Von wegen neue Erde — vom verheerenden Schicksal der Menschheit

Wer genauer hinsieht, dem wird schnell klar, dass Kollektive, ganz gleich, ob es sich nun um große Gruppen wie Staaten und Gesellschaften oder um kleinere wie Unternehmen, religiöse Gemeinschaften oder Familien handelt, den Menschen zwangsläufig mechanisieren und maschinisieren und damit dem, was er ohne diese Gruppe wäre, völlig entfremden.

Wie genau dieser Prozess vonstatten geht und welchen Preis wir dafür zahlen, uns derart entmündigen, entstellen und letztlich entmenschlichen zu lassen, das erklärt niemand besser als Nick Williams:

“Im Allgemeinen entscheidet das Kollektiv (oder die Gruppe), was gilt, und setzt diese Entscheidung dann allen anderen durch, ob sie wollen oder nicht. Oberflächlich betrachtet könnte man dies als demokratischen Prozess bezeichnen. Doch das ist er nicht. Er entspricht in keiner Weise dem Geist der Demokratie, da das, was wir als „das Kollektiv von uns“ bezeichnen, keine Menschlichkeit besitzt. Das Kollektiv ist im Grunde eine Maschine, der wir die Verantwortung abgeben (da sie ausschließlich nach Regeln funktioniert). Es ist ein System, und Systeme haben nichts mit Menschlichkeit zu tun. Systeme sind – auch wenn wir es nicht erkennen – der Feind der Menschlichkeit.

Statt „Kollektiv“ könnten wir auch von „Gruppe“ oder „Gruppenbewusstsein“ sprechen. Gruppen entstehen durch Übereinkunft, das heißt, eine Gruppe bildet sich, wenn wir alle (bewusst oder unbewusst) zustimmen, bestimmte Konventionen oder Regeln zu befolgen, die – einmal akzeptiert – für uns völlig unsichtbar werden. Die Konventionen, auf denen unser Leben beruht, sind für uns unsichtbar, unzugänglich. Sie sind uns unzugänglich, weil wir sie so selbstverständlich nehmen (das heißt, weil wir sie als Grundlage für unser gesamtes Verständnis nutzen, und diese Grundlage kann sich nicht selbst hinterfragen). Die Annahmen, die wir treffen (wenn wir dem allgemeinen Denken folgen), sind völlig willkürlich, und diese Willkür oder Unbegründetheit entgleitet uns sofort völlig. Sie wird zum Allerletzten, was wir je erfahren werden. Was völlig unbegründet ist, wird irgendwie unhinterfragbar. Es wird sozusagen zur unumstößlichen Wahrheit.

Wir alle kennen so etwas natürlich. Es ist kaum etwas Neues – die Vorstellung des Regierungsbeamten oder Bürokraten, der sich mit den altbekannten Worten „Ich bin’s nicht, Chef – es sind die Regeln“ der Verantwortung entzieht, ist uns bestens vertraut, fast schon ein Klischee. Doch es ist kein Klischee – es ist kein Klischee, weil wir es immer wieder hören. Es wurde wiederholt, dass es nach wie vor relevant ist, dass es so nah am Kern der Sache ist wie eh und je. So funktionieren Systeme – nur so können sie funktionieren. Sie funktionieren dadurch, dass alle Beteiligten ihre Hände in Unschuld waschen, indem wir alle die Verantwortung an die vereinbarten Regeln abgeben. So entstehen Systeme, und deshalb sind sie auch der Gegensatz zu allem Menschlichen. Systeme zerstören das Gute und Heilsame im Menschen und verwandeln die Menschheit so in eine widerliche Parodie ihrer selbst. Nichts bleibt übrig als Machtspiele, Lügen, Ausbeutung und Missbrauch.

Trotzdem sind wir alle gezwungen, uns dieser brutalen Daseinsweise anzupassen, wenn wir nicht, bildlich gesprochen, „bei lebendigem Leibe aufgefressen“ werden wollen. Es ist nur natürlich, dass wir unser Bestes geben, um zu überleben und uns in dieser Welt einen Platz zu sichern. Doch um dies zu erreichen, müssen wir uns dem stellen, was Thomas Traherne die „schmutzigen Machenschaften dieser Welt“ nennt. Dies ist das sogenannte Dschungelgesetz, traditionell formuliert als „Fressen oder gefressen werden“ (und vom bekannten Antipsychiater Thomas Satsz umformuliert als „Definieren oder definiert werden“). Dies ist das „Paradigma der Kontrolle“, in dem die Mächtigen die Machtlosen ausbeuten und missbrauchen. Dies ist das Machtspiel – das Spiel, in dem wir alle versuchen, unsere Interessen durchzusetzen, indem wir über Leichen gehen (und die gleichzeitig genau dasselbe mit uns versuchen). Das ist die „Welt des Stärkeren“, die uns überall umgibt (wenn wir uns denn dafür interessieren würden). In einem solchen System bedeutet Mitgefühl statt narzisstisch-egoistischer Selbstsucht (also Geben statt Nehmen), sich selbst zur leichten Beute zu machen.

Ein schneller und einfacher Weg, sich Sicherheit zu verschaffen (quasi die „Abkürzung“, um nicht von Raubtieren angegriffen zu werden), ist der Zusammenschluss mit anderen zu einem Kollektiv, einem Machtblock. Wir legen sozusagen eine Uniform an – wir geben unsere Individualität auf. So werden wir stark, so werden wir zu einer Macht, mit der man rechnen muss. Der Nachteil dieses praktischen Manövers ist jedoch, dass wir unsere Menschlichkeit verlieren (wie bereits erwähnt). Natürlich sehen wir das nicht gern an uns selbst, und meistens gelingt es uns auch sehr gut, es mit irgendeiner Art von Tarnung zu verbergen. Wir legen uns die „Kleider der Tugend“ an. Doch wenn es hart auf hart kommt, zeigen wir unser wahres Gesicht – ich kann zwar den Anschein von Integrität wahren, aber diese Fassade kann unter starkem Druck natürlich nicht so funktionieren wie die echte Integrität. Tarnung hat keine wirkliche Belastbarkeit, und wenn wir also eine Last tragen müssen (wie es im Leben nun mal so ist), dann brechen wir zusammen, wir zerbrechen völlig. Unter Druck zerfallen wir schneller, als man mit den Fingern schnippen kann.

So betrachtet wird deutlich, warum es beim besten Willen nicht als Demokratie bezeichnet werden kann, wenn das „Kollektiv“ (also der Machtblock aller sozial angepassten Personen) entscheidet, „was wichtig ist und was nicht“, und diese Sichtweise (oder diese „Übereinkunft“) dem Rest von uns aufzwingen kann. Demokratie braucht die Beteiligung von Menschen. Das ist nicht „Herrschaft des Volkes durch das Volk für das Volk“ (wie Abraham Lincoln es gerne formulierte), sondern „Herrschaft des Systems durch das System für das System“ (wobei das „Volk“ lediglich als Kanonenfutter dient und absolut nichts zählt). Das hier gemeinte „System“ lässt sich definieren als „eine Reihe unverletzlicher Regeln, denen wir uns anpassen müssen, sodass von uns nichts anderes übrig bleibt als das, was diese Regeln zulassen“. Wenn wir uns dem System anpassen, werden wir mit anderen Worten Teil dieses Systems. Psychologisch betrachtet, können wir, wenn wir uns an eine Regel halten, niemals mehr sein, als diese Regel uns erlaubt. Bildlich gesprochen befinden wir uns in der Lage des Zauberlehrlings, der unklugerweise einen Dämon beschworen hat, den er nun nicht mehr bannen kann. Was dann geschieht, ist, dass der Dämon – so mächtig er auch sein mag – den Spieß umdreht, bevor wir überhaupt merken, was passiert. Wir werden zu seinen Opfern, noch bevor wir Luft holen können, und in diesem Moment verwandelt sich das Leben von etwas zutiefst Gesundem in ein bösartiges Kontrollsystem, in dem unsere einzige Chance darin besteht, „besser zu kontrollieren als alle anderen“. Gelingt uns das, werden wir zum „Fresser“ statt zum „Gefressenen“, doch dieser Vorteil ist trügerisch, denn der Preis für den Erfolg in diesem Spiel ist der Verlust unserer Menschlichkeit.”

Nick Williams

Im Kommentarbereich zum Schreibwettbewerb “Achselzuckend leben” schrieb Felix am 3. März:

Hier der Existenzkampf, dort das Leiden der bewussten Menschen an der Existenz, im Geist wie im Herzen. Derweil verroht die Menschheit immer weiter, weil es nicht die bewussten Menschen sind, die sich fortpflanzen und breitmachen, sondern die Unbewussten, Machthungrigen, Animalischen, Dummen.

Das ist gut und richtig erkannt. Es ist eben kein Selektionsvorteil, die Anpassung zu verwehren, sich seine Menschlichkeit zu bewahren, als Bewusstheit zu reifen, als Gewahrsein zu wachsen. Selektiert wird, wer jede mahnende innere Stimme, jedes innere Gewissen und jedes eigene Denken an der Garderobe abgibt und frohgemut ins Theater des Grauens eintritt, um sich dort seinen Platz zu erkämpfen.

Aus bewusstseinsevolutionärer Sicht ist diese Tatsache natürlich eine Riesenkatastrophe, und für die Menschheit bedeutet sie die denkbar schlechtesten Nachrichten, die man sich vorstellen kann. Wer angesichts der verheerenden Lage und Aussichten auf Besserung hofft, von einer ‘wachsenden Bewusstwerdung der Menschheit’ träumt oder gar von einer ‘neuen Erde’ faselt, der hofft und träumt und faselt als Schraube im Räderwerk und Stimme des Systems.

Dass es so ist, macht aber nichts. Denn:

Du lebst in keiner Welt. Du lebst in einer Erfahrung. Derweil nichts wirklich geschieht, weil die Zeit nicht existiert. Es existiert aber etwas außerhalb der Zeit. Dessen bist du gewahr, ohne dass du es erfährst. Der Geist ist der Bereich der Erfahrung, aber es gibt etwas jenseits der Erfahrung, jenseits des Geistes, aber immer noch im Kontext deines Bewusstseins. Der sogenannte gegenwärtige Moment ist voller Erfahrung, aber der unendliche zeitlose Hintergrund hinter der Zeit ist es nicht.”

Zara Songüll