhen.
Doch die Erde, die ich trug, sie rann mir: durch die Finger.
Die Erde, den Berg ein Beet zu machen: sie zerrann.
Sie war Staub in den Lüften: Lufterde,
Denn ich hatte gar keine Erde für den Garten, den Fels urbar
zu machen.
Ich war kahl: ich trug keine Frucht.
Keine Hände griffen keine Erde.
Ich war das karste Herz des Felsens.
Ich war: der Fels, der steinerne Berg,
Denn leere Hände stifteten den Nichtgarten im Stein,
Denn: keine Wurzel faßte den Boden,
Denn bleicher Karst blieb der Fels im Graustein des Herzens
Luftgaben: des Luftgartens leere Gaben
Im Karstherz: karsthöhlerne Leere.
Die Spinne
„Was ist die primäre Täuschung?“, werde ich oft gefragt. „Was ist die eigentliche Grundlage dieser Angelegenheit namens Samsara, was ist die fundamentale Täuschung – die Täuschung hinter all den anderen Täuschungen, wenn man so will?“ Ich werde es dir nicht verraten. Ich werde dich nicht unterhalten. „Lasst sie es selbst herausfinden“, sage ich. „Nervt mich nicht damit…“
Die Spinne war winzig – mit bloßem Auge kaum wahrnehmbar – aber gleichzeitig extrem böse. Sie saß inmitten eines riesigen, alles durchdringenden Netzes, eines Netzes der Dunkelheit. Das war eine meiner Visionen. Das Netz war natürlich das Menschenreich. Es war das menschliche Konglomerat, zu dem wir alle gehören, dem wir alle gehören. Wir alle bilden es. In meiner Vision war jeder von uns eine Erweiterung dieser kleinen Spinne, ein Fortsatz davon. Wir sind alle Fortsätze. Wir arbeiten, so gut wir können, dienen dem Bösen in all seinen Formen, folgen seinen Anweisungen und handeln nach seinen Befehlen.
So ist das mit uns – wir haben uns selbst verraten (zusammen mit allem, was gut, anständig und ehrlich ist), aber wir glauben weiterhin, etwas wirklich Großes, etwas wahrhaft Monumentales erreicht zu haben. Wir sind tatsächlich davon überzeugt, Helden zu sein, was eine Perversität grenzenlosen Ausmaßes ist. Unsere Perversität ist grotesk, und lasst euch von niemandem das Gegenteil einreden.
Ja, ich werde dir nie sagen, was die grundlegende Täuschung ist. Ich werde dir nie die Genugtuung geben! Du musst endlich deinen faulen Hintern hochkriegen und es selbst herausfinden. Ihr müsst endlich mal ihre Hüte und Mäntel anziehen und zur Abwechslung mal raus in die reale Welt, wo nie etwas so läuft, wie man es sich wünscht, wo nie etwas so passiert, wie man es sich vorstellt.
So ein Mist, oder? Man könnte sich kein nervigeres und frustrierenderes Universum ausdenken, selbst wenn man es versuchte. Wir sehen hier ein Universum, in dem nichts jemals klappt für einen. Nichts klappt für einen, egal wie weit man geht, und man wird einiges versuchen, das kann ich euch sagen. Das kann ich euch versprechen. Man wird bis zum Äußersten gehen, bis zur Verzweiflung, und alles wird vergebens sein. Am Ende verkauft man seine Seele dem Teufel, und das wird einem auch nichts nützen. Aber das muss ich wohl euch überlassen, damit ihr es selbst herausfindet …
Ja, die Vision ist noch immer da. Sie ist bis heute da. Wenn ich die Augen zusammenkneife, sehe ich immer noch diese schreckliche kleine Spinne, mit ihren winzigen roten Augen, die im Schatten leuchten, geduldig und bösartig im Zentrum ihres Netzes des Bösen lauern. Ich sehe sie immer noch, dort im Herzen aller Dinge, wie sie jeden Aspekt unserer Existenz beherrscht.
Ich kann es nicht anders sehen und gleichzeitig weiß ich, dass diese hasserfüllte kleine Spinne ich bin, die ganze Zeit ich war. Das ist die Natur des Spiels, das wir spielen, versteht ihr? Das ist das Geheimnis, das sie vor sich selbst verbergen wollen. Nur gibt es natürlich kein „Sie“. Das ist Teil der Verschwörung, Teil der Geschichte, die sie euch glauben machen wollen. Es gab nie ein „Ich“.
Danke
Für alles ist gesorgt. Ich weiß, du denkst, das ist nicht so, dass es ein „Du“ gibt, das sich um alles kümmern muss, von so grundlegenden Dingen wie der Sicherung von Lebensmitteln und der Zahlung der Miete oder Hypothek bis hin zum Aufbau positiver Beziehungen zu anderen. Darum, hier nett und dort vielleicht streng zu sein, dich jedenfalls grundsätzlich so zu verhalten, wie du es für respektabel oder akzeptabel hältst.
Aber einfach nur NEIN! Es gibt wirklich nichts, was „du“ tun kannst, außer das, was „du denkst“, dass du tust. Selbst wenn du „erkennst“, dass es kein Du gibt, hast du nichts unter Kontrolle. Nichts liegt in deiner Hand. Denn es gibt dich gar nicht.
Was auch immer du zu sehen glaubst, ist das, was du sehen sollst. Vielleicht sitzt du jetzt, da du weißt, dass es kein Du gibt, einfach nur da. Nun ja, das könnte passieren, dann ist es in Ordnung, du sitzt einfach eine Weile da. Aber wahrscheinlich wirst du dich nach einer Weile langweilen und aufstehen wollen, nicht unbedingt, aber höchstwahrscheinlich. Jetzt hast du also eine „Idee“. Hör zu, das ist nicht „deine Idee“. Du wählst deine Gedanken nicht.
Je nachdem, wo du dich in deiner Entwicklung befindest, greift die Konditionierung ein und sagt: „Das kann ich unmöglich tun“ oder „Ich würde es gerne tun, aber es ist unmöglich, so etwas steht mir nicht zu.“ Wenn es eine Idee aus dem Bewusstsein ist, kannst du darauf vertrauen, dass sie mit deinem Wohlbefinden in Einklang steht. Dann werden sich die Dinge tatsächlich fügen. Es geht nicht darum, ob sie sich auf diese oder jene Weise fügen. Es geht darum, dass du dich mit dem Bewusstseinsstrom bewegst, um dorthin zu gelangen, wohin er dich führen will.
Du weißt nicht, wohin du gehst, weil du es nicht wissen kannst. Du gehst sowieso nirgendwo hin. Wenn du nicht weißt, wohin du gehst, wenn du es gar nicht wissen willst, kannst du dich entspannen. Du musst es einfach nicht wissen. So entsteht die Magie. Allein die Akzeptanz des Nichtwissens öffnet die Tür, die du wirklich öffnen willst. Es ist die Tür zu unbegrenzten Möglichkeiten, nicht zu Dingen, die „du“ tun, planen oder erreichen kannst. Vergiss „dich“! Es gibt kein Ich, und selbst wenn es eins gäbe, würdest du es eigenhändig verbrennen, wenn du sehen könntest, woraus es gemacht ist.
Was passiert also in meinem Traum? Ich arbeite wieder im Casino. Vorgestern Abend lag ich einfach im Bett und machte Atemübungen. Aus irgendeinem Grund machte ich einfach ewig weiter. Alle Gedanken hörten endlich auf, und der Fokus auf das Gefühl, das die Atmung erzeugte, war alles, was blieb. Dann bin ich für ein paar Stunden eingeschlafen, und das war das Ende meines Schlafs für diese Nacht. Ich bin um drei Uhr morgens aufgewacht und habe den Rest der Nacht meinen Traum des Hierseins genossen.
Um sechs Uhr morgens bin ich mit meinem ältesten Sohn ins Fitnessstudio gegangen und habe vier Stunden lang Basketbälle für ihn unter dem Korb gefangen und war kein bisschen müde. Dann sind wir nach Hause. Ich habe Smoothies und Mittagessen für alle zubereitet. Danach habe ich ein 45-minütiges Nickerchen gemacht, es sollte länger dauern, aber meine Tochter hat angerufen und gesagt, sie sei bereit nach Hause zu kommen, also habe ich angefangen, nach Flugtickets zu suchen. Danach bin ich joggen und mit dem Hund spazieren gegangen. Der Tag war warm, die Sonne schien, ich war dankbar für meinen Körper, für die Art, in der er sich bewegen kann.
Die ganze Welt fühlte sich einfach so gut an. Ich vergesse die unbezahlten Rechnungen, all die Schulden nach der Arbeitslosigkeit. Hör zu, es gibt sowieso keine Rechnungen, nur eine weitere dumme Erscheinung im kollektiven Traum. Dann ging ich zur Arbeit, ohne mich um irgendetwas zu sorgen. Ich fahre zur Arbeit und sehe ab und zu den Himmel und beobachte die Flüge der Vögel über mir. Ich weine, ich bin so glücklich, ich liebe diese Liebe, die alles ist, was es wirklich gibt. Ich habe meine ganze Schicht gearbeitet, das Trinkgeld war normal, nichts Übertriebenes, genau das, was ich zum Leben brauche, alles gut.
Gegen Ende der Nacht macht sich die Erschöpfung breit, ich schaffe es nach Hause und schlafe sofort ein, da mein Kopf ins Kissen sinkt. Ich wache nach fünf Stunden Schlaf auf, bereit für einen neuen Tag, erneuert und erfrischt. Kein Haar scheint fehl am Platz zu sein, nur Entspannung, so weit das Auge reicht. Ein weiterer typischer Tag im Leben dieser gewöhnlichen Traumfigur, ein Leben, das sich oberflächlich betrachtet kaum von anderen unterscheidet.
Nur im Inneren mag es sich unterscheiden. Da bin ich jeden Moment so unendlcih dankbar für die einfachsten Dinge. Wie wieder joggen und spazieren gehen zu können. Oder, hier in diesem Schlafzimmer zu sitzen und zu schreiben.
Smaragde schwimmen oben
Der Fluss.
Vielleicht das einzige Lebewesen, dass sich nie bewegte und doch immer im Wandel war. Es ist jedoch wichtig zu erwähnen, dass dieser Tage die meisten Flüsse Lügner waren. Mit ihrem perfekten Lauf in mathematisch genauen Kurven und den makellosen Ufern versuchten sie den Beton zu kaschieren, der ihren Grund bildete.
Dieser Fluss aber hatte es irgendwie geschafft, von dieser ganz besonders humanen Version der industriellen Weltanpassung verschont zu bleiben. Wild und herrlich asymmetrisch wand er sich durch eine ebenso naturbelassene Landschaft aus saftigen Gräsern, die im Frühling in den schönsten Farben blühen und ihren süßen doch zugleich würzigen verbreiten würden, und vereinzelten, knorrigen Bäumen, die aussahen wie alte Männer, die sich durstig über den Fluss beugten, nur um dann für immer zu erstarren. Mit brauner, runzliger Haut, von der im Spätsommer nicht selten mit Moss bewachsene Stücke abfielen, um dann kleinen Floßen gleich dem Meer entgegen zu treiben, das sie aller Wahrscheinlichkeit nach nie erreichen würden, knieten sie da und warfen ihre verzerrten Schatten aufs Wasser.
Es war ganz ohne Zweifel ein schöner Fluss und seine Bewohner waren äußerst stolz darauf, ihn ihr Heim nennen zu können. Und so war es mehr als ungewöhnlich, dass an einem kühlen aber klaren Morgen im Februar eine große Stille auf dem Wasser herrschte. Die Fische schwammen verwirrt hin und her, nicht gewohnt, das Wasser für sich allein zu haben. In Ermangelung eines besseren Zeitvertreibs und ganz bestimmt in Ermangelung eines ausgeprägteren Überlebenstriebes begaben sie sich also auf die Suche, bis sie nahe der Wasseroberfläche in einem kleinen Seitenarm des Flusses schließlich das vertraute Rudern von großen, mit schuppigen Schwimmhäuten bewährten Füßen erblickten. Eine große Entengemeinschaft hatte sich hier versammelt. Es handelte sich um eine Krisensitzung, auch wenn keiner so ganz wusste, was denn nun die Krise war. Die besorgten Blicke von knapp zwei Dutzend braunen Augenpaaren ruhten auf einer stämmigen Ente mit leicht zerzaustem Gefieder, die im Zentrum der Versammelten auf der Stelle schwamm und geräuschvoll schluchzte, wobei ihr Schnabel wie eine Muschelschale klapperte, die vom Fluss über den Grund gefegt wurde.
„Ich…ich weiß einfach nicht mehr, was ich machen soll. Ich meine, das ist doch nicht normal“, klagte Frau Waltraud Fleckenflaum.
Ein zustimmendes Schnarren ging durch die Menge.
„Sie ist doch meine Tochter“, fuhr die aufgewühlte Ente fort: „Seit ich sie habe schlüpfen sehen, war mir klar, dass sie einmal eine Schönheit wird. Das hab ich ihr auch immer gesagt. Erdfeder, hab ich gesagt, dir werden die Erpel einmal scharenweise nachschwimmen, du wirst schon sehen. Uns sie war ja immer so bescheiden, meine Tochter, hat sich immer ganz klein gemacht, wenn einer sie lobte, aber dann gestern war sie plötzlich kaum wiederzuerkennen. Sie putzte sich gerade das Gefieder und da überkam‘s mich, weil doch Frühjahr ist und alles und ich hab ihr, halb im Scherze wie das bei Müttern und Töchtern so üblich ist, gesagt, dass bestimmt schon viele junge Erpel sehnsüchtig an sie denken.“
Sie erntete vereinzelte Lacher, halb zustimmend halb beschämt, vorwiegend von männlicher Seite.
„Aber kaum hab ich die Worte über den Schnabel gebracht, da schlägt sie wie vom Fuchs gebissen mit den Flügeln und geht mich mit einer Wildheit an, die ich so noch nie von ihr gesehen hab. Sie hat mich gebissen, da!“, rief sie und präsentierte der Menge eine kleine, kahle Stelle auf ihrem Hinterkopf.
„Danach ist sie aufgeflogen und ich habe sie seitdem nicht mehr gesehen.“
„Typisch Frau“, kommentierte Eduard Blauschwinge, woraufhin ihm das quackende Gelächter seines Bruders Alfred und einiger nahebei rudernder Erpel beipflichtete.
Die weibliche Fraktion konterte prompt mit beleidigtem Zischen. Ehe man sich versah, redeten alle durcheinander und vertieften sich mit einer Vielzahl an unzureichend sachlichen Argumenten in die faszinierende Frage nach der Legitimation weiblicher Gefühlsausbrüche, bis sie von einem einzelnen, kehligen Krächzen zum Schweigen gebracht wurden. Der alte Erpel, der es ausgestoßen hatte, schwamm langsam nach vorne und die Menge machte ihm respektvoll Platz. Seine Federn waren an den Spitzen schon verblasst und glänzten leicht auf dem Wasser. Es sah aus, als hätte er einen persönlichen Vollmond, der ihm Tag für Tag mit seinem unsichtbaren Licht das Gefieder versilberte.
„Ich denke, uns ist allen klar, dass wir uns hier in einer sonderbaren Situation befinden, doch es hat keinen Sinn, sich nun in den Details des Tathergangs zu verlieren. Wir alle schwimmen auf dem selben Fluss. Wir fressen die Gaben, die er uns bringt und nisten an den Ufern, die er belebt. Es ist eine Symbiose. Zwischen uns und dem Fluss, den Fischen, der Erde und auch untereinander. Wir alle haben unsere Aufgaben in dieser Symbiose und keiner verdient es, aufgrund seiner Aufgabe bevor- oder benachteiligt zu werden. Erdfeder ist ein geliebtes Mitglied dieser Gemeinde. Sie gehört zu uns. Und wenn sie sich verirrt hat, ist es unsere Aufgabe, sie wiederzufinden. Stimmt ihr mir da zu?“
„Ja, Don Drago“, schnatterte die Menge.
Don Drago hieß natürlich nicht wirklich Don Drago, obwohl er darauf bestand, aus einem See in Italien zu stammen. Zwar war man sich im Allgemeinen einig, dass das mehr als unglaubwürdig war (nicht zuletzt da er kein Wort italienisch sprach) und er eigentlich im Grünlauf drüben bei Gelbfußens geschlüpft sein musste, aber aus Respekt vor dem alten Erpel, hatte sich die Gemeinde entschieden, über diese Ungereimtheiten hinwegzusehen.
Darauf hin zerstreute sich die Versammlung, um (teils allein, teils in Zweiergruppen) nach der verschollenen Erdfeder zu suchen. Es zogen einige Tage ins Land. Eine junge Ente hatte es sogar fertiggebracht, bis ins Gebiet der Menschen zu fliegen. Sie berichtete danach jedem, der es hören wollte und auch so manch einem, der das nicht tat, von dem sonderbaren, hohlen Spitzberg, den sie gesehen hatte und dessen Eingänge mit Holz und warmem Bunt-Eis versperrt waren.
„Rein konnte ich nicht“, erzählte sie laut: „Aber durch das Bunt-Eis habe ich Menschen gesehen. Geschichten habe ich ja schon viele gehört, aber sie mit eigenen zu sehen war was ganz anderes. Sie sehen aus, als würden sie versuchen, alle anderen Tiere nachzumachen und dabei von vorne bis hinten versagen. Wie riesenhafte, blasse Frösche, die wie die Störche umherstaksen. Ihre Pelze sind bunt und unförmig und wenn ich’s nicht besser wüsste, würde ich sagen, dass die Pelze selbst haarlos sind. Und die Laute erst. Wie eine Kröte, die eine Nachtigall nachahmt! Dann sie dort eine Stunde und starrten einen zweiästigen Baum ohne Blätter an! Es war einfach zu komisch!“
Und dann brach sie in einen schnarrenden Lachanfall aus beim Gedanken an solch hinterwäldlerische Riten. Wenn sie dann aber, gefragt wurde, warum sie sich ein solch sinnloses Spektakel eine Stunde lang angesehen hatte, schwieg sie.
Letztendlich waren es Eduard und Alfred Blauschwinge, die Erdfeder ausfindig machten. Scheinbar ziellos schwamm sie den Fluss entlang. Die beiden Erpel landeten erleichtert neben ihr auf dem Wasser.
„Erdfeder!“, riefen sie: „Was machst du denn so weit draußen? Komm! Wir bringen dich heim.“
Erdfeder drehte langsam den Kopf. Durchdrang die Erpel mit ihren schönen Augen, die in der Farbe frisch gestochenen Torfes funkelten.
„Nein“, antwortete sie schlicht.
Die Gebrüder Blauschwinge glotzten sie verwirrt an.
„Aber warum denn?“, begann Eduard.
„Du kannst hier doch nicht ganz allein bleiben. Was wenn dich ein Fuchs findet?“, fügte Alfred hinzu.
„Jetzt hört mal genau zu“, unterbrach Erdfeder sie mit schreiend leiser Stimme: „Ich habe nicht vor, zurückzukommen und die Füchse interessieren mich nicht.“
Mit diesen Worten schwamm sie den beiden davon.
Eine Zeit lang trieben die jungen Erpel nur fassungslos vor sich hin. Als sie sich wieder halbwegs gesammelt hatten, entschieden sie, dass es wohl das Beste sei, Frau Fleckenflaum und Don Drago über die Geschehnisse in Kenntnis zu setzen.
Sowie die Brüder ihren Bericht vorgetragen hatten, brach die verzweifelte Mutter erneut in Tränen aus. Don Drago nickte streng und nachdem die drei es geschafft hatten, Frau Fleckenflaum angemessen zu beruhigen, sagte er: „Was ihr da erzählt, ist höchst besorgniserregend, Jungs. Das arme Ding scheint völlig verwirrt zu sein. Seit ihr sie gesehen habt, ist noch nicht viel Zeit vergangen und so, wie ihr es beschreibt, ist sie nicht sehr schnell unterwegs. Ich halte es für das Beste, wenn Frau Fleckenflaum und ich zu ihr fliegen und sie zu Vernunft bringen.“
Dieser Vorschlag erschien allen Beteiligten sinnvoll, wobei man sich natürlich erlauben könnte, die Zurechnungsfähigkeit der armen Frau Fleckenflaum in einer solchen Situation in Frage zu stellen, und so machten sich die zwei auf, um die verlorene Tochter heim zu holen.
Nach einigen Stunden hatten sie die Stelle gefunden, die ihnen die Brüder beschrieben hatten und nur wenige Minuten später erblickten sie Erdfeder, die im Gras saß und in die Ferne schaute.
„Guten Tag, junge Dame“, begrüßte Don Drago sie.
Erdfeder warf ihm einen flüchtigen Blick zu, gab aber keine Antwort.
Die Neuankömmlinge gingen an Land und setzten sich in einem wie sie es empfanden angemessenen Abstand vor die einsame Ente.
„Mein Liebes“, begann Frau Fleckenflaum nach einer kurzen Zeit des Schweigens:
„Sollte ich etwas zu dir gesagt haben, dass dich beleidigt hat, dann tut mir das aufrichtig leid.“
Erdfeder schüttelte langsam den Kopf.
„So höre doch auf deine Mutter, Kind“, ergriff der Don das Wort: „Sie will nur das Beste für dich, genau wie wir alle. Was willst du denn hier draußen ganz alleine. Ohne Gefährten, die dir helfen und denen du helfen selbst helfen könntest.“
Erdfeder sagte nichts.
„Nun ist‘s aber gut!“, rief der Alte energisch: „Die Welt ist ein gefährlicher Ort und nicht allen ist es vergönnt, einen sicheren Platz zu finden, an dem sie glücklich und zufrieden sein können. Jeden Tag müssen Tiere hungern und vereinsamt zu Grunde gehen und du sitzt hier und haderst mit dem Geschenk der Gemeinschaft, das dir gegeben wurde!“
Nun richtete Erdfeder bedächtig ihren Blick auf Don Drago. Ihre schönen Augen blitzten feindselig. Dann öffnete sie den Schnabel und spie ihm einen Schwall grünen Matsches entgegen.
Angewidert fuhren die beiden Vögel zurück. Don Drago war der erste, der die Sprache wiederfand.
„Gras“, keuchte er und betrachtete den Matsch vor seinen Füßen: „Zerkautes Gras. So also gehst du mit den Gaben der Natur um. Missbrauchst und verdirbst sie zur eigenen Schadenfreude!“
„Erzähle du mir nichts von der Natur!“, entgegnete Erdfeder nun erstmals: „Dir hat die Natur ein prächtiges Gefieder und ein Leben in Unabhängigkeit gegeben. Mir fesselt es den Dreck auf die Federn und trachtet nach jedem bisschen Freiheit, das ich versuche mir zu erhalten. Brüten, paaren, brüten, paaren, brüten, paaren. Das ist, was die Natur mir gegeben hat, also erzähle du mir nichts von den Gaben der Natur!“
Auf diesen Ausbruch folgte fassungsloses Schweigen. Letztendlich war es wieder Don Drago, der sich zuerst sammelte.
„Du…du weißt nicht, was du da redest, Kind. Die Unvernunft der Jugend spricht aus dir. Doch sei es drum. Auch ich bin einst jung gewesen und kann verstehen, was du durchmachst. Bleib du nur hier, wir werden dich nicht länger belästigen.“
Mit diesen Worten wandte er sich ab und zog die immer noch sprachlose Frau Fleckenflaum sanft mit sich.
Sobald ihre eigenwillige Tochter hinter einer Flussbiegung verschwunden war, fand Frau Fleckenflaum die Sprache wieder.
„Aber das können wir doch nicht machen!“, sprudelte es aus ihr heraus: „Ganz allein hier draußen ist es viel zu gefährlich!“
„Machen Sie sich keine Sorgen, Gnädigste. Es wird keine drei Tage dauern, bis ihr Fräulein Tochter wieder zu Vernunft kommt und zu uns zurückkehrt. Und wenn sie das tut, werden wir das einzig richtige tun. Nämlich ihr vergeben.“
Don Drago sollte Recht behalten. Am Morgen des Dritten Tages kehrte Erdfeder zurück. Nur entsprachen die Umstände keineswegs den von Don Drago beschriebenen und von Vergebung konnte bei diesem Wiedersehen nicht die Rede sein.
Bleich fiel an diesem Morgen das Licht der Sonne, die sich noch nicht ganz entschieden hatte, ob sie nun eine Winter- oder eine Frühlingssonne sein wollte, auf das Ufer des Flusses. Bleich fiel sie auf die Enten, die an ebenjenem Ufer schliefen.
Bleich fiel sie auf Don Drago, der verschlafen zum Fluss lief, um dort seine Morgentoilette zu verrichten, als ein dunkler Fleck seinen Blick einfing. Der dunkle Fleck kam näher und näher und als endlich klar zu erkennen war, was da auf dem Fluss herankam, klappte ihm der Schnabel herunter. Es dauerte nicht lange, bis auch andere Enten herbeiliefen und in nicht minder großem Erstaunen erstarrten.
Gebannt, ja beinahe entsetzt beobachteten sie zusammen die Ankunft des Vogels, den sie bisher als Erdfeder gekannt hatte. Doch wer da kam, hatte nichts mit der schüchternen Ente gemeinsam, die vor kurzem noch unter ihnen gelebt hatte. Dieser Vogel wirkte größer, bestimmter, gefährlicher. Die drastischste Veränderung stelle aber der Kopf. Das zierliche Braun, für das Erdfeder weithin bekannt gewesen war, war einem unergründlichen Grün gewichen. Ebenjenem Grün, das Erdfeder vor drei Tagen vor die Füße ihrer Mutter und die Don Dragos gespien hatte.
Mit einem Helm aus hochgewürgtem Gras also, kam dieser Vogel heran und als seine Füße das Ufer berührten, war es, als hätte die Sonne von einem Moment zum anderen ihre Entscheidung gefällt. Nämlich eine Frühlingssonne zu sein. Sowie sich der fremdartige Vogel aus dem Wasser erhob, entflammte der Himmel hinter ihm und tauchte die Versammelten in das Feuer, das im Herzen des Ankömmlings brannte.
„Erdfeder…“, Don Dragos Stimme klang schwach und heiser: „Was in des Flusses Namen…?“
Der Vogel lachte hell auf.
„Ach, Don Drago. Was ist denn los. Widere ich Sie an?“
„Meine Tochter!“, gellte plötzlich ein Schrei aus der Menge heraus und Frau Federflaum drängte sich aufgeregt flatternd nach vorne: „O meine Tochter, was hast du nur getan?“
„Halt den Schnabel!“, kam die keifende Erwiderung: „Ich bin weder deine noch sonstjemandes Tochter. Das ist vorbei. Ich bin Smaragd, das ist meine Herausforderung.“
„Deine Herausforderung!“, lachte Don Drago kalt: „Deine Herausforderung ist nicht weiter als ein blasses Hirngespinst deines verwirrten Verstandes, das ich nicht länger bereit bin zu tolerieren. Eine Ente bist du. Eine Ente, die sich einen Haufen Erbrochenes ins Gesicht geschmiert hat und es dann einen Edelstein heißt. Wir alle haben unseren Zweck im Leben. Mag mancher auch angenehmer als der andere erscheinen, es ist immer der eine für uns zugedachte. Erfüllen wir den nicht, was sind wir dann wert. Welche Daseinsberechtigung kannst du deinem Gewissen nennen, Smaragd? Wer zu lange gegen den Fluss schwimmt, der wird mit gerissen. Sieh dies also als meine letzte Warnung. Lass dich treiben. Finde Frieden.“
Nach diesen Worten herrschte Stille. Für die Umstehenden war es, als würde das vom Don Gesagte sich in ihren Ohren und dann in ihren Herzen einem Daunenkleid gleich ausbreiten.
„Nein.“
Smaragds ruhige und dennoch wilde Stimme durchschnitt das Daunenkleid gnadenlos, zerfetzte spöttisch den wärmenden Schutz und fegte dann als eisiger Wind durch die Entenherzen.
„Du schlägst mir den Frieden vor, Don Drago und glaube mir, wenn ich dir sage, dass ich dich dafür respektiere. Aber nein. Das ist mir nicht genug.“
„Erdfeder, du obszönes Küken!“, raste der alte Erpel: „Frieden ist es, wonach alle Tiere streben!“
„Die Freiheit ziehe ich dem Frieden vor!“, brüllte Smaragd: „Meine Herausforderung habe ich gestellt. Abgelehnt hast du sie und besser hättest du noch daran getan, an ihr zugrunde zu gehen, du altes Aas! Ich habe nicht vor, einen Tag länger unter deinesgleichen zu leben. Ich bin Smaragd, der Kotzekristall, und die Zwecklosigkeit ist mein Anspruch!“
Mit diesem Ausruf breitete Smaragd die Flügel aus und flog davon.
II.
Einige Tage mehr waren vergangen, als Smaragd einen dicht bewachsenen Arm des Flusses hinabschwamm. Lange, grüne Grashalme bogen sich zu ihm herab, ganz als versuchten sie, dem prachtvollen Grün seines Kopfes nachzueifern. Und wie er so schwamm, vernahm er plötzlich eine tiefe, säuselnde Stimme.
„Nanu, was haben wir denn da? Eine Ente mit verdrecktem Köpfchen? Wie ist denn das passiert?“
Furchtlos trat Smaragd an Land und antwortete: „Ich selbst habe es getan und Dreck ist es keineswegs, mein fremder Freund. Was du vor dir siehst, ist der ungeborene Teil meines Gesichts.“
„Bitte vielmals um Verzeihung“, sprach der Fuchs höflich und erhob sich langsam aus dem Gras: „Ich konnte ja nicht wissen. Meinen tiefsten Respekt vor Ihrer Lebensart.“
„Spar dir die Worte“, erwiderte Smaragd: „Wir beide wissen, dass sich die Zähne des Fuchses nicht weniger tief ins Fleisch graben, nur weil er Honig im Maul hat.“
„In der Tat“, lächelte der Fuchs und offenbarte seine gelblichen Reißzähne.
Reglos standen sich die beiden gegenüber. Jedem bewusst, was der andere vorhatte. So schnell es ging flog Smaragd auf. Sein Kopf funkelte grün in der tief stehenden Sonne, unter seinen Schwingen bäumten sich Winde. Doch Smaragds Körper war der einer Ente und der des Fuchses war es nicht. Einem roten Blitz gleich fuhr das Raubtier hoch. Scharfe Zähne bohrten sich in Smaragds rechten Flügel und zerrten ihn gnadenlos hinab. Schreiend schlug Smaragd im Dreck auf. Der Fuchs schleuderte seinen Kopf nach links und sein machtloses Opfer wurde mitgerissen, während sein Flügel lautlos brach. Endlich ließen die unerbittlichen Kiefer los, doch bevor Smaragd sich aufraffen konnte, wurde ihm eine schwere Pfote auf die Brust gelegt. Große Krallen schnitten durch das braune Federkleid. Über sich konnte Smaragd die starren Augen des Fuchses erkennen, als plötzlich ein schnelles etwas von lautem Gekrächze herankam und das Gesicht des Fuchses anfiel. Dieser zuckte erschrocken zurück und knurrte das etwas an, als ein weiterer Angreifer sich von hinten über ihn hermachte. Der Fuchs jaulte kurz auf und machte vollführte eine halsbrecherische Rolle, wodurch beide Angreifer gezwungen waren, von ihm abzulassen. Er knurrte noch einmal ärgerlich, dann zog er sich ins hohe Gras zurück.
Erschöpft und schmerzerfüllt wandte sich Smaragd seinen Rettern zu und stieß ein überraschtes Quaken aus. Vor ihm standen die Gebrüder Eduard und Alfred Blauschwinge.
„Ihr…ihr habt mich gerettet.“
„Natürlich“, antworteten sie im Chor.
Eduard näherte sich nun und betrachtete den zerschmetterten Flügel: „Tut es sehr weh, Erd… Smaragd?“
„Es geht schon“, antwortete dieser tapfer: „Vielen Dank.“
„Keine Ursache. Hast du hier in der Nähe einen Ort, an dem du dich ausruhen kannst?“, fragte Alfred und kam ebenfalls näher heran.
„Nein, ich bin…einfach umhergeschwommen.“
„Macht‘ nichts“, sagten dir beiden: „Wir werden schon ein schönes Plätzchen für dich finden.“
Sie nahmen Smaragd in die Mitte und zusammen schwammen sie langsam (um den Verletzen zu schonen) den Fluss entlang.
Nach einer Weile sagte Alfred: „Da! Das ist ein guter Platz, da kann man sich ausruhen.“
Eduard aber lachte spöttisch und rief: „Dort soll er sich erholen? Hast du denn wirklich so wenig Mitgefühl mit einem verwundeten Krieger. Den Tod wird er sich an solch einem trostlosen Ort holen. Mir für meinen Teil ist Smaragd mehr wert. Komm, mein Freund. Wir suchen dir einen besseren Platz.“
Smaragd war zu erschöpft, um zu widersprechen und so ließ er sich von Eduard weiter den Fluss hinabführen. Alfred starrte den beiden einen kurzen Moment wütend nach, dann schloss er rasch auf und nahm seinen beschützenden Posten neben Smaragd wieder ein.
Nach einer Weile war es Eduard, der sagte: „Dort ist es schön! Das ist ein Platz, der deiner würdig ist, Smaragd.“
„Bitte“, lachte nun Alfred: „Da war mein Platz doch tausend Mal besser. Ein schöner Beschützer bist du mir. Aber sei es drum. Zurück können wir nicht. Smaragd ist zu schwach, um flussaufwärts zu schwimmen. Lieber weiter den Fluss hinab, dann zeige ich dir, was ein würdiger Platz ist, Bruderherz.“
„Nein“, meldete sich Smaragd zu Wort, der sich nicht im Stande sah, auch nur eine halbe Meile weiter zu schwimmen: „Hier ist es gut, hier bleibe ich.“
„Ganz wie du willst, Smaragd“, sagte Eduard un warf seinem Bruder einen triumphierenden Blick zu: „Am besten bleibe ich bei dir, damit dir nichts passiert.“
„Zwei sind besser als einer“, meinte Alfred: „Ich bleibe auch.“
„O nein, das tust du nicht“, erwiderte sein Bruder kalt: „Du ziehst los und erzählst Frau Fleckenflaum und Don Drago was geschehen ist. Sie haben ein Recht, es zu erfahren. Ich bleibe solange hier und beschütze Smaragd.“
„Beschützen? Dafür bist du doch gar nicht Manns genug!“
„Und wer will mir das erzählen? Du etwa?!“
„Weißt du was?“, sagte Alfred zornig: „Ich traue dir nicht! Du spielst hier doch nur den großen Ehrenmann. Kam bin ich weg, versuchst du etwas unanständiges, gib‘s doch zu! Schwimm lieber du zurück und ich passe auf.“
„Verräter wittert überall Verrat, ist es nicht so?“, entgegnete Eduard.
„Nun gut“, Alfred versuchte, sich zu beruhigen: „Lassen wir Smaragd doch einfach selbst entscheiden, wer von uns hierbleiben soll.“
Smaragd jedoch war inzwischen der Ohnmacht nahe und hatte von dem Gespräch der beiden kaum etwas wahrgenommen.
„Jetzt willst du ihn auch noch mit solch einer Entscheidung belasten!“, rief Eduard:
„Komm, Smaragd, wir bleiben hier.“
Mit diesen Worten packte er Smaragd sanft mit dem Schnabel und führte ihn in Richtung Ufer.
„Das lasse ich nicht zu, Schurke!“, rief Alfred und zog nun seinerseits Smaragd von seinem Bruder weg.
Empört hielt dieser dagegen. Alfred packte Smaragd mit dem Schnabel am Hals und zog kräftig. Eduard zischte ihn wutentbrannt an und schnappte sich Smaragds Bürzel, um diesen durch brutale Kraft seinem Bruder zu entziehen. Smaragd stieß ein kraftloses doch schmerzerfülltes Krächzen aus.
„Siehst du, was du tust? Du tust ihr weh!“, schrie Alfred.
„Ich werde nicht zulassen, dass sie dir in die Fänge kommt!“, brüllte Eduard und entwendete Smaragd mit einem gewaltigen Ruck Eduards Griff und drückte seinen Schutzbefohlenen schützend unter sich, während er die wütenden Angriffe seines Bruders abwehrte.
Smaragds Kopf wurde Unterwasser gedrückt. Der Fluss strömte ruhig und gleichmäßig in seine Lungen. Er versuchte zu schreien, doch das Wasser erstickte ihn und die streitenden Erpel hörten ihn nicht. Eduards Griff war fest. Genauso unbeweglich, wie die betonen Flussgründe deren Abwesenheit man sich hierzulande so sehr rühmte.
Smaragd zappelte und warf sich hin und her. Der Fluss spülte ihm durch die Federn und wusch die grüne Farbe heraus. Es war alles vergebens.
Es dauerte fast eine halbe Stunde, bis die Gebrüder Blauschwinge bemerkten, dass sie sich um eine Leiche zankten. Nachdem der allgemeine Schock überwunden war, folgte die brüderliche Versöhnung mit rührender Geschwindigkeit. Alfred musste seinem Bruder zustimmen, dass es sich hier durchaus um einen würdigen Ort handelte, um Smaragd hier sich selbst zu überantworten. Während die grüne Farbe auf der Wasseroberfläche davontrieb, zogen sie Smaragd an Land um diesen Ort nach einem respektvollen Moment des Schweigens für immer zu verlassen. Sie erzählten niemandem, was vorgefallen war. Frau Fleckenflaum lebte weiter, Don Drago lebte weiter. Und als sie es schließlich nicht mehr taten, gab es schon andere, die ihren Platz im Gefüge der Natur einnehmen konnten. Keiner fand je den verrotteten Entenkadaver.
Außer den Fliegen. Und den Würmern.
Die grüne Farbe trieb den Fluss hinab. Was aus ihr wurde? Tja, keine Ahnung, ich weiß eben auch nicht alles. Vielleicht hat sie ein Kind gefunden, das am Fluss spielte und damit einen Erpel gemalt.
Wäre das nicht was?
Aphorismen und Traktate
Von der Kritik am Menschen
Vom Normalmenschen
* Der Normalmensch ist, wie es ihm sein angeborenes Wesen vorgibt. Ich bin, wie ich will. *
Vom Neurologen
* Es ist seltsam: Gehe ich mit Unterleibschmerzen zum Urologen, und diagnostiziert er beispielsweise eine Blasenentzündung, so sagt er, meine Blase sei krank; dies werde er kurieren. Gehe ich mit Ohrenschmerzen zum Ohrenarzt, so sagt er, mein Innenohr sei krank; dies werde er kurieren. Gehe ich mit Magenschmerzen zum Internisten, so sagt er, mein Bauch sei krank; dies werde er kurieren. Gehe ich aber zum Neurologen, so sagt er, ich sei krank. Warum ist das so? *
Des Dichters Seele
* Des Dichters Seele ist und bleibt ein Ort von wenig Heiterkeit. *
Vom Sportlichen
* Überall sehe ich Bräunungs – und Fitnessstudios und makellose Körper auf der Werbung dafür. So lange es überall auf der Welt durch den Menschen, sei er sportlich oder nicht, Kriege und Gewalt gibt, bedarf es keiner tüchtigen Körper, sondern tüchtiger Geister. Diese gibt es im Regelfall nirgendwo. *
Vom Tier Mensch
* Der Mensch ist im Normalfall leider nicht zum Wachsen oder Werden da, sondern nur zum Sein. Davon aber versteht er viel, wenn auch nur mit tausend Lebenslügen. Trotzdem: Gleichsam einem Tier frißt, scheißt und schläft er. Am Ende seiner Tage muß er Abschied nehmen und tut sich mit dem Nirvana schwer. Im Laufe seines Lebens begegnen ihm viele unerträgliche, narzißtische Kränkungen. Alle körperlichen Krankheiten zusammen richten in ihm keinen annähernd so großen Schaden an, wie die Herabwürdigungen, die ihn dauerhaft bis zur Persönlichkeitsstörung prägen. Nichtsdestotrotz läßt keiner den anderen in Frieden. Wozu ist das Leben da? *
Wo kommen wir her?
* Es gibt für die Entstehung des Menschen zwei bedeutsame Theorien: Die eine ist die Evolution, die andere ist die Schöpfungsgeschichte. Bei der einen fehlen wichtige Bindeglieder, die bis heute nicht gefunden worden sind. Bei der anderen stellt sich die Frage, warum ein allmächtiger Gott wissentlich zwei zunächst vollkommene Menschen schuf, die danach aber zu mutierten Sündern werden und dieses weitervererben würden, denn der Mensch handelt bei seiner Aggression oftmals nicht aus einem angeborenen oder erworbenen Zwang, den man vielleicht noch entschuldigen könnte, sondern aus einer zutiefst empfundenen Leidenschaft, die naturgemäß begrüßt und bejaht wird. Dieses wiederum impliziert die volle Schuldfähigkeit. Wer also wird der Richter sein, die Evolution, also niemand, oder Gott? Wie wird er urteilen, und was sind seine Motive, falls er welche hat? *
Sie sind wie alle
* Den größten Bewertungszwang von allen haben Psychotherapeuten und Psychologen. Sie brüsten sich des Übermenschen und der Erkenntnis vom Leben schlechthin. Jede Abweichung davon nehmen sie mit Schadenfreude zur Kenntnis, bestätigt sie doch scheinbar die eigene Unfehlbarkeit. Und doch sind sie vom Normalmenschen kaum oder gar nicht zu unterscheiden, denn auch sie unterliegen
1. dem Bewertungszwang
2. dem Moralismus gegen andere
3. der Ablehnung
4. der Egozentrik
5. der Eitelkeit
6. der Zufriedenheit nach Vollfraß
7. der zentralnervösen Paralysesymptomatik nach überdosierter Applikation von Ethanol (Lallen und Torkeln nach Saufen)
8.dem mangelnden Gespür für den nächsten, obwohl es der Beruf eigentlich anders lehrt. *
Von der Ausdauer
* Der kluge Schüler sitzt seine Schulzeit ab, der gescheite Knacki seine Strafe, der begabte Lehrling seine Ausbildung. Die Besten unter uns wissen es genauer: Sie sitzen das ganze Leben ab. Welch Ausdauerleistung und Prüfung der Geduld!*
Vom Zweifel
* Es waren stets der neurasthenische Zweifel und das eher subjektiv – abstrakte Denken, die mich lächerlich erschienen ließen. Und doch besitzen sie eine große Legitimität, denn die größte vernachlässigte Fehlerquelle im Denken ist und bleibt die maßlose Sicherheit darin. Zwar scheint sie makellos, nicht widerlegbar und offenkundig richtig. Aber doch zeigt die Geschichte: Was gestern galt, gilt heute nichts mehr, was gestern richtig war, ist heute falsch. Sogar: Was gestern bewiesen wurde, ist heute nichts mehr wert. Falls der konkrete Denker ausnahmsweise der subjektiven Denkweise zugänglich gemacht und somit ad absurdum geführt werden konnte, welch Zweifel sind in seinem Gesicht! *
Das Ende
* Es war in der Zeit, als die Apokalypse dem Menschen den Garaus gemacht hatte. Auf den Feldern verwesten die menschlichen Kadaver, um dem Boden Dünger zuzuführen. Es war ein Vertreter Gottes, der auch an meiner Tür klingelte, um mir den Prozeß zu machen. Ich lag wie so oft im Bette, da es mein irdisches Schicksal war, an Depressionen und übelsten Magenschmerzen zu leiden, und das über die meisten Jahre meines Lebens. Ich sagte: „Was fällt Ihnen ein, mich daniederliegend im Bette und leidend zu stören? Wenn Sie über mich richten wollen, warum sind Sie nicht viel früher gekommen, um endlich Schluß zu machen?„
Ich bekam für meine durchaus objektiven Frechheiten die schlimmste aller erdenklichen Strafen: Ich wurde zu ewigem Paradies verurteilt, und das ohne die Möglichkeit, jemals begnadigt zu werden! *
Der Kluge
* Sage ich, ich sei klug, hält man mich für eitel, arrogant und versnobbt. Sage ich, ich sei dumm, so glaubt es jeder. *
Der Großkotz
* Nur wenige haben sich vor mir nicht großgetan. *
Was ist die Persönlichkeit?
* Das seelische Gesamterscheinungsbild eines Lebewesens ist die Persönlichkeit. Die schlechte Persönlichkeit gibt es überall, nur wer blind ist, sieht sie nicht. Eine gute Persönlichkeit ist geprägt von tief empfundenen {moralischen} Erkenntnissen, die den {moralischen} Geist voraussetzen. Die Formel ist recht einfach: Kein Geist, keine Erkenntnisse, schlechte Persönlichkeit, oder wenn man so will, keine Persönlichkeit. *
Von der Erziehung
* Es war einmal ein kleines Mädchen, das wurde antiautoritär erzogen. Es war dieselbe, die Jahre später alles forderte und nichts wußte. Es war einmal ein kleiner Junge, der wurde autoritär erzogen. Es war derselbe, der Jahre später wegen seines Aggressionsstaus mehrere Morde begangen hatte und dafür lebenslänglich bekam. Wie bloß erzieht man richtig? *
Der Liebenswerte
* Nur der Liebenswerte ist durch Liebenswürdigkeiten zu erfreuen. *
Die Diktatur
* Die älteste Diktatur ist die des einzelnen. Teils wird sie überschattet von staatlichen Diktaturen, aber irgendwann ist es Zeit, jede solche über Bord zu werfen und durch eine andere Regierungsform zu ersetzen. Was bleibt, ist das angeborene menschliche Verhalten, welches auf Fremdbestimmung und Zuweisung abzielt und das tägliche Zusammenleben im Kern bestimmt. Es hat sich als negativ und unabänderlich erwiesen. Es gibt also keine Möglichkeit, den Anspruch auf diese Fremdbestimmung und der damit verbundenen Diktatur zu beseitigen. *
Von der Überzeugung
* Als ich noch jung war, hatte ich wie jedermann Überzeugungen, seien es gute oder schlechte gewesen. Waren es nicht die einen, so waren es andere. Aber im Laufe der Jahre hat sich bei mir gezeigt, daß jede Überzeugung nur so lange Bestand hatte, wie sie nicht durch neue Erfahrungen oder Einsichten ersetzt und abgelöst wurde. Aus diesem Grunde fällt es mir heute recht schwer, überhaupt eine Idee oder einen Gedanken, sei er eigens oder fremd, als revolutionär, genial oder als Maßstab für die Welt zu erachten. Das Moment der Täuschung des unvollkommenen Menschen wird auf lange Zeit gesehen deutlich erkennbar. Es kann daher für uns im Denken und Handeln keine Sicherheit geben, selbst wenn wir tausend Jahre leben sollten. *
Von der Erfahrung
* Im Alter habe man an Lebenserfahrung gewonnen, so sagt man. Die differenzierte Betrachtung aber läßt wie so oft zweifeln: So gibt es nicht nur erfahrene Menschen im hohen Alter auf der einen und naive Kinder auf der anderen Seite, sondern auch diejenigen, die aus dem langjährig Erlebten keine Konsequenzen ziehen und solche, die gering an Jahren sich anhand des Erfahrenen einer gnadenlosen Selbstkritik unterwerfen. Darüber definiert sich der Jüngling von hundert Jahren und auch der jungenhafte Menschenkenner. *
Von der Bluttat
* Nicht nur bei Proleten ist der Täter ein Held und das Opfer ein Feigling, habe der Täter auch noch so perfide gehandelt. *
Von der Freundschaft
* Die Freundschaft obliegt dem Menschen durch seine Geburt nur ausnahmsweise. Zu schnell findet man sich gegenseitig langweilig, ja unerträglich. Obwohl der Mensch von Natur aus gesellig ist, hat er es nur zum oberflächlichen Beisammensein gebracht, um nicht in die Einsamkeit zu geraten. Der jeweils andere ist in aller Regel gleichgültig. Wird doch ausnahmsweise die Freundschaft angeboten, so wird sie zum größeren Teil durch Ausreden oder angeblich mangelnde Zeit abgelehnt und zum kleineren Teil sogar empört zurückgewiesen. Sollte es aber doch einmal zu einer Beziehung kommen, die den Anschein der Freundschaft hat, so solle man genau darauf achten, daß zwischen beiden Liebe herrsche, falls es hier auch nur zu geringen Unregelmäßigkeiten kommen sollte, offenbart sich der Verräter an der Sache. Also schon wieder einer, der für die Freundschaft nichts taugt. *
Was der Mensch nicht verträgt
* Das eine oder andere wird dir der Mensch verzeihen, aber eines nie: Wenn du ihn verläßt, und das, obwohl er selbst nicht anders handeln würde! *
Von der Arbeit
* Es gibt etwas, was in Deutschland traditionell seit jeher maßlos überbewertet wird: Die Arbeit nämlich. *
Das verbockte Abitur
* Es ist immer dasselbe: Wer denken kann, schafft das Abitur nicht. *
Der typische Deutsche
* Die Deutschen sind ein sonderbares Völkchen. Stets brauchen sie etwas, an das sie fest glauben können. Früher war es einmal der Kaiser, danach der Führer, anschließend Adenauer und vielleicht auch Kennedy. Am Ende rundete Kohl dieses Bild ab. Heutige wesentliche Idole außer dem Amtsarzt sind mir nicht bekannt, aber es ist wohl nur eine Frage der Zeit. *
Von der Intelligenz
* Wer folgerichtig und gegen seine Erfahrung denken kann, der ist wirklich intelligent und bewundernswert. *
Vom Kriege
* Wer in den Krieg zieht und gute Waffen schmieden kann, der ist gut beraten. Wer aber die meisten Panzer bauen kann, der gewinnt ihn. *
Der Feind
* Es gibt in der Welt liebe Jungs und böse Buben. Ist das Feindbild erstmal da, gibt es nur noch böse Buben. *
Der Meister der Erzählung
* Der Meister der Erzählung tut sich mit der Mathematik sehr schwer. Umgekehrt ist es dasselbe. *
Vom Urologen
* Immer wenn ich urologisch untersucht worden bin, denke ich nachher anders als vorher. *
Die Frohnatur
* Nie habe ich einen größeren Haß verspürt, als gegen den, der ständig guter Stimmung ist. Er findet alles positiv, obwohl es soviel Schlechtes gibt. Bricht er sich ein Bein, so freut er sich, daß er sich nicht beide gebrochen hat. Verliert er hundert Mark, so freut er sich, daß es nicht zweihundert waren. Ist ihm übel, so wäre wohl ein Herzinfarkt schlimmer gewesen. Er schimpft mich destruktiv, weil ich seine Manie nicht teilen möchte. Diese Menschen haben den Bezug zur Realität teilweise verloren, ohne davon zu wissen. Dennoch sind sie im allgemeinen beliebter als der schwere Melancholiker, weil der Umgang mit ihnen Flügel verleiht. Es handelt sich hierbei aber um eine pathologisch frohnatürliche Konfiguration. *
Der Menschliche
* Es heißt, ich solle menschlich sein. Also gut, wen soll ich umbringen? *
Vom Genie
* Die meisten Genies gibt es in psychiatrischen Krankenhäusern. *
Warum der Hund Männchen macht
* Alle Säuge – und Wirbeltiere sind sehr gelehrig und intelligent. Sie verfügen wie wir über ein ausgeprägtes Bewußtsein, nur daß sie es nicht sagen können. Nehmen wir beispielsweise den Hund oder die Katze. Der Hund erkennt sehr frühzeitig den Zusammenhang zwischen Männchenmachen und Leberwurst. Die Katze bemerkt sehr bald, daß Scheißen auf dem Katzenklo und nicht schnurrend vom Balkon zusätzliche Streicheleinheiten nach sich ziehen. Je größer die Belohnung und somit das Motiv ist, desto größer sind die Lernerfolge; ja Vierbeiner werden regelrecht zu Rettungshunden ausgebildet, und suchen mit großem Erfolg nach Verunglückten. Katzen werden mit großem Erfolg dressiert und springen im Zirkus von Hocker zu Hocker, über den Dompteur hinweg und anschließend durch einen Ring aus Feuer.
Ändern sich allerdings die Gegebenheiten und Umstände, so erkennt man die Grenzen des unmittelbaren Intellektes, das heißt der Hund sucht ohne Erfolg beim Nachbarn nach Verletzten, die Katze scheißt in den Kaninchenstall der Schwiegermutter und der Papagei krächzt ohne Sinn und Verstand „Papa hat ‘ne Freundin„, was ihm die Kinder beigebracht haben und Mama nun zufällig hört. Ebenso ist es beim Menschen. Ist das Motiv ein hohes, so sind die Lernerfolge in aller Regel entsprechend. Ist es das Diplom, das lockt, so wird es erreicht werden. Ist es die Promotion, die lockt, so wird auch sie erreicht werden. Habilitation? Kein Problem, ein gewisses Talent natürlich immer vorausgesetzt. In den verschiedensten Situationen des Lebens aber scheitern vor allem Lehrer, Ärzte, Juristen, Polizisten und Psychologen. Lehrer erweisen sich als nicht subjektiv denkend, was aber dem Verständnis des Schülers dienlich wäre, Ärzte stellen vor allem bei angeborenen und nicht gleich sichtbaren Veränderungen der Organe die Diagnose des Simulantentums, Juristen verhängen keine harten Strafen gegen gefährliche Gewaltverbrecher, Polizisten schlagen unbescholtene Ausländer und Psychologen destruktivisieren den Patienten, weil dieser eine andere Meinung hat. Unter diesen Umständen der Praxis, die durchaus von dem Gelernten abweichen kann, versagen sie fast alle. Es ist nichts Neues: Was der Bauer nicht kennt, frißt er nicht. *
Es gibt keinen Gott
* Man muß nur lange genug leben, um zu sehen, daß es keinen Gott gibt. Alles im Leben ist nur die Folge und Folgesfolge des Vorangegangenen. Ein Gott, heiße er Allah oder Jehova oder Mannitou, passt da nicht hinein. Aber selbst wenn es ihn doch geben sollte, verdiente er tatsächlich Anerkennung? *
Das Brett vor dem Kopf
* Das größte Brett vor dem Kopf hat ohne Zweifel der Sozialphobiker. Er ist daher der meistgehaßte homo sapiens überhaupt. Frag’ die Lehrer, Ausbilder, Erzieher, aber auch Bekannte, Nachbarn oder Schwiegermutter, alle sagen über ihn dasselbe: Schuld am Elend aller ist nur er allein. Ihm wird eine größere Aggression entgegengebracht, als dem größten Schweinehund, da es mit der Geduld des zivilisierten Menschen nicht weit her ist. Wieso aber bekommt ausgerechnet er den Nobelpreis? *
Vom Weibe
* Warum ich nie geheiratet habe, werde ich in letzter Zeit, der ich nunmehr fünfundreißig Jahre zähle, oft gefragt. Ist die Frau zum Geiste eher fähig als der Mann? *
Das Trauma
* So mancher Kindheitstraumatisierte neigt später zur lebenslänglichen Selbstaufwertung. Es werden dabei vor allem allgemein akzeptierte Werte wie Schönheit, Reichtum, Männlichkeit und Intelligenz dargestellt und für sich beansprucht, treffen sie tatsächlich zu oder nicht. Darauf angesprochen lernt man schnell, daß im Leben fast nichts interessant ist, und die Kritik an der eigenen Person schon gar nicht. Dementsprechend hat man auch noch nie von einer erfolgreichen Therapie dieser Wesensstörung gehört. *
Gut und Böse
* Es fällt mir schwer zu glauben, daß Gott nur gut und Satan nur böse ist. Zumindest fänden beide auf der bewohnten Erde kein adäquates Gegenstück. *
Der Trieb zum Verbrechen
* Der Trieb zum Verbrechen kommt bei einigen Probanten gleich nach den lebensnotwendigen Trieben wie Hunger, Durst, Schlafen und Fortpflanzung. Es ist ein Märchen, ein Verbrecher werde zum Verbrecher erzogen. Genauso wie jeder andere auch sein individuelles Wesen, welches sich als lebenslänglich unveränderbar erwiesen hat, von seinen Vorfahren in die Wiege gelegt bekommt, wird auch er als Träger seiner in diesem Falle schlimmen Merkmale geboren. Die Erziehung kann zwar nicht gänzlich ignoriert werden, sie dient aber lediglich zur geringen Verstärkung oder Milderung des ererbten Potentials. Wie stark nun der Trieb zum Verbrechen sein kann, zeigt wieder einmal die Geschichte: Die Alten Römer waren Barbaren und haben noch gekreuzigt, aber dennoch hat es auch dort zum Teil schwerste Straftaten gegeben. Nichts und niemand wird also die aktive oder passive Durchführung von Unrecht jemals restlos verhindern können, weder durch Androhung von Repressalien noch durch den Einsatz einer bewaffneten Armee. *
Von den physiognomischen Fragmenten
* Die Physiognomik ist zwar keine vollkommene Wissenschaft, sie hat bei mir aber trotzdem einen hohen Stellenwert, denn sie spiegelt ein hohes Maß an Menschenkunde wider. Die meisten Menschen sind tatsächlich so, wie sie aussehen, vielleicht klug oder dumm, vielleicht lieblich oder gewalttätig. Am liebsten ist mir das klar geschnittene, charaktervolle Gesicht. Ein klarer Kopf, zwei klare Augen und ein klares Wort prägen diesen Menschen. Bisweilen gibt es aber bemerkenswerte Ausnahmen von der Regel, bei deren Beurteilung man sich gehörig verschätzen kann. Die Natur macht halt, was sie will. *
Der Individualist
* Es gibt nur sehr wenige Menschen, die unabhängig von Lob und Tadel sind. Man nennt sie Individualisten. *
Wer ist mutig?
* Die mutigsten Männer der Weltgeschichte sind die ängstlichsten zugleich gewesen. Nur wer Angst hat und sie überwindet, ist mutig. Die Heldentat als solche, die völlig angstfrei ausgeführt wurde, ist kaum eine Notiz wert. *
Von der eigenen Art
* Die größte Aggression geht bei Mensch und Tier meistens gegen die eigene Art. *
Das Ursache – Wirkungs – Prinzip
* Hier auf der Erde und wahrscheinlich auch in den meisten Bereichen des Universums gilt das Ursache – Wirkungs – Prinzip. Es gibt also keine Ursache, die nicht eine Wirkung nach sich zöge. Umgekehrt ist es dasselbe: Es gibt keine Wirkung, die nicht auf einer Ursache fußte. Ist es aber nicht denkbar, daß es Teilabschnitte des Weltalls gibt, die für uns uneinsehbar sind und in denen dieses Gesetz keine Anwendung findet? Dies hieße, erführen wir davon, daß dort Dinge geschähen, die wir nur mit einer Art Zauber erklären könnten, da sie außerhalb unserer Erfahrung liegen. Ein Mensch, den man in diese Welt transformieren würde, müsste wahrscheinlich alsbald sterben. *
Von der Verhältnismäßigkeit
* Gut und Böse oder Wert und Unwert sind nicht objektiv darstellbar oder meßbar. Der eine erschaudert beim versehentlichen Zertreten eines Regenwurmes, wiewohl der nächste Eintritt zahlen würde für eine mittelalterlichen Vierteilung, aber natürlich nur dann, wenn der andere umgebracht wird. Wer ist gut und wer ist schlecht? *
Warum Nashornscheiße gut schmeckt
* Schopenhauer lehnte einst das Leben ab. Er hieß den Menschen nur im weiteren Sinne ein denkendes Wesen, da er sich des allgegenwärtigen Problems des Daseins nicht bewußt sei. Aber genaugenommen muß dies so sein, denn das Leben erhält seinen Antrieb im Regelfall zunächst aus dem Selbsterhaltungstreben, der Freude am Sein und dem Unvermögen, die Zwielichtigkeit und Qual desselben zu erkennen. Nur so ist es möglich, eine Generation nach der anderen zu schaffen, die auch in Zukunft keine Fragen stellen oder Existentielles je in Zweifel ziehen wird. Somit ist das Fortbestehen der eigenen Art in jedem Falle gewährleistet, das Ziel der Evolution erreicht. Sollte aber das Selbsterhaltungsstreben, aus welchem Grunde auch immer, erlöschen, und sollte die Freude am Sein durch eine Depression ersetzt werden, dann wird unter diesen Umständen schnell dem Dümmsten klar, daß das Problem des Seins eines der schwierigsten und wichtigsten überhaupt und das Leben ein Nichts ist. Der Pillendreher würde aussterben, wenn er überlegen könnte und ihm klar würde, welchen Job er macht! *
Eine subjektive Beschreibung der Angst
* Die Angst ist der unendliche Strudel, der mich hoffnungslos ohne Wiederkehr davontreibt. *
Vom Respekt
* Zuneigung kann nicht erzwungen werden, Respekt kann und muß erzwungen werden, notfalls mit Gewalt. *
Von der Sensibilität
* Die Sensibilität ist eine sehr positive Eigenschaft. Schade aber, daß sie meistens nur gegen sich selbst Anwendung findet. *
Der Urknall
* Die Astrophysiker betrachten den Urknall als die Wiege allen Lebens. Da Energie und Materie kompatibel seien, habe sich letztendlich alles Lebendige aus dieser Energie entwickelt, woher sie auch immer stammen möge. So fänden wir infolgedessen Sterne, Sonnen, Monde und Planeten, die durch ausgeglichene Schwerkräfte in vorzüglicher Weise zusammenwirkten und somit das Universum zusammenhielten und insbesondere die richtigen Bedingungen auf der Erde (Temperatur, Druck, Atmosphärenbeschaffenheit, Wasser, fruchtbare Böden und so weiter). Diese Theorie ist plausibel und nicht von der Hand zu weisen. Doch ich bleibe hartnäckig – wozu dieses skurrile Wunder? *
Vom Werte des Lebens
* Moralisch und ethisch gesehen ist ein Leben unbezahlbar und mit Gold nicht aufzuwiegen. Im täglichen Dasein aber spüren wir nur den Wert, der uns von anderen beigemessen wird. Dieser ist absonderlicherweise denkbar gering. *
Die Widrigkeit
* Es gibt für jede Widrigkeit jemanden, der sie gut findet. *
Der freche Grinser
* Den frechen, auf die Nerven fallenden Grinser gibt es überall. Sein Motiv ist, höre es sich trivial an oder nicht, der Narzißmus. Er wird durch Prägung gefördert und durch die Unmündigkeit des Betreffenden nicht revidiert. Und wenn der Grinser nicht gestorben ist, dann grinst er morgen immer noch. *
Vom Lernen und Lehren
* Es ist schon erstaunlich, wieviel Wissen sich der Mensch im Laufe seines Bestehens angeeignet hat. Jedoch zeigt er sich in nichts phantasieloser, als im Weitervermitteln seiner Kenntnisse. Dies führt mitunter sogar so weit, daß an sich begabte Menschen eine weiterführende Schule verlassen müssen, weil sie dem einfühlungslosen Unterricht nicht folgen können. Sie gelten dann absurderweise als nicht talentiert genug. Falls sie sich aber trotzdem weiterbilden möchten, bleibt ihnen nur noch das autodidaktische Studium, welches viele derselben im übrigen bestehen. Ein weiteres und groteskes Beispiel spiegelt sich ganz besonders deutlich in der Computerkunde wider: Der Rechner ist ein sehr extravaganter Schüler, denn er reagiert nicht auf Beschimpfungen und ist nicht der Ausbildung verweisbar. Tatsächlich muß ihm auch in Form seiner Sprache und im Sinne seiner Subjektivität alles ganz genau erklärt werden, kleinste Unregelmäßigkeiten führen hier sofort zum Mißerfolg, denn er macht genau das, was man ihm sagt, also auch die Fehler, die aus den ungewollt übertragenen Unklarheiten oder Mehrdeutigkeiten resultieren. Also bleibt nur der Weg, der seelenlosen Maschine mit möglichst großem Vorstellungsvermögen und Hingabe zu begegnen, ein Weg, der im allgemeinen beim gewöhnlichen Schüler keine Anwendung findet. Und was sehe ich trotzdem bei abgeschlossenen Programmen, die am Ende auf den Systemen laufen? Fehler, Fehler, Fehler! *
Von der Anerkennung
* Anerkannt wird nur der, der den eigenen subjektiven Idealen und Werten entspricht, seien sie geistig oder nicht. So mag der Lehrer den guten Schüler, der Trainer den athletischen Sportler, der Meister den geschickten Lehrling, der Knacki den erfogreichen Bankräuber und der Feldwebel den gehorsamen Soldaten. Eine allgemeine Anerkennung erlangt derjenige, der abgesehen von fachspezifischen Fragen keine weiteren stellt. Wehe dem, der diesen Idealen nicht entspricht! *
Von der Wahrnehmung
* Es ist die angeborene feinpsychologische Wahrnehmung, die mich an mir selbst und anderen Fetischismen, Atavismen, verborgene Strömungen und wunderliche Triebe erkennen läßt und fast mit einem zwanghaften, also quälenden Beobachtungsstreben einhergeht. Zugegeben: Dies ist wahrscheinlich der Stoff, aus dem gute Literatur gemacht wird, aber glaubt mir, könnte ich tauschen, ich würde es sofort tun! *
Vom Heißhunger
* Bei einigen Menschen wird durch nichts die Verwandtschaft zum Tiere deutlicher als beim Fressen. *
Der Egozentriker
* Der Egozentriker denkt naturgemäß auffällig ichbezogen. Es ist der Schaden anderer, den er nicht nur billigend in Kauf nimmt, sondern als erstrebenswertes Ziel betrachtet, um sich daran zu erfreuen und zu befriedigen. Nichts ist ihm heiliger als sein Recht, nichts empört ihn mehr als das Recht anderer, denn selbige sind nach seiner Denkart unbedeutender als ein Stein am Wegesrand. Dieser Charakterzug ist nicht abhängig von der Nationalität, Kultur oder vom Intellekt. Milde Fälle dieser Untugend sind egoistisch, besonders krasse Fälle egomanisch zu nennen. Bei letzteren muß die Gesellschaft etwas unternehmen, um Schaden von ihr abzuwenden, obwohl sie ja selbst aus der Summe der drei genannten Typen nebst einigen scheinbaren Sonderlingen besteht. Fünfundzwanzig Jahre Gulag werden bestimmt für Abhilfe sorgen. Ist diese Forderung etwa radikal? *
Von der Bedürftigkeit
* Der Mensch ist auf der einen Seite die selbsternannte Krone der Schöpfung, aber auf der anderen das bedürftigste Wesen des Universums. Kein Tier, keine Mücke, kein Elefant stellt so hohe Ansprüche an das Leben wie wir. Ob Kleidung, Nahrung oder Unterkunft, alles muß erarbeitet oder beschafft werden. Wo sich der Wolf mit einer einfachen Höhle begnügt und dort sogar Welpen zur Welt bringt, benötigen wir unser Haus mit der entsprechenden Einrichtung. Wo das Rind mit einfachem Gras vorliebnimmt, benötigen wir hochwertige Mischkost. Wo das Schwein annähernd nackt herumläuft, benötigen wir je nach Jahreszeit verschiedentliche Kleidungsstücke. Wo sich der Elchbulle mit einigen Quadratkilometern Revier zufriedengibt und dabei aber trotzdem andere Tiere außer eben Elchbullen duldet, roden wir weite Flächen, um sie der intensivierten Landwirtschaft und den Riesenstädten zuzuführen. Wo in der Natur im Sinne eines Regulativs ein Massensterben einsetzt, begegnen wir ihm mit verbesserter Medizintechnik und Lebensmittelimporten. Die Befriedigung unserer Bedürfnisse, so verständlich sie zunächst auch sein mag, haben wir nach und nach in immer größerem Umfange gegen alle natürlichen Widerstände durchgesetzt. Am Ende werden es unsere eigenen Bedürfnisse sein, an denen wir ersticken. *
Vom Alkohole
* Der Alkohol ist nicht nur ein gefährliches Suchtmittel, er kann auch bei der Arbeit an ungefährlichen Maschinen – und dazu mag die Schreibmaschine ja gehören – inspirierend wirken und zum Beispiel die Erstellung von Aphorismen begünstigen. *
Von der Lernbehinderung
* Man kann eine Lernbehinderung beim Erwachsenen, wenn man einmal von seinen Schulzeugnissen absieht, in der einen Gruppe in einem Gespräch spontan erkennen, in der anderen nicht. In der erstgenannten Gruppe wird man das Gefühl nicht los, es mit einem großen, naiven Kinde zu tun zu haben, welches nie erwachsen geworden ist und seine Umwelt infantil erkundet und einschätzt. In diesem Zusammenhang bin ich sogar schon von einem dreißigjährigen Manne zu einem Spiel im Sandkasten eingeladen worden. In der anderen Gruppe ist der Defekt nicht ganz so offensichtlich zu erkennen: Im Gespräch zeigt sich der Mensch zunächst interessiert, weltoffen, verständnisvoll und erfahren. Keine Spur eines konfusen Charakters. Aber: Wenn man diese Personen etwas besser kennengelernt hat, bringt man auch ihre Wertvorstellungen in Erfahrung. Und genau das ist der Knackpunkt. So ist dem einen beispielsweise der Fußball und seine Lieblingsmannschaft hoch und heilig, so daß er viel Zeit damit verbringt, Sportsendungen zu sehen, Fanartikel zu kaufen und selbst die eine oder andere Partie auf der Wiese zu spielen. Ihr Verlust oder der der Lieblingsmannschaft kann dann eine ernsthafte Krise auslösen, obwohl doch der Fußball keine Bedeutung hat und für niemanden, ausgenommen Berufsspieler, Vor – oder Nachteile bringt. Fußball – welch großer Wert! Ein weiteres Beispiel wäre, wie gelegentlich auch zu sehen, sein Automobil in den Mittelpunkt seines Denkens und Strebens zu stellen. Der Wagen ist dann das ein und alles, er wird gewaschen, poliert, gewachst, inspiziert, übertrieben mit Zubehör ausgestattet und zur Schau gestellt. Bei einem Totalschaden ist dann das Leben nichts mehr wert. Der Wagen – welch großer Wert! An den Werten sind sie, neben den Zeugnissen natürlich, zu erkennen! *
Von der Psychose
* Die Psychose ist der nichtzugängliche Irrglaube. Gemessen an dieser Definition gibt es sehr viele Kranke in diesem Lande, wenngleich auch nicht immer im rein medizinischen Sinne. *
Das Matriarchat
* Nicht in allen Familien ist der Mann und Vater das führende Familienmitglied schlechthin. So sieht man auch in manchen Ehen ein dominantes Alphaweibchen, welches die Herrschaft an sich gerissen hat und sich zum Bestimmen geboren sieht. Läßt der Ehemann, vielleicht sogar groß an Wuchs, sie gewähren – die Kinder haben sowieso nichts zu sagen – und ist sie zudem klein und mager, nimmt die Gemeinschaft fast lächerliche Züge an. *
Die Selbstverleugnung nach außen
* Die Lüge gegen andere ist nicht viel älter als die Lüge gegen sich selbst. Auf diese Weise sollen als unerträglich empfundene Gedanken, die an der eigenen Heiligkeit rühren, ausgeschaltet werden. Aber wartet nur, irgendwann kommt alles ungefiltert wieder! *
Vom Wesen des Menschen
* Das eigentliche, ungeschminkte Wesen des Menschen ist besonders beim Kinde deutlich erkennbar, weil es naturgemäß weniger gehemmt ist als der Erwachsene und in der Hauptsache keine Vorbehalte kennt. Daher läßt es gut sichtbare Einblicke in sein Seelenleben zu, denn es weint in jedem Fall, wenn es traurig ist, und es schreit in jedem Fall, wenn es wütend ist. Ist es fröhlich, so lacht es. Die Kombination der dargestellten Emotionen untereinander und die Häufigkeit der Einzelgefühle lassen dann, wenn nicht vollständige, so doch gewisse Rückschlüsse auf den jeweiligen Charakter zu. Diese Offenkundigkeit verliert sich jedoch im Zuge der weiteren Entwicklung bis zum Abschluß der individuellen Persönlichkeit. Es ist demnach in aller Regel nicht mehr zu erwarten, daß man bei einer Rüge des Chefs in Tränen ausbricht, bei dem Verlust seiner Brieftasche ärgerlich schreit oder sich kranklacht, wenn einer mit dem Namen „Pustekuchen„ vorstellig wird. Das Grundwesen aber, sei es heimtückisch, entgegenkommend oder wie immer, bleibt völlig unverändert, nur daß man es nicht mehr auf Anhieb erkennen kann. Außer Kinder zeigen nur noch (enthemmte) Betrunkene, wer sie wirklich sind. *
Von der Zukunft
* Der Mensch ist so beschaffen, daß sein Handeln und Wirken zukunftsorientiert zu nennen sei. Daher darfst du ihm alles nehmen, aber nicht den Glauben und die Hoffnung, daß alles besser werde. *
Vom Glücke
* Das Glück ist nicht nur von äußeren Faktoren abhängig. Vielmehr spielen auch biochemische Prozesse im Gehirn eine wichtige Rolle. Arbeiten sie anlagebedingt unregelmäßig oder gestört, ist kein Glück zu erreichen, so sehr man sich auch anstrengt. *
Von Beamten
* Manche Beamte sind so dumm und kleinkariert, daß sie beim Totschlag einer Fliege die Mordkommission benachrichtigen. *
Vom Nachbarn
* Kraule ich des Nachbarn Hund, so gewinne ich einen neuen Freund. Kraule ich des Nachbarn Frau, so gewinne ich einen neuen Feind. Wo liegt eigentlich der genaue Unterschied? *
Von den heiligen Schriften
* Es gibt wohl keine langweiligeren und mit mehr leeren Versprechen versehene Bücher als die religiösen. Ob Bibel, Koran, Talmud oder Mannitous’ heilige Symbolrollen – chchchchchchchchch………. *
Das Konzept
* Ob beruflich oder privat, gesellschaftlich oder familiär, mir fehle das Konzept oder auch der Plan für die Zukunft, schimpft meine Umwelt. Wie soll wohl ein feingeistiger Mann wie ich, der es allenthalben zu dulden gelernt hat und dessen Schmerzgrenze oft weit überschritten war, lebendig – dynamische Projekte verwirklichen wollen? *
Von der Programmatik des Seins
* Es zeigt sich oft, daß eineiige Zwillinge in derselben oder einer ähnlichen Lage am selben oder einem anderen Orte dasselbe denken und empfinden. Dies gilt überraschenderweise selbst dann, wenn sie sich noch nie im Leben begegnet sind, wie es eben bei Geschwistern, die nach der Geburt voneinander getrennt wurden, vorkommt. Das beweist, daß nicht nur unser Äußeres durch die Erbmasse vorherbestimmt ist, sondern gleich die komplette Persönlichkeit mit ihm. Somit ist auch der freie Wille eines jeden Lebewesens mit Zweifeln zu versehen, denn es geschieht nicht das, was das Individuum will, sondern nur das, was die erbliche Prädestination der Kreatur als freien Willen suggeriert. *
Von der vergammelten Gurke
* Für die Tiefenpsychologie gibt es nur sehr wenige treffende Bewertungen. Auf jeden Fall aber ist sie unseriöser, als vergammelte Gurken zu verkaufen.*
Der Rechtsradikale
* Das Bezeichnende für den Rechtsradikalen ist sein auffallend blödes Gesicht.*
Der Psychiater
* Was ich dem Psychiater nicht verzeihe, ist seine Reduktion meines Seins auf einen neurologischen Zustand. *
Vom Abstrahieren
* Die Abstraktion ist die Fähigkeit, Wesentliches von Unwesentlichem zu trennen. Was aber ist wesentlich oder unwesentlich?*
Der Verdacht
* Wer einmal im Verdacht stand, dumm zu sein, wird nie mehr auf die Beine kommen. *
Depression
* Wer nie die schwerste Depression erlebt hat, der war nie erschüttert. Wer nie erschüttert war, der hat nie am Selbstverständlichen gezweifelt. Wer aber nie am Selbstverständlichen gezweifelt hat, ist künstlerisch und wissenschaftlich bedeutungslos. *
Vom Christus
* Was den Christus unsterblich gemacht hat, war sein lebendiger Geist. Umso erstaunlicher ist es, daß er ihn ausgerechnet dem Erdenmenschen empfehlen wollte. *
Vom Paradiese und der Möglichkeit der Unsterblichkeit
* Im Paradiese, die meisten Menschen wissen es nicht, weil sie es nie genau nachgeschlagen haben, gab es dem Bibeltext zufolge zwei bedeutsame Bäume: Den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse und den Baum des Lebens. Von dem einen haben Adam und Eva bekanntlich gegessen, wurden somit erbsündig und erkannten fortan naturgemäß den Unterschied zwischen Recht und Unrecht, wiewohl das Streben des Menschen zumeist in die negative Richtung weist. Danach wurden sie aus dem Paradiese vertrieben und der Baum des Lebens von einem mächtigen Engel bis zum heutigen Tage bewacht, der die potentielle oder totale Unsterblichkeit ermöglicht hätte. Allein die erste und bislang einzig genossene verbotene Frucht hat also das Weltgeschehen entscheidend beeinflußt. Kaum auszudenken, wie das Leben auf der Erde heute aussehen würde, hätten die ersten Menschen auch noch von der zweiten Frucht gegessen, denn dann würden, die totale Immortalität vorausgesetzt, alle Schurken keines Todes mehr sterben, um der Einsicht, Rückkehr und Erholung Raum zu geben, wie es die Welt zum Beispiel nach Franco, Hitler oder Stalin und seinen Nachfolgern erlebt hat. Allein „nur„ dem Sündenfall, hält man die Schöpfung für authentisch, verdankt die Erde ihren gegenwärtigen Phänotypus. Aber: Man muß Adam und Eva eines zugute halten: Sie kannten die Lüge (noch) nicht. *
Die Welt als Wille und Vorstellung
* Alles um uns herum muß als subjektive Vorstellung in unser Bewußtsein fließen, wollen wir existieren. So gibt es scheinbar triviale Sinneseindrücke wie Sehen, Hören oder Riechen auf der einen Seite – auch sie müssen erst einmal, so wir nicht schlafen oder andersartig ohnmächtig sind, im Zerebrum ausgewertet und im Theater des Bewußtseins aufgeführt werden, um uns einen Eindruck von der unmittelbaren Umwelt zu verschaffen – und die geistig – intellektuellen Zusammenhänge, die uns gleichermaßen umgeben und erkannt werden wollen auf der anderen Seite. Während die Sinnesorgane mehr oder weniger automatisch funktionieren und ihre Eindrücke weiterleiten, müssen die intellektuellen Zusammenhänge durch lebenslängliches Lernen erarbeitet werden. Dieser Prozeß gilt für alle Lebewesen, aber für Pflanzen natürlich nur im weiteren Sinne, da sie wahrscheinlich ohne Bewußtsein auskommen müssen. Das lebenslängliche Lernen führt nun besonders bei häufig wiederkehrenden Tätigkeiten zu schnellen und folgerichtigen Assoziationen, es wird folgerichtig reflektiert, es spiegelt sich der einst erlernte Teil der Intellektuellen, zusammenhängenden Welt wider. Jedoch kenne ich nur sehr wenige Menschen, die ein außerordentliches Gespür für den anderen entwickelt hätten, und das, obwohl wir doch jeden Tag Umgang und Kontakte pflegen, jeden Tag Menschen sehen. Gerade dieser Teil der umgebenden intellektuellen, zusammenhängenden Welt ist im gewöhnlichen Falle wenig ausbaufähig. Zwar gibt es den einen oder anderen talentierten stillen Beobachter, doch zählt er zumindest im eigenen Lande nichts. *
Vom schweren Leide
* Das eigene Leid, gar chronisch, ist schwer zu ertragen. Das fremde Leid ist gar nicht zu ertragen. *
Von der Bildung
* Das triviale Imitieren eines anderen, das Erlernen leichteren Stoffes oder auch das anstrengende Studium, alles jeweils unter fremder Führung oder unter Bezugnahme auf ein Vorbild, sieht man überall. Für die eigene Überlegung bedarf es des Genies. *
Die Aufgabe des anderen
* Es scheint, als wäre das Zurücklassen eines anderen für den gewöhnlichen Menschen, habe er ohnedies ein Feindbild oder auch nicht, die leichteste aller Übungen. Nein, ich werde auch beim nächsten Mal zögern, nein ich werde immer zögern, gleich, wer vor mir steht. *
Der Computer
* Was einen guten Computer ausmacht, ist die große Festplatte, der große Arbeitsspeicher und der starke Prozessor. Obwohl ich den Menschen nicht unmittelbar mit einem Computer messen möchte, sei ausnahmsweise doch dieser Vergleich erlaubt: Wer die schwierigste aller selbstauferlegten Aufgaben lösen möchte, nämlich ein unkonventioneller Denker mit individualistischen Strömungen zu werden, muß wissen: Einen guten, ja genialen Dichter oder Denker ohne phänomenalem Langzeitgedächtnis, also Festplattenkapazität, und ohne hervorragendem Kurzzeitgedächtnis, also Arbeitsspeicher, und ohne analytischem Verstande, also Prozessor, gibt es nicht und wird es nie geben. *
Von der Eitelkeit
* Absurderweise gilt es seit jeher als großer Wert und bedeutsam, reich, schön, erotisch oder intelligent zu sein, obwohl man dadurch weder das ewige Leben noch eine Stelle neben dem Lieben Gott beanspruchen könnte. Falls es als großer Wert gelten würde, die stinkensten Exkremente zu produzieren, würden sich die Menschen gegenseitig mit Scheiße bewerfen, um zu demonstrieren, sie seien mehr als der andere. *
Vom Ärgern
* Jeder Mensch, vom Hilfsarbeiter bis zum mehrfach promovierten Esel, ist zu ärgern, kennt man seine subjektiven Werte. Selbige sind einfach nur in Zweifel zu ziehen, so erkennt man beim Gegenüber bald den Zustand der empfundenen Wertlosigkeit oder Minderwertigkeit. Während man noch bei Doofi kundtun kann, man vertrage mehr Bier als er, so wird beim Arzte die Diskreditierung seiner Doktorarbeit als Abhandlung über Vitamin C Wirkung zeigen. Gelten wollen sie alle, jeder auf seinem Niveau. *
Von der unerwarteten Frucht
* Die meisten Frauen wollen, in der Regel schon wenn sie jung sind, niedliche kleine Kinder. Dies liegt, schieben wir einmal den allen sich geschlechtlich vermehrenden Geschöpfen angeborenen Fortpflanzungstriebe beiseite, am Diktat ihrer weiblichen Natur. Auf diese Weise entsteht eine Generation nach der anderen, ohne daß sich jemals einer ernsthaft Gedanken darum gemacht hätte, wie sich die entwickelnde Leibesfrucht im späteren Leben verhalten wird. Ach, ist der Kleine drollig! Dudidudidudi! Aber nicht nur der Papst oder Mutter Theresa waren einst süße Kindlein, sondern auch die größten Verbrecher der Weltgeschichte, wie sie auch alle geheißen haben mögen. Auch sie waren einmal, von unerwünschten Schwangerschaften abgesehen, geliebte und gewollte Säuglinge, denen zumindest seitens der Mutter große Liebe und Fürsorge zuteil wurde. Wissen die Frauen wirklich nicht, welch möglicherweise unkalkulierbare genetische Zeitbombe sie in die Welt setzen, obwohl sie doch die Leibesfrucht vom Manne in bester Absicht empfangen haben? *
Der Katalysator
* Ein Katalysator ist ein Stoff, der durch seine bloße Anwesenheit eine chemische Reaktion auslösen oder beschleunigen kann, ohne dabei selbst verbraucht oder verändert zu werden. Überraschenderweise kann man dieses Beispiel aus der Chemie zumindest im weiteren Sinne auch auf den Menschen übertragen, denn es gibt Personen, die durch ihre zufällige, pure Anwesenheit Beschimpfungen und körperliche Gewalt auf sich ziehen, ohne je einem etwas getan zu haben. Wie dieses Rätsel zu erklären ist, entzieht sich meiner Kenntnis.*
Vom geschorenen Schafe
* Ist man erstmal ein paar Jahre älter, schaut man irgendwann verwundert auf seinen Körper und erkennt darauf die Wunden und Narben seines Lebens. Nicht alle sind auf Mißgeschicke oder Unfälle zurückzuführen, einige finden ihre Ursache auch in handfesten Auseinandersetzungen mit dem Menschen, vielleicht sogar mit dem Tiere. Zählt man nur diese zusammen, fragt man sich unwillkürlich auch für den Fall, daß man stets zurückgebissen habe, ob dies wirklich ein unausweichliches Schicksal sei. Ich persönlich kenne niemanden, der gänzlich ungeschoren geblieben wäre. *
Von jemandem, der auszog, die Wahrheit zu verkünden und nicht mehr lange lebte
* Es war einmal ein Mann, der war psychologisch außerordentlich begabt. Seine Begabung ging so weit, daß er schon nach kurzer Zeit des Kennenlernens ein sehr treffendes Psychogramm erstellen konnte. Dieses beinhaltete fast immer die Unvollkommenheit des einzelnen. Seine scharfe Logik und Beweisführung war dabei so unwiderlegbar, daß der angesprochene Mensch, gekrümmt vor Schmerz, es nicht vorzog, an sich zu arbeiten, sondern den Begabten durch einen listigen Anschlag zu töten. Und da solle einmal einer sagen, man habe nur zu Zeiten der Antike oder des Mittelalters den Überbringer der schlechten Botschaft umgebracht! *
Vom Lesen
* Manche Menschen können gut von den Lippen ablesen. Andere Menschen können gut aus den Händen lesen. Ich kann hervorragend aus dem Gesicht lesen, sei sein Ausdruck gespielt oder nicht. *
Von der schulischen Moral
* Die Schulen von heute wollen den Wichten neben dem gewöhnlichen Unterricht auch moralische und ethische Werte vermitteln, soweit sie dazu in der Lage sind. Und das ist auch gut so. Interessanterweise wird damit aber gleichzeitig zugegeben, daß die Schüler sie bedingt durch ihre bloße Geburt nötig haben. *
Der Giftanschlag
* Versuche ich mich selbst zu vergiften, so bekomme ich eine Zwangseinweisung ins Irrenhaus. Versuche ich meinen Feind zu vergiften, so bekomme ich einen guten Rechtsanwalt. *
Von der Klugheit
* Es gibt wohl kaum ein Thema, das dem Menschen wichtiger wäre, als das der eigenen Klugheit, in welcher subtilen Form auch immer. *
Von der Ablehnung
* Ich mag stehen, wo ich will, ich werde überall, bereits als Deutscher unter Deutschen, abgelehnt. Dieses weitreichende Phänomen kränkt mich weniger, als daß es mich überrascht, da wir doch teilweise in großen Städten zusammenleben, weil wir anscheinend bereits von Natur aus gesellig sind. Wie weit ist es da noch zum Mord am Türken, Inder oder Indianer? *
Vom Freitode
* Der Freitod wird meistens als „Selbstmord„ bezeichnet. Diesen Begriff konnte ich nie teilen, da der „Mord„ stets ein niederes Motiv zur Basis hat und nicht die Verzweiflung, den Schmerz oder das Elendsein. *
Vom organisierten Gewaltverbrechen
* Verbrechen, insbesondere Gewaltverbrechen, hat es immer schon gegeben und wird es immer geben. Was sich früher jedoch als Tat einzelner oder kleinerer Banden zeigte, ist heuzutage landesweit bei den Neonazis organisiert. Ihr Ziel ist der illegale Umsturz, um danach den Trieb zum Gewaltverbrechen auf legale Weise befriedigen zu können. *
Von der plötzlichen Idee
* Immer werde ich, selbst bei Gelehrten und denen, die sich dafür halten, für klug befunden, wenn ich einen Gedanken äußere, der dem Gesprächspartner nicht eingefallen wäre, selbst dann, wenn er recht trivial ist. *
Der schmerzliche Verlust des anderen
* Es gibt keinen schmerzlosen Verlust des anderen, wenn man, ungeachtet dessen, ob man sich vorher noch mit ihm gestritten hat, immer noch eine gewisse Wertschätzung für jenen empfindet. *
Von der Verneinung
* All das, von dem der Mensch glaubt, er könne es nicht erreichen, wird von ihm verneint. *
Von der Rache
* Der Mensch rächt sich ohne zu zögern. Ich räche mich, wenn überhaupt, erst nach langem Zögern. *
Vom Vergessen
* Das erste, was der Mensch vom anderen denkt, ist, als hinge ein Schild um seinen Hals, er sei bedeutungslos. Daher ist niemand schneller vergessen als letzterer, ein paar Tage reichen da schon aus. *
Vom Honorar der Berufe
* Der Arzt bekommt bei falschen Diagnosen garantiert sein Honorar. Der Handwerker bekommt bei falschen Diagnosen garantiert seine Kündigung. *
Die Qual der Qualen
* Es gibt keine größere Qual, als das Lernen uninteressanten Stoffes. Dazu gehören in erster Linie die Naturwissenschaften, insbesondere die Mathematik. *
Vom Supermanne
* Seit jeher betrachtet der Mann den anderen Mann als das, was er selber ist: Als Waschlappen und Feigling. *
Vom Frondienst
* Es ist nicht einfach, in einem Lande zu leben, in dem zumindest im beruflichen Sinne der Frondienst am anderen als Selbstverständlichkeit betrachtet wird. *
Von der Uniformität
* Die Uniformität oder auch Zugehörigkeit zu einer Gruppierung sind stammesgeschichtlich mit die ältesten vererbbaren Merkmale überhaupt. Nur sind sie bedauerlicherweise der größte Feind des Individuellen, der Bildung von Persönlichkeit und des Schaffens großer Werke. Nicht meine Sache. *
Von der Prägung
* Die Prägung des Menschen findet nicht nur, aber hauptsächlich in der Zeit des Werdens statt, nämlich in seiner Kindheit und Jugend, also bereits zu jener Zeit, in der er ohnedies leicht beeinflußbar ist. Sie bezieht sich ausnahmslos auf alle Sprößlinge und nur wenige werden sich ihr im späteren Leben entziehen. Diese Prägung stellt neben dem vererbten Charakter, der Bildung und Erziehung, die natürlich auch schon prägende Elemente beinhalten können, das Fundament für die spätere Persönlichkeit dar und verfügt schon früh über eine gewisse Robustheit, hat sie erst einmal stattgefunden. Beispiele dafür gibt es genügend: Jeder ist schon einmal bei einer falschen Antwort ausgelacht worden, von welcher Seite auch immer. Also: Intelligenz und Wissen sind wichtig, will man bestehen. Jeder hat irgendwann die Erfahrung gemacht, daß nur der makellose Körper erotisch ist und das andere Geschlecht anzieht. Also: Hinein in den nächsten Fitneßklub, will man sich letzten Endes reproduzieren. Jeder kennt die Außenseiterrolle, die ihm zugewiesen wird, trägt er öfters abgewetzte Kleidung. Die Robustheit der Prägung nimmt am Ende solch feste Formen an, daß ihre Inhalte als oberes, unerschütterliches Gesetz angenommen werden, das Denken maßgeblich bestimmen, demzufolge nicht nur gegen sich, sondern irgendwann auch gegen andere zur Anwendung kommen und der geschulte Beobachter sie als irreversibel begreifen muß. Wer sind die wenigen, die sich trotz aller prägenden Erlebnisse diesem Regelkreis entzogen haben und nun eigene Wege gehen? *
Von der Verheißung
* Kleine Kinder lockt man mit Sahnebonbons. Erwachsene lockt man mit dem ewigen Leben. *
Vom schreibenden Menschen
* Es gibt in Deutschland und andernorts mehr schreibtalentierte Menschen, als man glaubt. Welcher Verlag, ob größer oder kleiner, wird sie je drucken? *
Der Fremde
* Sage mir, wie ein Volk seine Kinder behandelt, und ich sage dir, wie es seine Fremden behandelt. *
Von der Arschkarte
* Sollte ein Elternteil eines Kindes oder sogar beide egozentrisch irre Strömungen verspüren, so ist ihr Kind nur zu bedauern, denn es hat bereits zu diesem frühen Zeitpunkt die Arschkarte des Lebens gezogen. *
Von der Vollkommenheit
* Wer auch immer die Erde geschaffen hat, er oder sie hat sie vollkommen geschaffen. Nach langer Überlegung, ich weiß, ich mag mich täuschen, scheint nur der Mensch auf ihr nicht vollkommen zu sein. *
Du lachst dich kaputt
* Sollte jemandem in der Öffentlichkeit ein Mißgeschick passieren, lachen diejenigen am lautesten, die in ihrer Jugend am meisten narzißtisch gekränkt worden sind. *
Tagträume
* Je dümmer ein Mensch ist, desto mehr Tagträume hat er. *
Von Gott und der Welt
* Ich konnte nie erkennen, daß sich Gott in die Belange dieser Welt eingeschaltet hätte. Er läßt den Menschen schalten und walten, wie er {der Mensch} will. Er läßt Gutes geschehen, und er läßt Schlechtes geschehen. Das ganze geht sogar so weit, daß selbst der mitleiderregenden gequälten Kreatur in größter Not keine Anhörung gewährt wird, und das, obwohl selbst dem größten Verbrecher in seinem Leben dann und wann schon einmal jemand leid getan haben dürfte. In Deutschland und anderen Ländern ist die unterlassene Hilfeleistung strafbar. *
Vom verbotenen Triebe
* Der Mensch ist das einzige Tier, dessen Triebe und Neigungen teilweise durch Moral, Gesetz oder Religion einer Einschränkung unterliegen. Doch hätte jedem Verfasser jedweder ethischen Konvention von vornherein klar sein müssen, daß der verspürte Trieb, welcher es auch immer im einzelnen sei, zumindest auf Dauer seine Auslebung fordert. *
Der Moralist
* So sehr ich auch in mir moralische Tendenzen verspüre und erkenne, so sauer kann ich werden, wenn ich einen Typus von Mensch sehe: Das zufriedene Arschgesicht! *
Wie wird man einhundertundzwanzig Jahre alt?
* Um ein sehr hohes Alter zu erreichen, muß man selbstverständlich körperlich und geistig entsprechend erblich disponiert sein. Fehlt nur die körperliche Veranlagung, so stirbt man vorher an Krankheiten, fehlt nur die seelische und somit das Glücks – und Belohnungssystem, so tut man gut daran, sich zur rechten Zeit zu erschießen, um die quälende Zeit bis zum natürlichen Ende abzukürzen. Wann der genaue Zeitpunkt des Suizids gekommen ist, muß jeder für sich entscheiden. *
Wer ist verrückt?
* Ich reagierte auf Umwelteinflüsse empfindlich wie eine Mimose, sagt man über mich, sei verrückt gar. So lange allerdings der Leichenstapel am Wegesrand keine Beachtung findet und man sich auch ansonsten im alltäglichen Leben wertlos gegenübersteht, sind alle anderen verrückt, nur ich bin nicht verrückt. *
Der Fall Mareike B.
* Es war einmal eine attraktive junge Frau im Alter von etwa zweiundzwanzig Jahren. Sie hatte in ihren Kindertagen ein schweres Trauma erlitten, und zwar das einer Vergewaltigung. Ihr war also zu jener Zeit ohne Zweifel großes Unrecht widerfahren, bedenke man dabei, daß sie wahrscheinlich dieses schreckliche Ereignis für den Rest ihres Lebens nicht vergessen können und es daher im Laufe der Zeit immer wieder zu ungewollten und natürlich schmerzhaften Erinnerungen an die Tat kommen werde. Jedoch waren ihr Wesen und Charakter – sie bekundete dabei, einen Gott zu kennen – immer schon identisch mit dem der meisten Menschen – dominant, eitel, aufgeblasen und uninteressiert am Wohle anderer. Wie bloß ist dieser Fall unter den geschilderten Umständen insgesamt zu betrachten? *
Aus dem Tagebuch eines unbekannten Arbeitsverweigerers
* „Ich bin seit zehn Jahren beschäftigungslos und will auch in Zukunft nicht arbeiten, weil ich ansonsten für die Dauer der Arbeitszeit mit dem Weltmenschen Kontakt hätte, dessen Gegenwart mir nicht sehr lange erträglich scheint. Gott sei Dank habe ich ohnedies viele Krankheiten, die ich unter diesen Umständen nur allzu gerne zur Schau stelle!„
Kommentar von mir: Ich bin wohl einer der wenigen, der Verständnis für diese Einstellung aufbringen kann. Wenn sich der Arbeitslose dadurch seine individuelle Identität bewahren kann und ansonsten an seiner Persönlichkeit großen Schaden nähme, warum nicht? *
Vom Triebtäter und Überzeugungstäter
* Der Triebtäter ist nur selten erfolgreich zu therapieren. Der Überzeugungstäter ist gar nicht zu therapieren. *
Vom Respekt im Alter
* Zum Glück nimmt der einem entgegengebrachte Respekt im Alter immer weiter zu. Man braucht dann die Leute nicht mehr so oft anzuschreien, um seinen Anspruch auf Wertschätzung zu dokumentieren. *
Vom Dichter
* Gerade der differenzierte Dichter ist wohl ein Mensch, der ganz besonders auf Zuspruch, Rat und Ermutigung angewiesen ist, wolle er nicht bedingt durch seine Neurasthenie und Krisenanfälligkeit am Leben verzweifeln und auch weiterhin hervorragende Texte schreiben. Die Verlage tun also gut daran, ihre Schützlinge zu hätscheln und zu schlecken. *
Von der Liveshow
* Für das Böse ist die Erde wohl eine Riesenpeepshow, in der es seine voyeuristische Neigung zutiefst befriedigen kann. Seine Hauptdarsteller arbeiten völlig ohne Gage und alle machen mit, so motiviert sind sie, und sie werden auch morgen noch ihre geforderte Leistung erbringen. Prognose: Hoffnungslos, denn die Katze läßt das Mausen nicht. *
Die innere Qual
* Nur wer ganz bei der Sache ist, fragt ständig und so lange, bis er befriedigende und vollständige Antworten erhalten wird. Der Antrieb hierfür können sein: Beruflicher Ehrgeiz, Faszination an einem bestimmten Themengebiet, beispielsweise der Technik oder Literatur, und vor allem die erlittene und erduldete Qual, die krankheits – oder umstandsbedingt ausgelöst wurde. Je länger nun die Qual anhält und je weniger die Ursachen am Ende noch existieren, desto mehr handelt es sich dabei um die sogenannte innere Qual, bei der kein Arzt und kaum ein Psychologe helfen können. Sie ist die Triebfeder für den Zweifel an der Welt. Sie ist nicht die Geburt der Philosophie, so doch ihre Fortführung. Sie verhilft je nach individueller Begabung zu neuen Erkenntnissen und Einsichten, die sich mitunter sogar aufzuschreiben lohnen, um ihre Inhalte der Nachwelt zu hinterlassen. Daher: Es gibt kaum historisch bedeutsame Schriften ohne innere Qual als Motiv! *
Vom akzeptablen Manne
* Die Frau verhält sich oft recht wunderlich und scheint manchmal nicht von dieser Welt zu sein: Den einen Mann, der hartnäckig und ausdauernd um ihre Gunst wirbt, schenkt sie keinerlei Beachtung, auch dann nicht, wenn er unter ihrem Fenster eine Serenade singt, und den anderen verfolgt sie zur Not über den ganzen Globus und dichtet ihm eine größere Aura an, als dem Souverän des Universums. Die Beatles zeigten das, und die Rolling Stones zeigten das auch. *
Vom Pädophilen
* Diejenigen, die am lautesten fordern, der pädophile Mörder müsse auf dem Marktplatz hängen, schlagen zu Hause ihre Kinder. Sind sie viel besser? *
Von der Verschiebung
* Früher wurden Polen, Juden und Politische innerhalb von Auschwitz und Dachau geschlagen und umgebracht, und keiner hat protestiert. Heute werden Polen, Juden und Politische außerhalb von Auschwitz und Dachau geschlagen und umgebracht, und keiner protestiert. *
Vom wundersamen langen Leben
* Werde ich erst einmal vom Amtsarzt als gesund befunden, bald erhalte ich bei Behörden den Nimbus der Unsterblichkeit. Gerne stelle ich mich Wissenschaftlern und Biologen, um zu klären, warum ich nicht sterben müsse und andere doch. *
Vom Besserkönnen
* Der Mensch kritisiert meist das, was er selbst nicht besser kann. *
Von den verschiedenen zeitlichen Dimensionen
* Der depressive Mensch kennt die Dimension des Zukünftigen nicht. Klar, daß er erschaudert. Der Normalmensch kennt die Dimension des Vergangenen nicht. Mich wundert, daß er nicht auch erschaudert. *
Von der Lotterie des ewigen Lebens
* Es wird uns in allen Religionen prophezeit, daß das bestehende böse System der Dinge nicht ewig dauern, sondern zu einem Zeitpunkt, den wir nicht kennen, durch die Apokalypse beendet würde. Einfach ausgedrückt wird dann der liebenswerte, geläuterte und vor allem gottgläubige Mensch gerettet und zu ewigem Leben geführt werden, und der gottlose oder schlechte Mensch wird vernichtet werden. Jedoch ist die Liebenswürdigkeit eines Lebewesens und auch seine Bereitschaft, ein hohes Geschöpf im Universum anzuerkennen, bereits fest in seinen Genen verankert. Dasselbe gilt für das Schlechte und den Atheismus. Demzufolge kann also nur derjenige gerettet werden, der durch die Zufälligkeit seiner Geburt die richtige Genkombination mit auf seinen Lebensweg bekommen hat. Gemäß dieses Gedankens haben manche Menschen also das ewige Leben geerbt, und andere nicht. Die Karten des ewigen Lebens sind daher denkbar ungerecht verteilt. Ausnahmen von dieser Regel mag es selbstverständlich geben, wie es Ausnahmen gibt von allen Regeln. *
Der Richter
* Der deutsche Richter von heute hat nichts mehr drauf und seine Tätigkeit grenzt an Strafvereitelung im Amt. So wird der Täter im Prozeß durch des Richters übertriebene Fürsorge geschützt und das Opfer durch allzu kühles Befragen wütend gemacht. Die hohe Kriminalität im Lande läßt sich durch solch ein Verhalten bestimmt nicht eindämmen. *
Von der Offenbarung
* Nachdem sich Gott also eines Tages offenbart und die Amtsgeschäfte auf der Welt übernommen haben wird, werde ich ihm, falls ich dann noch Gelegenheit dazu erhalten sollte, eine entscheidende Frage stellen, nämlich wie er seit seinem Rückzug von der Erde den Menschen dem Menschen überlassen konnte. *
Von der Schöpfung
* Gott schuf die Erde und den Menschen. Was das sollte, ist nicht klar. *
Von der geforderten Leistung
* Vom Normalmenschen kann man eine Leistung erzwingen. Vom Genie kann man eine Leistung nicht erzwingen. *
Der Wahn vom eigenen Werte
* Der Mensch verfolgt sein ganzes Leben lang nur ein einziges Ziel, nämlich das Herbeidiskutieren des scheinbar hohen Wertes der eigenen Persönlichkeit, aus welchem er gerne die Berechtigung seiner Existenz und ihrer genetischen Fortführung ableitet. Da unglücklicherweise fast alle Menschen und deren Kinder aus diesem Holze geschnitzt sind, darf kaum angenommen werden, daß sich die Welt jemals zum Besseren wenden wird. *
Von der Strukturreform des Gesundheitswesens
* Seit das Gesundheitswesen mehrfach reformiert worden ist, bekommen die Ärzte endlich das, was sie verdient haben: Nichts. *
Von der rechtmäßigen Ohrfeige
* Sollte jemand besonders frech zu mir sein, so sage ich ihm, er solle es sein lassen. Ist er dann immer noch frech zu mir, wiederhole ich, er solle es sein lassen. Ändert sich dann immer noch nichts, bald knallt es. Es ist klar, daß sich durch solch eine Maßnahme die durch den anderen empfundene geringe Wertschätzung nicht steigern läßt, nein, im Gegenteil, sie ist jetzt natürlch noch geringer als vorher. Aber er wird sich nicht mehr trauen, mir dies zu sagen oder zu zeigen, und damit kann ich gut leben. Bei Zyklopen, Bären, Haifischen oder türkischen Preisringern sollte man allerdings eine differenziertere Taktik ausgearbeitet haben. *
Von der Oktroyierung
* Jeder will, daß ich bin wie er. *
Von der narzißtisch motivierten Handlung
* Das Leben des Menschen ist üblicherweise nicht mehr, als die Summe seiner narzißtisch motivierten Handlungen. *
Der Irre
* Das typische Klischee des Irren besteht darin, daß es sich bei ihm um jemanden handele, der unmotiviert, blutgierig und sinnlos Menschen in Stücke hackt und sie anschließend in der Tiefkühltruhe einfriert. Er wird also mehr oder weniger als nichtzugänglicher Triebtäter und somit als ernste Gefahr dargestellt und beschrieben. So wahr diese Definition in seltenen Einzelfällen sein mag, so sehr karikiert sich der Mensch damit selbst, denn die Geschichte des Verbrechens ist nicht die Geschichte des leidenden, seelisch schwerkranken Patienten, sondern es ist seine eigene, triebhafte und dem irrationalen Feindbilde zugewandte Geschichte. Den Menschen darauf hingewiesen, kann man sich schon baldiger Empörung sicher sein. *
Das Paradoxon
* Jeder Mensch behauptet von sich, er sei intelligent. Wenn ich das auch behaupte, dann bin ich dran! *
Von der zufälligen Zucht
* Seit der Mensch lebt, hält er sich Haustiere und züchtet sie. Der Sinn der Zucht besteht darin, gewollte und ihm nutzbare Eigenschaften des Tieres weiter zu fördern und zu verbessern. Sollte er die Zucht allerdings übertreiben, so entstehen Kreaturen, die seiner Forderung nach Nutzbarkeit und Leistung zwar völlig genügen, doch zeigt sich oft, daß diese Tiere auf der anderen Seite chronisch krank und streßanfällig sind oder nicht sehr lange leben. Eine gewollte Zucht gibt es beim Menschen unmittelbar nicht, jedoch gelegentlich eine unbeabsichtigte, zufällige. Betrachtet man das Genie, so ist es fast immer eine solche. Schon sein Großvater war zufällig ein launischer, oftmals schwermütig verstimmter und ziellos handelnder Mann, der eher zufällig eine Frau kennenlernte, die krankhaft reizbar, schlaflos, nervös und ängstlich ihr Dasein fristete. Sollten sich die aus dieser Verbindung hervorgegangenen Nachkommen wiederum mit zufällig ähnlich strukturierten anderen Nachkommen kreuzen, so entwickelt sich daraus eine Generation, die rein seelisch kaum existenzfähig ist. Daraus erklärt sich die hohe Selbsttötungsrate der Unglücklichen, aber auch deren enorme Genialität und ihr Talent zum Schreiben, Malen oder analytischen Denken. Die hervorragende Begabung ist mehr Fluch als Segen, und sie ist in Anbetracht des normalerweise eher langen Lebens des Menschen schlimmer als die Hölle. Ein Genie zu sein – welch Qual! *
Wer ich bin
* Ich bin der, der da zweifelt, wo sonst keiner zweifelt. Ich bin der, der vieles schwernimmt, wo sonst alle heiter sind. Aber ich bin auch der, der vieles sagen kann, wo sonst keiner auch nur die Gegenwart des Gesagten wahrgenommen hat, und es ist die Genauigkeit meines Ausdrucks, die mich kennzeichnet. Es ist ein Schattendasein, das ich führe, ich weiß nicht, was es bedeutet. *
Von der Konditionierung der Umgebung
* Da die Prügelstrafe in Deutschland immer noch zumindest im familiären Umfelde erlaubt ist, gar von der Umwelt empfohlen wird, ist der Konditionierung der unmittelbaren Umgebung seitens der Eltern immer noch Tür und Tor geöffnet. Erst bei der unmittelbar schweren Körperverletzung am Kinde oder seiner Tötung erscheint so langsam mal ein müder Staatsanwalt. Es ist beschämend, daß selbst im einundzwanzigsten Jahrhundert das Kind als naturgemäß rechtloser Sklave seiner Eltern und der Gesellschaft betrachtet und so behandelt wird. Es stimmt, daß genau diese Kinder bei einer entsprechenden erblichen Veranlagung dieselben sind, die später ein durchweg narzißtisch – destruktives Verhalten bis hin zum Verbrechen zeigen werden. Diese Ernte, die das Volk nun ohne es zu wollen einfährt, ist dieselbe, die sie einst gesät oder begünstigt hat und sich nun beklagt! *
Von der Beurteilung des anderen
* Nie höre ich dümmeres Zeug, als bei der Beurteilung und Charakterisierung eines anderen. *
Das Mißverständnis
* Zwar habe ich noch nicht mit allen sechs Milliarden Menschen auf der Welt gesprochen, trotzdem kenne ich zur Zeit niemanden, der gründlicher und tiefer mißverstanden worden wäre, als ich höchstselbst. Dies gilt für meine Gesamtpersönlichkeit genauso wie für meine Literatur. *
Von der Zumutbarkeit
* Es gibt Menschen, die überlegen sich, ob die Aufnahme einer zugewiesenen Arbeit zumutbar ist. Dann gibt es Menschen, die überlegen sich, ob eine angeordnete Dienstreise zumutbar ist. Auch gibt es Menschen, die sich überlegen, ob das Wohnen in einem Hause an einer großen Straße zumutbar ist. Ich hingegen überlege mir, ob das Leben zumutbar ist. *
Von berühmten Leuten
* Die Welt beachtet den Menschen oft erst dann, wenn er gestorben ist und preist dann posthum sein Genie, falls es vorhanden gewesen sein sollte. Ich beachte den Menschen schon im Diesseits. *
Der Arbeiter
* Im Zuge von Vorurteilen unterstellt der Arbeiter oftmals dem Gymnasiasten, Studenten oder Professor Arroganz und Geringschätzung. In der Praxis zeigt sich jedoch oft das Gegenteil, seine eigene Arroganz ist am Ende größer und weniger erträglich, als die eingebildete oder dem Professor zugewiesene, wenn natürlich auch nicht in Hinsicht auf seinen (einfachen) Beruf. *
Von der himmlischen Hilfe
* Bist du schon viele Jahre oder Jahrzehnte gläubig, so blicke objektiv auf dein Leben zurück und erkenne, wie oft dir dein Gott während dieser Zeit geholfen habe: Kein einziges Mal. *
Der Sündenbock
* Keiner wird in Deutschland mehr verspottet als der Künstler. *
Der Vergleich
* So manch kluger Schimpanse ist klüger als ein dummer Mensch. *
Von der irrationalen Empörung
* So mancher Mensch ist empört, daß ich auch nur lebe. *
Von der Beobachtung
* Das Schöne am Normalmenschen ist seine offene Psychologie. In ihr kann ich schön lesen wie in einem klar strukturierten, packenden Thriller. Jeden Tag erlebe ich dabei Altbekanntes wie neu zu Entdeckendes. Der Mensch gibt sich dabei nicht die geringste Mühe, seinen Antrieb oder sein Motiv zu verschleiern, denn ich habe bei der Beobachtung einen entscheidenden Vorteil: Man traut mir nichts zu! *
Der Doktor
* Ich habe schon mit so manchem Gelehrten gesprochen. Bei vielen wurde mir schnell klar, was sie wußten: Nichts. *
Von den verschiedenen Perspektiven
* Die einen verspotten mich, da ich dumm sei, die anderen hassen mich, da ich klug sei. *
Die gelungene Beweisführung
* Der Beweis, daß sich der Mensch nicht selbst erfolgreich regieren könne und daher göttliche Hilfe in Anspruch nehmen müsse, ist längst geführt. Wie lange noch? *
Von offenen Mündern und tauben Ohren
* Jeder quatscht mich voll und keiner hört mir zu. *
Kind, Normalmensch und Persönlichkeit
* Was das Kind vom Erwachsenen unterscheidet, weiß jeder und ist einfach zu erklären: Das Kind ist naiv, leichtgläubig, infantil, unerfahren, einfach zu beeinflussen und ohne Kenntnis über die Konsequenzen seines Verhaltens. Darauf angesprochen wird das Kind natürlich nicht verstehen und alles Aufklärende ignorieren. Was den Normalmenschen von der Persönlichkeit unterscheidet, weiß keiner, ist aber auch einfach zu erklären: Der Normalmensch ist naiv, leichtgläubig, infantil, unerfahren, einfach zu beeinflussen und ohne Kenntnis über die Konsequenzen seines Verhaltens. Darauf angesprochen wird der Normalmensch natürlich nicht verstehen und alles Aufklärende ignorieren. Er ist halt ein richtiger Kindermensch. *
Der Kaiser von China
* Kaum ist ein Mensch geboren, erhebt er Anspruch auf die Krönung zum Kaiser von China. *
Die Krücke
* Seit langer Zeit gehe ich an virtuellen Krücken. Mir hält also keiner die Türe auf, obwohl ich es verdient hätte. *
Krieg im Himmel
* Satan der Teufel hatte es einst gewagt, eine Revolution im Himmel anzuzetteln, bei der er gemäß der Heiligen Schriften ein Drittel aller Engel, die sogenannten Dämonen, mit in seinen Sog gezogen und gegen Gott rebelliert hatte. Natürlich mußte er – es ist nicht klar warum, denn er hätte es als kompetenter Engel mit größter Macht besser wissen müssen – seinen Kampf ausgerechnet gegen Gott führen, dem möglicherweise mächtigsten Wesen des Universums überhaupt, von dem er hätte wissen müssen, daß er ihn verlieren würde. In ihm wurde er dann auch tatsächlich von Gott gepackt und mitsamt seinen Dämonen aus dem Himmel ausgerechnet in den Bannkreis der Erde und nicht etwa in die Umgebung der Venus geschleudert, den er aufgrund Gottes Fügung bis heute nicht mehr verlassen konnte. In ihm kocht seither große Wut, denn er weiß, daß am Ende des Systems der Dinge nach dem Kopfe des sündigen Menschen auch sein eigener rollen werde. Und so scheut er keine Mühen, seine Wut zumindest an dem Weltenmenschen zu stillen, indem er die komplette Erde fortgesetzt irreführt und sie somit dem Untergang weiht. Kann mir einer vernünftig erklären, wie die bewohnte Erde zu ewigen Leben geführt werden soll, wenn ein solch mächtiger Engel wie Satan der Teufel an der ohnedies schon verkorksten Erbmasse des Menschen rühren kann und darf und es ihm daher also ein leichtes ist, dem verleitbaren Menschen glaubhaft das Verbrechen als schmackhaft und erstrebenswert darzustellen? *
Ausnahmsweise hat die Psychologie recht
* Die Psychologie sagt, daß die Identität eines Menschen im wesentlichen in seinem angeborenen Charakter zu finden sei und dieser nicht beeinflußbar wäre durch Religion, Philosophie, Psychotherapie, Ermahnung, Strafe oder Aufklärung. Ausnahmsweise gebe ich der Psychologie, gestützt auf meinen eigenen Beobachtungen, recht. *
Die Schuldsuggestion
* Ich habe in meinem kuzen, aber bewegten Leben nur wenige Menschen kennengelernt, die nicht versucht hätten, mir Schuld, die ich gar nicht hatte, zu suggerieren oder eigene Schuld auf mich zu projizieren. Immerhin aber ahnt der Mensch dunkel, daß auch er irgendwann zahlen wird. *
Der Meister des subjektiven Schwachsinns
* Die selbsternannte Krone der Schöpfung ist der Meister des subjektiven Schwachsinns. *
Der Irrtum
* Da gibt es die einen, die immer den anderen die Schuld geben, und da gibt es die anderen, die wissen, daß die einen immer den anderen die Schuld geben. Unglücklicherweise geraten nun alle in Verdacht, immer den anderen die Schuld zu geben, selbst dann, wenn die anderen tatsächlich einmal schuld haben sollten.*
Der Lump
* Das Lumpsein lohnt sich in dieser Welt. Für mich ist das zwar nichts, aber der Lump mußte seit Anbeginn dieser Welt, von schweren und auch aufgeklärten Straftaten einmal abgesehen, nie Verantwortung oder Vergeltung fürchten, da das Jüngste Gericht bis heute nicht getagt hat. *
Diazepam und Pils
* Die Schmerzen sind gegangen, die Zweifel sind zerronnen und auch die Angst ist nicht mehr da. So schön das auch ist, am nächsten Morgen geht alles wieder von vorne los. *
Von der ersten Sünde
* Der Sündenfall ist jedermann bekannt, Adam und Eva haben von der verbotenen Frucht gegessen. Dieser Vorgang wird als erster Sündenfall überhaupt verstanden. Genaugenommen besteht der erste Sündenfall allerdings darin, einen Menschen zu schaffen, von dem hätte klar sein müssen, daß er sündigen werde. *
Der Status des Menschen
* Hermann Hesse schrieb einmal in seinem „Steppenwolf„, daß der Mensch zum höheren Denken nicht fähig sei, und Gott sagte, daß der Mensch nicht in der Lage sei, auch nur einen seiner Schritte zu richten. Das stimmt, das stimmt……*
Die Schule als Ort des Verbrechens
* Zweifelsohne ist es wichtig, junge Menschen in Schulen zu unterrichten, damit sie im späteren Leben bestehen können. Zwar haben die Lehrer eine pädagogische Ausbildung absolviert, jedoch bestehen auch sie zum größeren Teil aus geistlosen Normalmenschen, die dementsprechend den anderen grundsätzlich ablehnen. Wenn sich nun diese Ablehnung gegenüber einem Erwachsenen auch nicht gleich in Mord und Totschlag manifestieren wird, weil von diesem eine Gegenwehr zu erwarten wäre, so zeigt sie sich doch sehr bald und feigerweise beim einen oder anderen Schüler, der dem Lehrer im Zuge seiner Ablehnung zum Feindbild geworden ist und ihm natürlich nichts entgegenzusetzen hat. Früher wurden diese Kinder vom Lehrer völlig legal verprügelt, heute werden sie „nur„ noch beschimpft, verspottet und bloßgestellt. Die Schüler aller Zeiten hatten unter solchen Lehrern zu leiden, die von ihrer Persönlichkeitsstruktur, wie so häufig beim Normalmenschen, nichts weiter waren als nichtzugängliche Triebverbrecher. Bei der Ausbildung zum Pädagogen werden seine Ckaraktereigenschaften nicht geprüft, aber wie sollte auch eine solche Prüfung aussehen, denn jedermann hätte doch die Möglichkeit, sich als fürsorglich zu tarnen oder darzustellen. *
Prägung und Persönlichkeit
* Wer von Natur aus allzu prägbar ist, wird wohl nie eine Persönlichkeit werden, denn er denkt nicht das, was seinem eigenen Geiste entsprungen wäre, sondern nur das, was ihm durch wiederholtes Geschehen als scheinbar wahr oktroyiert wird.*
Der Hauptschüler
* Hauptschüler sind doof und wollen nichts lernen. *
Vom Egoismus
* Wie oft unterstellt man dem anderen Egoismus und lehnt ihn daher ab, ohne zu bemerken, daß sich der Egoismus längst zutiefst in die eigene Struktur eingegraben hat. *
Vom Verstehen
* Jeder verlangt von mir Verständnis oder Verstehen, nur mich versteht keiner. Allerdings muß ich objektiverweise anfügen, daß meine differenzierte Psyche selbst für mich als Kenner der normalkranken oder gesundindividuellen Menschenseele immer wieder Überraschungen bietet. *
Die Fun – Generation
* Manche zumeist junge Menschen erwarten vom Leben, es habe eine einzige gute Unterhaltung zu sein. Irgendwann merken sie, daß dieser Anspruch nicht erfüllbar ist und weinen dann bittere Tränen. Es ist doch nicht zu glauben……. *
Von den vertauschten Rollen
* Der Normalmensch, der in dieser absurden Welt lebt und sie gutheißt oder sie zumindest gleichgültig hinnimmt, ist genaugenommen ein Fall für die Psychiatrie, weil ihm Einsicht und Zugänglichkeit fehlen und sie ihm auch nicht zu vermitteln sind, selbst dann nicht, wenn er über einen hohen Intellekt verfügen sollte. Der scheinbar psychisch kranke Patient, der nun also zum Beispiel nach einem Nervenzusammenbruch in die nächste Heilanstalt eingewiesen und schon bald von seinen Ärzten pathologisiert werden wird, ist im Grunde doch derjenige, der gesunderweise seelisch so sehr auf das Geschehen seiner Umwelt reflektiert, daß es ihm so schlecht geht, daß er erst einmal, mit welchen Mitteln auch immer, beruhigt werden muß. Was wäre das für eine Welt, in der folgerichtigerweise alle Normalmenschen in einem Krankenhaus interniert und die emotional Reflektierenden wieder nach Hause geschickt werden würden! Schnell wird klar: Krank ist gesund, und gesund ist krank. *
Der Status der Frau
* Männer sind insgesamt gewalttätiger als Frauen, dies liegt an den in ihrem Blute zirkulierenden Testosteronen. Frauen sind jedoch emotional wesentlich kälter als Männer. Die Richterinnen zeigen das, die Lehrerinnen und die Ärztinnen. *
Die intellektuelle Schrift
* Verfaßt jemand eine intellektuelle Schrift, die inhaltlich durchaus gerechtfertigt sein mag, unterstellen ihm zumeist diejenigen, die seine Texte überhaupt nicht verstanden haben, er wolle bloß angeben und habe eine Profilneurose. Den möglichen Avantgardisten in ihm erkennen sie nicht. *
Von meinen Texten
* All diejenigen, die meine Texte kritisieren, weisen sich nur allzu gerne als Kenner aus, da sie früher in Deutsch gut gewesen seien. *
Der Naturbursche
* Schon die angebliche oder tatsächliche Kraft und Stärke eines Mannes allein reichen meist aus, um ihn für die Frau erotisch und somit wertvoll erscheinen zu lassen. Auf viele und gesunde Nachkommen. Ja ja, der Affe läßt grüßen…….*
Von den Schwierigkeiten einer Persönlichkeit
* Es ist nicht einfach, eine Persönlichkeit zu sein. Durch meinen Einblick in die normalmenschliche Psyche aber und dem Verständnis ihrer selbst sehe ich mich oft gezwungen, das Verhalten und Auftreten des Menschen zu entschuldigen, da er nichts dafür könne. Aber es nervt, es nervt, bald habe ich keine Lust mehr…..*
Vom Verschweigen
* Ich habe in meinem Leben noch niemanden getroffen, der mir nicht irgendwann etwas verschwiegen hätte. Ich merke das, ich merke das. *
Die zweifelhaften Ansichten deutscher Ärzte und Psychologen
* Die deutschen Ärzte und Psychologen meinen, wer einmal an „Selbstmord„ (ein schreckliches Wort, es müsste viel eher „Freitod„ heißen) denke, ihn aber nicht versuche zu begehen, der sei noch normal. Wer es aber doch versuche, der sei krankhaft veranlagt und so zu behandeln. Ich aber meine, wer es in dieser Welt ab einem gewissen, vielleicht reiferen Alter noch nicht versucht habe, sich selbst zu töten, der sei nicht normal. Daß ich mir mit dieser Einstellung nicht allzu viele Freunde gemacht habe, ist klar, aber ich nehme es gerne in Kauf. *
Von der Treue zu Gott
* Als ich noch gläubig war, da ging es mir schlecht. Als ich dann nicht mehr gläubig war, ging es mir nicht schlechter. Mir scheint bald, man brauche nur dann einen Gott, wenn man ewig leben will und annimmt, man bekomme das ewige Leben von Gott, sei man ihm gegenüber nur treu genug und fest im Glauben. Da es mir nun ohne Gott nicht schlechter geht und ich im übrigen auch nicht unsterblich sein möchte, brauche ich also keinen Gott. Aber Moralist möchte ich trotzdem sein, und ich versuche zumindest vor mir selbst treu zu sein.*
Vom Aussehen
* Sieht jemand häßlich aus, ist dies ohne Zweifel schon eine schwere Bürde. Unglücklicherweise kommt irgendwann der erste, der ihm dies auch noch sagt, und der erste wird nicht der letzte gewesen sein. *
Das verheimlichte Studium
* In manchen Kreisen darf man nicht erwähnen, daß man einmal studiert habe. *
Von den unterschiedlichen Schlafgewohnheiten
* Ich schlafe, und dies wird niemanden sonderlich überraschen, nachts und mit geschlossenen Augen. Dabei träume ich süß. Vor allem Lehrer, Ärzte, Juristen, Polizisten und Psychologen aber schlafen tagsüber und mit geöffneten Augen. Auch sie träumen dabei süß. Was aber machen sie dann nachts?? *
Von der großen Klappe
* Eine große Klappe zu haben, bei der nichts dahinterstecke, verdächtigen sie sich gegenseitig. Eine große Klappe aber haben sie alle. *
Mein schulischer Werdegang
* Die Summe all meiner edukativen Mißerfolge ist nicht die Bilanz meiner Dummheit, sondern die Bilanz der Ablehnung, gar des Hasses gegenüber meiner Person. *
Man sieht sich
* Die Redewendung „Man sieht sich„ ist wohl die eleganteste Form, dem anderen mitzuteilen, er sei einem gleich. *
Der Freund
* Ich wußte gleich, er sei nicht mein (wahrer) Freund. Ob der andere, und das möglicherweise zurecht, über mich dasselbe dachte, ist nicht klar. *
Der ehrliche Arzt
* Derjenige Arzt, der ganz offen sagt, er interessiere sich nicht für meine Gesundheit und mit diesen Worten weitergeht, ist mir bald lieber, als einer, der aus lauter Unmotiviertheit und Ablehnung viele oberflächliche Fehldiagnosen stellt, sich sinnlos im Kreise dreht und von daher unwirksame Medikamente verschreibt, die ohnedies von der Solidargemeinschaft bezahlt werden müssen. *
Die schnelle Bewertung
* Warum hält der eine Mensch den anderen so schnell für doof und irre, obwohl ihn diese Eigenschaften selbst sehr schmerzen würden? *
Der legitime Totschlag
* Ich glaube, die meisten Doofmänner würden den Totschlag aller Intellektuellen unterstützen. *
Keine Kompetenz
* Die psychiatrischen Kliniken halten einen bloß vom Sterben ab, sonst nichts.*
Aggression
* Ich habe noch niemanden kennengelernt, der nicht irgendwann gegen mich aggressiv geworden wäre. *
Von der Lust zu leben
* Empfindet man nicht fortgesetzt die Lust zu leben, ist das Leben nicht zu schaffen. *
Das Tier
* Die Gier, die Gier ist das Tier in dir, heißt es. Das stimmt natürlich nicht, denn die Gier, die Gier ist der Mensch im Tier. *
Wer schreibt den Roman?
* Ich zweifle zu sehr am Leben, sagen alle über mich. Doch wenn jetzt keiner mehr zweifelt, wer schreibt dann die Romane? *
Der potentielle Mörder
* Ich glaube, die meisten Menschen sind als potentielle Mörder einzustufen. Wäre der Mord nur erlaubt, gar als erstrebenswert hingestellt, würdest du erleben, wie viele Leichen es mit einem Mal gäbe. Was? Das stimmt überhaupt nicht? Schau sie dir nur an, die Menschen, wie sie sind im großen und kleinen, und erkenne, daß ich recht habe. *
Von meiner Identität
* So viele Psychiater ich schon kennengelernt habe, so sehr hat mich keiner von ihnen auch nur annähernd richtig beschrieben, zumal sie wähnen, jeder Wimpernschlag oder Furz bedeute etwas. *
Der Gefallen
* Gleich, welchen Gefallen ich den Leuten aus welchem wichtigen Grunde auch immer ausgeschlagen habe, alle dachten, ich wolle ihnen nicht helfen. *
Mensch und Kind
* Das Normalkind glaubt alles, der Normalmensch glaubt gar nichts. *
Von der psychologischen Beobachtung
* Einst wurde ich zur Beobachtung in die Psychiatrie eingewiesen. Nachdem ich die Ärzte zwölf Tage lang beobachtet hatte, hatte ich die Nase von diesem einfallslosen Volke voll und bin einfach abgehauen. Zur Nachahmung empfohlen. *
Von der falschen Einschätzung
* Der Mensch traut mir nur Schlechtes zu, nichts Gutes, auch dann, wenn er mich schon länger kennt. *
Erstaunliche Verhältnisse
* Zur Anerkennung bedarf es erstaunlicher Leistungen. Zur Ablehnung bedarf es gar nichts. *
Vom Sein
* Wer ist wie er ist, und auch so bleibt wie er ist, ist nichts. *
Der Liebe Gott
* Der Liebe Gott ist leider nur ein Gott der von Natur aus Glücklichen. Die anderen hat er dummerweise vergessen. *
Der überraschende Chef
* Dein Nachbar mag zwar ein netter Kerl sein, aber falls er zufälligerweise dein neuer Chef werden sollte, wirst du erleben, wer er wirklich ist. *
Die Indizien der Schöpfung
* Einen solchen Menschen zu schaffen, wie ich ihn kenne, bedarf es vieler Irrtümer oder eines trunkenen Zustandes. Das auch dies wieder kein Beweis gegen einen Gott ist, weiß ich wohl, aber es mag ein Indiz sein. Indizien, die für einen Gott sprechen, gibt es selbstverständlich auch, fast alle stehen in den Heiligen Schriften. *
Vom lauten Lachen
* Je dümmer ein Mensch ist, desto lauter lacht er. *
Er ist nicht edler
* Wie der Affe ist auch der Mensch prägbar. *
Der Schuleschwänzer
* Schwänzt ein Schüler, weil er es wegen der Sechsengeber einfach nicht mehr aushalten kann, fortgesetzt die Schule, so wird dies von seinen Lehrern als neue Qualität des Verbrechens angesehen. *
Das Vorbild
* Da nicht nur Kinder, sondern auch manch erwachsene Menschen durch Nachahmen lernen, ist es wichtig, stets ein gutes Vorbild abzugeben. *
Im Himmel stirbt man nicht
* Im Himmel kann man es bestimmt gut aushalten. Man hungert nicht, man trauert nicht, man wird nie krank und man verreckt nicht. Verrecken tut man nur auf der Erde, und es kann jeden treffen, sei der entsprechende Mensch gerade religiös oder nicht. *
Der frühe Tod
* Die wenigen Menschen, die tatsächlich etwas zu sagen haben, sterben meist früh. *
Der Prolet
* Je dümmer ein primitiver Prolet ist, desto hübscher ist seine Freundin. *
Vom Wasserstoff
* Ein einzelnes Wasserstoffatom ist denkbar klein und leicht. Welche Größe, Masse und Gravitation aber viele Wasserstoffatome annehmen können, zeigt die Sonne, um die die Planeten kreisen und welche aus Wasserstoff besteht, der in ihr zu Helium fusioniert wird. *
Die Schöpfung der Welt
* Selbstverständlich kann ich erkennen, daß diese Welt nicht durch die Evolution, die nichts anderes als die absurde Summe vieler Biozufälle ist, geschaffen worden ist, sondern durch eine geschickte Hand, zu gut ist die Erde durchkonstruiert. Die Evolution ist in beispielsweise drei Milliarden Jahren nicht in der Lage, auch nur eine einzige lebendige Zelle zu erzeugen, die womöglich auch noch fortpflanzungsfähig ist. Der Urheber dieser geschickten Hand gibt sich allerdings nicht eindeutig und nachweisbar zu erkennen, so sehr die religiösen Menschen an dieser Stelle auch protestieren werden. *
Vom Kontakt zum anderen
* Jeglicher Kontakt zum Menschen ist unangenehm. *
Taube Ohren
* Nichts fällt dem Arzte schwerer, als einem Patienten mit schwerer Sorge zuzuhören. *
Die promovierte Unpersönlichkeit
* Die Promotion ist oft nur ein eitler Scheißdreck, denn auch der Promovierte kennt nur sich selbst und nicht den anderen. *
Der Pazifist
* Das Bezeichnende für den Pazifisten ist oft, daß er erst nach einem schweren Krieg oder allerlei Gewalttaten, an denen er vielleicht sogar selbst teilgenommen hat, zum Pazifisten geworden ist. Er hätte schon davor ein Pazifist sein sollen, dann wäre nichts passiert. *
Von der Größe
* Eine Größe ist nur deswegen groß, weil sie von bestimmten Gruppen subjektiv für groß gehalten wird. Über ihre tatsächliche Größe aber, und welche kann es nebst Moral und Geist noch geben, wird nichts Zwangsläufiges ausgesagt. *
Der Wolf
* Ist ein Mensch beispielsweise fünfzehn Jahre alt, so sieht man ihm diese Jugend nicht nur allermeistens an, sondern hört sie auch in einem Gespräch schnell heraus, zu offenkundig ist nicht unbedingt seine mangelnde Bildung, aber seine mangelnde Erfahrung. Ich möchte zu gerne wissen, was beispielsweise in dem Kopfe eines Wolfes vor sich geht, der etwa dieses Alter erreicht hat und gemäß seiner Schöpfung kaum in der Lage sein wird, eben dieses zu überdauern. Viel Erfahrung hat er also auch nicht, aber trotzdem schafft er es, mit seinen Kumpels in der Tundra zu überleben. Wie macht er das, wobei man sich vor Augen halten sollte, daß so manch ausgewilderte Mensch verhungern würde? *
Der Verbrecher
* Es gibt nur einen Weg, den typischen Verbrecher zu läutern und ihn zu einer Einsicht zu führen: Die konsequente narzißtische Demontage seiner selbst, und zwar an einem Orte, an dem er dieser Konfrontation nicht ausweichen kann, vielleicht in einem Gefängnis oder Lager. Die härtesten Fälle sind allerdings auch so nicht behandelbar. *
Der erziehungsberechtigte Schulmeister
* Überall sehe ich die Zuteilung eines Nachteils an einen anderen, damit er daraus lerne, und dies nicht nur vor Gericht. *
Von der Männlichkeit
* Nur wenige Männer haben sich mir gegenüber nicht als Supermann dargestellt. Bei den anderen habe ich stets eines vermißt: Sie konnten nicht fliegen. *
Von den Finanzen
* Bei den hohen Schulden, die Deutschland inzwischen hat, wird bald klar, wem unser schönes Land eigentlich gehört: Den Banken. *
Welch seltsames Leben
* Seit ich existiere, lebe ich wie der Christus inmitten meiner Feinde, auch wenn seine Persönlichkeit mit meiner nicht vergleichbar ist. *
Von mir
* Meine Biographie ist für jeden Verrückten ein großer Trost, he he…..*
Was ist die Psychologie?
* Die Psychologie ist die Kunst zu wissen, was der andere denkt, obwohl er es nicht sagt oder zeigt. *
Das Unwirklichkeitsgefühl
* Mit meinen optischen Unwirklichkeitsgefühlen gehe ich nunmehr ins fünfundzwanzigste Jahr. Trotzdem erkenne ich die Wirklichkeit klarer und schneller, als die meisten Gesunden. *
Von der Reife
* Sind die Frauen erst einmal etwa achtzehn Jahre alt, halten sie die meisten Männer desselben oder eines anderen Alters für oberflächlich. Wie sehr sie selbst davon betroffen sind, merken sie nicht. *
Irren ist menschlich
* Irren ist menschlich, heißt es. Man könnte auch sagen, die nichtpsychotische Fehleinschätzung der Realität ist ihm, dem Menschen, eigen. Auf moralischem Gebiete kann sie im übrigen erheblichen Schaden anrichten. *
Der Neurotiker
* Treffen sich zwei Neurotiker, lehnen auch sie sich gegenseitig ab. *
Unerträglich
* Eine arrogante oder dumme Frau ist für mich weniger erträglich, als ein arroganter oder dummer Mann. *
Von der Begeisterung
* Ich habe schon zu viele gute oder schlechte Ideen scheitern gesehen, als daß ich heute noch begeisterungsfähig wäre. *
Welcher Schüler ist begabt?
* Den Intellekt eines Schülers erkennt man an seiner hohen Schwänzquote. *
Lyrisch und perfide
* Das Weib ist dem Manne in puncto Lyrik weit überlegen. In puncto Heimtücke auch. *
Eine Klarstellung
* Die Persönlichkeit zeichnet sich nicht durch ständiges Verleugnen der eigenen Triebe aus, sondern durch deren wertlose Betrachtung durch dieselbe. *
Ehe und Beziehung
* Es gibt nur wenige Männer mit einer ausgeprägten Persönlichkeit. Unter Frauen ist der Anteil noch geringer, so daß gerade sie zur dauerhaften Liebe, Ehe und Zuneigung denkbar ungeeignet sind. *
Des Menschen Wort
* Des Menschen Wort zählt ja doch nichts, auch dann nicht, wenn er sich schon längere Zeit mit einem bestimmten Themengebiet auseinandergesetzt haben sollte. *
Die Kurvenreduktion
* Viele ichbezogene Frauen beziehen ihre Anerkennung über ihren wohlgeformten Körper, falls er gerade vorhanden sein sollte. Darauf, daß diese Anerkennung auch in Zukunft nicht versiegen wird, können sie sich mehr oder weniger verlassen, denn mit dem triebhaften Manne, der nach ihr giert und sie verlangt, dürfen sie auch dann noch rechnen. Beispielsweise aber nach einer schweren Brustkrebsoperation müssen sie erkennen, was sie tatsächlich wert sind: Nichts. *
Neurasthenie
* Als Neurastheniker bin ich gut für nichts. Das Sozialamt schreibt das jeden Tag. *
Die zweifelhafte Erkenntnis
* Jeder weiß, warum meine Texte nicht gedruckt worden sind. *
Vom Kotzen
* Geht von einem Lehrer eine ständige schwere Destruktivität aus, verstehe ich nichts mehr, da ich laufend damit beschäftigt bin, meinen Brechreiz zu unterdrücken. *
Das Schlaraffenland
* Der einzige Beruf, bei dem man fürs Nichtskönnen Geld bekommt und sich außerdem vor niemandem zu verantworten hat, ist der medizinische. *
Die gute Literatur
* Diejenige Literatur, die von jedem Leser gutgeheißen wird, gibt es nicht, auch dann nicht, wenn sie wirklich guten Inhaltes sein sollte. *
Die stinkende Ablehnung
* Unter der gegenseitigen Ablehnung im alltäglichen Leben ist die Ablehnung der Frau dem „falschen„ Manne gegenüber wohl die vehementeste, selbst dann, wenn die Frau widerlich stinken oder fette Beine haben sollte. *
Vom Schnappelchen
* Einst hatte ich eine Freundin, die so albern und blöde war, daß sie beim Essen ständig „happi happi„ und „namni namni„ sagte. Nach zwei Wochen habe ich Schluß gemacht. *
Lärm
* Lärm, um mich herum nichts als Lärm. *
Massenhysterie
* Wie sehr sich der Mensch durch nichts beeinflussen läßt, zeigt besonders deutlich der Silvestertag: Jeder schreit und tanzt und lacht und knallt, bloß weil es die anderen auch tun. Fiele allerdings gerade an diesem Tage für jedermann ein Sack Geld vom Himmel, wäre auch ich recht amüsiert. *
Das Programm
* Im Computer läuft ein (elektronisches) Programm. Im Menschen läuft ein (genetisches) Programm. Auch hier zeigt sich wieder: Es gibt keinen freien Willen. Und sollte es doch einen geben, wäre ich auf seine genaue Definition sehr gespannt. *
Ich kenne ihn
* Ich merke, wer der andere ist. Sonst kann ich nichts. *
Berühmte Hungerhaken
* Mensch, bin ich groß und mager. Nur James Stewart, Franz Kafka und Karl Jaspers hatten bei derselben Größe noch weniger Speck auf den Rippen. *
Die triviale Ansprache
* Gerne wird der Redner einer scheinbaren oder tatsächlichen trivialen Ansprache als Dummschwätzer abgetan. Ich persönlich höre bei einem solchen Redner nicht grundsätzlich weg, da sich bei so manchem eine verborgene Genialität gezeigt hat. *
Der übersehene Fehler
* Gerade diejenigen Menschen, die sich ihres hohen, unübertrefflichen Verstandes rühmen, machen, in welcher Disziplin auch immer, einen Fehler nach dem anderen. Ohne es zu merken, freilich. *
Einfach irre
* Treffen sich zwei Egozentriker, versagen sie sich den gegenseitigen Respekt, weisen sich gegenseitig Schuld zu und verlangen die harte Bestrafung des jeweils anderen. Die wirklich Irren laufen also frei herum. *
Scheiß Karten
* Es ist die andauernde Unfähigkeit, mich wohlzufühlen, die mich charakterisiert. Habe ich mir das etwa ausgesucht? *
Der passende Bräutigam
* Kippt ein Ehemann beim Anlehnen seiner Frau fortgesetzt von der Couch, liegt dies nur selten an ihrem Übergewicht. Vielmehr ist es seine mangelnde Persönlichkeit, die das erfolgreiche Anlehnen verhindert. Daher sollte nicht nur die übergewichtige Frau bereits vor der Ehe prüfen, ob der Bräutigam eine ausgeprägte Persönlichkeit darstellt. *
Der Ehrendoktor
* Ist man nur prominent genug und stellt man sich fortgesetzt als Moralist dar, hagelt es bald Ehrendoktortitel en masse. *
Der Dummkopf
* Überraschenderweise stören sich nur wenige Dummköpfe an ihrer Dummheit.*
Das Wagnis
* Überall gespielter Frohsinn und gespielte Gelassenheit. Keiner wagt, vor dem anderen zuzugeben, daß auch er einmal schlecht drauf ist, da er fürchtet, dann an Wertschätzung oder Zuwendung zu verlieren. *
Vom Interesse an der Welt
Der Intellekt eines Menschen und sein Interesse an der Welt gehen zumeist Hand in Hand. Ist ein Mensch besonders lernschwach, hat er auch in der Regel Interesse an wenig oder gar nichts. Und hat er erst einmal Interesse an wenig oder gar nichts, wird er dadurch auch nicht klüger. Es ist ein Teufelskreis. *
Hoch lebe die Dummheit!
* Bekanntlich gibt es große und kleine Menschen, dicke und dünne, schwarze, weiße, gelbe oder australische. Im Kopfe aber, also im Denken und Handeln, sind sie alle erstaunlich gleich. Die Uniformität des Denkens aber schafft nicht etwa die Freiheit des einzelnen, sondern bloß Dummheit für jeden. Leider, leider ist dem Menschen dieser Gedanke nicht nahezubringen, und so wird er auch in Zukunft nach dem Motto „Hurra, hoch lebe die Dummheit!„ leben. *
Die Geister, die er rief
* Gott schuf den schuldunempfindlichen Menschen und wunderte sich, daß er schlecht sei. *
Der wirkliche Sklave
* Befehle ich dem Menschen, eine Handlung auszuführen, die er freiwillig nicht ausführen würde, versuche ich also, ihn das tun zu lassen, was nicht er will, sondern das, was ich will, so ist er empört und verweigert den Befehl. Und dieses Verhalten ist ja durchaus auch verständlich und nichts Ungewöhnliches. Gebe ich ihm jedoch eine tiefe Überzeugung, selbst dann, wenn sie völlig irrational sein sollte, dann tut er das, was ich will, und nicht das, was er will. Nicht der Befehl schafft den wirklichen Sklaven, sondern die Vermittlung einer Überzeugung. Viele politische und religiöse Führer haben dies längst vor mir verstanden. *
Eine Typenbeschreibung
* Als Individualist bin ich Herr meiner Persönlichkeit, nicht aber meines Magens. Beim Normalmenschen ist es genau umgekehrt. *
Das groteske Verhalten
* Das wunderliche Verhalten wird zumeist als Dummheit gedeutet, im Wahne, man selbst sei von ihr nicht betroffen. *
Das Motiv
* Das Motiv eines Studenten, Medizin zu studieren, ist nur selten ein ethisches oder moralisches. *
Vom Gymnasium
* Im Jahre 1977 hatte man mir etwas ganz Schreckliches angetan: Man hatte mich zum Gymnasium versetzt! *
Von der medizinischen Promotion
* Bei vielen Ärzten kann man sich des Eindruckes nicht erwehren, sie seien früher bei der falschen Promotionsberatung gewesen. *
Satan ist nicht schlechter
* Niemanden hasst Jehova mehr, als die Kinder dieser Welt. *
Das Ego
* Jedes Verbrechen wird im Namen des Egos begangen. *
Krank im Kopf
* Wer nie krank ist im Kopf, ist krank im Kopf. *
Von der Unabhängigkeit im Denken
* Ihr extravaganten Geister, wo seid ihr? *
Uniform
* Auch die Individualisten sind untereinander alle gleich. *
Von einer fiktiven Welt
* Angenommen, es gäbe auf der gesamten Welt nur einen einzigen Erwachsenen und ansonsten nur Kinder, die nie erwachsen werden würden. Hätte da der Erwachsene nicht einen besonders schweren Stand, da er genau wüßte, daß sein Wirken oder Streben niemals Früchte tragen wird? Genauso ergeht es dem differenzierten Dichter oder Schreiber, der sich von lauter Kindermenschen umgeben sieht; seine Lage ist aussichtslos. *
Im Namen des Feindbildes
* Nur wenige Menschen sind nicht bereit, im Namen ihres Feindbildes zu töten.*
Vom Herrgott und vom Püppchen
* Kann der Herrgott dem gutaussehenden und inzwischen zur Persönlichkeit gereiften Manne, der da auf der Erde wandelt, ein schöneres Geschenk bereiten, als ihm ein hübsches Püppchen, welches ihn bis zum Ende seiner Tage stützt, ergänzt und begleitet, zum Weibe zu geben? *
Aufs Maul hauen
* Haut der eine Normalmensch dem anderen Normalmenschen ordentlich aufs Maul und beobachtet dies ein dritter Normalmensch, so fragt sich dieser dritte Normalmensch nicht, was das wohl sollte. Bekommt aber auch er ein paar aufs Maul, dann fragt er sich, was das wohl sollte. *
Was soll das?
* Jehova fordert vom Menschen die uneingeschränkte Anerkennung seiner selbst als Souverän des Universums. Doch keiner verdirbt sich selbige so sehr wie er durch fortgesetztes Nichtstun. Und tatsächlich spiegelt sich Jehova in nichts wider, außer in den gemachten Dingen, die uns umgeben. *
Von der Erde
* Gott hätte das selbsttragende Kabinett des Grauens namens Erde nicht schaffen dürfen. *
Interessant
* Interessant wird es immer dort, wo einer „zurecht„ Gewalt, in welcher Form auch immer, erlitten hat, weil ich dann nämlich fassungslos vor den Rationalisierungen des Täters stehe. Oftmals sind sie „moralisch„, „ethisch„, „religiös„ oder „politisch„ motiviert, also absurd begründet. *
Wie geht das?
* Die gesamte Planzenmasse dieser Erde lebt von nur 0,03 % Kohlendioxid in der Erdatmosphäre. Erstaunlich. *
Von Ärschen
* Treffen sich zwei Menschen, halten sie einander für Ärsche. Was sie nicht wissen: Recht haben beide. *
Schizophrenie
* Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich mich der Schizophrenie nicht nahe fühle. *
Das Studium
* Allzu eitle Menschen studieren wohl nur fürs Ego, nicht aber aus dem Grunde der Bildung oder Wissenschaft. *
Die Anerkennung der Respektsperson
* Es gehört wohl zum Genie, daß es Respektspersonen und solche, die sich dafür halten, selten anerkennen wird. *
Der Weibsroboter namens Mann
* Das gutaussehende Weib weiß verdammt genau, daß sie mit dem gewöhnlichen Manne alles machen kann. Bloß an der Persönlichkeit beißt sie sich die Zähne aus, und das ärgert sie. *
Von der Kirche
* Unzählige Menschen sind im Namen der Kirche umgebracht worden. *
Das Motiv des Feminismus
* Viele derjenigen Frauen, die früher autoritär erzogen worden sind, finden sich später bei den Feministinnen wieder. *
Meine Arbeitsweise
* Diejenigen meiner Texte, die „Von der Kritik am Menschen„ heißen und welche ich heutzutage recht schnell formulieren kann, kannte ich früher bloß als dunkles Gefühl oder Vorahnung. Es brauchte dann noch etwa zehn oder fünfzehn Jahre, bis ich sie tatsächlich aufschreiben konnte. Auch heutzutage habe ich wieder Vorahnungen oder dunkle Gefühle bezogen auf das, was ich in vielleicht weiteren zehn Jahren aufzuschreiben in der Lage sein werde. Auf die künftigen Texte von mir bin ich sehr gespannt, falls ich dann überhaupt noch leben sollte. *
Es lebe das differenziert denkende Internetforum!
* Keinen einzigen meiner kürzeren oder längeren Texte konnten die Teilnehmer der Internetforen, in welchen ich meine Verse zum besten gegeben habe, sauber interpretieren! *
Welch hoher Preis!
* Das aggressivste Lebewesen dieser Erde ist zugleich dasselbe, das im Laufe der Erdgeschichte in ungeheuren Massen verreckt ist. *
Vom Prahlen
* Der Normalmann prahlt gerne mit der Summe seiner Erfolge bei den Frauen. Ich prahle gerne mit der Summe der Frauen, die ich zurückgewiesen habe oder mir vom Hals schaffen mußte. *
Vom Christen
* Am Christen ist üblicherweise nichts Christliches, er lügt und betrügt wie alle.*
Schön doof
* Unter den mir in meinem Leben begegneten Trotteln waren die promovierten die größten. Sie konnten sich kaum merken, daß ich Klaus heiße und nicht Augustin. *
Der leichte Glaube
* Daß einer schuld habe, glaubt’s sich leicht. *
Der moralische Unterschied
* Daß der Mensch schlecht ist, liegt zum einen natürlich an seiner angeborenen Freude am Schlechten, zum anderen aber auch an seiner mangelnden Fähigkeit, moralisch zu differenzieren. *
Gewaltig
* Der Umstand, daß Gott etwas solch Gewaltiges und Differenziertes wie die Sonne gebastelt hat, nur um im Vergleich dazu etwas solch Triviales wie den Menschen zu schaffen und zu nähren, wundert mich. *
Vom Wohlergehen
* Am wohlsten fühle ich mich unter sympathischen Verrückten. *
Die Vorherrschaft
* Das größte Schlachtfeld des Universums ist wohl die bewohnte Erde. Dort führen nicht nur Menschen Kriege um die Vorherrschaft über sie, sondern gemäß der Heiligen Schriften auch noch Gott und Satan. Schämen sollten sich alle drei Parteien. *
Wenn ihr wüßtet
* Abgesehen von meinem Namen sage ich nie, wer ich bin. So läßt’s sich gut beobachten. *
Das Doktorkabarett
* Die Doktoren hatten unter meinem Spott am meisten zu leiden, ich weiß es. *
Neues vom Psychiater
* Nur mein Psychiater versteht mich. *
Vom heiteren Irrsinn
* Mich wundert, daß der Mensch heiter sei, weil es doch in dieser Welt eigentlich gar nichts zu lachen gibt. Tatsächlich verhält er sich wie ein Wahnsinniger, der in den Abgrund springt, um lustig zu fallen. *
Des Genies Thesen
* Es liegt wohl im Schicksal des Genies, daß seine Thesen vom Menschen zwar verifiziert und gefeiert werden, sie bei ihm {dem Menschen} jedoch nicht zur Anwendung kommen. *
Der Akademiker
* Nur wenige Akademiker haben Talent zu ihrem Beruf. *
Hab’ ich recht?
* Genaugenommen dürfte der Pazifist nicht die Polizei rufen, wenn er bedroht wird, denn die Polizei könnte ja Gewalt ausüben. *
Kollektiv krank
* Bis heute weiß ich nicht genau, ob die Normalmenschlichkeit eine kollektive Geisteskrankheit ist oder nicht. *
Vom Erkennen
* Der Mensch glaubt, erkennen zu können. Aber schon den Umstand, daß er nicht wirklich erkennen kann, erkennt er nicht. *
Von der Wirtschaft
* Stets sucht die Wirtschaft den empfindungslosen Alleskönner für wenig Lohn.*
Von der Rechtfertigung
* Bin ich wo, bald muß ich mich rechtfertigen. *
Psycho
* Mein halbes Leben habe ich damit verbracht, mir uneinsichtige Irre vom Hals zu schaffen. Daß ich nicht selbst verrückt geworden bin! *
Von Narren
* In meinem Leben erhielt ich viele Einladungen. Doch was hatte ich bei Narren zu suchen? *
Sexuell veranlagt
* Alle Menschenartigen (homo sapiens, Gorilla, Orang – Utan, Schimpanse) sind wohl sehr sexuelle Tiere. *
Keine Sexualität
* Nach meiner Schätzung waren etwa die Hälfte derjenigen Frauen, die ich in meinem Leben kennengelernt habe, frigide oder sexuell gehemmt. *
Der Könner
* Auch die edelsten Könner eines Faches haben große Anfangsschwierigkeiten beim Erlernen eines neuen Faches. *
Der Bastler
* Genaugenommen sind die handelsüblichen Computer von heute nur etwas für Bastler, da es die Rechnerindustrie nicht geschafft hat, ihre Produkte über das Stadium des Prototypen hinaus weiterzuentwickeln. *
Der Kämpfer
* Nur ungern würde ich mich als Kämpfer bezeichnen wollen. Falls aber doch, so würde ich mich als Kämpfer in einer moralischen Sache betrachten wollen. Meine Waffe ist dabei nicht etwa das Schwert, sondern der Spiegel. Der Mensch, der sich darin sieht, erschrickt bald tief und ist für eine Zeitlang gelähmt, denn solch einem fürchterlichen Monstrum hat er noch nie gegenübergestanden. Manche lernen aus diesem Erlebnis, die meisten aber vergessen oder verdrängen bald wieder. Es sind also nur kleinere Siege, die ich erringe, aber immerhin, es bewegt sich etwas und es fließt kein Blut. *
Blind
* Keiner will die Freundschaft, doch sie hat so viel zu bieten! *
Das ist nicht viel
* Das einzig Gute an der Diktatur ist es, daß es unter ihr keine Arbeitslosigkeit und keine (Straßen)kriminalität gibt. *
Welch Schicksal
* Die ärmsten Kreaturen, die es überhaupt gibt, sind die tiefleidenden Genies. *
Vom Prager Fenstersturz
* Manche Menschen sind auch nur gut als Hauptdarsteller der Neuverfilmung des Prager Fenstersturzes. *
Die Matrone
* Ein junges Mädchen ist oft hübsch und rein anzusehen. Es gibt jedoch nichts Häßlicheres, als eine alte Matrone. *
Vom Kommunismus
* Den größten Müll, Schutt und Schrott hat in der Weltgeschichte wohl der Kommunismus hinterlassen. *
Absurd?
* Eher zweifle ich das Konkrete an, als das Abstrakte. *
Vom Verlangen
* Gibt es eine quälendere Sache, als das langanhaltende und unerfüllte Verlangen? *
Schnell, schnell
* Ich bin nun fast vierzig Jahre alt und habe in meinem Leben viele Mädchen kennengelernt, die nun, zumindest körperlich, zu Frauen herangereift sind. Die meisten von ihnen konnten es kaum erwarten, bereits in jungen Jahren zu heiraten und Kinder zu bekommen. Der Antrieb oder das Motiv hierzu sind mir bis heute gänzlich schleierhaft. *
Feierabend
* Spätestens dann, wenn man bei der Arbeit ständig auf die Uhr sieht, um zu schauen, wann endlich Feierabend ist, sollte man sich eine neue Arbeit suchen. *
Ohne Entwicklung
* Wie das Tier, so ist auch der Normalmensch kaum in der Lage, sich gegen seine Gefühle, Empfindungen oder Triebe zu entscheiden, denn hierzu bedarf es der charakterlichen Stärke und der Unterordnung unter ein höheres (geistiges) Ideal. Diese Eigenschaften aber besitzt er nicht. *
Pädagogisch wertvoll
* Gerne legt der Lehrer dem Schüler seine schlechtgeschriebene Klausur nach der Durchsicht als Beweis seiner vermeintlichen Schuld und Ekelhaftigkeit auf den Tisch. *
Des anderen Kopf
* Gerne fordert der Normalmensch des anderen Normalmenschen Kopf, aber wehe, ihm selbst wird auch nur ein Haar gekrümmt! *
Nichts
* Der nichts ist, hält am meisten von sich. *
Des Menschen Thesen
* Gerne stellt der Mensch private Thesen auf, die er dann für allgemeingültig hält. *
Welcher Professor kann diese Frage beantworten?
* Warum ist eigentlich immer nur die schlechte Wirtschaftslage stabil und nicht die gute? *
Junge Junge
* Alle Leute dürfen ihre Kinder schlagen, nur den Verbrecher, den darf keiner schlagen, sonst gibt es ein Verfahren. *
Gesunder Schlaf
* Die Statistik sagt, daß fünf Millionen Deutsche unter Schlafstörungen leiden. Zumindest am Arbeitsplatz aber kann man das nicht beobachten. *
Rekordzahlen
* Der Hass auf Arbeitslose und auch die Anzahl der Geistesgestörten haben zu unseren Zeiten ein Rekordniveau erreicht. *
Führungspersönlichkeiten?
* Wo ich gehe und stehe, sehe ich selbsternannte „Führungspersönlichkeiten„, mal mit und mal ohne Lernschwäche. *
Die Bananen schmecken auch ihm
* So sehr der Mensch seine Verwandtschaft zum Affen leugnet, so sehr verhält er sich wie letzterer. *
Unzugänglich
* Nicht nur Dummköpfe sind uneinsichtig oder unzugänglich, es sind auch viele Akademiker betroffen. *
Schnell abhauen
* Dort, wo die Destruktivität vorherrscht, also fast überall, dort werde ich nicht sein. *
Blubbersäusel
* Groß ist die Anzahl deren, die nicht deutlich, klar und zielgerichtet sprechen können. Oftmals höre ich nur „blubber blubber„, „schnabbeldiwutz„, „hennemenne„, „säuselsäusel„ „hualp“ oder ähnlich. So höre ich mich an, wenn ich kotzen muß. *
Nirgendwo
* Ein nettes Wort hört man wohl auch nirgendwo. *
Lernfähig
* Von einem geschickten Dummkopf lernt man mehr, als von einem promovierten Vollidioten. *
Übel
* Am übelsten ist der narzißtisch oft Gekränkte in verantwortlicher Position. *
Haut alle ab
* Bin ich nicht leichtlebig, amüsant und unterhaltsam, schon bin ich „out„. Mir ist’s gleich, ich will ohnehin keinen sehen, mit dem ich nicht ernsthaft reden kann. *
Geht’s gut?
* Nimmst du das Weib nicht ernst, so wird es dir gut ergehen! *
Literatur und Medizin
* Die differenziertesten Berufe sind wohl die des Schriftstellers und des Mediziners. Jetzt wird klar, warum es so viel mittelmäßige Literatur und so viele bedeutungslose Ärzte gibt. *
Verwundet
* Der Normalmensch reflektiert seine seelischen Wunden über seine Annahme, er sei besonders wichtig und bedeutungsvoll. Ich reflektiere meine seelischen Wunden über meine Texte. *
Weg damit
* Zum Niederreißen allgemein anerkannter, aber völlig falscher Dogmen bedarf es wieder einmal des Individualisten. *
Kein Unterschied
* Jede Menschenrasse hatte ihren Massenmörder. *
Von der Mitteilung
* Gesegnet seien jene, die nur wenig sagen. Erwürgt gehören solche, die gar nichts sagen. *
Vom Papst
* Der Papst erhebt Anspruch darauf, seine katholische Religion sei die einzig wahre und richtige. Grund dazu hat er, denn die Erde ist eine Scheibe und die Sonne kreist um die Erde, auch wenn diese Thesen längst revidiert worden sind.*
Vom Arbeiter und Akademiker
* Keinesfalls blicke ich auf den Arbeiter herab, da er „nur„ Arbeiter ist. Selbstverständlich respektiere ich seine mitunter schwere und mühsame Tätigkeit, bloß um seine Familie zu ernähren. Aber genauso will ich des Akademikers Arbeit nicht überbewerten, denn allzu oft krachen des Konstrukteurs Brücken ein, allzu oft sind des Arztes Diagnosen abenteuerlich und allzu oft ist des Pädagogen Wissen zweifelhaft. *
Von der Ärztekammer
* Ein Arzt muß dem Patienten bei der Diagnose der Mandelentzündung schon beide Beine absägen, damit die Ärztekammer endlich schaltet und dem Chirurgen die Approbation entzieht. *
Der Patient hat die Staupe! Schnell ins Krankenhaus!
* Gehe ich zum Arzt, und stellt dieser eine Diagnose, so ist mein erster Gedanke stets, ob diese Diagnose wohl stimmt. *
Da hilft nür lüften
* Diejenigen Menschen, die mich ständig wegen meiner nervösen Winde verurteilen, pupsen auch nicht übel! *
Schlechte Philosophie
* Anlagebedingt hat der Mensch kein besonders großes Problembewußtsein. Dieser Umstand ist die Ursache für die außerordentlich schlechte Philosophierfähigkeit desselben. *
Der Vernunftsmensch
* Besonders übel ist’s mit dem Vernunftsmenschen, denn er würgt aus Überzeugung, sollte ihm dies vernünftig erscheinen. *
Tief
* Gehe ich tief in mich, und dazu habe ich ein gewisses Talent, resultieren daraus recht gute Gedanken und Texte. Saufe ich dabei, gehe ich noch viel tiefer, so daß ich bald vom Stuhl fliege. Nachdem ich mit ein paar blauen Flecken wieder aufgestanden bin, schreibe ich hevorragende Texte. *
Vom Traume
* Jeder Traum ist wohl als eine Art Halluzination im Schlaf zu erachten. *
Hä?
* Bei nichts wird der Mensch aggressiver, als wenn er einem etwas erklärt und dieser es fortgesetzt nicht versteht. *
Technisches
* Meistens sind es die Lehrer der technischen Fächer, die die Persönlichkeit des Schülers nicht deuten können. *
Mäßig
* Mit den Intellektuellen ist es wie mit anderen Menschen auch: Im allgemeinen sind sie mäßig, im Berufe mittelmäßig und im besonderen saumäßig. *
Profund
* Auch der profund Ängstliche ist nach außen hin profund Supermann, zu groß ist seine Angst, ausgelacht zu werden. *
Vom autonomen Nervensystem
* Ständig ist mir vegetativ übel. Aber wenn ich in die Tiefe der menschlichen Seele schauen kann, bleibt mir wohl auch nichts anderes übrig. *
Vom Dressieren
* Blicke ich auf mein Leben zurück, erkenne ich bald, in welchen erpresserischen Knechtschaften ich mich einst befunden habe und welche Druckmittel es dabei im einzelnen gegeben hat:
- Die Kindheit – Druckmittel: Von der Umwelt akzeptierte häusliche Gewalt.
- Die Schulzeit – Druckmittel: Zensuren, psychische Gewalt und Drohungen.
- Die Militärzeit – Druckmittel: Psychische Gewalt, Haftstrafen und Drohungen.
- Die Lehr – oder Hochschulausbildung: Kompromittieren und Sechsengeben. *
Mutter läßt es krachen
* Zur Abendbrotzeit schaue ich schon einmal fern. Die Werbung zu dieser Uhrzeit ist meist eine medizinische, so daß unter anderem Werbung für Abführmittel zu sehen ist, damit Mutter auch morgen noch feste krachen kann. Bei dieser Vorstellung vergeht mir zumeist der Appetit, auch wenn die Darstellerinnen stets saubergewaschen sind und weiße Zähne haben. *
Gleiches Aussehen
* Die meisten Gewaltverbrecher haben ein auffällig ähnliches Gesicht. *
Von Kindern
* Alle Menschen dürfen, zumindest in unserem Lande, Kinder bekommen und auch erziehen, auch solche Menschen, die es mit ihren Kindern überhaupt nicht gut meinen und von der Kindeserziehung nicht das mindeste verstehen. *
Erlebtes schlecht verdaut
* Die Depression ist die Übelkeit der Seele. *
Fruchtbar
* Am fruchtbarsten sind jene, die nur Scheiße zu vererben haben. *
Knifflig
* Die besten Gedanken kommen mir meistens erst nach einer kniffligen Situation. *
Habilitiert und schlecht
* Der moralische Schwachsinn zieht sich bis in die höchsten Intellektuellenkreise. *
Von Nutten
* Die ersten, die merken, daß ein lieber Junge ein lieber Junge ist, sind die Nutten. *
Gut für meine Texte
* Unterhalte ich mich mit einem Menschen, so gibt er, ohne es zu wissen oder zu ahnen, viel von sich preis. Zu viel preis. *
Kann man die Welt objektiv definieren?
* Das selbständige Denken ist mir auf keiner Schule vermittelt worden, obwohl es sehr wichtig gewesen wäre, daß die Lehrer mich und die anderen Schüler dazu angeregt oder ein verständliches Beispiel dafür gegeben hätten. Ich mußte mich selbst dazu ermuntern, denn ohne eigenes Denken ist eine auch nur annähernd objektive Darstellung der Welt, befreit von allen dogmatischen Durchseuchungen, unmöglich. *
Von Weihnachten
* In der Vorweihnachtszeit tun die Menschen so, als stünde das große Glück unmittelbar bevor. In der Weihnachtszeit tun sie so, als sei das große Glück nunmehr erreicht oder eingetroffen. Worin aber besteht das große Glück eigentlich? *
Wichtig
* Eine Leserin meiner Texte unterstellte mir einst, mein Denken sei von einer schweren Ernsthaftigkeit geprägt. Ja, und ist ihre Welt, in der nichts wirklich wichtig ist, wirklich besser? *
Von Bekanntschaftsinseraten
* Die schwierigsten Frauen sind solche, die man über die Zeitung kennenlernt. *
Die egozentrische Verblödung
* Die Psychologie und Psychiatrie definieren mehrere Sorten von Verblödung. So sind etwa die epileptische oder schizophrene Spätverblödung für diese Wissenschaften nichts Neues und recht gut dokumentiert. Vergessen aber haben sie die verächtlichste Form der Verblödung: Die egozentrische Verblödung nämlich, bei der der betroffene Mensch am Ende nicht mehr zwischen subjektiv und objektiv, Recht und Unrecht, Moral und Unmoral unterscheiden kann. *
Ein Orgasmus ist nichts
* Die Aggression ist es wohl, die beim Menschen den größten und auch am meisten befriedigenden Trieb darstellt. *
Die zweifelhafte Erläuterung
* Wenn sich zwei Normalmenschen mit ihren typischen Minderwertigkeitsgefühlen begegnen, erläutern sie sich gegegnseitig, warum die Welt nicht auf sie verzichten kann. *
Eine Irre als Pflegerin?
* Die Auswahl an Schwestern in psychiatrischen Krankenhäusern ist zum Teil höchst ungeschickt. So hat beispielsweise die typisch egozentrisch irre Frau dort als Krankenschwester nichts verloren. Auch hier merken die Psychiater wieder einmal nichts, wie alle Ärzte oder Fachärzte. *
Gebt acht!
* Nichts fällt dem Menschen schwerer, als achtzugeben oder aufzupassen. *
Au backe
* Es ist wunderlich: Verspürt der Mensch eine schwere Einsamkeit, tut er alles, ihr zu entfliehen. Ist er wieder zweisam oder mehrsam, lehnt er wie gehabt alle anderen Menschen ab. *
Von Fielmann
* Daß es einem schlecht ergehe, ist nicht zu erkennen, bloß weil er es nicht explizit sagt, nein? Die Brillen gibt’s bei Fielmann. *
Sie gleichen sich
* Mit den Intellektuellen ist es wie mit Proleten: Sie sind von Ihrer absurden Sache überzeugt. *
Die Ausschlußdiagnose
* Stellt sich in bezug auf einen anderen Menschen die Frage nach der Ursache seines scheinbar fehlerhaften Handelns und liegt diese nicht unmittelbar auf der Hand, so bedient man sich gerne der Ausschlußdiagnose. Auf diese Weise entstehen leicht Simulanten, Faule, Bescheuerte, Bummelanten, Lügner und Schwerverbrecher, bloß deshalb, weil man die subjektiven Motive des anderen, die im einzelnen vielleicht sogar recht ehrenwert gewesen sein mögen, von vornherein, da sie einem wegen ihrer Subjektivität einfach nicht in den Sinn gekommen sind, ausschließt. *
Von der Hoffnung
* Gibt es keinen Gott, so gibt es keine Hoffnung. *
Wer einmal aus dem Blechnapf frißt
* Einmal Verbrecher, immer Verbrecher. *
Was ist an ihm?
* Der Verbrecher hat immer eine Freundin. Der liebe Junge nicht unbedingt. *
Von Adam und Eva
* Der Mensch ist von Natur aus nicht zur Persönlichkeit bestimmt. Die Frau ist hiervon mehr betroffen, als der Mann. Es scheint also, als werde die Unpersönlichkeit zumindest zum Teil geschlechtsverbunden vererbt. Ist dies ein Rudiment aus den Tagen Adams und Evas? *
Das Seebeben
* Erst jetzt, nach dem Seebeben und seinen 200000 Toten in Asien, sagen auch andere, Gott solle sich warm anziehen, wenn er erscheine. *
Jetzt wißt ihr’s
* Was, ich bin ein asozialer Säufer? Und warum ich saufe? Wißt ihr es wirklich nicht? Damit ich euch besser aushalten kann! *
Ganz schön viele
* Sie vermehrten sich, und sie vermehrten sich, also wurden sie viele. Aber wissen tun sie nichts. *
Wissenschaftliches
* Vielleicht war ich in meinem Leben kein guter Schüler, zumal der Unterricht und die Vorlesungen, die ich in jungen Jahren genossen habe, von den Professoren recht starr, unflexibel und dogmatisch abgehalten wurden. Aber ich habe stets aus meinen Fehlern, die auch ich zweifelsohne in meinem Leben begangen habe, gelernt. Lernt man aus seinen Fehlern, setzt dies aber natürlich voraus, daß man diese zunächst zur Kenntnis nimmt und vor sich selbst zugibt. Genau hier aber hakt es besonders bei den Intellektuellen; dieselben Fehler werden immer wieder begangen, da es an Einsicht, Zweifel und Bescheidenheit mangelt. Die meisten Wissenschaftler sind also keine guten Wissenschaftler. *
Der Lektor
* Bei den meisten Lektoren ensteht rasch der Eindruck, daß sie des Lesens kaum fähig sind. Führte ich einen womöglich namhaften Verlag, würde ich aus diesem Grunde, aber auch aus dem Umstand heraus, daß ohnedies 99,99 Prozent aller Manuskripte wegen der Flut an Manuskripten zurückgeschickt werden müssen, bestenfalls einen Umtüter einstellen; das spart massiv Kosten. *
Hmm, lecker!
* Immer dann, wenn die Statistiker wieder einmal eine Wahrscheinlichkeit von beispielsweise nur 1 : 150000000 ausgerechnet haben, hagelt es noch am selben oder spätestens am nächsten Tage gebratene Enten. *
Der legale Überfall
* Der Überfall, der eine Summe Geldes fordert oder die Gesundheit, das Leben oder die Rechte anderer bedrohen, ist selbstverständlich bei Strafe verboten. Fast alle Vorgesetzten oder Erziehungsberechtigten dieser Welt scheinen sich aber nicht daran zu halten. So überfällt der Meister gern den Gesellen oder Lehrling in der Weise, daß er wütend und schreiend auf sie zurennt, bloß weil er mit deren Arbeitsleistung nicht zufrieden ist. Gern überfällt der Lehrer den Schüler mit der Rückgabe einer schlecht geschriebenen Klassenarbeit, mit der er ihn verhöhnt. Gern schlagen vulgäre Eltern ihre Kinder, bloß weil diese mit nassen Hosen nach Hause gekommen sind. Noch einmal: Der Überfall ist bei Strafe verboten, aber wenn es sich dabei nicht um einen strafrechtlich faßbaren Fall handelt, ist der Überfall ein häufig und gern angewandtes Mittel der Repression. *
Hinfort!
* Je egozentrischer oder ichbezogener ein Mensch ist, desto schneller und vehementer resultiert daraus seine Ablehnung des anderen; eine abweichende Meinung mag hier bereits ausreichen. *
Psychologie und Physik
* Die Physik ist eine hübsche Wissenschaft. Sie beobachtet und beschreibt die Welt und das Universum in technisch – mathematischer Weise und leitet daraus Formeln und Gesetze ab. Sie dient also der technischen Wahrnehmung der Umgebung und hat somit natürlich einen gewissen Stellenwert. Die Psychologie hingegen befaßt sich mit dem Menschen und seinem Verhalten. Da dieser zumindest seine nähere Umwelt in viel größerem Maßstab beeinflußt, als es die Physik mit ihren unveränderlichen, fast langweiligen Gesetzen tut, ist der Psychologie die größere Aufmerksamkeit zu schenken. Versteht man die Psychologie des Menschen, versteht man die Welt besser, als es die Techniker können, die schon wieder einen Furz nachgewiesen haben, dessen Existenz ohnedies bereits bekannt war. *
Militant
* Immer dann, wenn man den subjektiven Idealen oder Meinungen des Humanisten, Christen oder Pazifisten widerspricht, reagieren diese seltsam militant. *
Die Schimäre
Oft sehe ich, daß der in seiner Jugend narzißtisch oftgekränkte Mensch wähnt, sollte er, wie es ihm in seiner Vergangenheit ja fortlaufend suggeriert wurde, schon keinen unmittelbaren, edukativen, intellektuellen oder sozialen Wert verkörpern, so sei er doch sensibler, schöner, reicher, sportlicher oder ethisch besser, als andere Menschen. Teilt man ihm nun glaubhaft mit, ja, kann man ihm sogar beweisen, daß auch seine Gedanken bloß ein Zerrbild der Realität sind, so schmerzt es ihn ungeheuerlich.
Pervers
* Die meisten Lehrer oder Erzieher sollte man dazu zwingen, sich in einer Talkshow namens „Was bin ich für ein Perverser?„ zu outen. *
Gottvertrauen
* Viele Gläubige meinen, Gott werde es schon richten. Daß das nicht stimmt, zeigt die Realität gründlich. *
Der Zeuge Jehovas
* Treffe ich einen Zeugen Jehovas, sprudelt aus ihm die schwere Überzeugung. *
Das sinnvolle Vergessen
* Persönlichkeit bedeutet, das Ego und aufgeprägte Scheinwerte zu vergessen. *
Die tiefe Liebe
* Die tiefe Liebe zwischen Mann und Frau ist wunderschön. Schade, daß es sie nur im Kino gibt. *
Wirklichkeit und Transzendenz
* Es ist die Welt zwischen Wachen und Schlafen, die ich ganz gut erläutern kann. *
Der gute Schreibstil
* Der gute oder sehr gute Schreibstil bedeutet nichts anderes, als Reinheit und Eleganz im Schreiben. *
Die Arbeitgeber werden immer frecher
* Ich kann mich nicht erinnern, daß ich auch nur auf einer einzigen Arbeitsstelle nicht irgendwann mit Kündigung bedroht worden wäre, für den Fall, daß der Chef seinen Maximalgewinn oder meine unbedingte Dienerschaft gefährdet sah.*
Klaus macht das schon
* Da ich ein lieber Junge bin, bin ich selbstverständlich bereit, dem einen oder anderen einmal einen Gefallen zu tun, und das ganze natürlich unentgeltlich. Gerade in letzter Zeit aber klingelte bei mir pausenlos das Telefon; ständig klingelte es an der Tür, alle wollten von mir einen Gefallen erledigt wissen. Am Ende mußte ich mich der zahlreichen Zugriffe erwehren, und dann folgte das, was folgen mußte: Die vielfache moralische Verurteilung meiner Wenigkeit. *
Unmündig
* Mündig zu sein bedeutet, die eigene Psychologie zu kennen und in diese, falls nötig, korrigierend einzugreifen. Die eigene Psychologie aber bleibt dem Menschen zumeist verborgen, dementsprechend bleibt seine Unmündigkeit fortgesetzt erhalten. *
Der Skatspieler
* Gerne beschimpfen sich die Skatspieler gegenseitig als blöde. *
Undeutlich
* Viele Lehrer können nicht deutlich machen, worum es in ihren Fächern eigentlich geht.*
Das Superzeugnis
* Ein Zeugnis mit lauter Einsen zu bekommen, ist eine denkbar schwierige Aufgabe. Ein Zeugnis mit lauter Sechsen zu bekommen, ist noch schwieriger. Zumindest in letzterem Punkt habe ich total versagt. *
Tod dem Schnupfen!
* So mancher Mediziner hat im Laufe der Jahrzehnte den Nobelpreis bekommen. Mal war er dafür, daß der Arzt einen biochemischen Mechanismus entdeckt hat, mal war er dafür, daß der Arzt an Antibiotika geforscht hat, oder er war dafür, daß der Arzt für irgendein Leiden eine neue, vielversprechende Behandlungsmethode entworfen hat. Den Supernobelpreis aber gebührt demjenigen Mediziner, der uns alle und für immer endlich, endlich von den Niagarafällen befreit. Ha ha ha hatschiiii!!! *
Vom Leben
* Das Leben bereitet einem bloß Mühe, und viele existentielle Fragen bleiben völlig unbeantwortet. Wer dies erkennt, ist klug, aber diese Erkenntnis macht einem das Leben auch nicht gerade erträglicher. *
Prägbar
* Wäre Gott prägbar wie der Mensch, wäre er übel wie dieser. *
Frauenfeindlich?
* Von den vielen Frauen, die ich in meinem Leben kennengelernt habe, hatte keine einzige etwas wirklich Wichtiges oder Wesentliches zu sagen. *
Ausgeglichen
* Ärzte und Patienten stehen sich oft in feindlichen Lagern gegenüber. Die Mediziner beklagen sich oft über die Distanzlosigkeit ihrer Patienten, und damit haben sie bestimmt recht. Die Patienten hingegen beklagen sich oft über die Erfolglosigkeit ihrer Ärzte; auch sie haben recht. *
Schlimme Sache
* Selbstverständlich wünsche ich keiner Frau auf der Welt, jemals in ihrem Leben vergewaltigt zu werden. Doch muß ich feststellen, daß solche Frauen, die eben doch vergewaltigt worden sind, zum Sex fortgesetzt nicht mehr zu gebrauchen sind. *
Hätte er doch ein anderes Fach studiert
* Gerne betrachtet der Psychiater einen neuen Patienten als langweiligen Standardfall (Depression, Ängstlichkeit, nervöse Beschwerden et cetera). Daß der Patient aber möglicherweise klüger als der Arzt selbst ist, darauf kommt er im Leben nicht. *
Ich freu’ mich schon
* Es möge der Tag kommen, an dem erfolglose Ärzte in einer Reihe durchgeohrfeigt werden. *
Mitschuld
* Daran, daß es frauenhassende Männer gibt, dürften die Frauen ein wenig mitschuld sein. *
Da ist noch keiner drauf gekommen
* Deutschland ist ganz einfach schuldenfrei zu bekommen: Man übertrage simpel alle Schulden der Republik, diese dürften sich wohl auf über eine Billion Euro belaufen, auf mich. Somit wäre der Staat schuldenfrei und ich würde einfach nicht zahlen, weil ich es natürlich nicht könnte. Genial einfach. *
Bianca
* In den Vorabendprogrammen der verschiedenen Fernsehsender laufen oft langweilige Billigproduktionen. So handelt es sich beispielsweise bei der neu produzierten Serie „Bianca„ im ZDF um einen inhaltslosen Softporno. *
Begabt
* Der höchstsensible Mensch, der dazu noch sprachbegabt ist, wird, sofern die Verlage endlich einmal mitspielen, ein guter Dichter werden. *
Geld
* Geld ist nichts anderes, als auf Papier gespeicherte Arbeits – und Materialleistung. *
Doof?
* Die Doofköpfe merken mitunter mehr, als ich es von vornherein angenommen hätte. *
Vom Strafgesetz
* Der Mensch muß leider zur Moral gezwungen werden, freiwillig übt er sie nicht aus. Das pure Vorhandensein der Strafgesetzgebung zeigt dies deutlich. *
Das subjektive Ideal
* Begegne ich dem Menschen, so teilt er mir bald mit, ich hätte mich an seinen subjektiven Idealen, die er natürlich für objektiv hält und welche im einzelnen recht irrational und kleinkariert sein können, versündigt. Daraus wiederum resultiert bald die mir nicht unbekannte Ablehnung meiner Person. *
Der psychologische Parameter
* Die Subjektivität und Gesamtpersönlichkeit eines Menschen zu einhundert Prozent zu erkennen, ist nicht möglich. Es gibt bei ihm einfach zu viele Parameter, die zwar gesetzt, aber aufgrund ihrer Subjektivität nichr klar erkennbar sind. Die besten Psychologen versagen hier. Wirklich erkennen kann nur derjenige, der seine Parameter und Schalter auf dieselbe Stellung gesetzt sieht, wie genannter Mensch. *
Von Medikamenten
* Die meisten Medikamente, die es auf dem Markt gibt, sind nur eingeschränkt wirksam oder gar nicht wirksam. Die Patienten merken dies natürlich, nur die Ärzte, die merken dies natürlich nicht und verschreiben fleißig weiter. *
Schicksal oder nicht?
* Ich glaube nicht an eine Art Schicksal, aber an eine Art erbliche Disposition, die den Menschen in seiner körperlichen und seelischen Erscheinungsform in wesentlichen Teilen ausmacht. Aber auch hier könnte man sich überlegen, ob die erworbene Erbkombination nicht schon wieder etwas mit Schicksal zu tun hat. *
Die profunde Blamage
* Nichts fürchtet der Verbrecher mehr, als eine Situation, die er wegen der Aussichtslosigkeit seiner Gewaltandrohung – andere Mittel kennt er kaum – nicht verhindern kann und in welcher man ihm seine Angst, beispielsweise in einem Gerichtsverfahren, ansieht. *
Das Fallbeil
* Erst, wenn er vor der Guillotine steht, empfindet der Verbrecher ein leichteres Unbehagen und einen leisen Zweifel. *
Undifferenzierte Auslese
* Die Auslese der Frau in bezug auf die Männerwelt ist oftmals unklug und recht grobmaschig. Gerne verlangt sie nach irgendeinem Manne, der dann eigentlich nur noch in ihre körperliche Idealvorstellung passen muß; bald bekommt sie ihn. Erst nach ein paar Jahren der Ehe stellt sie fest, wer er wirklich ist und läßt sich dann wieder scheiden. *
Die Angstidentifikation
* Ein altes Motiv beim Menschen ist unter anderem die Angstidentifikation. Nicht nur Geiseln bei einem Banküberfall oder Ehefrauen aggressiver Männer stimmen der jeweiligen machtausübenden Person zu, sondern die Angstidentifikation zieht sich sogar bis in höchste politische und religiöse Kreise, in denen bedrohlich auftretende radikale Gruppierungen oder ein Gott als gewaltiger Übervater ängstlich anerkannt werden. *
Die Zugabe
* Mit der Zugabe eines Fehlers assoziiert der Mensch die Zugabe, er sei ein geringerer, als er es gerne hätte. Also gibt er keinen Fehler zu. *
Leichte Beute
* Je dümmer ein Mann ist, desto einfacher ist er für eine Frau zu haben. *
Stehfix
* Wenn „Viagra„ nicht „Viagra„, sondern „Stehfix„ heißen würde, würde es wohl kein Mann kaufen. *
Talent zum Geist
* So ziemlich jedes bescheuerte Fach kann man wohl an einer Universität oder Hochschule studieren. Nur den Geist, den kann man nirgendwo studieren. Das bedeutet viel Eigenarbeit. Welch schwieriges Studium! *
Denn sie wissen nicht, was sie tun
* Sei der Mensch gescheit oder nicht: Die Aggression nach außen und die Empfindlichkeit nach innen, was er offenbar nicht richtig erkennen kann, liegen in seinen Genen begründet, welche er sich natürlich nicht selbst ausgesucht hat. Dieser Umstand mag ihn in gewisser Weise entschuldigen, wenn auch nicht von jeder Schuld freisprechen. *
Ich weiß auch nicht alles
* Neulich hörte ich, das Genre des Aphorismus’ soll wohl das schwierigste aller Prosagenres sein. Ist mir noch gar nicht aufgefallen. *
Klammer auf die Nase und zupacken
* Sich gegenseitig aus der Scheiße zu ziehen, ist ein hoher Wert. Dieser Wert wird auch Freundschaft genannt. *
Kein Aktivist
* Keinesfalls bin ich ein Aktivist, bloß bin ich ein Beobachter. *
Intelligenz kontra Erfahrung
* Vor allem aber ist es die Erfahrung, die den Könner ausmacht. *
Ermüdend
* Dummköpfen und Intellektuellen muß man alles sagen. *
Genau
* Gleich, woher der Mensch nun stammt, aus dem afrikanischen Urwald oder aus dem Garten Eden: Nichtzugänglich ist er in jedem Fall. *
Unzufrieden
* Es soll doch Menschen geben, die ihr ganzes Leben lang unzufrieden waren. *
Vom Aberglauben
* Ist der christliche Glaube ein Aberglaube? *
Seltsam
* Frauen sind entweder beleidigt oder haben Migräne. *
Das Klima kippt um
* Ein Winter unter fünfzehn Grad Plus ist in Nordeuropa wirklich ein außergewöhnlich kalter Winter. *
Von der Aufklärung
* Laut Immanuel Kant ist die „Aufklärung„ die Herausführung des Menschen aus seiner selbstverschuldeten „Unmündigkeit„. Die „Unmündigkeit„ wird hierbei definiert als Unvermögen des Menschen, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Ganz bestimmt hat Kant mit dieser Philosophie recht gehabt, jedoch hätte er bedenken müssen, daß der Mensch nicht belehrbar oder läuterbar ist; sein Streben war daher leider vergebens. *
Vom Selbstbewußtsein
* Das Selbstbewußtsein des Normalmenschen, sollte es gerade vorhanden sein, stammt gewöhnlich aus seiner angeborenen Arroganz und aus seiner geringen Hemmung im Denken und Handeln, nicht jedoch aus dem Umstand heraus, daß er tatsächlich edel oder vollkommen wäre. Mein Selbstbewußtsein, sollte es gerade vorhanden sein, stammt gewöhnlich aus meinen komplizierten psychologischen Überlegungen, die mir sagen, wer ich wirklich bin und wer der andere wirklich ist und welche die Widerlegung des arroganten, ichbezogenen Arguments zum Ziele haben. Sollte mein Gegenüber allerdings überhaupt nicht zugänglich sein, so erkenne ich dies bald und gehe einfach weiter. Das psychologische Selbstbewußtsein ist harte Arbeit, das arrogante eine ererbte und somit leicht anzuwendende Arbeit mit anschließendem irrationalen Glücksgefühl.*
Referenzlos
* Frauen sind zumeist referenzlos. *
Der Privatfaschismus
* Die Faschisten sind bekannt dafür, daß sie nur eine einzige Meinung kennen, nämlich die eigene, die eigene radikale. Diese hat die Ermordung Andersdenkender und Minderheiten zum Ziele, ferner das Anzetteln von Kriegen. Diese Absichten sind ohne jeden Zweifel übel, sehr übel sogar. Da aber so gut wie jeder Mensch nur seinen eigenen Thesen folgt und andere gar nicht erst hören möchte, sei festzuhalten, daß es sich auch bei diesem Umstand um eine Art (milderen) Faschismus handelt, um einen Privatfaschismus nämlich. Der Faschismus ist politisch organisiert, der Privatfaschismus genetisch. *
Arroganz
* Vieles ist verboten, nur die Arroganz, die ist nicht verboten, obwohl sie so viel Schaden anrichtet. *
Nanu
* Gerne wähnt der Doktor, sein Wort zähle etwas. *
Ein anonymer Telefonanschluß ist vorteilhaft
* Viele von denjenigen, die bei mir anrufen, können nicht sagen, was sie eigentlich wollen. *
Der verschwiegene Titel
* Will man jemanden zum Lachen bringen, so muß man nur glaubhaft einen Dummkopf spielen. *
Unfähig
* Männer sind zur Freundschaft nicht fähig, und auch Frauen sind zur Freundschaft nicht fähig, ich schrieb oft darüber, ich weiß es wohl. Warum also sollte ich annehmen, daß verschiedene Geschlechter zur Ehe fähig sind? *
Von Köchen
* In welcher Kantine oder in welchem Imbiß ich auch stehe, ständig stecken sich die Köche ihre Finger in den Mund. *
Sondermüll
* Medikamentenreste gehören selbstverständlich nicht auf den Hausmüll, sondern zurück zum Apotheker und somit letztlich auf den Sondermüll. Und ein solches Zeug soll ich schlucken? *
Ohne ihn geht’s nicht
* Der von der Medizin meistverteufelte Stoff ist der Alkohol. Wo aber wäre die Weltliteratur heute, wenn es unter den Schreibern keinen einzigen Schluckspecht gegeben hätte? *
Von der Stimmung
* Mit der seelischen Verfassung gehen die Gedanken Hand in Hand. *
Gelehrt?
* Kaum ein Gelehrter tritt als solcher auf, bloß handelt es sich bei ihm um einen promovierten Normalmenschen. *
Pathologisch
* Normalerweise merke ich, wessen Seele krankhaft veranlagt ist; es sind, nebenher bemerkt, recht viele. *
Ich hör’ nicht hin
* Begegne ich dem Normalmenschen, bald nennt er mir seine Forderungen. *
Die Jungfrau
* Ich habe schon Frauen kennengelernt, welche ihr ganzes Leben lang alle um sie werbenden Männer abgelehnt haben. *
Meine Aufgaben
* Im Laufe meines Lebens stellte mir der Mensch viele Aufgaben. Interessante waren nicht darunter. *
Das Schulzeugnis
* Das Zeugnis ist nicht immer die objektive Refelexion der Leistungen des Schülers. Nicht selten ist es die Reflexion der Rache der Lehrer. *
Freundschaft und Psychoanalyse
* Ein kluger Freund versteht seinen Kameraden besser, als ein guter Psychoanalytiker. *
Sprache und Musik
* Mit der Sprache ist es genauso wie mit der Musik: Während der eine Redner nur grunzen kann, kann der andere das Unmögliche ausdrücken. Und während der eine Komponist nur stumpfsinnige, molodie – und inhaltslose Musik zusammenstellen kann, ist des anderen Musik von großer Reinheit, Folgerichtigkeit und Schönheit. *
Wer hat recht?
* Wenn man jeden hört, hat jeder recht. *
Ungünstig
* Nur sehr wenige Frauen sind bereit, um einen Mann ihrer Gunst zu kämpfen. *
Ohne Bedeutung
* Weiber heulen schonmal. Das bedeutet gar nichts. *
Die Prüfung
* Die bestandene schwierige Prüfung sagt über die Persönlichkeitsstruktur oder Reife des Prüflings nichts aus. *
Weiser
* Weiser geworden zu sein, bedeutet immer, die noch in der jüngeren Vergangenheit subjektiv als richtig eingestuften Werte durch neuere, besser durchdachte Werte zu ersetzen. *
Der Schachspieler
* Gegen einen guten Spieler über mehrere Stunden Schach zu spielen, ist harte Arbeit. *
Der liebe Junge
* Mitunter aber treffe ich noch einen lieben Kerl unter den Menschen; dann scheint mir, es sei nicht alles verloren. *
Von Rhythmen und Regeln
* Spätestens dann, wenn man in einem neuzulernenden Fach einen Rhythmus oder eine Regelmäßigkeit erkannt hat, weiß man, womit man es zu tun hat. *
Gehirn und Computer
* Einen sehr guten Computer zu bauen, ist ohne Zweifel eine schwierige Aufgabe. Das Gehirn einer Kreatur aber wächst nach der Zeugung einfach so heran. *
Der Autist
* Ein Autist ist einer, der sich für überhaupt nichts interessiert. Ich bin also nur von Autisten umgeben. Schnarch schnarch…….*
Verkehrte Welt
* Der Normalmensch schafft sein Studium, der Individualist den Nobelpreis. *
Blutrausch
* Durch die Bibel zieht sich eine Blutspur von der Schöpfung bis zur Apokalypse. *
Ohne Wertvorstellung
* Erwarte ich einen vermeintlichen Dummkopf oder erwarte ich einen vermeintlichen Intellektuellen, reagiere ich in beiden Fällen gleich: Ich schau’ ihn mir einmal an. *
Der Terror geht weiter
* Einst litt ich an einer Prostatitis, und es ging mir wirklich schlecht. Bald wandte ich mich an Professor Hastig, der schlief den ganzen Tag. Dann gelangte ich zum Vollstrecker, dessen Untersuchung nicht erträglich war. Am Ende landete ich bei Doktor Taugenichts, der die Wahnvorstellung hatte, die Apotheke Gottes werde es schon richten; ich erhielt nur unwirksame pflanzliche Präparate. Ein unpromovierter und pfiffiger Urologe, der am Ende neu in die Stadt gekommen war, hatte es schließlich geschafft und mich von meiner Krankheit erlöst; sonst würde ich wohl auch nicht mehr unter euch weilen. Dauer: Vier Jahre! *
Der erfolgreiche Lehrer
* Guten und konstruktiven Unterricht kann man wohl nur dann geben, wenn einer oder mehrere wirklich etwas wissen wollen, alles andere hat keinen Sinn. *
Das beschränkte Genie
* Das Genie aber versteht sich zumeist nur auf ein einziges Fach, wenn auch auf hervorragende Weise. Desweiteren aber kann es recht beschränkt sein, wie alle anderen Menschen auch, ansonsten handelte es sich bei ihm ja um ein Universalgenie. Das Universalgenie hingegen trifft man natürlich noch seltener an, als das Genie. *
Das Buch
* Ein Buch lesen und es scheiße finden, kann ein jeder Dummkopf. *
Nett, nett
* Für gewöhnlich ist der Mensch nur dann nett, wenn er es muß, beispielsweise beim Chef. *
Die Sprache des Menschen
* So ist es halt mit dem Menschen: Wo es nichts Wichtiges zu sagen gibt, da redet er den ganzen Tag, und wo es wichtig wäre, ein klares Wort zu formulieren, dort schweigt er töricht. *
Von der Antwort
* Eine befriedigende Antwort zu geben, ist der Normalmensch für gewöhnlich nicht bereit. *
Die Beurteilung des Sachverhalts
* Oftmals wurde ich weggeschickt als einer, der dies ohnehin nicht beurteilen könne, auch dann, wenn ich einen Vollidioten vor mir hatte. *
Die neue Kollektion aus Frankreich ist da
* Viele Frauen lassen sich auf die Größe Ihrer Büstenhalter reduzieren. Für den Dummkopf ist das etwas. Was mich betrifft: Nichts wie weg! *
Man muß abwägen können
* Hole ich mir eine Frau ins Haus, ist der Ärger mit ihr oftmals größer, als die Sache wert ist. *
Von der Leidenschaft
* Eine Leidenschaft zum Berufe machen zu können, ist ein Privileg und ein wesentlicher Schritt zum Glück. Wohl dem, der das schafft. *
Nicht wirklich
* Die meisten Menschen halten sich für außerordentlich bedeutsam. Doch höre ich ihr Geschwafel, oder lese ich ihre Texte, so wird mir übel. *
Werbung ist zumeist saudoof
* Immer wenn ich Hunger habe, esse ich einen Snickers. *
Kein Abitur
* Der eigene Gedanke ist nicht abiturkompatibel. *
Der Bioroboter
* Nicht Herr der eigenen Seele zu sein, bedeutet immer, ein erblich projiziertes Programm des Narzißmus’, ungeachtet aller Einwände, abzuarbeiten. Dies macht den betreffenden Menschen bloß zu einem Bioroboter, nicht aber zu einem objektiv denkenden Menschen. Die meisten Menschen sind hiervon betroffen und merkem es nicht. Die Facetten des Narzißmus’ sind sehr reichhaltig und spiegeln sich in tausend Kleinigkeiten wider, die ich mit schöner Regelmäßigkeit zumindest unterschwellig wahrnehmen kann. *
Nicht besonders
* Spreche ich mit dem Menschen, so fehlt es ihm einfach an Größe. Er befindet sich im Korsett der Kleinkariertheit und des Schubladendenkens. An ihm ist einfach nichts Besonderes. *
Zitat von Georg Christoph Lichtenberg
* „Es ist eine Frage, welches schwerer ist: Zu denken oder nicht zu denken. Der Mensch denkt aus Trieb, und wer weiß nicht, wie schwer es ist, einen Trieb zu unterdrücken. Die kleinen Geister verdienen also wirklich nicht die Verachtung, mit der man ihnen nun in allen Landen zu begegnen anfängt.„
Kommentar von mir: Herr Lichtenberg, die kleinen Geister, wie Sie sie nennen, verspüren keinen Trieb zu denken, daher sind sie Kleingeister. Die breite Masse hingegen verspürt immerhin den gelegentlichen Trieb zu denken, das reicht dann bis zu einfachen Tätigkeiten. Die geniale Höchstleistung aber gebührt dem Individualisten, der nicht nur mit dem Trieb, sondern sogar mit dem Zwang zu denken daherkommt. So ist es richtig. *
Wie gut, daß keiner weiß, daß ich in Wirklichkeit blöde bin
* Die Intellektuellen spielen zuhauf bloß in der Kreisklasse, keinesfalls aber in der Bundesliga. *
Altes Motiv
* Auch bei gescheiterten Ehen spielt der Egoismus des einzelnen wieder einmal eine zentrale Rolle. *
Einsam
* Immerfort ist das Genie einsam. *
Stimmt’s?
* Die Nazis werden bevorzugt von arbeitslosen Doofschülern gewählt. *
Ich bin nicht nur lustlos
* Es ist mir ein stetes Vergnügen, intellektuelle Thesen zu durchlöchern. *
Entzündung und Bionik
* Manche Entzündungen sind so stabil und hartnäckig, daß man sich im Sinne der Bionik dieses Mechanismus’ bedienen sollte, um daraus eine Maschine, welche auch immer, zu konstruieren, die immerfort läuft und nicht gewartet zu werden braucht. *
Intellektuell
* Es gibt recht viele Formen des Intellekts. Diese nennen sich zum Beispiel „linksintellektuell„, „rechtsintellektuell„, „jungintellektuell„, „höchstbegabt„ oder wie immer. Von „labil intellektuell„ habe ich bislang noch nichts gehört, obwohl auch dieser Zustand durchaus existiert. Die besten Schriftsteller scheinen aus diesem Holze geschnitzt zu sein. *
Vom Schicksal
* Das Schicksal hat kein Recht, dem Menschen so viel Sorge zu bereiten. *
Wer kann die Wahrheit definieren?
* Der Mensch kann ganz schön arrogant sein: So behauptet er zum Beispiel, die Wahrheit zu kennen. *
Das Phänomen
* Tritt ein Phänomen nur dreimal nacheinander in Erscheinung, schon halten die Narren selbiges für eine Gesetzmäßigkeit. *
Warum nicht?
* Alle Wirtschaftsprofessoren dieser Welt können die hohe Arbeitslosigkeit nicht verringern. *
Hausgemacht
* Der schlechte Ruf der Psychiatrie ist zum Teil begründet; ihr liegt die Teilnahmslosigkeit und Gleichgültigkeit der Ärzte zugrunde. *
Hängt ihn höher
* Willst du fortgesetzt beschimpft werden, mußt du anfangen zu schreiben. *
Unmöglich
* Welcher Mensch kann beweisen, daß es den Osterhasen nicht gibt? *
Der Dummfick
* Weitaus mehr Menschen sind das Produkt eines Dummficks, als daß sie das Produkt der tiefen Liebe ihrer Eltern wären. *
Die Welt im Wandel
* Allein dem Menschen ist die Macht gegeben, seine Umwelt zu verändern. Zu dumm, daß er dabei die Folgen seines Handelns nicht genau abschätzen kann. *
Wir entlasten die Umwelt
* Sollte des Arztes Promotionsurkunde allerdings von griffiger Konsistenz sein, so taugt sie noch zum Arschabwischen. *
Hübsch
* So sehr sich auch der Lektor über das vorgelegte Manuskript empört, so wenig kann er selbst was Hübsches schreiben. *
Vom Lottospielen
* Kein Mensch würde auf den Gedanken kommen, beim Lottospiel die Zahlenkombination 1 – 2 – 3 – 4 – 5 – 6 zu wählen. So doch ist ihre Ziehung genauso wahrscheinlich, wie die Ziehung einer jeden anderen Kombination auch. An diesem Beispiel wird besonders deutlich, wie sinnlos das Lottospielen zumindest in bezug auf den Hauptgewinn ist, wiewohl es immer wieder einmal den einen oder anderen Volltreffer gegeben hat und weiter geben wird. *
Das Weltnetz
* Bedingt durch die schwer arrogante Verweigerung der Verlage wandten sich die Schreiber und Autoren vermehrt dem Internet zu, um dort ihre Texte zu publizieren. Auf diese Weise ist eine regelrechte literarische Subkultur entstanden, die mitunter Erstaunliches zu bieten hat. Es muß also nicht immer ein Buch von Peter Suhrkamp oder Samuel Fischer sein, auch das Netz hat zum Teil Hervorragendes zu bieten! *
Titel und Wirklichkeit
* Eine Führungspersönlichkeit oder Führungskraft ist also ein Mitarbeiter der gehobenen Etage, der von der Psychologie des Menschen recht viel verstehen sollte, um eben diesen zu führen. Was dabei aber im einzelnen herauskommt, ist zum Teil höchst lächerlich….*
Mit dem Tiere verbunden
* So ist es halt mit dem Menschen: Er glaubt nunmal, Herr dieser Welt und etwas Besonderes zu sein. Dazu gehört wohl auch, daß er seine tierische Abstammung immerfort leugnet. Doch auf Dauer kann ihm dies nicht gelingen: Ist sein Kühlschrank gut gefüllt, so frißt auch er. Ist ihm wohl und hat er gut verdaut, so freut auch er sich und grinst dazu; drückt das Bäuchi, bringt Scheißen bald Erleichterung. Krault man ihn, so schließt auch er genießend seine Augen. Bei guter Pflege kann auch er recht alt werden: Bis zu achtzig Jahre! Wer will bei diesen erdrückenden Indizien noch von etwas Besonderem sprechen?! *
Der Künstler
* Besonders der Künstler aber liebt die Harmonie und den Genuß. Selbstverständlich ist er dabei bereit, Harmonie und Genuß über seine Werke weiterzugeben. Versagt man ihm allerdings die Anerkennung selbiger oder beachtet man ihn nicht weiter, so stirbt er in vielen Fällen. *
Das Schulgenie
* Besonders das Schulgenie aber zeigt sich besonders beschränkt im Erkennen desjenigen, welches ihm nicht unmittelbar an einer Lehranstalt beigebracht worden ist. *
Der schwierige Gedanke
* Etwas Schwieriges zu lesen, ist schwierig. Etwas Schwieriges zu schreiben, ist noch viel schwieriger. *
Hüaaaaaaa……
* Sehe ich den einen oder anderen Rocker, so bin ich wohl gewohnt, er trage eine Lederjacke. Zeigt diese jedoch noch Fransen, bald glaube ich, er reite zum letzten Duell am Rio Grande. Reite wohl…..*
Von der Nacht
* Stets war ich ein Freund der Nacht, denn ich liebe ihre Atmosphäre, ihre Stille und Kühle. *
Seelisch gesund?
* Das Fernbleiben von Halluzinationen und Wahnideen allein heißt nicht, daß ein Mensch geistig normal sei. *
Brief an die Normalmenschen
* Schreibe ich einen Brief an mir unbekannte Normalmenschen, so schreibe ich in der Anrede normalerweise natürlich „Sehr geehrte Damen und Herren!„ oder ähnlich. „Liebe Arschlöcher!„ träfe es besser. *
Fruchtlos
* Mit Narren und Egozentrikern kann man sich nicht unterhalten. *
Revierverhalten
* Genauso wie der Hund etwa zeigt auch der Mensch ein ausgeprägtes Revierverhalten. Wie sonst ist es zu erklären, daß es in vielen Prozessen vor den Amtsgerichten um Nachbarschaftsstreitigkeiten geht, deren Inhalt bloß der überhängende Zweig des Apfelbaumes ist? *
Einfach schreiben!
* Ich empfinde keine besondere Lust, mich durch intellektuelle Bücher zu quälen, wiewohl mir die Erfordernis des einen oder anderen intellektuellen Gedankens oder Buches durchaus einleuchtet. *
Der zufällige Blitz
* Hat ein Mann ein Alter von beispielsweise zwanzig Jahren erreicht, und hat
er in seiner Kindheit und Jugend desöfteren in der Bibel gelesen, um sich zu
einem anständigen Christen zu formen, und wird er nun zufällig vom Blitz
erschlagen, so kommt er in den Himmel. Wird der Mann nun nicht vom Blitz
erschlagen, und hat er später ein Alter von beispielsweise vierzig Jahren
erreicht, und sind ihm aufgrund seiner inzwischen höheren Erfahrung im Leben
ernste Zweifel und Bedenken am Glauben gekommen, die eine eher atheistische
Einstellung zum Leben nach sich ziehen, und wird er jetzt erst zufällig vom
Blitz erschlagen, so kommt er in die Hölle. Und ist er erst einmal sechzig
Jahre alt geworden, hat er möglicherweise bedingt durch neue Einsichten
wieder zum Glauben zurückgefunden. Sollte er also nunmehr zufällig vom Blitz
erschlagen werden, so kommt er wieder in den Himmel. Nicht nur die Evolution
kommt nicht ohne Zufälle aus, sondern auch der Glaube und die Schöpfung. *
Nicht amüsant genug
* Wohl will der Mensch unterhalten werden. Wird er es nicht, geht er gelangweilt weiter. *
Kein Vertragen
* Der Individualist ist einer, der sich mit dem Menschen nicht verträgt. Grund dazu hat er. *
Vom Islam
* Der Islam bedeutet nichts weiter, als organisierter Rückschritt. *
Die philosophische Befriedigung
* Besonders jene Leser meiner Texte, welche nach dem Studium selbiger eine philosophische Befriedigung erleben, halten meine Texte für besonders gelungen. *
Opportunismus
* Frauen sind zumeist sexuelle Opportunistinnen; kommt zufällig der „richtige„ Mann, so schmust sie bald mit ihm, denn selbiger läßt sich ohnedies nicht lange bitten. *
Cool
* Je dümmer eine Frau ist, desto eher hält sie das coole Gehabe eines scheinbaren Supermannes für echt und begehrenswert. Hat er noch ein paar Haare auf der Brust, ist das Paar komplett. *
Ohne Anerkennung
* Stehen sich ein paar Menschen gegenüber, bald finden sie sich gegenseitig uninteressant, scheiße und doof. *
Gonzo hat das Rennen gemacht
* Lieber läßt sich eine Frau von Gonzo schwängern, als von einer Persönlichkeit, sollte ihr Gonzo gerade besser gefallen. Ich bleibe dabei: Die Frau ist nichts. *
Überrascht
* Befinde ich mich in der Nervenheilanstalt und fragt mich der Chefpsychiater, wie ich mich selber sehe, so antworte ich stets, ich sei der literaturgeniale Hausneurastheniker mit Dopaminmangel und narzißtischer Persönlichkeitsstörung. Das haut jeden Psychiater um. *
Es gibt nicht nur Besserwisser
* Besonders die Verzweifelten und Davongejagten aber lieben meine Texte sehr. Mit einer solchen Reaktion habe ich, um ehrlich zu sein, in den Anfängen meiner Schreiberei gar nicht gerechnet. Doch die Rechnung geht tatsächlich auf: Gerade diese Personen nämlich, denen der Mensch so sehr zugesetzt hat, wissen also aus eigener Erfahrung, daß ich mit meinen Texten im wesentlichen recht habe. *
Sterben
* Angst zu sterben ist wie sterben. *
Destruktion
* Die Destruktion ist es wohl, die den Menschen zu allen Zeiten besonders fasziniert hat. *
Bloß nicht
* Wieviel Mühe ich doch jeden Tag habe, mich nicht zu erschießen! *
Von der Achterbahn
* Immer, wenn ich total besoffen bin, fahre ich im Bett Achterbahn. Das sind vielleicht schnelle Fahrten! Huiiiiiiiii! *
Der Deutschlehrer
* Des Deutschlehrers Interpretationen von Goethe und Schiller sind einfach spitze. Seine Interpretationen in bezug auf den Schüler nicht. *
Von meiner Feindin
* Sollte meine Freundin fortgesetzt ein langes Gesicht ziehen und schlechte Laune haben, kann sie sich ja gerne einen neuen Freund suchen. *
Rente
* Genaugenommen ist mein Leben nichts weiter als die Summe der Zuweisungen anderer. Erst wenn ich in Rente sein werde, werde ich halbwegs von diesem Pack erlöst sein. *
Sex
* Die meisten Frauen sind nicht gut im Sex; sie sind zu passiv. Der Grund dafür mag vielleicht sein, daß sie wähnen, etwas Verbotenes oder Unsauberes zu tun. *
Die Lehrausbildung
* Eine Lehrausbildung zu absolvieren, halte ich für recht sinnlos. Die Lehre ist nur ausnahmsweise nicht uninteressant, sie dauert viel zu lange und dem Auszubildenden wird zumeist nichts gezeigt oder beigebracht, alles soll er sich irgendwie abschauen. Häufig wird der Lehrling mit völlig ausbildungsfremden Tätigkeiten konfrontiert, wie etwa den Hund des Meisters ausführen, die Toiletten säubern, das Frühstück für die Gesellen einkaufen und derlei. Arbeitet er insgesamt nicht schnell genug, wird er auch noch mit Kündigung bedroht, da der Chef weiß, daß er jederzeit einen neuen Lehrling bekommen kann. Lehrlinge werden in vielen Fällen bloß ausgenutzt, man kann hier nicht mehr von einem Lernprozeß mit Abschlußprüfung sprechen. *
Bizarr
* Ist man erst einmal verrückt geworden, ist es natürlich schwierig, einen vernünftigen, logischen Text zu formulieren. Die beste Literatur jedoch ist ausschließlich von Verrückten geschrieben worden. Sehr bemerkenswert, unter diesen Umständen. *
Unrein
* Manche Menschen sind so unrein, daß man ihre Unterwäsche nur noch zum Sondermüll geben kann. *
Mein Gesicht
* Der Mensch sagt mir, wie er gerne sein möchte. Ich sage ihm, wie er wirklich ist. Darüber erklärt sich mein narbiges Gesicht. *
Seltsames Verhalten
* Wie viele Menschen es doch gibt, die nicht wissen, wie man sich bei anderen Leuten verhält! *
taedium vitae
* Gibt es beim Menschen eine größere Bürde, als den genialen Ekel am Leben? *
Dünger kann so preiswert sein
* Manche Menschen sind so eitel und ichbezogen, daß sie ihre Scheiße zu Edelkompost erklären. *
Frankenstein lebt!
* Die meisten Menschen hätten Angst vor Frankensteins Monstrum. Doch sind die meisten Menschen tief von seinen Eigenschaften durchseucht. *
Sind wirklich nur die Deutschen schlecht?
* In der gesamten Weltgeschichte hat es niemals eine Nation oder ein Land gegeben, welches nicht den Gegnerholocaust unterschrieben und für richtig erklärt hätte. *
Schauma
* Manche Menschen blubbern so blöde, daß man meint, sie hätten Schauma – Shampoo getrunken. *
Von der Todessehnsucht
* Mag es auch nur ein einziges Genie ohne Todessehnsucht geben? *
Scheiße
* Aus Scheiße etwas zu bauen, nennt sich Kunst. Mit dreißig Doktortiteln nur Scheiße zu bauen, nennt sich Wissenschaft. *
Aggression
* In meinem Leben haben mich doch glatt mehr Menschen als Tiere gebissen. *
Arbeit und Beschäftigung
* Beschäftigung ist gut, Arbeit ist schlecht. *
Gott und Auschwitz
* Seit Auschwitz wissen wir nicht, daß es keinen Gott gibt. Seit Auschwitz wissen wir, daß ein Gott zweifelhaft ist. *
Guten Appetit!
* Kein Mensch zögert, mir mein Essen wegzunehmen, wenn ich seine Meinung nicht teile. *
Der vernünftige Gedanke
* Eine vernünftige Arbeit kann man wohl nur im außergesellschaflichen Bereich vorstellen. *
Verstand und Erfahrung
* Der Verstand teilt mit, wie es sein könnte. Die Erfahrung teilt mit, wie es wirklich ist. *
Pöbeln und Stottern
* Die meisten Stotterer können beim Pöbeln augezeichnet sprechen. *
Unbekannt
* Einem Unbekannten mag man mit Zweifeln gegenübertreten. Da der Mensch sich aber selbst kaum kennt, wundert es mich, daß er nicht an sich selbst zweifelt. *
Umwelt und Nikotin
* Überraschend viele Menschen, die Ökoparteien wählen, vergiften sich mit Nikotin. *
Die Freude am Schlechten
* So manch schlechter Mensch mag wohl doch hier oder dort in sich gegangen sein und versucht haben, sich zu läutern. Doch wittert er die gefahrlose Pöbelei, bald wird er rückfällig werden. *
Von meinen Arbeitsgewohnheiten
* Nur Narren arbeiten tagsüber. *
Gedankenrasen
* Wann kommt endlich der Tag, an dem ich auch nur für eine einzige Stunde an gar nichts denken kann? *
Der Zwang
* Ein Christ, dessen Gedankenzwänge blasphemischen Inhaltes sind, muß wohl tief leiden, gleich, ob er von diesem Zwang weiß oder nicht. *
Beneidenswert
* Wohl dem, der bei Dalli Dalli und einem Glas Wein glücklich ist. Ich kann das nicht. *
Langeweile
* Ich langweile mich lieber allein, als zu zweit. *
Genie und Wahnsinn
* Kein Genie ohne Psychopathologie. Jene Menschen, die hier oder dort als genial erachtet werden oder sich selbst als genial empfinden, aber keine Spur von Wahnsinn in sich tragen, sind ohne Zweifel begabt, aber nicht genial. *
Depression und Aggression
* Neulich las ich, daß die Psychologie einen Zusammenhang zwischen Depression und Aggression kennt. Jetzt weiß ich, warum mich meine immerfort jaulende Schwester so oft gebissen hat. *
Von Friedhöfen
* Auf der Welt gibt es doch glatt mehr Tote als Lebendige. *
Er ist doch nicht nur kalt
* Wie sich doch der Normalmensch freuen kann, wenn ich ihm ein nettes Wort sage. *
Kind und Mensch
* Daß Kinder Anleitung und Erziehung bedürfen, ist klar. Aber auch der erwachsene Mensch braucht in den meisten Fällen Anleitung und Führung, um seine Persönlichkeit zu formen. Aus Erfahrung aber weiß ich, daß er diese Vorstellung ablehnt. *
Lernen und Unterhaltung
* Das Lehren, das mit guter Unterhaltung kombiniert wird, ist das beste Lehren. Die gute Unterhaltung öffnet die Sinne des Schülers. *
Doofer Suizid
* Aus welch nichtigen Anlässen heraus sich doch einige Menschen selbst umbringen wollen! *
Neues vom Weibe
* So manch dummes, aber gutaussehendes Weib ist nichts weiter, als ein östrogenaufgeblasenes Vollmondgesicht mit vorzüglichen Referenzen fürs Hurenhaus. *
Das arme Schwein
* Erst, wenn man kein Bett mehr zum Schlafen hat, ist man ein richtig armes Schwein! *
Von der Handschrift
* Manchmal scheint mir, je dümmer ein Mensch ist, desto schöner ist seine Schrift. Umgekehrt scheint es nichts anderes zu sein, obwohl es paradox klingt. Das Umgekehrte wäre eher zu erwarten gewesen. *
Von meiner Erwartung
* Seit ich keine Erwartungen mehr an das Leben stelle, bin ich ein Stückweit glücklicher geworden. *
Der Atheist
* Warum feiern Atheisten Weihnachten? *
Der Konstrukteur
* Auch des Konstrukteurs Lebensführung kann bisweilen destruktiv sein. *
Von Deutschland
* In keinem Land der Welt werden junge Menschen so sehr für dumm gehalten, nur weil sie jung sind, wie in Deutschland. Thomas Mann beispielsweise hat seine „Buddenbrooks“ bereits mit sechsundzwanzig Jahren geschrieben. *
Von meiner Mutter
* Meine Mutter sagte neulich einmal, wer sein Herz schnell hergebe, nehme es auch bald wieder. Auch ein hübscher Aphorismus. *
Die Gabe
* Alle Eigenschaften und Attribute der Geschöpfe sind doch nur vererbt. Sollte ich also etwas Hübsches schreiben können, so ist es wohl meine Eigenschaft, nicht jedoch mein Verdienst. Stolz bin ich bei einer neuerlichen kostenlosen Publikation natürlich trotzdem. *
Der Spitzbube
* Wird in der Zeitung ein Spitzbube gesucht, schon verdächtigen sich die Narren gegenseitig. *
Der Linkshänder
* Bei Linkshändern kann ich nur Dummköpfe oder Intellektuelle erkennen. Eine intellektuelle Mitte ist hier nicht zu verifizieren. *
Die wahre Religion?
* Es gibt keine einzige Religion, die alles erklärt, obgleich die Gläubigen dies bestreiten. *
Tja…..
* Ich bin nunmehr erst achtundvierzig Jahre alt, doch wieviel Freunde und Bekannte etwa meines Jahrgangs sind längst vor mir gegangen….. *
Für Juristen
* Die Summe aller Indizien ergibt keinen Beweis, sondern einen Verdacht. *
Das Kinderbuch
* Es gibt keine schwierigere Aufgabe, als ein gutes Kinderbuch zu schreiben. *
Vom Klagen
* Nur derjenige, der auch für andere da ist, hat das Recht zu klagen. *
Ein weiteres Indiz für den menschlichen Egoismus
* Bei dem Stichwort „Bratwurst“ beispielsweise denkt jeder Mensch, die wird mir schmecken, und nicht, die wird dem anderen schmecken. *
Gute Ingenieure
* Die besten Ingenieure sind meistens bekennende Nichtmathematiker. *
Wut
* Das Bezeichnende für den Menschen unserer Tage ist seine große Wut. *
Das Leben – ein Geschenk?
* Des Lebens Lohn ist und bleibt ein kümmerlicher. *
Ungefiltert?
* Solche Menschen aber, welche sehr sensibel sind, teilen gerne mit, sie erlebten das Dasein in geringerer Weise gefiltert und eher pur. Dies stimmt nicht ganz: Sie reflektieren Umwelteinflüsse einfach emotional wesentlich heftiger, als es der gewöhnliche Mensch tut. So ist es richtig. *
Du sollst
* Was ich doch nicht alles sollte in meinem Leben! *
Ärztearroganz
* Der Begriff „Ärztearroganz“ allein und für sich ist nicht beständig. Arrogante Menschen gibt es überall, aber bei Ärzten sind die Folgen ihres Handelns sehr viel dramatischer und spektakulärer, als es beim gewöhnlich arroganten Menschen der Fall ist. Der vom Operationstisch gefallene Patient geht natürlich sehr viel leichter und schneller durch die Presse, als die vergessene Schraube des arroganten Klempners. *
Das letzte Jahrhundert
* Gerade das Zwanzigste Jahrhundert war wohl das Jahrhundert der ungehörten Gebete. *
Nicht mit mir
* Was soll ich? Einen Menschen vergessen? Unmöglich! *
Scientology
* Die Scientologykirche ist nichts weiter, als eine kriminelle esoterische Wundertüte. Nichts wie weg! *
Meinungsfreiheit
* Das Schöne an der Meinungsfreiheit ist, daß ich ohne Konsequenzen zu befürchten meine Umwelt reflektieren darf. Der Nachteil freilich ist, daß mir jeder Narr sagen darf, wie doof er mich findet. *
Vom Bewußtsein
* Woher das Bewußtsein des Menschen stammt und wie es genau funktioniert, ist den Wissenschaften bis heute völlig unklar. Und tatsächlich: Wo genau sollte man mit einer Überlegung ansetzen, um eben dieses Rätsel zu lösen? Aber dennoch ist mir neulich eine Überlegung oder Idee in den Sinn gekommen: Der Physik ist es bekannt, daß Masse und Energie zueinander kompatibel sind. Wenn man auch nur einen kleinen Stein in den Händen hält, so besteht dieser nur aus materialisierter Energie. Umgekehrt gilt es genauso: Verschmilzt man zwei Wasserstoffatome zu Helium, wiegt nach dieser Fusion das Heliummolekül weniger als die vorherigen Wasserstoffatome, da ein Teil der Masse in Form von Energie abgestrahlt worden ist. Das ganze klingt nach Hexerei, aber doch ist es Realität! Sollte es nun eine weitere, bislang unbekannte Energiedarstellung geben, die sich Bewußtsein nennt und welche eine Wandlung der Traubenzuckerenergie des Körpers darstellt, so wäre hiermit eine dritte Wandlungsform definiert. Energie wäre dann also nicht nur zu Materie kompatibel, sondern auch zum Bewußtsein! Demgemäß wäre Energie Leben. Das Gehirn muß demnach die Fähigkeit besitzen, eine Energiewandlung ins Bewußtsein vorzunehmen. Sollte man sich diesen Mechanismus im Sinne der Bionik abschauen können, wäre es demnach irgendwann möglich, einen Roboter mit Bewußtsein zu schaffen, der gemäß seiner Elektronik und Programme arbeitet – der natürliche Mensch lebt ja im Grunde genauso, nur daß er statt der Elektronik ein Gehirn aus Eiweiß besitzt und die Programme eine Mischung aus angeborenem Wesen, Erfahrung und Bildung darstellen – und dafür ein Bewußtsein hat. Somit wäre der erste künstliche Mensch geschaffen, der diesen Namen auch verdient hätte und welcher eben nicht aus bereits bestehendem Leben erschaffen wurde, wie dies bei gewöhnlichem Leben ja der Fall ist, sondern der in einer Werkstatt zusammengeschraubt und welchem am Ende der Odem des Lebens eingehaucht wurde. Kleine Kinder haben zunächst für die ersten zwei, zweieinhalb Jahre kein Bewußtsein, weil ihre Gehirne die Energiekonvertierung erst noch lernen müssen. Ein Schlafender hat – mal abgesehen von seinen Träumen – auch kein Bewußtsein und auch beim narkotisierten Patienten ist das Bewußtsein durch die Lähmung der Bewußtseinsareale ausgeschaltet. Auch der Tote hat kein Bewußtsein mehr, weil seine Traubenzuckerkonvertierung für immer beendet ist. Ganz offenbar bedarf es zur Wandlung ins Bewußtsein keiner hohen Energie, wie es beispielsweise nötig wäre, wollte man aus Energie Materie herzustellen. Allein die gewandelte Traubenzuckerenergie scheint hier auszureichen, ein Bewußtsein abzubilden. Ist dies alles nur Physik? *
Vom Ende
* Welcher Tod ist besser? Derjenige, auf welchen man sich vorbereiten kann, weil man beispielsweise schwer erkrankt ist, oder derjenige, der einen beispielsweise wegen eines Unfalls blitzartig und unvorhergesehen ereilt?
Selbstkritik
* Was kennzeichnet den Individualisten? Selbstkritik, Selbstkritik. *
Projektionen
* Gemessen an den jahrzehntelangen Projektionen, welchen ich ausgesetzt war, müsste ich der dümmste, stinkendste und häßlichste Schwerverbrecher der Weltgeschichte sein. *
Christ und Moralist
* Ein atheistischer, aber anständiger Mensch ist mir lieber, als ein heuchelnder Christ. Auch der gottlose, aber anständige Mensch sollte nach seinem Tode wiederauferstehen dürfen. Diese Vorstellung aber wird in den Heiligen Schriften nirgendwo erwähnt. *
Das Wesen
* Die Gehirne aller Menschen sind anatomisch völlig gleich. Bestenfalls mag es noch einen Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Gehirnen geben. Was dabei aber in bezug auf das Wesen herauskommt, kann im einzelnen höchst differenziert sein: So hat es genauso einen Adolf Hitler gegeben wie einen Albert Schweitzer, genauso eine Margot Honecker wie eine Mutter Theresa. *
Das vernünftige Rezept
* Es empfiehlt sich, beim Arztbesuch die richtige Diagnose und einen entsprechenden Medikamentenvorschlag mitzubringen Jetzt kann sich der Arzt nur noch beim Datum und der Unterschrift täuschen . *
Von schweren Jungs
* Man könnte meinen, daß sich die Knackis in den Gefängnissen gut verstehen, weil sie doch alle die Destruktion zur Basis haben. Und was passiert am Ende? Sie bringen sich gegenseitig um. *
Distanz und Denken
* Eine gesunde Distanz zum Menschen ist mein Markenzeichen, ferner Beobachten, Denken und dabei schweigen. *
Die wahre Liebe
* Eine gute Frau erkennt man unter anderem daran, wie lange sie auf ihren Liebsten warten kann. *
Selbstgemacht
* Im Gegensatz zum Normalmenschen habe ich in meinem Theater stets selbst Regie geführt.*
Der Scheißhaufen
* Nur der Mensch verleugnet seinen Scheißhaufen. *
Insubordination
* Wie sehr sich doch der Mensch ärgert, wenn ich seinen Willen nicht tu! *
Von Pleitebetrieben
* Fast alle autoritär geführten Betriebe gehen langfristig pleite, weil sie keinen Raum für Kreativität und gute Einfälle bieten. *
All ihr Mädchen………
* Im Einkauf bin ich teuer und mein Klub ist elitär. Doch wer es geschafft hat, weiß, ich bin meinen Preis wert. *
Meine armen Nerven
* Ich leide an neurotischen
- Unwirklichkeitsgefühlen
- Entzündungen
- Gedankenketten
- Hypochondrien
- Schmerzen
Ist das nicht prima? Alle Punkte gehören wohl in die Kategorie „Hysterie“ Wer außer mir gibt das zu? Aber ansonsten bin ich ein ganz Lieber, wenn ich mich nicht gerade wieder auf bissige Weise über die Welt lustig mache. *
Trotzdemglaube
* Der Begriff „Glaube“ ist Unsinn. Es müsste vielmehr „Trotzdemglaube“ heißen.*
Die himmlische Forderung nach Moral und Ethik
* Ich kenne keinen einzigen Menschen, mich eingeschlossen, der sich immer so verhält, daß er in den Himmel kommen kann. *
Prima!
* Zu meinen Zeiten brauchte man noch ein Empfehlungsschreiben vom Papst, um eine Lehrstelle zu bekommen. Heutzutage findet man keine Auszubildenden mehr, die sich drei Jahre langweilen wollen. Die Jugend hat dazugelernt! *
Von Sekten
* Mich hat immer gewundert, wie sehr sich Jehova von Sekten auf der Nase herumtanzen läßt, die nichts anderes zu tun haben, als in seinem Namen zu kassieren. *
Selbsternannt
* Glaube ich den Leuten, bin ich nur von Genies umgeben. *
Der Intelligenztest
* Ein Intelligenztest alleine sagt über einen Prüfling nicht viel aus. Hier wird nur die logische Überlegung gefordert. Vielmehr spielen auch Intuition, Eingebung, Pychologie, Gedächtnis, Phantasie und Erfahrung eine wesentliche Rolle. Ein guter Logiker ist nicht zwangsläufig auch beispielsweise ein guter Dichter.*
Der Alkohol als Trost
* Die Biographie vieler Trinker ist haarsträubend. *
Beeindruckend
* Wo ich auch war in meineem Leben – stets habe ich einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Positiv empfundene Eindrücke, wie etwa Aufmerksamkeit, Witz und Können, wie negativ empfundene Eindrücke, wie etwa Beschimpfungen, beißende Satire und narzißtische Demontagen gegen üble Proleten und anmaßende, promovierte Nichtskönner, halten sich hier in etwa die Waage. Auch hier zeigt sich wieder: Ich bin kein Mann von der Stange. *
Überall Narzißmus
* Einzig der Narzißmus nährt das psychologische Überleben des Normalmenschen. *
Gleichgeschlechtlich
* Mich wundert oft, wie viele Spitzendenker und Spitzenkünstler homosexuell sind. *
Mord
* Alle Götter schauen beim Morden zu, alle.*
Phobien
* Zu keiner Zeit bestimmte die Angst das Leben der Menschen so sehr, wie in unseren Tagen. Die neurologischen Praxen quellen über vor Patienten. *
Unglaubwürdig
* Auch die Kommunisten fahren gerne einen Mercedes. *
Brot und Spiele
* Die Masse brüllt nach Brot und Spielen; die Glotze liefert sie. *
Die religiöse Tradition
* Traditionell werden religiöse Lehren von Generation zu Generation weitergegeben. Der Umstand aber, daß ein Gott nicht hilft, wird nicht gelehrt und muß erst von jeder Generation jeweils aufs neue schmerzlich erfahren werden. *
Kleiner Widerspruch
* Mein ist die Rache, spricht der Herr, während wir unsere Feinde lieben sollen.*
Nervenzellen
* Was Nervenzellen, und dies nicht nur beim Menschen, alles können! *
….denn sie werden das Himmelreich schauen
* Die geistig Armen kommen in jedem Fall in den Himmel, die Gescheiten müssen sich ihn verdienen. *
Kleingläubig
* Ich bin nicht ungläubig, ich bin kleingläubig! *
Aus Schaden wird man klug
* Der Vorsichtige ist immer klug. Der Unvorsichtige wird erst aus Schaden klug.*
Die vernünftige Residenz
* Für den selbsternannten Supermann gibt es nur einen einzigen guten Platz, nämlich das Affengehege im Zoo. *
Aus dem Verkehr ziehen
* Frankenstein muß leider mehr als nur eine Leiche hinterlassen, um endlich Sicherungsverwahrung zu bekommen. *
Das tierische Erbe
* Das tierische Erbe hinter sich zu lassen, ist nicht immer einfach. Doch wo man es hinter sich läßt, beginnt das eigentliche, objektive Denken. *
Frauen und Essen
* Wie man doch Frauen durch gutes Essen bestechen kann! *
Arbeit und Schaffen
* Man kann wohl an jeder Arbeit werden und wachsen, wenn man das Schaffen und die Konstruktion als Ideal begreift. Auch scheinbar geringerwertige Arbeiten bekommen dadurch einen Sinn. *
Persönlichkeitsstörungen
* Wo ich geh’ und wo ich steh’, sehe ich Persönlichkeitsstörungen. Eine häufige Persönlichkeitsstörung scheint mir die antisoziale Persönlichkeitsstörung zu sein. Oftmals geht sie Hand in Hand mit einer entsprechenden Physiognomik und dem Trieb zur Selbstdarstellung. *
Von unserer Gesellschaft
* Wie kaputt doch unsere Gesellschaft ist. Sie ist versoffen, ichbezogen und verroht. Bei Naturvölkern sind die Menschen psychisch wesentlich stabiler und gesünder, auch wenn es dort kein Automobil gibt, keinen Fernseher und keine Uhr aus Gold. *
Des Genies Leben
* Des Genies Leben ist zumeist unstetig und voller Aufbegehren gegen alle Obrigkeiten. Aber interessant ist ein solches Leben allemal, viel interessanter, als ein spießig – schnurgerades Leben. *
Keine eigene Meinung
* Das angepasste Wohlverhalten beim Chef ist doch besonders schleimig. *
Eigenbrötler
* Ja ja, ich bin wohl ein Eigenbrötler. Im übrigen bin ich privatgelehrt dazu. *
Schach und Leben
* Neulich habe ich wieder einmal eine Partie Schach gespielt. Die Hälfte des Schachspiels besteht doch aus Psychologie. Nein, was sage ich? Die Hälfte des Lebens besteht doch aus Psychologie! *
Kultur
* Kultur bedeutet immer, mit seinen Trieben und Instinkten maßzuhalten und die ererbte Bestie in sich zu bändigen. Nur wenigen gelingt es.*
Der Garten Eden
* Gerade im Sommer wandele ich nur allzu gerne durch die Natur und den Garten Gottes, der so vortrefflich für uns bereitet wurde. *
Die Seele
* Wohl verheilen auch seelische Wunden – doch die Narben bleiben. *
Der Gedanke
* Es gibt wohl kaum einen ernsten Gedanken, der zumindest auf Dauer unausgesprochen bleiben kann und will. *
Von Klausuren
* Schreibt jemand einhundert Klausuren und bekommt er dafür neunundneunzigmal eine Sechs und nur ein einziges Mal eine Eins, so hat er allein durch diese seinen Verstand bewiesen. *
Bsssssss………
* Kommen beim Einschlafen die Mücken, so bin ich recht bald ein Fall für die nächste Nervenheilanstalt. *
Das Experiment
* Neulich hatte ich wieder einmal einen Kaspertag und stellte mir mit Vergnügen vor, man müsse einmal ein paar Egozentriker für eine Stunde in einen Raum sperren und dabei beobachten, wie sie einander wütend befehlen. Aber nein, wozu diese Vorstellung? Dies ist ja schon gängige Praxis in allen Gefängnissen!*
Problemlösungen
* An wievielen Problemlösungen ich doch schon nahe dran war – und wußte es nicht! *
Das Krebsgeschwür
* Nicht das Krebsgeschwür macht aus dem Patienten einen Zombie, sondern die Chirurgen, die ihn so hinterlassen. *
Die Feile
* Vor circa dreißig Jahren habe ich in geistiger Umnachtung eine Schlosserlehre begonnen. Im ersten Lehrjahr gehörte ein vierzehntägiger Feilkursus dazu. Gar nicht arm an Streichgedanken rieb ich die Feile meines Banknachbarn, als dieser zum Frühstücken ging, mit Öl ein. Der feilt heute immer noch. *
Dumm
* So sind sie, die dummen Männer, jederzeit bereit, einander auszulachen. *
Das Begehr
* Wie sehr sich doch die Frau schwertut, mit des Mannes Begehr vernünftig umzugehen! *
Von Kreisen
* In der Natur ist doch alles, im großen wie im kleinen, am Kreisen. Die Elektronen kreisen um die Atomkerne, die Monde kreisen um die Planeten, die Planeten kreisen um die Sonnen und die Sonnen kreisen um Schwarze Löcher. *
Der Spinner
* Um ein typischer Spinner zu werden, bedarf es wohl zweier Umstände: Zum einen (in größerem Maßstabe) das übertriebene, angeborene Verlangen nach Anerkennung und zum anderen (in geringerem Maßstabe) im Leben erlittene, erhebliche narzißtische Kränkungen. Jetzt haben wir einen waschechten Angeber. In der Psychologie wird unter anderem dieses Verhalten als „Hysterie“ bezeichnet. Wie so oft ist auch diese Störung völlig unabhängig von Bildung und Verstand. *
Das Genie tanzt nicht
* Ich und Tanzen? Im Leben nicht! *
Die Erwartung der Frau
* Wie oft hätte ich schon heiraten können, wenn ich meine Meinung und Modevorstellung verleugnet hätte! *
Apokalypse
* Seit der Mensch die Heiligen Schriften kennt, erwartet er fortgesetzt die Apokalypse und das Ende der Welt. Tatsächlich gab es in der Erdgeschichte immer wieder Katastrophen, welche als Apokalypse hätten gedeutet werden können. Was mag man daraus lernen? Es bleibt wirklich nur abzuwarten; erst, wenn kein Bakterium mehr furzt, ist sie wohl da, die Apokalypse. Vorher nicht. *
Der Bestseller
* Schaue ich mir im Buchhandel einen Bestseller an, oft kann ich nichts Gescheites daran finden. *
Die Grenze
* Die psychologische Wissenschaft diskutiert, wo sich die Grenze zwischen Sensibilität und Krankheit befindet. Meine Meinung: Es gibt keine Grenze. *
Die örtliche Betäubung
* Immer, wenn ich vom Zahnarzt komme, hängt meine Schnauze runter. Eine Frechheit ist das! *
Sind wirklich alle deutschen Parteien demokratisch?
* Die härteste Diktatur in Deutschland ist die der Grünen Partei. Hinter Windmühlen, Photovoltaikanlagen und Norweger – Pullovern kommt gleich und nur noch die Guillotine. *
Edukativer Rassismus
* Auf keiner Schule wird so sehr der Überarier erwartet und gefordert, wie auf dem Gymnasium. *
Die Missgeburt
* Für den Gewaltverbrecher gibt es nur eine einzige gute Beschreibung: Es handelt sich hierbei um eine unheilbar geisteskranke Missgeburt. *
Von Filmen
* Welchen Film ich mir auch immer anschaue: Nie geht eine Filmfigur zum Kacken! *
Von Fehlern
* Wer viel zweifelt, macht wenige Fehler. Wer wenig zweifelt, macht viele Fehler. *
Von Luftpumpen
* Von den medizinisch – promovierten Luftpumpen sind doch die Urologen die erbärmlichsten! *
Von der Zahngesundheit
* Junge Junge, wie viele Menschen doch vergammelte Zähne haben! *
Vom Loswerden meiner Wenigkeit
* Interessant wurde es immer dann in meinem Leben, wenn man mich loswerden wollte. Ich habe die unglaublichsten Ausreden gehört, die meisten davon waren recht dümmlich verpackt, nur wenige wurden psychologisch geschickt übermittelt. *
Selbsttötung
* Wie unglücklich doch jene Menschen sein müssen, die nur noch die Suizidvorstellung zum letzten Troste haben. Doch gehören die meisten von ihnen zu den Besten ihres Faches. *
Ist Klaus dumm?
* Als dumm haben mich immer nur und ausschließlich narzißtisch Gekränkte beschimpft. *
Die Lehrerkonferenz
* Bereits zu meinen Jugendtagen habe ich Lehrerkonferenzen stets als Narrenrunden bedauert. *
Die Dicke
* Bei manchen vollgefressenen Frauen scheint mir der Charakter ähnlich wie der Körper zu sein: Gewichtig. *
Vom Federstahl
* Was wären die Maschinen dieser Welt ohne Federn! *
Die Bibel
* Bis heute ist keine Interpretation der Bibel einwandfrei, scheint mir. All jene Deutungen letzterer mögen aber eine Näherungslösung zur Hauptaussage darstellen. *
Feige
* In unserer ichbezogenen, eitlen und vor allem aggressiven Gesellschaft muß man sich ständig seiner Haut erwehren. Gut für den, der das kann. Die Schwächsten unter uns sind hauptsächlich psychiatrische Patienten, gerade über sie werden viele Dreckskübel ausgeschüttet, da eine Gegenwehr praktisch nicht zu erwarten ist. Welch widerliche, feige Verbrechen! *
Die Dinge des Lebens
* Nicht die Dinge des Lebens kennt der Mensch, er fragt auch gar nicht nach ihnen. Bloß ist er, wie alles Lebendige bloß ist. *
Schule und Individualismus
* Niemanden hasst der Lehrer mehr, als den Individualisten, denn letzterer zweifelt an seiner Autorität, seinem Können und seiner Persönlichkeit. Grund dazu hat er. Daß dies die anderen Schüler gar nicht merken! *
Unseriöse Anwälte
* Gerne schüchtern Rechtsanwälte potentielle oder tatsächliche Prozessgegner ein. Tatsächlich geht die Rechnung auf: Auf Richter, die undifferenzierte und dümmliche Urteile unterschreiben, kann man sich ja mehr oder weniger verlassen. *
Von meinen Gästen
* Meine Gäste habe ich mir stets mit großer Sorgfalt ausgesucht. Doch wo die Wahl getroffen war, hat es nie an Fleisch, Bier und Scherzen gefehlt. *
Denkprozesse
* Der Denkprozesse gibt es viele. Oftmals werden sie aber zu früh als abgeschlossen angesehen. Auch hier fehlt es wieder am Zweifel. *
Erwartung und Überraschung
* Der sensible Mensch befürchtet viele Übel, der unsensible nicht. Narben aber tragen sie alle am Ende, der eine zu seiner Erwartung, der andere zu seiner Überraschung. *
Superlative
* Es gibt doch für fast jede Fähigkeit jemanden, der sie noch besser beherrscht.*
Zu erläutern
* Wer kann mir erläutern, was eine Zahl ist, was Leben ist, was Energie ist? *
Das verborgene Talent
* Was manche Menschen können, läßt man sie nur einmal allein! *
Wertvoll?
* Wieviele Menschen doch ihren selbsterwählten und selbsternannten Werten nicht genügen! *
Wohlstand
* Alle politischen Diktaturen wollen mehr oder weniger den Wohlstand für alle befehlen. Doch ohne Anreiz, Anerkennung, Belohnung und Zufriedenheit mit der eigenen Arbeit gibt es am Ende keinen Fortschritt, nichts Neues oder Modernes, nichts von Qualität und Güte. Die besten Produkte stammen alle aus der freien Welt. *
Säugetiere sind am aggressivsten
* Eher wird man von einem ichbezogenen Wildschwein gebissen, als von einem Haifisch, eher von einem übelgelaunten Nashorn umgenatzt, als von einem Krokodil ersäuft. *
Das Geheimnis
* Es gibt kein einziges Geheimnis, welches nicht auf Dauer ans Tageslicht käme.*
Vom Straßenverkehr
* Der täglichen Egoismen gibt es viele. Dummerweise werden Sie nur im Straßenverkehr geahndet. *
Theater
* Ich brauche keine teure Eintrittskarte fürs Theater, sei seine Vorstellung auch noch so interessant. Ich gehe einfach spazieren und bin dabei wie immer aufmerksam – überall Theater, überall. *
Der Sammelband
* Manche Leute brüsten sich damit, beispielsweise Göthe, Schiller und andere Größen beispielsweise in einem Sammelband gelesen und meinetwegen auch noch verstanden zu haben. Uneitel und spitzbübisch wie ich nunmal bin, verschweige ich gerne, daß ich zum Teil in denselben Büchern stehe. *
Vom Neide
* Die größten Neidbildner sind wohl Intellekt und Reichtum. *
Atheisten
* Die Atheisten sind nicht wirklich ungläubig: Sie glauben an die eigene, gottgleiche Herrlichkeit. *
Selbsterkenntnis
* Selbst begabte und intellektuelle Menschen haben mitunter enorme Schwierigkeiten, sich selbst zu deuten. *
Der Mörder
* Für den gewöhnlichen Mörder ist Mord nichts anderes, als gute Unterhaltung.*
Bauernfänger
* Wieviele Glaubensrichtungen doch meinen, nur sie führten zum ewigen Leben!*
Selbstbildnis
* Ich gehe davon aus, daß ich hoffnungslos und unheilbar verrückt bin. Allerdings zeige ich einen Rest Realitätsbezug. Ich kenne also beide Seiten des tiefen Grabens zwischen Wirklichkeit und Illusion. Welch klasse Grundlage für meine Texte! *
Objektiv?
* Es gibt keine objektive Wahrheit, wiewohl der Mensch tief an sie glaubt. Jede Wahrheit ist subjektiv. Wie oft habe ich schon beim Menschen scheinbar objektive Wahrheiten subjektivieren müssen und dann – beim allmählichen Verstehen des Gegenübers – in lange Gesichter geschaut! *
Modediagnose Schilddrüse
* So oft die Ärzte an mir eine Schilddrüsenerkrankung diagnostizieren mochten, so oft habe ich ihnen nicht geglaubt. Wäre ich all die Jahre wirklich krank gewesen, so läge ich heute längst im Grab. Am Ende habe ich aber dennoch meine Schilddrüse genauer untersuchen lassen, fast nur deswegen, um die Ärzte endlich ad absurdum zu führen. Der Ultraschallbefund war unauffällig, die Hormonwerte im Blute völlig normal. Daher: Besonders bei Ärzten mmer mitdenken! *
Das Einmaleins
* Bis heute zähle ich mit den Fingern und wirke dadurch dämlich. Doch wo ich einfach denken kann, dort tu ich es auch. Nicht immer kompliziert denken, wer einfach zählt, zählt komfortabel! *
Geisteskrank
* Manchmal muß man geisteskrank sein, um die Wahrheit zu erkennen. *
Animalisch
* Den Vernunftmenschen gibt es nicht. Zu sehr werden auch wir von Trieben und Instinkten beeinflusst, zu sehr hat auch bei uns das Unterbewußte seinen Stellenwert. *
Der bedingungslose Glaube
* Je gescheiter man ist, desto mehr zweifelt man am Glauben. Die Dummen leben auch hier und wie so oft komfortabel: Sie glauben einfach an das, was der Pfarrer gepredigt hat und stellen keine Fragen. *
Der aufrechte Gang
* Der aufrechte Gang und der gerade Rücken sind keinesfalls der Garant für Intellekt und Weisheit. Vielmehr sind sie eine Spielart der Evolution, an die ich bis heute im übrigen nicht völlig glaube. Aber wegdiskutieren kann man sie auch nicht, zu offenkundig sind Anpassungen, Selektionen und Mutationen, die neue Spielarten hervorbringen. *
Die Erläuterung
* Der Psychiater ist ein Mensch, der dem Patienten erklärt, wie das Leben geht.*
Das schwierige Schauspiel
* Sich dumm zu stellen, ist gar nicht so einfach! *
Kein Selbstbewußtsein
* Wer ständig rumspinnt und sich selbst aufwertet, gibt damit gleichermaßen zu, das er es nötig hat. Soll das etwa selbstbewußt sein?
Lüge und Wahrheit
* Wer lügt, bekommt bald Ärger. Wer die Wahrheit sagt, noch viel mehr. *
Keine Hilfe
* Selbst der Jesus Christus, Gottes Sohn, ist barbarisch am Kreuze gestorben. Wie sollte ich Erdenwurm also erwarten können, daß mir der Himmel auch nur einen einzigen Cent schickt? *
Von unserer Welt
* Wir leben alle auf derselben Welt, doch wie unterschiedlich und zum Teil dümmlich sie gedeutet wird! *
Hochnäsig
* Auch die Hochnäsigen stinken auf dem Klo. *
Ende
* Nur wer denken kann, ist froh, daß das Leben endet. *
Literarischer Erfolg
* Man stelle sich dumm und sei dabei aufmerksam! *
Zweifelhafte Pflegeheime
* Leider ist meine Schwester viel zu früh von mir gegangen. Ein Jahr lag sie noch im Pflegeheim, bevor sie starb. Sie lag den ganzen Tag in ihrem Spastibett und bekam nichts als Spastiessen – für 4000 Euro im Monat! *
Die Kängurugastritis
* Ich möchte zu gerne wissen, was die Ärzte über ihre Patienten ins Patientenblatt schreiben, und dabei auch noch annehmen, sie hätten recht damit. Schreiben sie vielleicht, der Patient sei dumm, schreiben sie vielleicht, der Patient rede zuviel, schreiben sie vielleicht, der Patient glaube nicht an die unumstößliche und heilige Diagnose der Kängurugastritis? Na ja, immerhin bilden meine Texte einen gewissen Gegenpol zum promovierten Irrsinn. Wer wissen möchte, wie die medizinischen Fakten sind, der lese mit Vergnügen meine Texte!*
Schlaf schön!
* Hatte ich eine Freundin – und dies war in meinem Leben ja höchst selten der Fall! – schaute ich oft als erstes darauf, ob sie mir nachts zugewandt oder abgewandt schlief. *
Die Erzählung
* Wie man doch lebt, wenn man erzählt! *
Man glaubt es kaum
* Wenn man einmal grüne Männchen und feindliche Spione wegläßt, werden in der Psychologie und Psychiatrie mehr Wahrheiten ausgetauscht, als man meint!*
Fehlerhaftes Denken
* Ständig muß ich den Normalmenschen verbessern oder anregen. Bei Ärzten beispielsweise mußte ich schon oft eine mögliche Diagnose in den Raum stellen, an die der Mediziner noch gar nicht gedacht hatte, bei Konstrukteuren mußte ich die Statik korrigieren, bei Nachbarn mußte ich auf Vorurteile aufmerksam machen und auch am Rechner tun sich viele schwer. Auch sind viele Ausschlußdiagnosen alles andere als einwandfrei, in welchem Genre auch immer. Hierbei spielen, wie immer beim Normalmenschen, Aufprägung, Fahrlässigkeit, mangelnder Zweifel, Doktrinen und Wunschdenken eine erhebliche Rolle. *
Die Verbeugung
* Wenn ich mich in meinem Leben vor jedem selbsternannten Bürgermeister verbeugt hätte, wären heute meine Bandscheiben ruiniert! *
Blöde
* Auch der Dummkopf beschimpft andere gern als dumm. Nicht in jedem Falle aufgrund einer Projektion – er glaubt oft, was er schimpft. *
Ich bin ein ganz Lieber……
….bis es reicht. Dann kommt nämlich mein kräftiges Organ zum Einsatz! Auf diese Weise habe ich bereits distanzlose Drücker verscheucht, niveaulose Schmarotzer, freche Verkäuferinnen und auch so manche Majestät – um nur einige Beispiele zu nennen. *
„Deutsche Verhältnisse“
* Die Schweizer sprechen gerne von „deutschen Verhältnissen“, wenn sie unseren Arbeitsmarkt meinen. Und tatsächlich: Der Doktor auf dem Erdbeerfeld, der Professor bei McDonald’s und der talentierte Ingenieur am Fließband der Milchwerke können in Deutschland von den Sozialbehörden verlangt werden. Sträubt man sich dagegen, wird einem nur allzu gerne suggeriert, man sei sich wohl zu fein für solche Arbeiten. Allerdings wird dabei nur allzu leicht übersehen, daß jede Berufsausübung auch etwas Erfüllendes beinhalten sollte. Nur so können sehr gute und sinnvolle Arbeiten abgeliefert werden, nur dann ist man motiviert, nur dann lebt man und vegetiert nicht, nur so ergeben sich Sinn und Farbe in der Existenz. Der reine Brotberuf ist daher nur für Grobschlächtige geeignet, ansonsten ist eine, trotz des inzwischen eingeführten Mindestlohnes, schlechtbezahlte Knechtschaft garantiert – und genau diese bekommt so manchem Feingeist nicht. Die Zumutbarkeitsregeln in Deutschland müssen also dringend revidiert werden. *
Mann und Frau
* Allein die Frau besteht dadurch, daß sie hübsch sei; der Mann muß sich stets empfehlen. *
Das Handwerk
* Nie war ich wirklich für das Handwerk zu gebrauchen, und schon gar nicht um sieben Uhr morgens. Dies hängt nicht nur mit meinem extravaganten Biorhythmus zusammen, sondern auch damit, daß ich mich stets nur für das geistige Konstruktum und die Lösung seiner Problematik interessiert habe. Die Lösung einer schwierigen Aufgabe ist in hoher Weise befriedigend; seine Ausführung in der Werkstatt jedoch profan und langweilig, obwohl auch ich in meinem Leben natürlich schon handwerklich gearbeitet habe – aber es war eben nie meine Lebenseinstellung. *
Ungerechter Sozialstaat
* Wenn jemand jahrzehntelang fleißig war und an seinem Haus abbezahlt hat und mit einem Mal arbeitslos wird, ist – brutal gesprochen – sein Haus weg. Wenn ein anderer jahrzehntelang fleißig war, aber sein Geld verprasst hat, ist gar nichts weg. Soll das etwa gerecht sein? *
Gott und Bewußtsein
* Allein die Existenz und Gegenwärtigkeit des menschlichen Bewußtseins könnte einen Gott beweisen, scheint mir. *
Unfassbar
* Das menschliche Gehirn besteht aus über achtzig Milliarden Nervenzellen. Mit nur einem Ziel: Zu pöbeln. *
Der Tanz
* Der Tanz ist nichts anderes, als die affektive Beteiligung zu einer Melodie. So mir mitgeteilt wurde, soll sie Freude bereiten. *
Philosophieren und Dichten
* Philosophieren und Dichten heißt einordnen. Erfährt das Dasein eine gedankliche Einordnung, so weiß man, womit man es zu tun habe. Die Zweifelhaftigkeit und Zwielichtigkeit des Lebens verlieren damit wohl nicht ihre Grundlage, jedoch verlieren sie an Einfluß und Bedeutung. *
Geschöpfe der Nacht
* Je später der Abend, desto interessanter die Gäste, sagt man. In der Tat: Jene Menschen des Nachtlebens, welche ich kennengelernt habe, waren meist geistiger, genauer und mit weniger Bewertungszwängen behaftet, als sonst üblich. Hier werden viele Wahrheiten ausgetauscht, die sich tagsüber nicht blicken lassen. *
Die Wohltat
* Wie man doch durch gute Musik beeinflussbar ist! Auch ich lasse mir hier ab und zu mein limbisches Nervensystem massieren. *
Manchmal
* Wie dämlich ich doch mitunter sein kann! Auch ich sehe manchmal den Wald vor lauter Bäumen nicht…. *
Der Gegner
* Im Leben kommt es doch nur darauf an, sich Ärger vom Hals zu halten oder zu schaffen. Mir scheint, daß man neben einer gewissen körperlichen Konstitution auch über eine gewisse argumentative Stärke verfügen müsse, um eben jenes Ziel zu erreichen – die meisten meiner Gegner sind nicht mehr wiedergekommen! *
Die Überlegung
* Um etwas Wichtiges mitzuteilen, bedarf es der genauen Überlegung. Um etwas Wichtiges zu verschweigen, muß noch viel genauer nachgedacht werden!*
Vom Herbste
* Besonders im Herbste aber wird die Vergänglichkeit besonders deutlich, wiewohl sie im Frühjahr natürlich durch einen Neubeginn abgelöst wird. Wie auch immer: Diesen herrlich melancholischen Zaubergarten während jener Herbsttage möchte ich nicht missen! *
Keine Ignoranz
* Ich kann nicht nur Schlechtes aufzeigen oder mich selbst bedauern: Immerhin hatte ich immer genügend zu essen, ich wurde in keinen Krieg geschickt und auch die Pest hat mich nicht ereilt. So doch werde ich weiterhin wandeln, darlegen und reflektieren; alles andere wäre Ignoranz und Unterlassung, die der Welt bestimmt nicht dienlich wären. *
Schlecht und dumm
* Ist ein Mensch schlecht, so ist es schlecht. Ist er dumm dazu, so ist es noch schlechter! *
Lebenslügen
* Mit lauter Lebenslügen lebt’s sich komfortabel. Mit dem „homo sapiens“ aber hat das nichts mehr zu tun! *
Zu hoch gegriffen
* Auch die Bauernliese fordert Cary Grant. *
Der Neue
* Kommt erst einmal, aus welchem Grunde auch immer, der Neue, bald bin ich für mein Herzchen nur noch Luft. Und mit sowas soll ich einst liiert gewesen sein? *
Der Verlust
* Zweifelsohne hat das Leben auch immer etwas mit Verlust und Hinnehmen zu tun. *
Das Strafgesetz
Das Strafgesetz garantiert nicht die Sicherheit der Bürger – sie garantiert volle Gefängnisse! *
Heimat
Wie oft ich doch in meinem Leben neben mir stand und mit der Welt, ja dem Sein, nichts anzufangen wußte! Ein solcher Mensch kann wirklich nur noch Dichter und Schriftsteller werden, um nicht völlig zu verzweifeln und einer sinnvollen Tätigkeit nachzugehen – hier kann ich SEIN!
Der Vogel
* Hat jemand eine Meise, bald merke ich das. Aber: Wir wollen hübsch alle Meisen gelten lassen! *
Demokratie und Diktatur
* Keine Regierungsform ist vollkommen, obwohl natürlich die freiheitliche Grundordnung tausendmal besser ist, als sich ständig bevormunden zu lassen. Auch hält die Diktatur nur solange vor, bis sich das Volk in seiner Gesamtheit erhebt und alle Herrscher davonjagt. Die Demokratie hingegen zeigt innere Schwächen: Sie ist ständig angreifbar, ausnutzbar und zeigt zuwenig Resistenz gegen radikale Gruppierungen – eines Tages wird man die Demokratie behördlich – paragraphisch – gerichtlich verbieten lassen können. Welch ein Festschmaus für die Nazis! *
Paranoide Persönlichkeitsstörung
* Mit Verwunderung sehe ich manchmal, wie der eine oder andere Mensch jedes mögliche Unheil auf sich bezieht und es auch schon für eingetreten hält. *
Leistung
* Für unsere Leistungsgesellschaft bin ich nicht zu gebrauchen. Selbst bei den Milchwerken muß man genügend Tüten stapeln können, um anerkannt zu werden. Was mich betrifft, so zeige ich wohl beim Schreiben (hoffentlich) eine gute Leistung, jene Ideen aber, die dahinter stecken, sind in der Badewanne, beim Kopfstand, beim Spazierengehen und vor allem wieder in der Nacht entstanden – für mich gibt es keinen gewerblichen Job! *
Die Mitte
* Ungezählt sind jene Menschen, die sich ständig und narzißtisch in den Vordergrund spielen. Was erwarten sie wohl? Eine kreisende Bewunderschaft? Die so zum Kreisen Bestimmten allerdings zeigen keinen geringeren egozentrischen Wahn: Eines Tages werden sie noch Panzer auffahren, um die Mitte zu klären. *
Der Tagelöhner
* Man höre und staune: Ich bin zu Zeiten meines Lebens auch schon einmal Tagelöhner gewesen. Ich war mir nicht zu fein dazu! Wenn ich eines dabei gelernt habe: Vorschuß geben lassen. Ich habe keine Lust auf Rennerei!
Der Triebkonflikt
* Seelisch gesund bleibt man nur, wenn man keine Konflikte in sich trägt. Ich habe aber oft Konflikte beim Menschen beobachten können, die bei erblich disponierten Patienten zu neurotischen Aggressionen, Depressionen, Verhaltensstörungen oder zu Zwängen geführt haben. Was mich dabei immer gewundert hat, war, daß dem Patienten in den meisten Fällen wirklich nichts bewußt war! Darauf angesprochen erntete ich oftmals Ignoranz und selten eine schamhafte Reaktion – hier wurde verstanden! *
Aus dem vollen schöpfen
* Es bekommt dem Menschen nicht besonders gut, wenn er aus dem vollen schöpfen könne: So ist zum Beispiel der Arbeitsmarkt besonders groß – hier können sich die Arbeitgeber geistlos bedienen und die Regeln machen; dies zum Schaden des Arbeitslosen – er ist nur noch eine Verwaltungsnummer. Ein weiteres Beispiel: Frauen haben hübschen Zugriff auf die Welt der Herren; der Bewerber gibt es hier genügend. Kommt nicht der eine, bald kommt der nächste oder andere, bis er gefunden ist – der Traumprinz. Noch ein Beispiel: Lektoren gehen besonders schlampig und faul mit den eingereichten Manuskripten um – es ist ja genügend da zum Drucken. Was habe ich aus all dem gelernt? Ich bin nicht der eine, ich bin nicht der nächste; bei mir ist garantiert ein Korb vorprogrammiert, wenn mir schöne Augen gemacht werden. So manchen Lektor habe ich herzhaft beschimpft, wenn er keinen Respekt zeigte. Und die Arbeit? Ich bin ein freier Mann, Arbeiten hinschmeißen und nach Hause fahren hat mir oft recht gut gepasst! *
Meine Auffassung
* Könne und schweig’ dazu! *
Kratzspuren an meiner Hand
* Wie doch der Kater übel gelaunt ist, wenn seine hübsche Freundin mal wieder nicht wollte! *
Psychologie
* Vieles in der Psychologie ist dummes Zeug; nur weniges konnte ich verifizieren und für mich übernehmen. *
Die Glaubenskrise
* Der Aussteiger muß wissen, daß man auch ohne Kirchen und Sekten gläubig sein kann. Es gibt keine unbedingte Wahrheit, und bei Religionen schon gar nicht. Eine Glaubensgemeinschaft ist auch außerhalb jener Institutionen jederzeit möglch, die sich im Namen Jusu Christi versammelt. Und wer dabei noch Gutes tut, kann bestimmt nichts falschmachen! Dies zumindest wäre meine Religion. Ist sie eine schlechte? *
Ilse Koch ist überall
* Ilse Koch, die Ehefrau eines KZ – Lagerkommandanten, hat übel sadistisch gehandelt und dafür lebenslänglich erhalten. Doch solch übler Frauen gibt es viele, wenn zunächst auch nur im verborgenen. Kommt die Zeit der Anarchie und der möglichen Machtausübung, bekommt ihr Wesen einen praktikablen Anstrich – mehr noch, als bei Männern. Dies gilt übrigens nicht nur für Deutschland, sondern für die ganze Welt! *
Materialismus
* Nie habe ich mir in meinem Leben etwas aus Konsum gemacht. Allerdings müssen natürlich die Grundbedürfnisse gedeckt sein. In meinem Fall: Unterkunft und Heizung ohnedies, ferner Weizenbier, Schreibmaschine und ein Fahrrad. Hier spiegelt sich bei mir ein Hauch von Glück wider! *
Kabarett
* Welch schwieriges Genre, Menschen zum Lachen zu bringen! *
Irrational
* Stets muß damit gerechnet werden, daß der Mensch irrational reagiert. Wunderlicherweise gilt dies auch dann, wenn eine klare Entscheidung auf der Hand liegen muß, um beispielsweise Unheil abzuwenden. Hier helfen leider nur noch Zwangsmaßnahmen. *
Der Tierarzt
* Wer wissen möchte, inwieweit sich der Mensch vom Tiere unterscheidet, wende sich an einen erfahrenen Tierarzt: Die Medikamente sind keine anderen, ja es gibt sogar Psychopharmaka in diesem Bereich! Auch veterinäre Operationen ähneln sehr denen der Humanmedizin. Ich bleibe dabei: Wir sind nichts Besonderes, wir sind keine Menschen, sondern Menschenartige. Wir sind zu sehr Tier, als daß wir vollkommen wären. *
Finanzieller Frieden
* Wer Geld hat, muß ständig zahlen. Nur wer kein Geld hat, kann genußreich ausschlafen! *
So ist’s richtig
* Nicht den Täter soll der Psychologe therapieren, dessen Opfer soll er trösten! *
Das Jugendamt
* Warum kommen bei Verbrechern die Kinder ins Heim und nicht die Eltern in die Forensik? *
Das Schnitzel Cordon Bleu
* Manche Verbrecher sind so ichbezogen, daß sie im Gefängnis erst einmal ein Schnitzel Cordon Bleu bestellen und sich wundern, daß sie es nicht bekommen. *
Satan
* Auch die Kirchen kommen nicht ohne Feindbild aus: Es ist Satan der Teufel.*
Sozialismus
* Die Idee des Sozialismus’ ist nicht tot – sie läßt sich nur nicht finanzieren! *
Das freche Weib
* Kein Mensch wirbt um eine nutzlose Sache; so doch werden die meisten Frauen umworben. Arm an Persönlichkeit bekommt es Ihrer Eitelkeit recht gut – sie fühlen sich enorm aufgewertet und werden frech. *
Die Grenze
* So mancher Egoist hat bei mir seine Grenzen abstecken wollen. Nie aber habe ich die Höhe jener Grenzen mitteilen oder darlegen wollen – bei mir gab es gleich einen Verweis, mit oder ohne Schwitzkasten. Bei anderen Entscheidungen hätte ich mich bloß lächerlich gemacht. *
Welch Regentschaft
* Dort, wo es an Persönlichkeit mangelt, regiert der Affe! *
Massenbetrug
* Honeckers bestellte Jubelchöre waren nicht dümmer, als unsere Werbung! *
Der Denkanstoß
* Fast jeden Tag nehme ich Denkanstöße wahr. Jene Impulse fallen bei mir für gewöhnlich auf fruchtbaren Boden – ich denke gerne zuende. Woraus sonst sollten meine „Aphorismen und Traktate“ gemacht sein? *
Narzißmus
* Der Begriff „Narzißmus“ ist in meinen Texten sehr häufig anzutreffen. Doch genau dieser Narzißmus ist es, der die Wurzel allen Übels ist. Keine negative Aussage über den Menschen – von denen es bei mir ja sehr viele gibt – ohne den Narzißmus als Motiv. *
Neid trotz Überfluß
* Neidische Menschen werden selbst dann noch neidisch, wenn sie bereits alles besitzen, aber eine Sache noch nicht, die sich meinetwegen der Nachbar gekauft hat. *
Philisophische Motive
* Wer bald vergißt, lebt komfortabel, wer nicht vergißt, wird Philosoph. *
Nicht anders
* Hat sich ein Normalmensch erst einmal von einer sensibel – melancholischen Episode erholt, bald ist er wieder wie vorher – mit Fremdbestimmung und Zuweisung. *
Der Anspruch
* Auch der Häßliche, Kranke, Behinderte läßt nur die Elite gelten. *
Die freie Entfaltung der Persönlichkeit
* Die freie Entfaltung der Persönlichkeit ist eine recht hübsche Sache. Durch die Widrigkeiten des Lebens aber wird sie nur allzu oft zunichte gemacht. Von wievielen Könnern hätten wir gehört, über wieviele Könner hätten wir gestaunt, was bloß ist uns alles vorenthalten worden, nur weil sich ein jeder um seine Existenz zu kümmern hat? *
In Ruhe arbeiten
* Mir scheint, daß die meisten genialen Werke der Geschichte zu Hause entstanden sind und nicht auf der Arbeit. *
Krankheitsängste
* Die Hypochondrie ist das Schicksal des Genies. *
Die Bestimmung
* Wer wenig weiß, taugt gut fürs Leben. Wer viel weiß, taugt gut für die Psychiatrie. *
Brüche in der Logik
* Man kann über das Weib diskutieren, wie man will: Es wird immer eine Spur irrational bleiben. *
Scheinbare Schwäche
Sehr selten treffe ich einen anständigen Christen und bewundere seine Liebe und Führsorge. Allerdings sollte er immer darauf achtgeben, daß er sich nicht lächerlich macht – der Normalmensch hält stets Ausschau nach scheinbarer Schwäche. *
Marktwirtschaft
* Keine Wirtschaftsform produziert mehr psychisch Kranke, als die gewinnorientierte Marktwirtschaft. *
Der Tiefgläubige
* Welch Talent man doch für den Glauben benötigt! Hier kann ich nicht mithalten. *
Verschenkte Zeit
* Die Hälfte meines Lebens habe ich damit verbracht, unnütze Fragen zu beantworten. *
Der Harte
* Der Supermann ist immer eine kranke Fehlprägung. *
Sinnlos
* Wie arm doch der Mensch an Sinnen ist! *
Das destruktive Paradies
* Die Lehrer werden nicht zu hoch bezahlt: Sie pöbeln ja ganz ausgezeichnet! *
Der Übervater
* Mich wundert immer, wieviele Mädchen und Frauen eine Art Übervatervorstellung im Kopfe tragen. *
Die Kränkung
* Wie doch die gekränkte Seele des Normalmenschen nach Anerkennung giert!*
Schauspieler, Dichter und Revolutionäre
* Was man doch nicht alles auch ohne Abitur bewerkstelligen kann! *
Der böse Klaus
* Ich bin besser, als mein Ruf! *
Nur die Hälfte sagen
* Der begabte Psychiater tut gut daran, dem Patienten nicht alles zu sagen. Umgekehrt sollte es nichts anderes sein! *
Erzählkunst
* Wer ein guter Dichter ist, der kennt die Wahrheit. Letztere kann einem aber gehörig zu schaffen machen. Und tatsächlich kenne ich keinen einzigen fröhlichen Erzähler! *
Der Schlafanzug
* Ein Arzt, der zur Operation mit Holzschuhen und Jogginghose erscheint, verdient unser Mitgefühl – er konnte seinen Schlafanzug nicht finden. *
Eigene Vorstellung
* Nie war ich artig – aber anständig! *
Der Mann
* Ein liebes Weib und eine differenzierte Arbeit machen den Mann zum Manne. *
Vorsicht!
* Was mir oft an Ärzten auffällt, ist ihr grobfahrlässiger Größenwahn. *
Seelisch motiviert
* Die Psyche des Menschen ist das Schicksal dieser Welt. *
Im Dunkeln tappen
* Was mir neulich auf der Zunge lag, war, der Akademiker verstehe etwas von seinem Fache, aber nichts von sich selbst. Hier muß ich mich korrigieren: Er versteht ja von beidem nichts! *
Mißlungen?
* Die besten Künstler sind jene, die mit Ihren Werken stets unzufrieden sind! *
Das formale Deutschland
* In Deutschland braucht man keine guten Kenntnisse, sondern gute Zeugnisse. Umgekehrt wäre es viel besser. *
Wirtschaftliches
* Nie war ich weder an Wirtschaft interessiert, noch talentiert dazu. Ich weiß nur, was man gut verkaufen kann, nämlich außer Lebensmittel fast gar nichts. Die vielen Firmen und Geschäfte, die ständig kommen und gehen, zeigen es. *
Kranke Erbmasse
* Bei entsprechend labiler Disposition möchte der Normalmensch anderen antun, was ihm selbst angetan worden ist. Es geht hier um angeborene, zunächst latente Machtgelüste, die durch widrige Umstände aktiviert werden. Welch kranke Gene! *
Religiöser Wahn
* Wie schädlich eine Konfession oder Sekte sein kann, zeigt die hohe Psychiatriequote ihrer Aussteiger. *
Ratschläge
* Wenn ich all jene Ratschläge befolgt hätte, die mir in meinem Leben erteilt worden sind, läge ich heute längst im Grab! *
Falscher Beruf
* Es gibt zunächst nicht den schlechten Arzt, Lehrer oder Psychologen. Es gibt aber den Normalmenschen, der jene Berufe ergreift – genau hier liegt das Grundproblem. *
Die Delmenhorster Mordserie (eines Krankenpflegers)
* Nicht nur Ärzte halten Ihre Patienten für lästiges Pack, wegen deren sie sich morgens aus dem Bette bequemen müssen – auch Krankenpfleger und Krankenschwestern sind hiervon betroffen. *
Frau am Steuer, das wird teuer
* Selbstverständlich sollte man weder Vorurteile haben, noch populistisch denken, aber ich muß doch festhalten, daß es im Straßenverkehr fast immer Frauen waren, die mich fast umgenatzt hätten, hätte ich nicht gut aufgepaßt. Es fehlt ihnen einfach an räumlicher Vorstellung. *
Volljährig
* In Deutschland ist man mit achtzehn Jahren volljährig. Damit aber hören Fremdbestimmung und Zuweisung noch lange nicht auf. *
Realphilosophie
* Mein Genre ist die Kurzprosa, es wurde aber auch schon „Realphilosophie“ genannt. *
Füße auf dem Tisch
* Manchem meiner Besucher brauchte ich nicht mitzuteilen, er solle sich bei mir ganz wie zu Hause fühlen – weitere Besuche waren damit natürlich gänzlich ausgeschlossen. *
Betrug
* Wie sich doch der betrogene Betrüger ärgert! *
Mord
* Bei nahrhafter Kost wird auch der Verbrecher alt. *
Zeugnistag
* Über schlechte Zeugnisse kann man sich nur dann ärgern, wenn man sie auch abholt! *
Märchenstunde
* (Hoffentlich) vorurteilsfrei spreche ich mit allen Menschen. In diesem Zusammenhang traf ich auch einmal einige Mormonen, die mir ihre Religion erläuterten: Gott sei ein Mensch, denn er habe Lebewesen in seinem Ebenbilde erschaffen – also sei auch er ein Mensch. Dieser lebe im Himmel und wolle, daß es dem Menschen gut gehe. Na ja….. *
Mist
* Eine Langzeitpsychotherapie kann für den Patienten recht aufreibend und belastend sein. Und ich weiß von vorherein, was dabei herauskommt: Nichts als Mist. *
Vergeben
* Das Vergeben setzt voraus, daß der Täter bereue. Die wenigsten tun es. *
Schlecht beseelt
* Wie unrein doch die Seele so manchen Weibes ist! *
Der Henker
* Ich möchte einmal wissen, was sich der Henker bei seiner „Tätigkeit“ denkt. *
Agnostizißmus
* Der Agnostizißmus ist eine hübsche philosophische Strömung, die sich damit befaßt, daß nicht nur mit „Ja“ oder „Nein“ geantwortet könne. Sie kennt durchaus auch die Antwort, daß eine Frage nicht zu klären sei. Alle Glaubensfragen gehören dazu. *
Der irdische Ruin
* Gott schuf die Erde und den Menschen. Ihre Verwaltung übernahm letzterer – mit katastrophalen Folgen. *
Identisch
* Alle Normalmenschen sind untereinander völlig gleich. Sind Sie es nicht, sind es keine Normalmenschen. *
Ungünstige Konstellation
* Was dem Menschen stets bei seinem Streben und Wirken fehlte, war Glück. Nicht ein Quentchen davon war ihm vergönnt. *
Ungesellig
* Nicht jedermanns Freund zu sein, ist ein Merkmal der Persönlichkeit. *
Der mündige Bürger
* Der mündige Bürger muß immer auch Skeptizist sein. Vieles – auch Intellektuelles – bedarf einer Überprüfung. *
Funktionieren müssen
* Jeder Tag, an dem man robotten mußte, ist ein verlorener Tag. *
Die Kur
* Man wollte mich bereits mehrfach zu einer Kur schicken. Was nützt es mir? Auch in Kureinrichtungen gibt es einen Tagesablauf (Sport, Gymnastik, Wandern, Sitzungen). Solange ich nur hüpfen kann, bleibe ich lieber zu Hause.*
Der Normalhaufen
* Der Straßenverkehr ist ein Ort, an dem sich die Normalmenschen einander über den Haufen fahren. *
Luxus
* Man nehme sich die Zeit, an manchen Tagen auch einmal gar nichts zu machen!*
Das Parteibuch
* Das richtige Parteibuch braucht man überall, und dies nicht immer nur im rein politischen Sinne! *
Der Zeuge
* Zeuge zu sein, ist immer eine undankbare Aufgabe. Alles wird tausendmal angezweifelt, und wenn man noch so recht hat. Nie wieder Zeuge! *
Das Paßwort
* Was? Es gibt keine sicheren Kennwörter? Doch, zumindest eines: Autofensterkloaufrollpudelmütze! *
Vom Verkündigen
* Wie will man bloß beispielsweise Contergankindern den Glauben schmackhaft machen? *
Die Strafe
* Strafrechtler sind schlechte Normalmenschen, die noch schlechtere Normalmenschen ins Gefängnis schicken. *
Nach Harmagedon
* Es ist eine Frage, ob der Liebe Gott bei der Wiederauferstehung Persönlichkeitsstörungen berücksichtigen wird oder nicht. *
Die Akte
* Bei so manchem Egoisten findet sich eine fette Polizeiakte. *
Werdet viele
* Der Katholizismus nimmt manche Gebote zu genau. So sollen wir fruchtbar sein und viele werden. Dieser Auftrag ist doch längst erfüllt – das Boot ist voll! *
Kinder und Religion
* Kinder sollten nicht streng religiös erzogen werden, denn hieraus leitet sich eine unnatürliche Entwicklung ab. Sollen sie vielmehr spielen und toben – wer will, kann sich noch viel später, meinetwegen erst im Erwachsenenalter, mit geistigen Angelegenheiten befassen, also zu einer Zeit, in welcher man die Verse auch verstehen kann und sie nicht nur blindlings auswendig lernen muß. *
Dominanz
* Jede Dominanz des Normalmenschen – und selbige erlebe ich fast jeden Tag – findet ihre Ursache in seinen Affengenen. *
Drangsal
* In der Drangsal zeigt sich die Persönlichkeit. *
Das üble Tageswerk
* Manche Menschen sind so schlecht, daß sie jeden Tag einen destruktiven Haufen, gleich eine Müllhalde, hinterlassen. *
Zurückärgern
* Bei psychologischem Talent kann man glänzend zurückärgern! *
Das ungefragte Publikum
* Was wäre der Angeber ohne sein Publikum! *
Meine Traktate
* Meine religiösen Traktate sind ein ständiges Für und Wider. Zu einem konkreten Ergebnis bin ich nie gekommen. Hier spiegelt sich wieder einmal mein Agnostizißmus. *
Der vermeidbare Scherbenhaufen
* Wie doch der Normalmensch vieles ignoriert und es darauf ankommen läßt! *
Von Diskotheken
* Warum bloß glaube ich stets, in Diskotheken von narzißtischen Charakteren mit Selbstüberschätzung umgeben zu sein? Nach einem Eimer Bier im Gehirn ist es mir aber gleichgültig. *
Wozu meine Texte?
* Erkenntnisse beseitigen innere Konflikte, außerdem sind sie für den Leser eine gute Argumentationshilfe fürs und im Leben!
Im Individualismus liegt Wahrheit
* Mehr noch, als im Wein, denn der Individualismus praktiziert stets eine Neuorientierung und Neubewertung der Dinge des Lebens. Allgemeingültige Thesen und eingefahrenes Denken werden hier aufgezeigt und eine Änderung angeregt – wenngleich auch nur mit mäßigem Erfolg. *
Debatten
* Der Debatten über mich gab es viele – den meisten bin ich ferngeblieben. *
Straßenseite wechseln
* Wohl dem, der dem Normalmenschen in seiner kranken Geringschätzung ausweichen kann! *
Befriedigend
* Die Note „Befriedigend“ ist sehr aufschlußreich: Ab dieser Ebene ärgern sich die Lehrer nicht mehr über das scheinbare oder tatsächliche Versagen des Schülers.
Das Gericht
* Alle Menschen verfügen über bestimmte Rechte. Trotzdem billigen sie einander diese Rechte nicht zu. Also muß das Recht über Gerichte durchgesetzt, ja erzwungen werden. Welch Uneinsicht! *
Die Sozialbehörde
* Ich kenne keine einzige Sozialbehörde, der mein leerer Magen nicht gleichgültig wäre. *
Schwere Krankheiten
* Diese gottbetrogenen armen Patienten mit schweren Krankheiten! *
Der Sozialstaat
* Ein Sozialstaat ist ein Staat, in welchem gesunde Normalmenschen zur Unterstützung kranker und beschäftigungsloser Normalmenschen gezwungen werden (müssen). *
Schadenersatz
* Ein Arzt, der wieder einmal keine Wiedergutmachung am Patienten zahlen will, ist doch auch empört, wenn man ihm fahrlässig in seine Kapitalistenkuffi fährt! *
Der absurde Nazi
* Auch arbeitslose Nazis beziehen Hartz IV. Sie beziehen also von demjenigen Staat Geld, den sie ablehnen. Auch sind, fällt mir gerade noch ein, schwule Nazis, wie gelegentlich zu sehen, besonders absurd. *
Bewährungsversager
* Wie wenige Verurteilte doch von einer Bewährungsstrafe beeindruckt sind! *
Klaus der Bürgerschreck
* Überall dort wird der zivile Ungehorsam zur Pflicht, wo allgemein anerkannte, aber zum Teil absurde Werte, Normen und Regeln nichts als Unrecht nach sich ziehen. Hierzu bedarf es etwas Mut – den habe ich. *
Die christliche Selbstverleugnung
* Christ zu sein bedeutet immer, sämtliche Egoismen, von denen ich auch nicht ganz frei bin, fortgesetzt zu verleugnen. Welch schwierige Forderung vom Himmel! *
Von Tarzan
* So sehr, wie die Frau meint, die meisten Männer wären oberflächlich, so gerne betrachtet und fordert sie den Athleten. *
Überrollt
* So lange es den Menschen gibt, so lange beschäftigt er sich unter anderem mit Religionen. Hier gab und gibt es viele Deutungen, Interpretationen und Annahmen. Doch wurden sie bis heute alle von Fakten überrollt – alle! *
Immerhin
* Alle Normalmenschen lehnen mich ab, alle Persönlichkeiten erkennen mich an.*
Frisch geschieden
* Frisch geschiedene Frauen halten nicht viel Einsamkeit aus – bald muß der Neue her. Der bin ich aber nicht! *
Das Pferd
* Wieso bloß läßt sich ein Pferd reiten? *
Die Verdauung
* Wieso bloß kommt die Verdauung nicht ohne Gährung und Fäulnis aus? *
Das unvergessliche Erlebnis
* Wird ein Lump zum Arzt, können die Patienten was erleben! *
Französische Revolution
* Du meine Güte – wieviel Köpfe bloß rollten während der Französischen Revolution? Auch hier zeigen sich wieder Überzeugungen und damit verbundene Feindbilder. *
Hierarchien
* In der Welt gibt es viele Hierarchien; die meisten von ihnen und ihr selbsternannter Rang darin sind lächerlich. *
Wahre Worte
* Nichts ärgert den Menschen so sehr, wie die Wahrheit! *
Laut
* Keiner ist im Handeln, Sprechen und Wirken lauter, als der typische, ichbezogene Verbrecher. Er findet bei seinen Forderungen einfach kein Maß. *
Rehabilitation
* Die Juristen fordern nur so lange eine Rehabilitation nach der Verbüßung einer Strafe, wie sie nicht selbst von einer Straftat betroffen sind! *
Die Entwicklung
* Bei wievielen Menschen doch die Persönlichkeitsentwicklung im Alter von circa sechzehn Jahren stehenbleibt – manche liegen sogar noch darunter! *
Gläubige Augen
* Keine Krankenschwester oder Sprechstundenhilfe zweifelt an den Diagnosen ihrer Ärzte – auch nicht bei der Diagnose eines Kiementumors mit Metastasen. *
Meine Großmutter
* Nachdem meine Großmutter von ihren Organen her für gesund befunden wurde, lebte sie noch ganze zehn Tage! *
Das Glück in der Ferne
* In der Ferne braucht niemand sein Glück zu suchen – der Normalmensch wird ihm überall begegnen! *
Der Prozeß
* Jeden Tag wird mir der Prozeß gemacht. Stets lautet die Anklage darauf, daß ich jemandes Meinung nicht teile. Das Urteil: Trennung.
Ewiges Leben
* Gerne droht der Katholizismus seinen Schäfchen bei Fehlverhalten mit Exkommunikation. Folglich geht das ewige Leben verloren. Allerdings muß ich anfügen, daß das ewige Leben im Himmel vergeben wird und nicht vom Pfarrer oder Papst auf Erden. *
Brüderlich
* Allein im Feindbild ist der Mensch brüderlich vereint! *
Die Abweichung
* Der Narziß läßt keine Abweichung des anderen von seinen absurden Theorien ohne schlimme Bewertung. *
Von Schäfchen
* Wer zum Schlechten nicht fähig ist, wird bald zum Opfer der Gesellschaft. *
Bedeutungslos?
* Das Leben, das ich führe, ist uneitel und daher für meine Umwelt mangels Herzeigen von scheinbaren Werten bedeutungslos. Umso mehr staunen die Prolls nicht schlecht, wenn ich mit einer hübschen Puppe spazierengehe oder mit einem Mercedes dahergebraust komme – daß der mir nicht gehört, weiß ja keiner. *
Das akzeptable Domizil
* Manchmal scheint mir, ein Knacki fürchte keine Gefängnisstrafe. Grund dazu hat er: Drei Mahlzeiten am Tag und im Winter wird geheizt! *
Das immergesunde Genie
* Es gibt nur eine einzige Möglichkeit zum unbedingten Glück: Die Zufälligkeit der richtigen Erbmasse. *
Mumien, Monstren und Mutanten
* Wie genau muß man sich wohl Sodom und Gomorrha vorstellen? *
Lieber Beine hoch mit Camel Filter
* Wieso bloß schicken alle Psychiater ihre Patienten zur Arbeit? *
Narzißtische Persönlichkeitsstörung
* Der Psychologie sind viele Persönlichkeitsstörungen bekannt. Die schlimmste und gefährlichste Persönlichkeitsstörung ist nach meiner Auffassung die narzißtische. Letztere tritt nach Verbrechen, Kriegen, Katastrophen und Kränkungen zwar nicht bei allen Patienten ein – auch hier spielt die genetische Empfänglichkeit wieder einmal eine nicht unerhebliche Rolle – hat sie aber erst einmal Fuß gefaßt, führt sie in vielen Fällen bis zu Suizidideen. Daher: Erlittene Traumata immer ernstnehmen und behutsam therapieren! *
Die kriminologische Lerntheorie und die biologistische Einschätzung
* Die kriminologische Lerntheorie geht davon aus, daß das Verbrechen im wesentlichen erlernt ist – dabei täuscht sie sich gewaltig! Welche Eigenschaften führen zum Verbrechen? Der schwere egozentrische Wahn, Freude am Schlechten, Skupellosigkeit, mangelnde Zuneigung zum nächsten und die Unfähigkeit, Schuld zu erkennen und zu empfinden – alles angeboren! *
Trotzhandlung?
* Mit Verwunderung erkenne ich manchmal, daß der Mensch genau das Gegenteil von dem tut, was von ihm erwartet wird. Dieses Verhalten kann nicht immer nur mit einer Trotzhandlung erklärt werden. *
Ba Ba Ba Banküberfall!
* Nichts ist unsinniger, als ein Banküberfall. Es gibt hier verschiedene Parameter, die gesetzt sind und von niemandem beeinflußt werden können. Diese Parameter führen zu einem gewissen Lohnensquotienten – und letzterer ist denkbar schlecht! Die Parameter im einzelnen: Gibt es viel Geld zu rauben oder wenig? Die Kassenbestände sind normalerweise reduziert, es gibt also nur wenig zu rauben. Ist die Strafandrohung hoch oder niedrig? Sie ist hoch mit locker fünf Jahren Haft wegen schweren Raubes. Wie hoch ist die Aufklärungsquote? Weiß icht nicht. Fünfzig Prozent? Kein geringes Risiko! Bei diesem nachvollziehbar schlechten Quotienten muß man wissen – man bleibt besser zu Hause. *
Meine Konflikte
* Meine Grundproblematik und meine seelischen Konflikte bestehen doch nur darin und deshalb, daß und weil ich mit dem Normalmenschen nicht auskomme – hier wird sich auch nichts mehr ändern. *
Klaus das Genie
* Ist der Arzt ein hochintelligenter Gesprächspartner, bin ich ein Genie! *
Ungeeignet
* Ein ichbezogener Mensch darf keine Führungsämter bekleiden, denn er wird mit neuen Formeln und Gesetzen daherkommen, die in sich aber keinen Bestand haben. *
Frühpension
* Wenn ich auch gar nichts besitze, so gibt es doch eine Sache, um die man mich beneiden könnte – Zeit! *
Raum, Zeit, Natur und Mensch
* Die Welt um uns herum sollte sich in unseren Gedanken spiegeln – tut sie aber nur unzureichend. *
Der Professor
* So manchen Professor kenne ich nur als narzißtischen Oberlehrer. *
Ich bin soooooo müde
* Was auf der Arbeit nicht alles verlangt wird: Gesundheit, Aufmerksamkeit, Dienerschaft, wenig Lohn, schnelle Auffassungsgabe, Jasagen, Anpassung und Gehorsam. Habe ich noch etwas vergessen? *
Wer kann es erklären?
* Kein Genie ohne Schulschwierigkeiten! *
Von Heini
* Genaugenommen mußte ich Neurosenheini bei der Literatur landen, denn nur sie bietet die Grundlage und die Möglichkeit, das wichtige Problem des Lebens zu ermessen und zu erörtern. *
Philosophie und Mathematik
* Die höchste Wissenschaft ist die Philosophie, die niedrigste die Mathematik. *
Das Tier
* Kein Scheitel täuscht mich. *
Argumente
* Man freut sich ja, wenn ein Mensch, der im Leben tief gelitten hat, als gerechten Lohn das ewige Leben erhält. Allerdings muß angefügt werden, daß er gerade durch sein (erzwungenes) Leiden Überlebensvorteile hatte – der nächste wird andere (erarbeitete) Argumente vortragen müssen. *
Ungerecht
* Langes Leiden führt zu Persönlichkeitsstörungen und macht ungerecht. *
So sollte es sein
* Keine Medizin ohne Philosophie, keine Lehramt ohne Pädagogik, keine Religion ohne Moralismus. *
Die Extraeinladung
* Bei Frauen brauchte ich stets eine interessante Extraeinladung – auffordernde Augen alleine haben mir nie ausgereicht. *
Der Spezialist
* Ich ging zum Spezialisten und traf auf einen Dilettanten! *
Zwecklos
* Nicht ist der Mensch zu ermahnen – er wird ein Affe bleiben. *
Der allein wahre Gott
* Der Götter gibt es einige: Sie heißen Jehova, Allah oder Mannitou. Doch der allein wahre Gott heißt „Narzißmus“, denn ihm wird die meiste und größte Liebe zuteil. *
Praxensterben
* Einst war im Gespräch, Ärzte nur noch nach erfolgreicher Behandlung zu bezahlen. Glück für die Ärzte, daß dies nie umgesetzt worden ist – die Folge wäre ein Praxensterben gewesen! *
Erfolgreiche Lehrjahre
* Wer in der Jugend zu lernen weiß, weiß im Alter zu unterscheiden. *
Vom Schnauzen
* Der Normalmensch schnauzt nach unten – dies ist einfach und feige. Der Individualist schnauzt nach oben – dies ist mutiger und vor allem in vielen Fällen gerechter! *
Wohlsein
* Im bunt – mildem Herbste erkennt man die Dinge des Lebens; sie spiegeln Glück und Harmonie. *
Von Klaus’ Rübe
* Wie doch das Weib mein dummes Gesicht anerkennt, nicht aber meinen Individualismus! *
Der Kindermensch
* Ein Doofmann ist wohl leicht als solcher zu erkennen; besonders aber seine Kinderpsychologie verrät ihn. *
Krank
* Nicht jeder, der an Depressionen leidet, ist ein Genie. Doch kenne ich keine geniale Biographie ohne Depressionen. *
Illegitim
* Keine Idee dieser Welt kann und darf einen Leichenstapel rechtfertigen. *
Die Zicke
* Auch die promovierte Zicke ist eine Zicke. *
Neurasthenie
* Mein Talent habe ich teuer bezahlt – zu teuer! *
Vorher
* Ich möchte zu gerne wissen, wieviele meiner Gedanken schon vorher einmal von irgendjemandem gedacht worden sind. *
Die Visitenkarte
* In dieser Welt hält man einander für dümmlich – auch mich. Umso überraschter sind die Gelehrten, Gleichgültigen und Zufriedenen, wenn ich ihnen gelegentlich etwas besser Durchdachtes, Neues oder in sich Schlüssiges vorstelle. *
Außen vor
* Die destruktiv – distanzlosen Normalmenschen wundern sich immer, wenn ich meine Wohnungstüre nicht öffne! *
Erotik oder von Klaus’ Lebensunterhalt
* Vor vielen Jahren besuchte ich gelegentlich Diskotheken (welche ich mitunter als Konkubinenforen empfand). Mein rosa Puppengesicht konnte ich eigentlich immer recht gut vorzeigen, obwohl ich hier keinen Narzißmus empfand. Bald schon geschah es, daß mir ein hübsches Mädchen schöne, lüsterne Augen machte – sie wollte angesprochen werden. Gemäß ihres Wunsches gesellte ich mich also zu ihr und sagte ihr ein paar nette Worte. Bald schon knisterte und knasterte es vor Erotik. Sie nahm mich mit zu sich und es knisterte und knasterte noch mehr vor Erotik. Nachdem ich mich kräftig vollgefressen hatte, bin ich einfach abgehauen – reingefallen! *
Keinesfalls
* Dem labilen Normalmenschen darf keinesfalls eine Waffe gereicht werden – er wird sie einsetzen. *
Der Wunschberuf
* So mancher Mensch hat Suizid begangen, weil er nicht in seinem Wunschberuf arbeiten konnte oder durfte. Ich persönlich kann es wohl verstehen. *
Die Punkerin
* Einst kannte ich eine hübsche Punkerin. Das eine oder andere Mal ruhten meine Blicke genießend auf ihrem filigranen Gesichte mit den mandelförmigen, braunen Augen. Jenem Genuße aber stand bald wieder mein Talent im Wege: Sie war eine gleichgültige, ichbezogene Schmarotzerin – ich kam nie wieder. *
Billig
* Im Einkauf bin ich teuer, und die Mädchen sind so billig! *
Unverwundbar
* Kaum ein narzißtisch Gekränkter strebt nicht nach Größe – und somit nach Unverwundbarkeit. *
Bedingt
* Ist der Normalmensch unbedrängt und vollgefressen, sagt er schonmal ein nettes Wort. Aber nur dann. *
Der Butler
* Kaum einer, der nicht wähnte, ich sei sein Butler. Wenn er mich aber noch wie in England gut bezahlen würde, könnten wir ins Geschäft kommen. *
Gestapo und Stasi
* Was soll ein Staat, der sich einer Staatssicherheit bedient, schon für ein Staat sein? *
Das Aufmerksamkeitsdefizit
* Die Standarddiagnose beim Psychiater ist oft das Aufmerksamkeitsdefizit des Patienten. Auch bei mir. Und das bei meinen Texten! *
Von Knastmethoden
* Der dominante und gewaltbereite Mensch, vielleicht ein Rocker oder Bandenmitglied, stellt viele Forderungen, an denen er in bezug auf ihre Legitimität und Durchsetzbarkeit nicht zweifelt. Werden sie trotzdem verweigert, schreitet er halt zur Tat und es kommt eben zur Anwendung von Gewalt. Wird er dabei aber zu seiner völligen Überraschung umgeboxt, stellt er fest, daß sein Begehr in diesem Falle nicht mehr durchsetzbar ist. An seiner Forderung freilich ändert dies nichts und er wird weiter (woanders) fordern. *
Früher Individualismus
* Wer bereits in jungen Jahren eigenständig denkt, ist klug. Allerdings steht er nun vor einer schwierigen Aufgabe, sich nämlich seiner Lehrer und Erzieher zu erwehren – die Übermacht ist enorm! *
Unfrei
* Ein kluger Mensch meinte einmal, er komme einfach nicht mit dem unfreien Menschen aus. Verstehe ich wohl – er meinte den Normalmenschen. *
Die Kuschelmaus
* Die liebe, anschmiegsame Kuschelmaus ist mir tausendmal lieber, als die runde Sexbombe. Es gibt kein größeres Glück auf Erden, als sich tief geliebt zu fühlen. Der Verlust jener Liebe, aus welchem Grunde auch immer, gehört zu den schlimmsten Zäsuren, die man erleben kann. Dem Proll wäre es gleich – die nächste Konkubine, die nach Tarzan strebt, wartet schon. *
Einfallsreich
* Was, ich bin faul? Na, meinetwegen – aber einfallsreich! *
Der Spiegel
* Je eitler ein Mensch ist, desto mehr Spiegel hat er im Hause. Bald nickt er sich freundlich zu…..*
Die Dissertation
* Ich hätte normalerweise keine besondere Lust, eine medizinische Dissertation zu studieren, denn erstens merke ich alle Rechtschreibfehler, und zweitens ist mir die Geschichte vom Räuber Hotzenplotz seit meinen Kindertagen bekannt. *
Herbert der Säger
* Warum bloß werden alle psychischen Krankheiten mit einer Motorsäge assoziiert? *
Die Beleidigung
* Sind die Weiber beleidigt, schweigen Sie. Die längste hat bei mir drei Tage durchgehalten – ich habe mich köstlich amüsiert! *
Unsere Umwelt
* Allein der Mensch hat sich seine eigene Umwelt erschaffen. Allerdings ist er für sie weder bestimmt noch gemacht. *
Die Episode
* Jeder Mensch bekleidet eine kurze Episode in der Weltgeschichte. Wohl dem, der das richtige Geburtsdatum hat und wohl dem, der den richtigen Geburtsort hat. *
Existenzphilosophie
* Je älter man wird, desto mehr merkt man, wofür man gelebt habe, nämlich für gar nichts. Es mag einen Einwand geben, nämlich daß wir uns dem Herrn würdig erweisen sollen, von ihm das ewige Leben im Paradiese zu empfangen. So doch sind die Bedingungen und Voraussetzungen dafür nicht für alle Menschen gleich: Zu unterschiedlich sind die Lebensverhältnisse, zu unterschiedlich die Charaktere, zu unterschiedlich die Gesundheit und das Schicksal des einzelnen. Es müßte eine einhaltliche Grundlage geben, damit sich der Mensch frei entscheiden könne, welchem Herrn er dienen möchte – dem Guten oder Schlechten, dem Schöpfer oder dem Narzißmus. *
Die aufgeprägte Schuld
* Wer nach dem Masturbieren oder Trinken von Alkohol Schuld empfindet, ist darauf geprägt worden. Fast jeder ist prägbar, doch von Fall zu Fall in sehr unterschiedlichem Maße. Genannte Tätigkeiten sind kein Sündenfall und stehen in keinem Strafgesetzbuch. *
Typisches Verhalten
* Begegnet man einem Verbrecher, spiegelt sich in ihm die tiefe Abneigung des anderen. *
Die Säge
* Beim (seltenen) Serienmörder wird ganz schön gesägt. Wie kann man dabei auch noch so dumm sein, Spuren wie DNS, Finger – und Schuhabdrücke oder Kleidungsstücke zu hinterlassen? Wie kann man so dumm sein, auch noch “Trophäen” mit nach Hause zu nehmen? Solche Taten sind keine Beziehungstaten, also schwierig aufzuklären, und ohne Spuren könnte der Täter für lange Zeit genußreich weitersägen. Selbstverständlich ist dieser Text keine Aufforderung, eine Tat besser zu planen, sondern nur ein Hinweis auf das irrationale Handeln (neben der kranken Tat selbst natürlich) des Psychopathen. *
Der Sunnyboy
* An seltenen Tagen fühle ich mich auch schonmal frisch und munter, keine Gedanken sind am Kreisen. Dann passiert es auch einmal, daß ich unbefangen am Grinsen bin. Jene, die mich so sehen, halten mich gar für einen Sunnyboy. Ich persönlich sehe es natürlich nie – ich grins’ ja nicht in den Spiegel! *
Das geplatzte Stelldichein
* Ganz selten kommt es bei mir doch zu einem Rendezvous. Nicht selten war ich dann aber der Irre oder Schlimme und wurde in diesem Zusammenhang weggeschickt. Unsinn! Wäre ich wirklich der Irre oder Schlimme, säße ich längst im Knast oder der Forensik! *
Das Gutachten
* Ein Gutachten zu schreiben, kann eine sehr differenzierte Aufgabe sein. Die meisten Gutachter, ungeachtet ihrer Profession, versagen hier. Die größte Fehlerquote ist hier in der Psychologie zu finden – der (zum Teil sogar promovierte) Unsinn kennt hier keine Grenzen! Ein so manches Zehnminutendoofgutachten hat so manchem unbescholtenen Patienten zehn Jahre Forensik eingebrockt – während gefährliche und unheilbare Straftäter vorzeitig entlassen werden! Welche Richter unterschreiben bloß jene Dilettantengutachten, um die zugefallene Tür juristisch abzusichern? *
Wenige
* Nur wenigen Frauen habe ich erlaubt, von der Süße meiner erotischen Frucht zu kosten. *
Die Suggestion
* Werbung hat wohl auch immer etwas mit Identifikation zu tun. So wie der scheinbar vollkommene Werbende will man auch sein! *
Belangloser Massenmord
* Gemäß der Zeugen Jehovas werden bei Harmagedon alle in biblischer und dogmatischer Hinsicht ungehorsamen Menschen vernichtet werden. Auch hier braucht man also wieder das richtige Parteibuch. Hier wird also ein religiös motivierter Massenmord nicht nur erwartet, sondern sogar billigend hingenommen. *
Die Sicht der anderen
* Wie man ist, erklären uns im allgemeinen die anderen, heißt es. Nicht alles davon stimmt natürlich. Die eine oder andere Wahrheit aber ist wohl dabei, man staunt immer wieder. *
Selbstwahrnehmung
* Keine Dichtkunst ohne feine Selbstwahrnehmung! *
Die Amerikaner
* Das dümmste Volk der Welt sind die Amerikaner. Aber in einem sind sie uns voraus: In der Behandlung der Verbrecher. Kein Mensch ändert sich, und der emotionslose, eiskalte Irre wird immer eine Gefahr bleiben. Daher die langen Haftstrafen der Gesetzesbrecher, die nun keine Taten mehr (außerhalb der Mauern und Zäune) begehen können. *
Fahrlässige Tötung
* Kommt es, beispielsweise im Straßenverkehr, zu einer fahrlässigen Tötung, muß immer geprüft werden, ob und inwieweit dem Täter seine Tat gleichgültig ist. Normalerweise sollte eine Bewährungsstrafe davon abhängig gemacht werden, ob der Täter glaubhaft bereue. Tut er es nicht, sollte Haft verhängt werden. *
Asozial
* Asoziale Menschen erkennt man auch daran, ob und wie oft etwas zum Fenster hinausgeworfen wird. *
Evolution
* Ich kenne zwei Arten von Evolution, nämlich sowohl die biologische, als auch die technische. Eine moralische Evolution hat es nie gegeben, so doch hätten wie sie bitter nötig. *
Gereifte Gedanken
* Jeder Tag bringt neue Eindrücke mit sich. Die Einordnung letzterer erfolgt bei mir fast nie am selben Tage; der Grund der Dinge wird erst langfristig manifest und offenkundig. Daher war es mir in jungen Jahren auch nicht möglich, eine vernünftige Philosophie vorzulegen. Erst ab einem Alter von circa dreißig Jahren nahmen meine Texte ihren Lauf. *
Das Lexikon
* Das Leben der Normalmenschen ist langweilig und ohne Bedeutung. Keiner von ihnen steht im Lexikon. *
Schädlich
* Jeder Mensch hat Überzeugungen. Naturgemäß werden sie als wahr und richtig eingestuft. Seine Kinder werden nunmehr in jenen Überzeugungen erzogen; dies kann für die Kinder sehr schädlich sein. *
Meine Themen
* Meine Themen sind doch immer dieselben: Religion, das Weib, das Verbrechen, das Genie, der Individualist, Bildung und Erziehung, das promovierte Versagen. Fehlt noch etwas? *
Das Meisterstück
* Wer in seinem Leben nie gearbeitet hat, ist wohl ein Künstler für sich. Wer danach noch die Frührente schafft, hat seine Meisterarbeit vorgelegt!
Die Erholung
* Wahrlich, ich sage euch: Ich benötige eine Erholungszeit von mindestens einer Woche, sollte ich auch nur eine halbe Stunde mit einem destruktiven Normalmenschen gesprochen haben! *
Disziplin
* Zumindest eines haben mir die meisten Normalmenschen voraus: Arbeitsdisziplin! Die Disziplin ist wohl die Unterstellung der eigenen Bedürfnisse unter ein höheres Ideal, in diesem Falle der Arbeit. Ich arbeite ja auch (an meinen Texten), aber nur dann, wenn ich munter bin, im Sommer auf Badehose und auch das Bier im Kühlschrank habe ich keinesfalls vergessen. Auch wechseln sich Arbeitsperioden zur Nacht und am Tage ab. Ungewöhnlich, nicht wahr? Aber die Qualität meiner Texte stimmt doch auch! *
Spät gemerkt
* Als ich noch ein Kind war, hielt ich Erwachsene für weise, intelligent und allwissend. Erst, als ich selbst erwachsen war, merkte ich, wie dumm sie sind! *
Zweifelhafte Organisation
* Die Ärzteschaft ist über die Ärztekammer organisiert – narzißtisch organisiert. Beim Fehlverhalten eines Mitgliedes braucht man sie daher wohl gar nicht erst anzuschreiben. Hier hilft eben nur, dem behandelndem Arzt ein paar Backpfeifen zu verpassen – alles andere merkt er sich nicht! *
Keine Kenntnis
* Das große Glück sei nicht beim Weibe zu suchen, denn es ist unwissend. *
Das Telefonbuch
* Im Telefonbuch stehen viele Doktores. Keiner von ihnen ist von Bedeutung. *
Gestört
* Daß ich Persönlichkeitsstörungen erkennen kann, wird man mir nach dem Studium meiner Texte wohl zutrauen. Letztere treffen aber nicht nur einfache, ungebildete Bürger. Es sind auch viele Akademiker betroffen. Jener Umstand führt sogar bis zu geisteskranken Psychiatern und gestörten Lehrern. *
Früher
* Früher quiekten die Mädchen auf vor Vergnügen, wenn ich zufällig um die Ecke getorkelt kam und sie mein rosa Puppengesicht erblickten. Heute schaut mich keine mehr an! *
Eitelkeit
* Die Eitelkeit ist eine rechte Seuche der Menschheit, denn sie geht immer gegen den anderen und betrifft so viele. *
Der Junggeselle
Schöneaugenmachen suggeriert dem Manne immer, er sei der Richtige. Gleich fühlt er sich in seiner Männlichkeit bestätigt, gleich fühlt er sich als Mann anerkannt. Darauf spekuliert die Frau (in den meisten Fällen wohl auch mit Erfolg). Was dieses weibliche Verhalten wert ist, zeigen die Besten unter uns: Sie sterben als Junggesellen. *
Wer ist der Richtige?
* Die Nymphomanin nimmt jeden, die Gewöhnliche den Passenden, die Jungfrau keinen! *
Die Spende
* Die Gläubigen spenden für die Kirche. Ich spende für die Hungrigen! *
Individualismus
* Wie mir doch Ehe, Familie und Kinder fern sind!
Der Normallehrer
* Gerne lasse ich mich belehren, aber nicht beschimpfen! *
Gebildet
* Wie doch auch Gelehrtenmeinungen dümmlich sein können! *
Verschwiegen
* Der Normalmensch erläutert sein Genie. Das wahre Genie aber schweigt. *
Das Grab
* So sehr sich der Normalmensch im Leben aufbläst, so bedeutungslos wird auch er im Grabe ruhen. *
Tausend Frauen
* Ein Mann, der tausend Frauen hat, ist interessant. Ein Mann, der tausend Frauen wegschickt, ist viel interessanter. *
Das Geschenk
* Nie habe ich für Frauen bezahlt – ich habe sie ja nicht einmal geschenkt genommen. *
Edel
* Wie doch der edle Körper anerkannt wird; der edle Mensch aber wird nur ausnahmsweise beachtet. *
Männlich?
* Der (selbsternannte) Supermann hat’s auch nicht immer leicht, denn er benötigt für sein Wirken und Sein stets Utensilien, die als solche ungewöhnlich sind. Die Utensilien im folgenden: Eine extra starke Zahnpasta für das strahlende Siegerlachen, ein Brusttoupet für die Männlichkeit und Valium gegen Ängste und Zweifel. Da bleibe ich doch lieber bei Satire und Spielwitz; jene Eigenschaften brauche ich nicht zu pflegen, denn sie gehören einfach zu mir. *
Erkenntnisse
* Der Sinn des Lebens darf nicht darin bestehen, zu glänzen. Der Sinn des Lebens muß darin bestehen, zu erkennen. *
Gold
* Nie in meinem Leben war ich neidisch; der Materialismus lag mir stets fern. In diesem Zusammenhang habe ich beispielsweise Ärzten ihre Goldzähne herzhaft gegönnt – wenn sie nur etwas dabei könnten! *
Schlecht und schlau
* Nicht jeder schlechte Mensch ist dumm. Der schlaue, schlechte Mensch nutzt seinen Verstand, um listige Schlechtigkeiten auszuhecken. *
Seine Meinung
* Wie gerne sich doch der Normalmensch bei mir seine Meinung abholt! *
Der (selbsternannte) Kulturmensch
* Bei der Behandlung seiner Feinde zeigt sich der wahre Kulturmensch! *
Futurismus
* Die wahren Futuristen sind doch wir heute, denn wir leben so, wie es die Menschen der Vergangenheit vorhergesagt haben. *
Scheinwissenschaften
* In der Welt mag es einige Scheinwissenschaften geben. Die Psychiatrie und Psychologie stehen hier weit vorn, gleich gefolgt von der Urologie. *
Selbständig
* Satan der Teufel gab dem Menschen das Feindbild. Den Rest hat der Mensch selbst übernommen. *
Klüger als gedacht
* Meine psychologischen Gutachten sind besser, als die der Psychologen oder Therapeuten, denn ich ziehe bei Gesprächen gern ein dummes Gesicht. Alsgleich erfahre ich die narzißtischen Werte meiner Gegenüber, die mich nunmehr für soooo dumm halten. Kommt alles ins Gutachten! *
Die Lehre
* Die wahre, reine Lehre gibt es nicht, ansonsten lebten wir alle im Paradiese. *
Die stolzen Eltern
* Bei manchen Eltern hat man den Eindruck, daß sie sich mit ihren Kindern narzißtisch als wertvoll darstellen möchten. Sollten die Eltern allerdings – und einiges spricht ja dafür – als etwas dümmlich erweisen, sind es die Kinder genetisch bedingt für gewöhnlich auch. Mit solchen Kindern kann man gar nicht glänzen – unmöglich! *
Bäcker, Schlosser, Handwerker, Lehrer und Rechtsanwälte
* Wie mir doch die Berufe zuwiderlaufen. Allein die Erläuterung des Lebens ist eine sinnvolle Aufgabe – hierfür bin ich auf die Welt gekommen, hierfür bin ich Mensch und kein Affe. *
Verzweiflung
* Gott vergebe allen Suizidanden, denn sie waren tief verzweifelt. *
Klaus beobachtet
* Habe ich einen Verdacht, so ist dies das eine. Stimmt mein Gefühl dazu, so weiß ich, daß ich recht habe. *
Der letzte Ausweg
* Das Genie ist auch daran zu erkennen, daß es stets eine Prise Gift zu Hause habe – für den Notfall. *
Die Täuschung
* Ich habe nichts gegen den Glauben, aber gegen Religionen, denn sie täuschen immerfort. Ich habe nichts gegen Wissenschaften, aber gegen Wissenschaftler, denn sie täuschen zumindest oft. *
Akademischer Unfug
* Wenn der Papst destruktiv, Thomas Alva Edison dumm, Adolf Hitler (den ich natürlich nicht gerade empfehlen kann) führungsschwach und Albert Schweitzer distanzlos sind, wissen wir, was die Psychologen können. *
Extravaganter Lebenswandel
* Erläutert jemand sein Genie, so frage ich stets als erstes, ob er früher auch Klos beschmiert und Scheiben eingeschmissen hat. Wird dies verneint, kaufe ich ihm sein Genie einfach nicht ab. *
Auf der Flucht
* Kennt man das Feindbild des Menschen, so weiß man, ab welcher Ebene man abgelehnt und davongejagt wird. *
Das Forum
* Wessen Begehr es ist, vom Balkon zu scheißen, wird bei den Nazis ein prima Forum finden! *
Interessant
* Interessante Argumente habe ich viele – hören will sie keiner. *
Wer steckt dahinter?
* Die Katastrophen des Zwanzigsten Jahrhunderts waren so übel und gravierend, daß man fast annehmen muß, sie hätten ohne das Zutun einer bösen, höheren Macht nicht zustande kommen können. *
Das Mikroskop
* Dort, wo der Affe durchs Mikroskop blickt, wird es keine vernünftigen Wissenschaften geben. *
Die Wahrnehmung des Unbewußten
* Daß das Unbewußte nicht zugänglich ist, liegt in der Natur der Sache. Nur der Talentierte weiß jene Partikel zu deuten, die gelegentlich an die Oberfläche sprudeln. *
Hundekacke
* Der Proll frißt keine Hundekacke, weil er destruktiv ist. Der Proll frißt Hundekacke, weil sie ihm gut schmeckt. *
Ordnung im Kopf
* Kultur bedeutet nicht, ins Theater zu gehen. Kultur bedeutet, seine Seele zu ordnen. *
Reine Ergebnisse
* Die naturwissenschaftlichen Ergebnisse sind auch deswegen so präzise und exakt, weil sie ohne Vorurteile, irrige Überzeugungen und Feindbilder hergeleitet werden können. Die Geisteswissenschaften müssen hier mehr leisten; Geisteswissenschaften erfordern ein reineres Denken. *
Arbeitslosigkeit muß nicht sein
* Natürlich muß Arbeitslosigkeit nicht sein. Man fahre einfach im Rollstuhl zu McDoof. McDoof nimmt jeden – für wie lange, weiß keiner. *
Der virtuelle Weihnachtsmann
* Hat man erst einmal eine Psychose weg, bald sieht man jeden Tag den Weihnachtsmann. Dies muß nichts Schlimmes oder Schlechtes sein – es sind ja Geschenke zu erwarten! *
Ab und zu
* Kein Doktor ist dumm. Aber er könnte gelegentlich nachdenken. *
Der Schauspieler
* Ein guter Schauspieler ist daran zu erkennen, daß man nicht merkt, daß er schauspielert. Wenn man merkt, daß man es nicht merkt. *
Soziales
* Wer aber dort spricht, der spreche mit Maß; wer aber dort schweigt, der schweige mit Bedacht. *
Widerspruch
* Bereits zu meine Schülertagen war ich ein Schwerverbrecher: Ich wagte den Widerspruch. *
Arabien
* Zumindest in einem sind uns die Araber voraus: Das Weib muß in der Öffentlichkeit schweigen. *
Das Faszinosum
* Gibt es eine faszinierendere Welt, als die der seelischen Erkrankungen? *
Du darfst
* Ich habe eine Meise – das darf ich! *
Dependent
* Der moralische Grundsatz, daß man Vater und Mutter ehren solle, hat natürlich eine völlige und uneingeschränkte Legitimation. Daraus darf aber keinesfalls eine dependente Persönlichkeitsstörung der Kinder abgeleitet oder hierüber begründet werden. *
Das außerordentliche Motiv
* Philosophisch motivierte Suizide sind viel interessanter, als psychologisch – medizinische. *
Des Menschen Denken
* Das Denken des Menschen ist evolutionär vorgegeben. Es geht doch immer nur um Bananen und Fortpflanzung. *
Der Gammler
* So mancher Gammler auf der Straße sagt doch glatt etwas Schlaueres, als der Professor an der Universität. *
Verderben
* Der Liebe Gott, der alles Denken übertrifft, bediente sich der Wissenschaften, um unsere Erde zu erschaffen – und sein Werk ist vortrefflich. Unsere titelverseuchten Wissenschaftler aber hatten nie etwas anderes zu tun, als jene Konstruktion fortgesetzt zu verderben. *
Auch Klaus muß irgendwann gehen
* Der Tod? Was bedeutet mir der Tod? Vor meiner Geburt war ich milliarden Jahre tot, und es hat mich nicht geschert. Vom Balkon werde ich trotzdem nicht springen. *
Weitergehen
* Kein Normalmensch wird anders – und schon gar nicht besser. Aber wenn er mir trotzdem noch einen Gefallen tun möchte: Er möge weitergehen! *
Geniale Kapriolen
* Schläft jemand fortgesetzt mit einem Revolver unterm Kopfkissen, lebt er dabei nur nachts und betreibt außerdem schöne Künste, so handelt es sich bei ihm ganz offensichtlich um einen Individualisten – hier fehlt nicht viel zum Genie! *
Pervitin
* Manche Dichter (auch namhafte) schreiben so langweilig, daß man eine Schachtel Pervitin benötigt, um das Buch komplett zu lesen. *
Die Prollkneipe
* Wer einmal in einer Prollkneipe gewesen ist, weiß, daß der Mensch nicht zum Glauben bestimmt ist. *
Kranke Gene
* Der Anspruch auf eine Verbeugung, stehe nicht gerade der Papst vor einem, ist immer auf eine kranke Gengruppe zurückzuführen. *
Gleich
* Wer immer gleich sein möchte, muß wissen, daß er damit auch gleich dumm ist. *
Mordbereitschaft
* Die Schreierei im Kleinen zeigt immer die Mordbereitschaft im Großen. *
Soziale Intelligenz
* Wie doch der Mensch das einzige soziale Wesen ist, welches nicht über soziale Intelligenz verfügt. *
Der Spastiplatz
* Du meine Güte, wie oft mir doch in meinem Leben ein bedeutungsloser Spastiplatz zugeordnet worden ist. In der Familie war das so, in der Lehre war das so, und auch im Studium war es nichts anderes. *
Denkhemmung
* Mitunter muß ich mich mit Denkhemmungen herumärgern. Je mehr ich dann ein Ergebnis wünsche, desto mehr geht es in ein psychologisches Widerlager hinein. *
Arbeiten
* Natürlich gibt es kein Recht auf Faulheit, aber es gibt auch keine Pflicht zum Frondienst. *
Die Unterredung
* Fast immer sind es die Besten, die fliehen. Sie fliehen aus der Schule, sie fliehen aus dem Lande, sie fliehen sogar aus der Klapse. Ihre Begründungen hierfür sind stets erstaunlich lückenlos und einwandfrei – nach einer aufmerksamen Unterredung merkt man es. *
Die Liese
* Die typisch dumme Liese erkennt man unter anderem am Schunkelzwang bei Heino. *
Das Portal
* Seit einigen Jahren gibt es im Internet Portale für die Bewertung medizinischer Leistungen. Diese Portale sind sehr sinnvoll und auch lange überfällig: Sie bilden einen Gegenpol zu den ärztlichen Patientenblättern, in denen das falschabgesägte Bein als neurotische Hypochondrie abgetan wird. *
Es geht ihm gut
* Der Normalmensch hat es gut, denn er kennt den Begriff der “Schuld” nicht. Entweder er empfindet keine, oder er leugnet sie. *
Gedankliches
* Manchmal scheinen mir meine Gedanken nicht differenziert genug zu sein, und vielleicht ärgert es mich. Doch höre ich das Gerede meiner Umwelt, dann weiß ich, daß ich schlau bin! *
Schwer
* Die Dummen haben’s doch doppelt schwer: Erstens können sie keine höheren Berufe ergreifen, und zweitens bleibt ihnen der höchste aller Genüsse unzugänglich: Die geistige Erkenntnis! *
Die Androhung
* Lebe ich vom Sozialamt, bekomme ich eine Kürzungsandrohung. Gehe ich zur Arbeit, bekomme ich eine Kündigungsandrohung. Wer schlau ist, wählt die Kürzungsandrohung – hierfür braucht man nicht aufzustehen. *
Oftbestraft
* Auch von den Jahrgangsbesten hört man später nichts mehr. Es sind die Oftbestraften, die von sich reden machen. *
Das Lumpenproletariat
* Wie doch die Themen der Prolls immer dieselben sind, nämlich Kacke, Weiber, Schnaps und Fußball. *
Der schlaue Patient
* Die Psychiater fordern den Nobelpreis; ihre Patienten bekommen ihn. *
Ungewöhnlich
* Die besten meiner Texte sind mir beim Scheißen eingefallen. *
Raffiniert
* Das perfekte Verbrechen gibt es nicht – aber das raffinierte! *
Unkenntnis
* Die sprichwörtliche Zufriedenheit der Dummen rührt doch nur daher, daß sie die tausend Widrigkeiten des Lebens, welche diese auch immer sein mögen, nicht erkennen können. *
Blausäure
* Hätte ich zur rechten Zeit Blausäure geschluckt, hätte ich nur weniges versäumt, aber vieles vermieden. *
“Ist doch wahr!”….
* …..schrie er, und fand seine abstrusen Behauptungen legitimiert. *
Besser
* Wissen ist gut, Erkenntnisse sind besser. *
Erklärungszwänge
* Seit dreißig Jahren ärgere ich mich mit Erklärungszwängen herum. Nichts hilft. Einen positiven Effekt aber haben sie, nämlich diese Texte. Ich erkläre das Leben. Einzig diesen Zwang mag ich gelten lassen, ja er ist fruchtbar. *
Gratulation
* Die dumme Frau nimmt Tarzan, die gewöhnliche den Nützlichen, die kluge Frau die Persönlichkeit. Lasset uns letztgenannter gratulieren. *
Frische Milch ist gesund
* Ich habe bestimmt nichts gegen emanzipierte Frauen. Doch auch der Mann sollte seine Seele wahren. Die zu sehr emanzipierte, ja herrisch – egozentrische Frau sollte wissen, daß ihr beispielsweise noch im Mittelalter ihrem Wesen und ihren Fähigkeiten entsprechend ein angemessener Platz zugewiesen worden wäre: Das Ziegenmelken nämlich. *
Der Nachlaß
* Der Normalmensch stirbt, ohne überlegt zu haben. Der Individualist hinterläßt zumeist ein paar interessante Werke. *
Keine Lust mehr! Ende!
Leser-Kommentare zum Schreibwettbewerb 2026
199 Kommentare zu „Wettbewerbsbeiträge“
-
Der Text Suchen beschreibt das Thema des Wettbewerbes kurz aber direkt. Durch die kurze Art wird die eigentliche Nachricht des Textes sehr deutlich – wir wollen so viel Tun, doch vergessen uns. Ich finde den Text sehr gelungen.
-
Ich kann nicht sagen, dass ich alle Texte gelesen habe, alle Einreichungen studiert, dazu sind es schlicht zu viele. Doch der Text “Spuren” hat Spuren in mir hinterlassen. Sparsam in der Anwendung sprachlicher Mittel, gerade deshalb stilistisch geschliffen in der Durchführung, verdichtet er ein ganzes gelebtes Leben in wenigen Zeilen, ohne Tünche, ohne Schminke. Ein tieftrauriger, ein schöner Text.
-
Ich finde, dass der Text “Vom Auflösen einer Verkrampfung namens Ich” sehr gut zum Thema negative Philosophie passt.
Mir gefällt daran besonders, dass der Text das Thema nicht theoretisch behandelt, sondern zeigt, wie es sich anfühlt. Er ist ein bisschen wie eine “Self-Inquiry”
Er beschreibt die Erfahrung von der Krishnamurti, Nisargadatta Maharaj und Ramana Maharshi sprechen, in meinen Augen, wirklich gut.-
Ich habe viele der hier eingereichten Beiträge gelesen und bin beeindruckt von der vielseitigen Umsetzung des Themas. Viele Texte sind mir im Gedächtnis geblieben, aber vor allem der Beitrag “Wohin?” hat mich tief berührt.
-
-
Ahoi!
Ich muss ehrlich gestehen, viel Geschriebenes, was ich hier finde, ist teilweise sehr schön, durchaus eloquent formuliert aber es führt häufig nirgendwo hin. Mir fehlt inhaltlich oft die Reise, auf die mich jemand als Schreibender mitnehmen möchte, um eine eigene Erkenntnis zu erlangen. Das ist schade.Nun aber zu den guten Sachen. Eine der ersten Geschichten, ich glaube
“Smaragde schwimmen oben”, ist mir bis heute im Gedächtnis geblieben. Klare Empfehlung.
“Das Band” ist erfrischend anders, plus einem unerwarteten Ende.
Und vielen Dank für “Der Tunnel”. Schönes Ding.Allen Schreiberlingen weiterhin viel Erfolg und vor allem Spaß beim Schreiben!
-
Interessant, wie präsent Lyrik in diesen Beiträgen ist. Viele Gedichte lassen mehr offen, als sie festlegen.
Das wirkt in diesem Kontext sehr stimmig.
Mich hat besonders der letzte Satz von “Drei Gedichte” festgehalten:
„kommen mir zweifel am nicht-an-gott-glauben“.
Nach all den Substitutionen, Verschiebungen und Katastrophen wirkt er nicht wie ein Rückzug, sondern wie eine ehrliche Leerstelle. Es tut gut, hier Lyrik zu lesen, die Glauben nicht behauptet, sondern wieder fraglich macht. -
Ich persönlich finde den Text “Sehnsucht nach dem Ich” sehr ansprechend. Er regt zum Nachdenken an, wer wir überhaupt sind. Man kann zwischen den Versen lesen, dass wir jemand sind, von dem wir nicht wissen, wer diese Person wirklich ist.
Ich finde besonders zwei Teile einprägend: “Zu dem Menschen zu werden, nach dem sich mein inneres Kind sehnt.” und “Einzig und allein ich.
Die Person, von der ich bisher am wenigsten weiß, nach der ich mich aber gleichzeitig am meisten sehne.” -
Sinnsuche mit Kokosraspeln spiegelt das Streben nach sehr viel Wissensübertragung und bereit zu sein, viel zu geben. Doch ist es ein Kampf aus einem Traum und einer Bestimmung einen gut bezahlten Beruf zu machen.
Die Hürden die man nehmen muss, sind oft der Verzweiflung nah, das kann man in diesem Text erkennen.
Doch ließt man auch Hoffnung, Gestaltung und Vollendung, so wie es vielen Menschen im Berufsleben ergeht.
Denn der existenzielle Druck treibt die Mehrheit der Menschen an, und begleitet sie durch das komplette Arbeitsleben.
Niemals aufgeben für Träume und Ziele ist immer ein guter Plan. -
Mir gefallen viele der hier geschrieben Beiträge sehr gut!
Besonders angesprochen haben mich die Beiträge “nichts” und “Wohin?”.
Sie sind besonders nah an meiner momentanen Lebenssituation. -
Ich habe mir alles durchgelesen. „ 7 Schritte“. Und „ Ein bequemer Tod“ sind echt toll geschrieben. Mit vielen anderen Texten kann ich nichts anfangen. Vielleicht auch weil sie nicht meinem Geschmack entsprechen. Trotzdem toll wie viele hier einen Text einreichen.
-
Ich habe den, wie ich finde, sehr gelungen Text „Lichenifikation“ gelesen.
-
,Lichenifikation’ ist ein eindringlicher Text mit starken Bildern. Besonders gefallen hat mir, wie Körper, Erinnerung und Geschichte miteinander verwoben sind. Sehr atmosphärisch, beklemmend und stellenweise auch absurd komisch.
Ich würde gerne mehr davon lesen. -
Für mich hat die Geschichte “Die Revolution und das Bier” besonders hervorgestochen. In dem Text möchte ich zwei Punkte besonders hervorheben. Erstens gefällt mir, dass die Geschichte offen bleibt und den Leser selbst interpretieren lässt, ohne vorzugeben, wie man oder der Protagonist sich fühlen soll. Zweitens zeigt sie die Machtlosigkeit gewöhnlicher Menschen in Zeiten politischer Umbrüche. Diese Ohnmacht wirkt unausweichlich und determiniert. Man kann nichts ändern und bleibt gezwungen, einfach zuzusehen.
-
Und morgen brennt es immer noch.
Ein unglaublich intensiver und berührender Text. Die Bilder vom inneren Brennen sind stark und eindringlich, besonders die Wiederholung von „Und wartest“ erzeugt eine spürbare Schwere. Sprachlich sehr kraftvoll und emotional tiefgehend – bleibt lange im Kopf. 🔥
-
Die Geschichte “Der 26. Geburtstag” finde ich sehr berührend. Der Spannungsbogen ist sehr schön ausgearbeitet. Als Leser merkt man schon bald, dass irgendetwas nicht stimmt und alles immer um Bennis Zimmer statt um Benni kreist. Es bleibt dem Leser überlassen sich auszumalen, was wohl passiert ist.
-
Mir gefällt die Umsetzung des Themas in dem Text “Atlantis”. Obwohl etwas absolut Sensationelles passiert, tut die Hauptfigur das mit einem Achselzucken ab, ärgert sich nur über die Folgen, die es für sein Arbeitsleben hat. Ganz offensichtlich ist das ein verbitterter, genervter Mensch. Mir gefällt auch die herrlich slapstickige Art zu schreiben und die schrägen Metaphern, die sich in den Gedanken der Hauptfiguren verbalisieren.
-
„Und morgen brennt es immer noch“ hat mich sehr gefesselt, weil er genau das beschreibt, was ich gerade selbst empfinde. Die Worte treffen meinen inneren Zustand erstaunlich genau und geben Gefühlen eine Form, die ich selbst kaum ausdrücken könnte.
Es ist beeindruckend und gleichzeitig tröstlich, sich in den Gedanken einer anderen Person so stark wiederzufinden. Genau deshalb hat es mich so berührt.
-
Dieses Gedicht hat mich wirklich tief berührt. Die Bilder vom inneren Brennen sind so intensiv und eindringlich, dass man die Hitze förmlich spürt. Besonders die Wiederholungen und die letzte Frage gehen unter die Haut und bleiben lange im Kopf. Für mich ist das ein außergewöhnlich starkes und emotionales Gedicht.
-
Kann es sein, dass hier nur Freunde und Bekannte von Wettbewerbsteilnehmern mit entsprechend gefärbter Brille kommentieren? Viele der gepreisten Beiträge passen meiner Ansicht nach noch nicht einmal zum Thema.
-
Das ist mir auch beides aufgefallen. Wobei insgesamt mehr als die Hälfte der Texte nicht zum Thema passen, sondern rein aus der Perspektive des psychologischen Ichs geschrieben sind. Mag daran liegen, dass die meisten Menschen mit dem Konzept der negativen Philosophie überhaupt nichts anfangen können, ihm wahrscheinlich auch noch nie begegnet sind.
-
Mich fasziniert an der Kurzgeschichte „Atlantis“ der sehr intelligente und augenzwinkernde Blick auf unsere Nachrichten- und Öffentlichkeitskultur.
-
Das mag ja faszinierend sein – aber was hat es mit negativer Psychologie zu tun? Die Geschichte ist doch rein aus der Perspektive des psychologischen Ichs geschrieben.
-
-
Lieber Vlad, lieber Mario, es ist unsere Schuld. Wir haben die Menschen überschätzt. Und irrtümlicherweise geglaubt, die Kommentarfunktion würde fruchtbare Diskussionen hervorbringen.Auch waren wir naiv genug, zu glauben, die eingereichten Texte nicht filtern zu müssen, weil sich schon jeder an das Thema halten würde.
Das Ganze ist natürlich auch als Experiment zu verstehen: als gescheitertes Experiment in Sachen Demokratie. Das Studienresultat ist endeutig: Die Menschheit ist ein Kindergarten und braucht ihrer mangelnden Bewusstheit und dysfunktionalen Ego-Struktur gemäß eine regelnde Hand wie die Luft zum Atmen.
Nicht-themenbezogene Texte akzeptieren wir schon seit einigen Tagen nicht mehr. Ab sofort werden wir auch die Kommentarfunktion dahingehend überwachen, dass sie nicht als Werbeplattform bzw. zur Wahlmanipulation missbraucht wird.
Zur Kindergarten-Mentalität der Menschheit passt übrigens auch die Tatsache, dass uns, obwohl unsere Themen für viele Menschen Neuland sein dürften, bislang keine einzige inhaltliche Frage erreicht hat, weder im Forum noch per Mail. Und dass sich niemand berufen fühlt, einen der ausgerufenen kommenden Wettbewerbe finanziell zu unterstützen – geschweige denn, mit einem eigenen Themenvorschlag daherzukommen. Alle Blicke sind starr auf den Pokal gerichtet. Der eigentliche Schatz wird gar nicht gesehen, bleibt tief vergraben.
Trotzdem ist uns das Projekt ein Vergnügen. Und wir sind sicher, dass wir das ein oder andere Ego erfolgreich austricksen, indem wir ihm den Pokal vor die Nase halten, damit im Hintergrund die Arbeit an seiner Auflösung beginnen kann.
-
Oje, sorgt dies nicht dafür, dass keiner mehr schreibt. Ist das im Sinne des Wettbewerbs?
-
Liebe Katrin,
in den letzten 48 Stunden sind 7 neue Beiträge eingegangen, 7 von 7 sind themenbezogen und veröffentlicht.
-
-
Mich fasziniert “jeder Morgen” total. Der Text ist unglaublich gut geschrieben und fängt die Melancholie, die sich in den Alltag einschleicht, wenn man sich selbst verliert, wunderbar ein. Berührend!
-
Desillusioniert
Klare Sprache, verständlich, nachvollziehbar, ohne vermeintlich hochgeistige Schnörkel: Top!
-
Mir hat das Gedicht auch gefallen. Aber auch hier wieder – was hat es mit negativer Philosophie zu tun? Desillusionierung ist sicher ein wichtiger Motivator für innere Arbeit, aber der Weg des Tao hat dort noch gar nicht begonnen.
-
-
Ich habe das Gefühl, dass hier viele junge Menschen schreiben, was mich angesichts des Themas überrascht. Im positiven Sinne.
-
Ich habe alle Beiträge gelesen. Interessant ist, wie groß die Bandbreite der Bewusstheit ist, die zutage tritt. Es ist auch einiges wirklich Hochfrequentes dabei. Was nicht heißt, dass diese Texte in der Gunst der Leser oben stehen. Zumal wir für alles, was über unsere Bewusstseinsstufe hinausgeht, blind sind.
-
Ich finde auch, hier sind sehr interessante und tolle Beiträge, aber vielleicht thematisch weniger passend. Mir gefällt aber: Ergebnisoffen. Finde ich wirklich sehr kreativ
-
Ich fand die Geschichte, wo wurzeln nicht bleiben dürfen einfach mal ein extremen Spiegel der heutigen Gesellschaft.
Sie regt zum nachdenken an und fordert zum Handeln auf. -
Viele gelungenen Beiträge und an alle Schreiber ein großes Dankeschön.
Besonders gelungen fand ich den Beitrag “Wo Wurzeln nicht bleiben dürfen”, weil es die Thematik der negativen Philosophie sehr gut beschreibt. Denn wenn wir nur negativ Denken und ohne aktiv zu handeln durchs Leben schreiten, entgleitet die Schönheit der Welt und der Natur und gerät in Vergessenheit. Jeder kann seinen Beitrag tun, z.b. indem man einen Baum pflanzt.
Aber wenn wir es einfach nur hinnehmen und es blind akzeptieren, kann nichts Gutes dabei rauskommen.
Nur wenn man Gutes gibt, kommt auch Gutes zurück. -
Ich will hier nicht als Spielverderber daherkommen, aber negative Philosophie wurde auch hier völlig missverstanden. Es geht nicht um negativ/schlecht versus positiv/gut, sondern um tiefe Selbsterkenntnis und die wahre Natur der Dinge. Ist das so schwer zu verstehen, oder verweigert das kleine Selbst vielleicht nur, hinzuschauen, und pflanzt lieber neue Bäume?
-
Ich hab es leider nicht geschafft mir alle Beiträge durch zu lesen, aber finde die Vielfalt echt Toll!
Mir persönlich hat das “Tagebuch eines Skeptikers” gut gefallen, da das Thema Einsamkeit mich sehr berührt. -
Zur Diskussion bezüglich themenfremder Beiträge: Vielleicht währe es für alle Abstimmenden ein wenig hilfreich, wenn das Team vom Verliererverlag vor der Abstimmung eine Bewertung vornimmt, wie gut im Einzelnen das Thema getroffen wurde?
Nur so als Vorschlag.
Ansonsten auch mein Lob an die vielen tollen Beiträge.-
Puh, schwierig. Es würde die Wahl ja entscheidend beeinflussen. Nach der Abstimmung gerne. Da können wir die Beiträge gern hinsichtlich Themenrelevanz und Grad der verkörperten Bewusstheit bewerten.
Übrigens werden wir spaßeshalber auch eine interne Abstimmung durchführen. Da wird es neben obenstehenden Kriterien natürlich auch um Sprachästhetik, Authentizität und Originalität gehen.
Unsere Top 10 werden wir zu dem offiziellen Ergebnis hinzufügen. Heißt, wir werden ein Ranking der Top 25 der Jury-Wahl erstellen und überdies unsere Top 10 kennzeichnen. Ob es da Überschneidungen geben wird, steht in den Sternen. Wir sind selbst gespannt.
-
-
Als ich die Kurzgeschichte „Wo Wurzeln nicht bleiben dürfen” gelesen habe, fühlte ich mich mitten in der Situation im Wald und konnte mich sehr gut hineinversetzen. Als ich mir nach dem Lesen die Frage stellte „Was verliere ich, wenn ich nicht handele?“, musste ich kurz schmunzeln, da die Geschichte auf der Seite vom Verlierer Verlag publiziert worden ist. Die Geschichte regt zum Nachdenken an. Nach den ersten negativen Gedanken, kam ich aber zu dem Schluss, mich nicht klein fühlen zu müssen, wenn ich aktiv dafür etwas tue und handele. Danke für diese Inspiration!
-
Meine Favoriten: Mauer der Tränen (Sci Fi ist eh mein Ding, die Story aktueller denn je), Stille hinter den Worten (utopische Prosa, auch mein Ding, fesselnd, sehr gut geschrieben), Tara und Schopenhauer (ähnliche Thematik, auch speziell und auf den Punkt). Von den Gedichten Suchen und zeit des schweigens. Von den Essays Die negative Philosophie- ein Essay über Macht, Wächter und die Kunst Lügen zu erkennen.
-
‘Die Liebe und ich’ hat mich besonders berührt.’ Aber insgesamt viele tolle Beiträge. Danke dafür. Danke auch an den Verlag. Man bekommt ja sonst bei Schreibwettbewerben nur die Gewinner zu lesen. Was echt schade ist.
-
ich finde es klasse, dass es hier so viele verschiedene Texte gibt. Sehr interessante Sache weil jeder hier lesen und kommentieren kann. Werde versuchen die nächsten Stunden auch einen Text zu positionieren um harre der Meinungen.
Bin Amateur, keine Ahnung was noch im Rahmen der Vorgabe ist und was nicht.
Was mich mit keiner Silbe bisher gelangweilt hat:
-Mauer der Träume
-Heldendämmerung
-Revolution & Bier
-Wohin?
-Smaragde schwimmen oben
Aber es gibt noch viele sehr Gute andere Beiträge hier, und ich habe auch noch nicht Alles gelesen. -
Mir hat es “Die Tauben haben Hunger” angetan. Hier der Existenzkampf, dort das Leiden der bewussten Menschen an der Existenz, im Geist wie im Herzen. Derweil verroht die Menschheit immer weiter, weil es nicht die bewussten Meschen sind, die sich fortpflanzen und breitmachen, sondern die Unbewussten, Machthungrigen, Animalischen, Dummen. “Die Maschine des Sinns”, “Und nun das” und “Der faule Zahn” hat auch noch niemand erwähnt, sind aber absolut lesenswert. Dasselbe gilt für “Vater-Sohn-Gespräch”.
-
Zuerst möchte ich mich herzlichst beim Verlag bedanken,der dieses Projekt möglich macht! Die Texte laden zum Verweilen, zum Innehalten und zum Reflektieren ein. Es gibt hier viele tolle Lyrik und Prosa! Vor allem geben sie mir ein Gefühl, dass es da draußen genug Menschen gibt, die auf künstlerische Art und Weise die uns umgebene Welt erblicken und auf geistig seelischer Art eine fließende Realität erkennen, die meiner ähnlich ist, die schön ist, anders ist, als der Mainstream, die individuell ist und in einsamen Stunden errungen wurde. Einsamkeit muss man aushalten, man benötigt innere Stärke dafür. Hier fühle ich mich in einem Brüder/Schwester-Bund mit allen geistig strebenden Seelen, auch wenn sie mir unbekannt sind, habe ich doch schon durch das Lesen ein innigeres Verhältnis zu ihnen gewonnen als zu meinem Nachbarn. Also nochmals vielen Dank an den Verlag!
Nun möchte ich noch anfügen,dass es mir als Laien ziemlich schwer fällt hier eine Gewichtung, eine Bewertung im Sinne von besser/schlechter vorzunehmen, mir ein Urteil anzumaßen. Ich liebe Lyrik, beim Lesen geht mir das Herz auf – ich liebe auch Prosa und mein Geist schlägt Rollen vorwärts – es sind 2 verschiedene Stilrichtungen die meinem ganzheitlichen Menschsein entsprechen – nun stehe ich vor der Frage, wie soll/ kann ich hier einen Vergleich vornehmen? Wer kann der Gewinner sein? Wenn einer gewinnt, dann gibt es viele Verlierer? Bei dieser Qualität an Texten. Echt schwierig.
-
Vielen Dank für den Dank und die ehrlichen Worte. Die überdurchschnittlich hohe Anzahl an wirklich guten Beiträgen hat unserer Ansicht nach übrigens genau damit zu tun, dass sich überwiegend Menschen von dem Thema angesprochen fühlen, die bereits in einer anderen, fließenderen Realität leben als der Durchschnittsmensch, und das spiegelt sich eben auch im Wortfluss wider.
-
-
Besonders im Gedächtnis geblieben sind mir „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ und „Wüsste ich?“. Beide Texte thematisieren auf unterschiedliche Weise Unsicherheit und die Grenzen des Wissens. Während „Wüsste ich?“ eher mit Fragen und inneren Gedanken arbeitet, denkt „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ stärker philosophisch über Zweifel und Erkenntnis nach. Gerade diese unterschiedliche Herangehensweise macht beide Texte interessant. Außerdem finde ich es toll zu sehen, wie viele Menschen sich hier mit eigenen Texten beteiligen und ihre Gedanken mit der Welt teilen.
-
Ich fand alle Kurzgeschichten interessant
-
Hallo Verlag, ich habe die Umfrage und die Diskussion verpasst, wieviel Geld müsste denn zusammenkommen, um Euch umzustimmen und doch zwei weitere Schreibwettbewerbe zu starten? Muss es denn überhaupt Preisgelder zu gewinnen geben?
Zweite Frage: Plant Ihr, ein Buch mit den besten Achselzucken-Beiträgen rauszugeben? -
Liebe Sandra, wo es nichts zu gewinnen gibt, wird sich viel weniger Mühe mit den Texten gegeben, viele gute Autoren verzichten dann auch ganz auf die Teilnahme, das ist das Problem.
Wir bräuchten pro Wettbewerb mindestens die 1800 € fürs Preisgeld. Wenn wieder alle Beiträge veröffentlicht werden sollen und nicht nur die Gewinner, dann nochmal mindestens 2000 € pro Wettbewerb, um wenigstens einen Teil der Arbeit delegieren zu können. Honorare für Jurymitglieder nochmal 1000 €. Also insgesamt ungefähr 3 Rheinmetall-Aktien pro Wettbewerb.
Zur zweiten Frage: Auch dazu fehlen uns Zeit und Geld. Aber das könnte ja einer von Euch übernehmen. Über uns Kontakt mit den Verfassern aufnehmen und Honorare aushandeln, Crowdfunding-Kampagne starten, Korrektorat, Buchsatz, Covergestaltung, Druck und Versand organisieren, fertig.
-
Da kann ich leider nicht helfen, ich wollte selber mal einen Gedichtband von mir über startnext crowdfunden lassen, es ging aber nicht, weil ich in Portugal lebe.
Geld hab ich leider auch keins ürbig. Aber ich hab eben mal gegoogelt, die Deutschen haben ein Rekordhoch von 9 Billionen Euro in ihren Sparbüchsen. Wir sind hier nihct mal krankenversichert, halten uns grad so über Wasser-
Liebe Sandra, willkommen im Boot, in dem der Großteil der Menschheit sitzt. Und zu den Sparkonten – da fällt uns ein Zitat unseres Freundes Zara ein: “Wenn sie nicht wissen, dass es möglich ist, Dinge loszulassen, neigen Menschen dazu, sie anzusammeln. Was sollen sie auch sonst tun?” Das gilt für Erinnerungen und Zukunftsphantasien genauso wie für Glaubensmuster und Identitäten – und eben auch Geld.
-
-
-
Ich finde es spannend zu sehen, wie unterschiedlich hier mit dem Thema umgegangen wird. Glaubt ihr, dass negative Philosophie heute vielleicht sogar wichtiger geworden ist, gerade in einer Zeit mit so vielen festen Meinungen und vermeintlichen Gewissheiten?
-
Ich fand die unterschiedlichen Herangehensweisen auch sehr spannend. Ob die negative Philosophie wichtiger geworden ist, weiß ich nicht. Aber ich denke es ist ein großartiges Werkzeug, um gedankliche Abgrenzung zu schaffen, wo man (wie du eben sagst) auf so viele Köpfe mit festgefahrenen Meinungen trifft. Besonders, wenn man auf Meinungen trifft, die eigentlich keine Meinung sind, sich selbst aber für eine solche halten und ausgeben. Und es verhilft zur Vielfältigkeit. So wie bei einem Farbspektrum, dass z.B. der Farbe Rot mehr Namen gibt, wie Ziegelrot, Purpur, Malve, etc. Eine tolle Sache jedenfalls.
-
-
Mir hat besonders gut die Geschichte „Kein Titel, keine Präferenz“ gefallen. Alleine der Titel sagt ziemlich viel über die Geschichte aus. So wird eine Art „Meta“-Ebene erreicht. Und der erste Satz zieht einen richtig rein, verändert jedoch gegen Ende seine Bedeutung, und wirft viele tolle Fragen zum Nachdenken auf😉
-
Viele der Texte hier sind wunderbar geschrieben. Sie fangen ein und übertragen Gefühle. Danke, für all eure Beiträge.
Das Wesen der negativen Philosophie war mir fremd, als ich von dieser hier gebotenen Möglichkeit erfuhr. Die Beispieltexte inspirierten aber die ständige Angst einer kompletten Fehlinterpretation der Thematik blieb. So wollte ich erst meinen eigenen Text einreichen, bevor ich euere Worte lese, um den Einfluss zu minimieren. In einigen Werken finde ich diese, meine Unsicherheit wieder. Ich finde aber auch Teile meines Seins in euren Worten und das, was niemals mein Sein sein kann, weil es eures ist.
Ich bilde mir nicht ein genug zu wissen, um zu bewerten, auch wenn einige Werke etwas am Thema vorbei schießen (und viele handeln davon einsam zu sein und sich ein Ende zu wünschen…). Aber am meisten konnte ich die folgenden Werke nicht ohne Effekt an mir vorbei ziehen lassen (ich habe zum heutigen Stand einen Großteil, aber nicht alle gelesen):
– Des Boomerbuben Wunderborn – ich hatte unfassbar viel Spaß beim Lesen.
– Tara – Hat mich berührt. Danke fürs Teilen.
– Die Stadt ohne Spiegel – Fand ich einfach schön.
– Vater-Sohn-Gespräch: Sehr gelungen und leicht, wie ich finde.
– Ich weiß, dass ich nichts weiß – Richtig toll, hat mich dem Verständnis fürs Thema näher gebracht.
– Wie es sich gehört – Grau, trist und leblos habe ich den Text erlebt. Trotzdem, oder gerade deswegen, blieb er hängen.
– Phlogiston – Fand ich gut, hielt mich fest. Besonders den Teil mit “extrahierte Poesie der Quantenmechanik” -
Mein Best-of bis hierher: Alle 3 Regen-Texte, v.a. der mit dem Orni-Opa, Warum wir kein Selbstwertgefühl brauchen, Optimiert, Spinne, Kakerlake, Tara, Libanon und Vom Verschwinden der Philosophie.
-
Die Texte haben mich alle sehr beeindruckt, aber besonders ist mir der Text „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ in Gedanken geblieben. Der Text ist mutig und regt zum denken an. Zu Beginn wusste ich nicht einmal was negative Philosophie bedeutet, aber durch die vielen verschiedenen Einblicke und aktuellen Themen, die heutzutage viel zu wenig Aufmerksamkeit bekommen, ist mir bewusst geworden, dass wir auch den eher unscheinbaren Dingen in unseren Leben mehr Aufmerksamkeit schenken müssen.
-
Meine persönliche Bestenliste (hab natürlich nicht alle lesen können) bisher (keine bestimmte Reihenfolge):
Pavlos Hängebrücke: hat einen schönen, ausgeglichenen Ton. Das hat mich ein bisschen Träumen lassen. Man merkt, der/die Autor/in hat seinen/ihren Text im Griff. Er/sie greift das Thema anders auf: es gibt gesellschaftliche Zwänge, ohne die Möglichkeit, kein Bild von allem zu haben, finde ich sehr spannend, wenn ich es richtig verstanden habe.
Kein Titel, keine Präferenz: geht einen ähnlichen Ansatz. Es geht auch, um die Frage, ob das irgendwie möglich ist, geht jedoch noch einmal ganz anders damit um. Es ist eine spannende (und lustige) Geschichte, die einen auch sofort einsaugt. Es ist toll geschrieben, vor allem dieser Minimalismus, der bei Ferdinands Dialog so konsequent durchgezogen wird, und einfach perfekt passt. Die These ändert sich im Laufe der Geschichte komplett, und traut sich damit, dem Wettbewerbsthema zu widersprechen, bzw. persönliche Optionen offenzuhalten. Da wären wir wieder beim Thema: keine Präferenz.
Caretta: hat einen wahnsinnig starken Einstieg, teleportiert einen schon fast an diesen Strand. Ich spüre gleich den Sand zwischen den Zehen. Man merkt auch hier, da hat sich jemand Gedanken gemacht, die Sache mit den Eiern bspw wird konsequent durchgezogen, leider catcht es mich inhaltlich nicht vollständig, aber das ist ja bekanntlich immer sehr subjektiv. Aber ansonsten einfach eine wunderschön geschriebene Geschichte. Vor allem mit den ganzen Gedanken, die man lesen kann.
Absolute Leseempfehlung bei allen drei!
-
Der Autor von Caretta hat seinen Beitrag zurückgezogen.
-
-
Liebe Verfasser der Texte A, B und C, liebe Teilnehmer generell: Erklärt Euren Freunden doch bitte, dass sie Euch den größten Gefallen damit tun, den Geist des Projekts zu achten und alle und damit auch Eure Texte objektiv und ehrlich zu beurteilen. Danke! Wir haben jetzt einige Kommentare gelöscht, die im Kindergarten namens Menschenwelt gut aufgehoben sind, hier aber nichts zu suchen haben.
Man müsste eigentlich noch einiges löschen, aber gut, belassen wir es dabei. Note to self: Geschlossene Jury ist der bessere Weg.
Update: Löschungen sind aufgehoben, aber bitte unterlasst in Zukunft – und auch bei der Wahl – die Unterstützung Euch persönlich bekannter Autoren unter Ignoranz der tausend anderen Texte. Wir sind hier nicht im Fußballstadion. Ihr müsst es eher als Friedhof sehen. Als Begräbnis. Bei dem Ihr dem Leichnam zu einem Pokal verhelfen wollt, als wenn das noch irgendetwas ändern würde. -
Zunächst möchte ich meine Wertschätzung für die Zeit und Mühe aller Teilnehmenden ausdrücken, die ihre Annäherung an das ausgeschriebene Thema geteilt haben.
Der Text “Russenkind” hat mich beeindruckt, weil er eine psychologisch tiefgehende Mikrohistorie erzählt, in der Schuld- und Schamgefühle, gesellschaftliche Ächtung, Isolation und Stigmatisierung eindrücklich erfahrbar werden. Die interne Fokalisierung vermittelt die Perspektiven der Figuren besonders intensiv, sodass der Text zugänglich und nachhaltig berührend wirkt.
Die fragmentarische, surreale Erzählweise von “Phlogiston” hat mir besonders gefallen. Die Mischung aus kritischer Haltung, Selbstreflexion, humorvoller Provokation, kindlichem Trotz, Großspurigkeit und absurden Momenten schafft eine raum-zeitlich verschobene Atmosphäre, die kurzweilig vergnügt.
Im Kontrast der beiden Texte wird für mich eine unterschiedliche Denk- und Ausdrucksweise deutlich, die das Trennende erfahrbar macht, ohne das Widersprüchliche auflösen zu wollen. Beide Texte zeigen eine zutiefst persönliche Kuratierung des Nicht-Seins und des Nicht-Sagbaren und hinterlassen ein Gefühl des Sich-verstanden-Fühlens, ohne die Illusion eines jemals vollständigen Verstandenseins zu simulieren.
-
Liebes Team vom Verlierer Verlag, danke nochmal! Schaffe es wahrscheinlich nichtmal alle Texte bis zur Abstimmung zu lesen- geschweige denn zu beurteilen! Die Jury Wertung ist daher egtl immens wichtig. Normalerweise wird auch ein kleiner Beitrag zw 10-30 euronen fällig, bei einer Angabe der Kontonummer bin ich auch gerne bereit diesen zu überweisen, sollte ja nicht das letzte mal sein.
Zur Abstimmung: Kurzgeschichten werden abräumen, aber vlt ist mein Weltbild noch nicht genug durch negative Philosophie geläutert, bin erst am Anfang!
Vlt wäre es sinnvoll wenn jeder einfach 10 gute Beiträge bennent, mindestens einen aus jeder Gattung (Prosa, Lyrik, Essay) so dass wenigstens eine top 5 Liste erstellt werden kann? Wäre sicher wichtig für die Philosophen und Dichter unter uns. Dann würde sich auch nivellieren, dass jeder auch seinen eigenen Beitrag beifügt (ist ja auch ok, sonst würde man ja hier nicht posten, ohne eine gewisse Überzeugung).Wie auch immer: weiter so!
-
Lieber Stefan,
es bleibt diesen Wettbewerb betreffend dabei, dass die Autoren und die kommentierenden Leser die Jury stellen.
Das Verfahren sieht so aus: Jeder Stimmberechtigte wählt seine drei Gewinner. Pro Wahl auf den ersten Platz erhält ein Beitrag 3 Punkte, pro Wahl auf den zweiten Platz 2 Punkte, pro Wahl auf den dritten Platz 1 Punkt. Die Gesamtpunktzahl entscheidet über die Platzierung.
Für die geplanten zwei kommenden Wettbewerbe würden wir eine Jury stellen – und zwar bestehend aus 4-5 Autoren, die am Achselzucken-Wettbewerb teilgenommen haben und in die Top 25 gewählt worden sind. Wir haben aber schon andererorts erwähnt, dass wir es nur machen werden, wenn 10k € auf dem Tisch liegen. Beitragszahlungen von Autoren als Teilnahmebedingung hatten wir angedacht, schließen wir aber aus. Wenn die nötige Kohle nicht aus freiwilligen Stücken gegeben wird, dann war es den Leuten eben nicht die Sache wert, dann soll es auch nicht sein.
-
-
Hallo,
Die Texte sind Mega passend zum Thema (Habe nicht alle gelesen). Wenn man sie liest wirkt das Thema direkt interessant auf einen. -
Sehr spannende Beiträge insgesamt und vielen Dank an alle Autoren und Autorinnen. Es ist interessant zu sehen, wie viele unterschiedliche Perspektiven zu dem Thema zusammengekommen sind. Einige Gedanken fand ich besonders gelungen und haben mich zum Nachdenken gebracht.
Weiter so -
Kein Titel keine präferenz ist goated
-
So, dann ein paar Takte zu den Gedichten, hab selber eines gepostet und bin etwas beschämt…
Aber hier sind wirklich tip top Gedichte, bitte alle weitermachen!
Meine 3 Lieblinge:
– Un (wie kommt Walther von der Vogelweide ins 21 jhdt? Bitte erklären!)
– Jeder Regen lässt auch wieder hoffen (selbiges für Richarda Huch!)
– dem Ende entgegen (moderner Expressionismus?)Hoffe auf jedenfall davon bald mehr zu lesen, ohne die anderen schmälern zu wollen. Empfehle zumindest diese mal durchzulesen!
-
Ich stimme hier gerne mal zum geblöke des Ausrichters mit ein, gibt es für manche Personen tatsächlich nur eine Beitrag der erwähnenswert erscheint?
Meinen eigenen Beitrag habe ich noch nicht erwähnt, aber 3 Gedichte und mehrere prosabeiträge die ich sehr lesenswert finde!
Werde meine 3 Gewinner auf Prosa und Lyrik sowie einen Essay verteilen, da bin ich noch unschlüssig…
Vlt kann ein Philosoph mal eine kleine Liste erstellen was da interessant ist, ist ja fast unmöglich alle Beiträge durchzuchecken,
Danke! -
Mir hat „Russenkind“ besonders gefallen. Mich hat es von Anfang an in die Geschichte hineingezogen, die im Übrigen durch die zahlreichen Kriege auf der Welt wieder sehr aktuell ist.
Außerdem hat mir „Lichenifikation“ sehr zugesagt. Der Text hat eine sehr poetische Sprache und geht mir nah, da er zugleich etwas Authentisches hat. -
Gefühlt wurde hier mittleweile jeder Beitrag einmal als persönlicher Favorit genannt. Jetzt sieht man mal, wie absurd es eigentlich ist, einen Gewinner zu küren. Wahrscheinlich bekommt man bei Wettbewerben genau deshalb immer nur die Gewinner zu lesen, weil sonst nämlich jedem klar würde, wie absurd die Wahl eigentlich ist. Und daran ändert sich auch nichts, wenn sogenannte Experten bewerten.
Abgesehen davon kann man Lyrik, Prosa und Essays im Grunde gar nicht vergleichend bewerten. Aber im Grunde kann man schon zwei Gedichte nicht vergleichen. Im Grunde macht das alles nur kaputt. Wahrscheinlich gehört das zu unseren schwersten Krankheiten als Menschen, dass wir es einfach nicht lassen können, alles vergleichend zu bewerten. -
falls ich gewinne, könnt ihr das Geld jedenfalls für eure nächsten Wettbewerbe verwenden. Halte ich aber für mehr als unwahrscheinlich, haha.
-
Ich fand alles gut
-
Die Texte sind toll geschrieben und ich bin erstaunt über die vielen besonderen Gesichtspunkte! Die Beiträge haben mich positiv angesprochen und habe es abermals gelesen.
An alle: weiter so -
Wir haben einige Kommentatoren ausgemacht, die absolut nicht an der Sache (und den Texten) interessiert, sondern nur hier sind, um bestimmte Beiträge zu bewerben und sich zugleich das Anrecht zu sichern, bei der Punktevergabe mitzumischen. Es fiel natürlich auf, daher jetzt eine neue Masche, siehe die nichtssagenden Kommentare von Robert, Lara und Willi Roth. All diese Kommentatoren werden nicht mit abstimmen.
Wir sind mittlerweile auch bei einigen eingegangen Beiträgen skeptisch, ob sie nicht bloß um des Stimmrechts willen eingereicht wurden. Es sind zwar nicht viel mehr als ein Dutzend, aber immerhin. Bei diesen Beiträgen werden wir natürlich ganz genau hinschauen, inwiefern bei den Stimmabgaben Unregelmäßigkeiten auszumachen sein werden und die Stimmen gegebenenfalls für ungültig erklären und die involvierten Autoren disqualifizieren und ihre Beiträge löschen.
Tut uns leid, wir haben selbst nicht mit solchen unschönen Entwicklungen gerechnet. Naiv genug, aber auch kein Weltuntergang, wir haben ja alles im Auge.
-
„Unbehaust“ greift für mich den Begriff der negativen Philosophie in einer literarisch herausstechenden Art auf. Und eröffnet dabei eine unglaubliche Vielzahl an neuen Denkanstößen.
-
Unbedingt unbehaust! Mit feiner klinge niedergeschmettert! Wahrscheinlich der beste Beitrag überhaupt…also für mich.
Dankeschön für den Tipp! -
Hallo,
ich kann eure Einwände sehr gut verstehen. Leider konnte ich als Dipl.-Informatiker gerade in Sachen Publikumsabstimmung immer wieder diese Effekte beobachten. Es ist auch zu beachten, dass bei dieser Menge an Texten wohl kaum alle Personen alle Texte gelesen haben. Überdies ist es auch nicht einfach, immer die richtigen „Fakes“ herauszufinden. Damit entstehen mitunter auch diesbezüglich Ungerechtigkeiten. Was würdet ihr davon halten, wenn diese Abstimmung abgesagt würde – ihr einfach eine Shortlist an eine kleine Jury delegiert? Dann wäre der Aufwand für die Jury nicht so hoch und erfahrungsgemäß gibt es immer Personen, die das gerne und ehrenamtlich machen. Damit hätte der gesamte Spuk ein Ende.
-
Eine Jury zusammenstellen ist bei dem Thema auch nicht ganz einfach. Nicht nur hat fast niemand Ahnung von dem Thema, es bestehen auch massive Widerstände, auch unter Literaten, Philosophen, DIchtern etc. Diese Widerstände würden sich massiv auf die Wahl auswirken, und das ist auch nicht in unserem Sinne. Deswegen würden wir die Jury in Zukunft ja aus Autoren zusammenstellen, die beim vorigen Wettbewerb teilgenommen haben.
Es braucht hier als Jury einen gewissen Schlag Mensch, der Kunst und Klarheit verbindet. Wir kennen solche Menschen natürlich, nur wollen die wie wir anonym bleiben, und das ist nicht im Sinne der Transparenz.
Den Spuk jetzt betreffend wollen wir es so handhaben, dass wir dort, wo der Verdacht der Parteilichkeit auf der Hand liegt, je einem Kommentator pro beworbenem Wettbewerbsbeitrag das Recht auf Abstimmung gewähren. Und was die Teilnehmer/Autoren angeht, gar nicht intervenieren, also alle zur Abstimmung zulassen.
Die Alternative wäre, die Abstimmungsfrist zu verlängern und gemeinsam eine zufriedenstellende Lösung zu finden. Autoren, was sagt Ihr?-
Oder aber es gibt eine Shortlist, die ihr aussucht. Die Anzahl der Plätze könntet ihr ebenfalls bestimmen. Und nur diese Autoren dürfen abstimmen. Jedoch nicht für den eigenen Text.
-
Ich antworte mal aus Autorin-Perspektive. Ich habe bereits an einigen kleinen und mittleren Wettbewerben mit Publikumsabstimmung teilgenommen und habe verschiedene Merkwürdigkeiten erlebt, sowohl online als auch bei Vor-Ort-Abstimmungen. Ein einziges Mal hatte ich das Gefühl, das Ergebnis ernst nehmen zu können. Da hatte niemand eine Horde Groupies dabei, die Eintrittspreise waren nämlich sehr hoch angesetzt. Zudem musste jeder drei Stimmen abgeben, konnte also nicht nur eine Person pushen.
Allein aufgrund der Vielzahl der Texte sehe ich hier die Gefahr, dass niemand alles liest. Und ohne alles zu lesen, ist kein faires Urteil möglich. Das Ergebnis ist dann Zufall.
Deshalb schließe ich mich dem Wunsch einer Shortlist an. Das könnte z. B. durch die Veranstalter (im Zweifel auch nur „den“ Veranstalter) geschehen. So würde immerhin jeder, der abstimmt, alle dann noch zur Auswahl stehenden Einreichungen lesen.
Den Zeitrahmen halte ich für nicht so wichtig. Eine Verlängerung der Abstimmungsfrist zugunsten einer besseren Lösung würde ich begrüßen.
-
-
-
Angesichts der Menge und auch der Verschiedenheit der Textsorten befürworte auch ich eine Shortlist. Diese sollte erstellt werden von Leuten (gegebenenfalls einem Einzelnen), die alle Texte gelesen haben und zugleich unparteiisch sind.
Wer dann an der Abstimmung beteiligt sein soll, wäre weiter zu diskutieren. -
Vielleicht wäre die beste Lösung, einer unabhängigen und neutralen Jury die Shortlist zu übergeben und die Jury dann abstimmen zu lassen.
-
Jetzt daherzukommen und allen in letzter Minute das versprochene Wahlrecht zu entziehen, um alle Entscheidungsgewalt einer “unabhängigen, neutralen Jury” zu übergeben – im besten Fall bestehend aus “Experten” – scheint auch nicht in Ordnung. Zumal dem Ganzen ein entscheidendes Problem innewohnt: Wir sind leider alle Idioten. Vor allem die Experten. Drum bleibt es jetzt dabei, Abstimmung aller, Auszählung, Schluss.
Danke trotzdem für Euer Feedback!
-
-
Heute Nachmittag um 3 (wenn über dem knirschenden Sand an der australischen Küste Mond und Sterne leuchten), endet die Einreichfrist. Dann gehen unsere E-Mails raus, und die Abstimmung beginnt.
Aufgrund der unerwartet großen Anzahl an Einsendungen insgesamt und dann nochmal auf den letzten Drücker in den letzten Tagen haben wir die Frist zur Stimmabgabe um einen Monat bis zum 20. April 2026 verlängert, um allen Stimmberechtigten die nötige Zeit zu geben, sich einen Eindruck von ALLEN Texten zu verschaffen, bevor sie ihre Stimme abgeben.
-
Sollte sich die Abstimmung als Desaster erweisen, wie einige Teilnehmer prophezeien – etwa weil sich herausstellt, dass das System bereits infiltriert ist und eine große Zahl an Abstimmenden gezielt einen Beitrag pusht, der weder qualitativ noch hinsichtlich des Wettbewerbsthemas besonders hervorsticht, oder weil umgekehrt offenbar wird, dass viele gute und sehr gute Beiträge kaum oder gar nicht gewählt werden und das Ergebnis nach dem Prinzip Zufall zustande kommt, weil viele Abstimmende nur eine Handvoll Texte gelesen haben und aus dieser zufälligen Handvoll ihre Auswahl treffen – dann annullieren wir die Abstimmung , erstellen eine Shortlist mit 10 Texten und lassen die Autoren dieser Texte abstimmen und damit die Gewinner küren. Das wäre innerhalb von 10 Tagen machbar. Sprich, das Endergebnis wird in jedem Fall bis Ende April feststehen.
Als Wettbewerbsteilnehmer hast du unabhängig davon, ob du an der Abstimmung teilnimmst oder nicht, die Möglichkeit, für den zweiten Weg zu stimmen, indem du uns eine E-Mail mit dem Betreff “Shortlist” zusendest. Alternativ kannst du einfach hier einen Kommentar “Shortlist” abgeben – vorausgesetzt, dass deine hier angegebene Mailadresse mit der übereinstimmt, unter der du deinen Beitrag eingesandt hast. Sollten über die Hälfte der Autoren dafür stimmen, brechen wir die Abstimmung vorzeitig ab und gehen gleich zum zweiten Weg über.
Der aktuelle Stand der Abstimmung kann jederzeit eingesehen werden, wir aktualisieren einmal am Tag. Den Link zur Ergebnisseite erhaltet Ihr kurz nach Ablauf der Einreichfrist per Mail.
Diskutiert und kommentiert werden kann all das weiterhin hier.
-
Zu “weil viele ihre eigenen Texte an erste Stelle setzen”: Ich frage mich, ob man dann nicht gleich sagen kann, niemand stimmt für sich selbst oder alternativ jeder, weil sich das ausgleicht? (Beim Irseer Pegasus war das früher so, dass sich jeder selbst an erste Stelle setzen sollte, damit keine Ungleichheiten entstehen. Ob das heute noch so gemacht wird, weiß ich nicht, aber ich fand das keinen schlechten Ansatz.)
-
Ok, haben die Passage gestrichen.
-
-
Shortlist
-
-
Wahnsinn, wie viele Texte hier bereits eingegangen sind. Und wie unterschiedlich diese sind. Ich weiß gar nicht, ob man wirklich dazu kommen kann, alle Beiträge zu lesen, das ist doch eher überwältigend.
Auch die Interpretation des Themas ist wirklich sehr vielfältig ausgefallen… -
Die erste Shortlist-Stimme ist eingegangen. Wir werden Euch hier auf dem Laufenden halten. In Zehner-Schritten.
-
Tolle Beiträge bisher.
-
Sehr tolle Beiträge
-
Liebe Leute, wir werden heute nicht fertig mit der Bearbeitung der restlichen eingegangenen Beiträge, die Mail zur Abstimmung versenden wir daher erst morgen.
-
hallo zusammen, ich habe auch nicht Alles gelesen hier. Das ist eine Mammutaufgabe! Insgesamt ist hier viel hochklassiges, aber auch Texte welche mir die negative Philosophie auf etwas einfachere Art und Weise erstmal nahegebracht haben, wahrscheinlich ein breiteres Publikum erreichen und “bilden”. Und das ist ja auch eine Wunderbare Sache, Literatur muss nicht nur schön sein! Daher bin ich prinzipiell auch eher für eine 10er Liste, da geht nicht so viel verloren. Lasse mir auch gerne eine etwas grössere Liste vorsetzten, durch die ich mich bei der Bewertung durcharbeiten kann.
-
Okay, also ich zähle 247 gelistete Texte.
Die Deadline für die Abstimmung ist in 41 Tagen.
Wenn man heute mit der Lektüre beginnt und alles lesen möchte, sind das 6 Texte pro Tag.Selbst mit einem kurzen Text möchte man sicher einige Minuten verbringen, um ihn wirken zu lassen. Bei 10 Minuten pro Text wären wir schon bei einer Stunde, durch die längeren Texte leicht bei 2 Stunden pro Tag.
Ja gut Leute, dann mal Smartphone weglegen, Glotze aus, und ab geht’s! 😀
Im Ernst: Ich denke, dass da eine Shortlist vermutlich die praktikablere Lösung ist.
So oder so finde ich den Wettbewerb und das Thema klasse und möchte die ganze Unternehmung hiermit schonmal zum Erfolg erklären.
-
Die Verlängerung der Abstimmu ngsmöglchkeit um einen Monat finde ich sehr sinnvoll, da sie allen Teilnehmern eine intensivere Beschäftigung mit den eingereichten Texten ermöglicht, die wiederum auch zu einem umfassenderen, tieferen Verständnis des Themas ” Negative Philosophie – Achselzucken leben”
bei jedem Einzelnen führt. Und darum geht es ja eigentlich.
Schön von daher wird es dann vielen leichter fallen eine Entscheidung zu treffen.
Danke an das Verlags- Team für dieses tolle Projekt, für seinen Einsatz und seine Geduld. -
Also ich habe nun gerade eine Word-Liste angefangen und mache mir Notizen. Die ersten 8 Texte von oben sind für mich schon mal keine Gewinner. Meine Kritik in Stichpunkten recht unverblühmt.
• Der absolute Abfuck –> Depressionszeug –> ich lese nur die ersten paar Zeilen–> raus
• Das Dorf der Achselzuckenden –> Symphatischer Text, passend zum Thema. Gegen Ende der Satz „Es ging nicht um Gleichgültigkeit. Es ging nicht darum, nichts zu fühlen.“ zu explizit erklärend. –> mittel
• Walten –> fängt interessant an, wirkt aber konstruiert. Der Protagonist stellt Fragen erst während des Waldspaziergangs. Seinem Charakter nach wirkt das unplausibel. Mir driftet der Text dann zu sehr Richtung Sinnkrise/Midlife-Crisis ab. Ich lese irgendwann ab Seite 3 nicht mehr weiter. –> raus
• (Für) eine bessere Welt –> Depressionszeug–> raus
• Niemals genug –> Depressionszeug –> raus
• Die besten Jahre –> eher Lebensphasen-Reflextion, Quarter-Life-Crisis, Thema verfehlt –> raus
• Eher psychologische Aufarbeitung. Der Bezug zur „negativen Philosophie“ bleibt sehr indirekt. Zudem relativ lang und erzählerisch ausufernd; viele Abschnitte tragen wenig zur zentralen Idee bei. –> raus
• SiNnLOSigKeiT iSt ANsTecKEnd – Der Roman über dich ist zu –> Die Idee – Figuren, die wissen, dass sie in einem Buch stehen, ist stark und passt gut zum Thema. Aber: Deutlich überdehnt: Viele Passagen wiederholen denselben Gedanken. Metapher wird sehr ausführlich erklärt statt dramatisch zugespitzt. Die Pointe vorhersehbar. –> mittelPuh, das ist aber echt Arbeit. Für heute brauche ich erst einmal eine Pause. Werde die Arbeit fortsetzen.
-
Fortsetzung:
• Flüssige Logik: Eine negative Philosophie der Freundschaft im digitalen Zeitalter
Philosophischer Essay, klug geschrieben, leicht zu lesen. Deutlich reflektierter als viele der depressiven Selbstreflexionen. Aber: Eher Theorie als Literatur. Wirkt stellenweise wie ein Blog- oder Magazinessay, nicht wie ein literarischer Wettbewerbsbeitrag. Meiner Meinung nach treffende Analysen. ABER: Bezug zur negativen Philosophie bleibt eher unklar und indirekt. –> mittel-gut. Als Note: 2• Wahnsinn: Politisches Protestgedicht gegen USA-ICE-Innenpolitik / politischer Kommentar in Versform. Gut geschrieben, aber am Thema völlig vorbei. Der Text sagt relativ direkt, was moralisch falsch ist. Negative Philosophie würde eher versuchen, Gewissheiten zu unterlaufen oder Begriffe aufzulösen, während hier eine klare moralische Botschaft transportiert wird. –> raus
• Mensch, wer bist Du? –> sehr minimalistisches Sinnsuch-Gedicht, sehr vage, Frage ist auch nicht originell –> raus
• Ginas Lächeln –> unerquicklich, selbstverliebt. Massiv überdehnt und voller Abschweifungen. Konnte es nicht zu Ende lesen. → rausVermutlich schaffe ich nicht alle Texte. Wäre gut, wenn vielleicht andere diesen Modus weiterführen. Ich denke, wenn ein Text wirklich gut ist, dann hat er so viel Arete, dass man kaum Diskussion darüber führen muss.
-
Ich habe bisher auch ein paar Werke gesichtet und bin, aufgrund der Fülle aber auch vor allem wegen den großen Diskrepanzen im Bezug Thema und Qualität, für eine Shortliste.
-
Ich bin sehr beeindruckt! Danke!
Um zu bewerten, müsste ich ALLES lesen!
Das schaffe ich leider nicht.
Ich bin ein Hobbyschreiber und habe nicht das Fachwissen, um eine objektive Wertung abzugeben.Ich werde aber weiter stöbern!
Danke ALLEN für diese Möglichkeit!!!
MWK
-
Hallo Christian !
denke auch, dass es wahrscheinlich die beste Lösung ist alle Beiträge mit zu wenig Bezug rauszunehmen, und das wird MIR wahrscheinlich auch passieren (zurecht!). Ich bin aber sehr froh, hier mal reingeschnuppert zu haben!
Deine kurzen Bewertungen sind für Anfänger – wie ich auch einer bin – dann wenigstens eine kurze fachliche Orientierung, genau deswegen wollte ich hier posten. Aus dem eigenen Umfeld hört man ja immer nur: nee ist ja echt gut usw. das ist zwar schön, bringt einen aber nicht weiter!
ich bedanke mich auch schon mal recht herzlich bei dem wackeren und an Güte, Geduld nicht zu übertreffenden Veranstalter, super Sache!
Und klar werde ich das weitere Vorgehen hier mitverfolgen -
Ich wäre vorsichtig mit dem vorsc hnellen Abhaken eingereichter Beiträge. Wenn man es nur mit dem Verstand betrachtet, lässt man den ganzheitlichen Aspekt gerade auch der Negativen Philosophie außer acht. Wer von” Depressionszeug raus” spricht oder Ähnlichem, maßt sich Beurteilungen wie ein Oberlehrer an, die ein tieferes Verstehen , bei dem die Offenheit des Herzens eine wesentliche Rolle spielt, vermissen lassen.
Auch Sinnkrisen und Depressionen können zu einer Bewusstseinserweiterng führen.
Also , nicht zu schnell abhaken!-
Wir sehen das ähnlich und haben deshalb auch keinen einzigen Beitrag abgelehnt, der einfach zutiefst ehrlich geschrieben ist. Schon gar nicht, wenn er offensichtlich von einem noch jungen Menschen kommt.
Wir begrüßen, was du tust, Christian, und dein scharfes Auge trügt dich ja auch nicht. Oder etwa doch? Wie war das nochmal, jeder und alles ist dein Guru?
-
-
Hi, mir ist bewusst, dass ich hier teilweise ziemlich direkt über die Texte gehe. Das sind einfach meine spontanen Leser-Notizen beim Durchgehen der Beiträge.
Ich habe die Wahrheit natürlich auch nicht mit Löffeln gefressen und manche Texte resonieren mit mir stärker als andere. Ein gewisser Anteil an Subjektivität ist hier unvermeidlich.–>Deshalb meine Einladung an alle, die Liste gern weiterzuführen oder eigene Eindrücke zu teilen.
Mir ist auch klar, dass jeder Autor sich Anerkennung für seinen Text wünscht. Wenn meine Stichpunkte manchmal etwas empathielos wirken, liegt das eher an der knappen Form.
Bei rund 250 Texten – oder wie viele es hier genau sind – kommen wir kaum darum herum, stärker zu selektieren. Den Wert jedes einzelnen Beitrags zu betonen streichelt zwar die Seele, führt aber in der Sache nicht weiter.
Mein eigentliches Anliegen wäre es, die Texte möglichst systematisch durchzugehen. Wenn man nur zufällig hier und da hineinschaut, verliert man schnell den Überblick und liest am Ende nur einen kleinen Teil. Und ich bin überzeugt: Wirklich starke Texte werden ohnehin von selbst hervorstechen – wenn man sie denn erwischt.Selektion passiert sowieso – die Frage ist nur, ob offen oder verdeckt.
Mir ist eine transparente Vorgehensweise lieber. Und vielleicht kann jeder sogar etwas für sich daraus mitnehmen. Sonst schießt man seine Texte oft nur in den Äther und bekommt kaum echtes Feedback. -
Manch einer zittert sicher schon, lol. Falls du’s durchziehst, dann bitte hier!
-
Danke, Christian, sehr gute Sache, du hast mir einiges an Zeit gespart. Ich helf mal mit
Du hast nichts getan: Wundologie-Prosa, völlig am Thema vorbei, es geht um Gewalt in der Beziehung und PTSD –>raus
Pfingstrosen im Beton: Erinnert eher an einen Tagebuch-Eintrag. Melancholisch, teilweise wütend, eigentlich gut geschrieben. Leidendes Ich, das sich an die negative Philosophie annähert, sie aber völlig misversteht –> raus
MiGeBli: Schon der Titel eine Zumutung. Sehr ausschweifend, aber gut geschriebene Prosa über einen 12jährigen Jungen. Habe nur die Hälfte geschafft. Null Zusammenhang mit negativer Philosophie –> raus
Da waren es plötzlich drei: Endlos-Weltschmerz-Gedicht. Ganz gut geschrieben, aber negative Philosophie völlig missverstanden als gänzlich negative Sicht der Dinge –> raus
Das Gesetz kennt nur ein Gebot: Befolge das Gesetz: Sci Fi Prosa über AI-Hirnimplantate, die es Menschen ermöglichen, in tiefere Bewusstseinsschichten vorzudringen, mit der Folge, dass die Menschheit ihren Wahnsinn hinter sich lässt. (Negativ) philosophisch, reflektiert, themenreich, gut geschrieben. Note 1
-
„Kein Titel, Keine Präferenz“ überzeugt mit trockenem Charme & Witz. Eine in sich stimmig erzählte Kurzgeschichte, die Lust auf mehr macht!
-
Schön, danke Mario.
Und ich muss sagen, ich hatte mich auch schon vorgekämpft bis zu MiGeBli und teile deine Einschätzungen vollständig.
Dem 1er-Hinweis-folgend hab ich mir “Das Gesetz kennt nur ein Gebot: Befolge das Gesetz” aus Neugier auch noch eben gerade durchgelesen. Auch hier stimme ich überein. Schöne subtile Dystopie, handwerklich gut. In der Mitte essayhaft, aber es ist passt. Schluss hätte vielleicht noch eine Prise würziger sein können. Kritik allerdings auf hohem Niveau. Note: 1- hätte ich gesagt, aber hier lässt sich tatsächlich streiten. –> Eventuell möglicher Finalist.Wenn wir so weitermachen und jeder so 6 bis 8 Werke liest, hat jeder einzelne gar nicht so viel Arbeit.
-
Shortlist
-
Zwecks Vermeidung zukünftiger Überschneidungen habe ich jetzt von unten angefangen.
Aphorismen und Traktate: Wahnsinnig langer Text, vielleicht 10 Prozent gelesen. Allerlei Gedanken eines hochintelligenten Menschen zu Gott und der Welt, sehr eigen, teils tiefsinnig, teils profan, insgesamt ein ziemlich wildes Durcheinander, nur hier und da erkennbarer Bezug zu negativer Philosophie –> raus
Smaragde schwimmen oben: gut geschriebene phantastische Prosa. Was die hier zu suchen hat, entzieht sich mir allerdings vollständig –> raus
Danke: Hier ist jemand tief ins Thema eingetaucht. Und erklärt einem ahnungslosen Du (dem Leser, dem früheren Selbst, einer echten Person?), dass es nicht existiert. Dann nur noch Monolog, der persönliche Alltag, aber so, wie ein Zen-Meister ihn beschreiben und erleben würde. Ganz da. Ganz weg. Sprachlich aber leider nicht so dolle. 2+ oder sogar 1-
Die Spinne: Auch sehr gut. Eine Art Abrechnung, klare Worte zur Perversion der Menschheit, der menschlichen Hyrbis, dem Ausverkauf an dunkle Mächte. Leider etwas kurz.
Nichts und wieder nichts: Für mich eines der besten Gedichte hier, wobei ich noch längst nicht alle Beiträge gelesen habe. Glattte 1 für mich
Die Tauben haben Hunger: Auch sehr gut! Hatte ich schon gelesen, da hier schon empfohlen. Dystopische Prosa, der Protagonist hat mich an Rust in True Detective erinnert.
Des Boomerbuben Wunderborn: Hier auch bereits empfohlen, musste ich mich aber durchquälen. Wortakrobatik, ziemliches Durcheinander wie in Aphorismen, aber noch anstrengender zu lesen. Zen wird zwar erwähnt, aber mit Sicherheit nicht praktiziert. Unklar, warum hier als Beitrag akzeptiert. –> raus
-
Fortsetzung Teil 3 von vorne
*Freudentränen
Reifer Text, emotional kontrolliert, aber berührend. Allerdings wirkt der Text zunächst verwirrend, weil die Interpunktion die Ebenen zwischen Erzählerin und Tagebucheintrag des Vaters nicht klar trennt. Auch die Grammatik ist stellenweise nicht ganz sauber. Handwerklich fehlt hier der letzte Feinschliff. Bezug zum Thema „negative Philosophie“? → Hm, leicht zu übersehen, aber ich habe einen Funken in die richtige Richtung gespürt. Das Bild, das die Erzählerin von ihrem Papa hatte, zerbricht – und durch diese Negation entsteht eine neue Erkenntnis. Für mich Note 3+.*Wortleer
Literarisch gar nicht so schlecht. Erkenntnis ohne Begriffe – durch oder trotz des Wegfalls von Bedeutung. Die Demenzperspektive ist gut umgesetzt, mit teilweise sehr starker Bildsprache. Übrig bleibt reine Wahrnehmung. Rätselhaft und stellenweise anstrengend zu lesen; erzielt auf diese Weise aber auch seine Wirkung. Schwäche: etwas arg lang. Den Katzenteil hätte ich weggelassen und den ersten Teil stärker gestrafft. Für mich Note 2-. -
Ich fand Wortleer besser als 2- und auch den Katzenteil sehr gut. Freudentränen auch bessere Note. Aber gut, Geschmackssache.
Weiter von unten:
Tara: Schon gelesen, da von Lesern empfohlen. Und das völlig zurecht. Für mich einer der Favoriten. Prosa oder wahre Geschichte, keine Ahnung, aber ich war mit in Indien.
Chronik der Beliebigkeit: Der Verfasser nennt es selbst einen Wortschwall und das ist es auch – was für eine Zumutung für den Leser. Eine Erstfassung von irgendwas (was genau, das steht in den Sternen), die noch mindestens 100mal überarbeitet gehört. Der Verfasser hat kein Mitleid mit seinen Lesern. Bezug zum Thema: 5 Prozent
Die Mauer der Tränen: Auch schon mehrmals hier genannt und auch in diesem Fall völlig zurecht. Für mich eine der besten Kurzgeschichten hier. Sci Fi vom Feinsten.
Er: Lyrik in Reimform, Thema Xenophobie, gut geschrieben, für mich hier einerseits deplaziert, andererseits auch wieder nicht, da Ich und Du verschwimmen.
Heldendämmerung: Im letzten Satz ist von schwarzer Materie die Rede, der Rest ist banale Prosa, die witzig sein soll, es aber nicht ist. Oder mit fehlt der entsprechende Humor. Mit negativer Philosophie hat es jedenfalls nichts zu tun. –> raus
Schopenhauer: Feine Prosa. Der negative Philosoph im Alter: Was theorethische Erkenntnis was, das wird jetzt erlebte Wirklichkeit. Die unausgesprochen bleibt, denn Worte reichen hier nicht hin. Für mich ein Favorit, aber sicher kein Favorit beim Publikum, da erwarte ich 0 Punkte.
Zwischen Nebel und Puder: Gefällt mir gut. Dystopische Prosa, ein Soldat kehrt mit einem Rucksack voll von Schuld und PTSD aus dem Krieg zurück und sucht den Weg zurück in die “Normalität”. Hat viel Potential, ist aber nicht ausgereift. Man merkt, dass an dem Text nicht groß gefeilt wurde. Schade drum. Mit negativer Philosophie hat es meiner Ansicht nach relativ wenig zu tun.
-
Fortsetzung Teil 4 von vorne
*Noch Tanz auf meinen Schultern.
Der Text ist noch in der Entwurfsphase. Erst ist von ihrer (dem Ich) Schwester die Rede und dann wechselt plötzlich das Geschlecht. Wer ist Ich, wer ist er? Ich verstehe es nicht. Das Gespräch springt mir auch zu sehr. Wenn man erst Detektivarbeit leisten muss, weil der Text zu unklar ist, für mich kein gutes Zeichen. –> raus*Ohne Wertung
Gut geschrieben und thematisch grundsätzlich passend. Beschreibt eine Art Bewusstseinsmoment, in dem gesellschaftliche Bewertungen und Selbstoptimierungsdruck wegfallen und nur noch Wahrnehmung, aber vor allem große Unzufriedenheit, bleibt. Die Erzählerin ist nicht glücklich, das merkt man. Und das erkennt sie. Aber das war’s. Ok, ist ja auch schon etwas, immerhin. Muss vielleicht gefallen. Mir bleibt die Idee aber zu leer und klischeehaft. Meine Note: 3 / 3+.*Training für ein größeres Verbrechen
Ziemlich absurd und grotesk. Für mich war der rote Faden nicht so richtig erkennbar. Originelle Einfälle sind durchaus da, aber wohin geht die Reise? Dem Anfang kann man in Anbetracht des Titels noch gut folgen. Was sollen aber z.B. die Bulldoggen am Ende und das Klickmachen auf der pechschwarzen Straße? Im Ganzen wirkt es auf mich sehr assoziativ und ein bisschen beliebig. Vielleicht checke ich es auch einfach nicht (wahrscheinlich). Aber unabhängig davon: Themenbezug zur negativen Philosophie? Wenn jemand anderes darin einen Schatz findet: go for it. Für mich eher → raus. -
*Ein Gedicht
Viele Symbole und Metaphern wirken eher mystisch aneinandergereiht. Was könnte der Text meinen? Einen klaren Gedankengang kann ich nicht erkennen. Vielleicht geht es um eine Art Selbstauflösung in der Meditation. Wäre passend zum Thema. Für mich bleibt das zu sehr angedeutet. Der Autor ist vielleicht schon in der Meditation, aber ich stehe hier draußen. Nimm mich bitte mehr mit. Für mich eher → raus, aber möglicherweise einfach nicht mein Metier.*Hammi der Hamster
Liest sich sehr angenehm und flüssig und das will bei 12 Seiten was heißen. Sind im Nu verflogen. Will stilistisch gar nicht so ambitioniert wirken, erzählt dafür aber eine klare, sympathische Geschichte/Fabel.
Etwas schlampig: Viele Typos (fehlende Kommata, Groß- Kleinschreibung, Tippfehler) noch drin. –> Nächstes Mal automatische Rechtschreibprüfung benutzen. Bezug zur „negativen Philosophie“ müsste man noch stärker beleuchten. Für mich Note 2-. -
Ich werde die Autoren bzw. Texte ab jetzt in 3 Kategorien einteilen.
1. IV (Ignorante Verdränger): Hier ging es nur darum, den eigenen Text einzureichen. Nicht nur wurde sich nicht über das Thema informiert, es wurde einfach links liegen gelassen und. Wie es der Zufall so will, findet man hier und da trotzdem einen Bezug zur negativen Philosophie, dessen ist sich aber wahrscheinlich nicht einmal der Autor selbst bewusst. Deshalb muss man hier eigentlich ganz klar sagen → raus
2. TK (Theoretische Kenntnis): Hier merkt man, es wurde sich über das Thema informiert. Diese Texte gehören meiner Meinung nach hierher, selbst wenn die negative Philosophie missverstanden wird. Und das ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Es ist wie mit dem Zen: Du kannst hundert Bücher darüber lesen und weißt hinterher trotzdem nicht, was Zen eigentlich ist.
3. TAO: Hier wurde nicht nur über Zen nachgedacht, hier saß der Arsch bereits auf dem Meditationskissen, will sagen: Hier wird negative Philosophie gelebt. Und darum geht es ja beim Thema: Negative Philosophie (achselzuckend) leben. Das ist bei TK eben nicht der Fall. da wird der Weg des Tao von außen betrachtet, als Konzept angesehen und vom psychologischen Ich verarbeitet, aber sicher nicht gelebt, und deshalb gibt es da für mich Punktabzüge.
Auf dem Gipfel des Libanon: TAO. Zitatreicher Essay, wobei ich von drei der vier zitierten Philosophen noch nie was gehört hatte, obwohl ich ziemlich belesen bin. Bombentext jedenfalls, super geschrieben, Note 1.
Traumschläfer: TAO. Eine Reise durchs Bewusstsein, ein melancholisch-liebevolles Abschiednehmen vom Menschsein. Gehört für mich zu den besten Kurzgeschichten hier. Auch Note 1.
Keep Smiling: IV. Ich persönlich mag Texte, die kein Wort zuviel verlieren. Hier ist das Gegenteil der Fall. Wollte man kein Wort zuviel verlieren, würde man einfach schreiben: Vormittag einer jungen Frau im Büro, zu Mittag “Bolo” (Spaghetti Bolognese) gegessen, dann wieder im Büro. → im hohen Bogen raus
Sichtweise: IV. Gut geschriebene gesellschaftskritische Lyrik in Reimform, leider auch ohne einen zufälligen Bezug zum Thema negative Philosophie.
Der leere Stuhl: IV. Eine Geschichte aus Sri Lanka über einen buddhistischen Mönch und seinen Freund, einen Widerstandskämpfer gegen die ausbeuterischen Machthaber. Schwerpunkt ist ihre Diskussion der ethischen/ideologischen Frage, ob denn nun der Kampf gegen die Ungerechtigkeit oder aber gewaltlose Akzeptanz im Sinne Buddhas/des Buddhismus ist. Nur hier und da blitzt ein Bezug zu negativer Philosophie auf. Sprachlich auch nicht so dolle, vor allem der inkorrekte Gebrauch von Zeitformen erschwert das Lesen.
-
Im hohen Bogen raus ist zu hart. . Jeder hat sich zumindest Mühe gegeben. Das System Schule sollte doch hier nicht angewandt werden, oder? Besser: Der Autor hat sich der Negativen Philosophie. noch nicht angenähert. Sonst gute Zusammenfassungen. Versucht doch so zu formulieren, dass sich Autoren nicht schämen müssen oder sich nie wieder damit beschäftigen.
-
Lieber Christian, lieber Mario, liebe Andere,
die so beflissen gewillt sind, ihre Wertung zu den Texten hier kundzutun: Erst mal, herzlichen Dank für die Mühe und die Zeit und die Arbeit. Das ist nicht selbstverständlich.Auf der anderen Seite muss ich leider gestehen, ich kann den/die Autor/in von Carretta gut verstehen. Ich selbst habe mit mir gehadert, ob ich meinen Beitrag nicht auch zurückziehen sollte.
Aber das soll hier erst mal nichts zur Sache tun. Ich habe jetzt mehrere “Bewertungen” verfolgt und muss einfach feststellen, bei vielen Einschätzungen stehe ich am Ende mit einem großen Fragezeichen über dem Kopf da.
Ein Beispiel: das hochgelobte “Das Gesetz kennt nur ein Gebot: Befolge das Gesetz”
Rein handwerklich betrachtet, (sorry an den/die Autor/in) ist das hier weder Prosa noch Essay. Auch die Dystopie wird hier im gewissen Maße unterstellt, wahrscheinlich weil AI erwähnt wird. Es sind aneinander gereihte Gedanken, fast wie eine Predigt. Die Dinge, die dem Protagonisten widerfahren, werden mir vorgesetzt. Die Gedanken, die der Protagonist hat, werden mir vorgesetzt. Es gibt kaum eine inhaltliche Auseinandersetzung damit, was mir hier vorgesetzt wird. Das Maximum, das eine Spitze hat erkennen lassen, war die Erwähnung, dass die AI darauf bestand, sich über die Nutzung ihrer Dienste mit anderen Menschen auszutauschen. Obwohl sie kein Bewusstsein hat. Und auch das wird wieder einfach stehen gelassen. In diesem Text werden sehr viele Themen angeschnitten. Sicher, hier hat jemand Gedankenschmalz investiert und wollte sich gleichzeitig einen schmalen Fuß machen. So liest es sich zumindest für mich. Die Voraussetzungen und Themen sind da aber es wird nichts daraus gemacht.Ein weiteres Beispiel: Die Mauer der Tränen
Ich stimme zu, das ist eine schöne Kurzgeschichte. Was ich schade finde, was es für eine großartige Kurzgeschichte hätte sein können. Strukturell möchte ich auf die Blickführung verweisen. Es wird sowohl mit der Zeit, wie auch mit dem Ort sehr oft hin und her gesprungen. Das hat es stellenweise erschwert, der Geschichte schlüssig folgen zu können.
Figur, Konflikt und Thema: Ich wurde hellhörig als die Figur den Selbstmord ihrer Tochter offenbart. Da wollte ich mehr hören. Stattdessen ging es dann relativ zügig weiter mit der Krebserkrankung/ dem Tod des Vaters. Dazu einen Sprung in die Vergangenheit. Und da begann ich mich zu fragen, was will die Figur eigentlich bzw. jemand, der so viel Verlust erlitten hat und zudem in einem Gefängnis? sitzt. Will so jemand überhaupt noch etwas? Das ist das Problem. Ich habe mit der Figur zusammen die Motivation und den Faden verloren.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass hier viel mehr hätte erreicht werden können, hätte man die Geschichte für ein bis zwei Tage in die Schublade gesteckt und dann noch mal drüber gearbeitet.Das übergeordnete Thema: negative Philosophie
Ich habe jetzt mehrfach das “Argument” gelesen, der Beitrag muss raus, weil keine negative Philosophie. Ich finde es schwer, bei so was die Definitionshoheit zu ergreifen. Schließlich geht es bei Schreibwettbewerben um Interpretation. Wenn es ein indiskutabler Begriff wäre, bräuchten wir keinen Wettbewerb. Bzw. dann hätte man vielleicht auch ein anderes Thema wählen sollen.
Um zu rezitieren:
“Der negative Philosoph erhebt daher nicht den Anspruch, im Namen der Natur zu sprechen, sondern beschränkt sich darauf, all die falschen Konditionierungen sichtbar zu machen, die sich zwischen uns und die Welt schieben, sodass wir direkt – das heißt auf unvermittelte Weise – erkennen können, „was da ist“, bevor sich irgendeine Instanz als unanfechtbare Autorität aufspielt und anfängt, uns zu sagen, was da ist.”
Hier wird es ganz besonders problematisch, wenn man sich selbst als Instanz begreift. Und meiner Meinung nach, passiert das gerade leider sehr oft in den Kommentaren.
Was hier zusätzlich noch juckt ist: Was ist eine falsche Konditionierung? Wer hat das entschieden? Und wie hat er/sie/es es geschafft, diese Definition als festgeschrieben zu manifestieren, ohne sich zu einer Instanz zu erheben. Anyway, ich schweife ab.Mein Vorschlag oder sagen wir besser, meine Bitte an euch:
Teilt die Analyse der Texte gerne in Kategorien auf: Struktur, Thema, Genre etc. Aber bitte nicht die Verfasser und Autoren. Vor allem nicht in Kategorien wie “Ignorante Verdränger”.
Das ist ehrlich gesagt, einfach nur herablassend und sehr viel mehr Ego-basiert, als es das Thema zulassen würde.Eine der wichtigsten Lektionen, die ich beim Schreiben gelernt habe ist:
Das eigene Wollen sollte dem Wesen des Textes nie im Weg stehen. Möchte hiermit weitergeben. Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. Und weiterhin viel Freude beim Schreiben.-
Lieber TiS,
Zum Thema falsche Konditionierungen: falsch ist hier im Sinne von die eigene Wirklichkeit verfälschend, ein falsches Selbst aufbauend gemeint. Es beinhaltet all das, was wir von Kindesbeinen an zu glauben gelernt haben, etwa bezüglich richtig/falsch, gut/schlecht, wichtig/unwichtig, wertvoll/wertlos usw. Es ist, was uns lenkt, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Dessen bewusst zu werden, darum geht es übrigens in vielen der eingereichten Beiträge, vor allem von jungen Menschen, die sich fragen, wer sie eigentlich sind. Es ist die Frage nach dem authentischen Selbst. “Erwachsene” stellen die Frage meist gar nicht mehr, sind eins geworden mit dem konditionierten Selbst, sprich: Wer und wie sie sein zu sollen zu glauben gelernt haben, dafür halten sie sich jetzt, und wie sie die Welt zu sehen gelernt haben, das halten sie für die Wirklichkeit.
Die einzig “richtige” Konditionierung im Sinne der negativen Philosophie ist die Konditionierung zur Auflösung aller Konditionierung und Entwicklung hin zum authentischen Selbst – und dann darüber hinaus: hin zum dekonstruierten Selbst, in jene Wirklichkeit hinein, die Mario als “TAO” bezeichnet.
Wenn du mehr über die Struktur des konditionierten Selbst erfahren willst, empfehlen wir Nick Williams und seine Webseite zur negativen Psychologie.
-
-
Moin,
für mich ist es die erste Teilnahme an einem solchen Wettbewerb und ich bin überwältigt von der Vielzahl cooler Texte. Hier tummelt sich eine Menge Talent, soviel ist sicher!
Allerdings ist es dadurch auch sehr schwierig, die Texte zu bewerten. Ich stelle selbst fest, dass man sehr hart kämpfen muss, nicht die Texte vom Anfang noch intensiv und die unteren dann etwas „ermüdet“ zu bewerten. Deswegen möchte ich mir auch noch etwas mehr Zeit nehmen, werde aber natürlich meine Stimmen fair und bewusst und „in time“ abgeben. Allerdings wäre eine Shortlist natürlich etwas weniger „überwältigend“ – hat alles sein Für und Wider.
Was ich allerdings feststelle ist, wie mein Bauch rumort bei der Formulierung der Forderung thematisch „unpassendes“ rauszuwerfen. Wird/wurde mit den Einreichenden zuvor Kontakt aufgenommen um abzuklären ob es sich tatsächlich um jemanden handelt dem das Thema „egal“ war und der nur Stimmrecht oder Ego-Boost oder was auch immer wollte – oder ob jemand einen take im Text hat, der vielleicht scheinbar unpassend ist aber eigentlich schon eine Auseinandersetzung mit dem Thema voranging und nur die Umsetzung irgendwie nicht „passt“?
Ich wünsche allen ebenso Teilnehmenden ganz viel Erfolg sowie den (abstimmenden) Lesern viel Freude beim Lesen und Bewerten! 🙂
-
Moin Con,
wir werfen hier gar nichts raus. Wobei das auch nicht gemeint sein dürfte.
Zum Umgang mit den Einreichungen: Viele Monate lang haben wir gar nicht gefiltert, es schien auch nicht nötig, weil die Zahl der eingereichten Texte überschaubar war und der Prozentsatz der themenrelevanten Texte hoch genug. Irgendwann multiplizierte sich die Zahl der Einreichungen und besagter Prozentsatz sank dramatisch, so dass wir tatsächlich anfingen, Texte abzulehnen. Die letzte Woche vor Ende der Einreichfrist war dann völlig irre, da gingen so viele Texte ein, dass wir nicht mehr nachkamen, so dass wir die Texte zuletzt einfach nur noch durchgewunken haben. Unser Fehler. Aber sehr viel hätten wir sowieso nicht interveniert. Weil ein gewisser Bezug zum Thema in fast allen Texten zu finden ist. Man muss ihn nur finden wollen.
-
Ah OK, das ergibt Sinn! 🙂 Vielen Dank für die Antwort.
-
-
-
Hi, ich finde es schon mal hervorragend, dass sich hier 2 wackere Streiter tatsächlich erstmal durcharbeiten.
Ich geniesse es mittlerweile jeden Tag die Kommentare zu lesen, und die bearbeiteten Texte nochmal durchzulesen, Chapeau!
Wenn es denn fertig ist kann man ja immernoch überlegen was vlt doch raus oder vlt doch rein sollte.
Letztendlich wäre es sicher im Interesse des Wettbewerbs, dass die Preise zumindest themengebunden vergeben werden. Ich empöre mich natürlich auch über den Rauswurf der Smaragde, weil egtl hätte ich den gerne in der Buchausgabe des Wettbewerbs. Aber über solche Details mag ich nicht urteilen. Ob der Verlag alles Gute ohne Themenbezug nicht veröffentlichen will?
Wollte statt zu nörgeln aber – noch nicht mal auf halber Strecke – erstmal die Arbeit hier loben! -
Noch eine Frage zum Verständnis:
Wenn jemand mehrere alleinstehend wirksame Gedichte/Texte in seinem Beitrag hat und man einen davon unbedingt in seiner Bewertung honorieren möchte, den/die anderen allerdings nicht unbedingt priorisieren würde, wie ist das dann geregelt/angedacht?
Kann ich einen der Texte hervorheben in meiner Bewertung oder „muss“ ich den kompletten Beitrag als Ganzes betrachtet nennen? (ich hoffe, ihr versteht was ich meine …?!) 🙂-
Du “musst” den Beitrag als Ganzes betrachten.
-
-
Ich finde die Dynamik hier sehr interessant.
Nein, Mario und ich sind keine Autoritäten. Zu einer Instanz werden wir erst, wenn man uns diese Rolle zuschreibt.Wir sind einfach nur Leser, die ihre Bewertungen hier öffentlich teilen (ich führe meine Word-Liste ohnehin so – also copy-paste ich sie hier einfach rein). Das kann im Grunde jeder machen.
Jeder hat seinen eigenen Geschmack. Ich habe mittlerweile auch gemerkt, dass ich zum Beispiel gegenüber Lyrik einen gewissen blinden Fleck habe. Außerdem ist es ein wenig gefährlich, zu viele Texte hintereinander zu lesen – man wird automatisch oberflächlicher und auch härter im Urteil. Die „Offenheit des Herzens“, wie Marie so schön formuliert hat, sinkt dann.
Der Prozess des Urteilens verletzt in gewisser Weise ohnehin das Wesen der negativen Philosophie. Ein Wettbewerbssystem ist damit eigentlich nicht ganz kompatibel.
Ich kann nur für mich sprechen und bemühe mich, nur die Texte aus meiner Perspektive zu beurteilen – nicht die Autoren. In den letzten Kommentaren habe ich auch versucht, etwas vorsichtiger und sensibler zu formulieren und etwas offener zu schauen. Bei Literatur ist es ja immer so eine Sache: Man neigt als Autor vielleicht etwas zu sehr dazu, sich mit seinem Text zu identifizieren. Allerdings sollte man sich eben bewusst sein, dass wenn man seinen Herzausguss hier einem Wettbewerb verabreicht, sich danach auch Löwen und Hyänen drauf stürzten. Ich stürze mich vielleicht auch noch von der Brücke, wenn mein Text drankommt, falls er es nicht schon war :-)…
Texte erhalten aber auch dadurch Würde, dass man sich mit ihnen beschäftigt. Deshalb lese ich wenigstens jeden.
-
Verlierer Verlag und Schreibwettbewerb und dann noch zum Thema negative Philosophie – uns wundert auch, dass keiner lacht.
-
VV hat dick aufgetragen, im Grunde der Wahnsinn, 260 Texte lesen und die drei festlegen, die einem am besten gefallen. Wie soll das gehen? Man fängt an zu lesen und wird schnell mutlos. Denn es sind ja nicht Texte ein und derselben Gattung, sondern es handelt sich um Prosa, Abhandlungen, Essays, Tagebucheinträge, Lyrik.
Was jetzt, weshalb weiter durchklicken, wie soll man zu einem Ergebnis kommen, nach welchen Kriterien eigentlich? Manche Texte sind anrührend, bewegend, andere kompliziert, substantiviert, wieder andere in geschwurbelter Sprache verfasst, Gedichte rätselhaft verklausuliert. Zur Mutlosigkeit kommt also Frust. Was soll ich mit all dem anfangen? Ich habe einfach weitergelesen, Tag und Nacht. Und habe festgestellt, dass es sich für die drei Texte, die ich für mich gefunden habe, gelohnt hat. Am liebsten hätte ich mit den AutorInnen gleich Kontakt aufgenommen, so begeistert war ich. Und obwohl die “Sieger” für mich bereits feststehen, lese ich weiter bis zum bitteren Ende. Denn es macht mir Spaß, lesend in die Welt anderer Köpfe einzutauchen – großartig.
Danke, lieber VV, für diese Möglichkeit!
-
-
-
Liebe Leute,
wenn man Texte dahingehend bewertet, dass man nach einem Gewinner sucht, wird man sich automatisch auf Defizite, Fehler und Unstimmigkeiten stürzen. Wenn man Texte vergleichend betrachtet, wird vieles gemischt und das was eigentlich zum Ausdruck gebracht werden wollte, geht verloren. In diesem Fall wären wir alle Verlierer. Auch der, der den ersten Platz macht.
Ich denke, dass ein wirklich guter Text nicht durch Kriterien bewertet werden kann, die er erfüllt. Vielleicht spreche ich auch bloß aus der Sicht einer Nicht-Expertin, aber ein guter Text kennzeichnet sich für mich dadurch aus, dass ich nichts mehr bewerten möchte, weil der an sich so stimmig ist, dass es nichts zu bewerten gibt. Es hinterlässt zuerst eine Leere, bevor die Fülle der Wörter sie einnimmt. Die besten Texte, die ich gelesen habe, haben mich sprachlos gemacht, bevor ein Karussell aus Gedanken mich eingenommen hat.
Also falls du was geschrieben hast und ein Feedback haben möchtest und dir eine solche Bewertung wünschst: was hat mein Text mit dem Leser gemacht? Welche Gedanken hat es ausgelöst, welche gebremst? Welcher Satz hat am meisten geprägt? Welche offene, oder weitere Fragen sind entstanden?- dann schreib mir gern dein Beitrag und ich werde genau darauf eingehen.
Das ist nämlich zum Bespiel der Grund wieso ich mitgemacht habe und nicht weil es ein ,,Wettbewerb” ist. Wieso macht man überhaupt bei Wettbewerben mit? haha.
Danke an alle und an die, die sich die Zeit dafür nehmen, Texte so zu bewerten, wie ich es vermutlich nicht könnte.
Viele Grüße und viel Spaß beim Stöbern! 🙂
-
Liebe Concy,
das ist ein wirklich tolles Angebot, das ich sehr gerne annehmen möchte. Ich finde es auch gerade spannend, welche Gefühle und Gedanken (m)ein Text bei anderen auslöst, über welche Sätze jemand ggf. gestolpert ist. Ich würde mich sehr freuen, dazu Feedback zu lesen. Mein Text heißt „Pippi, Georgina und ich.“ Vielen lieben Dank bereits im Voraus!
-
-
Okay, dann taufe ich IV eben in WW (Wunderschöne Worte) um und mäßige meinen Ton.
Verwelkend verschenken: TAO-Lyrik. Tat gut und weh. Hat mich sehr berührt. Note 1
Was ist das Ich? TK. Ehrliche verstandesmäßige Auseinandersetzung mit dem Thema in Essay-Form. Aber sehr kurz. Und mit vorschnell gezogenen Schlüssen.
Spiritualität und Wissenschaft: WW. Müsste eigentlich Religion und Wissenschaft heißen. Wissenschaftskritischer Monotheist, der zehn Minuten lang in die Tasten gehauen und das Ganze dann gleich abgeschickt hat. Unverständlich, warum als Beitrag akzeptiert.
Kinoabend: TAO. Originelle Darstellung des Wegs des Tao von der Inkarnation zum Erwachen als Zeuge bis zum Erwachen als Zeuge des Zeugen. Hätte man aber mehr draus machen können, zum Beispiel, was die gewonnene Erkenntnis des Protagonisten betrifft, dass Suizid für die Katz ist. Trotzdem lesenswert.
IFC Chongqing 2024: WW. Niemand sagt hier “raus”. Muss auch keiner, denn die letzten Worte des Beitrags lauten: “…sie winkte schnell ein Taxi herbei, dass sie aus der Stadt brachte.”
Drei Gedichte: TK. Die Antwort auf den Monotheisten und zugleich dieselbe Schiene. Gott ist tot aber der Mensch als Gott hat auch versagt. Was nun? Auch hier ist die Antwort der Schritt zurück.
Dromedar/Couch bzw. die Farbe des Himmels: WW. Kurzprosa über eine Psychiatrie-Patientin, die für verrückt gehalten wird, aber an ihrer subjektiven Wahrnehmung festhält, letzlich entlassen wird und zufrieden im blauen Gras liegt. Synästhesie? Jedenfalls am Thema vorbei.
Wer entscheidet das eigentlich? Ein Gedicht über Alle Dummköpfe und ihre Erfindungem: WW. Flache Lyrik, sehr selbtüberzeugt. Unverständlich, warum als Beitrag akzeptiert.
Die Frau ohne Flagge: WW. Das Geständnis einer Russland-Deutschen: Gut geschrieben, offenbar biografisch, sehr ehrlich, sehr interessant. Unerfüllte Sehnsucht nach Zugehörigkeit. Zeigt die Absurdität menschlicher Kollektive auf: Jedes Wir beruht auf Ausschluss eines “Anderen”. Insofern ist der Text themenbezogen, ansonsten nicht.
Sehnsucht nach dem Ich: TK. Vermutlich jugendliche Lyrik. Ehrlicher verzweifelter Ausdruck der Suche nach innerem Halt. Zwar in Form eines antizipierten Zukunfts-Ichs, aber das Grenzenlose lockt auch. Und wird als bedrohlich erlebt. Gefällt mir.
-
Ich finde es sehr nützlich, was Mario macht. Mario und ich urteilen im Ergebnis oft ähnlich. Wenn man genau hinschaut, gehen wir methodisch aber auch etwas unterschiedlich vor.
Concy, deinen Ansatz finde ich ebenfalls wertvoll und auch dein Angebot sehr gut. Vielleicht entsteht hier einfach eine Parallelschiene: Während Mario und ich eher bewerten, beschreibst du kurz dein Resonanzerlebnis beim Lesen der Texte – ohne Urteil.
Viele Autoren wollen vielleicht gar nicht unbedingt gewinnen, sondern einfach gelesen werden und sehnen sich genau nach solch einem Feedback.
-
Fortsetzung 5 von vorne
*Sammelpunkt der Verlorenen
Sehr gut zu lesen. Eine Mutter zwischen Perfektionismus und Über-Ich-Erwartungen. Dann der Zusammenbruch. Der sanfte Humor hat mich berührt. „Achselzuckend lebend“ – einfach nur „ja“. Man spürt die Integration. Sehr schön die Umarmung des früheren Ichs. Echte Erfahrung als Material. Der Text in sich stimmig und funktioniert einfach. Note 1 -2.*Verzichte
Kognitiv schwerer, philosophischer Text. Der Autor zeigt hier keine Gnade mit dem Leser: Einen Einstieg lässt er gleich weg und schmeißt ihn direkt ins kalte Wasser. Introspektiver, stark kognitiv geprägter Stil à la den Meditationen von Descartes, auf die der Autor auch Bezug nimmt.
Stichprobe: „Das sind keine Feststellungen von Tatsachen, sondern ein reines Zeugnis meines Erlebens und in Kontext Einbettens. Wie es jenseits meines Sinnesapparates aussieht, ist nicht wirklich relevant. Wenn wir nach Autorität fragen, ist die eigene Wahrnehmung letztlich die einzig wirklich relevante Nennung.“–>Harter Tobak. Ich bin nach dem Lesen schon wieder erschöpft. Dazu stolpere ich über Interpunktionsfehler, die leider im Text vorhanden sind.
Der Text wirkt übererklärt. „Komm zum Punkt“, habe ich mir mehrfach gedacht. Der Autor hat sich kluge Gedanken gemacht, aber die Darreichungsform für den Leser wirkt noch wie in der Entwurfsphase. Strukturierende Elemente und ein klarer roter Faden fehlen.
„Kehren wir zum Thema zurück“, schreibt der Autor zwischendurch selbst. Tatsächlich hat man bis etwa Seite 2+1/2 vor allem begriffliche “Vorarbeit” gelesen.
Wo bleibt nun der Klimax des Textes? Ja, er bleibt aus. Das passt durchaus zu dem, was der Autor uns wohl mitteilen möchte. Wenn das Lesen ein Vergnügen gewesen wäre, würde ich dem Text das sogar verzeihen. War es für mich aber nicht. –> Für mich: mittelmäßig und kein Finalist im Rennen. -
Fortsetzung Teil 6 von vorne
*Gummibär
Kommt mir vor wie assoziatives Schreibexperiment. Versteckt sich hinter den Bildfragmenten eine innere Logik? Für mich bleibt sie zu lose angedeutet, um noch erkennbar zu werden. Zündet bei mir nicht und lässt mich rat- und ideenlos zurück. Für mich klar kein Finalkandidat.*Der Mensch, der nichts zu glauben hat
Klar verständliches Lehrgedicht. Lesbarkeit ist gut, wenn auch die großen „U“ wohl Tippfehler für Doppel-f sind? Die Grundidee, dass der Mensch ohne Glauben nie zufrieden ist, ist wenig originell und positioniert sich mit moralisch positiver Botschaft („Man sollte glauben“).
Passt doch gar nicht zur negativen Philosophie. –> Auch eher raus.*Adieu mein Freund –> …
Dieser Beitrag besteht aus vier kurzen Gedichten, die für sich unabhängig stehen.– Adieu mein Freund
In sich stimmig. Hinterlässt präzise ein kleines Traurigsein über ein verpasstes Kennenlernen.
– Auf bestem Wege
Funktioniert ebenfalls, wirkt aber etwas ausführlich für die zugrunde liegende Idee.
– Stimmen im Schnee
Schöne kleine Beobachtung mit klarer Bildstruktur.
– Gegenstandslos
Hat etwas. Für mich das stärkste der vier Gedichte und lohnt sich zu lesen.
–> Gesamtbeitrag: Jedes einzelne Gedicht lesbar, sehr leicht und zugänglich. Nachteil ist, dass die Gedichte völlig unabhängig voneinander stehen und kein bündiges Gesamtwerk bilden. Insgesamt etwa Note 2. Könnte sich lohnen, Richtung Finale noch einmal darauf zu schauen (- je nachdem, wie streng man es bewertet, dass hier mehrere eigenständige Texte unter einem Beitrag zusammengefasst wurden). -
“ohne namen” – ergreiffend, ehrlich, berührend!
-
Hallo zusammen, es ist toll, dass hier so fleißig gelesen und kommentiert wird, danke an die zwei, die ihre Gedanken teilen!
Und ich möchte alle ermutigen, sich selbst ein Bild zu machen + sich nicht zwingend auf die Selektion anderer zu verlassen, es ist ja extrem persönlich, welcher Stil für einen persönlich ansprechend ist. Ein Beispiel: “Ein Gedicht” wurde z. B. in der Bewertung hier eher nicht verstanden, vielleicht weil es nicht ganz so narrativ wie andere Beiträge aufgebaut ist. Mich spricht es hingegen z. B. genau deswegen an – mir gefällt es nicht, wenn alles in mundgerechten Häppchen präsentiert wird.Zudem bin ich *persönlich* nicht der Typ für die Verwendung großer Worte wie Welt, Liebe, Sonne, die (für mich persönlich!) zu ausgelutscht sind – werden aber (auch in “Ein Gedicht”, oder in “Verwelkend verschenken”) oft verwendet, was bei anderen Lesenden gut ankommt. Genauso wie oft verwendete Szenarien wie das Gespräch mit dem früheren Ich wie bei Sammelpunkt der Verlorenen (Gespräch mit früherem Ich), oder die explizite Aussprache von Wunsch nach Freiheit o. ä. (“Manchmal stelle ich mir vor, wie es wäre, ein körperloser Geist zu sein. Kein Hunger. Keine Müdigkeit. Keine Angst. Einfach frei. Dieser Wunsch lässt mich nicht mehr los und wird zu meinem ständigen Begleiter, bis eine Stimme in meinem Inneren sagt: …”).
Das heißt keineswegs, dass das per se schlecht ist oder keinen Preis verdient – nur, dass es mir persönlich nichts sagt.Ich denke, jede schreibende Person hat etwas Eigenes von sich preis gegeben und sich auch etwas verletzlich dadurch gemacht, und das ist großartig. Und jeder Beitrag wird Menschen gefallen oder eben gerade nicht:) macht euch nichts draus, wenn ihr kein positives Feedback erhaltet, ich habe schon viele Beiträge gelesen und viele positive Aspekte entdeckt (die mich konkret ansprechen oder die mich zwar vielleicht nicht berühren, aber bei denen ich weiß, dass sie emotional oder handwerklich trotzdem hochwertig sind), aber schaffe es zeitlich leider nicht, das alles in die Kommentare zu schreiben.
Falls ihr eine recht harsche Kritik, Unverständnis oder ein “->raus” erhaltet, heißt das noch lange nicht, dass das alle denken:) -
7 Schritte. TK-Prosa. Und auch ein Exempel für das große Problem auf der Ebene von TK: das Ich vermeint, Schritte zu gehen, die Illusion des Ichs an sich aber bleibt angewurzelt stehen.
Zukunft in Klammern: TK/TAO. Sehr gut, sehr ehrlich geschriebene Lyrik. Die Tür steht schon offen, nur das Verstehenwollen stellt sich noch in den Weg. Das Ich im im Prozess des Sterbens.
Der faule Zahn: TAO. Prosa über die Seelenverrottung in Welten wie diesen. Erinnert an das hinduistische Konzept vom Kali Yuga. Sehr hart und eklig, aber auch witzig, gefällt mir sehr gut.
Ram On: WW Sehr gut geschriebene Zocker/Alkoholiker-Prosa. Schauplatz Liverpool. Entweder lebt der Autor dort, oder er hat einen englischen Originaltext geklaut und übersetzt. Bezug zum Thema hier einzig in Form von ein paar Floskeln erkennbar.
Das Leben des Einen. TK-Prosa. Puh. Hat mich betroffen zurückgelassen. Vermutlich biografische Erzählung über einen intelligenten reflektierten sensiblen jungen Mann, der bereits allerlei Medikamente braucht, um funktionieren zu können, unter anderem Antidepressiva. “Chemie, die mich zusammenhält”. Damit ist natürlich jede wirkliche innere Entwicklung verbaut, und das merkt man dem Text auch an.
Das Band: WW-Prosa über einen Einkauf im Supermarkt. Wird sicher seine Fans finden. Mehr möchte ich darüber nicht sagen, sonst gibt’s wieder einen auf den Deckel.
-
Hallo Lee, du hast mir aus der Seele gesprochen, ich teile deine Ansichten vollkommen. Jeder Text hat etwas Eigenes und seine Bedeutung, wie er bei dem/der Lesenden ankommt, ob er gefällt und berührt oder nicht, ist sehr persönlich, sollte nicht “vorgeschrieben”, abgeurteilt sein. Ich finde es nicht Okay, wenn einige Miesmacher sich hier ungefragt zu Möchte-gern -Reich-Ranickis aufblähen und Texte abwatschen. Sie sollten das “Feedback” lieber professionellen Kritikern überlassen, denn es scheint, dass sie von konstruktiven Feedback-Regeln und gewaltfreier Kommunikation noch nichts gehört oder gelesen haben.
-
Große Lust, mit der Liste weiterzumachen, habe ich ehrlich gesagt nicht mehr. Frei Schnauze wäre es okay, aber das geht halt nicht, und dann wird es anstrengend. Ich war mal in einem Literatur-Forum angemeldet. Schrecklich. Nur WW-Zeug, Texte wie Kommentare. Nach einer Woche wurde ich rausgeschmissen. Autoren sind eben eine hochsensible Spezies, die zählen zu den “Künstlern”, und die haben die Cancel Culture erfunden, lange bevor es dafür einen Namen gab.
-
Ach Mensch Mario! Du machst das doch gut.
Jetzt nicht den – “Man darf gar nichts mehr sagen” – raushängen lassen. Es gab n bisschen Gegenwind, weil natürlich sind Autoren gegenüber der Einschätzung ihrer Werke besonders sensibel.Heißt aber nicht, dass du deine Meinung nicht äußern darfst. Du schaffst das. Zieh durch!
WW ist übrigens ein gelungenes Schmankerl. Erinnert gar nicht mehr an IV ;D -
Ich fürchte, mein Kommentar hat mehr Meta-Diskussion ausgelöst als beabsichtigt. Es ging mir tatsächlich gar nicht so darum, die Bewertung durch Christian + Mario zu kritisieren, sondern eher darum, die Schreibenden zu ermutigen- gerade die, die noch nicht so lang dabei sind oder die noch nicht so ein dickes Fell haben.
Ich erinnere mich noch gut, wie mich ein besonders hartes Feedback zu meinem Stil beim ersten Teilen fast zu einer längeren Schreibpause gebracht hätte. Deshalb mein kleiner Reminder, dass man nie allen gefällt und dass es sich lohnt, sein eigenes Ding zu finden, selbst wenn er die meisten nicht ansprechen sollte.
Mittlerweile gilt bei mir je härter die Kritik desto besser;) freue mich schon auf das Kommentar zu meinem Beitrag (danke an die beiden Fleißigen)!
-
-
Trigger-Warnung – Fortsetzung Teil 7 von vorne
Wieder nur mein persönlicher Leseeindruck 🙂*Wendestelle
Schlecht geschrieben ist er nicht (Aufbau, saubere Sprache), aber sehr plakativ. Ein politisch-moralischer Kommentar a la Volker Pispers, nur ohne Humor, ohne Ironie und ohne konkrete Beispiele. Bei der Grundidee bleibt für mich einiges verschwommen. Der Text schwankt zwischen Systemkritik (alles hinter den Türen ist leer oder kaputt) und einer Art Selbstverantwortung (aber nur bei der „Liebe“, deren Tür als einzige gar nicht geöffnet wird).
Sehr thesenhaft. Nichts wird gezeigt, alles wird behauptet. –> Für mich kein Gewinnerkandidat.*Lebensläufe
Protagonist erinnert mich ein bisschen an Wilson aus 1984 – mit AI-Support an seiner Seite und unter AI-Überwachung über ihm und soll Lebensläufe von Philosophen im Namen der Effizienz glätten, bis eines Tages ein Fettfleck auf einer Akte auftritt und sein Leben durcheinanderbringt. Gute Erzählung. Er trägt den Leser über 21 Seiten. Dramaturgisch hätte noch mehr geschehen können. Erinnert mich an die Hamstergeschichte (siehe oben, aber noch etwas besser). –>Guter Beitrag.Jetzt bisschen Meta:
Ich hoffe doch, dass Mario weiter kommentiert – ich fand seine Perspektiven sehr interessant und schätze seine sehr konsequente Urteilskraft. Außerdem will ich doch hier nicht allein im Ego-Trip schwimmen, denn mir macht er Spaß. 🙂Ja, man sollte nicht blind meinem oder Marios Urteil vertrauen. (Tut doch aus guten Gründen hier auch keiner, oder?) Allein weil wir neben dem offiziell geäußerten Hauptanliegen natürlich mindestens eine weitere “hidden Agenda” haben, sei es nun entweder rein das psychologische Bedürfnis nach Anerkennung, Spieltrieb oder – wir dürfen nicht vergessen, dass wir auch Wettbewerbsteilnehmende sind – die strategische Eliminierung von Wettbewerbskontrahenten. Denn wir finden wahrscheinlich ohne böse Absicht genau die Texte besonders gut, die im Stil eher unserem eigenen entsprechen.
Aber machen wir uns nichts vor: Es wird doch sowieso auf eine Shortlist hinauslaufen. 😉
Kleine Frage zur Legitimität: Wenn nur professionelle Kritiker kritisieren dürfen, dürfen dann auch nur professionelle Literaten Literatur erschaffen?
-
Egal wie dicht wir sind, Hölderlin war Dichter!
-
-
Hallo Concy,
ich wäre natürlich auch interessiert an einem kurzen Lektorat verschiedener Gedichte. Also nicht nur meinen Beitrag hier, den ich jetzt nicht nennen möchte, weil ich schon so viel gepostet habe. Du willst sicher auch nicht deine e-mail Adresse hier posten, vlt kannst du einen neuen Account anlegen und den hier reinstellen? Sicher bin ich nicht der einzige Interessent. Das Angebot ist auf jeden Fall toll!
Ansonsten finde ich auch, das Mario unbedingt weitermachen sollte. Wer es ausdrücklich NICHT will, kann ja hier dieses posten? -
Was auch einmal gesagt werden muss: Viele Menschen haben nicht einmal den Mut sich zu zeigen, geschweige denn etwas zu schreiben und es der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Es gibt auch Menschen, die genau DAS suchen was vlt nicht bei der Masse ankommt.
Schlimm währe ja auch, wenn man für den ersten Text gleich den Pulitzer bekommt, also bitte bitte Weitermachen! -
Ich mach es ab jetzt auch so wie Concy. Wer meine Meinung zu seinem Text hören möchte, kann das hier kundtun, und dann mach ich das auch. Aber eins vorweg: Ich mag Leute, die schreiben, um zu wachsen, nicht solche, die schreiben, um zu glänzen oder ihre Ansichten zu verteidigen. Und wachsen meine ich nicht im Sinne von Kritik annehmen, um besser schreiben zu lernen, um irgendwann noch heller zu scheinen. Manchmal ist die wahre Intention des Verfassers schwer zu erkennen, aber generell habe ich, glaube ich, einen guten Riecher.
Außerdem: Falls du ein “Künstler” bist, der total mit seinem Werk identifiziert ist und gar nicht weißt, was es heißt, aus dem Weg zu gehen und geschrieben zu werden, lass mich bitte in Frieden.
Und TiS, da du schon signalisiert hast, dass du das unbedingt möchtest , fange ich gern mit deinem Beitrag an. Titel? -
Fortsetzung Teil 8 von vorne
Ich mach trotzdem mal weiter. Diesmal keine Trigger-Warnung nötig:*Meine Welt in der Superposition:
Fand den Titel schon ansprechend. Der Gedanke wird im Text konsequent entfaltet. Klar und ehrlich, unaufgeregt. –> Note: 1–2*Mutterliebe:
Zärtlich schön und zugleich sehr traurig – ich bleibe ein wenig sprachlos zurück. Der Text wirkt emotional stark nach. –> Sehr guter Beitrag. -
Guten Morgen. Ich fürchte mich ein wenig und habe ein paar Tage mit mir gehadert… Ich bin jetzt doch mutig und werfe mich in die tosenden Wellen emotionaler Meinungen und ansichten: Generell gilt – meiner Meinung nach, Applaus für all die, die in der Lage sind, selbstständig zu denken und zu schreiben, es in klaren Sätzen (Rechtschreibung mal außen vor) zu präsentieren. In jedem Werk steckt meist erlebtes sowie Subjektivität. Diese ist als solches nicht kritisierbar, wie ich finde.
Eine gewisse “Geilheit” im Rampenlicht zu stehen und kurz zu glänzen wollen wir vermutlich alle; auch wenn es nur in unseren Träumen ist. Respekt an die Herren, welche sich die Mühe des gewissenhaften Lesen machen. Auch wenn das Wort manchmal grob erscheint, so finde ich klasse, dass da Menschen schreiben, die eine Meinung haben und nicht gefallen wollen. Zum Punkt Wachstum: Ja, auch ich möchte wachsen. Am Leben, an Erfahrungen und Erlebtem. Für mich ist mein Schreiben Therapie, Zwangshandlung und Naturell zu gleich. Jedes Feedback gibt mir auch die Möglichkeit mich dadurch selbst zu reflektieren, um wiederum an mir zu arbeiten. Viele Worte die wohlmöglich unnötig sind… Dennoch nun mein Sprung von irgendwo ins Nichts: ich würde mich über eine Meinung zu meinem Werk freuen. Diesen Wunsch zu äußern war gegeben? Habe ich das richtig gelesen? Wenn nein, so dürfen meine Zeilen in die nächste Datenmülltonne. Ansonsten heißt meine Kreation “Out of Time”. Ich ziehe quasi “blank” und hoffe, nicht an den Fachkundigen Aussagen zu zerbrechen…
Herzliche Grüße -
Hi Arnika, als Möchtegern-Reich-Rafickski muss ich sagen: das Gedicht funktioniert für mich nicht. WW, kommt nicht authentisch rüber. Gott angerufen, und wieso dann zum Lachen in den Keller gegangen?
“Wie oft wegen Demut krank zuhause verbracht?” ????
Dann zählst du auf, was du alles für andere tust. Am Ende dann das Wort Selbstfindung. Die war aber gar nicht Thema im Gedicht.Dein Kommentar hat mir viel besser gefallen, da schreibst du einfach ehrlich und schnörkellos:
Ich fürchte mich ein wenig
und habe lange mit mir gehadert
und bin jetzt doch mutig
und werfe meine Worte
hinaus in die Welt
hinein in die tosenden Wellen der Meinungen und Ansichten
denn ich möchte wachsen
am Leben, an Erlebtem
am Schreiben, am Teilen.
Daher nun mein Sprung von irgendwo ins Nichts
Ich ziehe blank -
Vlt einfach ein bisschen Ordnung in die Gedanken bringen, zB
– die räumlichen Sachen (Keller, Türen) an den Anfang stellen
– dazwischen dann die Spenden packen (Geld, materielles an sich)
– um letztendlich bei den Gefühlen zu landen, da vlt erst Gefühle ggb Menschen, um mit Jesus dann abzurunden!
Rückbezüge zu den vorherigen Strophen wären dann immer möglich und würden auch mehr Tiefe schaffen! -
Danke
-
Schwer zu sagen, was das kurze Danke bedeutet. Jedenfalls wahrscheinlich nichts Gutes. Habe ich dich vor den Kopf gestoßen, gekränkt, verletzt?
Ich ziehe mein Angebot wieder zurück, sollen andere hier bewerten, mir ist das zu kompliziert mit Menschen. Focker out.
-
-
Oh Gott bewahre bitte!!!
Ich bat um Ehrlichkeit!Mein Danke bedeutet: Kenntnissnahme. Ich brauche Zeit zum Verarbeiten. Mein Leben steckt zur Zeit in der Krise- ich will da raus. Wichtig auch soziale Interaktion, die mir zur Zeit schwer fällt. Ich habe Angst falsche Worte zu wählen. Ich habe zu oft gesagt bekomnen, dass ich falsch bin, verkehrt, nicht genug, zu anstrengend.
Bitte Bitte mein Danke als solches verstehen – ohne jegliche persönliche Wertung. Deine Aussage der “Unordnung” passt in mein derzeitiges System. Erstaunlich (naja eigentlich ja nicht), dass man es sogar lesen kann.
Der letzte Dichter / Die letzte Dichterin meiner Welt
Der letzte Dichter – mit der Feder in der Hand, gegen den roten Stier. Am tintenblau gefärbten Strand, an dessen Ufer sich die Wellen in Worte ergießen und deren Emotionen als Gischt mit ihrem feinen Nebel Feuchte über die Gesichter legt. Das Grollen der Wellen, das Schlagen und Platschen… Die Feder liegt in meiner Hand, während der rote Stier mich im Visier hat.
Wiederhall in meinem Kopf, tausend Klänge, Gerüche, Worte prallen wie Kugeln aufeinander, und alle Sinne haben das Gewehr angelegt. Ich halte mir die Ohren zu, kneife die Augen zusammen, doch der rote Stier spült sie unaufhaltsam an den Strand – nicht Einhörner, sondern Worte, Bilder, Gedanken, die ich kaum fassen kann. Ich stehe im Scheinwerferlicht, mit einer Zielscheibe auf der Stirn, um mich Menschen mit Zielscheiben. Reha steht über der Pforte, das System versucht, mich in Form zu bringen, doch ich passe jetzt schon nicht ins Leben.
Halteseil. Aushalten können. Flucht. Verstecken. Ich beobachte, ich reflektiere, ich ignoriere, ich wähle – und der Stier spült weiter, die Worte ans Ufer, ins Gedankenschnipselmuseum, das wie ein Perpetuum mobile in meinem Kopf rotiert.
Es ist mein Ich, vielleicht ein Alter Ego, vielleicht nur die Flipperkugel, die von Stoß zu Stoß springt, die Richtungen ausprobiert, das Spiel versteht und doch nicht versteht, die sich selbst führt, ohne dass jemals eine Anleitung gegeben wurde. Ich wäre eine gute KI, wäre ich nicht Mensch, und doch ist genau dieses Menschsein es, das die Flut von Bildern, Eindrücken und Reflexionen trägt.
So oft, dass ich vergessen habe, an mich zu denken. So oft, dass andere sagen, ich sei falsch und verkehrt, ein Urteil, eingetrichtert, das nie zu mir gehörte. Ich halte trotzdem das Halteseil, beobachte das Gedankenschnipselmuseum, sehe die Worte rotieren, prallen, sich verbinden, fließen, und der rote Stier ist nicht mehr Bedrohung, sondern Impuls, Flut, Lebendigkeit.
Darf ich mich schlau nennen? Ja. Ich darf. Denn ich sehe, ich fühle, ich verbinde, ich schreibe. Ich bin wach. Ich bin Beobachterin und Erlebende zugleich, Flipperkugel und Kuratorin meines eigenen Strömens. Und mitten im Chaos, im Überspültwerden, halte ich fest, was mich trägt – mein selbstgewebtes Halteseil.
Ich bin die letzte Dichterin meiner Welt – einzigartig, kreativ, intensiv, kraftvoll. Vom Aussterben bedroht, denn es gab immer nur diese eine Stimme, nur diese eine Sicht. Ich trage das Chaos, ordne die Ströme, halte das Universum meiner Wahrnehmung zusammen und schreibe es lebendig. Ich bin Beobachterin, Schöpferin, Hüterin. Verschmolzen. In mir. Wie ein jahrtausendalter Strom aus Lava, der erkaltet geformt mein Ich darstellt.
Diese Text entstand gestern – pures Erleben, Erspüren.
Also mache Du doch bitte weiter, denn ich hätte nicht um deine Meinung gebeten, wenn ich sie nicht gewollt hätte.
Dafür DANKE!!! -
Puh, dann ist es ja gut.
Den Text hättest du einreichen sollen! -
LOL ROFL
Danke. Das bedeutet mir sehr viel!!!-
Liebe Arnika,
der von uns hochgeschätzte spirituelle Lehrer Jed McKenna bezeichnete die bewussten und unbewussten Konflikte des Ichs rundum das Thema eigener Wertlosigkeit als eine der “globalen Identitäten”. Sprich, du bist damit nicht allein. Die gute Nachricht: Der Knoten kann vollständig aufgelöst werden. Dafür ist aber innere Arbeit nötig. Unter “tua via” findest du Links zu zwei englischsprachigen Kursen, die wir dir nur dringend ans Herz legen können. Wenn du es allein durchziehst, ist es auch nicht so teuer (130 Dollar oder so für beide Kurse, und es sind zusammen über 100 verschiedene Kontemplationen, du wärest also mindestens ein Jahr damit beschäftigt).
-
-
Hallo Leute,
ich habe einige Tage nicht in den Kommentaren geschaut und sehe gerade, dass doch einige an meinem Angebot interessiert sind 🙂 das freut mich.
Ich hatte schon angefangen. Daher poste ich zuerst das zu den Texten, die ich schon gelesen hatte:
Achselzuckend Leben
P1: Es gibt ein Meer
P2: es gibt Wellen.
P3: das Leben ist das Meer.
P4: Schmerz, Freude, Trauer, Liebe sind Wellen.
-> Wellen können keine eigene Entität sein, da sie ohne das Meer nicht existieren können. Das Meer aber schon. Wieso gibt es dann Wellen überhaupt?
-erster Impuls nicht mit Achsel zucken reagieren, deutet auf Konditionierung von einem nicht achselzuckendes Leben- wieso?Walten
-kann man wirklich dumme von nicht dumme Ideen unterscheiden? Wer beurteilt es genau?
-“Das einfache Leben und so” haha mag ich.
-wozu machen Menschen Patientenverfügungen überhaupt?
-“wahre Realität?”. Realität muss wahr sein, sonst wäre sie nicht real. Aber was ist wirklich real? Es gibt viele Realitäten. Subjektiv wahr und real, aber trotzdem. Entweder gibt es dann viele Wahrheiten/ Realitäten oder keine oder nicht ?
-gute Frage, ob die Welt erst brechen muss. Ich frage mich das auch oft.
-“ich habe spontan Lust auf Netflix und Couch” haha ich mag dein Humor sehr.
-ich finde auch, dass es nicht um Glück, sondern um Lebendigkeit geht. Glück kann kommen, kann gehen. Lebendigkeit bleibt und ist urteilsfrei
-Zufälle. Spannendes Phänomen. Ein Zufall scheint ein Zufall, wenn die Beziehung zwischen Ursache und Wirkung nicht gegeben ist. Wir sehen nur die Wirkung, deshalb meinen wir, es sei ein Zufall. Aber nur weil wir die Ursache nicht sehen, heißt das nicht, dass es sie nicht gibt. Gibt es also Zufälle oder nicht?
Vielen lieben Dank für dein Text! So wertvoll. Vor allem das Ende. Danke, hat eine Frage beantwortet, die ich mir auch stelle 🙂(Für) eine bessere Welt
Die Welt wäre nicht besser ohne dich, auch wenn ich dich nicht kenne, wage ich das zu sagen. Es geht weder um Tod, noch um Geburt, noch um das Leben selbst. Wer weiß es schon worum es geht? Vielleicht um Alles, oder um Nichts.Niemals genug
Ich wünsche dir, dass du eines Tages das laut aussprechen kannst, was in dir steckt. Es ist nicht genug. Sondern mehr als das.Die besten Jahre
Ich denke Freiheit kommt davon, wenn man erkennt, dass man immer frei war, egal was außen herum geschieht/ erwartet wird. Alleine, dass du das Gefühl und Druck hast, dass du diese besten Jahre genießen musst, macht dich nicht frei, sondern engt dich noch mehr ein. Befrei dich doch davon erstmal… 🙂 Sorry, wenn meine Gedanken zu ehrlich und direkt auf dich scheinen. Ignorier sie einfach, wenn es so sein sollte.Und super gern werde ich natürlich auf die restlichen eingehen, die sich das gewünscht haben.
Liebe Mareike,
ich freue mich dein Text zu lesen. Ich teile direkt im Anschluss meine Notizen.
Pippi, Georgina und ich
Ich habe direkt an einem Text gedacht, den ich vor einiger Zeit gelesen hatte, der das weibliche Geschlecht in biologisch und gesellschaftlich unterteilt hat. Der Kerngedanke, ist sehr sehr nah an deinem Text. Im Endeffekt was du geschrieben hast: “vom Körper ist eindeutig” beschreibt das Biologische und das ist das von der Natur vorgegebene. Das gesellschaftliche hat die Menschheit erschafft und ist geprägt von Erwartungen, Rollenbilder und Strukturen. Du hast dich scheinbar schon in jungen Jahren davon abgewendet und das erkannt, aber vor allem, dass es vollkommen unwichtig ist.
So klingt auch dein Gedicht: unbeschwert, geschwungen und leicht. Vermutlich wie du und deine Haare in den Wind, wenn du Fahrrad fährst … 🙂 Ich hoffe, mein kleiner Beitrag hat dir was gegeben und danke für dein Vertrauen. Alles Liebe!
2. Liebe Arnika,
wie schön, dass du dich für Mut und nicht Angst entschieden hast. Natürlich ist das dein größtes Recht das zu erfragen. Ich denke alle wissen diesen Schritt zu schätzen, daher wird keiner was böses sagen. Also keine Sorge 🙂Out of Time
Wenn ich dein Text lese, stelle ich mir genau diese Person vor: jemand, der immer viel gegeben hat und immer andere vorgezogen hat. Ich denke, dass es oft nicht wirklich bewusst war, sondern Umständen und Vorgaben bedingt. Oft auch aus dem Glauben heraus, man müsste es tun, ohne es wirklich zu hinterfragen. Aus dieser Sicht betrachtend verstehe ich dann natürlich deine Wut und Enttäuschung, denn oft tut man vermutlich Dinge mit der Hoffnung was dafür zu bekommen (auch wenn man es nicht merkt). Dein Gedicht wirkt hektisch auf mich, wie jemand, der von Person zu Person springt, um zu helfen, irgendwann nur automatisch und nicht mehr bewusst.
Wenn dir keiner was gibt, dann gib dir selbst genau das was du brauchst. Das Leben beschenkt jedem, auch wenn nur durch sich selbst.
Ich hoffe auch dir hat mein kleiner Beitrag was gegeben. Meine Fragen wären, was ist genau “Müll” für dich? Und wie würde Selbstfindung aussehen, wenn es doch Zeit dafür gäbe? Und wieso denkst du, dass es keine Zeit dafür gibt? Wofür gibt es denn Zeit?
3. Lieber Steffen,
da sagst du was sehr richtiges! Gute Idee, danke. Für alle die daran interessiert sind, das ist die eingerichtete Email: concy@tutamail.com . Ich bitte um einen respektvollen Umgang mit dieser Adresse.So, das war´s von meiner Seite erstmal. Habt noch einen schönen Tag!
Vermutlich werde ich nicht alle durcharbeiten, sondern nur immer und hin wieder. Daher gern schreiben, wenn ich deins lesen soll. Bis dann.
Concy-
Was ist Müll? In erster Linie diese profane, alltägliche Handlung als Symbol des Kopfschüttelns und als leicht kaffkaeske Beendigung des Textes. Dann ist Müll auch Ballast – materiell und seelisch. Ein Akt des Aufräumen, bevor man das Haus (das Leben) verlässt.
Ja, ich war über Jahrzehnte Kümmerer, Macher, Retter, Taktgeber für viele Menschen. Diese sind Weg und es gab noch nicht mal ein Winken. Wie laute Stille die nachhalllt, wenn alle Maschinen still sind. Ich habe Stumm ertragen – wie Jesus einst das Kreuz trug. Oder ein Esel seine Lasten. Was immer als Bild passt.
Meine Akkus sind leer und meine Lust am Leben von dunklen Wolken trüb-schwarz beschattet.
Keine Angst! Ich bin in guten Händen!
Selbstfindung? Stille. Kein Muss. Eigenen Rhythmus finden dürfen und leben. Kein Muss. Meine feinen Antennen nutzen können in einem Empfangsbereich, der nicht toxisch ist. Ich kann es leider nicht näher beschreiben. Zeit zum heilen, zum Verstehen und lernen. Sowas… -
Vielen lieben Dank für deine Rückmeldung, Concy! 😊
-
-
Team VV, ich glaube, ihr habt bekommen, wofür ihr das Projekt gemacht habt: Menschen sagen echte Dinge.
Der Pokal ist doch schon längst für alle egal.-
Solange das imaginäre Zentrum aka Selbst nicht aufgelöst ist, bleibt das Theater Theater, Echtheit hin oder her. Aber klar, Echtheit ist die Voraussetzung dafür, dass sich überhaupt etwas Richtung Bühnenausgang bewegen kann.
-
-
Liebe Leute, ich fand gerade das feed-back so interessant an der ganzen Sache und muss nun aber leider feststellen, dass sich niemand zu meiner Kurzgeschichte (Ginas Lächeln) äußert. Seid ihr alle katholisch oder nur lesefaul? Ok, mir geht es nicht viel anders, ich konnte bisher auch nur einen Teil lesen. Aber ich bin ja Autor! Logisch, dass ich die ganze Zeit mit Schreiben beschäftigt bin. Jedenfalls geht meine Stimme an Wortleer insbesondere an den Katzenteil. Ciao ciao Chris
-
q.e.d.
-
Ich habe gerade den Text Lichenifikation gelesen, neugierig vom Begriff motiviert.
Obwohl die Zeitsprünge mich verwirrt haben, bin ich dran geblieben, weil die konsequent subjektive Erzählung die Innenwelt des Autors so intensiv wiederzugeben vermag. -
Fortsetzung Teil 9 von vorne
*Die Frau
Mein innerer Detektor für Rechtschreib- und Interpunktionsfehler schlägt leider ab und zu an. Kleine Stiche in die ästhetische Seele, die nicht sein müssen.
Zur Wirkung: Ich verstehe die Intention, eine Figur, die ganz im Moment ist. Die Welt herum ist hektisch, oberflächlich und getrieben von „weltlichen Problemen“. Die Frau, mit der diese Welt kontrastiert wird, ist eine Art unbesiegbare Pippi Langstrumpf, nur viel stärker in sich gekehrt und sanfter, die allem souverän entzogen ist. Wirkt auf mich etwas konstruiert.
Gut, was hätte man besser machen können: Bisschen subtiler arbeiten, der Frau mehr Ecke und Kanten geben. Es wird kurz spannend in der Begegnung mit Anna. Deren starke Reaktion fand ich nicht plausibel. Hier hätte man mehr Raum geben können, damit der Gesprächsausgang glaubhafter entsteht.* I don‘t give a fuck
Einige Kommentare zuvor hätte ich wahrscheinlich einfach geschrieben „Depressionszeug raus.“ Die Lyrik hier ist nicht schlecht geschrieben. Der Text hat Energie und transportiert eine intensive, düstere Grundstimmung. Es wird viel angerissen (Einsamkeit, Scheitern, Sinnsuche). Eine Form von „I don‘t give a fuck“-Freiheit setzt sich erst im Zerfall frei. Vielleicht befreit sie das ich von etwas und ersetzt es durch Leere, sie fügt aber auch keinen Trost hinzu.
Ich persönlich bin kein Fan durchgehender Kleinschreibung. Passt aber zur transportierten Stimmung tatsächlich. Wenn alles scheiß egal ist, warum sich dann mit so banalen Regeln noch beschäftigen. Deshalb hier sogar passend gewählt. -
Auch hier nochmal zur Info: Wir gehen jetzt doch den Weg über die Shortlist. Alles Wissenswerte dazu findet ihr hier
-
Hallihallo,
ich melde mich mit schöner Verspätung in die Runde. Aus persönlichen Gründen, die nichts entschuldigen sollen und die nicht weiter relevant sind, war es mir zeitlich wirklich schwer möglich, mit all den Texten Schritt zu halten. Da ich aber hin und wieder die lebhaften Diskussionen mitgelesen und mit einem Auge verfolgt habe und sich so viele Menschen Mühe sowohl beim Verfassen, als auch beim Kritisieren des Eingereichten gegeben haben, finde ich, bin ich wenigstens einen winzigen Beitrag meinerseits abseits meines Textes schuldig.
Ich habe mir die Dreistigkeit genommen, von oben hinunter einfach mal weiterzumachen 🙂 Kann ja jeder über meine Meinung drüberschreiben, wenn er nicht einverstanden ist – dafür sind wir ja hier.
*** Eine Dysfunktionale Familie ***
Nie hätte ich gedacht, so hart sein zu müssen. Sprachlich allein finde ich den Text fragwürdig. Einmal stolperte ich mehrfach über Wendungen und etwas krumme Sätze (ausgelesen habe ich es aus später genannten Gründen nicht), ebenso wenig gefielen mir die ständigen, abgehakten Absätze. Weiter bin ich der Meinung, dass hier (worum es ja, wenn ich es richtig verstanden habe, gehen sollte) sehr wenig und nur beiläufig literarisch ausprobiert, verdreht und herumgespielt wurde. Der Text schien mir, besonders zu Beginn, wie ein unlustiger Beitrag aus der HeuteShow oder aus einem Social-Media-Post. Ich kann es nicht so gut umschreiben, wie viele andere hier. Aber es las und liest sich für mich persönlich wie ein bloßes Abrattern moralischer Allgemeinplätze, offenkundige Seitenhiebe gegen die offensichtlichen Tyrannen und Missgünstlinge unserer traurigen Gegenwart. Mir fehlte die Literatur. Dann, beim Durchblättern, kam doch nocht so etwas wie Schriftstellerei zutage für mich. Leider muss ich auch hier sagen, dass es alles sehr aufs Auge drückt, eine Moral, die ich jedem vernünftigen Menschen unterstelle und mit der ich nicht beweihräuchert werden möchte.
Und schließlich: Was hat das alles mit Negativer Philosophie zu tun? Versteht mich nicht falsch, ich bin, ganz unironisch, absolut unwissend gewesen und bestimmt auch jetzt noch und habe mir vor dem Schreíben Gedanken zum Thema gemacht. Aber soweit ich es verstanden habe, soll es gerade *nicht* darum gehen, Sachen vorzukauen und dann auszubreiten. Also bei mir hat der Text leider gar nicht verfangen. Und das meine ich nicht überheblich oder böse, ich finde im Gegenteil, dass da gute Ideen und Einfälle stecken. Ich finde nur, dass ein besseres Verpacken, dass dem Leser das Entpacken ermöglicht, das schönste an Literatur ist. Und dass ich auch zur Negativen Philosophie zwischen den Zeilen etwas erfahren hätte, statt mich zu fühlen, als ergieße jemanden einen (sehr berechtigten) Weltschmerz über mich.*** Die Frau und die Leere ***
Sehr kurzer Beitrag, daher versuche auch ich mich kurz zu fassen: Die schriftstellerische Verarbeitung gefällt mir hier besser. Der Text ist sehr kurz, aber rund. Meinem Verständnis nach geht es um die Sache. Allerdings bin ich der Ansicht, dass ein besonders kurzer Text besonders gebündelt, dicht und schlagkräftig sein muss. Er muss für mich mehr als die bloße Summe der Wörter und Zeilen sein. Ich muss verleitet werden, ihn immer und immer wieder gegenzulesen, wie bei einem guten Gedicht z. B.
Das war an dieser Stelle leider nicht der Fall. Aber dennoch finde ich den Beitrag schön, wenn ich ihn auch nicht in die Shortlist empfohlen hätte.Als ein positives Beispiel, aus der Reihe getanzt, wohlgemerkt, möchte ich Adoni Adornit nennen: Super kurz, dafür aber randvoll mit sich aufeinander beziehenden Sätzen und Aussagen. Ob er das Thema perfekt trifft? Da bin ich nicht schlau und verständig genug – was er aber geschafft hat ist, mich nachdenklich zu stimmen und über die Schönheit zu schmachten, mit der die wenigen Zeilen konstruiert sind. *Schmacht*
PS: Ganz ungefragt möchte ich noch einmal quer einwerfen, dass ich es absolut berechtigt und auch erstrebenswert finde, dass man als Autor Anerkennung und auch Bewunderung ernten möchte. Nicht alles muss gleich verwerflich und eitel sein. Ich schreibe seit ich vierzehn bin und in den ganzen Jahren habe ich von unbekannten Menschen zwei drei Male etwas Schönes gehört, ansonsten nur von denjenigen Freunden und Familienangehörigen, die sich die Zeit genommen haben, etwas von mir durchzugehen. Das soll gar nicht weinerlich verstanden werden – das ist alles in Ordnung so. Nach so einer langen Zeit jedoch den Wunsch zu hegen, die eigene Arbeit von jemandem als würdig eingeschätzt zu bekommen, finde ich nur natürlich und verständlich. Und ich gönne es von Herzen jedem, der hier mitmacht und sein oder ihr Herzblut hat einfließen lassen. Es ist doch nur ein Tröpfchen auf dem heißen Sand der Mühen und einsamen Abende, die wir Schreiberlinge über und mit unseren Gedanken hängen. Nehmt uns nicht das auch noch. Ich bin für weniger Eigenlob und mehr gegenseitige Wertschätzung.
In diesem Sinne, danke an jeden, der diesen ellenlangen Kommentar liest, vielen lieben Dank für die Möglichkeit, hier mitzumachen und so viele spannende und diverse Beiträge lesen zu dürfen! Ich freue mich, die besten zehn lesen zu dürfen!
-
Danke Niko für deinen Kommentar. Ja, wenn man erst mal anfängt, *wirklich* viele Texte hier zu lesen und nicht nur (s)einen plus vielleicht zwei oder drei Lieblingstexte (an die man sich selektiv erinnert), merkt man schon, dass es deutliche Unterschiede in der Qualität gibt.
-
-
ich bin Neuling hier und hab die Kommentare auf mich wirken lassen :
achselzuckend
du schreibst
du verlierst
du wirst gelesen
du verlierstdu bist Mensch
du bist als Verlierer geboren
auf der Erde
dem Verliererdie Zeit
wird sich verlieren
das Leben
wird sich schreiben, lesen,
mich weiter inspirieren. -
Liebe Leute,
vergesst bitte nicht, auf der Homepage eure Favoriten unter den vorgeschlagenen Themen für die kommenden Wettbewerbe zu wählen. Stand jetzt werden “Marionette Mensch” und “Experiment Hingabe” das Rennen machen.
Neben den 1800 € für die Gewinner wollen wir diesmal auch 500 Euro für die Texte junger Autoren bereitstellen. Wenn wir gewusst hätten, dass so viele junge Menschen mitmachen würden, hätten wir das diesmal schon getan. Wir würden das Geld auch noch mit in den Topf werfen, aber unser Budget ist wirklich erschöpft.
In Zukunft soll eine unabhängige Jury aus Teilnehmern früherer Wettbewerbe entscheiden, dafür werden dann auch nochmal 1000 € pro Wettbewerb fällig. Für die nächsten beiden Wettbewerbe würden wir zunächst bei Marie, Toan, Steffen, Christian und Marco anklopfen, die sich als Jury ja anbieten, zumal sie allesamt hier und/oder in E-Mails an uns die nötige Leidenschaft und Kompetenz an den Tag gelegt haben.
Wir wollen eingehende Texte diesmal stärker nach Themenbezug vorselektieren. Da das Ganze ohnehin schon sehr zeitintensiv ist, wollen wir diesmal einen Teil der Arbeit delegieren, auch dafür rechnen wir 2000 € ein.
Daher hier der Aufruf an die Wohlhabenden unter euch: Wenn 10 von euch je 1000 € beisteuern, dann können wir schon Mitte April mit beiden Wettbewerben starten. Die Frist zur Finanzierung bleibt der 31. März.
Vergesst nicht, Projekte dieser Art findet ihr nirgends sonst. Und sie werden nicht durch irgendwelche äußeren Instanzen getragen. Die Welt will tausend Dinge von uns. Aber dass wir wirklich wachsen, das will sie nicht.
-
Wir gehen natürlich nicht davon aus, dass es mit der Finanzierung neuer Wettbewerbe klappt. Dieses Projekt bringen wir aber anständig zu Ende.
Ein Achselzucken-Bücherregal samt Shortlist, Longlist und themenungebundenen Leseempfehlungen werden wir morgen veröffentlichen.
Am 4 April werden wir die Sieger verkünden.
Und am 10 April werden wir den Kommentarbereich schließen.
Die Liste aller Wettbewerbsbeiträge samt eurer Kommentare und das Achselzucken-Bücherregal werden natürlich verfügbar bleiben.Unser Fazit hier schon mal: Es war höchstinteressant. Und teilweise auch sehr inspirierend. Der Aufwand hat sich also auf jeden Fall gelohnt. Über unsere Listen wird wahrscheinlich gemeckert werden, aber das war nunmal die Spielregel, es ging nun mal um das Thema gelebte negative Philosophie, und da ist nun mal das entscheidende Kriterium die Auflösung des mental konstruierten Selbst samt seiner konstruierten Wirklichkeit zugunsten eines größeren Kontexts, einer größeren Wirklichkeit.
Was wir etwas schade finden ist, dass hier gar keine Diskussion darüber aufgekommen ist, was negative Philosophie eigentlich ist. Wäre das geschehen, dann wäre sicher auch die negativ-philosophische Erkenntnis auf den Tisch gekommen, dass es eigentlich gar keine Autoren zu Beiträgen gibt, dass es der Selbsttäuschung bedarf, um sich als Urheber zu begreifen. Und dass Kritik oder Lob eines Textes nicht der Person gilt, durch dessen Hand er geschrieben wurde.
Ego/Maya geht es im Spiel um Lob und Tadel letztlich immer nur darum, den Wahn des Ichs zu zementieren, die Selbsttäuschung aufrechtzuerhalten. Das ist der Witz daran. Über den außer dem negativen Philosophen aber kein Mensch lacht. Und wo das Lachen ausbleibt, da fängt das Theater an. Ego/Maya-Theater, in dem zementierte Ichs sich selbst oder einander verteidigen oder attackieren, ohne den heimlichen Zweck des aufgeführten Theaters zu durchschauen.
Wettbewerbe jeder Art sind natürlich selbst schon Theatervorstellungen. Und wir alle sind die Schauspieler: Ausrichter, Autoren, Kritiker, Kritiker der Kritiker, ja selbst die Zuschauer spielen ihre Rolle. Für eine befristete, also theatralische Zeit. Die entscheidende Frage dabei ist grundsätzlich immer diese: Spielen wir miteinander, oder nehmen wir die Sache ernst und verderben damit das Spiel?
“Ernsthaftigkeit ist immer mit Rollen oder Abstraktionen verbunden. Wir begegnen Polizisten eher ernst, wenn wir sie in Uniform bei der Ausübung ihrer Pflichten antreffen, als wenn wir sie beim Umziehen beobachten. Ernsthaftigkeit hat immer mit einem festgelegten Ablauf zu tun, einer Ordnung der Dinge, die außerhalb unseres Einflussbereichs stattfindet. Wir sind spielerisch, wenn wir anderen auf der Ebene der Wahl begegnen, wenn nicht vorhersehbar ist, wie sich unsere Beziehung entwickeln wird – wenn tatsächlich niemandem ein bestimmtes Ergebnis auferlegt werden kann, außer der Entscheidung, die Beziehung fortzusetzen. Spielerisch zu sein bedeutet nicht, trivial oder leichtfertig zu sein oder so zu tun, als ob nichts von Bedeutung geschehen würde. Im Gegenteil: Wenn wir spielerisch miteinander umgehen, begegnen wir einander als freie Personen, und die Beziehung ist offen für Überraschungen; alles, was geschieht, hat Bedeutung. Tatsächlich ist es die Ernsthaftigkeit, die sich den Konsequenzen verschließt, denn Ernsthaftigkeit ist die Furcht vor dem unvorhersehbaren Ausgang offener Möglichkeiten. Ernst zu sein bedeutet, auf ein bestimmtes Ergebnis zu drängen. Verspielt zu sein bedeutet, Möglichkeiten zuzulassen, ungeachtet der eigenen Kosten.” James Carse
-
Tatsächlich eine interessante Frage, sind wir tatsächlich nur Wellen im Strom des Seins?
dagegen spricht der eherne Satz: ich denke, also bin ich! würde sogar noch dazu setzen: ich fühle, also bin ich!
Die Frage ist, für mich als Fan der Philosophie, ohne tieferen Einstieg: Kann Bewusstsein ohne ich-Gefühl existieren?Für einen Strom des Lebens/Seins spricht, dass Manche Menschen oft ähnliche Gesten machen, parallel. Vlt ist das aber auch nur Statistik…
Was noch dafür spricht, ist manchmal das Denken, denn Dinge, die schon oft und vielmals durchgedacht wurden, erschliessen sich viel einfacher, als kaum gedachte Fragen. So ist man z.B. relativ leicht noch das Porsche Atommodel zu erahnen, aber ich habe mal versucht, mich in Gesetzmässigkeiten einer – vlt möglichen – kleinsten Raumeinheit zu denken. D.h. welche Gesetzmässigkeiten welche Physik, welche Logik würde das ergeben? bis dahin, dass vlt ein Photon diese kleinste Raumeinheit bemisst, trotzdem massiv schnell durcheilen kann,.. viel weiter bin ich nicht gekommen, ein Studium der Quantenphysik würde mich wahrscheinlich etwas weiter bringen.
Nun ja, alles ist möglich, manchmal mag ich aber auch mein selbst geniessen. Der Gedanke ist mir aber trotzdem nicht fremd.-
natürlich meine ich auch nicht das Bohrsche’ Atommodel, sondern die Lehre von den Quarks als allerkleinste Teilchen. Wahrscheinlich, da das Raum-Zeit Kontinuum durch Gravitation beeinflusst wird, könnte der beschleunigte Raum schrumpfen? was passiert mit dem Raum, wenn 3 Quarks sich zu einem Elementarteilchen vereinigen? Vlt hat der Raum aber gar keine Begrenzung nach oben oder unten… interessant ist es allemal Überlegungen dazu anzustellen.
Ähnliches gilt für den Ursprung der Gefühle. ich weiss dass es erst seit den 2000er Jahren Philosophie über die Gefühle und deren Ursprung gibt, kann da jemand Texte empfehlen? Auf Wikipedia wird z.B. noch der gute Alte Darwin aufgeführt. ich denke die Erforschung ist recht schwer, da im Gehirnstamm hauptsächlich mit chem. Botenstoffen gearbeitet wird, dh keine Messbaren Ströme beim Ursprung des (inneren) Fühlens auftreten. Daher auch die Verflechtung mit bestimmten Düften und der Nase. Über Literatur darüber würde ich mich freuen! -
Das finde ich einen äußerst interessanten Gedanken: Erschließen sich Dinge, die schon oft und vielmals durchdacht wurden, wirklich einfacher als kaum gedachte Fragen? Oder ist es nur ein vermeintliches Erschließen, basierend auf dem Wahrnehmen und Aufnehmen der Gedanken anderer, ohne sich eigener Erklärungsmuster noch bewusst zu werden? Und eröffnen kaum gedachte Fragen dagegen ein viel breiteres Spektrum an Antwortmöglichkeiten und neuen Erkenntnissen, da wir mit dem Versuch der Beantwortung dieser nicht auf Gelerntes zurückgreifen können, sondern neue Denkansätze und Erklärungen aufgreifen, verarbeiten und bewerten müssen? Nicht einfach zu beantworten, aber das ist eine sehr interessante Fragestellung, mit der man sich tiefer beschäftigen kann.
-
-
-
-
Quantenphysikalisch kann man es ja auch immer weiter reduzieren und am Ende sagen: “Ist halt alles nur Energie.”
Wenn alles nur Energie ist – warum soll ich dann meine Rechnungen überhaupt bezahlen?Das erinnert mich hier an die Philosophieforen in 00er-Jahren, in denen ich als Jugendlicher nächtelang herumgeschrieben habe.
Ich würde sagen, über der “Physical Layer” der Dinge gibt es noch wenigstens eine Bedeutungsebene – und ja, wahrscheinlich gibt es unter der physikalischen Schicht sogar eine noch viel grundlegendere Ebene, die wir aber nicht mehr greifen können. (Wir können ja selbst die physikalische Schicht nicht mehr unmittelbar begreifen, sondern nur noch gefiltert und interpretiert auf der Bedeutungsebene wahrnehmen.) Mein spontanes Metaphysikmodell lautet daher wie folgt:
Layer0: Fundamentale Ebene
Layer1: Physik
Layer2: Bedeutung
(natürlich ganz grob)Das “Ich” halte ich für keine reine Illusion. Das mag für Layer0 und Layer1 so gelten, aber auf Layer2 existiert es. Das “Ich” ist zwar konstruiert, aber funktional real. Solange wir leben, scheint es eine dynamische, aber recht stabile Größe zu sein. Sonst wäre weder Schreiben noch Bewerten möglich.
Ein Auto ist auch “nur” ein physikalisches System. Trotzdem “fährt” es und “transportiert” meinen “Einkauf”.
Ein Geldschein mag auf der fundamentalen Ebene nicht existieren und auf der Physik-Ebene ist es nur ein Stück Papier, aber auf der Bedeutungsebene sind es eben 20€ – und die brauche ich, wenn ich mir ein Eis kaufen möchte.Evolutionär bedingt ist unser Ich vermutlich eine nützliche Entität, eventuell unvermeidliches Nebenphänomen geistiger Agenten mit kognitiven Fähigkeiten ab einem gewissen Komplexitätsgrad. Ich gehe da eher mit Thomas Metzinger oder Joscha Bach.
-
Wir können Layer 0 nicht greifen, weil wir Layer 0 sind. Layer 0 kann nicht denkend erschlossen werden. Es ist der Kontext, innerhalb dessen sich Denken vollzieht. Es ist auch der Kontext der physischen Welt und der Raumzeit selbst.
Die Evolution zum Ich hin ist unvermeidlich, klar. Aber es geht eben weiter. Hin zum Menschen ohne Ich, ohne imaginäres Zentrum. Und das ist kein dysfunktionaler Zustand. Der Ich-Zustand ist die dysfunktionale Ebene, wie an der heutigen Welt unschwer zu erkennen.
-
-
Ich kann dir ein sehr interessantes Buch empfehlen, dass dir bezüglich der Quantenphysik einige Fragen beantworten kannn und dir darüberhinaus neue Denkanstöße gibt.
Ulrich Warnke:
Quantenphilosophie und Spiritualität.Hieraus auch ein Zitat von Albert Einstein:
” Jeder, der sich ernsthaft mit der Wissenschaft beschäftigt, gelangt zu der Überzeugung, dass sich in den Gesetzmäßigkeiten der Welt ein dem menschlichen ungeheuer überlegener Geist manifestiert, dem gegenüber wir mit unseren bescheidenen Kräften demütig zurück stehen müssen.” -
Ok ich werde demnächst mal wieder in eine Buchhandlung schauen, oder aber bestellen, Dankeschön für den Tipp!
Habe auch kurz die gängigen Ansätze zur Erforschung des Bewusstseins “überflogen”, was ich als Biologe kritisieren muss, die Selektion des Geistes bei der Partnerwahl oder der Urtrieb scheint erstmal gar keine Rolle zu spielen. Meine Buchempfehlung ist daher:
Geoffrey F. Miller: Die sexuelle Evolution, kein Schmuddel sondern hier wird in vielen Beispielen ausgearbeitet wie Sprache und Geist einen Fortpflanzungsvorteil verschafft haben (können). U.a. Höhlenmalerei oder Werkzeuge/Schmuck, die nicht wirklich zweckdienlich waren, aber die Partnerwahl anscheinend vereinfacht haben.
Also, weiter ihr Autoren ! -
-
Nur interessehalber: wie habt ihr entschieden, welche Texte von jungen Autoren kommen?🙃
-
Wir arbeiten mit einem Medium zusammen, das anhand der Texte alle Infos über jeden Teilnehmer channelt. Nein, Spaß, rein nach Gefühl. Hier und da liegen wir vielleicht falsch, dann werden wir hoffentlich korrigiert. Und sicher haben wir auch hier und da übersehen, dass wir es mit Texten junger Autoren zu tun haben. Überhaupt haben wir mit Sicherheit vieles übersehen. Aber es bleiben ja alle Beiträge online, es kann sich ja jeder seine eigene Liste erstellen.
-
Okay, vielen Dank für die Antwort🙏
-
-
-
-
Die Perlen sind jedenfalls sehr angenehm zu lesen. Zu den meisten Texten davon war ich bisher noch gar nicht gekommen, als ich stur nach Listenreihenfolge gelesen habe. “Die Liebe und ich” und “Die Mauer der Tränen” wären wohl mein Favoriten aus der ersten Hälfte der Shortlist – weiter bin ich aber auch noch nicht und muss den Rest noch lesen.
Vorschlag: Vielleicht macht ihr nächstes Mal gleich die Zuordnung zu Prosa, Essay, Lyrik. Ich merke halt, dass ich eher Prosa- und Essay-Typ bin. Die Klassifizierung jetzt ist sehr gut und hilfreich. Es muss vielleicht gar nicht jeder Leser alles lesen, gerade dann, wenn er gar nicht in der Lage ist, Texte aus einer bestimmten Textgattung richtig würdigen zu können. Dann wäre es vielleicht sinnvoller, verschiedene Abstimmungen nach Metier durchführen zu lassen.
-
Mich würde interessieren wie dir mein Text gefällt. Bei der Longliste unter Prosa eingeordnet: Konturen des Unfassbaren im Schattenspiel des Leuchtturms der Unwissenheit. Ich bin daran interessiert mich zu verbessern und wäre dankbar für Rückmeldungen.
-
Wenn du mich schon so fragst: Natürlich, gerne.
…
So, deinen Text hab ich gelesen. Die Grundidee finde ich sehr spannend. Dieses Sich-selbst-und-die-Welt-Neu-Erschließen ohne feste Begriffe trägt den Text gut und erzeugt eine eigene Atmosphäre.
An manchen Stellen hatte ich das Gefühl, dass sich ähnliche Gedanken wiederholen bzw. in Variationen auftauchen. Da könnte man vielleicht noch stärker verdichten, damit die Wirkung klarer und prägnanter wird.
Kleine Minikritik noch (und nicht zu unterschätzen in der Wirkung): Es fehlen viele, viele Kommata. Meine Augen stolpern dann immer.Gedanklich bewegt sich das in Richtung einer solipsistischen Perspektive. Alles nur ein Traum, reine Subjektivität? Ja, vielleicht. Bleibt dann immer noch die Frage: Was steckt eigentlich dahinter? Und was steckt wiederum hinter diesem Etwas? Die Frage kann man unendlich weitertreiben. Das ist doch spannend oder? Wir sind auf der Welt, aber haben eigentlich gar keinen Plan, was abgeht.
-
Danke, das hilft mir sehr weiter.
-
-
-
-
Auch wenn ich es mir anders vorgenommen hatte, aber natürlich ist mein Ego etwas gekränkt, weil ich es nicht auf die Shortlist geschafft habe. Aber zumindest für die Longlist hat es für “Optimiert” gereicht. Ein schönes Gefühl, wenn das eigene Baby in der Welt da draußen doch den ein oder anderen Anhänger gefunden hat.
Was mich aber noch mehr schockiert ist eher, dass mein bisheriger Favorit “Der Statiker des Einsturzes” das selbe Schicksal teilt.
Dafür finden sich auf der Shortlist ein paar Titel bei denen ich wiederum ganz klar gesagt hätte: Thema verfehlt. Aber evtl. habe ich bei denen irgendwas nur nicht verstanden. Aber wirklich nur wenige, beim Großteil würde ich zustimmen und meinen ehrlichen Glückwunsch an die Autoren.
-
Hi Marcel, das interessiert uns natürlich – wo würdest du sagen Thema verfehlt?
-
Ok, meiner Meinung nach sind die beiden Ausreißer zum einen
“Auf dem Gipfel des Libanon”. Grund: Der Text vollzieht keine negative Philosophie, er performt Negativität. Die konsequente Ablehnung von Begrifflichkeit, Systematik und Schulung (“Ich bin nicht philosophisch geschult, die Sprache der Metaphysik ist mir völlig fremd”) immunisiert den Text gegen jeden philosophischen Einspruch und damit auch gegen jede ernsthafte Auseinandersetzung mit der Frage, was negative Philosophie überhaupt leistet. Und dann
“Sichtweise”. Grund: Das Gedicht verbleibt vollständig im Bereich der positiven Gesellschaftskritik – es benennt, anklagt, katalogisiert Unrecht. Das ist Aufklärungsgestus, nicht negative Philosophie.
Nicht ganz daneben, aber am Schluss doch knapp am Thema vorbei finde ich “Die Liebe und ich”. Der Anfang und die Mitte finde ich noch richtig stark, aber am Ende “Und plötzlich weiß ich, was Liebe ist” – dieser Satz verspricht mehr, als er einlöst. Die Conclusio “Es ist das Erleben des Du als ich” klingt tief, ist aber bei näherer Betrachtung eine Leerformel. Sie könnte aus hundert Esoterik-Ratgebern stammen.
An die Autoren dieser Texte: Bitte nicht hauen. Ich will diese Texte mit meiner Kritik nicht als solche abwerten, sondern mir geht es ausschließlich nur darum, inwieweit das gestellte Thema bearbeitet wurde.
-
Bitte nicht hauen, hahaha.
-
-
-
-
Nicht nur die eingereichten Texte zum absolut ungewöhnlichen Thema, sondern auch das Gesamt der lebendigen Diskussion (die Einblicke in Dies und Das gab) sowie das Erleben des (Selbst-)Findungsprozesses des gesamten VV-Wettbewerbs, haben mir wirklich Freude gemacht. Ich finde, die Problematik der Bewertung ist gut und souverän gelöst worden, Viele können sich gesehen fühlen, mehr Beachtung gibt es nirgendwo in vergleichbaren Ausschreibungen. Hiermit sei also ein etwas umständlich formuliertes, großes “Danke” gesagt …
Und: Viel Glück für weitere Taten! AvdB -
Schließe mich Annette voll an.
Meine Lieblinge als ganz normaler Leser:
1. Die Liebe und Ich
2. Sammelpunkt der Verlorenen
3. Die Mauer der Tränen
4. Das Gesetz kennt nur ein Gebot: Befolge das GesetzDie Reihenfolge könnte ich jederzeit durcheinanderwürfeln. Am Ende entscheidet das spontane Gefühl und das schwankt von Tag zu Tag.
Was ich an diesen Texten schätze: Das Thema wird nicht guruhaft explizit gemacht. In den ersten drei Texten wird Integration gezeigt, nicht heruntergebetet. Kein Überwinden, kein Auflösen, weil “die Lehrmeinung es so will”, sondern Auflösung durch Annehmen. -
Hallo Leute, wir lassen den Kommentarbereich hier doch offen, und zwar so lange, bis der nächste Wettbewerb startet, dann verlagern wir die Diskussion dorthin.
-
Vielen Dank an den Verlag für diesen Wettbewerb und die Auswahl des Themas. Die individuellen Interpretationen haben ein breites Spektrum an neuen Gedankenansätzen eröffnet. Negative Philosophie lässt sich weder in wenigen Worten beschreiben, noch gibt es die eine alles umfassende Erklärung. Das macht die eingereichten Beiträge so spannend. Es war äußerst interessant zu lesen, wie unterschiedlich sich die Autoren diesem komplexen Thema angenähert haben. Für mich inspirierend, einige dieser Ansätze weiterzudenken. Von daher auch von mir ein großes “Danke”.
-
Ein Hinweis, da ich sehr kritisch darauf angesprochen wurde: Ein Impressum wäre vielleicht sinnvoll!
(Dies am Rande. Ich wollte es einfach weitergeben, damit Ihr Euch bei zukünftigen Ideen nicht ungewollt selbst behindert.)-
Danke dafür. Wir sind deutschsprachig, aber nicht in D bzw. der EU ansässig, insofern entfällt die Impressumspflicht. Allenfalls eine Online-Business-Registration steht irgendwann im Raum, aber dann in Südostasien oder in Singapur.
-
-
Das ist doch schon mal ein Hinweis. Danke.
-
Liebe Leute,
das war’s jetzt endgültig mit dem Achselzucken-Wettbewerb. Hat Spaß gemacht. Und inspiriert. Man könnte sogar sagen: Die Sache ist ein Hobby von uns geworden. Das wir weiter pflegen wollen.Beibehalten wollen wir, dass alle eingereichten Texte veröffentlicht werden und im Kommentarbereich diskutiert werden können. Eine allgemeine Abstimmung wird es bei uns aber nicht wieder geben. Ab jetzt werden wir aus den eingereichten Beiträgen eine Longlist von 60 Texten erstellen, eine unabhängige Jury wird daraus eine Shortlist erstellen und aus deren Mitte dann die Gewinnner küren. Junge Stimmen werden gesondert prämiert werden, hier werden wir 15 Texte auswählen, aus denen die Jury die Gewinner wählt.
Im Raum steht zunächst der Schreibwettbewerb “Marionette Mensch”, Als Einreichungsfrist planen wir den März 2027. Die Jury hat sich quasi selbst aufgestellt, wir haben die im Kommentarbereich aktiven Autorinnen und Autoren Annette, Marie, Toan, Christian, Mario und Steffen bereits kontaktiert und mehr oder weniger grünes Licht erhalten.
Nur das Geld fehlt noch. Hier nochmal die Zahlen:
– Da wir diesmal auch die jungen Stimmen küren wollen, erhöht sich das Preisgeld auf insgesamt 2,2k
– Das Honorar für die 6 Jurymitglieder beträgt 1,5k
– 1,8k hätten wir als Veranstalter gern als Kompensation für unseren Zeitaufwand (v.a. die Formatierung von Texten von mit Schreibprogrammen auf Kriegsfuß stehenden Autoren betreffend!)Notfalls könnten wir auf unseren Anteil verzichten. Marie und Toan würden notfalls auch auf ein Honorar verzichten, ggf. auch Steffen. Am Preisgeld wollen wir aber nicht rütteln. 3k sind also absolutes Minimum.
Eben haben wir ein Dutzend Mails an deutsche, französische und tschechische Marionettenhersteller bzw. Puppenverkaufsportale versendet, ein Sponsoring des Wettbewerbs bietet sich ja geradezu an.
Nur wird das die Kosten nicht decken. Hätte nicht irgendjemand von euch Zeit und Lust, auf Startnext ein Crowdfunding-Projekt “Verliererverlag-Schreibwettbewerb 2027: Marionette Mensch” auf die Beine zu stellen? Wir würden es selbst tun, es braucht dafür aber einen Wohnsitz (und auch ein Konto) in Deutschland. Haben wir beides nicht.
Als Goodies bieten sich natürlich Marionetten des Sponsors an, falls wir einen finden. Für uns bietet sich an, als Goodies folgende garantierten, persönlichen Ablehnungen anzubieten:
“Die vorgezogene Niederlage” (10 €): Du zahlst 10 Euro und dein Text wird direkt in die Tonne geworfen, ohne dass die Jury ihn lesen muss. Spart Zeit für alle.
“Nein” (20 €): Die standesgemäße Absage. Du reichst einen Text ein und bekommst eine automatische Absage per E-Mail. Keine Begründung. Nur: “Nein.”
“Der Drückeberger” (30 €): Du zahlst 30 Euro, um nicht am Wettbewerb teilnehmen zu müssen. Du erhältst ein Zertifikat (“Ich habe 2027 verzichtet und trotzdem verloren”), das du dir einrahmen kannst.
“Die zerstörerische Rezension” (50 €): Du schickst einen Text ein. Der Verlag zerreißt ihn in einer Rückmail (gern auch als Audiodatei) komplett in der Luft, wie gut er auch sein mag.
“Die öffentliche Demütigung” (100 €): Dein Text wird auf dem Verliererverlag-Portal veröffentlicht, aber explizit als “Das schlechteste, was uns je untergekommen ist” gekennzeichnet, inklusive eines vernichtenden Vorworts des Verleger-Teams.Hat jemand Bock? Nicht nur den Marionetten-Wettbewerb betreffend, sondern langfristig, als Schreibwettbewerbe-Partner?
-
“Die öffentliche Demütigung” für 100,- Euro, das ist große Klasse. Der geplante VV-Wettbewerb hat das Zeug, zumindest der originellste Literaturwettbewerb weltweit zu werden …
Freue mich darauf und finde es sehr entspannend, dass ihr eine Vorauswahl trefft …
-
-
Freut mich sehr, und da eine Vorauswahl getroffen wird – und ich nicht alle 250 Texte beurteilen muss – werde ich selbstverständlich auch auf die Bezahlung verzichten!
-
Freut mich, dass ihr dabei seid!
60 Texte sind ok, aber auch nicht zu unterschätzen. Ich brauche dafür min. 10 Tage.
Jetzt braucht’s nur noch das Geld. Ich fürchte, hier im Kommentarbereich lesen kaum noch Leute. Für diese Unternehmung müsste daher noch mehr in der Breite geworben werden.
Schreibe einen Kommentar