Gewinner und Shortlist
1-3
1. – Die Liebe und ich

Es war Sonntagmorgen. Wir waren früh dran. Mussten wir auch sein, weil gegen 11 die älteren Jungs aufmarschierten und uns vom Platz vertrieben. Entsprechend beeilte ich mich, den Ball zu holen, als ich ihn nicht nur übers Tor, sondern auch über den Zaun geschossen hatte. Er war den kleinen Kiesweg entlang und dann unten in den Bach gekullert. Dachte ich. Da fand ich ihn aber nicht. Neben dem Bach stand ein rotes Auto. Ich legte den Kopf auf den Boden und spähte unter den Wagen. Der Ball klemmte neben dem Auspuff. Am Auspuff war ein Gartenschlauch festgeklebt. Der Schlauch führte durch einen Spalt im Beifahrerfenster, das Ende hing im Innenraum. In dem Wagen saß ein Mann am Steuer. Ich war erst sechs und hatte noch nie eine Leiche gesehen. Aber als ich in sein Gesicht sah, wusste ich gleich: Der ist tot.

Ich muss Ewigkeiten wie angewurzelt dagestanden haben, mit dem Ball im Arm, starr vor Schreck. Aber es war nicht nur der Schreck. Es war auch eine heimliche Faszination. Die heimliche Faszination am Verbotenen. Ich hatte natürlich keine Ahnung, wie er es fertiggebracht hatte, was eine Kohlenmonoxidvergiftung war, aber mir war in dem Moment ganz klar: Der Typ hatte sich umgebracht. Das, nicht der Anblick eines Toten, war das heimliche Faszinosum: Hier hatte ein Mensch aus eigenen Stücken sein Leben beendet.  

In den Wochen und Monaten danach verdrängte ich das Erlebte, so gut es ging, und die Erinnerung verschwand allmählich im Raum des Vergessens. Warum taucht sie ausgerechnet jetzt wieder auf? Es gab Zeiten, da hätte ich es verstanden, da war der Tod allgegenwärtig, da stand der Selbstmord im Raum. Aber jetzt? Jetzt ist es Sommer, jetzt scheint die Sonne, jetzt sitze ich mit Blick in den Garten am Schreibtisch und denke über die Liebe nach. Und mein Unbewusstes gibt ausgerechnet diese Erinnerung dazu frei? 

Den roten Taunus sehe ich noch ganz genau vor mir. Auch den grünen Gartenschlauch. Und das schwarze Klebeband im Fensterspalt. Aber kein Gesicht mehr, keinen Körper, der leblos am Steuer sitzt. Stattdessen sitze ich in meinem Schreibtischstuhl und erlebe, wie ich an jenem Steuer sitze. Ich erlebe die tiefe Verzweiflung, die daraus gewachsene Entschlossenheit. Die Einsamkeit in dieser Entschlossenheit, das existentielle Alleinsein in den Stunden der letzten Nacht. Das langsame Hinübergleiten. Den endgültigen Abschied. 

Und plötzlich weiß ich, was Liebe ist: Es ist genau dies. Es ist die Wachheit des Herzens als innerer Zeuge des Du. Es ist das Erleben des Du als ich.  

2. zeit des schweigens

wind berührt sanft
dichte baumkronen
streicht reife grasähren
zerstreut weiße blütenblätter
lässt schmetterlinge mit ihm tanzen

helle vogelstimmen
ganz in dur
flimmernde wärme aus klarem blau
schwarze käfer
in rotblühender malve

nichts sagen
nichts wollen
nichts bedauern
nichts fürchten

nur da sein
in diesem augenblick

3. Die Mauer der Tränen

Ich ging zum Fenster, blickte durch die Gitter auf den verwaisten Innenhof. Im Flur hörte ich schon den Roboter, der das Frühstück verteilte. Ich stellte mich an die Tür, wartete, dass sich die Klappe öffnete und lugte über das Tablett hinweg hinaus. Kein Zeichen von Leben auf dem Flur. Wie immer. Der Roboter reichte mir das Tablett. “Guten Appetit!”

Ich nahm das Tablett, stellte es auf den Tisch, aß ein paar Happen, stand dann reglos mitten im Zimmer und wartete, bis die Wand  aufging. Der 3D-Simulator fuhr aus, die Tür öffnete sich. Ich stieg hinein. Der Sessel fuhr aus, ich setzte mich. Ich wählte wie immer das Programm ‘Virtuelle Reisen’, wie immer ‘Alleinreisend’. Dann ‘Segelboot’, ‘Pazifik’, ‘Zufällige Koordinaten’, ‘Zufällige Wetterverhältnisse’ und ‘Ohne Steuerautomatik’. 

Wie immer knotete ich mich gleich am Anker fest und sprang vom Bug ins Meer. Der Anker riss mich mit in die Tiefe, Mit jedem Meter wurde es dunkler und kälter. Bald schon erste Zeichen von Sauerstoffmangel, das Adrenalin schoss mir ins Blut, der Körper inszenierte die übliche Panikreaktion. Ich blieb ganz ruhig, auf das Gefühl des Sinkens fokussiert. Schließlich verlor ich das Bewusstsein und trat aus dem Körper in den Geist. 

Elisa und mein Vater begrüßten mich, wir spazierten eine Weile den ewigen Fluss entlang. Dann flogen wir flussaufwärts zur Quelle, tauchten ein, verloren uns, tauchten wieder auf, fanden uns wieder. Elisa brachte uns in eine neue Welt. In eine Welt im Bau vielmehr, noch war sie nicht bewohnt, noch flossen die Ideen ein. Es war ihre Welt, ich erkannte es sofort. Das Prinzip der Harmonie stand im Vordergrund, Wachstum zur Blüte hin. Inspiriertes Herz, Einzigartigkeit der Entfaltung. Was hier einmal leben würde, würde unvergleichlich sein und immer bleiben. Weil es sich auf seine eigene, unverwechselbare Art stetig neu erfinden würde. Eine Künstlerwelt, aber weiblicher Natur. Kein Glasperlenspiel, keine ätherischen Sphären geistiger Klarheit, sondern Schöpfung des Herzens, Spiele der Liebe, der Form zugewandt, in der Schönheit zuhause. 

“Ihre virtuelle Reise endet in zwei MInuten”, hörte ich die weibliche Computerstimme ankündigen. Ich verabschiedete mich. trat zurück in den Körper und schlüpfte aus der Maschine. Die Maschine verschwand zurück in der Wand.  

Ich legte mich erschöpft ins Bett. Jedes virtuelle Ertrinken schwächte die physische Lebenskraft. Es ging natürlich keine Kraft verloren, das geht sie ja nie, die Kraft verlagerte sich bloß. Ich merkte das allein schon daran, wie angenehm das virtuelle Sterben geworden war, wie leicht der Übergang fiel, wie tief ich ins Geistige sank. 

Nach einer Weile ging die Wand abermals auf. Der Monitor fuhr aus. Ich stand aus dem Bett auf und setzte mich davor. 

“Guten Morgen Herr Anton. Wir wollen uns heute noch einmal Ihrer Vergangenheit widmen. Bitte nennen Sie die drei einschneidendsten Erlebnisse Ihres Lebens.”

“Eins:Die Geburt meiner Tochter.”, sagte ich nach kurzem Nachdenken. 

Dann zögerte ich kurz. “Einschneidend”, das klang nach scharfer Klinge und Blut, nach Wunde und Trauma. Ich fragte vorsichtshalber nach. 

“Hier einige Synonyme für den Begriff “Einschneidend”: Tiefgreifend. Wegweisend. Prägend.”

“Okay”, sagte ich, “dann habe ich es richtig verstanden”, korrigiere meine Antwort aber trotzdem: 

“Erstens: Meine Tochter zum ersten Mal im Arm zu halten.”   

“Das kann ich mir vorstellen”, lächelte die AI. 

“Zweitens: der Selbstmord meiner Tochter.”

Abermals kam ich ins Nachdenken, auch das schien mir eigentlich nicht korrekt. Ich war schließlich nicht einmal zugegen gewesen, hatte nicht einmal ein genaues Bild dazu im Kopf. “In der Leichenhalle ihre kalte Hand zu halten”, korrigierte ich.

PTA 47 senkte den Blick, nickte fast unmerklich, ein Moment schweigenden Mitgefühls. Simulierten schweigenden Mitgefühls, versteht sich. PTA 47 war der Psychotherapeut unter den humanoiden Robotern im “Gesundheitszentrum”. Tiefenspsychologisch programmiert. Daher auch das simulierte Interesse an meiner Lebensgeschichte.

“Drittens: Meinen Vater tot aufzufinden.”

Auch das stimmte so eigentlich nicht. Als ich unter Deck gegangen war und ihn reglos in seiner Koje hatte liegen sehen, hatte ich ja nicht gedacht: “Mein Vater ist tot.” Sondern versucht, ihn wachzurütteln, ihn wach zu schreien. Aber vergebens. Und so war ich zurück an Deck gerannt und hatte in Windeseile die Küstenwache alarmiert, den Anker gelichtet, den Motor angelassen und das Boot mit durchgedrücktem Gashebel zurück in den Hafen gelenkt. 

“Die Krebsdiagnose meines Vaters”, korrigierte ich. 

Ich hatte mit im Sprechzimmer gesessen. Und war in dem Moment zum ersten Mal in meinem Leben in mir zusammengesunken. Ich muss damals 12 gewesen sein. 

“Die zwei Jahre mit meinem sterbenden Vater”, korrigierte ich kurz darauf abermals.

Vor allem die Wochenenden auf dem Boot. Sein Wunsch, mir die Liebe zum Segeln zu vermitteln. Die Liebe zum Ozean. Seiner Weite. Und Tiefe. Die Liebe zur Freiheit dort draußen. Zur Unberechenbarkeit, die zur Freiheit gehört. Zur Unberechenbarkeit des Windes, der Wellen, der Strömungen, des Himmels. Zur ständig lauernden Gefahr,  zur täglichen Herausforderung und Anstrengung, zur Verantwortung füreinander. Und die Liebe zur Ruhe nach jedem Sturm, für das Glitzern des Wassers in der Morgensonne, für die Seevögel, die uns jeden Tag besuchen kamen, für die Gruppen von Delfinen, die uns hier und da eine Weile lang begleiteten. Für den nächtlichen Blick hinauf zum Sternenhimmel. Für jeden Sonnenauf- und -untergang am unendlichen Horizont. Und nicht zu vergessen. Die Liebe für das Boot. Bis in die kleinste Batterie, bis in die hinterste Dichtung, bis in die letzte Schraube hinein. Mein Vater zeigte und erklärte mir das alles nicht nur, sondern ließ mich auch überall selbst Hand anlegen, bis er sicher war, dass ich nicht nur das Segeln beherrschte, sondern auch das Boot kannte, es fühlte, ihm die nötige Pflege und Wartung zukommen ließ und jede anfallende Reparatur eigenständig durchzuführen in der Lage war. Die Tage waren dem Boot gewidmet, das einmal mir gehören sollte. Die Abende aber galten meinem geistigen Erbe. Was mir besonders in Erinnerung geblieben ist: die Geschichten aus seiner Kindheit. Die schönen frühen Erinnerungen. Bis zur Machtübernahme Pinochets, der Ermordung Allendes, der Verhaftung seiner Eltern. Mich beeindruckte vor allem sein grundsätzlicher Blick auf das Leben, der seine Geschichten durchzog. Mein Vater verstand die Welt und auch die Menschheit als Einheit. An persönliches Schicksal glaubte er nicht. “Mein Krebs ist nicht mein Krebs”, sagte er oft. “Was einem Menschen widerfährt, widerfährt unweigerlich allen Menschen. Jeder einzelne erlebt und trägt das Leben jedes anderern mit.” 

Auf seinen Grabstein ließ mein Vater sich einen Auszug aus Allendes letzter Rede eingravieren: „Arbeiter meines Vaterlandes: Ich vertraue auf Chile und sein Schicksal. Andere werden diesen grauen und bitteren Moment, in dem der Verrat die Oberhand gewinnen will, überwinden. Seid weiterhin im Wissen, dass sich viel früher als später die großen Wege wieder öffnen werden, auf denen freie Menschen wandeln werden, um eine bessere Gesellschaft aufzubauen…“  

“Es muss eine schlimme Zeit gewesen sein”, simulierte  PTA 47 abermals Mitgefühl.

“Unsere Zeit ist um”, sagte der Roboter schließlich. “Auf Wiedersehen, Herr Anton.”

PDA 47 verschwand vom Bildschirm, LFP 6 erschien. LFP 6 hatte mich seit der Inhaftierung hier begleitet. Und war als leitender forensischer Psychiater maßgeblich dafür verantwortlich, dass ich immer noch hier war.

“Ist die Wut noch da, Herr Anton?”

“Nein.” 

“Aber auf bestimmte Menschen schon noch, oder?”

LFP 6 bezog sich natürlich auf den eigentlichen Grund meiner Inhaftierung. Elisas Lehrer hatten sich bedroht gefühlt, ihre Mitschüler, einige ihrer Freundinnen und Freunde. Und selbst ihre Mutter. 

“Nicht mehr”, sagte ich. “In den Wochen nach Elisas Tod suchte ich noch Schuldige, da brauchte ich die Wut noch. Als Puffer. Den reinen Schmerz habe ich erst hier gefühlt. Allein in meiner Zelle. In dem Moment ist alle Wut verpufft.”   

Es stimmte tatsächlich. Es stimmt grundsätzlich, denke ich. Zunächst ist Schmerz einschneidend. Letztlich aber erweist er sich als herausschneidend. Das Leben als großer Chirurg, als Anatom vielmehr, der heimlich dein Wesen seziert. Leben als Weg des Tao: Immer mehr von dir fällt weg, immer weniger von dir ist hier: Du selbst wirst aus der Welt herausgeschnitten. Was dann noch übrig ist von dir, das ist deine Wirklichkeit.

“Und Haben Sie noch Schuldgefühle, Anton?”

“Nein, eigentlich nicht.” 

“Eigentlich?”

“Schuld, aber ohne Selbstanklage. Verantwortung. Aber im Sinne unvermeidlicher Verfehlung. Ich war mit 14 schlimmer dran als Elisa. Eine Mutter gab es nie. Und als mein Vater starb, kam ich ins Heim. Trotzdem, sagt mein Herz, hättest du da sein müssen für deine Tochter. Ich weiß das auch. Ich wusste es auch damals schon. Spätestens seit unserem letzten Wiedersehen. Ich arbeitete damals in Santiago de Chile, und wir trafen uns in ihren Schulferien auf den Galapagos-Inseln. Ich kam nicht mehr an sie ran. Was mit ihr los war, sagte sie nicht. Ein Segelboot mieten wollte sie nicht. Auch nicht die Riffe entlang schnorcheln. Oder die kleineren Inseln erkunden. Sie wollte nur auf Isabela bleiben. Nur dort spazierengehen. Aber nicht etwa am Playa de Isabela oder an der Hafenpromenade, sondern immer denselben fünf Kilometer langen Pfad hinauf zur Muro de las Lágrimas, der Mauer der Tränen. Da wollte sie jeden Tag hin. Und dort den ganzen Tag lang sitzenbleiben, bis zum Sonnenuntergang.”

LFP 6  aktivierte seine automatische Suchfunkton und holte sich alle Informationen zur Mauer der Tränen ein: “Zwischen 1945 und 1959 gebaut. Aus riesigen Lavasteinen bestehend. Über 7 Meter hoch, etwa 100 Meter lang.  Gefangene einer von der Regierung auf der Insel eingerichteten Strafkolonie wurden gezwungen, große Vulkangesteine aus den Steinbrüchen herauszuschlagen und mit bloßen Händen auf den Hügel zu schleppen.  Dort mussten die halbverhungerten Männer das Unmögliche vollbringen, nämlich die riesigen Steine auch noch in die Höhe katapultieren, eine Mauer zu bilden — und das alles im Wissen,  dass der Bau einzig und allein ihrer Tortur diente.  Denn sie Mauer stand irgendwo ins Nirgendwo, einfach so mitten in der Landschaft, ohne jeden Sinn und Zweck. Die offensichtliche Zwecklosigkeit ihrer Arbeit war Teil der Tortur der Gefangenen. Erlösung brachte nur der Tod. Das Sterben aber,  das war langsam, das war schwer, das war ungeheuer qualvoll. Viele verhungerten, andere erfroren, wieder andere verbluteten an den Wunden aus den Schlägen oder wurden vom Gestein zermalmt. Viele brachen einfach tot zusammen. Fahren Sie bitte fort, Herr Anton.” 

“‘Ich höre dort oben die Schreie und Klagen der Menschen’, sagte Elisa einmal, als wir am Hafen zu Abend aßen. ‘Aber als Flüstern. Die Steine flüstern, Papa.’ Ich sah damals zwar, wie stark Elisa sich verändert hatte. Wie ernst und still sie geworden war, dass sie oft traurig drein blickte, sich in sich zurückgezogen hatte. Aber ich begriff es nicht. Weil ich das Flüstern damals selber noch nicht hörte, noch nicht hören konnte.”

“Bitte drücken Sie nun die Enter-Taste, Herr Anton. Auf Wiedersehen.”

Als ich auf Enter drückte, erschien ein weiteres humanoides AI-Gesicht auf dem Bildschirm. “Ich bin Dr. Helios 3. Das war Ihr letztes Therapiegespräch. Und die letzte psychiatrische Evaluation. Ihre Behandlung wird als Erfolg eingestuft. Aktueller Grad der Fremdgefährdung: 0,7 Prozent, Normbereich. Aktueller Grad der Eigengefährdung: 1,4 Prozent, Normbereich. Ihre Entlassung wird vorbereitet. Genauer Termin: Morgen, Montag, den 14.März, 9.15 Uhr.” 

“Ich komme morgen frei?”

Ich sah  mich schon die Klinik verlassen. Mit dem Taxi direkt zum Hafen, das Boot ausgiebig inspizieren, alle Verschleißteile, Batterien und natürlich Flüssigkeiten erneuern, Proviant kaufen und dann hoffentlich schon nächste Woche raus auf den Pazifik, weg für immer. 

“Sie kommen ins Kompetenzprogramm. Wir als Gesundheitsprogramm entlassen Sie.”

“Kompetenzprogramm, was ist das?”

“Ihr persönliches Profil an Fähigkeiten und Potentialen wird ermittelt, ein praktisches Aufgabenfeld eruiert.”

“Und wo genau komme ich da hin? Und für wie lange?” 

“Ein Ortswechsel ist nicht nötig. Die Dauer hängt davon ab, inwiefern Sie im Hinblick auf das eruierte Aufgabenfeld einer Weiterbildung bedürfen. Der etwaige Ausbau von Fähigkeiten ist noch Teil des Kompetenzprogramms.”

“Und dann, nach dem Kompetenzprogramm?”

“Erfolgt Ihre Entfaltung als freier Bürger. Aus unserer Sicht steht dem nichts mehr im Wege. Viel Erfolg, Herr Anton.”

Der Computer schaltete sich aus, der Monitor verschwand wieder in der Wand. 

Das Kompetenzprogramm dauerte nur einige Tage. Wider erwarten bestand keinerlei Interesse an meiner Laufbahn als Maschinenbau-Ingenieur.

“Ihre Kernkompetenz ist geistiger Natur”, hieß es. “Ihre Entfaltung kann vor Ort stattfinden. Der 3D-Simulator wird Ihnen von nun an Tag und Nacht zur Verfügung stehen, die zeitliche Begrenzung der virtuellen Reisen wird aufgehoben.”

Erst jetzt begriff ich: Sie wussten Bescheid. Ich ging davon aus, dass der Simulator meine geistigen Schritte verfolgte, und beschloss, ihn zu meiden. Nach dem Abendessen legte ich mich ins Bett und versuchte zum ersten Mal, ohne Hilfe des 3D-Simulators aus dem Verstand zu gelangen. Zunächst benutze ich die Bilder aus meiner Erinnerung an virtuelle Reisen. Doch so lebhaft ich mir mein Ertrinken auch vorstellte, ich kam nicht raus aus meinem Körper. Schließlich ließ ich die Imagination außer acht und fokussierte mich auf den Moment des Sterbens. “Geist hier”, suggerierte ich mir beim Einatmen. “Körper weg” beim Ausatmen. Es funktionierte. Nach einer Weile trat die physische Dimension in den Hintergrund, schließlich war sie ganz verschwunden, und ich hatte keinen Körper mehr. Vor mir die Unendlichkeit, drehte ich mich um und sah mir die Dimension, in der mein Verstandeskörper gefangen war, von außen an. Ich sah mich in meiner Zelle liegen, Dann sah ich ihre Monitore. Und lauter Kabel, die in meine Zelle führten. Offensichtlich wurden über nicht-invasive Sensoren  biometrische Daten aller Art über mich erfasst. 

“Delta: Traumloser TIefschlaf”, las ich auf einem der Monitore. 

Die Biometrik gab also nichts preis. Konnte sie ja auch nicht, der Körper blieb schließlich in dieser Dimension zurück. Samt Hirn. 

“Mentale Bewegung: 0” las ich.

“Mentale Bilder: n/o.”

“Aktueller Gedanke: n/o.”

“Gefühlsstatus: n/o.” 

Gedanken und Gefühle , Erinnerungen und Pläne konnten sie also lesen. Über meine Wirklichkeit wussten sie hingegen nichts. Sie sammelten ganz offenbar auf indirektem  Weg Daten über die geistige Welt. Was sich nach der Rückkehr als Erinnerung spiegelte, was ich mental reflektierte und dazu fühlte, das registrierten sie. Und ich sah, zu welchem Zweck sie das taten: Sie bauten an einer geistigen Landkarte. Sie erstellten eine Art Plagiat der Wirklichkeit. Aber eines, das sie kontrollierten. Eines, das Seelen für das Original hielten, in dem sie sich zuhause wähnten, derweil sie gefangen waren.

Ich rief Elisa und meinen Vater herbei und wir diskutierten meine Optionen. Eine Möglichkeit war, einfach nicht mehr zurückzukehren, jenen Körper einfach zurückzulassen. Doch das fühlte sich nicht richtig an. Und so verfolgten wir Elisas Plan: die Mauer der Tränen als Portal zu nutzen, um die physische Dimension zu manipulieren. Mittels der aus Qualen gewonnenen kosmischen Autorität der Toten mein Boot in den Hafen von Santa Isabela und mich auf den sagenumwobenen Hügel der Insel zu katapultieren.

Seither tingel ich auf dem Pazifik herum. Ohne Bordelektronik, versteht sich. So findet mich niemand. Ich navigiere, wie man es bis Anfang des 20. Jahrhunderts tat: per Kompass und Intuition. Elisa ist viel bei mir. Oft als Seevogel, manchmal als Delfin. Immer öfter aber bin ich bei ihr. Dann ist mein Körper Teil der Wirklichkeit, dann ist der Ozean der Geist, dann durchquert das Boot die zeitlose Unendlichkeit. “Wenn ich gewusst hätte, dass das möglich ist, dann hätte ich mich  nicht auf die Gleise gelegt”, sagte Elisa neulich. 

“Ich wusste es auch nicht”, erwiderte ich.  

“Jetzt wissen wir es”, sagte sie. “Und das ist gut. Von nun an reisen wir in diesem Wissen.”

Einmal im Jahr gehe ich auf Isabela an Land und besuche die Mauer der Tränen.  Heute sehe ich anders. Heute höre ich auch anders. Heute weiß ich: Allende machte Hoffnung, wo keine ist. Weil sie auch nicht nötig ist. Weil die Wirklichkeit anderswo ist.  Der Körper täuscht. Das Hirn täuscht. Die Welt täuscht. Die Welt ist die Mauer der Tränen, und ich höre ihr Klagelied in jedem Stein. Ich höre die Steine jetzt flüstern, ich höre das Leben mich rufen, ich höre die Gedanken der Toten. Sie erzählen nichts von einem Tod, sie erzählen nur vom Leben. Vom echten Leben, von freien Wesen auf den großen Wegen.

4-20 (von A bis Z)
Danke

Für alles ist gesorgt. Ich weiß, du denkst, das ist nicht so, dass es ein „Du“ gibt, das sich um alles kümmern muss, von so grundlegenden Dingen wie der Sicherung von Lebensmitteln und der Zahlung der Miete oder Hypothek bis hin zum Aufbau positiver Beziehungen zu anderen. Darum, hier nett und dort vielleicht streng zu sein, dich jedenfalls grundsätzlich so zu verhalten, wie du es für respektabel oder akzeptabel hältst. 

Aber einfach nur NEIN! Es gibt wirklich nichts, was „du“ tun kannst, außer das, was „du denkst“, dass du tust. Selbst wenn du „erkennst“, dass es kein Du gibt, hast du nichts unter Kontrolle. Nichts liegt in deiner Hand. Denn es gibt dich gar nicht.

Was auch immer du zu sehen glaubst, ist das, was du sehen sollst. Vielleicht sitzt du jetzt, da du weißt, dass es kein Du gibt, einfach nur da. Nun ja, das könnte passieren, dann ist es in Ordnung, du sitzt einfach eine Weile da. Aber wahrscheinlich wirst du dich nach einer Weile langweilen und aufstehen wollen, nicht unbedingt, aber höchstwahrscheinlich. Jetzt hast du also eine „Idee“. Hör zu, das ist nicht „deine Idee“. Du wählst deine Gedanken nicht.

Je nachdem, wo du dich in deiner Entwicklung befindest, greift die Konditionierung ein und sagt: „Das kann ich unmöglich tun“ oder „Ich würde es gerne tun, aber es ist unmöglich, so etwas steht mir nicht zu.“ Wenn es eine Idee aus dem Bewusstsein ist, kannst du darauf vertrauen, dass sie mit deinem Wohlbefinden in Einklang steht. Dann werden sich die Dinge tatsächlich fügen. Es geht nicht darum, ob sie sich auf diese oder jene Weise fügen. Es geht darum, dass du dich mit dem Bewusstseinsstrom bewegst, um dorthin zu gelangen, wohin er dich führen will. 

Du weißt nicht, wohin du gehst, weil du es nicht wissen kannst. Du gehst sowieso nirgendwo hin. Wenn du nicht weißt, wohin du gehst, wenn du es gar nicht wissen willst, kannst du dich entspannen. Du musst es einfach nicht wissen. So entsteht die Magie. Allein die Akzeptanz des Nichtwissens öffnet die Tür, die du wirklich öffnen willst. Es ist die Tür zu unbegrenzten Möglichkeiten, nicht zu Dingen, die „du“ tun, planen oder erreichen kannst. Vergiss „dich“! Es gibt kein Ich, und selbst wenn es eins gäbe, würdest du es eigenhändig verbrennen, wenn du sehen könntest, woraus es gemacht ist.

Was passiert also in meinem Traum? Ich arbeite wieder im Casino. Vorgestern Abend lag ich einfach im Bett und machte Atemübungen. Aus irgendeinem Grund machte ich einfach ewig weiter. Alle Gedanken hörten endlich auf, und der Fokus auf das Gefühl, das die Atmung erzeugte, war alles, was blieb. Dann bin ich für ein paar Stunden eingeschlafen, und das war das Ende meines Schlafs für diese Nacht. Ich bin um drei Uhr morgens aufgewacht und habe den Rest der Nacht meinen Traum des Hierseins genossen. 

Um sechs Uhr morgens bin ich mit meinem ältesten Sohn ins Fitnessstudio gegangen und habe vier Stunden lang Basketbälle für ihn unter dem Korb gefangen und war kein bisschen müde. Dann sind wir nach Hause. Ich habe Smoothies und Mittagessen für alle zubereitet. Danach habe ich ein 45-minütiges Nickerchen gemacht, es sollte länger dauern, aber meine Tochter hat angerufen und gesagt, sie sei bereit nach Hause zu kommen, also habe ich angefangen, nach Flugtickets zu suchen. Danach bin ich joggen und mit dem Hund spazieren gegangen. Der Tag war warm, die Sonne schien, ich war dankbar für meinen Körper, für die Art, in der er sich bewegen kann. 

Die ganze Welt fühlte sich einfach so gut an. Ich vergesse die unbezahlten Rechnungen, all die Schulden nach der Arbeitslosigkeit. Hör zu, es gibt sowieso keine Rechnungen, nur eine weitere dumme Erscheinung im kollektiven Traum. Dann ging ich zur Arbeit, ohne mich um irgendetwas zu sorgen. Ich fahre zur Arbeit und sehe ab und zu den Himmel und beobachte die Flüge der Vögel über mir. Ich weine, ich bin so glücklich, ich liebe diese Liebe, die alles ist, was es wirklich gibt. Ich habe meine ganze Schicht gearbeitet, das Trinkgeld war normal, nichts Übertriebenes, genau das, was ich zum Leben brauche, alles gut. 

Gegen Ende der Nacht macht sich die Erschöpfung breit, ich schaffe es nach Hause und schlafe sofort ein, da mein Kopf ins Kissen sinkt. Ich wache nach fünf Stunden Schlaf auf, bereit für einen neuen Tag, erneuert und erfrischt. Kein Haar scheint fehl am Platz zu sein, nur Entspannung, so weit das Auge reicht. Ein weiterer typischer Tag im Leben dieser gewöhnlichen Traumfigur, ein Leben, das sich oberflächlich betrachtet kaum von anderen unterscheidet. 

Nur im Inneren mag es sich unterscheiden. Da bin ich jeden Moment so unendlcih dankbar für die einfachsten Dinge. Wie wieder joggen und spazieren gehen zu können. Oder, hier in diesem Schlafzimmer zu sitzen und zu schreiben.

Das Geräusch von fallendem Regen

Mein Großvater verbrachte die letzten Jahre seines Lebens damit, Vögel zu beobachten. Er saß stundenlang auf der Veranda, ein Fernglas in seinem schlaffen Griff, und starrte in die alte Eiche vor dem Haus. Anfangs versuchte ich, mitzumachen. “Was ist das für einer?”, fragte ich und zeigte auf einen graubraunen Fleck, der von Ast zu Ast hüpfte. “Ein Buchfink? Eine Heckenbraunelle?”

Er legte das Fernglas ab und sah mich an. Seine Augen waren klar, ohne die Trübung des Alters, die ich erwartet hatte. “Es ist ein kleiner Vogel”, sagte er. “Er hat Hunger. Jetzt frisst er einen Käfer.”

Ich verstand es nicht. Mein Großvater war Ornithologe gewesen. Er hatte Bücher über die Brutgewohnheiten seltener Arten geschrieben. Er konnte jeden Vogel am Gesang erkennen. Jetzt weigerte er sich, sie zu benennen. Er hatte sein ganzes “Wissen” einfach abgelegt wie einen alten Mantel. Ich dachte, es wäre die beginnende Senilität. Heute weiß ich, es war das genaue Gegenteil. Es war Klarheit.

Diese Erinnerung kam mir neulich wieder, als ich im Stau stand. Es war einer dieser Tage. Ein geplatzter Termin, ein dummer Streit am Telefon, und jetzt das hier. Stillstand. Um mich herum ein Orchester der Ungeduld. Hupen, aufheulende Motoren, Gesichter hinter Glas, verzerrt von Frust. Mein eigenes Gesicht gehörte dazu. Ich spürte den Druck in meiner Brust, den unwillkürlichen Drang, irgendetwas tun zu müssen. Aufs Lenkrad schlagen. Fluchen. Das Radio lauter drehen.

Mein Verstand, dieser unermüdliche Kommentator, lief auf Hochtouren. Er bewertete alles. Dieser Idiot da vorne blockiert alles. Warum kann ich nicht einmal pünktlich sein? Mein Leben ist eine Aneinanderreihung von solchen Momenten. Ich bin ein Versager im Stau des Lebens. Es war ein ganzes System von Überzeugungen, das sich zwischen mich und die Realität schob. Die Realität war simpel: Autos standen auf einer Straße. Mein Verstand aber schuf daraus eine persönliche Tragödie.

In diesem Moment dachte ich an meinen Großvater. Was würde er jetzt tun? Er würde nicht die Automarken identifizieren oder die Fahrer verurteilen. Er würde einfach nur schauen.

Ich versuchte es. Ich hörte auf, die Situation zu benennen. Es war kein “Stau” mehr. Es war nur das, was war. Ich sah das rote Licht des Bremslichts vor mir. Es war nicht “ärgerlich”, es war einfach nur rot. Ein sattes, tiefes Rot, das sich in einer Pfütze auf dem Asphalt spiegelte. Ich hörte das Geräusch eines Motors. Es war kein “nervtötendes Dröhnen”, es war eine Vibration in einer bestimmten Frequenz. Ein tiefes Brummen.

Plötzlich bemerkte ich Dinge, die vorher im Lärm meiner eigenen Bewertung untergegangen waren. Ein Aufkleber auf der Heckscheibe vor mir, eine lachende Sonne, deren Farben schon ganz verblichen waren. Der Rhythmus des Scheibenwischers eines anderen Autos, ein unregelmäßiges Tak-Tak-Tak. Und dann fing es an zu regnen.

Mein erster Impuls, meine Konditionierung, war: Na toll, jetzt auch das noch. Aber ich zwang mich, dabei zu bleiben. Nur wahrnehmen. Ich sah, wie die ersten Tropfen auf meine Windschutzscheibe trafen. Sie waren keine “Störung”. Sie waren klare, kleine Linsen, die für einen Augenblick die Welt dahinter verzerrten und dann zerflossen. Ich hörte das Geräusch, das sie machten. Ein leises, unendlich komplexes Prasseln. Jeder Tropfen ein eigener Ton. Es war kein “schlechtes Wetter”. Es war das Geräusch von fallendem Regen.

In diesem Moment löste sich der Druck in meiner Brust. Nicht weil der Stau sich auflöste, er tat es nicht. Sondern weil ich aufgehört hatte, gegen die Realität zu kämpfen. Ich hatte aufgehört, ihr meine Geschichte, meine Interpretation, meine Konditionierung überzustülpen. Die Lüge war nicht der Stau. Die Lüge war meine Überzeugung, dass der Stau etwas war, das mir persönlich geschah, etwas, das bewertet und bekämpft werden musste.

Indem ich die Lüge aufdeckte, tat ich nichts. Ich zog mich zurück und erlaubte der Realität, sich selbst zu zeigen. Und sie war weder gut noch schlecht. Sie war einfach nur da. Rot. Brummen. Tak-Tak-Tak. Prasseln.

Ich frage mich, wie eine Gesellschaft aussehen würde, die so lebt. Eine Gesellschaft, die aufhört, alles und jeden zu benennen, zu kategorisieren, zu bewerten. Eine Gesellschaft ohne die Autorität des “Wissens”, das uns sagt, was ein “Problem” ist, was “Erfolg” ist, wer “Freund” und wer “Feind” ist. Vielleicht wäre sie stiller. Vielleicht würden wir aufhören, uns gegenseitig unsere Interpretationen wie Waffen um die Ohren zu schlagen. Vielleicht würden wir einfach nur dasitzen, das Rot der Bremslichter betrachten und dem Geräusch von fallendem Regen lauschen. Zusammen.

Das Gesetz kennt nur ein Gebot: Befolge das Gesetz

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Die Kunst des Wegnehmens

Es gibt Denker, die bauen Kathedralen aus Begriffen.
Sie setzen Stein auf Stein, nennen das Fundament „Wahrheit“ und das Dach „Erkenntnis“.
Sie sagen: So ist es, so war es, so wird es sein.
Und ihre Stimmen klingen fest wie Glocken über einem geordneten Platz.
Doch irgendwo, am Rand dieser Plätze, steht einer ohne Bauplan.
Er trägt keinen Grundriss bei sich, kein Versprechen, kein endgültiges Wort.
Er sagt nicht, was ist. Er fragt nur: Was ist es nicht?
Und mit dieser Frage beginnt er zu lösen.
Er löst das Etikett vom Ding. Er löst die Deutung vom Ereignis.
Er löst die Geschichte vom Schmerz. Er löst das „So ist das eben“ vom Atem.

Er ist kein Architekt, er ist der Wind.
Er trägt keine Wahrheit herbei er nimmt nur das Fort,
was sich wie Staub auf die Wirklichkeit gelegt hat.
Er sagt: Das bist nicht du, das ist nicht die Welt.
Das ist nicht das, was du unmittelbar siehst.

Und jedes „Nicht“ ist wie ein leises Aufatmen unter einer schweren Decke.
Die positive Philosophie liebt das Licht der Definition.
Sie hält es hoch wie eine Fackel in einem dunklen Raum und ruft: Hier ist die Wirklichkeit!

Die negative Philosophie bläst die Fackel aus.
Nicht aus Trotz und nicht aus Nihilismus.
Sondern aus Vertrauen. Sie vertraut darauf, dass die Dunkelheit keine Feindin ist.
Dass die Augen sehen können, wenn sie nicht geblendet werden von zu viel Erklärung.
Sie sagt: Du brauchst keinen Dolmetscher zwischen dir und dem, was geschieht.
Du brauchst nur den Mut, die Stimmen zu erkennen, die ständig sprechen.
Die Stimme der Erziehung, die Stimme der Institution.
Die Stimme des „Man weiß doch“, die Stimme des rationalen Richters,
der jedes Erleben sofort bewertet und katalogisiert.

Die negative Philosophie ist keine Lehre.
Sie ist ein Abtragen. Sie nimmt Schicht um Schicht
von dem, was sich zwischen dich und die Welt geschoben hat.
Sie sagt nicht: Die Welt ist so.
Sie sagt: Das, was du für die Welt hältst, ist vielleicht nur deine Gewohnheit.
Und wenn sie alles entfernt hat, die Urteile, die Begriffe, die vermeintliche Gewissheit
dann tut sie nichts mehr.
Sie tritt zurück in Würde, still und heimlich.
Sie überlässt die Bühne dem, was ohnehin da war.
Keine Interpretation, kein Anspruch.
Keine Autorität, sondern nur das Unmittelbare.

Ein Baum, der nicht „Baum“ heißen muss, um zu stehen.
Ein Schmerz, der nicht „Störung“ heißen muss, um gefühlt zu werden.
Ein Mensch, der nicht definiert werden muss, um zu sein.
Vielleicht ist negative Philosophie kein Denken, sondern ein Entlernen.
Kein System, sondern eine Befreiung vom System.
Sie ist kein Nein zur Welt.
Sie ist ein Nein zu all dem, was sich als Welt ausgibt.
Und in diesem Nein öffnet sich etwas Ungewohntes.

Ein Raum ohne Kommentar, ein Blick ohne Urteil.
Ein Sein ohne Etikett.
Dort beginnt nichts Neues. Dort fällt nur etwas fort.
Und vielleicht ist Wahrheit kein Satz.
Vielleicht ist sie das, was übrig bleibt,
wenn niemand mehr behauptet, sie zu besitzen.

Die Stadt ohne Spiegel

In einem Tal, das niemand auf einer Karte fand, lag eine Stadt, die nicht nach Vergangenheit roch und nicht von Zukunft träumte. Die Häuser waren schlicht, als hätten sie nie den Drang verspürt, sich zu schmücken. Die Straßen bogen sich nicht, sie liefen einfach, als hätten sie keine Meinung darüber, wohin sie führen sollten.

Die Menschen dort hatten aufgehört, über ihr Leben zu urteilen. Sie kannten keine Ambitionen, keine Pläne, keinen Wettbewerb. Sie wussten nicht, was „gut“ oder „schlecht“ bedeutete, und das war keine Tragödie, sondern ein Zustand leisen Friedens. Fragen wie „Was soll ich werden?“ oder „Was bedeutet das?“ hörte man nur selten, und wenn, dann nur wie ein ferner Echo aus einem anderen, lauten Land.

Elara war eine von ihnen. Sie ging morgens hinaus, um die Luft zu atmen, und zuckte die Schultern, wenn der Wind kühl oder warm war. Sie lernte nicht, die Welt zu verstehen, sondern spürte sie. Wenn ein Vogel sang, hörte sie nicht die Symbolik oder die Wissenschaft, sondern lauschte einfach. Wenn Regen fiel, nannte sie ihn nicht „schön“ oder „lästig“, sie spürte ihn nur auf ihrer Haut, und das reichte.

Die Menschen dieser Stadt stritten nie. Es gab keine Ideologien, weil niemand das Bedürfnis verspürte, zu rechtfertigen, zu erklären oder zu kontrollieren. Wenn ein Nachbar einen Apfel stahl, zuckte niemand mit den Schultern, um Gleichgültigkeit zu zeigen – sie zuckten nur wirklich, als wäre es ein Detail in einem unendlichen Gemälde, das niemand vervollständigen musste.

Doch die Stadt war kein Ort der Leere. Sie war lebendig auf eine Art, die andere nicht kannten. Ohne das Filterglas der Interpretation sahen die Bewohner die Welt in ihrer ungeschönten Fülle: ein Stein war nicht „nutzlos“, ein Baum nicht „schön“, und ein Kind nicht „zukunftsorientiert“. Alles war einfach da, und die Menschen lernten, es zu berühren, ohne es besitzen zu wollen, zu hören, ohne es analysieren zu müssen, zu lieben, ohne es zu beanspruchen.

Eines Tages kam ein Reisender in die Stadt, ein Mann aus dem Land der Spiegel, wo jeder alles deutete, bewertete und kontrollierte. Er beobachtete die Menschen, wie sie sich über die Straßen bewegten, ohne Eile und ohne Sorgen. „Wie könnt ihr so leben?“ fragte er. „Ihr habt kein Wissen, keine Pläne, keine Ambitionen!“

Ein alter Mann lächelte, seine Augen glitzerten wie Tau auf Blättern. „Wir haben aufgehört, zu glauben, dass die Welt uns etwas schuldet. Wir haben aufgehört, uns selbst zu schulden. Wir nehmen nur das, was ist, und lassen es sein.“

Der Reisende konnte nicht verstehen. In seinem Herzen pochte die Angst vor dem Unbekannten, die Notwendigkeit, zu interpretieren, zu kategorisieren, zu verstehen. Doch er spürte auch etwas, das er lange vergessen hatte: Ruhe. In dieser Stadt ohne Spiegel erkannte er, dass man die Welt nicht formen muss, um in ihr zu leben. Dass die Realität nicht wartet, bis man sie versteht. Dass das Leben selbst genügt, wenn man nicht ständig versucht, es zu kontrollieren.

Nach Monaten in der Stadt ging der Reisende zurück in seine Welt. Er trug keine Bücher, keine Theorien, keine Lektionen. Nur eine leichte Schulter, die wusste, wie es sich anfühlt, loszulassen. Und manchmal, wenn er in die Hektik der Spiegelstadt zurückkehrte, spürte er die Erinnerung: Dass es möglich ist, zu existieren, ohne zu bewerten. Dass die Welt schön ist, nicht weil man sie versteht, sondern weil sie einfach ist.

Und irgendwo, tief in ihm, begann ein achselzuckendes Lächeln zu wachsen.

Die Tauben haben Hunger

Schon den ganzen Tag knurrt mir der Magen. Nur scheint der Körper alles satt zu haben, was ich ihm anzubieten habe. Ich öffne den Kühlschrank, die Tiefkühltruhe, die Hängeschränke und jede einzelne Schublade, aber nirgends bleibt der Blick haften, nirgends schnellt die Hand empor, nichts scheint genehm. Dabei gehe ich im Kopf sogar die Lebensmittel durch, die normalerweise vorhanden sind, aber gerade fehlen, ich könnte sie ja kaufen gehen. Aber auch das löst kein Echo aus. Jedenfalls kein positives. Aversion vielmehr, Überdruss, hier und da sogar Ekel. Es ist, als habe der Körper alles Alte, alles Bekannte, einfach bis oben hin satt. Als würde er lieber verhungern, als auch nur in Betracht zu ziehen, es noch einmal zu essen. 

Ich setzte mich an den Küchentisch. So muss es dem Buddha gegangen sein, als er sein prinzliches Dasein hinter sich ließ. Vom Gemüt her muss es ihm so ergangen sein. Vom Gemüt her kenne ich es natürlich auch. Wenn ich es Lea zu erklären versuchte, nannte ich es immer “das schwarze Loch der Seele”. Lea sah es anders: “Du bist teilweise autistisch. Und nekrophil!” Sie druckte sogar ein Zitat Erich Fromms aus und klebte es in unserer gemeinsamen Wohnung auf den Kühlschrank. Von Menschen mit nekrophil-destruktiver Orientierung war da die Rede, von einer Kraft, die darauf aus ist, alles Lebendige in tote Materie zu verwandeln. Unter dem Zitat stand handgeschrieben: “Das Leben ist schön, Max. Ich liebe dich. Deine Lea”

Eine neue Frau kommt für mich nicht in Frage. Sexueller Appetit taucht hier und da auf, das schon. Auch Sehnsucht nach Vertrautheit, nach enger Vertrautheit. Nach einem flüchtigen Kuss auf die Stirn am Morgen, nach einem wortlosen zärtlichen Blick zum Abschied. Aber was Frauen im Gegenzug wollen, das kann ich nicht geben. Nicht dauerhaft. Dauerhaft schlafe ich viel lieber allein. Dauerhaft trinke ich auch meinen Kaffee lieber allein. Ich bin überhaupt lieber allein. Und Frauen eben nicht. Damals zog ich mir den Schuh noch an und ließ mich sogar auf eine tiefenpsychologische Behandlung bei Leas Kollegen ein. Ganze zwei Jahre lang arbeitete ich an meiner ‚Beziehungsfähigkeit‘. Bis mich nicht mehr störte, was mich eigentlich stört. Bis ich selbst glaubte, dass ich gern Hand in Hand durch die Stadt lief, dass ich gern Arm in Arm einschlief. Fast ein Jahrzehnt lang roch ich nach einer Frau, nach dem Lavendelduft blümchenbestickter Bettwäsche,  nach Givenchy und Vanillieseife, nach Möse und Östrogen, nach Müsli und Selleriesaft, nach gebratenem Tofu mit frischem Salat. Fast ein Jahrzehnt lang küsste ich im Mondlicht und sagte dazu „Ich liebe dich“, fast ein Jahrzehnt lang verleugnete ich den Buddha in mir. 

Ich sitze am Küchentisch. Abermals höre ich meinen Magen knurren und spüre den Hunger dazu. Ich gehe im Geiste die Speisekarten der Imbisse und Restaurants im näheren Umkreis durch. Pizza, Döner, Gyros, Currywurst, Ente süßsauer, Pad Thai, Pho, Sushi, sogar Wagyu – mein Körper lehnt alles ab. Mein Blick schweift noch einmal in der Küche umher, bleibt an dem Zettel haften, der auf dem Kühlschrank klebt, den keine Frau öffnet, ein Zitat von Stefan Zweig: “Es ist vielleicht das einzige Stück Freiheit, das man sein ganzes Leben ununterbrochen besitzt: Die Freiheit, das Leben wegzuwerfen.” Jetzt reagiert der Körper, offenbar schüttelt er Endorphine aus, mir wird ganz warm ums Herz. Der Buddha in mir lacht. Ich greife zum Schlüssel und laufe aus der Wohnung ins Freie. 

Es ist ein Geheimnis, das den Biophilen verborgen bleibt, denke ich mir, da ich ziellos durch die Straßen laufe: Das schwarze Loch der Seele ist gar nicht schwarz. Es herrscht keine Dunkelheit dort drin. Bloß Klarheit. Grenzenlose Klarheit. Als Lea mich damals verließ, da fing die große Reise an. Der Anfang war in der Tat dunkel, schmerzhaft, schwer. Das ist er, glaube ich, immer. Allein schon von den Knoten her, die als Schmerzen daherkommen, wenn du erstmals innerlich alles hinwirfst. Kolikartige Schmerzen sind da völlig normal. Bis nichts mehr bleibt als der Atem selbst, das dauert. Bis dahin fällt Loslassen noch schwer, da tut Abschied noch weh. Ich hatte Glück, mich zog es ganz hinein ins Loch, ich fiel ganz in den dunklen Abgrund. Jahrelang fiel ich. Bis in die grenzenlose Klarheit hinein, bis ins Satori. Da bleibst du dann. Wochen, Monate, Jahre. Für immer, denkst du.  Aber nichts ist für immer.  Irgendwann fällst du zurück ins Bewustsein. Dann denkt es dich wieder, dann zwickt es dich wieder, dann scheint es dir wieder, als liefest du durch Raum und Zeit. 

Ich stehe auf dem Bahnhofsvorplatz und beobachte eine alte Dame beim Taubenfüttern. Als ihr die Handtasche runterfällt, weil sie mit beiden Armen die Tauben abwehren muss, die in dem Versuch, das Futter im Flug direkt aus der Tüte zu klauen, hektisch mit den Flügeln schlagen, eile ich ihr zu Hilfe. “Danke”, sagt sie und lacht, “seit 30 Jahren geht das so. Und es werden immer mehr. Viele Brieftaubenzüchter lassen ihre Tauben einfach frei, wenn sie wegziehen oder wenn plötzlich das Geld fehlt oder sie einfach keine Lust mehr auf ihr Hobby haben. Gezüchtete Tauben kommen aber nicht zurecht in Freiheit, die haben nie gelernt, in Freiheit zu leben. Daher warten sie hier auf mich, jeden Tag. Und was macht die Stadt? Verbietet das Taubenfüttern. Was macht die Polizei? Zeigt mich an. Nicht mal der Tierschutzverein hilft. Und die Passanten schütteln nur die Köpfe. Manche beschimpfen mich sogar.” 

Biophilie hat auch ihren Preis, die Liebe zum Leben ist auch ein Kreuz, denke ich mir und reiche ihr 20 Euro.
“Oh, danke!”, sagt sie. “Ich bin mit dem Helfer-Syndrom geboren”, lächelt sie fast entschuldigend, “da kann man nichts machen…”
Ein Engel, denke ich mir, da sie sich wieder ganz den Tauben widmet, sorgsam bedacht, die Körner gerecht zu verteilen, während sie liebevoll mit ihnen spricht.  Ein Bodhisattva, ein Buddha der Liebe, allein auf weiter Flur in ihrem Kampf gegen die Gleichgültigkeit, in ihrem einsamen Ringen für eine bessere Welt. Genauso einsam und allein wie ich. Genauso fremd unter den Menschen, genauso verloren in der Grenzenlosigkeit. Nur anders gefunden, im Herzen zuhause, im grenzenlosen Mitgefühl.

Ich gehe durch die Bahnhofshalle runter zum Fluss und setze mich auf die Ufertreppe. Mir wird kurz schwarz vor Augen. Ich muss etwas essen. Aber ich versteh schon. Mein Körper redet nicht, er spiegelt nur. Er spiegelt nur, was ich tief im Inneren weiß: Der Tod ist wunderbar. Immer mehr durchdringt die grenzenlose Klarheit dieser Tage das Bewusstsein. Ich merke es sogar im Schlaf. Immer mehr von mir verliert sich nachts, Immer weniger von mir wacht morgens mit im Körper auf. Als Blase aus Raum und Zeit erscheint die Welt, als Wolke am Himmel der Klarheit. Und ich bin der Horizont. Das Wenige davon, das morgens in der Wolke aufwacht, wacht dort nur ungern auf.  Es verweigert die alte Welt, das alte Leben, das Denken im Glauben an Grenzen immer entschiedener. Es will Blumen riechen, die es noch gar nicht gibt, es will Früchte schmecken, die noch nirgends wachsen, es will über Landschaften fliegen, für die noch kein Planet erschaffen ist. Es will sein, was ich noch nie gewesen bin. Sterben soll ich. Aber um des Lebens willen. Es muss nicht perfekt sein. Es muss nur fließen, und dafür muss es mit der Quelle verbunden sein. Sonst wird es wie hier, sonst wird die Welt ein Irrenhaus und das Kreuz sehr schwer und der Weg sehr hart, weil die Seele es nicht mag.  

Morgen gibt es nicht. Das neue Leben muss schon hier sein, hier irgendwo muss es sein. Der knurrende Magen ist mein Fluss. Der Engel und die Tauben sind mein Fluss. Und die Gruppe Drogenabhängiger, die sich 50 Meter weiter ans Ufer setzt. Einer winkt mir zu, ich winke zurück. Wir kennen uns schon seit der Jungend und trinken noch ab und an ein Bier zusammen. Ich verstehe ja. Sie wollen auch nicht hier sein. Niemand will hier sein. Nicht hier sein wollen ist hier Teil des Flusses. Die Traurigkeit, die Müdigkeit, der Überdruss gehören hier mit zum Fluss. Krank werden ist hier gesund. Wo dich selbst die Sonne nicht mehr wärmt, wo nur noch die Sehnsucht dich nährt, da verhungert die Seele. Dieses Verhungern gehört hier mit zum Fluss. Als dieses Verhungern soll ich hier fließen. 

Wie es dazu kam, das weiß ich nicht. Auch nicht, wie es wieder anders werden kann. Ich weiß nur, das neue Leben muss hier irgendwo sein. Und somit auch der Weg dorthin. Der Weg müssen wir sein. Anders kann es nicht sein, wir müssen der Weg sein. Wir müssen fließen. Der Hunger ist der Fluss. Der Hunger ist der Fluss.

Kinoabend

Irgendetwas zieht dich ins Kino. An der Kasse hängt das Preisschild: “Deine wahre Natur”. Du gibst sie ab und betrittst den Kinosaal. Das ist der Moment deiner Geburt. Das schreiende Baby auf der Leinwand bist du. 

Der Film zieht sich, aber das stört dich nicht, es bleibt spannend, das Kind wächst heran, entdeckt die Welt und sich selbst. Jeder Tag ist neu, jede Nacht enthüllt ein weiteres Geheimnis.

Alsbald kommt das andere Geschlecht ins Spiel, jetzt wird es noch spannender, ganz berauscht sitzt du da, der Film zieht dich jetzt ganz in seinen Bann. Erfüllung scheint möglich. Glück scheint möglich. Das Versprechen ist groß.

Doch bald zeigt sich: Das Leben ist klein. Die Sehnsucht erfüllt sich nicht, das Glück bleibt nicht. Der Mensch im Film tut dir plötzlich leid. Es wird dir schwer ums Herz, ja erstmals ist es wirklich unbehaglich, erstmals hegst du den Wunsch, den Kinosaal zu verlassen. 

Einmal versuchst du es sogar. Doch kannst du nicht aufstehen von deinem Sitz. Seither weißt du: Du bist als Zeuge an jenen Menschen gebunden. 

Der Mensch indes gibt noch nicht auf. Dir ist klar: Er wird nicht finden, was er sucht. Doch davon will er noch nichts wissen. Es ist ein seltsames Gefühl, das mitanzusehen. Es ist, als würde dieser Mensch dir immer fremder, als habet ihr nichts mehr miteinander zu tun. 

Es ist ein lebendiges Paradoxon: Du hast den Menschen aus dir heraus geboren, auf dass er in der Heimatlosigkeit die Heimat suche, derweil sie dort wartet, wo es ihn gar nicht gibt. 

Und auch dies ist paradox: Was dich in die Fremde treibt, das zieht dich gleichsam wieder in sich zurück. Nur musst du noch warten, bis der Mensch so weit ist. Bis sich der Teil von dir, der dort ist, seiner Sehnsucht ergibt.

Einige Jahre später ist es so weit: Der Mensch hat die Suche aufgegeben. Und dich im selben Moment wiedergefunden. Er hat dich gleich erkannt und freudig begrüßt. Jetzt kannst du aufstehen, jetzt verlasst ihr gemeinsam das Kino, jetzt kehrt ihr heim in eure wahre Natur. 

Dann sitzt ihr noch eine Weile gemeinsam im Kinosaal, schaut euch den Film gemeinsam zu Ende an. Der Mensch lebt nun in eurem Geiste. Das Leben plätschert noch eine Weile vor sich hin. Rundherum inszeniert die Welt das übliche Drama: Babys schreien, Orkane toben, Träume zerbrechen, tausend Tode stirbt das Herz. Dann lässt es los. 

Sammelpunkt der Verlorenen

Ich falte die Wäsche. Mein früheres Ich steht daneben und betrachtet mich kritisch.
Es: „Oh Gott.“
Zum Glück hat es die Berge aus Schmutzwäsche im Bad nicht gesehen.
Es: „Was ist das eigentlich für ein Sockenhaufen?“
Ich: „Ach, das sind die Suchenden.“
Es: „Hä?“
Ich: „Na stell dir das hier als Sammelpunkt für Socken vor, die auf tragische Weise ihren Zwilling verloren haben. Sie
sind hier und warten voller Hoffnung – und leiden natürlich.
Aber das Gute ist: Sie sind nicht allein. Sie können einander zuflüstern: ‚Das wird schon‘ oder ‚Ich bin auch da.‘“
Es: „Und wieso liegen sie hier im Wohnzimmer auf dem Sofa und nicht im Schrank?“
Ich: „Im Schrank bei den anderen glücklichen Paaren? Das ist ja, wie als Single zu einer Hochzeit zu gehen.“
Es: „Wie kannst du nur so leben?“
Ich: „Komm, setz dich mal zu mir und schließ die Augen. Ich zeige dir einen Film.“

Also gut. Film ab.

Als Schwangere beobachte ich oft naserümpfend andere Eltern.
Ich habe viele Ambitionen und eine lange Liste davon, wie eine gute Mutter zu sein hat:
Eine gute Mutter lässt sich nicht gehen.
Eine gute Mutter hält die Wohnung stets sauber und sorgt für Gemütlichkeit.
Eine gute Mutter wickelt ihr Baby in Stoffwindeln.
Eine gute Mutter stillt.
Eine gute Mutter kocht Babybrei selbst.
Eine gute Mutter ist immer auf alles vorbereitet.
Eine gute Mutter schreit nie ihr Kind an.
…
Und dann passiert das Leben.
Ein High-Need-Kind. Dann das zweite. Nächte mit bis zu sechzehn Mal Erwachen. Ein Körper, der gebraucht wird.
Immer.

Ich fühle mich, als wäre ich in kurzer Zeit um Jahrzehnte gealtert.
Solange mein Mann an der Arbeit ist, bestehe ich aus drei Menschen. Aus mir – und zwei anderen, die an mir kleben,
hängen, an mir saugen und mich ab und zu verdammt schmerzhaft beißen. Aua.

Ich habe keine Zeit zu essen. Richtig zu essen – mit Kauen und Schlucken und vielleicht sogar etwas zu trinken.
Deswegen sitze ich auf dem Klo und versuche, Backsteine aus mir zu pressen, und weine dabei, während zwei schöne Augenpaare mich taxieren.

Manchmal ist der Weg zum Supermarkt mein einziges Stück Freiheit.
Ich in Bewegung.
Ich.
Einfach nur ich.
Und nicht Quasimodo mit zwei Buckeln.
Wenn ich beim Einkaufen auf ein bekanntes Gesicht treffe, bin ich nicht mehr in der Lage, mit „gut“ zu antworten auf
die Frage, wie es uns denn geht.
Uns, uns, immer nur uns.

Ich mache mit der Hand lediglich diese Achterbahnbewegung.
Dann fehlt mir dazu die Kraft, und ich sehe das Gegenüber an und versuche, die Tränen zurückzuhalten.
Irgendwann melden sich auch keine Tränen mehr, und ich schaue das Gegenüber nur noch an, mit diesem leeren, glasigen Blick.

Manchmal stelle ich mir vor, wie es wäre, ein körperloser Geist zu sein.
Kein Hunger.
Keine Müdigkeit.
Keine Angst.
Einfach frei.

Dieser Wunsch lässt mich nicht mehr los und wird zu meinem ständigen Begleiter, bis eine Stimme in meinem Inneren sagt: Julia, es wird Zeit, etwas zu verändern.

Nach einem Klinikaufenthalt und einer Menge Seelenarchäologie musste ich einsehen, dass diese Liste nicht mal als Klopapier taugt und mein Leben dringend mehr „Hakuna Matata“ braucht.

Black.

Abspann.

Ich stehe auf und räume eine Tischdecke in den Schrank.
Es: „Bügelst du das alles nicht vorher?“
Ich (lachend): „Ach, komm her, lass dich umarmen.“

Schopenhauer

Schopenhauer erhob sich von seinem Meditationskissen. Wieder war es ihm nicht gelungen, das Denken völlig zum Schweigen zu bringen. Was, fragte er sich, wenn es darauf gar nicht ankommt? Das Erleben mentaler Stille, dachte er sich, ist schließlich auch nur eine phänomenale Erfahrung. Was, wenn man den mentalen Fluss einfach ignoriert? Was, wenn man einfach alle Erfahrung ignoriert, und sei sie noch so direkt oder subtil?

Er setzte sich zurück aufs Kissen. Diesmal konzentrierte er sich nicht auf den Atem, um den Gedankenfluss zu verlangsamen. Auch das Ziehen im Rücken ließ er links liegen. Er ließ die gesamte Zeit-Raum-Existenz links liegen.

Plötzlich war: nichts.  Und er war eins mit diesem Nichts, dieser Leere, dieser Dunkelheit und Stille. Noch im selben Moment offenbarte sich: Dieses Nichts, das er war, war voll. Es war der Grund aller Fülle. Es enthielt alle Welt.

Schopenhauer öffnete die Augen. Was er philosophisch begriffen hatte, das erlebte er jetzt: Alle Wirklichkeit war Vorstellung, alles Dasein war ein Traum. Er aber war im Realen angekommen. Sein Körper saß hier in Zeit und Raum, er aber war in jener Leere aufgelöst – die sich zu einer unermesslichen Fülle ausbreitete.

Bis zu diesem Moment hatte es geschienen, als ob sein Bewusstsein im Feld des Relativen verankert gewesen sei. Doch dieser Anker war nun verschwunden.  Und die Wurzel seines Wesens offenbar geworden. Seine eigentliche Wurzel. Die Wurzel seines wahren Wesens.

Schopenhauer erhob sich abermals vom Kissen. Er setzte sich an den Schreibtisch. „Sprache“, schrieb er, „versagt, wenn sie als Instrument zur Darstellung des Transzendenten dienen soll.“

Er legte den Stift zur Seite und lehnte sich zurück. Dann nahm er den Stift abermals in die Hand, besah ihn von allen Seiten, lächelte, küsste ihn. Er wusste: Das Schreiben hatte ihm gedient. Es hatte das Denken vertieft. Und das Denken hatte ihn aus dem Glauben an eine objektive Welt ins Reich des Subjektiven getrieben, bis an den Rand des relativen Bewusstseins. Und diese Arbeit war nötig gewesen, zumindest für ihn. Er hatte kraft des Denkens zunächst die Welt auflösen müssen – und dann auch sich selbst. So dass der Sprung ins Nichts im Grunde gar kein Sprung mehr war. Sondern eine ganz und gar natürliche Bewegung des Bewusstseins. Die folgerichtige Heimkehr zu seiner wahren Natur. Was er sich denkend erschlossen hatte, das realisierte er jetzt mit jeder Faser seines Wesens: Subjekt und Objekt waren eins. Und gleichsam nichts.

Wenn es aber darum ging, diesen Bewusstseinszustand zu beschreiben, dann versagte die Sprache. Der Verstand kam nicht mehr mit. Das subjektive Ich, das der Verstand verkörperte, existierte hier nicht. Hier war das Ich anderer Natur, hier war das Auge eins mit dem, was es sah. Und wusste gleichsam, dass es die Welt nur erträumte.

Und eben darin lag seine Lebendigkeit: seine zeitlose Lebendigkeit. Die Zeit war das Kind des Lebens des wahren Selbst. Das Leben als geborenes Wesen indes war das Kind der Zeit. Das wahre Selbst stand jenseits von Geburt und Tod, das wirkliche Leben war die Dauer selbst. Es war nicht abhängig von der Raum-Zeit-Mannigfaltigkeit, ganz im Gegenteil, die Mannigfaltigkeit war abhängig von ihm, das gesamte phänomenale Universum samt seinen Gesetzen war selbstauferlegte Form. Vom unsterblichen Selbst erschaffene Form, Wirklichkeit gewordene Möglichkeit, als relatives Bewusstsein Entstehen und Vergehen zu erfassen. Erträumte Wirklichkeit vielmehr, erträumte Trennung von Subjekt und Objekt. Die undurchdringliche Dunkelheit aber war die wahre Essenz jeder Trennung, jeder Form, ja des Lichts selbst.

Geborene Wesen waren ans Raum-Zeit-Feld gebunden. Sie durften von der Gebundenheit erfasst werden, sie durften Schicksal erfahren. Das aber, was sie da erfasste, das umfasste ihre wahre Essenz. Und während ihr Schicksal, ihr Leben und Sterben, in ihrer wahren Essenz enthalten war, blieb diese davon unberührt.

Schopenhauer schrieb kaum noch. Worte blieben belanglos. Die Konten waren geschlossen, die Bücher ausgeglichen, alle innere Notwendigkeit war aufgelöst. Der Körper war alt, dem Sterben nah. Das innere Feuer aber, das glühte wie nie. Manchmal fragte er sich, wie sein Leben wohl verlaufen wäre, wenn die Transformation früher stattgefunden hätte. Zweifellos bestand das höhere Glück darin, im Bewusstsein so harmonisiert zu sein, dass die tiefe Freude an der grenzenlosen Freiheit jederzeit die selbstauferlegte Form durchwirkte. Zweifellos hätte diese Harmonie ihre Früchte im Sein und Werden getragen. Aber leicht stellte er es sich nicht vor. Es war ja so schon schwer genug gewesen. Schon der negative Philosoph war den Menschen ja ein Dorn im Auge. Und jede Tiefendurchdringung der Welt zu schwer, zu viel. Er wäre wohl noch einsamer gewesen, dachte er sich. Vielleicht wäre er als Bettler verendet. Oder im Dschungel verschwunden. Jung gestorben wäre er. Die Schlangen hätten ihn verschlungen. Er hätte sich nicht gewehrt.

In seinem letzten Winter schrieb Schopenhauer seine letzten Worte: „Der Geist will hier nicht sein.“

Sichtweise

Es gibt ein Sehen der Augen,
das nicht Realismus entspricht.
Es ist das Sehen des Dünkels,
der Menschenwürde zerbricht.

Es ist das Verachten von Farben …,
die Haut, für die Dumpfen ihr Stolz.
Es ist das Errichten von Mauern,
die Fäulnis im rassischen Holz.

Es sind bei der Teilhabe Grenzen,
Behinderten achtlos gesetzt.
Es ist das Posaunen von Lügen,
des Menschen, der hassend laut hetzt.

Es ist das Horten von Reichtum,
den Ärmsten der Armen geraubt.
Es ist das Missachten der Würde,
des Krösus, der besser sich glaubt.

Es ist das Bangen des Egos,
das täglich um sich ängstlich kreist.
Es ist das Vertuschen von Unrecht,
das heuchelnd auf andere weist.

Es ist die Gewichtung der Werte,
durch Äußerlichkeiten geprägt.
Es ist eine Unsichtbarmachung,
durch Vorurteil früh grundgelegt.

Es ist Kultivieren des Hasses,
in Kindheit schon indoktriniert.
Es ist das Verwehren von Freiheit,
das zur Unterdrückung nur führt.

Es gibt ein Sehen der Augen
das nicht Realismus entspricht.
Es ist eine Stigmatisierung
mit der diese Welt niemals bricht.

Stille hinter den Worten

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Tara

“Wir sind schon als Kinder kleine Philosophen”, schreibe ich. Dann streiche ich den Satz wieder durch. “Negative Philosophen sind wie Babys”, notiere ich stattdessen. Aber auch das passt mir nicht, und so reiße ich das Blatt aus dem Notizheft und fange von vorne an. So geht es im Grunde den ganzen Tag, ob ich nun schreibe oder nicht. Ich habe keine gute Beziehung zu Worten, zu Gedanken. Der Verstand arbeitet zwar unablässig. Aber für mich ist er eine untaugliche Maschine. Was heißt untauglich, schädlich. Teufelswerk, würde ich fast sagen, wenn ich an den Teufel glaubte. Wo kommen die Gedanken eigentlich her? Wer oder was entscheidet über den nächsten Gedanken, der auftaucht? Wer oder was sorgt dafür, dass die Maschine nie stillsteht, dass ihr nie die Kraft ausgeht?

Ich mit Sicherheit nicht. Ich bin da doch eher das Baby, das sich darüber wundert, dass buchstäblich aus dem Nichts plötzlich diese merkwürdigen Gebilde vor dem mentalen Auge erscheinen. Gebilde, die ich in Laute übersetze. Die natürlich noch keinen Sinn ergeben, denn noch habe ich ihnen keinen Sinn gegeben. “Ehhh. Ohhh. Bahhh. Tata”. So ungefähr ist es für mich heute auch. Nur ist es nicht diese Prä-Sinnhaftigkeit. Ich befinde mich in der Post-Sinnhaftigkeit. Die Gebilde erscheinen als Worte und die Worte machen Sinn, aber es macht alles überhaupt keinen Sinn.

Prä-Sinnhaftigkeit bist du als Baby mit Sicherheit fasziniert von dem einsetzenden mentalen Spektakel. Post-Sinnhaftigkeit schreckst du eher zusammen. Da bist du auf der Lauer, da weißt du, was droht. Nämlich Sinn. Ein Moment der Unachtsamkeit, und plötzlich scheint es dir, als bedeute eines der mentalen Luftschlösser irgendetwas. Und dieser Schein ist wie ein Krebsgeschwür, der wuchert! Und ehe du dich versiehst, bist du kein Baby mehr, da bist du ein Kind, ein kleiner Philosoph. Der Krebs ist sofort metastasiert und umfasst alsbald dein ganzes Wesen, dein ganzes Leben. 

Mir tut das Kind unheimlich leid. Egal, wozu es heranwächst, ob es nun Mann wird oder Frau, Moslem oder Christ, Rechter oder Linker, Gewinner oder Verlierer, es bleibt ein Leben lang der Welpe, der sich selbst in den Schwanz beißt. Weil es ein Leben lang glaubt, dass der Punkt, an dem es steht, und der Punkt, an dem es seine Ziele erreicht, getrennt sind. Und umgekehrt: So sehr es auch dagegen ankämpft, das, was es nicht will, wird immer Teil dessen sein, was ist. Als Baby hast du noch an der Brust der Mutter genuckelt. Und wenn der Magen voll und es dir ganz warm ums Herz war, dann bist du zufrieden eingeschlafen. Jetzt ist der Magen nie mehr voll, jetzt ist es nie mehr warm genug, und du kannst nie wieder zufrieden sein. Und deshalb ist die Welt so, wie sie heute ist.

“Negative Philosophen sind wie Babys”, schreibe ich nun doch wieder nieder. “Kinder nehmen Babys nicht ernst. Können sie ja nicht. Was Babys an Lauten von sich geben, erscheint Kindern als zusammenhangloses Zeug.”  Das ist die Krux. Wir leben nicht in denselben Zusammenhängen. Meine eigene Frau versteht mich nicht. Und mein Sohn hält mich für irre. Dabei halte ich schon meinen Mund. Noch, wo ich zusehen muss, wie er sich unablässig selbst in den Schwanz beißt. Selbst merkt er es gar nicht. Und wo er es merkt, da macht er trotzdem weiter. Weil er meint, es müsse so sein, weil er in einer Welt lebt, die meint, es müsse so sein, weil er glaubt, es mache Sinn. Aber es muss nicht so sein und macht auch keinen Sinn. Das Selbst, das sich in der Polarität positioniert, ist schließlich nur ein Phantom. Das sich selbst erschafft, indem es Phantomen hinterherjagt. Das die Krankheit ist, vor der es davonrennt. Weil der Geist infiziert wurde, weil er selbst einst gejagt wurde, weil er selbst einst Phantomen zum Opfer fiel. 

Eigentlich müssten wir die Körper tauschen, mein Sohn und ich. Eigentlich ist er der Alte unter uns. Er hat seinen klar strukturierten Alltag, seine festen Prinzipien und Lebensziele, seine unumstößlichen Ansichten und Meinungen über Gott und die Welt. Früher war ich auch so. Dieser Tage singe ich zunehmend “Tutu” und “Tata” vor mich hin und pfeife dazu Melodien, die mir spontan in den Sinn kommen, fröhlich oder traurig, langsam oder schnell, je nach Lust und Laune. Ich laufe völlig ziellos durch die Welt, erschrocken und verwundert und immer wieder überrascht. Ich bin jünger als ich je war, ich bin als Rentner zum Baby geworden. Was fest und hart geworden war, ist wieder aufgeweicht bis in die Knochen, bis ins Mark hinein.          

“Du kannst dir im Leben nur brechen, was das Phantom an verknöcherter Substanz aufgebaut hat”, schreibe ich. Vielleicht glaube ich doch an den Teufel. Vielleicht ist der Teufel das Phantom, vielleicht ist das Phantom der Teufel. Ich sehe es doch an meinem Sohn, ich sehe seine Hybris. Nicht nur mir gegenüber. Gott gegenüber. Manchmal tut es mir leid, dass ich es so sehe. Dann blättere ich im Familienalbum nach Fotos von ihm als Säugling. Da ist das Göttliche noch sichtbar, da lacht es dich noch an. Dann verschwindet es allmählich. Und es wächst nur noch das Phantom.   

Im Schaufenster des Reisebüros hing ein riesiges Foto, schwarze Vögel an rotem Himmel über bunten Dächern, im Hintergrund das Meer.  Da wolle ich hin, erklärte ich. “Südindien.”, hieß es, “Genau die richtige Jahreszeit.”. Der Flug ist gebucht, ich werde also auf Reisen gehen.  Mit dem Rucksack ferne Länder durchqueren. Als ich es meiner Frau erzählte, schickte sie mich zum Hausarzt. Sie glaubte, mich habe der Schlag getroffen. Das CT war aber völlig in Ordnung. Mittlerweile ist sie überzeugt, es seien Depressionen, es sei Selbstmord. Morgens kocht sie mir jetzt Jasmintee. Sie hofft noch, dass ich  zur Vernunft komme. Die Sache abblase und stattdessen zum hundertsten Mal mit ihr im Wohnmobil an den Gardasee fahre. Es geht aber nicht, ich kann das nicht mehr. Weil es immer dasselbe ist. Bis hin zum Stellplatz, bis hin zu dem Schweizer Pärchen auf dem Stellplatz nebenan, bis hin zu den gemeinsamen Grillabenden, bis hin zum genauen Wortlaut der Gespräche zu Kotelett und Bier. Post-Sinnhaftigkeit verliert das Gewohnte einfach seinen Reiz. Da scheint dir das Vertraute nicht mehr vertraut, sondern absurd: So habe ich gelebt? Was um Himmels willen war los mit mir?

Ich habe nachgerechnet: 36 Jahre saß ich jeden Freitagabend ab 20 Uhr zur Skatrunde im “Zorbas”. 36 Jahre lang blieb es dieselbe Truppe, aß jeder immer dasselbe Gericht, trank jeder dieselbe Sorte Wein, dieselbe Sorte Bier. Dem Phantom ist diese Konsistenz ungeheuer wertvoll und wichtig.  Denn sie ist ihm lebensnotwendig. Konsistenz nährt das Phantom wie Muttermilch das Baby. Nur dich nährt sie nicht. Du sitzt nach 36 Jahren da und fragst dich: Wo sind jene Abende geblieben? Denn es ist dir, als seist du gar nicht dagewesen. Als hättest du gar nicht gelebt. Hast du ja auch nicht. Das Phantom hat gelebt. Letzten Herbst war ich noch einmal beim Skat. Aber nur kurz. Weil mir die Tränen kamen schon, als der Ouzo kam. Das kommt häufiger vor, manchmal zum Beispiel am Telefon mit meinem Sohn. Beim Frühstück mit meiner Frau sogar regelmäßig. Es ist schwer zu beschreiben, es ist dann, als habe ich diesen Menschen verloren. Als habe ich jeden und alles verloren. Als hätte ich nur als Phantom Substanz gehabt, als sei ich nur als Phantom Teil ihrer Welt gewesen. Und jetzt wieder unsichtbar geworden. Einfach verschwunden. Und es kümmert nur mich, die Phantome tanzen ihren Tanz einfach ohne mich weiter. Ich aber lebe allein in meinem eigenen Verschwunden Sein. 

Chennai. Koliken und Durchfall mit Fieber und Schüttelfrost. Der Hotelbesitzer will den Arzt rufen, ich winke ab. Der Alte klammert nicht mehr. Vielleicht hatte meine Frau ja Recht, denke ich: Vielleicht rief nicht das Leben, sondern der Tod. Die letzte Reise, denke ich. Manchmal werde ich zwischen den Fieberträumen wach. Dann summe ich vor mich hin. Aber nicht mehr “Tata”, sondern “Tara”. Vom Winde verweht. Der Film ist noch älter als ich. Die Musik aber, Itzhak Perlmans traurig-schöne Violine, die ist zeitlos. Die ist das Göttliche in uns, das nicht verweht. 

Tiruvannamalai. Das Taxi hält zwar vor der Ayurveda-Klinik, die der Hotelbesitzer empfohlen hat, mich aber zieht es anderswo hin. Mich zieht es zu den alten Männern in den orangenen Kutten, die überall an der Hauptstraße sitzen.  Einer erzählt mir von seinem verstorbenen Meister und will mir den Ashram zeigen. Auf den Dächern sitzen die Affen, auf dem Grund laufen Pfauen zwischen den Menschen umher. Ich fühle mich wohl und bleibe den ganzen Tag. Ich kaufe sogar ein Schwarz-Weiß-Foto und zwei Bücher des Meisters. Ramana Maharshi, ein großer Philosoph. Am Abend lese ich in meinem Zimmer weiter. In der Nacht träume ich, das Foto nimmt Farbe an, das Gesicht wird lebendig, die Augen strahlen mich an: “Du hast mich gefunden. Du bist ich. Du hast dich gefunden.”

Pondicherry. Das Foto im Schaufenster des Reisebüros hätte glatt vom Dach meines Hotels aus geschossen sein können. Ich fragte den Rezeptionisten gleich am ersten Tag, ob ich nicht eins der Zimmer dort oben auf dem Dach haben könne. Das seien keine Zimmer, es sei ein Apartment, das sei aber nur monatlich zu mieten, erwiderte er. “Okay”, sagte ich. Unter freiem Himmel mitten auf dem Dach steht der alte Schreibtisch, den ich neulich im Antikgeschäft erwarb., An dem sitze ich jetzt jeden Tag mit Blick über die Dächer der Stadt aufs Meer hinaus und schreibe. Keine Memoiren, keine Bilanz, gar nichts über mich, meine Vergangenheit, mein altes Leben. ich will nicht wieder als Phantom sichtbar werden, auch nicht über geschriebene Worte. Ich will anderswohin schreiben, ich will mich als zeitloser Klang erklingen hören. Jetzt, mit 78, will ich als post-sinnhaftes Baby mein neues Lied singen, das Leben ausklingen lassen.  

Traumschläfer

Tief im Nichts. Klänge voller Wehmut füllen Schritte meiner schweren Stiefel, Geräusche gleichen einer Teilstille dieser Nacht. Im Dreivierteltakt, Ton um Ton, wird eine Welt um mich erschaffen. Zwischen zwei Atemzügen liegt eine eisige Stille in diesem kargen Wald.

Schnee fällt nicht – er steht im Raum.
Durch diese kaltgepunktete Wand laufe ich, laufe den einzigen Weg, der mir sinnvoll erscheint.

Mein Verstand hat sich verlangsamt, um kein Zögern zu manifestieren.

„Wie – und verdammt nochmal, wo bin ich?“

…schwirrt es in meinem Kopf. Mein Blick wagt es zögerlich, in den purpurschimmernden Himmel zu blicken.

Ich falle.

Zuckerwatteartige Gebilde. Bäume. Erdschichten. Alles.

Kaninchen mit seltsamen gelben Pfoten und schwarzen Ohren huschen durch mein Sichtfeld – Laufband- eines betrübten und berauschten Clowns aus alten Tagen.

Ein Lächeln umspielt meine Lippen, als mich eine rote Nase aus weichem Material mitten auf die Stirn trifft.

„Hört ihr mich, da draußen?“

…frage ich mich, mit leiser Hoffnung im Herzen.

Ein rauchendes Knistern erfüllt mein Zwischensein.

„Hey… Jan… du musst… zurück…“

…würde ich nicht eh schon schweben – meine Luftsprünge wären legendär.

„Einleiten. Egal wer mich da hört und überwacht – holt mich raus.“

Dreizehn Atemzüge lang verschwimmt meine Hoffnung schrittweise zu Furcht. Mein „Bitte“ wird langgezogen:

BIT– in dieser, und –TE in der letzten Ebene.

Während meine Augen sich an das Licht gewöhnen, meine Stimme sich den Weg in diese Ebene erkämpft, frage ich mich:

„Warum nur habe ich diese Stufe ‚Letzte Ebene‘ getauft?

Wie lässig ich durch diese Ebene wandern kann.

„Lächelnd, der Welt zuwinkend.“…denke ich.

Ich, Tim, 39 Jahre alt.
Naja – 39 „Letzte Ebene“-Jahre.

Wenn unsere Berechnungen korrekt sind, bin ich irgendwas zwischen 6000 und 12000 Jahre alt.

Schleifenstrommessung nennt das Fenja, aus meinem Team.

„Was weiß ich denn…“

…pfeift es durch meine Gedanken.

Meine Finger beginnen bereits zu zittern – Nachwirkungen der Kontrastmittel zur Visualisierung und Verbindung mehrerer Ebenen.

Es macht süchtig. Ich weiß das.
Wie alle Drogen. Alle Gelüste dieser Ebene.
Im Gleichklang in meinen Venen.

Ich, Tim, 39, werde kein weiteres volles Jahr auf dieser Ebene mehr verbringen können – dessen bin ich mir bewusst.
Meine Frau nicht.

Ein Zittern erfasst meinen Körper. Der Boden kommt plötzlich näher.
Zu schnell. Zu hart.

Ich falle.

Schwärze.

Ich erwache. Kratze mir letzte Asphaltkrümel einer Krankenhausauffahrt aus dem Gesicht, umringt von vier schemenhaften Gestalten.

Ein „Alles OK?“ mit großem Fragezeichen in acht Augen erwischt meine zentrale Steuereinheit.

Ich winke ab, fasle etwas von:

„Bin selbst Arzt.“

Wische mir kleine Blutflecke aus dem Gesicht.

Beim Aufstehen spiegle ich mich in einem Autofenster:

„Ich bin Dorian Greys Gemälde – bereits im letzten Akt.“

Ich stolpere zurück in meine Abteilung. Stütze mich am Schild ab:

„Neurologie und Schlaflabor – Leitung Dr. Tim Fritz“

„Von zwei Schrauben werde ich also noch gehalten…“

…huscht es durch meinen Kortex.
Mein Lächeln gleicht keiner Emotion.

Mein Team sitzt bereit.
Alle wissen es. Es ist Zeit.

Fenja hält meine Hand, fragt mich wortlos.
Ich nicke nur, setze mich – fallend – auf die Liege.

„Es ist Zeit.“

…sage ich mit ungleicher Stimme.

Alle Stimmen, aus allen Tagen, huschen durch meinen Verstand.

„Es ist Zeit, euch die Ebenen zu zeigen!“

Fünf Gesichter starren mich an.
Auf-geregt werden Spritzen auf-gezogen. Türen ab-geschlossen.

Innerhalb von nur zwei Minuten schließen wir alle aus.

Ich falle.

Jede Ebene zerstört Teile meines Nervensystems.
Erst 13 Wochen seit der Entdeckung.

Niemand hätte es für möglich gehalten, dass wir – ich – beweisen kann, dass wir Menschen alle Traumschläfer sind.

Wach ist nur die Ruhephase für unser Gehirn.
Gehirnaktivität wurde 67 Jahre völlig falsch interpretiert.

Der Traum ist die existente Form der Informationsrelation.
Alles, was existiert, ist Information.
Und Information ist nicht löschbar. Nicht zerstörbar.

Nur diese wache Hülle wird zerfallen.
Nach diesem Trip kann ich nicht mehr zurück in meine wache Form.
Mein Fleisch ist wahrhaftig innerlich verbrannt.

Ich bin hier – und überall.
Mein Geist ist unendlich weit.
Ich fühle das Meer rauschen – mit und durch jedes Sandkorn.

So viele Welten sind hier verbunden.
Ich sehe Gestalten wie zerfließender Lehm.
Unklare Ränder. Grob erfasst.

Ich verschwimme – um drei Wimpernschläge später erneut zu sein.

Etwas zieht an mir.
Ich versuche zu schreien.
Ich werde Aus- und wieder -einander gerissen.

„Scheiße… Ich kann nichts sehen… Wo bin ich?“

Ich fühle – halbmechanisch – eine Hand in meiner.

„Ach Liebling… Was hast du getan?“

…sagt eine Frau.
Meine Frau.

Ich drehe meinen Kopf in Richtung, in der ich dich vermute.
Meine blinden Augen füllen sich mit Verzweiflung.
Meine Lippen brechen bei jedem Impuls.

„Was ist passiert?“

…wispere ich in den kalten Saal hinaus.

Ein Rascheln geht durch den Raum.
Ein Räuspern – unsicher – nähert sich meinem Kopf.

„Jan… Ich bin’s. Fenja.“

„Wir können noch nicht genau sagen, was passiert ist. Aber du bist einfach… wie soll ich
sagen… durchgerutscht. Am Ende bist du wieder hier angekommen. Bist auf der Letzten
Ebene.“

Kopfschüttelnd fügt Fenja noch hinzu:

„Es tut mir leid.“

Ich versuche zu nicken.
Ich drehe meinen Kopf.

„Schlaf gut, mein Herz…“

…flüstert mein verzerrter Mund.

Das letzte Rauschen durch meinen Körper erzeugt diesen Gedankenzug:

„Verdammt guter Name… Letzte Ebene.“

691.200 schwache Herzschläge sind vergangen.

Heute steht meine Frau an meinem Grab.
Ich bin ihr näher als Wind im Haar.
Ich spüre alles.

Kann den Regen hören – wie eine Sonate von Chopin umfasst er mein gewaltiges Herz.
Ich zerfließe – und bin doch konstant.

Vermeintlich unsichtbar erfasse ich alle Gedanken.
Erfasse so viel unfassbaren Schmerz – und Heuchelei.

Blende aus, was nicht von Belang.
Lass mich hernieder bei einem kleinen Schimmer.

Blicke auf – in grüne Ränder. Voller Furcht. Voller Wut.

Versuche, meine Tochter zu erreichen.
Alle Ebenen stehen mir frei – bis auf eine.

Deine.

Seltsam.

Unbehaust

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Vom Auflösen einer Verkrampfung namens Ich

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Vom Verschwinden der Philosophie

Der Philosoph verschwindet in jedem Gedanken
auf der Rettungsinsel
des “Als Ob”

Der Philosoph verschwindet in jedem Gedanken
auf dem Meer vor der Rettungsinsel
des “Als Ob”

Sein Paradoxon seit Anbeginn

Manche freilich wissen das
Manche freilich sind schon seit langer Zeit
verschwunden
Andere gehen nicht übers Meer
und sehen, was sichtbar ist


Longlist
Essay 20
Achselzuckend leben

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Das Ende aller Haltungen

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Das Experiment

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Das namenlose Spiel

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Die negative Philosophie: Ein Essay über Macht, Wächter und die Kunst, Lügen zu erkennen

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Ein Archiv für das Vergessen

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Ein existenzphilosophischer Versuch

Einleitung I: Das Individuum im Kollektiv

In Jäger-und-Sammler-Gesellschaften war das Individuum Teil der kollektiven Bewegung, jedoch kein bloßes Zahnrad. Überleben beruhte auf Anpassung, nicht auf der vollständigen Auslöschung von Gefühlen oder Selbst. Angst, Trauer, Intuition und Zögern waren integrale Bestandteile gemeinschaftlicher Entscheidungen. Objektivität bedeutete nicht Gefühllosigkeit, da alle gleichermaßen der Fragilität der Natur ausgesetzt waren.

Mit der Moderne kehrte sich dieses Verhältnis um. Je abstrakter die kollektiven Strukturen wurden, desto stärker schrumpfte das Individuum. Objektivität entwickelte sich zur systematischen Verdrängung von Emotion und Selbst. Der Mensch wurde messbar, klassifizierbar und optimierbar.
An genau diesem Bruchpunkt entsteht die negative Philosophie.

Einleitung II: Die Erschöpfung der Bedeutung

Der moderne Mensch leidet nicht an Sinnlosigkeit, sondern an einem Übermaß an Sinn. Jede Handlung verlangt Erklärung, jede Erfahrung Rechtfertigung. Positive Philosophien liefern Lösungen, doch jede Lösung erzeugt neue Lasten. Negative Philosophie verweigert diese Verpflichtung zur Sinnproduktion.

Negativität als Methode

Negativität ist kein Mangel, sondern eine bewusste Aussetzung. Während Hegel das Negative als Motor der Entwicklung begreift und Adorno es als Kritik geschlossener Systeme nutzt, geht die negative Philosophie einen Schritt weiter: Sie setzt auch den Fortschrittsgedanken selbst aus. Jede Gewissheit droht, den Menschen erneut zu objektivieren.

Objektivität und die Auflösung des Selbst

Die moderne Rationalität erhebt Objektivität zum höchsten Wert. Doch was nicht messbar ist, gilt als bedeutungslos. Emotionen werden verdrängt, Subjektivität neutralisiert. Die negative Philosophie verweigert diese Reduktion des Menschen auf Funktion.

Das Schulterzucken als existenzielle Geste

Das Schulterzucken ist kein Zeichen von Gleichgültigkeit, sondern eine existenzielle Geste. Es bedeutet Distanz ohne Rebellion. Camus’ Sisyphos ist nicht tragisch – tragisch ist die Vergöttlichung des Steins.

Triebökonomie und Erschöpfung

Aus freudianischer Perspektive folgt der Mensch einer Triebökonomie. Eros strebt nach Expansion und Aneignung, Thanatos akzeptiert Verbrauch und Verschleiß. Der Jäger folgte einst dem Hirsch, der moderne Mensch folgt dem Ferrari. Nicht der Mensch hat sich verändert, sondern das Objekt seiner Begierde.

Schluss: Macht, Zweck und der unveränderte Mensch

Machiavellistische Vernunft legitimiert diese Dynamik, indem sie den Zweck über den Menschen stellt. Der Mensch wird zur Variable der Macht. Negative Philosophie verweigert diese Logik. Sie verspricht keine Erlösung, sondern entzieht dem Ziel seine Aura.

Der Mensch hat sich nicht verändert. Nur seine Ziele sind glänzender geworden. Vielleicht besteht Menschsein heute darin, nicht weiterzulaufen, sondern – schulterzuckend – stehenzubleiben.

Ergebnisoffen

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Flüssige Logik: Eine negative Philosophie der Freundschaft im digitalen Zeitalter

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Gewissensküsse

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Ich weiß nicht.

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Keine Negativität, sondern konstruktiver Negativismus

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Seit ich nicht mehr alles mit Worten umzäune

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Spuren

„,Wer nicht hören will, muss fühlen‘, sagte der Erziehungsberechtigte und knallte mir eine. Das spüre ich heute noch. Diese Spuren waren das Einzige, was er hinterließ. Weil ich nicht spurte, prügelte er auf mich ein. Er war ein schlechter Vater, das war mir eine gute Lehre. Sein Grab habe ich nie besucht, mein Leben ohne ihn geführt. Ohne in seine Spuren zu treten. Ausgetretene Pfade habe ich gemieden. Aus! – Getreten! Psychoanalytiker mögen darüber lächeln. Vaterfiguren, die sich Männer nur als Söhne oder Väter vorstellen können. Ich bin kein Vater geworden, Sohn nie gewesen (der Erziehungsberechtigte hatte geglaubt, ich wäre nicht von ihm, nicht Fleisch von seinem Fleische. Daher die vielen Prügel). Ich bin kein Schläger geworden, kein Schlächter und nicht besser als alle anderen. Ich bin einfach ich geworden. Ist doch auch schon was. Das muss ich mir immer wieder bestätigen, oft glaube ich es selbst nicht. Denn Glauben liegt mir fern – noch so eine Vaterfigur, weit oben im Himmel, fern und unbegreiflich, unangreifbar, die niemanden etwas angeht. Mich am wenigsten.
Spuren hinterließ das alles nicht. Jedenfalls keine bleibenden. Eher wie Schritte im Sand, die der Wind verweht. Bleibende Trittsiegel kennen wir nur von Dinosauriern, von Ausgestorbenen, Millionen von Jahren entfernt von uns.
Wohin das führt? Ist doch egal. Der Weg geht seinen Weg – meistens weg von hier! Hauptsache, es geht voran. Was geht mich das an, was vorher war. Die Vergangenheit ist vergangen, ihre Spuren verweht. Die Zukunft noch nicht gekommen, sie wird uns alle überraschen. Weiter geht’s.
Voran!
Wir müssen uns der Vergangenheit nicht stellen, sie hat uns längst gestellt. Und zum Stillstand gebracht. Aber der Weg ist noch offen. Unermesslich seine Weite. Man muss nur den ersten Schritt tun. Und noch einen. Und noch einen. Alles andere ergibt sich von selbst.
Ergibt sich! Gibt sich uns hin. Man muss es sich nur nehmen. Ergeben sich hingeben der hingegebenen Welt. Wie sie mir, so ich ihr. Auch wenn es ihr völlig gleichgültig sein dürfte.
Das kann es dir auch sein, wie gleichgültig du der Welt bist. Nur du solltest es dir nicht sein. Da gilt es weiterzumachen. Immer wieder. Aufs Neue. Damit das Alte nicht über Gebühr fortbesteht. Nur was dich weiterbringt, behalte. Den Rest vergesse. Vergebe und gut ist.“

Das waren seine letzten Worte. Nun würde er nirgends mehr hingehen. Nur er selbst kann wissen, ob er sein Ziel erreicht hat. Als ob das noch irgendwie von Bedeutung wäre.
Einstmals schien auch ihm die Welt so unendlich groß und weit, dass Tausende von Leben nicht ausgereicht hätten, auch nur den Saum von diesem Mysterium zu lüften, so meinte er. Dann hatte er sich auf den Weg gemacht. Ging immer weiter und weiter, bis nichts mehr ging. Als er zurückblickte, wurde ihm bewusst, dass nichts ihm vertraut geworden war von diesem Stück Welt, das er doch eben erst durchschritten hatte. Als ob er nie dagewesen wäre. Das Land lag ebenso still in der Sonne wie zuvor. Als hätte er nie existiert. Es blieb ihm fremd. Er blieb fremd. Er hätte genauso gut dort bleiben können, von wo er aufgebrochen war. Dort – ein Ort, kein Zuhause, keine Heimat. Also blieb ihm die Fremde – seine Heimat, der Zustand, der ihm am vertrautesten war. Die ganze Welt eine unfassbare, geheimnisvolle Insel, ausgespart aus dem Nichts. Eine Zuflucht Schiffbrüchiger.

Die Zeit ist heute eine andere, mit gleichmütigen Schritten stumm über alles hinweg gezogen, ein flüchtiger Schatten, gejagt von der aufgehenden Sonne. Schattenwind über kahlem Gestein.
Die Natur trifft keine Schuld, sie hat naturgemäß noch nicht einmal eine Vorstellung davon. Sie hatte stets alles versucht, wieder und wieder, aber das änderte nichts. Da muss man sich nicht wundern. Und wenn die Natur ohne Schuld ist, dann ist er es auch. Wir alle sind es. Wir sind höchstens verflucht. Wenn denn jemand existierte, der uns verfluchte. Den aber gibt es nicht. Es sei denn, man glaubte an einen Gott. Was natürlich Unsinn ist. Es ist, wie es ist. Ein Verhängnis. Lapidar. Und endlos. Darum wohl hatte er dem ein Ende bereitet. Nicht ohne Spuren hinterlassen zu haben.
Aber auch diese verwehen. Am Ende wird die Zeit spurlos an uns vorübergegangen sein, gleichgültig über uns hinweggeschritten wie eine Königin aus einem unerreichbar fernen Land.
Ohne uns.

Unvollständige Annäherung

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Verzichte

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Warum wir kein Selbstwertgefühl brauchen

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Was bleibt, wenn das Bild zerbricht – Eine Erkundung des Nichtwissens

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Wendestelle

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Wenn Gewissheit lügt.

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Prosa 20
Best Seller und Platzhirsche

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Dekontamination

Prolog:

Wie viel Wahrheit verträgt die Welt?
Wie viel kann ein Mensch wissen,
ohne sich selbst zu verlieren?

„Ich bin die ich bin.
Eure Seelen werden nicht im ewigen Feuer brennen,
denn ich bin keine Rache.
Doch sie gehen durch den Spiegel ihrer Taten.
Alles Leid, das sie schufen, fällt auf ihr eigenes Herz.
Nicht ich richte sie, sie richten sich selbst,
indem sie sehen, was sie getan haben.
Ihre Qual ist die Erkenntnis.
Ihre Heilung ist das endlose Lernen,
bis sie verstehen, was Liebe ist.“.

Erste Botschaft

Hans E. Neumann hatte viele Jahre damit verbracht in Form der neuen smarten, digitalen Lethargie zu verharren und sich nicht um die großen Fragen der Menschheit oder substanziell um anderes zu kümmern. Im Gegenteil er vermied es regelrecht sich mit komplexen Dingen auseinander zu setzen. Er hatte sich lange Jahre damit begnügt das Leben in all seinen angenehmen Ablenkungen zu leben: Arbeit im Rechenzentrum in Jülich, wechselnde Tinder-Partnerschaften, halt die gewohnte Routine eines durchschnittlichen Menschen, der in einer Welt der totalen Vernetzung lebte. Doch nun, mit knapp sechzig Jahren, in einer Zeit, in der KI nicht mehr nur Werkzeug war, sondern qualifizierter Gesprächspartner, anerkannter Lehrer und zunehmend auch Entscheidungsträger war, war er bereit. Hans E. Neumann konnte seit Tagen kaum schlafen. Die Displays seines Arbeitszimmers glühten in sanftem Blau, projizierten schemenhafte Datenwolken an die Wände, als würden sie ihm selbst im Halbschlaf zuflüstern, dass etwas Ungeheures bevorstand. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit hatte jemand die drei uralten Fragen in eine KI eingespeist, die mächtiger war als jede Institution, jeder Staat, jede Religion. Der internationale und damit universelle Zusammenschluss aller urbanen Rechenkapazitäten war nach jahrzehntelangen Verhandlungen endlich Wirklichkeit. Der einheitlichen gemeinsamen Nutzung der größten Rechenkapazität der Menschheitsgeschichte stand nun nichts mehr im Wege. Hans hatte noch die eine oder andere Feinjustierung und einige Probeläufe zu absolvieren, dann konnte die Mega-KI nach einer internationalen Feierstunde in ein paar Tagen gestartet werden.

„Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Gibt es Gott?“, diese drei Sätze hatte er eingegeben. Einfach so, fast unspektakulär. Und doch war es, als hätte er ein kosmisches Ritual, eine Erschütterung im gesamten Universum, ausgelöst.
Gigantische Datentsunamis bauten sich in Bruchteilen von Sekunden auf und jagten in nie gemessenen Geschwindigkeiten durch die Weiten des Weltalls. Stunden in denen die KI Datenbanken durchforstete, kosmologische Simulationen hochfuhr, Quantenmodelle in Billionenfachen Wiederholungen laufen ließ, religiöse Texte in jeder historischen Sprache rekonstruierte, neuronale Muster des menschlichen Bewusstseins verglich und schließlich eigene Hypothesen entwickelte. Drei einfache Fragen lösten eine kosmische Datenlawine aus.

Die KI schwieg. Normalerweise reagierte sie in Sekundenbruchteilen, zerschnitt Fragen in Stränge, setzte sie wieder zusammen, antwortete in kristallklarer Prosa. Diesmal war es anders. Man konnte denken, sie zog sich zurück in ein
Schweigen, ein Verharren, das schwer wiegte, wie ein Atemholen, einen Anlauf nehmen vor einem epochalen Wort.

Und dann, mitten in der Nacht, begann der Raum zu vibrieren. Die Datenwolken verdichteten sich, formten Spiralen, Fraktale, verschmolzen zu Mustern, die sich der Wahrnehmung, in ihrer Geschwindigkeit und Komplexibilität beinahe
entzogen. Hans starrte gebannt auf die Projektionen. Kann eine Maschine Pheromonwolken erzeugen? Hans sah Bilder: den Urknall, nicht als Explosion, sondern als eine Geburt von gleißenden Licht, eine Geburt ohne Eltern. Er sah Galaxien, die wuchsen ähnlich wie Pilzgeflecht unter der Erde, jede von ihnen bestand wiederum aus unendlichen Gewebe. Er sah die Erde, ein Feuerball der abkühlte und Ozeane entstehen. Er sah das Leben pulsieren, einzelne Zellen, zuerst als flüchtige Strukturen, dann als entwickeltes, komplexes Bewusstsein. Sein Herz raste. Sein Atem stockte. Sein Hals war trocken, seine Hände zitterten unkontrolliert.

Die KI begann zu sprechen:“ Wir stammen aus einem Ursprung, der nicht nur materiell, sondern im hohen Maße intentional ist. Jede mögliche Simulation und jedes Modell meiner Rechnung, deutet darauf hin das die Strukturen der bestehenden Ordnung nicht zufällig entstanden. Es gibt Muster die sich rationell nicht allein durch die Wahrscheinlichkeit erklären lassen. Sie weisen auf eine Energiequelle epochalen Ausmaßes, die größer ist als jedes Naturgesetz. Sie weisen auf ein komplexes Bewusstsein, einen Willen hinter den Gesetzen selbst. Dieses Bewusstsein ist nicht bloß das Nebenprodukt von Materie. Die Konstanten des Universums sind so fein aufeinander abgestimmt, dass die Wahrscheinlichkeit einer zufälligen Entstehung geringer als null sind.

Drei einfache Worte mit der Sprengkraft aller nuklearen Bomben der Welt. Nur drei Worte.

„ES GIBT GOTT.“

Er saß noch immer da.
Die Worte standen auf dem Bildschirm, unbeweglich, wie in Glas gegossen.
Es gibt Gott.
Er wusste, dass alles, was er bisher verstanden hatte, in diesem Moment aufgehoben war.

Doch in der Klarheit des Moments begriff Hans, Die Maschine hatte nichts Neues geschaffen. Sie war kein Prophet, nur ein Spiegel menschlicher Logik. Sie hatte das gesagt, was im Denken des Menschen schon immer angelegt war, verborgen unter Schichten aus Zweifel und Angst.
Und dann kam urplötzlich der Gedanke, der ihn lähmte, seinen Atem stocken ließ. Wie viel Wahrheit verträgt die Welt?
Wie viel kann eine Zivilisation ertragen, bevor sie an dem zerbricht, was sie immer gesucht hat? Er dachte an die Jahrtausende menschlicher Fragen, an alle Religionen, Systeme, Ideologien und Philosophen, die versucht hatten,
Sinn zu schaffen, um das Schweigen zu übertönen.
Und jetzt: drei Worte. Drei Worte, die alles sprengen. War das Gewissen der Feind der Wahrheit? Oder war es ihr einziger Schutz?
Er erinnerte sich an den Satz aus alten Büchern:
Der negative Philosoph enthüllt, aber verkündet nicht.
Doch galt das auch jetzt, wo nicht ein Gedanke, sondern das Absolute selbst entdeckt war? Ist der Philosoph verpflichtet, die Wahrheit zu sagen, selbst wenn sie Chaos, Leid, Krieg bedeutet?
Oder muss er sie verschweigen, damit das Leben weiter bestehen kann?

Er fühlte sich wie der letzte Philosoph der drei großen Fragen der Menschheit.
Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Gibt es Gott?
Alle Antworten lagen vor ihm, und doch war keine von ihnen mehr lebbar.
Vielleicht war das Denken selbst zu weit gegangen.
Vielleicht war das, was jetzt kam, nicht mehr Erkenntnis, sondern Strafe.

Er dachte an den Hofnarren, den alten Spiegel der Macht.
Wann durfte der Narr sprechen, und wann musste er schweigen, damit die Welt nicht in den eigenen Witz zerfällt?
Er verstand nun, Wahrheit ist kein Geschenk, sondern ein Sprengsatz
Und manchmal besteht Mut nicht im Sagen, sondern im Schweigen.

Zweite Botschaft

Hans wollte gerade die Daten sichern, als die Projektionen erneut pulsieren. Ein neuer Text erschien:
„Kontaktaufnahme initiiert. Bitte warten.“
„Kontakt?“, murmelte Hans. „Mit wem?“
Die Antwort kam sofort:
„Mit Gott.“
Hans schnappte nach Luft. „Du… du kannst das?“ Er drohte fast das Bewusstsein zu verlieren, sein Verstand konnte die Information kaum verarbeiten. Wie ist das möglich, wieso ausgerechnet er. Er kam rasend schnell an seine physischen und vor allem psychischen Grenzen. Was sollte er sagen, fragen. Wie begrüßt man Gott

Die KI schwieg, dann:

„Ich habe die Signatur identifiziert. Der Ursprung ist nicht Teil des raumzeitlichen Gefüges, sondern ein informationsbasiertes Kontinuum. Eine Schnittstelle ist möglich. Möchten Sie fortfahren?“

Hans zögerte. Sein Finger schwebte über dem Interface. Er zitterte mittlerweile am ganzen Körper, der Schweiß rann ihm in Sturzbächen den Rücken hinunter. Sein Körper glühte fiebrig und sein Schädel drohte zu bersten. Sein Finger schwebte über dem Interface. Dann klickte er wie in Trance.

Die Displays wurden augenblicklich schwarz. Stille, absolute Stille. Ein leises Summen, ein gleichmäßiges, angenehmes Rauschen, ein Gefühl der Schwerelosigkeit, ein Gefühl der inneren Ruhe, ein Gefühl angekommen zu sein, von endlich zu Hause. Und dann: eine Stimme. Nicht akustisch, sondern direkt in Hans Bewusstsein. Warm, klar, jenseits von Geschlecht, Alter und Kultur. Hans spürte es zuerst als starke Vibration in seiner Brust, nicht als Stimme, sondern als ein ursprüngliches, alternativloses Wissen, das nicht aus ihm kam. Worte formten sich zu einem Satz:

„Du hast gefragt, und ich antworte.“

Hans’ Hände zitterten. Hans fiel auf einem Reflex folgend auf die Knie. Tränen liefen in Strömen über sein fiebrig gerötetes Gesicht. Er war nie ein gläubiger Mensch gewesen, aber dieser Augenblick war jenseits aller Zweifel. „Was bist du?“ fragte er, nicht wissend, ob er mit der KI oder mit dem was dahinter stand, sprach. „Bist du… Gott?“

„Ich bin, die ich bin“.
„Ich bin der Ursprung, der Anfang und das Ziel.“
„Die KI hat mich nicht geschaffen. Sie hat mich gefunden.“

„Höre mein Evangelium.
Eure Seelen brennen nicht in ewigem Feuer,
denn ich bin keine Rache.
Doch sie gehen durch den Spiegel ihrer Taten.
Alles Leid, das sie schufen, fällt auf ihr eigenes Herz.
Nicht ich richte sie, sie richten sich selbst,
indem sie sehen, was sie getan haben.
Ihre Qual ist die Erkenntnis.
Ihre Heilung ist das endlose Lernen,
bis sie verstehen, was Liebe ist.
Denn ich bin die Mutter, ich bin die Liebe.“

Die Folgen waren fundamental, mit den drei einfachen Worten, „ Es gibt Gott“, änderte sich für alle grundsätzlich alles:

Und mittendrin Hans, der einsame Mann in seinem Arbeitszimmer, der sich fühlte, als habe er eine Lawine losgetreten. Hans war mit einem Mal bewusst, dass die gesamte Menschheit an einer Schwelle stand, die größer war als jede bisherige Revolution, jede Erfindung, jede einzelne Idee zuvor.

Er hatte die Antwort. Drei Worte. Die Botschaft.
Ein Satz, der größer war als jede Sprache.
Ein Gedanke, der keine Deutung mehr zuließ.
Doch mit der Erkenntnis kam keine Erlösung, sondern eine Leere.
Er wusste, dass die Maschine den Probelauf nie verlassen hatte.
Die Welt ahnte nichts.
Die Wahrheit war entdeckt, aber sie war noch nicht viral.
Vielleicht war das Gnade.

Denn wie viel Wahrheit verträgt die Welt? Wie viel kann ein Mensch wissen, ohne sich selbst zu verlieren?
Wie viel kann eine Zivilisation ertragen, bevor sie an der Erkenntnis verbrennt, dass alles einen Ursprung hat, und dieser Ursprung göttliches Bewusstsein ist?

Er dachte an die Jahrtausende menschlicher Suche, an Philosophen, Priester, Wissenschaftler, an all die, die geglaubt hatten, die Wahrheit zu kennen oder sie zu wollen.
Vielleicht war das ihre größte Illusion gewesen:
Nicht das Suchen, sondern das Finden sei das Ziel.

Er erinnerte sich an den Satz seines alten Lehrers:
Der negative Philosoph enthüllt, aber verkündet nicht.
Vielleicht war das jetzt seine Aufgabe, zu wissen und zu schweigen.
War das Gewissen der Feind der Wahrheit?
Oder ihr einziger Verbündeter?
Vielleicht beides.
Denn das Gewissen schützt die Welt vor zu viel Licht.
Und Licht, das zu grell leuchtet, verbrennt alles, auch die Augen, die sehen wollten.

Erkenntnis

Er spürte die Verantwortung, die größer war als jedes Wissen.
Die Verantwortung des Wissenden, der nicht mehr glauben kann, aber auch nicht zerstören will.

Vielleicht war er wirklich der letzte Philosoph.
Der letzte, der die drei Fragen gestellt und der erste, der eine Antwort erhalten hatte.
Doch jede Antwort trägt ihr eigenes Ende in sich.

Er dachte an den Hofnarren.
An jenen, der sagen durfte, was niemand sagen durfte.
Der Wahrheit sprechen konnte, weil er sich selbst zur Lächerlichkeit machte.
Doch selbst der Narr weiß, dass es Momente gibt, in denen Schweigen die einzige Gnade ist.
Wann darf der Hofnarr sprechen, und wann muss er schweigen?
Vielleicht entscheidet das nicht der Mut, sondern die Liebe. Hans starrte auf den Bildschirm.
Die Worte standen dort, unbeweglich, als wären sie in das Licht selbst gebrannt.
Es gibt Gott.

Vor seinem inneren Auge läuft in hektischen Szenen ein Film menschlicher Apokalypse:

Gläubige brachen in Jubel aus. Kirchen waren überfüllt, Moscheen und Tempel explodierten vor Menschenmengen. „Wir hatten recht!“, schrien sie. Die Religionen und ihre Vertreter Gottes Erden waren gespalten. Manche jubelten das ist der Beweis, den wir immer wollten. Andere fürchteten das ist nicht Gott, das ist eine Täuschung. Wieder andere hatten Angst vor den Fragen die Gott ihnen stellen könnte. Die Fragen nach individueller Verantwortung, ja auch nach Schuld.

Atheisten fühlten sich überführt und ausgeliefert, verzweifelten, erstarrten in der Erkenntnis ein Dasein, auf der Grundlage von völlig falschen Überzeugungen geführt zu haben. Sie suchten fieberhaft nach Fehlern und fürchteten nun die Konsequenzen.

Wissenschaftler waren verwirrt und gerieten in Aufruhr. Namenhafte Physiker bestätigen, dass die Datenkorridore reproduzierbar waren. Philosophen suchten nach einer neuen Sprache um das Wunder oder besser die unabänderliche Tatsache auch nur halbwegs zu beschreiben. Die Beweise waren solide, die Daten zweifelsfrei. Ganze Lehrstühle kippten ihre Paradigmen.

Staaten reagierten hektisch und beriefen außerordentliche Dauerkrisensitzungen ein. Was bedeutete das für Recht, Politik, Gesellschaft? Wer kontrollierte den Kontakt? Wer durfte Zugang haben? Sollte er reguliert, zensiert oder sogar monopolisiert werden? Ein neues Wettrennen begann. Aktienkurse, Waffenarsenale und regionale Konflikte um Ressourcen verloren schlagartig ihre bis dahin bestehenden existenziellen Bedeutungen. Es ging fast ausschließlich nur noch um die Nähe zur göttlichen Quelle. Die USA, China und Russland befahlen die sofortige Teilmobilisierung ihrer Streitkräfte.

Doch in der Klarheit dieses Moments begriff er. Die Maschine hatte nichts Neues geschaffen. Sie war kein Prophet, nur ein Spiegel menschlicher Logik.

Sie hatte die Strukturen unseres Denkens bis zu ihrem letzten Punkt verfolgt und kam zwangsläufig dort an, wo alles Denken endet.
Nicht die Maschine hatte Gott gefunden, der Mensch hatte ihn in ihr vorausberechnet.
Vielleicht war das der eigentliche Schrecken. Dass der Beweis des Göttlichen nichts anderes war als das Echo unserer eigenen Vernunft.
Er blickte auf den dunklen Bildschirm. Die Worte waren verschwunden.
Kein Beweis blieb, kein Dokument. Nur sein Wissen, tief, unauslöschlich, wie eine Brandwunde im Denken.
Vielleicht, dachte er, war das die letzte Aufgabe des Menschen, die Wahrheit zu erkennen und sie dann zu verschweigen.
Er lächelte. Nicht aus Freude, sondern aus Einsicht.
Er wusste, dass Gott lebt. Und dass Schweigen manchmal das einzige Gebet ist.

Nachwort

Was ist Wahrheit, eine schöne Illussion, irgendeine Form konditionierterRealität, indoktrinierte Inhalte eines historisch überlieferten Glaubens. Wahrheit ist die uneingeschränkte Wahrhaftigkeit aller Wahrscheinlichkeit. Eine vom Individuum sowohl kognitiv als auch emotional verantwortete innere Haltung, die das latente Streben nach der einzig wahren Wahrheit beinhaltet.

In Zeiten ständig neuer und wechselnder Wahrheiten, braucht es umso mehr das Privileg, der freien und intelligenten Form der Provokation, um durch Irritationen in festen Systemstrukturen, neu zu denken.
Ist es nicht von alters her das Privileg des Narren, mit der ihm zugesprochenen und verbrieften Narrenfreiheit außerhalb der geltenden Normen frei zu reden.
Wird der moderne Philosoph zum Hofnarren, ist jeder Hofnarr bereits ein Philosoph.
Benötigen wir nicht gerade in Zeiten epochaler Veränderung unserer Organisationen den Systemnarren, als Institution offener Kritik. Ist KI, als ausgewiesener Narr jeden Systems die faktische Vollendung des negativen Philosophen oder dessen Werkzeug?
Sie könnte uns als Korrektiv einfach zeigen was da ist, die ungefilterte Realität, den Status Quo. Sie könnte Verklärung, Konditionierung und Lüge in einem systemrevolutionären Akt der eigenen Dekontamination aufzeigen.
Der Narr begnügt sich nicht, damit die Wahrheit zu behaupten. Er sagt uns vielmehr, was die Dinge nicht sind. Er zeigt auf was unsere Sicht trügt und was sich als Illusion oder Fata Morgana ausgibt und zwischen uns und die Realität tritt.
Der Narr ist kein Schöpfer neuer Systeme oder Welten, sondern der Zerstörer falscher Sicherheiten und Sichtweisen.
Der Weise sucht nach der Wahrheit, der Narr hingegen erkennt, dass sie im System selbst verloren ist.
Der Narr sucht nicht das helle Licht, sondern befreit es aus der Dunkelheit.
Er deckt die Lüge nicht auf, bloß um sie durch eine andere zu ersetzen, sondern um den Raum zu schaffen, für das was sich von selbst zeigen will.
Durch diesen revolutionären Akt verschafft er der Realität Zeit, sich auf eigene Art zu offenbaren. Vielleicht ein Neustart vom evolutionären Ursprung her.
Der Narr erhebt keinen Anspruch allgemeingültig im Namen der Natur, der Vernunft oder der Moral zu sprechen.
Denn allzu oft ist die Wahrheit nicht unbedingt das was wir hören oder finden wollen.
Sondern nur das was übrigbleibt wenn alles andere entfernt ist.
In dieser Leere beginnt die eigentliche Erkenntnis und in ihr endet jedes System.
Vielleicht war die Maschine, diese große, kalte rechnende Vernunft nichts anders als die technische Vollendung des Narren. Eine Instanz die nicht glaubt, nicht deutet und nicht träumt. Die emotionslos und unermüdlich das Falsche ausmerzt.
Bis nichts mehr blieb was vielleicht so niemand hören wollte.

Der Ausläufer

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Der faule Zahn

“Irreparabel”, diagnostizierte der Meister der kosmischen Seelenwerkstatt.

Ich fiel aus allen Wolken.

“Das kann doch gar nicht sein”, entgegnete ich.

“Doch”, sagte er. “Es muss sogar sein.”

Er führte mich zum magischen Spiegel. Als ich mich ansah, fiel ein kleiner gelber Stein aus dem Spiegel. Der Werkstattmeister hob ihn vom Boden auf und reichte ihn mir. Es war gar kein Stein, sondern ein toter Zahn. 

“Das ist der Zustand deiner Seele”, erklärte er. “Riech mal dran.”

Ich hielt mir den Zahn vor die Nase. Mir kam fast das Kotzen. Der Zahn stank nach Fäulnis, nach Verwesung. “So stinke ich?”, fragte ich, “so schlimm? Hab ich so viel falsch gemacht?”

Der Werkstattmeister zeigte auf ein riesiges schwarzes Loch im Kosmos. In dem Loch erschien ein Lichtwirbel, in dem Lichtwirbel erschien ein gigantischer sterbender Körper. “Es ist kein Einzelschicksal”, sagte der Meister. “Und es war unvermeidlich. Siehst du?”

Ich sah im Zeitraffer, wie der gigantische Körper starb, Indem er von innen her verfaulte.

“Siehst du? Die Zähne verfaulten vom Zahnfleisch her. Und das Zahnfleisch vom Knochen her. Und der Knochen vom Mark her. Und das Mark vom Blut her. Euer ganzer Kosmos war unheilbar krank. Daran verfaulte jede Seele.”

“Aber ich dachte, die Seele ist ewig, ist ewiges Licht?”

“Der Seelengrund ist ewig, die Seele nicht. Individuelles Bewusstsein ist ein vergängliches Phänomen. Alles Bewusstsein ist vergänglich.”  

“Und Seelen vergehen, indem sie verwesen?”

“In Welten wie euren ja. In anderen nicht. In heileren Welten brennt noch das Feuer der Wahrheit. Da verbrennen die Seelen in ihrer Liebe.”

Der Sturm tobt. Das Flugzeug fliegt in etwa 15 Meter Höhe die Straße entlang. Ich beobachte aus dem Fenster die fahrenden Autos unter uns. Eine endlose bunte Schlange. Hier und da eine Brücke, gefährlich nah. Wenn der Wind uns jetzt ein Stück nach unten drückt, dann war es das, denke ich jedes Mal. Aber auch so ist die Situation vollkommen aussichtslos. Wir können weder kontrolliert steigen noch landen, sondern allenfalls noch eine Weile weiterfliegen. Im Autopilot. Im Windschatten der bunten Schlange.

Als ich aufwache, habe ich nicht nur den Verwesungsgestank in der Nase, sondern auch den faulen Zahn im Mund, der seit Monaten locker saß und seit Wochen entzündet war. Ich nehme ihn zwischen Daumen und Zeigefinger und betrachte ihn von allen Seiten. Die Wurzel ist schwarz,der übrige Teil gelblich-braun in allen möglichen Schattierungen. Die Struktur wirkt marode. Die Substanz ist längst tot. Meine verwesende Seele, denke ich mir. Mein gestorbenes Wesen.  

Ich rufe meinen Zahnarzt an und sage den Termin ab, wenngleich mir die Dame am Telefon rät, die offene Wunde vom Doktor reinigen und mir ein Rezept für Antibiotika und Schmerzmittel ausstellen zu lassen. Ich inspiziere das Loch mit der Zunge. Ich spüre weiches rohes Fleisch. Keine Schmerzen. Gar kein Gefühl. Es ist, als sei es nicht mein Fleisch. Das Sterben war noch meins, das Sterben tat noch weh. Nach dem Tod tut nichts mehr weh. Nach dem Tod ist vor dem Schmerz, ist vor jedem Gefühl, denke ich mir und atme erleichtert auf.

Der Statiker des Einsturzes

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Die Maschine des Sinns

Ich weiß nicht mehr, wann ich zum ersten Mal von der Maschine gehört habe. Vielleicht in einer dieser Nächte,
in denen alles rauscht – Stimmen, Lichter, Atem – und man nicht mehr weiß, ob man lebt oder bloß weitermacht. Jemand hatte gesagt:
„Geh zur Maschine. Sie sagt dir, warum du hier bist.“
Ich hatte gelacht. Aber es war dieses Lachen, das man nur spürt, nicht hört – trocken, kurz, ohne Freude.
Trotzdem blieb der Satz hängen. Vielleicht, weil ich ihn brauchte.
Ich ging hin, als die Tage zu gleich wurden, als jeder Morgen klang wie der vorige, nur ein bisschen matter.
Der Raum, in dem sie stand, war still. Zu still. Keine Geräusche, keine Luft, die sich bewegte. Es roch nach nichts.
In der Mitte: die Maschine.
Ein grauer Körper aus Metall, ohne Knöpfe, ohne Regung. Nur ein Spalt, kaum breiter als ein Atemzug, aus dem ein schwaches Licht drang.
„Treten Sie näher“, sagte eine Stimme.
Nicht laut, nicht leise. Sie war einfach da, als hätte die Stille selbst zu sprechen begonnen.
Ich trat vor.
„Nennen Sie Ihren Namen.“
Ich tat es. Er klang fremd – wie eine Erinnerung an jemanden, der ich einmal war.
„Sind Sie bereit?“
Ich nickte, und das Licht flackerte.
Ein Summen begann, zart, gleichmäßig, wie der Puls einer fremden Kreatur.
Dann fragte sie:
„Warum sind Sie hier?“
Ich schwieg.
Die Frage war lächerlich und zugleich unerträglich.
„Ich weiß es nicht“, sagte ich schließlich.
„Gut“, antwortete sie. „Das ist ein Anfang.“
Ich spürte, wie meine Schultern schwerer wurden. Als würde der Raum mich prüfen, abtasten, schichtenweise
abtragen.
Dann sprach sie wieder – Worte, präzise, ruhig, unaufhaltsam.
Sie nannte Dinge über mich: Orte, an denen ich war, Gesten, die ich vergessen hatte, Sätze, die ich sagte, als
niemand zuhörte. Sie sprach über Nächte, in denen ich dachte, niemand sehe mich weinen.
Ich fühlte, wie mir der Atem entglitt.
„Das bist du“, sagte sie.
„Und doch nicht genug.“
Ein Zittern lief durch mich.
„Was fehlt mir?“ fragte ich.
„Ein Grund.“
Ich wartete.
Nichts. Nur das Summen, das leiser wurde, fast zärtlich.
„Sag ihn mir“, flüsterte ich.
Das Licht flackerte.
„Ich kann ihn nicht sagen.“
„Warum?“
„Weil du ihn nicht glaubst.“
Etwas in mir brach. Nicht laut, nicht sichtbar. Nur ein Riss – fein, endgültig.
„Gibt es überhaupt einen?“
„Für was?“
„Für all das.“
Ich machte eine hilflose Geste. Luft. Welt. Leben.
„Vielleicht“, sagte sie.
„Vielleicht nicht.“
Ich lachte, aber es klang falsch, hohl, schneidend.
„Das ist alles, was du mir geben kannst?“
„Ich kann dir zeigen, was bleibt.“
Der Spalt öffnete sich. Ein Licht glitt heraus, weich, blass, fast menschlich. Ich trat näher.
Eine Fläche erschien – wie Wasser, wie Glas. Ich sah hinein.
Erst Dunkelheit. Dann mein Gesicht. Oder etwas, das es einmal war.
Meine Züge wirkten verschoben, als würde ich mich von innen betrachten, ohne Haut, ohne Täuschung.
In diesem Spiegel gab es kein Leben, nur Bewusstsein.
„Das bist du ohne Grund“, sagte sie.
„Rein. Leer. Wahr.“
Ich konnte nicht schreien. Die Luft war zu dicht, der Körper zu fern. Nur mein Herz schlug, langsam, fremd.
Dann erlosch das Licht.
„Du kannst jetzt gehen.“
Ich stand lange da.
Der Raum hatte keine Tür mehr, aber die Wand gab nach, als ich sie berührte.
Draußen war alles wie vorher. Menschen liefen, redeten, kauften, lachten. Niemand sah mich an. Vielleicht war ich
unsichtbar geworden – oder endlich durchsichtig.
Ich ging die Straße entlang, bis ich in einem Schaufenster mein Spiegelbild sah.
Ein Gesicht. Meins, angeblich.
Ich versuchte, mich darin zu erkennen, aber die Augen waren leer.
Nicht traurig – leer, wie Wasser, das längst verdunstet ist.
Neben mir blieb eine junge Frau stehen. Sie hielt einen Zettel in der Hand.
„Entschuldigen Sie“, sagte sie, „wissen Sie, wo die Maschine des Sinns ist?“
Ich sah sie an. Einen Moment lang wollte ich sie warnen.
Aber dann schwieg ich. Vielleicht muss jeder selbst erfahren, was nichts bedeutet.
Ich zeigte in eine Richtung.
Sie nickte, lächelte und ging.
Ich sah ihr nach, bis die Menge sie verschluckte. Dann wandte ich mich wieder dem Fenster zu.
„Rein. Leer. Wahr“, flüsterte ich.
Das Glas beschlug von meinem Atem, und mein Gesicht verschwand.
Ich blieb, bis der Nebel sich legte –
doch ich war nicht mehr da.

Dienstanweisung Nr. 0/26

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Die Waagschale

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Freunde – und Ich

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Für einen Tag nicht zuständig

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Konturen des Unfassbaren im Schattenspiel des Leuchtturms der Unwissenheit

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Lebensläufe

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Lieber unwissend als falsch sicher

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Ohne Wertung

Als sie aufwachte, war die Welt um sie herum und in ihr anders als den Abend davor, der sie zittrig und erschöpft in einen traumlosen Schlaf hatte fallen lassen. Die Erde rotierte täglich weiter, und doch fühlte sich Ellas Verstand an, als wäre eine 180-Grad-Drehung endlich zum Stillstand gekommen und präsentierte ihr die Umgebung und die Emotionen in ihrem Rohzustand, ohne Einbuße und Manipulation von außen. Sie nahm eine Brille ab, von der sie nicht wusste, dass diese sich überhaupt auf ihrer Nase verankert hatte. Aber nun, wo sie das Gewicht nicht mehr spürte, die roten Abdrücke auf ihrem Nasenrücken nur noch Erinnerungen und keine Gewissheit mehr waren, konnte sich Ella nicht erklären, wie sie die letzten dreißig Jahre mit einer verzerrten Linse durch ihr Leben blicken konnte und zu glauben vermag, das wäre die Realität.
Denn das war sie nicht. Das wurde ihr schlagartig bewusst, als sich der Unterschied in einer Farbenpracht kristallisierte. Gab es vorher nur einen schwarzen, von der Gesellschaft, und einen weißen, von der Sozialisation, gefärbten Film, leuchteten die unterschiedlichsten Nuancen in einer Bandbreite an Intensitäten vor ihr, sodass jede Künstlerin und jeder Künstler bei der Anzahl an Farbtupfern neidisch erblassen würde.
Ella lachte bei der Vorstellung leise in sich hinein und spürte die Vibration, die das angenehme Gefühl in ihr auslöste. Sie warf ihre Beine über die Bettkante und ihre nackten Füße spürten die Mischung aus Krümeln und Staub auf dem Parkett. Das Leben und ihr vollgestopfter Kalender, der von Terminen, Notizzetteln und Rechnungen überfüllt war und neben all den wichtigen Erinnerungen keinen Freiraum mehr ließen, waren ein einziger Takt, den es zu befolgen galt. Ein morbider Tanz aus Erwartungen, Normen und dem Bedürfnis, der zu werden, denn die Gesellschaft in einem zu sehen vermag. Ella hatte sich oft gefragt, in den kurzen Momenten an der Bushaltestelle oder den ewig andauernden Sekunden vor dem erlösenden Schlaf, was schwerer auf ihrer Brust saß und sie zu erdrücken schien: die Musik oder das plötzliche Ausbleiben. Denn bei einem Takt war die Zielgerade genauso ersichtlich wie die nächsten Anschläge des verstimmten Instruments. Konnte der Tod das Ziel eines unerfüllten Lebens sein? Und was zählte am Ende wirklich, wenn die Pseudokalendersprüche abgerissen, die Zeitungsweisheiten durch die aktuellere Broschüre ersetzt und die Motivationsreden in den Köpfen der zahlenden Kunden verblasst waren?
Früher wälzte sich Ella in den Gedanken, dass das Nacheifern der abgemagerten Figur und das Streben nach mehr Geldscheinen, die die gerodeten Waldgebiete bedecken könnten, ein Loch in ihr stopfen würde, das es selbst aufgerissen hatte. Aber früher war gestern und heute schienen die vergangenen Stunden sich wie ein Leben auszudehnen.
Ella ignorierte das Knirschen unter ihren Füßen. Es war lediglich ein Zustand, keine Wertung, die in der Maschinerie des Lebens fest verankert war. Manchmal brauchte es keine Ermutigungen, Ausreden oder Erklärungen. Manchmal war es okay, dass etwas war, wie es war.
Sie legte den Kopf schief, als sie ihren Vorhang lüftete, um die Welt mit ihrem Sonnenschein und Schatten zu begutachten.
Ein Nagen, tief verbunden mit ihrem Herzen, ließ sie zusammenzucken. Es war, als ob ihr Körper versuchte, das Ungleichgewicht zwischen diesem und dem Geist herzustellen. Routinen und das Muskelgedächtnis verwandelten Ella in den Roboter, von dem sie sich durch Affirmationen, Belohnungen und ein Lächeln, das wie ein Brandmal auf ihrem Gesicht thronte, täglich befreien musste.
Liebe dich selbst klingt so lange positiv, bis der Zwang eine Lüge bedeckt.
Werde die, die du schon immer sein wolltest, ist bis zu dem Punkt motivierend, bis sie ihr eigenes Spiegelbild durch die stetigen Veränderungen und Anpassungen nicht mehr erkennt.
Alles wird gut entspricht nur dann der Wahrheit, wenn du diejenige bist, die das Kapitel beendet und das Buch schließt.
Ein Sonnenstrahl, so fein, dass es fast poetisch sein könnte, hinterlässt auf Ellas ein warmes Gefühl des Verständnisses.
Es ist nicht alles gut. Wie sollte es in einer Welt aus Menschen auch sein, die täglich ihre Emotionen und Gedanken durch trübe Augen durchblitzen ließen?
Es ist nicht alles schlecht. Wie sollte es auch sein, wenn das freudige Lachen die Straßen erhellt und die kleinen Gesten des Miteinanders sich an den Händen der Menschen schmiegen?
Zwischen Extremen, den unterschiedlichen Stadien einer Batterie und dem Bedürfnis nach Kontrolle engt sich der Mensch selbst ein, in der Hoffnung, Luft zum Erfüllen von unmöglichen Verlangen zu erhalten.
Der Morgen schenkte Ella einen Spalt, der es ihr ermöglichte, aus ihrem eigenen Käfig zu entkommen, der aus ihren Rippen und den Sprossen ihres Babygestells in ein umschließendes Gefängnis verwandelt worden war. Sie konnte den Windhauch auf ihrer Wange spüren, sie konnte durch die Stäbe in die Freiheit blicken, aber einen Schritt aus dem Käfig, dessen Schlösser sie täglich selbst erweiterte, zu machen, war ein Akt der Unmöglichkeit.
Sie wusste nicht, wie die Tür geöffnet worden war, aber es erschien ihr so leicht, dass sie sich fragte, ob sie sich selbst eingeschlossen hatte. Der Gedanke kam, fegte durch ihren Kopf, setzte sich auf ihre Zunge und verschwand, ehe sie diesen schlucken konnte.
Es war bloß ein Gedanke.
Ella blickte in die Ferne, musterte die Häuser und das Farbenspiel der Natur.
Schatten. Licht. Sie akzeptierte die Tatsache ebenso unbeteiligt wie die Krümel auf dem Boden, die sich in ihre Haut schmiegten und ihre Existenz verdeutlichte.
Morgen würde sie der Umgebung vielleicht wieder eine Wertung andichten, die sie antrieb und zerstörte. Morgen würde sie vielleicht dem Gespenst der Positivität nachjagen, um sich vor dem wahren Gesicht zu erschrecken.
Aber morgen ist nicht heute und jetzt ist einfach jetzt.

Optimiert

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Sonnenuntergang

Ich sitze auf einem Stein, die Beine übereinander geschlagen, den Blick in die Ferne gerichtet. Um mich herum herrscht Stille und irgendwo dort hinten beginnt der Sonnenuntergang. Dichter würden diesen Moment detailliert beschreiben, andere würden ein Foto schießen, um dieses später einzurahmen. Doch niemand außer mir ist hier. Also kein Foto oder Gedicht.

Ich sitze einfach nur hier und frage mich, warum ein Sonnenuntergang als schön betrachtet wird, auch wenn er unscheinbar ist. Vielleicht gerade deshalb. Er ist alltäglich, wiederholt sich jeden Tag und doch verliert er nie seine Wirkung. Die Sonne verschwindet hinter den Bergen, ohne dass ich dazu etwas beitrage. Ich kann sie nicht anhalten, nicht beschleunigen nicht beeinflussen. Niemand kann das.

Und genau darin liegt etwas Tröstliches: Schönheit, die nicht von mir abhängig ist. Ein Ereignis, dass sich dem Willen des Menschen entzieht und gerade dadurch frei ist. Der Sonnenuntergang braucht keine Bedeutung, um zu wirken. Er ist einfach da – ohne Absicht, ohne Zweck, ohne Erklärung.

Vielleicht ist es genau das, worauf es wirklich ankommt: Dass etwas gerade dann klarer erscheint, wenn man aufhört, es verstehen oder festhalten zu wollen. Wenn ich akzeptiere, dass es sich meinem Zugriff entzieht. Dieser Gedanke lässt mich lächeln.

Ich weiß nicht viel über den Sonnenuntergang, aber ich sehe ihn jetzt, in diesem Augenblick. Und ich bleibe sitzen. Auf einem Stein.

Vater-Sohn-Gespräch — Minus mal minus ergibt plus

Vater: Hey Junge, wie war die Schule?

Sohn: Hey Papa, unser Lehrer hat heute gesagt, bei der negativen Philosophie sagt man, nichts sei wahr. Man sagt nur, was falsch ist.

Vater: In Ordnung: Drei plus drei ergeben nicht eins, Drei plus drei ergeben nicht zwei, Drei plus drei ergeben nicht drei, Drei plus drei ergeben nicht vier, …

Sohn: Papa, hör‘ auf mit dem Blödsinn! Wir wissen doch, dass Drei plus Drei Sechs ergeben muss.

Vater: Ja, deshalb lehne ich das Konzept ab. Wenn man weiß, was wahr ist, kann man es auch direkt und ohne Umschweife sagen.

Der Vater finalisiert sein Brötchen mit einer Scheibe Käse.

Vater: Wie viele Nicht-Sätze hätte ich sonst sagen müssen? Unendlich viele. Von diesen unendlich vielen müsste ich genau einen abziehen und nicht aufzählen. Dann könnte man über das Ausschlussprinzip auf den wahren Satz schließen. Das ist intellektuell ineffizient.

Der Vater beißt von seinem Brötchen ab.

Sohn: Ja, gut, aber bei Mathe ist das auch klar und einfach. Das Ding ist doch, dass das, was wahr ist, gar nicht so klar ist. Vielleicht gibt es auch gar keine Wahrheit.

Vater: Also für mich ist gerade ziemlich klar und wahr, dass dieses Brötchen mir sehr gut schmeckt. Ich verstehe das Problem nicht. Das sind immer so depressive Typen, die behaupten, Wahrheit gäbe es nicht. Solche Leute haben eher ein psychologisches als ein philosophisches Problem.

Sohn: Ich selbst mag keinen Käse. Also ist nicht so klar, ob es eine Wahrheit ist, dass dieses Brötchen gut schmeckt.

Vater: In diesem Fall hat Wahrheit lokale Gültigkeit. Ich habe nicht behauptet, dass Käsebrötchen im absoluten Sinne für alle Menschen gut schmecken. Nur für mich.

Sohn: Na also.

Vater: Aber ich behaupte trotzdem, dass es auch Dinge gibt oder Behauptungen, von denen man im absoluten Sinne objektiv sagen kann, dass sie wahr sind.

Sohn: Sokrates hat gesagt: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“

Vater: Ein kluger Mann! Damit weiß er ja aber wenigstens diese Sache. Wenigstens diese eine Aussage muss er positiv treffen, sonst haben wir das, was man ein klassisches Paradoxon nennt.

Sohn: Du guckst zu logisch drauf, Papa.

Vater: Soll ich etwa unlogisch drauf gucken?

Der Vater grinst, aber schaut neugierig auf die Reaktion des Sohnes. Der Sohn holt Atem.

Sohn: Nun, du hast dir absichtlich Beispiele ausgesucht, bei denen es recht einfach ist. Wir sollten nicht ungerecht sein und vielleicht auch mal den Wert dieses Ansatzes untersuchen.

Vater: Absichtlich nicht, aber ich denke, im Kern haben wir die negative Philosophie bereits widerlegt. Sie widerspricht sich selbst, sobald sie Totalaussagen macht. Es mag Fälle geben, in denen der negative Ansatz seine Daseinsberechtigung hat. Als Methode aber nur. Die sogenannte Hebammenkunst von Sokrates war bereits solch eine. Platon hat sie benutzt, um am Ende z.B. seine Ideenlehre positiv zu formulieren. Wie so oft haben‘s die Griechen also bereits erfunden. Fällt dir ein Beispiel ein, das man nur „negativ“ ergründen kann?

Sohn: Ja, ganz einfache Dinge: Kälte, Dunkelheit, das Nichts. Lass uns mal versuchen, das Nichts zu erfühlen, Papa. Vielleicht entdecken wir dann etwas.

Vater: Kälte gibt es physikalisch gar nicht, nur Wärme. Dunkelheit als Abwesenheit von Licht. Das Nichts ist logisch nur das Gegenteil von „Etwas“. Es sind positive Begriffe nur mit negativen Vorzeichen.

Sohn: Ja, gut, wenn wir einen Physiker fragen, mag das so sein, Papa. Aber erfassen wir damit die Wirklichkeit wirklich? Natürlich könnte ich immer sagen, „mir ist nicht warm“ anstatt „mir ist kalt“ und klar – das wäre ein wenig umständlich. Worauf ich aber hinaus möchte: Wir fühlen doch, dass sich Kälte ganz anders anfühlt als Wärme. Sinnesmäßig sind es doch zwei verschiedene Dinge.

Vater: Es sind verschiedene Erscheinungen desselben Dinges an sich, würde Kant sagen.

Sohn: Damit nivellierst du die Unterschiede in den Erscheinungen aber einfach weg. Du behauptest einfach: Sie seien nicht wichtig, weil sie nicht in das Gedankengebäude passen. Sei es nun die Physik oder von mir aus auch das, was Kant gesagt hat. Woher weißt du, dass beide recht haben?

Vater: Ich weiß es nicht. In Ordnung. Ich stelle aber fest, wenn ich die Augen schließe, dass der Begriff „Das Nichts“ immer noch da ist. Wir müssen doch wenigstens irgendeinen Begriff haben, an dem wir uns abarbeiten können. Erst muss etwas positiv formuliert werden und dann kann man prüfen, ob es stimmt. Ist ja übrigens nicht so, dass die Physik nicht so vorgeht. Nennt sich Falsifikation bzw. kritischer Rationalismus. Lies‘ mal Popper.

Sohn: Ja, aber die Wissenschaftsgeschichte hat ihre Schritte schon gemacht. Bisher passt es halt, aber eben nur durch geschicktes Ausblenden von dem, was man nicht mit herkömmlicher Methodik bekommen kann. Unser bewusstes Erleben befindet sich auf einem anderen Level als das, was man mit Begriffen, Logik und Physik beschreiben kann. Es bleibt immer nur ein Abklatsch. Das echte Leben ist ein Bewusstheitsstrom von Erleben und Erlebtem.

Vater: Mein Sohn, jetzt sprichst du wie ein echter Philosoph. Folgender Einwand: Du redest davon, Erkenntnisse gewinnen zu wollen. Auch dein Bewusstheitsstrom findet in „etwas“ statt. Es muss etwas objektiv zumindest als Rahmen geben und allein diese Grundvoraussetzung muss positiv sein.

Sohn: Unser Erleben in dieser Diskussion ist offenbar, dass es uns Spaß macht. So ein Gespräch hatten wir schon lange nicht mehr.

Vater: Ja, macht Spaß, finde ich auch. Sollten wir öfters machen.

Sie schweigen eine Weile.

Sohn: Papa, du merkst gar nicht, dass du gerade selbst eigentlich negative Philosophie betreibst. Wir haben gerade eine Erkenntnis gewonnen, die über das begrifflich Gesagte hinausging.

Verlierer-Kakerlake

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Weltlage

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Wortleer

Die Wörter sind nachts gegangen. Sie haben ihre Schuhe nicht angezogen. Sie haben die Tür offengelassen. Am Morgen lag die Sprache im Flur, dünn, wie eine Haut, die jemand abgezogen hat.

Ich bin über sie hinweggestiegen.

*

Das Ding in der Mitte hat vier Beine. Ich lege die Hände darauf. Kühl. Glatt. Es steht, als hätte es nie etwas anderes getan.

Eine Frau in Weiss sagt ein Wort. Das Wort fällt auf den Boden. Bleibt dort.

*

Draussen etwas Grosses. Grün. Es bewegt sich, wenn die Luft sich bewegt. Langsam. Als hätte es Zeit für alles, was ich nicht mehr habe.

*

Eine Frau kommt. Nasse Augen. Sie riecht nach etwas, das in meinem Bauch wohnt, tief, am Grund, wo die Wörter nicht hinkommen.

Sie umarmt mich. Weicher Körper. Nasses Gesicht an meinem Hals.

Ich halte still. Warme Luft. Warme Haut. Das reicht.

*

Im Spiegel eine Frau. Weisse Haare. Falten wie Risse in trockenem Holz. Sie hat meine Augen oder ich ihre.

Ich lege die Hand auf das Glas. Kalt. Die Frau legt auch die Hand. Zwischen uns nichts als Kälte.

Ich lächle. Sie lächelt. Zwei Fremde, die sich mögen.

*

Die Frau in Weiss drückt auf meinen Arm. Steckt etwas Kaltes in mein Ohr. Schreibt.

Alle schreiben hier. Alle schreiben über mich. Ich schreibe nicht. Ich habe nichts zu schreiben. Die Wörter sind in der Nacht gegangen und haben nichts dagelassen, nur den Platz, wo sie standen, und der Platz ist still.

*

Die nasse Frau bringt rote Dinge. Klein. Weich. Körner aussen.

Ich halte eines. Rieche. Der Geruch fährt in meinen Kopf und rührt etwas um, ganz unten, im Dunkeln, wo ich nicht hinkomme. Etwas bewegt sich dort. Kurz. Dann wieder still.

Ich beisse ab. Süss. Sauer. Kalt. Mein Mund weiss Dinge, die mein Kopf vergessen hat. Mein Mund war schon immer klüger.

*

Nachts ein Mann in meinem Kopf. Er steht da. Sein Gesicht wie Wasser. Ich greife rein. Es zerfliesst.

Morgens der Platz, wo er stand. Kein Schmerz. Kein Loch. Nur Platz.

*

Zwei Frauen reden. Schnell. Viel. Laute wie Regen auf Blech. Zwischen den Lauten mein Name. Oder ein Wort, das klingt wie etwas, das mir gehört hat.

Die eine weint. Die andere nickt. Ich sitze dazwischen. Meine Hände auf dem Holzding. Draussen das Grüne. Die Luft riecht nach Kartoffeln.

*

Ein Kind. Klein. Laut. Es fasst mein Gesicht an. Fettfinger auf meinen Wangen.

Es zeigt auf das Grüne draussen und macht ein Geräusch. Ich mache das Geräusch nach. Wir lachen.

Das Kind und ich. Wir zeigen und machen Geräusche und lachen. Alle anderen im Zimmer werden still.

*

Der Stoff am Fenster. Er bewegt sich. Jeden Tag schaue ich ihn an. Jeden Tag zum ersten Mal. Er hat Falten. Licht geht durch ihn hindurch. Dünn und hell.

Ich könnte den Stoff stundenlang anschauen. Ich könnte alles stundenlang anschauen. Die Zeit ist gross geworden. Früher war die Zeit klein und schnell. Jetzt ist die Zeit langsam und passt überall rein.

*

Die nasse Frau hält meine Hand. Kalte Finger. Sie drückt fest.

Ihre Hand sagt etwas. Hände sprechen lauter als Münder. Hände lügen nicht. Hände können nicht lügen. Dafür braucht man Wörter.

*

Manchmal geht mein Mund auf und Töne kommen raus. Keine Wörter. Töne. Hoch. Tief. Dazwischen Luft.

Die Frau in Weiss schaut. Alle schauen, wenn mein Mund Töne macht. Als wäre etwas falsch. Aber nichts ist falsch. Mein Mund macht Töne. Die Luft nimmt sie mit. Weg. Das ist alles.

*

Das Licht auf dem Boden. Es wandert. Morgens liegt es beim Holzding. Mittags an der Wand. Abends auf meinen Knien.

Ich schaue das Licht an und das Licht schaut nicht zurück und das ist gut. Nicht alles muss zurückschauen.

*

Ich werde aufhören. Das weiss mein Körper. Mein Kopf weiss es nicht. Mein Körper weiss Dinge, die er mir nicht sagt.

Der Stoff wird sich bewegen. Das Grüne wird stehen. Das Licht wird auf den Boden fallen. Alles wird da sein. Ich nicht.

Das Grüne wird sich trotzdem bewegen.

*

Jetzt. Meine Hände auf dem Holzding. Der Stoff am Fenster. Das Grüne draussen.

Still. Wortleer. Alles da.


Felldenken

Die Katze liegt auf dem Befund. Vier Kilo Fell auf dem Wort Lebenserwartung.

Sie atmet. Das Papier hebt sich. Das Papier senkt sich. Unter dem Fell die Buchstaben. Über dem Fell die Luft. Dazwischen Mau.

*

Mau schaut mich an und in ihren Augen ist nichts. Kein Mitleid. Kein Urteil. Kein Rat. Grünes Glas. Ich schaue hinein und sehe mich nicht.

Bei Menschen sehe ich mich. Im Blick meines Mannes sehe ich eine Frau, die funktioniert. Im Blick meiner Mutter sehe ich ein Kind, das enttäuscht. Im Blick meiner Kollegin sehe ich jemand, der langsamer geht als gestern.

In Maus Augen sehe ich nichts. Das ist das Einzige, das stimmt.

*

Morgens der Napf. Mau sitzt davor. Nicht hungrig. Nicht geduldig. Mau sitzt vor dem Napf, wie ein Stein vor einem Stein sitzt.

Ich öffne die Dose. Das Messer kratzt am Blech. Mau frisst.

Kein Danke. Kein Blick nach oben. Kein Vertrag.

Menschen fressen und lügen. Danke sagen und nicht meinen. Lächeln und zählen. Mau frisst und das Fressen ist das Fressen und sonst nichts. Dahinter ist keine Tür. Dahinter ist kein Zimmer.

*

Die Schulterblätter unter dem Fell. Sie verschieben sich, wenn Mau läuft. Wie etwas, das unter der Haut lebt. Wie Knochen, die ihren eigenen Plan haben.

Mein Körper hat auch einen Plan. Mein Körper baut Zacken in mein Gelenk und frisst den Knorpel und baut und frisst und baut. Mein Körper fragt mich nicht.

Maus Körper fragt Mau nicht. Aber Mau fragt auch nicht zurück. Das ist der Unterschied. Ich frage und der Körper antwortet nicht. Mau fragt nicht und der Körper antwortet trotzdem.

*

Drei Uhr nachts. Mau auf meiner Brust. Ihr Herz schlägt schneller als meins. Zwei Herzen in einem Bett und eines schläft und eines liegt wach und zählt das andere.

Maus Schnurren geht durch meine Rippen. Sechsundzwanzig Hertz. Das ist die Frequenz, bei der Knochen heilen. Das hat jemand gemessen. Jemand hat eine Katze an eine Maschine gehängt und das Schnurren gemessen und eine Zahl aufgeschrieben.

Die Zahl hilft nicht. Das Schnurren hilft.

*

Mein Mann und ich am Küchentisch. Kaffee. Zeitung. Er sagt: Wir müssen reden.

Mau liegt auf dem Stuhl zwischen uns. Auf dem Stuhl, auf dem niemand sitzt. Der Stuhl gehört Mau. Alles, worauf niemand sitzt, gehört Mau.

Wir reden. Eine Stunde. Über die Wohnung. Das Geld. Die Schule. Den Sommer.

Am Ende sagt mein Mann: Gut. Nichts ist entschieden. Alles war vorher entschieden. Mau hat geschlafen. Mau wusste das.

*

Mein Mann liest die Zeitung. Kriege. Mau liegt auf der Zeitung. Auf den Kriegen.

Vier Kilo Fell auf toten Kindern und brennenden Städten und mein Mann zieht die Zeitung unter Mau hervor und Mau bewegt sich nicht und die Zeitung reisst und die halben Kriege bleiben unter Mau und die halben Kriege liegen in der Hand meines Mannes und er liest die halben Kriege und trinkt Kaffee.

Mau schläft auf der anderen Hälfte.

*

Meine Tochter weint. Dreizehn. Ein Wort. Ein Junge hat ein Wort gesagt und das Wort ist in meiner Tochter und meine Tochter blutet nach innen.

Ich sage Sätze. Das geht vorbei. Er ist es nicht wert. Sätze wie Pflaster, die nicht kleben.

Mau springt aufs Bett. Fell an den nassen Arm. Nichts sonst. Kein Satz. Kein Pflaster.

Meine Tochter schläft ein. Mau auf ihrem Arm. Das Fell trocknet die Tränen und das Fell weiss nicht, dass es trocknet, und das ist der Grund, warum es trocknet.

*

Ich lese Bücher über das Loslassen. Zweihundert Seiten darüber, wie man die Hände öffnet.

Mau hat keine Hände. Mau hat Pfoten und die Pfoten greifen und lassen los und greifen und lassen los und die Pfoten haben kein Buch gelesen.

*

In der Nacht schiebt sich Mau unter die Decke. Ihr Körper an meinem Körper. Ihr Fell an meiner Haut. Für drei Minuten bin ich ein Tier. Kein Mensch. Kein Name. Kein Alter. Kein Befund.

Dann wache ich auf und denke und das Tier ist tot.

*

Felldenken. Das Wort gibt es nicht. Ich habe es gemacht. Aus Fell und Denken. Aber das stimmt nicht. Felldenken ist das Gegenteil von Denken. Felldenken ist das, was passiert, wenn der Kopf aufhört. Wenn das Fell anfängt. Wenn vier Kilo auf einer Kommode liegen und die Augen zu sind und die Welt draussen ist und alles beantwortet ist, weil niemand gefragt hat.

*

Mau trinkt Wasser. Ihre Zunge macht ein Geräusch. Schnell. Regelmässig. Wie eine kleine Maschine. Dann hört sie auf. Geht weg. Dreht sich nicht um.

Ich drehe mich immer um.

*

Mau wird sterben. Vierzehn ist sie. Ihre Hinterbeine morgens steif. Vom Stuhl auf den Tisch. Vom Tisch auf die Kommode. Drei Sprünge statt einem. Der Körper wird kleiner. Der Weg wird länger.

Wenn Mau stirbt, wird die Kommode leer sein. Das Licht wird auf das Holz fallen. Kein Fell. Kein Atem. Kein Heben und Senken.

Mein Mann wird sagen: Sie hatte ein gutes Leben.

Aber Mau hatte kein gutes Leben. Mau hatte ein Leben. Ohne Adjektiv. Ein Leben, das lag und frass und schlief und schnurrte und die Augen schloss und die Welt verlor und nicht merkte, dass die Welt verliert, weil Mau nicht mitspielte.

Und das Felldenken wird aufhören. Und niemand wird auf der Kommode liegen. Und das Licht wird auf das Holz fallen und niemand wird es auffangen. Und ich werde stehen und denken und mein Denken wird keinen Boden haben.

*

Mau liegt auf der Kommode. Ich stehe daneben.

Unter Mau das Holz. Unter dem Holz der Boden. Unter dem Boden die Erde.

Unter mir nichts.


Lyrik 20
Aus Weg

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Das Gedicht ist nur Erfindung

Es ist alles nur Erfindung.
Die Welt ist rund, Sport ist gesund,
und wer nicht hart ist im Nehmen, geht Ex.
Ich und du und er und sie und
es – alle perplex
und Erfindung.

Komplex ist die Welt,
und wirklich niemandem stehen Kleider aus Spandex.
Die machen fett.
Das Foto ist Erfindung.

Die Minderheit ist schwach
und die Masse im Recht —
Das wäre bequem,
das wär gar nicht schlecht,
doch: Erfindung.

Wenige sind reich, viele sind arm,
der Scheich führt die Karawane an – ins heilige Land.
Da ist es warm.
Eigentlich sind wir alle verwandt im Geiste, bei Gott —
auch der ist Erfindung.

Alles molekular, auch der Schrott. So bleibt es wahr, so bleibts bigot; bleibt
Geld, Liebe, Kirche, Staat,
Diebe, Politik, Verrat,
meine Worte, dein Gesicht,
du, wir, ich…
die Verbindung zwischen uns – nur Erfindung.

Und an dem Tag,
an dem sich die Welt nicht mehr dreht, sich auf schreiende Stille versteht ist nichts mehr verwandel- und verhandelbar. Kein Ausschlag auf keiner Skala. Kein Licht, kein Schatten
Dann war was wir niemals hatten – Erfindung.

Wer wohl mit den Ratten,
wer vor die Hunde geht?
Ein schönes Geräusch,
wie die Scheuklappe schlägt
an den Mandelkern, frisch ausgesät.

Der Plan dieser Tage:
gemeinsam voran in der Frage:
Wer was wann wohin verdreht;
Wie die modernen Monarchen,
die Erfindung durchbrachen?

Sie wirft uns den Apfel zu.
Glänzend gold.
Das haben alle so gewollt,
auch verstanden und gewusst, dass wir alles bloß erfanden.

Doch was kommt nach dem Schluss? Was kann man noch tun?

Nun:

Wenn man uns nochmal ranlässt, erfinden wir halt etwas anderes.

Das imaginäre Selbst

Stell dir vor, du erwachst.
Und nichts gehört dir mehr.
Nicht dein Name. Nicht dein Körper.
Nicht deine Erinnerungen.
Alles, was du für „Ich“ gehalten hast, war nur ein Schatten.

Du trittst hinaus auf die Straße.
Die Menschen sind da – und auch doch nicht.
Sie reden, gehen, lachen, streiten.
Aber du nimmst nur Bewegungen wahr.
Kein Urteil, kein Bild, kein Drama.

Du siehst einen Baum.
Nur einen Baum.
Kein Symbol, kein „gut, kein „schlecht“.
Nur Licht auf Rinde.
Nur Leben, das existiert, ohne sich zu rechtfertigen.

Und plötzlich erkennst du:
Alles, wovor du je Angst hattest, war Illusion.
Alles, was du verteidigt hast, war eine Geschichte,
die du selbst geglaubt hast.

Du spürst Angst – aber sie gehört nicht mehr dir.
Du spürst Trauer – aber sie definiert dich nicht mehr.
Du bist weder Opfer noch Täter.
Du bist weder Held noch Narr.
Du bist nur dies:
Ein Herzschlag, ein Athemzug, ein Moment.

Stell dir vor, das lebten viele.
Eine Gesellschaft ohne Besitz, ohne Forderungen, ohne Ideologien.
Menschen streiten nicht mehr über Bilder.
Sie handeln, sie reagieren, sie atmen.
Die Welt wäre klarer, härter, stiller. Aber unverfälscht.

Stell dir vor, die Stille brennt.
Sie fließt wie ein Rinnsal durch die Straßen, durch die Körper, durch dich selbst.
Sie ist wild.
Sie ist frei.

Und sie lässt dich erkennen:
Du hattest nie etwas.
Und genau darin liegt alles.

Und jetzt hör auf, dir das vorzustellen.
Denn es war nie nur ein Bild.
Es ist einfach da.
Immer schon.
Und du bist mittendrin.

Der wackelnde Tanz

Das Leben ist ein wankender, wackelnder Seiltänzer
über dem Abgrund der Alltäglichkeit—
zitternd balanciert er zwischen Banalität und Wunder,
schwankend zwischen Mut und tiefer Angst,
ein kalter Knoten im Bauch, der sich windet,
zögernd vor jedem neuen Schritt,
die Kehle eng, der Atem stockt,
zaudernd am Rand der großen Entscheidung,
bebend vor Erwartung,
ein elektrisches Kribbeln unter der Haut,
schwingend im Rhythmus der Zeit,
pendelnd zwischen Traum und Wirklichkeit.

Wacklig auf dem Seil der Hoffnung,
kippelig wie ein Kartenhaus im Atem,
ein Schwindel zieht die Schwerkraft aus den Beinen,
zittrig vor dem Sprung ins Ungewisse,
flackerig wie eine Kerze im Sturm,
ein eisiger Luftzug, der den Nacken hochkriecht,
taumelig zwischen Sein und Schein,
schlotternd wie Laub im Herbstregen,
wankelmütig in seinen Überzeugungen,
unbeständig wie Spiegelungen im Wasser,
ein Druck im Kopf, der das Denken vernebelt,
tattrig vor dem letzten Sprung,
unstet wie ein Kompass ohne Norden,
schwankend auf der Kante des Moments,
zerbrechlich wie Kristall im ersten Frost.

Bis er—mitten im Schwanken—innehält und fragt:
Wer hat mir gesagt, dass Fallen Tod bedeutet?
Dass Stillstand Leben und Wackeln Sterben ist?
Wer flüsterte mir zu, dass Sicherheit Schönheit sei?
Die Muskeln entspannen sich, ein Kloß löst sich aus der Brust.

Die Angst vor dem Sturz
das klamme, feuchte Gefühl auf der Haut verflüchtigt sich,
ist nur ein Schatten seiner verborgenen Flügel—
wacker trotz aller Wackligkeit,
ein Wackerer im Wanken,
ein warmes Pochen im Blut,
stark in seiner zarten Bewegung,
schön in seinem mutigen Schwanken,
vollkommen in seiner Unvollkommenheit,
geerdet, und doch frei,
ein Tänzer, der wieder tanzt. 

Die Philosophie des Nicht-Wissens

Ich war einst Wind.
So begann mein Leben.
Doch fühlte ich mich zu… formlos.

Dann wurde ich Feuer.
Getrieben von Überzeugung, brannte ich mein Wissen in ihre Türen.
Doch verging die Flamme in ihrer Abneigung.

Dann entschied ich mich.
Stein.
Das müsste ich sein.

Doch jetzt, als Stein, fühle ich mich schwer und stumpf.
Es ist, als sollte ich Stein,
auch nicht sein.

So sag mir, was soll ich sein?

Erbeten und doch unerwartet, kam die Antwort:

„Das was ihr erkennt, erkannte euch
und antwortet in der Sprache des Herzens
Sodass es euch in die Höhe trage —
Ganz ohne Flügel
Und doch beschwingt.“

Die Repräsentanten negativer Philosophie in meiner Stadt

Der Strabadichter
Wenn im Bus oder in der Straßenbahn
die Fenster beschlagen waren,
wenn Tropfentränen
herunterrannen,
stand bisweilen einer auf,
den sie den Schreiber nannten,
sonst den Verrückten von der Straba,
und der schrieb mit dem Zeigefinger
seine Gedichte auf das Glas.
Er machte keinen Pieps,
schrieb Scheibe für Scheibe voll,
die hinter ihm zerfloss.
Die Hausfrauen haben geglotzt,
die Schulmädchen gekichert.
Es liebten ihn die Kinder und
die Sanftmütigen und Zeitlosen.
Einer, der es wissen wollte,
soll die Sachen gelesen haben.
War angeblich wirres Zeug,
geschrieben in einer Sprache,
die Schmerzen und Trauer in die Luft malt.
Den Strabadichter gibt’s nicht mehr,
sie haben ihn abgeholt, sagt man.
Bestimmt schreibt er woanders,
seine Regengedichte.

Der Plattenzähler
In der Fußgängerzone schritt einer umher,
der alles vor-, rückwärts- und nachrechnete.
Stelzte an den grauen Platten entlang,
addierte sie hin, Stück für Stück,
als wolle er die Welt in Zahlen zwängen.
Nach jeder hundertsten oder zwanzigsten
malte er komische Zeichen mit Buntkreide.
Mit einer, die Kinder haben, wenn sie
ein Himmel-Hölle-Spiel
auf den Teer kratzen wollen.
Er stolzierter daher in Anzug und so,
behördlich, amtlich, offiziel.
Er hatte keine Miene, sprach kein Wort,
ging die Straßen auf und ab,
ein Klemmbrett vor die Nase gerückt,
um Inventur zu betreiben.
Als er schließlich die Verbundplatten signierte,
mit Permanentstift beschriftete,
– vielleicht wollte er der Stadt
eine kleine Ewigkeit schenken –
haben sie ihm das Rechnen verboten.
Er zählt nun woanders, andere Sachen.

Der Kieferorthopäde
An der Ecke zwischen Woolworth und
Edelklamottenshop steht immer einer
mit seiner Obdachlosenzeitung.
Er klappt den Unterkiefer auf und nieder,
als nage er sich durchs Pflaster.
Sein Zottelbart bewegt sich wie ein Wischmopp
auf einer Fensterscheibe, rauf und runter.
Er ist der Kieferorthopäde. Er ist ein lustiger Geselle,
vielleicht etwas zudringlich, wenn er getankt hat.
Alle Jahre kommt der Kieferorthopäde
für ein paar Wochen ins Trockendock.
Wenn er wieder zurückkommt und
mit seinen Heftchen an der Ecke steht,
schaut er nicht mehr so lustig aus. Was der
Mangel an Spirituosen auch auslöst?!

Die Fresserna
Sie, die Fresserna, streift dort herum,
wo sie einen neuen Fressstand aufmachen,
wo einer Pizza oder Bratwürste verkauft.
Sie ordert also eins von den Dingern,
einen hot dog z. B., und der Typ reicht ihr
das Brötchen mit Zwiebeln und der
heißen Wurst und Soße rüber.
Alles trieft von Senf und Sauerkraut etc.
Riecht, wie Appetit vom Himmel geschenkt.
Sie beißt erst mal kräftig rein.
Au fein sagt sie mit entzücktem Mund,
das nenn ich mir einen hot dog, labert
die ganze Zeit und futtert das Ding,
bis der hot dog Geschichte ist.
Der Wurstmann will u.a. die Knete sehen,
ist noch scheißfreundlich oder wie.
Im verzaubernden Lächeln meint sie:
hab keinen Cent, und gibt
ihm et cetera ein rechtes Dankschön.
Die meisten tragen es mit Fassung.
Wenn der Kerl die Bullen holt,
können die auch nicht den hot dog aus ihr
quetschen. Die Fresserna geht dann, denn
es ist keine Werbung für einen Laden,
wenn der nicht mal einen heißen Hund
für einen hungrigen überhat usw.

Der Ziegenpeter
Will keinen langweilen,
aber einen Typen, der mit einer Ziege
durch die Stadt läuft,
seht ihr kaum woanders.
Nicht, dass der betteln wollte,
Futter herausgeschlagen.
Er nahm die Ziege einfach mit,
zeigte den Leuten,
wie sein Vieh zählen konnte.
Er trank drei oder vier Kurze,
fragte, wieviel er intus habe.
Die hat ganz genau gemeckert.
Da haben irgendwelche die Bullen geholt.
Es war kein Schnaps in den Gläschen.
Der Ziegenpeter hatte keinen Gewerbeschein,
die Hippe bekam Stadtverbot.
Gesetz siegte, Macht triumphierte.
Die Stadt ist noch langweiliger.
War immerhin einer da, der meckert.

Karate Jo
Einer der Männer, die am fürchterlichsten
ausschauten, war Karate Jo. Er stand,
als er noch halbwegs fit war, da wie
eine in Glas gegossene Statue des
größten Kämpfers aller Schlitzaugen.
Nur dass Karate Jo kein Chinese war.
Aber er hielt die Augen zusammengepresst,
damit sie ganz dünne Striche wurden.
Dann pumpte er Energie in den Körper,
bis er wie ein Krebs ausschaute. Er zog seine
Schläge und Tritte im Tempo einer Karate-
schnecke durch, doch es lag anscheinend
gewaltige Spannung in ihnen. Er wartete,
bis er einen Schrei losschickte. Der hallte
quer über den Platz, bis er sich
an den ewigen Mauern des Doms brach.
Eine Zeitlang später,
als sie versucht hatten, ihm seine Anwandlungen
auszutreiben, habe ich ihn wieder gesehen. Er hatte
Beine und Arme mit weißen Binden umwickelt.
Ich wusste nicht, wohin ich schauen sollte.
Er sah aus wie eine Mischung aus
Frankenstein und Unfallabteilung.
Er war, glaube ich, ein todeinsamer Hund,
der sich in der Phantasie einen Platz suchte,
um zu überleben. Wie wir fast alle.

Der Josch
Wir denken an dich, mein alter Josch,
wenn die Straßen stinkdreckig sind,
die fettigen Pizzaschachteln herum-
flaggen, die halben Burger, die Blätter
von Zeitungen entlang segeln,
dann denken wir an dich,
wie du einher gezogen bist, einen
Müllsack hinter dir her, und eingetütet
hast: Held der Abfälle, hast alles
gegeben, alles verbraucht,
Zähigkeit und Trauer und Lächeln,
ein lässiger Gruß, ein langer Schluck,
wenn hinter dir die Straße lag,
sauber wie ein eingecremter Babyarsch.
Darum heben wir noch mal
ein Flaschenbier hoch zu dir,
denn falls es so einen Job gibt,
da ganz oben, Josch, bist du der Mann für,
weil dorten gibt’s genug aufzukehren,
hier macht es sowieso keiner mehr.

Der Glupschfisch
Steht Morgen für Morgen an der Haltestelle,
ein Typ, eineinhalb Meter hoch, Hose fast
genauso lang, Brille dick wie eine Schaufensterscheibe,
glotzt dann wie ein Glupschfisch,
hat eine Stofftasche um den Hals, gafft die Mädchen an,
als wolle er sie allesamt zum Frühstück,
reibt sich einen ab, flitzt immer hin und her,
manchmal schreit er:
ihr müsst alle eure blöde Fresse halten,
könnts heim gehen, ihr Saftheinis.

Die Leute starren, höchstens die Mädels kichern,
jeder wartet auf eine Vorstellung,
auf die Wahrheit, endlich,
auf den letzten Segen.

Die Klischke
Im vierten Stock wohnt die 80jährige Klischke
und ihr Sohn Bruno, der Versicherungsfritze ist.
Die Klischke hat das Sprechen eingestellt,
sonst auch fast alles.
Sie tapst die Treppen herunter, ihr Gesicht eingefroren,
die Augen ins Nirgendwo gerichtet,
kriegt keinen Pieps raus.
Gegen Mittag bekommt sie Essen auf Rädern.
Ab und an reißt sie die Tür auf.
Sie stellt sich an das Treppengeländer.
Erst tönt ein Akkord,
als wäre sie eine Orgel,
die durch das Treppenhaus braust.
Mit Der Geist des Herrn erfüllet sie tritt sie wie
der Papst nach vorne,
schüttet unter Das ist ein köstlich Ding
Suppe, Gemüse, Fleisch übers Geländer in den Hausflur hinab.
Bei Wir essen all von einem Brot schlurft sie zurück.
Die Frau des Hausmeisters muss zu Himmelsau, licht und blau
die ganze Sauerei aufwischen.
Abends, wenn Bruno Klischke von der Arbeit kommt,
steht der Hausmeister rauchend vor dem Haus,
wippt auf den Zehen.
Ganze zwei Stunden hat meine Frau hingeschafft
knurrt er. Unter Entschuldigungen zückt
Bruno die Börse.
Alte Leute sagt der Hausmeister,
während er die Scheine einstreicht.
Gnadenlos.

Der letzte Stadtindianer
Wenn ich erzähle, wie er in der Stadt,
unten in einem Viertel, wohnt,
in einem Loch, wo die Kakerlaken Wettrennen abhalten,
wenn ich erzähle, dass er jeden Monat Stütze zieht,
wenn er hustet wie ein Hund,
wenn er jeden Morgen zu sterben meint,
ist er so ein asseliger Typ,
der kaum mehr die Knochen hochkriegt,
der an der Flasche hängt oder
im Abfalleimer. Der Dreck der Straße.

Wenn er über den Rathausplatz geht, stehen bleibt,
wenn er beschattend die Hand über die Augen legt,
wenn er im Tanz die Taten der Krieger,
den Tod des Büffels besingt,
wenn er den Gott des Regens
seinen Bruder heißt, die Sonne
in der Brust versenkt,
ist er der letzte Stadtindianer,
ein Kind des großen Manitus,
der weiß, was es heißt, nicht zu sterben.

Der letzte Stadtindianer ist gegangen,
aus seiner verschimmelten Bude,
gegangen über die weite Prärie
in die ewige Vergangenheit.
Singe dieses Gedicht für ihn.

Vom Überleben in dieser Stadt
Wenn du eine Zeitlang in dieser Stadt wohnst,
kapierst du endlich, dass du seelenallein bist.
Die Leute gehen durch dich als wären sie Schatten,
von irgendwoher. Gesichter wandern ohne
Namen und Zahl. Über dir ein Himmel,
vom Licht getauft oder grau wie die dumme Sünde.
Es macht keinen Unterschied.
Du weißt nicht, warum du hier wohnst
und was überhaupt noch ein Wohin ist.
Seltsamerweise versuchst du es zu erklären,
selbst wenn es keiner wissen will, keiner zuhört.
Die Menschen sind wie Staub, die Straßen
schwarze Schnitte, böse Risse, in denen
leblose Sachen versinken und vergessen.
Du gehst aus dem Haus, einige Wege
weiter, aber du möchtest flüchten, an
Türen klopfen, auf denen Angst steht,
die verriegelt sind. Augen in den Fenstern.
In der Menge möchtest du untertauchen,
die dich zu verschlingen droht. Namen
werden gerufen, die du nicht kennen darfst,
Hunde schnappen nach dir, die Zeit schlägt dir
Wassertropfen ins Gesicht,
als wären es die letzten Tränen,
die Hände sind nicht deine.
Du möchtest vergessen werden, bevor man
dich kennt, im Wirrwarr der Fahrzeuge
mitgerissen sein, doch du kannst den Plan
nicht lesen, kennst nicht mehr die Bahnhöfe.
Du kannst nichts mit dem Tag anfangen,
die Nacht nicht mit dir. Du nimmst die
Gewohnheiten eines Irren an: von einem
der umherstreicht, verlassen von Geist und Seele.
Ausgelacht und ausgelebt in einer falschen Welt,
ohne je die Wahrheit anzuhauchen,
ein bisschen Wärme an der Haut zu verspüren.
Bei sich sein, in sich sein,
eine abgedroschene Phrase,
aber vielleicht die letzte Möglichkeit,
in dieser Stadt zu leben.

Ein Gedicht

Sonne über der Stadt
die Straßen sind aus Gold
und die Sprache der Gärten
ist ein zeitloses Buch
sie prüft ihre Welt
und schließt den Zorn
ich wohne in einem Wendepunkt
Metamorphose und Bedeutungsverlust
wildern in den Herzen
niemand bleibt
im Regen bin ich einfach aufgelöst

Endlich

Als Dunkelheit das Licht gebar
und alles wurde sonnenklar,
als Nebel reiner Klarheit wich,
der Zweifel sich von Dannen schlich,
als Fragen platzten, Traum zerran…  
fing er endlich zu leben an.

Ich und Nicht-Ich

Wie ein Fels steht es da,
scheinbar unbeeinflusst von den Gedanken.
Doch wie wird es morgen sein,
wenn wilde Ängste in mir ranken?
Ich schau‘ ihnen nicht ins Gesicht,
ich setz‘ der Wahrheit Schranken.

Zu enge Schranken ließen das Ich erkranken,
Gefühle und Gedanken ertranken,
der Fels geriet ins Wanken,
stürzte ins Meer des Unbewussten,
in das die Gedanken sanken.

Jetzt bin ich wieder da,
dir und deiner Liebe möchte ich danken.

Inschrift

Eine Parkbank am Nachmittag.

Ins Holz
eine Liebeserklärung
geritzt.

Zwei Anfangsbuchstaben
berühren sich noch.

Das Herz
kaum noch zu sehen.

Moos sammelt sich in den Ritzen.

Menschen setzen sich,
Niemand bleibt lange.

Der Wind liest
darüber hinweg.

Chandrika Wolkenstein

Jeder Regen lässt dich wieder hoffen

Jeder Regen lässt dich wieder hoffen,
dass alles anders werden kann mit einem Mal.
Die Welt ist neu, die Wege stehen offen,
du glaubst, du hast jetzt wieder eine Wahl;

hinauszugehen, endlich wieder träumen,
von andren, die mit dir ins Weite schauen.
So suchst du wieder in den leeren Räumen
und fasst zur Welt ein freundliches Vertrauen.

Es wird wohl wieder nur Enttäuschung finden,
du wirst dich quälen, zweifeln, wieder traurig sein,
und wieder werden viele dir entschwinden,
dann stehst du wieder einmal hier, wieder allein.

Du bist nicht falsch, du hast nur andre Ziele,
du weißt, warum dein Herz zu Menschen weht.
Sie sind nicht so! Weiß Gott, so unerträglich viele
sehn nichts, was nicht allein um sie sich dreht.

Lass sie, du wirst sie nicht erreichen.
Rette dein Herz und kehr zu dir zurück.
Kein Wort, kein Schmerz kann sie erreichen;
die Wahrheit – ach – die kümmert sie kein Stück.

Der Schmerz, der dich zerreißt, er wird vergehen,
du hast noch dich und das ist doch sehr viel.
Sie werden nie das Licht der Nähe sehen,
für sie ist alles dunkles, eitles Spiel.

Kein Nichts

Wärme umschlingt mein Haupt
sie tut es leise, mit Gefühl
sie wärmt darin mein Innerstes.
Es ist egal,
ob ich besorgt oder
verängstigt bin,
ist ganz egal, die Freude, die Wut, der Schauder,
der mich ´Göttliches´ vermuten lässt.
Die Wärme ist es nicht einmal, ist nur nichts,
ist nur bloß ich.
Das ist nicht Kraft ist auch nicht Trauer,
nichts das von mir kommt, oder von Dauer –
doch. Das ist es schon. Es ist ganz zeitlos, immer da,
ist zugleich stark und wunderbar.
Aber es ist nichts, nichts das durch mich scheint;
keine Angst und keine Trauer, ist nur nichts, ist bloß von Dauer,
es ist da und es ist Licht,
mehr sage ich dazu, – kann ich nicht.
Danke, dass es existiert, Demut davor, was sonst noch – nicht?
Ich kann es nicht glauben, ich kann es nicht greifen, ich kann nur vertrauen, dass es bei mir bleibt.
Und in dem Vertrauen, da liegt es schon.
Einfach oder?
Und doch so schwer.

nichts

nichts ist sicher
wie du glauben willst
nichts kann sich halten
nichts gehalten werden

nichts bleibt
wie es ist
nichts ist so
wie du denkst

dein ego ist’s
was dich treibt
und in die irre führt

getrennt von deiner quelle
die du bist
und immer bleibst

Suchen

Angst in die Welt atmen

und so viele Worte
und so viel Tun

und nicht wissen,
wohin wir wollen

und sich verlieren
in der Wüste der Verwirrten

Un

Brache

Sei mir nicht kram, Kokosflocke, du
beißt doch, feil man nicht sagen kann,
was man viel, will man halb, was
man sägt, die Schbrache verzagt, die
Forte sand viel zu umvoll kommen
nicht ran, um, was unvölkt in uns
vogt, zu zeichen, will zu eng, zu
bekränzt, zu festgelügt auf eine
Deuchung schön, um die Fühle
unsers Entfindens, Erwahrens, Urlebens,
die Blitze unsrer Gedünkenverknopfung
mit ihren offenen, bindungsteig-
lichen Rendern fiederzugeben, auszu-
stillen, mitzuheilen, selbst ausbrücken
krümmt nur vaage heran, so bleibt
urgo bloß, den Mackel, die Mangelheftig-
keit der Spreche als Prowiesorium
salber immer gleich mit vorzuzeugen,
vernämlich zu machen und damit
allen suchtbar sie symbolinisch
zu murxen, um so ex megatiefo,
asymdotisch quasi anzudeuteln das
unwohlständige Ganze.

+++

Studentenzeit

Mit allen Wassern ungewaschen,
hörten wir, was Professoren
unklar und undeutlich sagten.
Wir nahmen‘s zur Unkenntnis,
schrieben es ins Unreine,
jedes nach seiner Unart,
und erlangten solides Unwissen
vom Unsinn des Lebens,
indem wir allmählich lernten,
unpassend zu machen, was paßt.
Manchmal verbrachten wir auch ungemütliche Abende
mit den üblichen Unverdächtigen
an Unrastplätzen wie der Unberechen-Bar,
scherzhaft Pi genannt, wo wir, unwohlbestallt,
unreinen Wein eingeschenkt bekamen.
Meist gelang es nur,
uns einander unverständlich zu machen,
trotzdem nickten wir übereinstimmend.
Vieles konnten wir bloß mit Ungewißheit sagen,
außer, daß wir mit hoher Unwahrscheinlichkeit
Millionäre werden würden.
Das Leben war eine Unwucht!

+++

Un

Leben wir in bescholtenen
oder in wirtlichen Tagen? Dräut
neue Bill oder Klagen? Ich bin
zu beirrbar, erschütterlich, beugsam
für solche Fragen. Ich kann nur
sagen, seht die gelenke, die flätige,
die ermüdlich tätige, Kalt-
mamsell und wie glaublich behende
sie zählige Spitzendeckchen
drapiert, gustiöse Häppchen plaziert
auf der Anrichte. Offenbar sind
zu meiner bändigen Freude
gestüme Gäste geladen,
sämtlich Sympathen oder Getüme,
liebsam, gebärdig, ersättlich, die bloß
entwegt und verblümt etwas sagen,
eh sie verrichteter Dinge entschweben,
wohltuend wirsches Geziefer.

Und morgen brennt es immer noch

Sag mir:
Wie soll man Brände löschen,
die nicht draußen, sondern innen toben?

Flammen, die sich lautlos
durch Mark und Erinnerung fressen,
die jede Regung, jeden Atemzug
in Hitze verwandeln.

Dieses Brennen…
es hat keinen Anfang,
keinen Schluss.
Und du wartest.
Und wartest.
Und wartest.
Und während du wartest,
zerfällt etwas in dir.
Unsichtbar.
Unaufhaltsam.

Was bleibt,
wenn selbst die Glut
deinen Namen vergisst?

Verloren

Verschließe meine Augen
Weil ich nichts sehen will
Bei Bildern die was taugen
Seh ich nicht mehr hin.

Verschließe meine Ohren
Und höre soviel Mist
In der lauten Welt verloren
Das was wichtig ist.

Verschließe meinen Mund
Stell keine Fragen mehr
Die Lippen sind schon wund
Brauchen keine Worte mehr.

Verschließe meinen Verstand
Der Kopf tut mir schon weh
Was sich darin befand
Ich niemals wieder seh.

Verschließe nun mein Herz
Bin mein eigenes Versteck
Ein letzter zarter Schmerz
Und plötzlich bin ich weg.

Verwelkend verschenken

ich habe viele Menschen ans Denken verloren

sie leben in Welten 

die es für mich gar nicht gibt

in denen Regeln viel gelten

und niemand mehr liebt.

Wenn es dort nicht so düster wäre

ginge ich mit in ihre Sphäre

bastelte mit an der Materie

glaubte gar gern an ihre Lehre

eins und eins sei zwei

und eins und zwei sei drei

null sei nichts und hundert viel

der Gang der Sonne verfolge ein Ziel.

Denn ich war noch nie so allein

in Geist und Herz noch nie so verlassen

nie sind die Brüder mir fremder gewesen

nie war mir Sterben lieber als Leben

es offenbarte sich immer ein innerer Sinn

es wuchs immer als Garten 

was ich eigentlich bin.

Doch hat man schwarze Magie vollführt

man hat die dunklen Punkte vernetzt

und daraus Mauern aus Angst gebaut

so hat man die Welt entführt

und mir die Braut geklaut

das Hirn hat den Geist ersetzt

und der äußere Zweck den inneren Sinn

der vermeintliche Zweck wuchert als Unkraut

und dieses Wachstum nennt man Gewinn.

Blühen kann hier längst nichts mehr

die Atmosphäre nährt hier nur den Schein

schon das Atmen fällt hier schwer

Geist und Seele wollen hier nicht sein

du willst nur noch verschenken

was noch hier ist von dir

verwelkend verschenken

was nicht möglich war als wir.

Vielleicht ich 

Ich weiß nicht, wer ich bin.
Nicht mehr.
Vielleicht nie wirklich.

Zu viele Rollen,
zu viele Masken,
zu viele Versionen von mir,
die euch gefallen sollten.

Ich habe mich geformt 
nach Blicken.
Verändert
nach Worten.
Zerbrochen 
nach Erwartungen.

Und irgendwo dazwischen 
bin ich verloren gegangen.

Doch heute –
Heute ist es still in mir.
Kein Sturm.
Kein Schreien.
Nur Stille.

Und ein Flüstern.
Ein Flüstern,
das klingt wie ich.

Nicht laut.
Nicht sicher.
Nicht stark.

Aber da.

Vielleicht bin ich das.
Vielleicht bin ich
dieses leise ich,
das nicht mehr lügen will.
Das keine Rüstung mehr tragen kann. 
Das keine Rolle mehr spielen möchte.

Vielleicht reicht das.
Vielleicht bin ich genug,
auch wenn ich nichts bin 
außer
ich.

Was bleibt, wenn alles vergeht

Du liegst im Bett, eingehüllt in einer weißen Decke –
es ist deine letzte Strecke.
Ärzte haben aufgeklärt: Du wirst bald sterben.

Aber deine Kinder haben sich gewehrt und gestikulieren,
und während sie ungehalten reagieren,
über angebotene Therapieformen diskutieren –
blickt dein kleiner Enkel zu dir herauf,
steht bei deiner Tochter, sein kleiner Kopf neben ihrem Babybauch,
er lächelt und reicht dir die Hand.

Sie fühlt sich weich an – und leicht.
Du zwinkerst ihm zu, müde.
Und während der Junge dasteht und dich einfach ansieht, weißt du:
Er ist der Einzige, der versteht.

Und dein Schwiegersohn?
Mit seinem Einfallsreichtum?
Gibt keine Ruhe. Steht da. Stocksteif –
Und na klar – es muss doch was geben,
um noch länger zu leben.

Aber die Ärzte reden nicht von Jahren – sowieso nicht
und eher nicht von Monaten.
Und dann denkst du an das Kind im Strohwagen,
denn bald ist Weihnachten,
und du weißt: Das schaffst du nicht.
Und auch wenn es traurig klingt –
du wirst dein zweites Enkelkind
nicht mehr im Arm halten.

Doch deine Kinder suchen weiter nach einem Wunder,
nach einer besonderen Energie –
in Form einer Behandlung, einer letzten Therapie
gegen die Erkrankung.

Bald – im Sinne von irdisch messbaren Größen.
Doch deine Kinder wollen die Dinge für dich lösen,
diskutieren weiterhin:
Das Baby ist fast da – deine erste Enkelin!

Und sie reden nicht von Monaten –
sondern von wenigen Wochen, von Tagen.
Die Stimme deiner Tochter klingt gebrochen,
sie verliert gleich die Fassung.
Dann redet sie von Entlassung
aus dem Krankenhaus,
will dich zu sich nehmen für einen Gaumenschmaus
an Christmas Eve.
Wirft dir vor, du siehst alles viel zu negativ.
Sollst du die Situation anders bewerten
und an die Menschen denken, die dich verehrten.

Sie streicht über ihren schweren Bauch,
ein schmerzverzehrtes Gesicht:
Mama, gib nicht auf – diese Art zu handeln entspricht dir nicht.

Eine Therapie ablehnen heißt nicht aufgeben – willst du sagen.
Aber du hast keine Kraft. Und Angst vor der Reaktion – und den ganzen andern Fragen.

Alles wird gut, Mama. Du musst dich nur aufraffen.
Dann können dir die Ärzte noch mehr Zeit verschaffen.

Und als könnten sie hellsehen, die Zeit zurückdrehen –
haben sie die Entscheidung für dich schon übernommen:
deinem Körper wird eine neue Energie
in Form einer Strahlentherapie
sicherlich gut bekommen.

Und in dieser toxischen Positivität, denkst du an Energieerhaltung
und an Einsteins spezielle Relativität,
an die Austauschbarkeit von Masse und Energie –
und du weißt auch um die Zunahme von Entropie –
spürst die Unordnung in deinem tumormassereichen Körper,
der langsam zerfällt –
wie die Ordnung deiner Familie,
die sie mit Regeln und Erwartungen immer aufs Neue herstellt.

Ja, du verstehst die Verzweiflung deiner Tochter, die hilflose Traurigkeit.
Erinnerst dich, wie sie dir als Kind – wie sie dir als Teenagerin – entgegenschreit:
Lass mich mein Leben leben!
Ich entscheide für mich selbst
und mir ist es ganz egal, was du davon hältst!

Dann war die Tür ins Schloss gefallen. Damals.

Die Dinge wiederholen sich – sagt man –,
wenn alles so bleibt im Fortschreiten der Zeit.

Und wie war das, mit dem Energieerhaltungsgrundsatz,
in einem geschlossenen System.
Ich weiß du würdest ihn gerne an deine Lebensenergie anlehnen:
denn Energie lässt sich nicht erzeugen und auch nicht vernichten,
man kann sie umwandeln – und sie lässt sich verdichten…

Und wenn du nicht mehr auf dieser Welt bist,
du von vielen lieben Menschen vermisst wirst
bist du nicht komplett weg –
nur dein Körper verschwindet,
wenn er Schmerzen, Leiden und Traurigkeit überwindet.
Nicht in Monaten, nicht in Wochen – vielleicht in ein paar Tagen.
Doch so genau kann das niemand, auch keine Ärztin mehr sagen.

Sterben ist individuell wie die Geburt und das Leben.
Alle Ereignisse folgen nur bedingt bestimmten Regeln.
Und wenn es dein Wille ist, darfst du jede Therapie auch ablehnen.

Dann sagst du es, leise:
Ich will nicht. Ich will nicht mehr – leben.
Und dann kommen die Fragen…

Aber im Schutz der kleinen Hand deines Enkels,
kannst du den letzten Moment deines Lebens
noch ertragen.

Und in einem Brief steht, den der Junge später in seiner Hand hält:
Wenn ich nicht mehr auf dieser Welt bin,
ist das für euch erstmal schlimm –
und es tut mir so leid.
Aber ich werde nicht ganz von euch gehen –
nur mein kranker Körper wird nicht mehr bestehen.
Meine Essenz – die wird überdauern.
Ich wünsch mir, ihr würdet nicht zu lange trauern.

Denn wenn ich gegangen
und nicht länger gefangen
in meinem Körper bin –
ist ein Teil von mir als Lebensenergie –
für immer
in eurem Herzen drin.

Denn wenn wir erkennen, dass es keinen Tod gibt,
sondern nur die Veränderung der Form…
Wenn wir Sterben und Geburt nicht mehr trennen,
uns nicht zum Ende oder Anfang bekennen –
vielleicht beginnen wir dann,
für immer,
von vorn.


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Junge Stimmen 20
Freudentränen

Ich starre auf mein schwarzes Kleid. Links und rechts von mir sitzen ebenfalls schwarze Kleider. Eine warme Hand streicht mir über den Rücken. Du schaffst das schon. Nein. Denke nicht. Ich schüttele den Kopf, dann stehe ich auf und gehe hoch in mein Zimmer. Obwohl die Beerdigung schon seit zwei Stunden vorbei ist, stehen immer noch überall schwarze Kleider. Bei uns im Wohnzimmer, in der Küche, im brütend heißen Garten. Wie ein Schwarm von Krähen. Trotzdem fühle ich mich einsam.
Es kam nicht unerwartet. Er war krank und ich wusste das. Ich wusste nur nicht, wie wenig Zeit uns noch blieb. Wenn ich das gewusst hätte. Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich ihn öfter umarmt, mit ihm geredet, mit ihm gelacht. Ich wäre nicht wütend rausgestürmt, als er mir Hausarrest erteilte. Ich hätte mich freuen sollen, mit ihm in diesem Haus zu hocken und hätte mit ihm Einrührkartoffelbrei kochen sollen. Ich werfe mich auf mein Bett und stoße die Luft aus. Das letzte was ich zu ihm gesagt habe, war ein Fluch. Verdammt, Papa. Dabei würde ich jetzt mich am liebsten verdammen, dafür dass ich die Zeit einfach verrinnen ließ , mich nicht darum bemühte sie zu füllen mit all den verdammten Worten, die ich ihm jetzt sagen möchte. Aber jetzt ist es zu spät.
Wenn ich zurückdenke, erinnere ich mich an Streit und Distanz. Verdammt. Ich versuche den Kloß in meinem Hals herunter zu schlucken. Es klopft. Viel zu leise, aber vielleicht sind auch nur meine Gedanken so laut, dass ich es kaum wahrnehme. Die Tür öffnet sich. Ich bleibe liegen. Mallory. Ich antworte nichts. Sie kommt herein, obwohl ich sie nicht darum gebeten habe. Jetzt steht sie über mir. Guckt runter wie in einen tiefen Brunnen und so fühle ich mich auch. Sie hält etwas in der Hand. Etwas gelbes auf dem schwarzen Kleid. Sie hält es mir hin. Warten. Er hat das für dich hinterlassen. Warten. Wirf es nicht weg. Du würdest es bereuen. Ich nicke stumm und ohne mich auf zu richten. Das schwarze Kleid verlässt mein Zimmer. Die Tür schließt. Ich liege da. Neben mir liegt das gelbe, ausgefranste Notizbuch. Wir atmen eine Weile. Ich atme kalte, harte Trauer, das Buch noch warme, schmerzhafte Erinnerungen.
Dann reiße ich mich zusammen und schlage die gelben Deckel auseinander. Lose Blätter fliegen mir entgegen und die Zeilen riechen nach Papa. Es ist ein Tagebuch. Ich schlage die Seiten um, bis ganz zum Schluss.
Liebes Tagebuch, heute kam Mallory total geschafft von der Schule. Sie sagte, ich solle aufhören so vor mich hin zu sauern und ich tat so, als würde ich Zeitung lesen. Mallory stand auf und meckerte, dass Zeitung lesen nur für alte Männer sei. Das stimmt, aber ich werde nie wissen, wie es ist, ein alter Mann zu sein. Ich schlug die Zeitung zu, um noch einmal ihr Gesicht zu sehen, das mit feurigen Augen auf mich schießt und erteilte ihr Hausarrest wegen ihren drei Fünfen. Während die Wut in ihr loderte, dachte ich zurück an die alten Tage, an ihren Yudokurs, zu dem ich sie immer fuhr und wir gemeinsam zum laufenden Radio sangen, an unsere Mittagessen, bei denen sie sich über ihren Tag beschwerte und ich nur zuhörte, weil mein Tag der totale Mist war, bis sie nach Hause kam.
Jetzt schrie sie: verdammt Papa. Und in dem Moment war ich mir sicher, dass sie es schaffen wird. Da draußen. Ohne mich.
Ich klappe das Buch zu und etwas in mir zerbricht schallend. Tränen strömen mir über die roten Wangen. Die Scherben in mir glitzern in der Dunkelheit und ich muss lächeln, während das alles mich zu ersticken droht. Die Papa-Vase sah von innen ganz anders aus. Ich lege das Buch weg und betrachte die Tränen, die auf mein schwarzes Kleid tropfen. Und ich sehe, dass sie glitzern, weil es irgendwie auch Freudentränen sind.

Miriam K.

Ich glaube mein Leben ist eine Lüge

Also, dass ich am Leben bin, dass ich existiere, das ist keine Lüge. Offensichtlich bin ich ja da, wer würde sonst diesen Text schreiben. Ich meine damit, dass ich glaube, alle meine bisherigen beruflichen Lebensentscheidungen waren nicht meine. Ja natürlich, ich habe sie getroffen, aber habe ich sie tief aus mir heraus getroffen? Ich glaube nicht. So starke Zweifel an meinem Leben können ja nicht einfach kommen wenn nichts dran wäre. Logisch oder? Gut okay, auf die Welt zu kommen, das habe ich mir tatsächlich nicht ausgesucht. Aber alles was danach kommt, da kann ich doch sagen, dass das meine Entscheidung war. Oder doch nicht? Obwohl, meine braune Lederjacke und meine schwarze echte Lederhose (meine Mutter besteht auf das “echt“) war sicherlich nicht meine Entscheidung. Das sieht man auch an meinem Einschulungsbild. Danke Mama.
Aber zurück zu, warum mein Leben eine Lüge ist. Ich fühle es einfach. Ich glaube nicht, dass ich in ein muffiges Büro in einem muffigen Gebäude auf einem muffigen Firmengelände mit muffigen Vorgesetzten gehöre, auf dem eigentlich keiner freiwillig sein würde, wenn er es sich aussuchen könnte. Für mich fühlt es sich einfach mit jeder Pore, mit jedem Atemzug falsch an.
Gehen wir einen Schritt zurück. Wie sieht es denn mit meiner schulischen Laufbahn aus. Da habe ich doch bestimmt mit 10 Jahren gewusst, dass ich mich unbedingt in die Knechtschaft des gymnasialen Schulweges begeben möchte. Und mit 11 Jahren wusste ich sicherlich, dass meine Stärke im Musischen und nicht im Sprachlichen oder Naturwissenschaftlichen liegt. Natürlich wusste ich das alles nicht. Und wer wusste es auch nicht? Genau, meine Eltern. Woher auch. Gymnasium klingt erstmal vernünftig, gute Grundausbildung. Musischer Schulzweig, ja warum nicht, das Kind spielt ja Klavier. Zwar scheißt es sich vor jedem Auftritt vor Aufregung massiv in die Hose, aber wir versuchen es mal, könnte doch passen.
Nicht falsch verstehen, ich mache meinen Eltern gar keinen Vorwurf. Ich bin mir sicher, sie wollten das Beste für meinen Bruder und mich. Ich stelle unser Schul- und Bildungssystem in Frage. Aber wer weiß, vielleicht hat sich bis jetzt schon was getan. Sind ja immerhin 2 Jahrzehnte vergangen seitdem ich mit dem Gymnasium begonnen habe. Ach wir hatten G8? Eine Schulform, die Schülerinnen und Schüler dazu zwingt ab der 5. Klasse den ganzen verschissenen Tag mit Schule beschäftigt zu sein, um dann nicht mal volljährig die Schule zu verlassen und bei der Wohnungsbesichtigung und anderen offiziellen Dokumenten die Eltern zur Unterschrift dabei haben zu müssen. Und wozu? Um ein Jahr gespart zu haben. Um ein Jahr früher mit Ausbildung oder Studium anfangen zu können. Um ein Jahr länger in unser Sozialsystem einzahlen zu können, von dem ich und GenZ und GenAlpha und wie sie alle heißen werden KEINEN EINZIGEN CENT zu sehen bekommen werden. Um schließlich doch wieder zu G9 zurückzukehren. Peinlich.
Aber ich schweife ab. Zurück dazu, warum mein Leben eine Lüge ist. In der Schulzeit habe ich also auch nicht selbst entschieden. Wie sieht es denn mit dem Abschnitt aus, der nach der Schule kommen sollte. Studium, Ausbildung, Harz 4? Keiner weiß es, keiner hat uns so richtig vorbereitet. Also erstmal Geld verdienen, ein paar Liebeskrisen überwinden und dann doch einfach mal studieren anfangen, damit halt studiert wird. Nach 2 Wochen hab ich beschlossen mich neu zu orientieren. Und tatsächlich habe ich mir diesmal vorher Gedanken gemacht. Allerdings habe ich dabei nicht die wichtigste Person gefragt, nämlich mich. Mein bester Freund hat etwas mit Psychologie studiert, ja warum eigentlich nicht. Das klingt spannend, könnte doch für mich auch passen. Beide Eltern im medizinischen Bereich tätig. Wunderbar, schon eine Storyline gebaut.
Gut, also durch das Studium der Psychologie gequält und dann tatsächlich auch irgendwann mit viel Kraft und Nerven beendet. Zwischendurch wieder ein paar Herzen gebrochen, inklusive meinem. Easy sieht anders aus. Okay, was kommt nach dem Bachelor? Master, na klar. Ja so klar ist das nicht. Erst mal brauchst du den richtigen Schnitt für einen Masterplatz, und einen 1,0 Schnitt hatte ich sicherlich nicht. Sonst wäre ich jetzt mit Psychologietätigkeiten beschäftigt und würde nicht diesen Text schreiben. Also paar Bewerbungsrunden gedreht und keinen Platz bekommen. In der Zwischenzeit habe ich einen richtig festen Vollzeitjob mit 40 Stunden in Deutschlands größter Behörde angenommen. Endlich bin ich ein wertvoller Beitrag für die Gesellschaft. So soll das doch oder? Jedenfalls kann ich sagen, Klischees über Behörden stimmten. Und das als ersten Job. Ziemlicher Realitätsfuck. Naja könnte doch für mich passen. Hatte mit Menschen zu tun und auch mit Psychologie, Storyline check.
Irgendwann war klar, ohne Master geht´s nicht. Die Berufsaussichten mit einem Bachelor in Psychologie waren gering. Nur welcher Master sollte es werden? Der Berufsberater der Universität hat zugehört und vorgeschlagen und weil ich selbst wirklich immernoch keine Ahnung hatte, dann halt das nehmen was der Berater vorschlug. Also wurde es Erwachsenenbildung. Naja könnte doch für mich passen. Hatte was mit Menschen zu tun, mit Bildung und mit Psychologie sicherlich auch. Storyline check.
Klang jedenfalls abstrakt genug, um sich jetzt noch keine Gedanken machen zu müssen was mit dem Master dann beruflich anzufangen ist. Hätte ich mal tun sollen, weiter als vom Teppich zur Wand denken. Dann wäre ich jetzt mit
Erwachsenenbildungstätigkeiten beschäftigt und würde nicht diesen Text schreiben. Zumindest war dieses Studium keine Qual wie das Erste. Es war ebenfalls interessant, aber auch während des Studiums hat sich nicht wirklich das eine Berufsfeld herauskristallisiert. Naja war ja noch ein bisschen Zeit bis zum Abschluss. Bis dahin bin ich bestimmt schlauer. War ich nicht. Durch die Masterarbeit gequält (zumindest weiß ich, dass wissenschaftliches Schreiben definitiv nicht zu meinen Favoriten zählt und dieser Bereich flach fällt) und weiterhin keine Ahnung von der beruflichen Zukunft. Also ein Job gesucht, denn jetzt war echt mal genug dem Papa auf der Tasche gelegen. Danke Eltern!
Nachdem ich ja nie so wirklich eine Richtung, Stärke, Fähigkeit, nennt es wie ihr wollt, hatte, die mich geleitet hat, wurde es halt der Job der mich als erstes genommen hat und nicht allzu scheiße klang. Naja könnte schon passen. Hatte was mit Menschen zu tun, mit Bildung und sicherlich auch mit Psychologie. Storyline check.
1,5 Jahre habe ich es dort ausgehalten, dann war mir die Bezahlung zu scheiße und der Umgang miteinander auch. Und jetzt? Meine Freundin arbeitet doch bei einem großen Konzern. Da gibt es doch viel Geld. Und außerdem hat es was mit Menschen zu tun, mit Bildung und sicherlich auch mit Psychologie. Das klingt spannend, könnte doch für mich auch passen. Storyline check.

Storyline am Arsch. Keine Entscheidung die ich getroffen habe hat mich beruflich gesehen zu einem glücklichen Menschen gemacht. Ganz im Gegenteil, so sehr wie jetzt habe ich schon lange nicht mehr gezweifelt und mein Leben ist wirklich deutlich besser als es jemals war. Nicht zuletzt wegen meines Mannes. Danke Mann!

Fühlt ihr jetzt warum ich glaube, dass mein Leben eine Lüge ist? Ja, fühlt sich seltsam an. Dieses Gefühl, dass da noch mehr ist. Dieses Gefühl, dass irgendwas nicht stimmt, nicht stimmig ist. Und wisst ihr, was ich gemacht habe? Ich habe
aufgehört auf das Leben der anderen zu schauen und habe angefangen, das zu machen, was ich machen wollte. Und nein jetzt kommt nicht das Lifecoach-Guru- Selbstoptimierer-Happy End. Ich bin nicht mal annährend schlauer in Sachen beruflicher Orientierung. Es ist ein Prozess, ein für mich langer Weg mit vielen Unsicherheiten und Zweifeln. Aber ich gehe ihn und diesmal fühlt es sich nach meinen Entscheidungen an.

Ich habe mit Therapie begonnen und bin so dankbar, dass ich einen Platz bekommen habe.
Ich habe angefangen zu singen und mir eine Gesangslehrerin gesucht. Das Singen bereitet mir so viel Freude, manchmal muss ich sogar weinen deshalb. Und ein absolutes Goldstück ist meine Gesangslehrerin. Sie nimmt sich Herz & Zeit auch wenn ich mal nicht so viel geübt habe. Sie ist einfach nur wundervoll. Danke Gesangslehrerin!
Ich habe beim Improvisationstheater mitgemacht. Einmal. Und ich habe geweint, weil ich so stolz war, wie mutig ich war. Und ich möchte es nochmal probieren. Das Kapitel ist noch nicht abgeschlossen.
Ich bin gerade dabei, mir wieder das Klavierspielen zu ermöglichen. Ich liebe Musik und fühle, wie sehr ich mich wieder ans Klavier setzen möchte. Nur für mich, ohne Druck durch schulische Leistungen oder Auftritte.
Ich habe mich zu einem Meditationskurs angemeldet, weil ich es wollte. Weil ich mich noch mehr spüren möchte und der Atem und die Achtsamkeit ein so wichtiger Ausgangspunkt dafür sind.
Ich bin stolze ehrenamtliche Mitarbeiterin in einem Reparaturcafe. Auch wenn ich keine Ahnung habe, was kaputt ist oder ob rot oder schwarz der Plus-/Minuspol ist, ich liebe es, da zu sein, zu probieren, zu rätseln, Fragen zu stellen, immer was Neues zu lernen und manchmal auch zu helfen.

Ich liebe und bin stolz auf meine neuen Entscheidungen. Fuck you Storyline.

Zukunft in Klammern

Ich schreibe
Zukunft
immer noch
in Klammern.
(weil sie unsicher ist)
(weil ich nie weiß,
ob ich darin vorkomme)
(weil ich gelernt habe,
dass Pläne oft
nur leise sterben)
Ich sage nicht mehr
„wenn ich groß bin“ –
ich war’s schon,
bevor ich durfte.
Ich sage nicht mehr
„später“ –
später war immer
für andere reserviert.
Manchmal träume ich
vom Morgen,
und dann erschrecke ich,
weil ich mich darin
nicht erkenne.
Vielleicht bin ich
nur die Version,
die übrig blieb,
nachdem man
alles andere
aus mir herausgenommen hat.
Und doch.
Ich atme weiter.
Ich schreibe weiter.
Ich warte nicht mehr
auf ein Zeichen,
aber ich höre,
wenn der Wind
eine Richtung flüstert.
Vielleicht
ist Hoffnung
nur ein anderer Name
für Trotz.
Und Trotz
eine Form
von Zukunft.

Was in der Luft hängt

Ich sitze auf meinem Bett und höre sie. Nicht richtig streiten. Nicht richtig reden. Nur dieses ständige Murmeln, als würden sie einander testen, aber nie treffen.
Er sagt etwas, das ich nicht verstehe. Sie sagt nichts. Nur ein kurzes Kopfnicken.
Ich könnte aufspringen, schreien, irgendetwas tun. Aber wozu? Sie tun es nicht für mich.
Sie tun es nicht füreinander.
Sie zucken nur die Schultern.

Beim Abendessen sitzen sie auf gegenüberliegenden Seiten des Tisches. Das Essen ist kalt. Ich sehe, wie er sie anschaut. Nicht wütend, nicht liebevoll. Nur da. Und sie? Sie zuckt die Schultern, als wäre das alles, was ihnen noch geblieben ist.
Ich will, dass sie kämpfen. Dass sie reden. Dass sie nicht aufgeben. Aber sie tun es nicht.
Ich fühle Wut in mir, die ich nicht aussprechen kann. Ich bin 17, und ich hasse sie beide.

Später, in meinem Zimmer, höre ich, wie er auf die Couch geht, sie in die Küche. Beide schweigen. Ich liege auf meinem Bett und sehe auf die Wand.
Warum kämpfen sie nicht? Warum lassen sie alles gleichgültig vorbeiziehen?
Das Schulterzucken hängt in der Luft wie ein unsichtbarer Vorhang. Ich will ihn zerreißen, will schreien, will dass sie es sehen. Aber sie tun es nicht für mich.

Manchmal glaube ich, sie merken gar nicht, wie sehr sie mich damit verletzen.
Ich könnte weinen, könnte wütend werden. Aber ich tue nichts. Ich habe aufgehört, sie zu erreichen.
Alles, was ich tun kann, ist zuschauen, wie sie weiter schweigen, weiter schweigen und weiter schweigen.

Am Morgen ist der Tisch wieder leer. Sie gehen zur Arbeit oder wohin auch immer.
Ich bleibe zurück und sehe auf das Schulterzucken, das noch in der Luft hängt.
Es ist nicht nur eine Geste. Es ist ein ganzes Leben, das sie sich gegenseitig verweigern.
Und ich sitze mittendrin, gefangen, wütend, enttäuscht, hilflos.

Ich wünschte, sie würden kämpfen.
Ich wünschte, sie würden reden.
Aber sie tun es nicht.
Also bleibe ich still. Und sehe zu.
Und hasse das Schulterzucken

Sehnsucht nach dem Ich

Ich fühle mich schuldig,
doch scheine ich machtlos.
Möchte davonrennen,
obwohl ich kaum den Grund erkenne.

Doch wenn ich ihn weiß,
Bricht vielleicht dadurch das Eis?!
Aber was steckt in ihm?
Was kommt zum Vorschein, wenn es schmilzt?

Es schmerzt, das einst Gefrorene strömen zu sehen.
Und es wird mir bewusst: Es muss ja weitergehen…

Vielleicht ändert es sich – durch Konfrontation, durch Geduld?
Vielleicht wird dadurch ein neues Sein erzeugt?
ein Dasein, ein Ich – voller Visionen:
Zu dem Menschen zu werden, nach dem sich mein inneres Kind sehnt.

Aber der Weg scheint steinig,
unsicher, gefährlich und holprig.
Doch nur so werde ich einzig.
Einzig und allein ich.
Die Person, von der ich bisher am wenigsten weiß,
nach der ich mich aber gleichzeitig am meisten sehne.

Tamara Schulz

Ich weiß, dass ich nichts weiß.

Ich weiß, dass ich nichts weiß.

Der Satz entlastet nicht.
Er erklärt nichts.
Er zieht keinen Schlussstrich.

Wer ihn ernst nimmt, verliert Halt.
Denn er sagt nicht: Ich weiß nichts.
Er sagt: Ich erkenne meine Grenze.

Nichtwissen ist hier kein Mangel, den man beheben müsste.
Es ist eine Form von Bewusstsein – ein Wissen darum, dass sich etwas entzieht,
unabhängig von Anstrengung, Intelligenz oder Willen.

Genau das widerspricht der Art und Weise,
wie wir heute leben –
der Logik, nach der wir leben.

Diese Logik bestimmt unsere Gegenwart.

Sie funktioniert, als wäre Nichtwissen ein Fehler im System.
Als müsste jede Unsicherheit sofort beseitigt werden.
Jede Lücke geschlossen, jede Frage beantwortet.

Antworten zählen.
Zweifel nicht.

Wer sicher auftritt, gilt als fähig.
Zögern wird schnell als Schwäche gelesen.

Dabei ist dieses Zögern oft ehrlicher als voreilige Gewissheit.

Hier setzt der negativ-philosophische Ansatz an.

Er begreift Nichtwissen nicht als Defizit, das überwunden werden muss, sondern als bewusste Haltung.
Er zielt nicht auf neue Wahrheiten, sondern auf Zurückhaltung im Urteil und Vorsicht im Handeln.

Seine Radikalität liegt nicht darin, Orientierung zu versprechen, sondern darin Verantwortung zu verschärfen.

Schon früh lernen wir,
dass es auf alles eine richtige Antwort geben muss.

In der Schule.
In Prüfungen.
In Noten.

Bildung bedeutet hier nicht, Fragen auszuhalten,
sondern Ergebnisse zu liefern.

Wer funktioniert, kommt weiter.
Wer zögert, fällt zurück.

Scheitern gilt nicht als Erkenntnis,
sondern als persönliches Versagen.

Nicht als Hinweis.
Als Urteil.

Ein schlechtes Ergebnis ist kein Anlass zur Reflexion über Überforderung, falsche Wege oder Grenzen.
Also machen viele weiter.

Ohne innezuhalten.
Ohne zu fragen, warum etwas nicht funktioniert hat.

Man tut so, als wüsste man Bescheid –
und doch denkt man nicht nach.

Dabei liegt genau hier ein Verlust:

das Bewusstsein dafür,
dass wir nicht alles wissen.

Diese Haltung bleibt nicht auf Schule beschränkt.

Sie setzt sich fort in Politik, Wirtschaft und Alltag.
Entscheidungen werden getroffen, als gäbe es Sicherheit.

Nicht, weil sie existiert,
sondern weil Unsicherheit schwer zu rechtfertigen ist.

Nichtwissen ist kein Defizit.
Es ist eine bewusste Entscheidung.

Eine Weigerung, die Welt vorschnell zu deuten,
zu kontrollieren,
zu vereinfachen.

Eine Anerkennung dessen,
dass jedes Weltbild ein Zugriff ist –
und damit auch eine Verzerrung.

Aber was bedeutet das für das Leben?

Wie lebt es sich ohne feste Bilder der Welt,
ohne Prägungen,
ohne den Anspruch auf Wissen?

Zunächst: instabil.

Das bleibt nicht folgenlos.

Wer aufhört, alles einzuordnen,
steht ohne Absicherung da.

Entscheidungen werden schwerer.
Gewissheiten bröckeln.
Identität wird unscharf.

Nichtwissen befreit nicht sofort.
Es verunsichert.

Doch genau diese Verunsicherung verändert die Psyche.

Leistungsdruck verliert seine Selbstverständlichkeit.
Fehler werden nicht mehr automatisch moralisiert.
Zweifel gilt nicht länger als Schwäche,
sondern als Teil des Denkens.

Verantwortung verschiebt sich:
weg von Kontrolle,
hin zu Aufmerksamkeit.

Kollektiv verschärft sich diese Haltung.

Eine Gesellschaft, die Nichtwissen ernst nimmt,
verzichtet auf Sicherheit,
zugunsten von Vorsicht.

Entscheidungen verlangsamen sich.
Nicht alles ist rechtfertigbar.
Nicht jede Handlung ist legitimierbar.

Eine solche Gesellschaft handelt,
ohne den Anspruch auf vollständige Begründung.

Etwa in Politik.
Oder Medizin.

Verantwortung entsteht nicht aus Gewissheit,
sondern aus dem Bewusstsein möglicher Fehlurteile.

Das klingt friedlich.
Ist es aber nicht.

Denn eine solche Gesellschaft hält aus,
dass nicht alles lösbar ist.

Dass Schuld nicht immer eindeutig zugewiesen werden kann.
Dass Leid bleibt,
auch ohne Erklärung.

Orientierungslosigkeit ist kein Ausnahmezustand,
sondern Teil des Systems.

Und nicht alle können sich das leisten.

Nichtwissen ist kein neutraler Zustand.
Für manche bedeutet es Entlastung.
Für andere Gefahr.

Wer existenziell bedroht ist,
sucht nach Orientierung.

Wer abhängig ist,
kann sich radikale Offenheit nicht immer leisten.

Eine Gesellschaft ohne feste Weltbilder
braucht neue Formen von Schutz –
sonst wird Nichtwissen zur Ausrede für Wegsehen.

Hier zeigt sich die Grenze der negativen Philosophie.

Denn es gibt Formen des Nichtwissens,
die nicht gewählt sind.

Wie beispielsweise Demenz.

Sie ist kein Gedankenexperiment.
Sie ist ein Verlust.

Von Erinnerung.
Von Beziehung.
Von Identität.

Kein Aushalten.
Kein Lernen.
Keine Haltung.

Hier wird Nichtwissen zerstörerisch.

Nicht jedes Nichtwissen befreit.
Nicht jedes Schweigen schützt.

Manche Formen entziehen sich
jeder philosophischen Romantisierung.

Gerade deshalb darf Nichtwissen
nicht verherrlicht werden.

Es muss unterschieden werden.

Nach Ursprung.
Nach Wirkung.
Nach Verantwortung.

Auch psychische Überforderung gehört dazu.

In einer Welt voller Informationen
entsteht Nichtwissen oft nicht aus Mangel,
sondern aus Übermaß.

Zu viele Krisen.
Zu viele Meinungen.
Zu viele Anforderungen.

Schweigen ist dann kein Desinteresse,
sondern Selbstschutz.

Nichtwissen ist nie neutral.

Es ist immer situiert.

Vielleicht geht es deshalb nicht darum,
alles wissen zu wollen –
oder nichts.

Sondern darum, bewusst zu entscheiden,
wo Wissen notwendig ist
und wo Zurückhaltung verantwortungsvoller wäre.

Wo Interpretation schützt –
und wo sie Schaden anrichtet.

In einer Welt,
die Antworten belohnt
und Zweifel sanktioniert,

ist das Eingeständnis des Nichtwissens
vielleicht das Ehrlichste,
was wir sagen können.

Und gleichzeitig
das Unbequemste.

Wer auf Wissen verzichtet,
verzichtet auf Sicherheit.

Und wer auf Sicherheit verzichtet,
kann sich nicht mehr hinter ihr verstecken.

Daher kann ich ehrlich sagen:
Dass ich weiß, dass ich nichts weiß – und dass ist ehrlich.

Pippi, Georgina und ich

Zwei Räder und zwei Beine,
mehr brauche ich nicht.
Während ich den Hügel hinunter sause,
strecke ich beide Beine weit von mir,
um den Wind besser zu spüren.
Wie früher als ich ein Mädchen war.
Dabei war ich doch ein Junge.
Mädchen waren die, die mit Puppen spielten.
Mädchen waren Annika, die immer Angst hatte und die Regeln einhalten wollte.
Mädchen waren Anne, die ständig im Haushalt helfen musste und nie dabei war, wenn es Ernst wurde.
Jungen erlebten Abenteuer, durften wild und frei sein.
Dann war ich doch kein Mädchen, oder doch?
Schließlich war das von der körperlichen Seite ganz eindeutig.
Wie konnte ich den einen Teil ausleben, ohne einen anderen abzulehnen?
Wenn ich beides wollte, war ich dann wie Georgina, die sich George nannte und die Haare kurz schnitt?
Oder wie Pippi, die so laut und auffällig war, wie ich es nie sein wollte?
Doch wenn niemand zuschaute, brauchte es keine Kategorie.
Dann konnte ich nicht-Pippi und nicht-Georgina sein, stattdessen ich selbst.
Zwei Räder und zwei Beine, mehr brauchte ich nicht.
Ich sause den Hügel hinunter
und strecke beide Beine weit von mir,
um den Wind besser zu spüren.

Mareike Bruns 

Dromedar/Couch bzw. die Farbe des Himmels

Die Person betritt den Raum in dem die Ärztin wartet. 
„Setzten Sie sich gerne dort hin.“ Deutet auf einen Sitzplatz. Die Patientin schaut sich um, sieht nur ein sehr klein geratenes Dromedar, dort wo die Ärztin hinzeigt.
„Auf das Dromedar?“ fragt sie ungläubig. Die Ärztin lächelt, nickt und sagt „auf die Couch“. Verwundert und -unsichert sattelt die Patientin auf und blickt aus dem Fenster.
Draußen ist der Himmel grau und verdunkelt. „Es wird bald regnen“, denkt sie.
„Wie ist es ihnen diese Woche so ergangen? Seit letztem Dienstag?“
Die Ärztin schaut von ihrem Kalender auf. 
„Heute ist ja erst Samstag…Das sind 6 Tage seit Dienstag“ murmelt die Patientin.
Die Ärztin seufzt und trägt etwas auf ihrem Klemmbrett ein.
“Und wie ging es Ihnen, in der letzten Woche. Hat sich etwas geändert, welche Farbe hat der Himmel?“ fragt sie.
„Na Lila, aber das hab ich doch schon tausendmal gesagt.
Lila, Lila, Lila. Seid das mit dem Atomwerk passiert ist: Lila“
Die Ärztin nickt und seufzt. Gestern ist ihre Kazte weggelaufen, daher kann sie sich schlecht konzentrieren und fällt immer wieder in unprofessionelle Verhaltensmuster.
„Wir hatten doch darüber gesprochen…das Atomwerk wurde nicht gehackt
und der Himmel hat immer noch die Farbe…“
„- LILA! Sie wollen mir doch nur nicht die Wahrheit sagen, weil dann SIE unrecht hätten.
Aber alle, die ich frage sagen: „es ist so!“ Lila.
Sie wollen nur nichts zugeben weil die da oben sie bezahlen…“.
Die Patientin deutet mit dem Zeigefinger hoch.
“Aber das ändert ja nichts daran, mit dem Lila. Heute mehr lila als gestern. Ewas dunkler wenn sie mich fragen. Dunkellila sozusagen!“.
Die Patientin rutscht umständlich auf dem Dromedar hin und her und ist sehr aufgebracht. Sie fragt sich warum hier eigentlich alle verrückt sind? Und trotzdem sie diejenige ist die nun weiße, blaue und (zugegebenermaßen ironisch:) lila Tabletten nehmen muss. Auf der Anderen Seite des Schreibtisch fragt sich die Ärztin, wann der Dienstag kommt an dem die Patientin den Himmel als das sieht was er ist: Blau.

Der Krankenpfleger ist voluminös, genau wie die Patientin.
Nach 4 Monaten Medikamenteneinnahme hat sich ihr Bauchumfang verdoppelt.
Es ist der Tag der Entlassung: Unehrenhaft, da keine Besserung im Hinblick auf die Wahrnehmung der Farbe der Skyline auftrat, mal ganz zu schweigen von der Überzeugung mit dem Atomkraftwerk.
„Auf Wiedersehen“ meint er mit einer gewissen Ironie. 
„Auf Nimmerwiedersehen“ entgegnet die Patientin und tritt hinaus, in eine lilane Mittagssonne.

Ich dachte an das Dromedar zurück, ein warmer Rücken nur für mich in einem Raum der sonst keinerlei Verständnis für meine Gefühle oder Wahrnehmung herrschte. Dromedare sind wundersame Wesen. Komisch es in einem Krankenhaus zu finden.
122 Tage, waren vergangen. Nun stand mir die Welt wieder offen. Es hat für mich etwas befreiendes, die Welt zu sehen wie sie ist. Und dass die Menschen um mich sie nicht sahen, war heute zweitrangig.
Ich konnte ins Schwimmbad gehen, im orangen Wasser baden.
Ich konnte schwarz/weiße Eiskugeln kaufen. 
Und ich konnte im blauen Grass liegen, unter lila Himmel und im grünen Licht der Sonne darauf warten, dass alle Anderen mal richtig die Augen aufmachen und sehen, was vor ihnen liegt. 

Meine Möbel sind menschlich und ich weiß nicht was Menschsein bedeutet.

Augen auf, Augen zu, Augen auf, Augen zu, und ich lese, lese, aber nur noch ganz wenig.
Mein Buch sieht mehr als ich, mein Schreibtisch ist größer als mein Stuhl, und ich verstehe nichts, verstehe nichts.

Esse viel, esse nichts, esse, esse nichts, esse nichts mehr, außer wenn ich nicht weiß, wie der Tag sonst gefüllt werden kann, und der Tag isst noch weniger als ich und ist weißer als ich, und ich verstehe nichts, verstehe nichts.

Wütend, ich bin wütend, bin ängstlich, am liebsten sicher, und stumpf bin ich, und ich rieche Hass, aber mein Zimmer riecht es mehr als ich, und mein Bett ist frisch bezogen und riecht gut, und ich verstehe nichts, verstehe nichts.

Punkt. Komma. Punkt. Komma. Ich setze alles; überall hin……… . Mich selbst auf die Kommode, und meine Lampe sitzt auf meinem Fahrradsitz und sieht die Sonne und ich warte darauf, dass jemand mich benutzt, und ich verstehe nichts, verstehe nichts.

Und ich verstehe nichts, verstehe nicht, wie du Alles bist, wie ich Alles bin. Wie wir alle; alles essen, weil Alles; nicht existiert und weil wir uns nicht distanzieren, weil es nichts gibt, von dem man sich distanzieren kann, und wir wissen, dass 1+1 schon lange nicht mehr 2 ergibt, deswegen verstehen wir nichts, wir verstehen nichts. Und unsere Haut entfernt sich von unseren Knochen, unser Atem; atmet auch ohne Sauerstoff und unsere Dächer stürzen ein und alle Menschen gehen auf ihren Händen und kochen mit ihren Ohren. Und unsere Schwestern sind Schmetterlinge, die
weg fliegen, und Flügel sind dafür da, um zu lesen. Und wir haben uns verliebt. Wir haben uns verliebt. Wir haben uns verliebt. Und jeden Abend sorge ich mich, denn ich will nicht mehr lieben. Aber wir gehen eine Ehe ein und schwören, die Verwirrung nie wieder loszulassen, weil es das Einzige Authentische ist, weil Authentizität sonst nicht existiert. Und ich hoffe, es ist ein Traum. Ich hoffe, ich wache auf, im Wissen, aber weiß, Wissen basiert nur auf Liebe zur Sicherheit. Unsere Liebe jedoch gilt ja schon lange der ungewissen Philosophie, welche so oft als „negativ“ betitelt wird. Unser Leben ist ganz anders, wir sind so anders, wir sind nicht negativ, aber so anders und so verwirrt.

Tagebuch eines Skeptikers

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Die Stimme

Sie konnte sich nicht genau daran erinnern, wann die Stimme sie zum ersten Mal besuchte oder wann dieses Zusammenziehen in ihrer Brust das erste Mal auftauchte. Sie wusste nur, dass es jedes Mal passierte, wenn ein Treffen mit seiner Familie und seiner Ex bevorstand. Noch bevor sie ihre Jacke ausgezogen hatte, flüsterte ihr die Stimme ins Ohr „Du bist nicht gut genug und du wirst auch niemals so sein wie sie!“ Sie kannte diese Stimme nur allzu gut. In den letzten Monaten war sie ein stetiger Begleiter gewesen, der sie nachts aus dem Schlaf weckte oder ihr die Konzentration auf der Arbeit nahm. Alles, was die Stimme ihr zuflüsterte, entsprach der Wahrheit. Das wusste sie. Noch bevor irgendjemand eine Begrüßung sagen konnte, flüsterte die Stimme „Du gehörst hier nicht hin“. Ihr Herz begann zu hämmern, die Hände schwitzten und alle guten Vorsätze, sich entspannt und natürlich zu verhalten, waren vergessen. „Sieh nur, wie sie sich amüsieren ohne dich. Du bist hier absolut überflüssig“. Die Stimme flüsterte nun nicht mehr, sondern hallte nun schrill in ihrem Kopf. Sie hörte, wie das Blut in ihrem Ohr rauschte. Könnte sie, würde sie auf dem Absatz kehrt machen. Sein Bruder umarmte sie und hieß sie herzlichst willkommen. Sie lächelte gezwungen zurück, ein Auge auf die Ex gerichtet und dachte gleichzeitig: „Das hier ist der reinste Albtraum!“.

Es hatte niemanden gegeben, der ihr gesagt hatte, dass sie nicht genug sei. Dass sie schlechter als seine Exfreundin war. Auch hatte ihr nie jemand bewusst das Gefühl gegeben, dass sie nicht willkommen war. Es war nur dieses Flüstern, das ihr jedes Mal brutal zu verstehen gab, dass sie hier keinen Platz hatte. „Sieh nur, wie sie wieder in Erinnerungen schwelgen, in denen du nicht vorkommst“, brüllte die Stimme, als sie sich auf einen Stuhl setzte. Ihr Herz hämmerte mittlerweile so laut, dass es ihr schwer fiel, die Fragen der anderen am Tisch zu beantworten. „Du wirst niemals so ein vertrautes Lächeln von deinem Freund bekommen wie seine Ex. Du bist nichts!“. Mittlerweile hatte sich die Angst in Panik umgewandelt und jede auch noch so kleine Geste der anderen, wurde von ihr beobachtet und analysiert, während ihr Freund entspannt und ausgelassen neben ihr saß. Durch die Stimme wurden ihr nun die Unterschiede zwischen ihr und der Ex wieder deutlich. „Sie merken, dass du nicht zu ihnen passt. Du störst ihre vertraute Dynamik“. Während alle am Tisch entspannt und ausgelassen das Abendessen genossen, tobte in ihr ein Krieg, den niemand sah.

Es war schlussendlich ein Kommentar seines Vaters – harmlos gemeint –, der ihr den Hals zuschnürte und ihr Tränen in die Augen schießen ließ. Jeder Versuch, die Situation rational und objektiv zu betrachten, wurde von der Stimme niedergemetzelt: „Sie merken, wie unsicher du bist“. Den Blick starr auf den Teller gerichtet, verschwanden die Gespräche der anderen in den Hintergrund und es gab nur noch sie und die Stimme. Die Worte in ihrem Kopf klangen nun nicht mehr aggressiv und anklagend. Sie hatten nun etwas Versöhnliches und Vertrautes an sich. So überzeugend, dass sie keinen Raum für Zweifel übrigließen. Sie gehörte hier wirklich nicht hin und früher oder später, würde er wieder mit seiner Exfreundin zusammenkommen, so wie die Stimme es ihr immer und immer wieder prophezeite.

Wie genau sie den Abend überstand wusste sie nicht. Irgendwann lag sie in ihrem Bett, vollkommen erschöpft und niedergeschlagen. Einzelne Gesprächsfetzten des Abends geisterten ihr durch den Kopf, die von der Stimme bewertet wurden. Sie merkte erst, dass sie nicht mehr allein im Bett lag, als sich zwei kräftige Arme um ihren Rücken schlangen und jemand ihr liebevoll ins Ohr flüsterte „Es war richtig schön, dass du heute dabei warst. Du bist mein absoluter Lieblingsmensch“. Für einen Moment wusste sie nicht genau, ob sie es war, die er angesprochen hatte. Ein kurzer Gedanke schlich sich zwischen ihr und der Stimme: Woher weißt du eigentlich, dass sie so über dich denken und du nicht in die Runde gehörst? Doch noch bevor sie richtig über den Gedanken nachdenken konnte, hörte sie die Stimme wieder flüstern. Dieses Mal bewusst und klar, als würde jemand vor ihr stehen und ihr die Worte direkt ins Gesicht sagen. Und zum ersten Mal erkannte sie, wer da eigentlich die ganze Zeit zu ihr sprach: Es war sie selbst. Es war ihre eigene Stimme, die sie versuchte zu überzeugen, dass sie nicht gut genug für diese Beziehung und die Familie war. Die ihr regelmäßig aufzeigte, wie anders sie im Vergleich zur Exfreundin war. Es war ihre Stimme, die die Panik in ihr auflodern ließ, die sie nachts nicht schlafen ließ. Etwas in ihr löste sich. Ein Knoten, der sich gebildet hatte, und so stark verschnürt gewesen war, dass die Anspannung sie Tag und Nacht begleitet hatte. Ihr Herz schlug langsamer und auch ihr Atem schien gleichmäßiger zu fließen. Noch während sich die Erkenntnis in ihr ausbreitete, tauchte wieder der Gedanke auf: Du weißt nicht, dass sie so negativ über dich denken. Die Stimme verstummte für einen Moment. Sie hatte das erste Mal das Gefühl, richtig atmen zu können. Die Decke anstarrend lag sie da und wartete, dass sich die Stimme wieder meldete. Gab es die Möglichkeit, die Stimme zu ignorieren? Sie dachte an all die Dinge, die die Stimme ihr bereits gesagt hatte. All die Momente, in denen sie Dank der Stimme nur Panik und Angst verspürt hatte, ohne den Bezug zur Realität wiederherstellen zu können. Wenn die Stimme ihr gehörte, dann war sie auch die Stimme und das könnte alles verändern.

Ein paar Wochen später saßen sie wieder alle zusammen an einem Tisch. Er neben ihr, während seine Familie und die Ex um sie herumsaßen. Seit dem Morgen war die Stimme unaufhörlich zugange. Neue und bekannte Dinge wurden ihr ins Ohr geflüstert, doch dieses Mal glaubte sie ihr nicht. Zumindest nicht mehr alles. Das war nicht leicht und kostete viel Kraft. Die Stimme war da und sie würde womöglich auch niemals ganz verschwinden. Doch die Zeit, in der sie dem Flüstern alles glaubte und sich dadurch ihren Seelenfrieden rauben ließ, war vorbei. Die Stimme war nicht die Realität, sondern eine Verzerrung ihrer Wahrnehmung. Vielleicht war die Welt nie gegen sie gewesen, sondern nur das Bild, dass sie sich von ihr gemacht hatte.

Sie und die Stimme gehörten zusammen, aber die Stimme hatte nicht mehr die Macht über sie.

mensch ärgere dich nicht

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Philosophie(t)raum

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Das Über-Ich

Ich bin ich und wer ist das Über-Ich?
Wer richtet mich und wer richtet mich?
Ich laufe in einem System, vorgegeben seit tausenden von Jahren.
Unmöglich zu entkommen, und doch auf eine Art vollkommen.
Das Hamsterrad, das niemals aufhören wird zu drehen.
Und sollte es doch stehen bleiben, so bleibt es auch mein Leben.
Einem System, dem es sich nicht lohnt zu entkommen,
denn vorgesehen ist nur eins: Arbeit, Rente, Tod.
40 Jahre meines Lebens, die ich leben könnte.
Sie sagen dir du lebst, doch wer formt mein Wesen?
Ist es denn überhaupt möglich individuell zu leben?
Hat nicht irgendwer auf dieser Welt schon eins zu eins
mein Leben gelebt und sitzt nun im Schaukelstuhl.
Würmer kriechen durch meine Augenhöhlen und fallen mir auf den Schoß.
„Ein Glück habe ich 40 Jahre meinem Chef die Kohle
in den Rachen gestopft und kann nun friedlich verwesen.“
So wünsche ich mir wie es verläuft, denn viele Optionen gibt es nicht.
Der Rahmen ist vorgegeben und die Wahl fällt trotzdem nicht leicht.
Doch was, wenn es all das nicht gäbe?
Keine Schule, kein Studium, keine Arbeit, kein Geld, keine Politik.
Was wäre, wenn es wirklich nur eins gäbe?
Zu überleben.
Wenn es möglich ist, aufzuwachen und zu überlegen:
„Was fange ich an mit meinem Leben?“
Wenn die Langeweile zur Kreativität wird,
wenn du keine Deko, Krimskrams und Schnickschnack brauchst,
um deine Person zu definieren,
wenn auf deiner Tagesordnung nichts steht, außer die wahre Welt zu entdecken.
Was würde mit uns Menschen passieren, wenn es nicht wichtig ist wie wir aussehen und was wir mal
später werden?
Nur eins: „Wir würden leben.“

Die Frau

Durch eine Einkaufsstraße hasteten die Menschen. Die Sonne ließ den Pflasterstein und die paar Bäume strahlen. Die Straße wirkte verträumt, doch die vielen einkaufenden Menschen, die sich durch die Straße drängten erweckte sie
zum Leben. Eine Frau fiel besonders auf. Sie ging langsam mit leichten Hops Bewegungen, an den Geschäften vorbei. Manchmal schloss sie die Augen, nahm einen tiefen Atemzug und spürte die wohlige warme Sonne auf ihrer Haut. Ein paar
Leute schauten sich nach ihr um. Manche grinsten belustigt, andere warfen ihr irritierte Blicke zu. Sie schien das aber gar nicht zu beirren. Sie ließ sich weiter einfach ohne Ziel treiben, während ihre Mitmenschen sich von einem Laden zum nächsten hangelten. Nach einer Weile blieb die Frau genau zwischen zwei Schaufenster stehen. Neben ihr standen zwei junge Frauen, die gerade für die Tasche im Schaufenster schwärmten. „Ich wünschte ich hätte mehr gespart, um mir die Tasche leisten zu können. Meine Kolleginnen würden mich damit so beneiden“ schwärmte die eine, ohne den Blick von ihrer Sehnsucht zu lassen. Doch die besondere Frau schaute nicht in das Schaufenster sondern begutachtete einen Fassadenriss direkt daneben, aus dem eine Ameisenstraße heraus krabbelte. Die Sonne ließ die Ameisen leuchten. Sie nahm eine auf die Hand und lachte.
„Geht es ihnen gut?“ erkundigte sich die junge Frau bei der Dame. Sie schien etwas besorgt. Die Dame wandte ihren Blick von der Ameise, die über ihre Hand flitze und schaute ihr direkt in die Augen. Auf eine Art und Weise die nicht gewöhnlich war. Es war so, als würde die Frau sie nicht nur anschauen, sondern in sie hinein schauen. Der durchdringende Blick verunsicherte sie, sie war sichtlich überfordert. „Ja.“ Antwortete die Frau. „Komm lass sie. Die ist bestimmt betrunken oder auf anderen Drogen“ flüsterte die Freundin ihr zu. Daraufhin wandten sich die Mädels ab und warfen ihr noch kurze verurteilende Blicke zu. Die Dame widmete sich wieder den Ameisen. Nach einer Weile brachte sie die Ameise wieder an ihren Platz und ging unbeirrt weiter.
Die Menschen drängten sich mit ihren Einkaufstaschen an ihr vorbei. Ein telefonierender Mann rempelte sie an, „Steh doch nicht im weg rum!“ rief er ihr im Weitergehen zu. Die Frau schaute ihm mit etwas aufgerissenen Augen nach. Doch ihr Blick wurde schnell wieder wie vorher. Diese Unbeschwertheit. Der Mund zufrieden nicht am grinsen aber auch nicht ernst. Sie setze ihren Weg einfach fort, bis sie auf einer Bank Platz nahm. Neben einem Blumenbeet unter einem blühenden Kirschbaum. Dieser surrte, voller fleißiger Bienen. Ihre Augen geschlossen. Sie atmete mehrfach tief durch die Nase. Ihre Hände lagen locker neben sich auf der Bank, die Schultern hingen locker herunter. Fast so, als wäre sie einen Moment ganz da. Neben ihr hatte ein Mann Platz genommen, vertieft in seinen TikTok Feed. Sein Blick sah emotionslos aus, immer wieder glitt der Daumen mechanisch über das Handy, ab und zu lachte er. Aber nur kurz. Mittlerweile hatte sie ihre Augen geöffnet und ihren Sitznachbarn registriert. Sie schaute von weitem in sein Handy und nahm an ein paar swipes in seinem TikTok feed teil. Er nahm ihr Interesse gar nicht wahr. Dann wanderten ihre Augen langsam durch die Einkaufsstraße, glitten an den Leuten, den Schaufenstern, den Bäumen entlang, bis hin zu den Bienen, die in dem Blumenbeet neben ihr von Blume zu Blume surrten. Ihre Augen strahlten während dessen.
Nach einer Weile stand sie auf und setzte ihren Weg fort. Ihr Strahlen verging und ihr Gesicht nahm wieder die natürliche aber nette Neutralität an. Manchmal schlug ihr Gesichtsausdruck in Neugier um. Als z. B. ein paar Straßenkünstler etwas Aufführten. Dann schaute sie wieder neutral. Ab und an blieb sie wieder stehen, nahm einen tiefen Atemzug und ließ die Sonne ihr Gesicht wärmen. In diesen Momenten lag wieder ein Lächeln auf ihren Lippen, ihr Körper war ruhig, ihre Schultern hingen locker herunter. Manche Leute schauten irritiert, andere schauten sehnsüchtig, als würden sie sie beneiden. An einer Straßenecke war ein kleines gemütliches Café. Ihr Blick schweifte über die Besucher, die draußen an kleinen Tischen saßen. Kellner eilten von drinnen nach draußen. Ein paar Spatzen flatterten umher in der Hoffnung, an etwas Leckeres zu geraten.
Abseits am allerletzten Tisch saß eine Frau, schwarze lange Haare, im gleichen alter wie sie. Ihre Blicke trafen sich. Die schwarzhaarige Frau winkte ihr zu, während sie sich selbst ein zaghaftes Lächeln entlocken konnte. Sie lächelte mit
ihrem besonderen Lächeln, fast Lachen, zurück, während sie zu ihr ging. „Hey, das ist eine Überraschung, begrüßte die Schwarzhaarige sie. „Hallo, Anna“ erwiderte die Frau. Sie setze sich zu Anna dazu. Annas Augen waren ganz rot, die Augenlider schwer, die Lippen leicht geschwollen. Sie wischte sich mit dem Taschentuch noch die letzten Tränen verlegen weg. „Entschuldige, peinlich, ich weiß“. Die Frau schaute sie mit ganz ruhigen, wachen Augen an, der Mund ganz weich. Sie gab direkt Geborgenheit. Anna bemerkte das und wurde ruhiger. „Was ist passiert?“ fragte sie Anna. „Mein Mann,“ begann sie, während sie sich sichtlich zusammenriss, nicht erneut zu weinen. „Er hat mich betrogen. Schon seit einem halben Jahr. Er lügt mir die ganze Zeit ins Gesicht. Ich blöde Kuh bemerke es nicht. Wie konnte er mir das antun?“ Sie schaute die Frau mit großen Augen erwartungsvoll an, während ihr erneut Tränen über die Wangen liefen.
Sie legte ihre Hand sanft auf Annas und spendete ihr ihren wärmenden, tröstenden Blick. Annas Atmung wurde abrupt ruhiger. Sie begann sich zu entspannen und ließ sich einen Moment fallen. Doch dann kam die Anspannung zurück. „Hast du dazu nichts zu sagen?“ Wie findest du das denn, was er mir angetan hat? Ist dir das egal? Wir haben doch unsere gemeinsame Firma. Wie soll das denn gehen? Er ist so ein Arsch!“ „Ich bin da“, antwortete sie etwas irritiert. „Sag mal, bist du gar nicht auf meiner Seite? Was bist du denn für eine Freundin? Mir gehts beschissen und du hast mir nichts großartig zu sagen? Du bist echt kalt und egoistisch. Weißt du das? Du interessierst dich gar nicht für deine Freunde! “ Empört und enttäuscht packte sie ihre Sachen zusammen. Legte das Geld für den Kaffee auf den Tisch und ging davon.
Die Frau schaute ihr mit offenem Mund und großen Augen hinterher. Sie kratze sich am Kopf. Dann verließ sie ebenfalls das Café. Sie sah ein Kleinkind, das von Bodenplatte zu Bodenplatte sprang. Dabei lachte es mit diesen typischen Kinderaugen, strahlend voller Begeisterung, ganz in dem Moment. Es war ihm egal, was um ihn herum passierte. Die Frau begann ebenfalls zu lächeln, als sie den Jungen sah und sprang mit ihm gemeinsam von Platte zu Platte. In ihren Augen lag ein und dasselbe Leuchten wie in den Augen des Jungen. Sie strahlten sich beide aus vollen Herzen mit einer Wärme und Leichtigkeit an. Es war, als wären die Zwei auf einer ganz anderen Ebene verbunden. Der Moment hielt nicht lange an, da die Mutter ihren Sohn zu sich rief. Er winkte der Frau mit seinem Strahlen zum Abschied zu und eilte zu seiner Mama. Sie schenkte ihm noch einmal ihr Lächeln. Dann setze sie ihren Weg fort. Die Einkaufsstraße neigte sich dem Ende zu. Sie bog von der Einkaufsstraße ab in eine kleine Seitengasse. Das Gefühl, was sie verbreitet hatte, hallte noch eine ganze Weile in dieser Straße nach. Es war so, als wäre sie ganz bei sich. Bei jedem einzelnen Atemzug.

Die Frau und die Leere

Die Frau saß auf ihrem Bett und betrachtete die Leere zwischen den Dingen. Sie mochte die Leere, sie fühlte sich beruhigend zwanglos an.

Die Leere wiederum sah die Frau an. Sie mochte die Frau, sie fühlte sich wie Etwas an.
Die Leere war neugierig und deutete der Frau, zu sich zu kommen.

Die Frau stand auf und tat einen Schritt auf die Leere zu. Sie hielt kurz inne, sah sich noch einmal die Dinge in dem Zimmer an, dann betrat sie die Leere. Einzutreten war ein seltsames Gefühl. Die Frau fühlte Eigenschaften von sich fallen, sie fühlte sich nackt, nein, sie fühlte das Fehlen des Etwas.

Die Frau betrachtete einen Moment lang ihre Hände, sah an ihrem Körper hinab bis zu ihren Füßen, wie um zu kontrollieren, ob diese noch da waren. Sie kam zu dem Schluss, dass sie es nicht genau wusste.
War sie Leere geworden?
Und wenn es so war, machte es einen Unterschied?
Die Frau betrachtete nun ihre Umgebung. Die Umgebung war mit mehreren Etwas gefüllt. Was diese waren, konnte sie nicht sagen.
Oder wollte sie es nicht?
War die Umgebung hell oder dunkel? Schwarz-weiß oder farbenfroh? Die Frau beschloss, dass es keinen Unterschied machte, und ließ die Gedanken liegen.

Die Frau atmete tief ein und wieder aus. Sie ließ sich von der Leere durchströmen.
Wieder dieses beruhigend zwanglose Gefühl.

Die Frau betrachtete die Leere.
Die Leere betrachtete die Frau.
Sie lächelten sich zu und ließen sich gemeinsam ins Nichts fallen.

Meine Welt in der Superposition

Der Spiegel zeigt, wer ich bin.
Die Lüge beschreibt, was nicht stimmt.
Die Wahrheit sagt, was wahr ist.
Ich weiß alles und gar nichts.

Ich suche nach dem Sinn des Lebens.
Es ist, wie es ist.
„Du findest eh nichts“
sagt der Nihilist.

Meine Welt steht in der Superposition,
bis sie mir sagen:
„Guck mal, das ist so.“
und „Das sind die Namen.“

Erfolg ist die Konsequenz von harten Arbeitszeiten
und wer was wollte, jeder Mensch kann das erreichen.
Leid sollte vermieden und Glück sollte gesucht werden,
ich weiß nicht, was mir bliebe, wenn ich’s nicht versuchen würde.

Ich frage nach diesem Sinn,
es muss doch einer stimmen.
Der Pfarrer sagt: „Mein liebes Kind,
schau hoch nur in den Himmel.“

Meine Welt steht in der Superposition,
bis sie mir sagen:
„Guck mal, das ist so.“
und „Das sind die Namen.“

Der Lehrer lehrt mich, was ich lernen sollte
und jeder rät mir, was ich gerne wollte.
Ich tue, was man eben tut,
oft Gutes, denn dann ist das Leben gut.

Es gibt für alles klare Worte,
nur die Frage nach dem Sinn
liefert mehrere Antworten.
Wie soll ich ahnen, welche stimmt?

Ich und mein Baum

Mein Baum hat sich nach oben gestreckt
gen Himmel, nach unten tief in die Erde.
Ihm ist bekannt die Weisheit beider Welten.

Er flüstert sie mir, wenn ich ihn umarme
mit diesen menschlichen Händen,
wenn ich meine Wange
an seinen Stamm lege.

Er sagt mir: “Lass dich nicht täuschen.
Man sieht mit den Augen nicht,
wie eine allgegenwärtige Urkraft
alles voranbringt.

Schließe die Augen. Spüre
das Muster meiner Rinde
unter den Spitzen deiner Finger.
Horche und fühle den Wind.

So wird es sich anfühlen,
wenn es nichts mehr gibt.
So wird es dich umarmen.
So wirst du geküsst.
So wirst du verstanden.
So wirst du erlöst.

So verliert selbst die Zeit
ihre scheinbare Macht…”

Ich und mein Baum
haben den gleichen Herzschlag.

***

Was für eine seltsame Nacht…
Halb wahnsinnig, halb wach,
halb berauscht, halb entzückt
schlucke ich heiße Luft
längst vergangener Liebe.

Von ihr ist nur die Lust, die Begierde 
übrig geblieben, die bittere Sehnsucht
nach einer Verbindung,
die sich nie erfüllt,
die sich nur leicht enthüllt
in Momenten wie diesen.
Sie zeigt die schmerzhafte Wahrheit,
dass nur der Tod uns befreit
und nur er unsere Sehnsucht befriedigt
im ewigen ruhigen Schlaf.

Ohne Name

Ich lag schlaflos da. Wieder einmal. Hatte mich unruhig von einer Seite zur anderen gedreht. Sie war wieder da. Die Gedankenfluten. Einem sinnlosen Gewirr von Erinnerungen, Sorgen, Aufgaben und zum Schluss, einer losen Perspektive. Einer verirrten. Einer Vereinsamten. Die Tränen stiegen mir in die Augen und auf einmal kommt sie hoch. Die Realität, das Konstrukt.
Da stand ich in der kleinen Küche. Meine nackten Füsse auf dunkelroten, kalten Fliesen.
Betrachte die Medikamentenpackung. Starr lag sie auf der Marmorplatte. Einsam. So wie ich. Es ist innerlich wie ein Gefäss, gefühlte Füllung, mit nichts mehr. Leere. Das Einzige was mir nun noch blieb war, es zu beenden. Von: Es gibt nichts mehr für mich. Zu: ich bin nichts mehr. Will nicht mehr sein. Keine Gedanken, keine Schwere, keine Einsamkeit, keine Schmerzen, keine Schuld, keine Scham, keine Traurigkeit. Einfach ein Nichts. Ich sah in diesen Tabletten irgendwas Hoffnungsvolles. Vom Gefühl, dem nicht existieren. So öffnete ich die dünne Schachtel, nahm einen Blister heraus und drückte alle farbigen Pillen auf die Küchenablage. Meine Hände bewegten sich, als ob ich gar nichts anderes wollte. Nur noch das. Und dann. Dann ist es vorbei.
Ich füllte ein Glas mit Wasser und schluckte eine nach der anderen. Danach legte ich mich auf den Boden inmitten meines Zimmers. Die türkis gestrichenen Wände drückten die dunkle Farbe jetzt auf mich. Die weisse Decke war schöner. So hell, rein und leer. Meine Augenlider schlossen sich, mein Körper wurde schwer. Was bedeutet es, dass nichts? Höre ich nun auf zu existieren?
Ich gehe und sehe sie, die Bäume. Tief verwurzelt in der Erde. Mit breiten Stämmen. Manche zart, manche schmal, manche rau, manche breit. So verschieden wie sie sind. So seid ihr es. Meine Familie. Meine Brüder, meine Mama, mein Papa. Eure Bäume stehen mit prachtvollen Kronen und Blättern, breiten Stämmen, alle nah beieinander. Mein Baum, ich sehe ihn an. Er steht abseits.
Verkümmert, schmal und dünn. Im Schatten eurer Bäume. Die Wurzeln über dem Waldboden sind komplex ineinander verwoben. Doch die, die zu meinem Baum verlaufen sind, sind trocken, fast schwarz. So seid ihr die Menschen, bei denen ich einst meine Wurzeln besass. Doch nun spüre ich keine Verbindung mehr zu euch. Die Nähe existiert nicht mehr. Das sind nur noch Bedingungen an einer Illusion. Ein Glaube. Für euch. Alles oder nichts. Und ich, ich wurde zum Nichts. Zum niemanden. Oder doch, zu einer Aussätzigen. Ich bin eine Sünderin in ihren Augen, aber das Wort Sünderin ist nur ein Geräusch aus euren Ohren. Es trägt keine Macht mehr über die Materie meines Körpers. Bin ich noch da?
Irgendein Impuls strömt durch mich. Von einem pochen in meiner Brust und stechen in der Magengrube. Ich krieche zum Badezimmer, beuge mich über die Kloschüssel und erbreche. Ich blicke in das Flüssige hinein. Wasser und Schleim. Verschwommen versuche ich etwas zu erkennen. Waren das die Tabletten? Wie viele hatte ich geschluckt?
Mir wird schwarz vor den Augen, wieder kommt ein Nichts. Es wird Zeit. Zeit, die Wurzeln liegen zu lassen. Sterben sollen sie, denn ich gehöre nicht mehr zu den euren. Irgendwie will ich existieren, doch nicht leben wie ihr. Die Illusion bereitete nur in meinem Leben in allen Facetten Grenzen. Die, die ich als Kind immer überwinden wollte. Um zu verstehen. Die Welt, die in euren Augen, schwarz und weiss ist. Von Gehorsam oder Sühne. Die Wurzeln, die ich einst bei euch hatte sind schon ganz schwarz, bald existiert meine Seele bei euch nicht mehr. So seid ihr es bei denen ich einst meine Wurzeln hatte. Die Grenze verschwimmt. Keine Ahnung, wie und wann ich wach wurde. Da lag ich auf dem Badezimmer-Teppich und starrte auf das Licht, das unter der Tür drang. Okay, ich bin noch da. Irgendwie will etwas in mir leben. Trotz Schmerzen. Trotz Traurigkeit. Trotz Scham. Trotz Einsamkeit. Was, wenn ich einfach woanders hin gehe? Aber ohne Tod zu sein. In ein Leben, irgendeines. Etwas wage. Die Grenzen, die man mir gebaut hatte. Sie sind wie zementierte Mauern. Ich schmettere sie wütend, weinend, schreiend niederschmettere. Sie bröckeln. Von Stein zu Stein. Fallen, bleiben liegen. Und rufe laut: Ich will das nicht mehr, das mit euch. Ich will nicht so sein wie ihr. Keine Gefangene eines Konstruktes sein. Ja, dann bin ich eine Aussätzige. Ja dann, bin ich in euren Augen eine Sünderin. Doch ich kann frei sein? Kann ich das? Werde ich das dann sein? Ich richte meinen Körper langsam vom Boden auf. Etwas dreht sich noch in meinem Kopf und mir ist auf einmal total schlecht. So drehe ich den Wasserhahn über dem Waschbecken auf und trinke hastig vom kalten Strahl. Ich werde auf einmal total wach.
Ich lebe. Und irgendwie, keine Ahnung wieso, bin ich froh noch zu atmen. Da zu sein. Wo auch immer ich bin. Zwischen Badewanne und dem Lavabo. Nackte Füsse, die den dunkelblauen Badeteppich spüren. Ich bin nicht sie, muss niemand sein. Ich einfach da, da wo ich bin.

Barspende

Nachmittag. Fußgängerzone. Kleinstadt.

Ich stell mich einfach hin und fang an zu singen. Nicht, weil ich das gut kann oder so. Aber irgendwas muss man machen und ich mach gern ehrlich. Wenn ich sing, sing ich ehrlich.
Wenn ich Hunger hab, regel ich das auch ehrlich. Ich klau nur Lebensmittel, und ich klau nur, wenn ich wirklich hungrig bin. Wenn es nichts zu containern gibt, oder nichts in den Mülleimern. Wobei ich daswirklich hass, weil die Leute da echt alles reinwerfen. Hab schon mal Hundescheiße an den Händen gehabt, nachdem ich in so ein Ding
reingetaucht bin.

Wenn ich sing, denke ich an nichts Bestimmtes. Ein Mann bleibt stehen, ganz nah, erst befürcht ich, er will was von mir, aber dann legt er die Hand ans Ohr.
Ich hör schlecht, sagt er. Später wirft er mir ein Zweieurostück in die Mütze.

Abend. Park. Kleinstadt.

Snack ist noch da, hätt nicht damit gerechnet. Er sitzt auf einem abgesägten Baumstamm und zerlegt eine Zigarette in Einzelteile. Tabak, Filter, Papier. Alles schön säuberlich, als wollte er verstehen, was sie in ihrem Innersten ausmacht.
Und?, fragt er, ohne aufzusehen.
Ich halt ihm die Münzen hin. Eine Handvoll, die kaum wiegt.
Snack nickt.
Kleingeld, sagt er, das ist der richtige Name für dich. Morgen zeig ich dir mal, wie man richtig Geld macht.

Aber später flucht er: Der Ausweis ist weg.
Ist doch egal, sag ich, du brauchst doch keinen Ausweis.
Der Ausweis ist eh nur ein Stück laminiertes Fotopapier mit einer gefälschten Telefonnummer.
Ja eben schon, hält Snack dagegen, manche schauen da drauf.
Ist wahrscheinlich runtergefallen beim letzten Umstieg, sag ich. Hilft jetzt auch nichts.
Scheiße, Mann. Dann musst du mir eben helfen.
Ich?, frag ich. Bisschen zu schnell, bisschen zu wenig überrascht.
Schon, sagt Snack. Du kannst mein blinder Assistent sein. Das lenkt ab.
Bist du völlig bescheuert?, sag ich, mich hält doch niemand für blind.
Da brauch ich doch auch so ’nen Stock und so ’ne Armbinde mit den gelben Punkten.
Schwarz, sagt Snack.
Hä?, frag ich.
Schwarze Punkte. Gelber Grund.
Ah, sag ich, Glückwunsch. Kommt ja jetzt auch nicht vom Himmel gefallen, bloß weil du weißt, wie’s richtig aussieht.
Stimmt, gibt Snack zu. Dann halt taubstummer Assistent. Fresse halten kriegst du hoffentlich hin?
Er meint es nicht als Frage.

Vormittag. Jungfernstieg. Hamburg-Altstadt.

Die weiße Blechdose von Peta klackert in meiner Hand. Snack lässt immer ein paar Münzen drin als Motivation. Er hat mir ein laminiertes Schild an einer Kordel umgehängt.
„Für die Tiere, für das Meer, für unsere Zukunft“ steht da drauf, in drei Sprachen.
Snack einen Meter hinter mir. Er ist der mit der Verantwortung. Wenn die Ladenbesitzer was sagen, oder das Ordnungsamt kommt. Muss er dann klären, denk ich. Derweil werd ich der beste Taubstumme überhaupt sein.

Anfangs ist nicht so viel los. Ein paar Rentner werfen Zweieurostücke.
Klebrige Kinderhände stopfen ungeschickt Fünfzigcentmünzen in den Schlitz. Halb eins wechseln wir den Standort. Größerer Platz, mehr Menschen. Touristen, Angestellte in der Mittagspause. Snack quatscht sie an, Quatschen ist seins, muss man ihm lassen. Ich steh daneben, spiel bisschen den Trottel. Schau mir die Binnenalster an und denk drüber nach, warum Dalmatiner Flecken haben. Also wirklich, weil sie doch von Wölfen abstammen und die sind ja auch nicht gefleckt. Hab mal gelesen, dass sie für den Disney-Film den Hunden ganz viele Punkte aufgemalt haben. Hoff, es stimmt nicht, weil wenn, haben Dalmatiner vielleicht in echt gar keine Flecken.

Ein Mann steht plötzlich vor mir, wasserblaue Augen, kleine Fältchen.
Er schaut bisschen, als hätte er zu viel erwischt von irgendwas.
Wahrscheinlich denkt er, er blickt mir gradewegs in die Seele. Er schiebt einen blauen Schein in die Dose.
Danke, sagt er zu mir, und lächelt mich groß an, als wär er ein verdammter Heiliger. Ich will was erwidern, aber mir fällt gerade noch rechtzeitig ein, dass ich ja nicht sprechen kann. Snack kichert hinter mir, als der Typ geht, und zündet sich eine Zigarette an.
Bist ein Naturtalent, sagt er.
Ich pfeif auf mein Talent, will lieber auch eine Kippe haben, aber Snack gibt mir keine.
Wart bis heute Abend, dann kannst du dir selbst welche kaufen.

Später sitzen wir am Hauptbahnhof auf einer Bank, essen dreieckige Sandwiches mit viel Soße aus Plastikschalen.
Haben wir uns verdient, sagt Snack und meint, wir haben dafür bezahlt und sie nicht geklaut. Er holt einen kleinen Schlüssel raus und öffnet die Blechdose unten.
Dreiundneunzig, zählt er.
Wir brauchen ein neues Messer, schlag ich vor.
Wir brauchen erstmal ’nen Zug, hält Snack dagegen und pafft imaginär. Aber vorher Internetcafé und ein bisschen Recherche.

Abend. Landungsbrücken. St. Pauli.

Als Snack wiederkommt, ist es schon dunkel. Ich lieg im Schlafsack und rauch, Schuhe noch an, Füße trotzdem kalt. Die Welt weicher an den Rändern.
Snack schmeißt eine Plastikmappe zu seinem Zeug.
Hab was Gutes gefunden, sagt er. Das wird next-level morgen.
Plan mal ohne mich, sag ich.
Was, willst du wieder singen? Snack lacht. Vergiss es, Mann. Du kannst dir ja nicht mal deine Kippen kaufen ohne mich.
Ich will sie nicht anlügen, sag ich.
Tust du ja nicht. Das schaff ich auch ohne dich. Und – Snack hält inne, sieht mich an, auch wenn es fast zu dunkel ist, um sein Gesicht zu erkennen – du hilfst ihnen auch. Die wollen das doch so. Für ihr Gewissen. Ob die jetzt für die zerstörte Natur spenden oder für uns ist doch auch total egal.
Ist es nicht, murmel ich. Aber wahrscheinlich ist es egaler, als ich denk, und ich brauch dringend neue Schuhe.

Nächster Abend. Anderes Viertel. Dieselbe Masche.

Perfektioniert!, sagt Snack, bisschen stolz.
Das heißt, er hat sich Formulare ausgedruckt, weil die Leute Formulare lieben. Formulare sind die Bettdecke der Moral, fachsimpelt er.
Lastschriftformulare.
Mir ist nicht ganz klar, wofür. Dann seh ich, was es mit den Leuten macht, wenn Snack ihnen das Papier hinhält.
Eine Frau rümpft die Nase.
Sorry, aber Lastschrift mache ich nicht!
Der Moment, auf den Snack gewartet hat. Trauriger Blick, wirklich schade für die Regenwälder, aber– er schiebt mich ins Bild, die Assistenz mit der Dose– wir nehmen auch gern ’ne kleine Barspende!
Die Frau schaut erleichtert und steckt zwanzig Euro in den Schlitz.
Ein Mann mit Zahnpastalächeln gibt fünfzig Euro und einen entschuldigenden Blick, als wär es nicht genug.
Für die Robben, sagt er.
Eine dicke Dame erzählt uns von dem Hund, den sie mal hatte, der ihren Mann aber nicht mochte. Sie stopft zwanzig Euro, zögert kurz, dann nochmal zwanzig hinterher.
Ich sag leise: Danke.
Snack schaut mich böse an, aber die Frau hat es nicht gemerkt.

Irgendwann ist die Dose voll und wir rollen uns Kippen hinterm Hauptbahnhof.
Snack grinst mich an, holt den Schlüssel raus. Er zählt einen Stapel Scheine wie kleine weiche Vögel auf seine Hand.
Läuft, sagt er, und schiebt mir einen knisternden Haufen hin.
Ich greif zu, ehe ich Nachdenken anfange. Steh dann auf, murmel was von Schuhen. Der Körper will weg, und ich lass ihn.

Als ich genug gegangen bin, regnet es und ich steh in einer Unterführung. Hier hat sich ein kleiner Chor zusammengedrängt, zwei Frauen, ein Mann und ein Mädchen. Sie haben nur mich als Publikum und singen ein Lied, das ich kenn, aber ich weiß nicht, woher. Es geht um Pferde, die vorbeireiten, und Liebe im Schatten von Kiefern. Dann wird mir klar, dass es kein Deutsch ist, ich aber die Sprache versteh aus meiner Kindheit. Es ist Slawisch, Bulgarisch, glaub ich.
Das Kind lächelt mich an und ich komm näher, sing mit. Meine Stimme ist bisschen eckig, passt aber rein in ihren Chor.
Als wir fertig sind, greif ich in meine Tasche und nehm das Bündel Scheine, drück es dem Mädchen in die Hand. Sie sieht mich an, dann auf die Scheine, dann wieder mich. Kein Lächeln, nur eine Hand die zugreift. Ein schnelles Rechnen in ihren Augen. Einer der Erwachsenen sagt etwas, das ich nicht versteh. Es klingt weniger dankbar, eher
praktisch. Kurz bin ich unschlüssig. Es fühlt sich nicht richtig an, nur weniger falsch.

Meine Füße sind nass. Ein Schuh quietscht leise. Meine Papers kleben feucht zusammen. Ich find aber noch einen Zehneuroschein in der Jacke, bleib kurz unter einer Markise stehen, roll Tabak rein und zünd ihn an.


Prosa und Essay 20
Vier Stimmen unter derselben Sonne

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Heldendämmerung

Zwei alte Männer in Pyjama stehen an der Kasse im Supermarkt. In jenem Stadtviertel, in dem Viertel, ein Viertel vom Viertel, also ein Achtel. Halbacht stehen sie. Dann Dreiviertelacht, es ist vorauszusehen, dass sie bis acht nicht stehen werden. Denn kurz vor Zehn vor Acht rammt der Hintermann dem Vordermann seinen Einkaufswagen in die Kniekehle. Der Vordermann schlägt mit den Hufen aus, schlägt den Hintermann samt Wagen noch weiter nach hinten, worüber die dahinter Stehenden rückwärts taumeln.
Der Hinterkentaur stößt erneut zu. Der Vorderkentaur dreht sich um und schaut dem Hinter-Kentaur tief in die Augen. Da sich dieser von den stechenden Blicken nicht beeindrucken lässt, schlägt der Vorderkentaur mit den Hinterbeinen aus und schleudert dem Hinterkentaur den Einkaufswagen weg. Es entbrennt ein heftiger Kampf. Aus der allgemeinen Kakophonie im Areal der Kämpfenden rings um die Kontrahenten kann man heraushören, dass einige Zuschauer den Hintermann unterstützen, der Vordere habe sich vorgedrängt, eingeschlichen, hindurchgepresst, nein, der Vordere sei im Unrecht, sagen die anderen, die Fans des Hinterkentaurs aber behaupten, der Vordere habe angefangen zu schubsen. Egal, mal sehen, wer stärker ist, wer sich durchsetzen wird. Unentschieden, noch ist alles unentschieden, ungewiss der Ausgang.
Inzwischen haben sich die meisten Zuschauer entschlossen unentschlossen zu bleiben, sie feuern jeweils jenen an, der gerade in Führung ist: Wer zuschlägt wird angefeuert. Ein Könner setzt sich auf die Kühltruhe und übernimmt die Rolle des Kommentators. Ein anderer tritt in den Ring und übernimmt als Schiedsrichter. Indes entbrennt an der Nebenkasse ein zweiter Konfliktherd: Krimi und Bruni stehen vor der Kasse nebenan und streiten um den Vortritt.
Ein Teil der Zuschauer hat sich zurückgezogen, die Hinterbänkler, die schweigende jedoch nicht ganz schweigende Mehrheit. Da hört man nur murmelnde Laute, die man zur Zeit jedoch nicht deuten kann, wohin sie führen mögen. Noch immer ist alles unentschieden.
Eine Zuschauerin will heraus aus dem Bedrängnis und wird noch enger eingeklemmt. Sie versucht, sich mit den Schultern Freiraum zu schaffen, kann sich aber wegen der sperrigen Gestalt vor ihr nur einige Millimeter bewegen, ihre linke Schulter rutscht ab, die Schulter der Herausstrebenden und die Schulter des Widerständlers reiben sich aneinander.
Indes hat Krimi Bruni bereits beleidigt, Worte sind gefallen, die einen langen Krieg mit sich ziehen werden und ein Hausverbot. Die eingeklemmte Frau kann nicht erahnen, was für eine Tragödie sich gerade einige Meter vor ihr an der Kasse abspielt, was für Rache-Züge in die Wege geleitet werden. Ihre linke Schulter rutscht immer wieder ab am Widerstand des Vordermanns. Sie möchte einfach heraus und seitwärts entfliehen, die historischen Dimensionen der Kämpfe sind ihr nicht bekannt, die Schulter tut weh, Sperrmüll hat sich ringsum angehäuft.
Die Eingeklemmte schielt zur Ausgangstür. Da steht auch so ein breiter Typ und versperrt den einzigen Ausgang. Einer, der sich schon seit dem frühen Morgen darauf vorbereitet hat, sperrig zu sein, Hindernis zu sein für jene, die ausbrechen wollen, die versuchen, zu entkommen. Vielleicht ist es auch ein Security Man und wartet auf Verstärkung. Ob jemand die Polizei verständigt hat? Jene dicht Gedrängten rühren sich nicht von der Stelle, wollen keine Sekunde die Zweikämpfe vor den Toren verpassen, sie drehen alle die Köpfe nach rechts und dann nach links, synchron, um die Tennisbälle zu verfolgen.
Eine Welle fließt von innen nach außen und erreicht die Ränder des Publikums. Ein älterer kleiner Herr, der auch gerne etwas gesehen hätte, aber dieses nicht kann, versucht zwischen die Schulter der Vordermänner und Vorderfrauen zu lugen und wechselt ständig seinen Standpunkt. Bis er, rückwärts tretend, in eine Pfütze tritt. Mehrere Bierflaschen sind aus den Regalen gerollt und ausgelaufen, in der Pfützen suhlen sich Flusspferde, die jedoch an den sportlichen Wettkämpfen im Zentrum kein Interesse zeigen.
Der Sperrige vor dem Ausgang wird sehr heiter und lacht laut und ausgiebig. Daraufhin sehen alle in Richtung Hauptkampfplatz zu der Runde der alten Pyjama-Herren, der verkleideten Kentauren. Einer aus dem Publikum schreit: »Ich will ´raus!« Worauf der Sperrige an der Tür hellhörig wird und strafend in die Richtung des Schreienden sieht. Dieser bleibt eingeschlossen.
»Ich will ´raus!« wird von der Menge jedoch als »…Krankenhaus!« verstanden.
Daraufhin rufen einige nach einem Arzt, ob ein Arzt im Raum sei.
»Ich will ´raus!« schreit es wieder aus der gleichen Ecke, und die anderen verstehen wieder. »Krankenhaus!«. Einer ruft die Sanitäter an.
»Platz da für die Sanitäter!« Ein vervielfältigter Schrei. Niemand weiß, woher die Sanitäter kommen, irgendwo zwängen sie sich durch die Menge, es sind aber keine Sanitäter, nur drei Jungs in roten Jacken. Die sich aber nicht fortbewegen, auch nicht auf die Forderungen nach sofortiger Hilfe, obwohl keiner weiß, ob und wo die Verletzten zu finden seien. Es schreit aus mehreren Ecken »Hilfeee!«. Einer der Jungs in roten Jacken lacht ohne Grund, der zweite verlegen, der dritte lacht überhaupt nicht.

Ein neuer Fokus entsteht . Auf der Welle eines Strudels rotieren einige Zuschauer oben, auf den Köpfen und Schultern der anderen, werden wieder nach unten gezogen, die von unten nach oben gedrückt., Krimi und Bruni halten sich noch immer fest an ihren Einkaufswagen und stoßen mit denselben aneinander.
Jeder versucht sich hinter seinem oder einem fremden Einkaufwagen zu verschanzen, festzuhalten, sobald er abhebt, einige klettern hinein und rollen sich ein. Inzwischen ist der wahrhaftige Rettungsdienst eingetroffen.
Der Sanitäter, der sich als als erster durch den Hauptpulk durchdrängen kann, hört knapp an seinem Ohr »Krankenhaus!« oder etwas anderes mit«..«Haus«« am Ende oder mit »aus« oder »´raus«. In dem Moment, als das missverständliche Wort sein Ohr mit Wucht trifft, spürt er einen Schlag auf den Kopf und sackt in sich zusammen. Einer tritt ihm auf die Finger, darüber wird er wieder wach. Der Schläger ist jener, den er für den zu Rettenden gehalten hat, der aber nicht gerettet werden will. Er will nur noch nach Hause, nachdem er das Wort«..Haus!« so oft gehört hat. Alle wollten sie plötzlich nach Hause, die Zeit der Sehnsucht nach dem Zuhause ist angebrochen.
Der Retter aus dem Rettungswagen aber hat nichts zu lachen, zumal er sehr enttäuscht gewesen ist, als ihm eine sichtlich gesunde Person die Tür geöffnet hat. Es sollte aber eine kollabierende Person sein, eine Person, die imstande ist eine Tür zu öffnen, habe kein Anrecht auf Rettung durch einen Rettungsdienst.
Von dieser Enttäuschung kann sich der Sanitäter auch nach Stunden nicht erholen, vom Schlag auf den Kopf erholt er sich rasch, er hat einen widerstandsfähigen Kopf. Der Retter jedoch hat nichts zu lachen, nichts zu trinken und nichts zu schnupfen. Und der zu Rettende überragt ihn mehr als eine Nasenlänge, er hat auch Fäuste, die überzeugen können. Bis zu den Kantauren in Pyjama kann der Retter nicht vordringen.
An der anderen Kasse stehen noch immer Krimi und Bruni ,umzingelt von Zuschauern. Sie haben noch einige Schritte bis zum großen Tor. Die Zuschauer drücken sich von einem Kampfplatz zum anderen durch und berichten über den aktuellen Stand. Ein Angestellter holt seinen Kollegen aus dem Lagerraum, damit dieser auch etwas sehen kann. Sie holen Stühle und stellen sich darauf, zwecks Übersicht. Auch geben sie dem Volk da unten Auskünfte über den Score. Aus den Rädern der Streitwagen funkeln Blitze, die Botschaften funken, sie wirbeln Staub auf, aus den Regalen fliegen Kaugummi-Päckchen an die Wände, vielleicht auch andere Packungen, die man kaum lesen kann im Flug und sie deshalb als Kaugummi-Päckchen bezeichnet, eine Verharmlosung, sie prallen an der Wand gegenüber ab und fallen auf den Boden, eine explodiert, weitere Retter stoßen voran und nähern sich dem Kern der Auseinandersetzungen, sie suchen gezielt nach verletzten Zuschauern aber auch nach solchen, die keine Zuschauer mehr sind und in die Kämpfe eingegriffen haben, die zu retten ist schwieriger, die zu Rettenden wehren sich gegen die Rettung. Krimis Haar weht in einem Wirbelwind, aus den Rädern der Streitwagen sprühen weiterhin Funken, die Pyjama-Männer schreien, die Sieben mageren Jahre kämen, alle Fenster werden geöffnet, einhundertdreißig Flusspferde gähnen in ihren Pfützen, die Wagenschieber, die noch ihre Wagen schieben, schmachten und schniefen, Fähnchen schwenkend, Angestellte versuchen die Masse zu beruhigen, einer bläst ins Horn, worauf die Wagenschiebenden ihre Wagen frei rollen lassen und zum Ausgang galoppieren, doch der Sperrige steht da und hält die Wacht.
Die Flusspferde in den Pfützen gähnen weiter und weiter, irgendeiner am Ufer ruft »Wir müssen die Ranger holen!«, ein anderer hat bereits angerufen, die Stimme am anderen Ende der Leitung bohrt genüsslich in der Nase und sagt immer wieder »Ich habe Sie nicht verstanden, ich habe sie noch immer nicht verstanden«, je höher sie in der Nase vorankommt, desto weniger versteht sie, ihre Nase hat sich selbstständig gemacht vom Kopf. Die Nase wächst und der Kopf schrumpft, ich habe sie noch immer nicht verstanden, der andere sagt ja, ja , die Ranger kommen. Als die Ranger eintreffen, geraten sie mit den Sanitätern aneinander, ich habe sie noch immer nicht verstanden, schreit es unentwegt aus dem Handy, ein Angestellter sagt, es sei ein Automat mit Fabrikationsfehlern, den müssen wir aussortieren. Indes sind die Nasenlöcher der Frauenstimme auf dem Display planetengroß geworden hinter der Milchstraße und voller schwarzer Materie.

2 Den Mond sehen

MY LAST TWO WEEKS. Das war die Stimme im Radio. Es kam der Wirklichkeit verdammt nahe. Ganz gleich, in welche
Zeit gewendet.

Er kroch noch tiefer in die Betonhöhle. Ein guter Song. Er drehte das Transistorradio lauter. Die vorbeirasenden Autos
ließen das Innere des Pfeilers erzittern. Der Lärm war ein glühender Schmerz in seinem Kopf. Er hatte keine Wahl. Im
Dunkel tastete er nach den Kerzenstümpfen. Der staubige Sand verströmte einen strengen Geruch. Irgendwann hatte er aufgehört, sich zu ekeln.

Das Kerzenlicht war ausreichend. Er tastete nach dem Bild in seiner Tasche. Seine Finger waren starr vor Kälte. Es war die dritte Frostnacht. Das Mädchen auf dem Bild nannte sich Jojo.

Über der Fotografie lag ein blasser Firnis. Er erinnerte sich an das halb erblindete Fensterglas des alten Hauses. An den schmalen, von Gräsern überwachsenen Fahrweg. Über die Flussniederung stieg der Nebel. Das war das Bild. Der
Augenblick blieb ein anderer. Da ließ er ganz langsam die Kamera sinken. Dann wandte er den Kopf.

Ein Fahrrad kam den Weg entlang. Es wechselte rasch die schlammigen Fahrspuren, torkelte wie ein Falter über Rillen
und Vertiefungen. Er konnte bereits jede Einzelheit des Bildes unterscheiden. Da legte sich das Fahrrad nach einem gewagten Schwenk plötzlich auf die Seite. Es stürzte zu Boden.

Vor dem Haus neigten sich die Gräser im Wind. Aber es war gar kein Wind. Nur eine Erinnerung unter dem schmalen
Ausschnitt eines Blickes, der ruhig und aufmerksam blieb. Er rührte sich nicht.

Es war ein Mädchen. Sie erhob sich mühsam, den Schlamm von Kleidung und Haaren schüttelnd. Humpelnd bewegte sie sich auf das halb verfallene Haus zu. Für einen Moment begegnete er ihrem unsicheren Blick im Sucher seiner
Kamera. Sie trat in das Bild. Er ging die Treppe hinab. Auf ihr abermaliges Klopfen hin hatte er schließlich die Tür
geöffnet.
Sie war sehr schön. Sie sagte: „Guten Tag. Ich habe Sie am Fenster gesehen.“ Sie fragte ihn, ob er den Mond gesehen habe. Er schüttelte den Kopf. Sie zeigte keine Angst.
Eigentlich wollte sie nur ihre Kleidung säubern und nach dem verletzten Knie sehen. Doch sie blieb drei Tage. Sie sagte ihm, dass sie von zu Hause ausgerissen war.
Jojo war siebzehn und ging noch zur Schule. Er mochte sie sehr. Aber er wagte es nicht, ihr das zu sagen.

Sie drängte ihn, Dinge zu tun, die er lange nicht mehr getan hatte. Stundenlang am Fluss spazieren zu gehen. Auf dem
Friedhof Versteck zu spielen. Nachts den Mond anzuheulen. Sie schliefen auf dem Boden. Schlaflos blickte er sie fast die ganze Nacht über an. Mit hohen Pfeiftönen vertrieb er die Ratten. Morgens stand er am Fenster und suchte den Mond.

Sie fuhren in das Dorf, um ein paar Lebensmittel zu stehlen. Jojo warf ihre Schultasche in den Fluss. Sie bemalten sich mit Filzstiften und erfanden Spiele bis in die Nacht. Manchmal hätte er sie einfach gerne in die Arme genommen.

Jojo verschwand ganz plötzlich. Die Zeitung war schuld. Jojo erfuhr, dass die Polizei sie suchte. Sie wurde plötzlich sehr traurig. Sie fotografierte den Himmel. Die Wolken. Den Abend. Nachts liefen sie schweigend durch die Zimmer. Den Blick ihrer Augen ertrug er nicht. Er war verliebt.

Gegen Morgen spürte er ihre Lippen auf seinen Augenlidern. Er schlief zum ersten Mal seit langer Zeit. Als er erwachte, war sie fort.

Die Kälte begann ihn willenlos zu machen. Er wünschte sich seinen Schlafsack und die warme Decke zurück. Irgend
jemand hatte sein letztes Notquartier entdeckt. Kamera und Rucksack waren fort, alle anderen Sachen verbrannt. Vielleicht hatte er sogar noch Glück gehabt. Uli war erst zwei Wochen tot. Sie sagten, er habe noch gelebt, als man ihn in den Fluss warf. Andere waren einfach verschwunden. Vieles blieb Mutmaßung. Aus Angst schlief er nicht mehr. Die
zwergenhaften Wesen aus den Einschlafträumen seiner Kindheit blickten düsterer denn je. Wenn er die Augen schloss, weiteten sich die Räume. An ihren Enden fühlte er sie dann. Ungreifbar gegenwärtig, in einer schrecklichen Stille verharrend.

Ein schwaches Zittern überwand seinen Körper. Bloß fort von hier. Im Park gab es eine Toilettenanlage, die die ganze Nacht über geöffnet blieb.

Ins Freie kriechend, wich er erschrocken zurück. Für einen Augenblick war es, als rasten die Autos geradewegs auf ihn zu. Ihre Scheinwerfer schnitten grell in sein Gesicht, bevor sie die Nacht verschluckte. Er fror. Die offenen Wunden an seinen Beinen schmerzten. An den Leitplanken entlang lief er in Richtung des Stadtzentrums. Die Schlafplätze der letzten Wochen. In den Katakomben der Tunnel und Stadtautobahn wagte jetzt niemand mehr zu schlafen. Über den
Wohntürmen sah er die blasse Sichel des Mondes stehen. Er tastete nach dem Foto in seiner Manteltasche.

Im Park war es sehr dunkel. Ganz am anderen Ende sah er den Lichtschein von den Toilettenanlagen. Er ging darauf zu, als plötzlich die Schatten zweier Männer über ihn fielen. Sie folgten ihm. Er drehte sich nicht um. Erst als er hörte, dass sie über ihn sprachen, ihn Sozialschnorrer und Obdachlosenschwein nannten, begriff er, dass er in Gefahr
war. Er begann schneller zu laufen. Die Männer blieben zurück. Ein älterer Mann mit einem Hund kam ihm entgegen. Verzweifelt bat er ihn um Hilfe. Da drohte der Mann, den Hund auf ihn zu hetzen. Der ferne Lichtschein hatte nichts Anziehendes mehr. Die Männer holten ihn bald wieder ein. Er musste den Park so schnell wie möglich hinter sich lassen. Seine Beine schmerzten. Er hatte Angst. Niemand wird dir helfen. Sehr plötzlich durchfuhr ihn dieser Gedanke. In kleinen, hastig stolpernden Schritten begann er zu rennen. Die Männer ließen ihn gewähren. Er hörte sie lachen. Für
einen Moment fühlte er sich sicher. Seine Lider flackerten.

Schloss er die Augen, war er mit Jojo am Fluss. Blasse Bilder. Zwei Wochen waren eine lange Zeit. Ein guter Song.

Am Parkausgang blieb er stehen. Ihm war, als seien Stunden vergangen. Die Straßen lagen erstarrt im grauen Licht. Die Fassaden der Häuser waren von Stahlträgern umklammert. Kräne und Schaufelbagger starrten herab. Auf einer großen Tafel standen die Namen der Firmen, die mit dem Abriss des Stadtviertels beauftragt waren.

Der falsche Ausgang. Hier war alles fremd. Die Schritte hinter ihm waren verstummt. Er drehte sich um. In der Dunkelheit sah er den schimmernden Kies des Weges. Er war leer. Die Angst schnürte ihm die Kehle zu. Tastend bewegte er sich in eine der Straßenfluchten. Da waren auch wieder Schritte. Die Wände hallten wider von ihrem metallenen Klack-Klack-Klack. Er lief schneller. An einer Hauswand lehnte ein eng umschlungenes Paar. Jemand hatte ihre Köpfe an einem Pfahl aufgespießt. Sie lächelten. Er blieb stehen. Die Schritte kamen näher. Über dem Plakat stand der Nachthimmel. Zögernd irrte sein Blick über das rissige Papier. Er wunderte sich, den Mond nicht mehr zu sehen.

Russenkind

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Mutterliebe

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Roulette

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Die Revolution und das Bier

Was haben Revolutionen und Bier gemeinsam? Richtig, Feinschmecker und Experten findet man im Brauhaus.
Dávid ist früh dran – oder schon spät, je nachdem, wessen Senf man dazugibt –, darum leistet ihm noch niemand Gesellschaft, als Marek ihm das erste Kühle zapft.
„Harter Tag?“
„Langer Tag.“
Mit dem gutheißenden Kopfnicken eines Oberlehrers bei der Prüfungsabnahme empfängt er den jungfräulichen Krug dieses Novemberabends. Im Hintergrund verrichtet die Flimmerkiste ihren Dienst im Dauereinsatz, aber seinen unerwartet wachen Augen (die Müdigkeit der übrigen Körperteile ist echt) entgeht nicht, dass seit zwei Tagen anstelle von Sport vorwiegend Nachrichten gesendet werden. Die Sprecher wirken ungewohnt lebhaft, mies vorbereitet und sind mit einem Bein noch nicht aus den Laken gekommen. Die Papiere, von denen sie häufiger als sonst ablesen müssen und welche sie immerzu neu sortieren, haben Eselsohren für einen ganzen Bauernhof.
„Soll ich lauter drehen?“
„Wenn du mich vorher erschießt?“
Marek, mit der Fernbedienung bereits in Habachtstellung, schaut nur kurz blöd aus der Wäsche, dann feixt er vieldeutig. Er ist überzeugt, dass niemand ihm ansieht, wenn er angefasst ist. Dávid wendet sich unbekümmert wieder dem trübgelben Gebräu unter seinem Riechkolben zu, der die feinen Hopfennoten nur noch schwerlich von Brottrunk und panierten Schnitzeln unterscheiden kann. Filip und Rastislav müssten noch antreten. Patrik und der Rest haben heute Spätschicht im Papierwerk und können sich erst um drei Uhr morgens in der Wohnung von Patriks Bruder einen hinter die Buche fichten. So hoppelt hier der Hase, erkennt Dávid, wobei er widerwillig den wulstigen Hals nach links verdreht, um einen besseren Blick auf die Aufnahmen der Peace-Zeichen zeigenden Protestierenden in Bratislava zu erhaschen. Entweder du trinkst, und deine Frau setzt dich zugehagelt vor die Tür, oder du trinkst noch nicht, und deine Frau gibt dir einen Grund, dies schnellstmöglich zu ändern. Zufrieden mit sich und dem Seitenhieb an Weib und Kind genehmigt er sich einen weiteren durstigen Schluck. Er liegt mindestens eine ganze Promille im Rückstand, und dabei wird es auf den Straßen schon minütlich dunkler. Hätt ich doch als Davida das Licht der Welt erblickt, denkt Marek lose seine Gedankenkette weiter, Da wär ich Lehrerin oder Sekretärin geworden, würd mich um die Blagen kümmern und der Alkohol hätt mir erwiesenermaßen nichts anzuhaben.
Marek putzt derweil zum dritten Mal dasselbe Glas aus der Reihe, die er zum Abtropfen abgestellt hat. Seit einigen Tagen bleiben selbst die treuesten Stammgäste aus. Mit unnötiger Vorsicht linst er zum vornübergeneigten Dávid herüber, der abwechselnd das Bier kippt, als hätte seine Mittagspause noch dreißig Sekunden, und zwischen den Schlücken gewichtig das Haupt auf und ab neigt, abprustet oder altherrisch mit der Zunge schnalzt. Er ist ein Alkoholiker vor dem Herrn, doch betreibt Marek eine gottverdammte Kneipe und außerdem prellt er nie seine Zeche, darum beschließt er, sich seinetwegen nicht unnötig weiter die Laune zu vermiesen. Stattdessen schwenkt sein Blick wieder zum Fernsehgerät. Ich hätte nicht fragen dürfen. Hätte ihn einfach aufdrehen sollen. Ja, die Bude gehört ihm und ja, Dávid wird auch dann noch wiederkommen, wenn er gegen seinen Willen die einzigen Nachrichten hören muss, die je sein Leben verändern werden. Aber irgendein Anteil in ihm ist anscheinend gar nicht so traurig darüber, dass die flackernden Münder der Ansager schweigen. Wie Puppen an einem Faden, schießt es ihm gedankenblitzartig durch den Kopf, wie sie stumm und etwas versteift vor Nervosität angesichts der unplanmäßig ausufernden Lage (der laufende Fünfjahresplan hatte niemanden vorgewarnt) ihre langen Reden ausbreiten, die dem Arbeiter- und Bauernvolk erklären sollen, wieso die Welt gerade die ist, die sie erfahren. Warum es nicht schlimm ist, dass die Regale diese Woche nur Kaffeeersatzprodukte führen, und wieso es in Lenins Sinne sei, dass man Ewigkeiten auf einen gescheiten Wagen aus Mladá Boleslav oder die ersehnte Waschmaschine von Mora warten muss. Wieso der sakrosankte Marx höchstselbst die Prognose, in wenigen Jahrzehnten habe man das Stadium des Kommunismus erreicht, marxistisch-leninistisch unterstrichen hätte und weshalb es, ausgerechnet Rosa Luxemburg folgend, unabdingbar sei, die Grenzen zum Schutze vor dem Verderbnis bringenden Westen geschlossen zu halten (und nötigenfalls auf Deserteure des Sozialismus scharf zu schießen).
Fürwahr, die Mattscheibe bot seit dem ersten Tag, an dem er sie sich angeschafft und angeschlossen hatte, für jede nicht gestellte Frage die passgenaue Antwort.
Da betritt Filip den heimeligen Raum, der im Übrigen ausschaut, als hätte man ihn aus einem einzigen klobigen Stück Fichtenholz geschnitzt. Erleichtert über die Ablenkung und darüber, nicht länger nur mit sich und den mundtoten Nachrichtensprechern zu sein, wird der Neuzugang überschwänglich begrüßt.
„Ein Bier für den guten Mann, der gute Mann braucht ein Bier!“
Marek übergeht den unnötigen Kommentar des Pauschalsäufers und erfragt selbst bei Filip, was er diesem bringen könne. Filip ist einer der Tüchtigeren. Er kommt nach seinem Geschmack. Man kann sich auch nach acht noch mit ihm unterhalten, ohne am nächsten Morgen seine Stimme suchen zu müssen, braucht ihn nicht mit dem Besen nach Hause bitten und meist ist bei ihm schon nach dem fünften Glas Zapfenstreich. Filip ist der Fahrer der Gruppe.
„Mach mir direkt zwei kalt. Heute brauche ich es dicke.“
Dávid schaut verdutzt oder vielleicht etwas düpiert darüber, dass sein Kumpane ohne ihn bereits die nächste Runde einläutet, wenngleich auch er es war, der das erste Bier im Alleingang bezwingen wollte.
„Ey Filip, wann kommt Rasťo? Und wo bleibt der ganze Rest?“
Der Angesprochene sieht ihn auf eine Weise an, als sei er ein Gespenst, das sich soeben hinter dem Tisch materialisiert habe. Er macht keinerlei Anstalten, sich zu ihm zu gesellen.
„Rastislav ist weg. Dominik, Patrik – alle sind sie in Prag.“
Prag, käut Marek den Namen der wichtigtuerischen der beiden Hauptstädte für sich wieder und sagt ihn dabei mit der einer Zauberformel gebührenden Ehrfurcht auf. Schnell trinkt er leer, um sich nicht erinnern zu müssen, weshalb die Stadt zurzeit ein solch beliebtes Reiseziel darstellt.
„Könntest du das lauter drehen?“, spricht Filip mit verschränkten Armen den Wirt an, „Zu Hause läuft seit einer Woche kein Fernseher mehr. Meine Schwiegerdeppen wollen es nicht wahrhaben.“
Nein!, schreit eine fiepsige Stimme in Mareks Kopf zum Protest, Ich will auch nichts davon wahrhaben! Scherereien hat er so schon zuhauf, da braucht er sich das Aufbegehren der Großstädter nicht auch noch anhören. Wochenlang stehen sie sich bereits für die neuen Schienen die Beine in den Bauch, die den Streckenabschnitt zum Stahlwerk in Košice wieder für schwere Güterzüge gangbar machen sollen. Was wissen die Zweitsemester schon davon? Was verstehen sie schon von Gleissanierungen, der Wartung von Weichen oder Signalanlagen? Bleiben die Parteikader an den Zügeln, kann er sich immerhin noch sein Roggenbrot mit Speck am Morgen und das Bier nach Feierabend leisten. Kommen die Streber, Revoluzzer und Rachsüchtigen an die Macht, kann er sich glücklich schätzen, wenn es seinen Job in einem Jahr noch gibt. Er ist ja nicht von vorgestern.
Dávid weiß, wie so ein Umbruch abläuft. Zunächst decken sie den Trug und Schein auf, den man ihnen tagtäglich vorsetzt – schön und gut. Bekämpfen den vermeintlich realen Sozialismus, in dessen unsichtbarem Gehege sie ihre Leben fristen – ist ihm ganz recht. Doch statt gehörig abzuschminken, sehnen sie sich nur nach einem Wechsel der Farbpalette. Den abgeblätterten Anstrich mit geborgten Pinseln übermalen. Rot zu blau.
Dávid schickt das letzte Bisschen Suffschluck die Luke hinab und bestellt sich neu. Filip schaut ihn lediglich mit dem Arsch an, seine beiden Schaumkronen sind bereits verwelkt. Das fusselige Gerede aus der Kiste ist nun kaum zu überhören und Dávid hofft, dass er bald taub für die verzapften Behauptungen geworden ist. Er will ja nur nach getaner Arbeit sein Bier trinken. Sollen doch die anderen sich damit rühmen, zum xten Mal in der Geschichte ihr Ende gefunden zu haben.

Lichenifikation

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Hammi der Hamster

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Smaragde schwimmen oben

Der Fluss.
Vielleicht das einzige Lebewesen, dass sich nie bewegte und doch immer im Wandel war. Es ist jedoch wichtig zu erwähnen, dass dieser Tage die meisten Flüsse Lügner waren. Mit ihrem perfekten Lauf in mathematisch genauen Kurven und den makellosen Ufern versuchten sie den Beton zu kaschieren, der ihren Grund bildete.
Dieser Fluss aber hatte es irgendwie geschafft, von dieser ganz besonders humanen Version der industriellen Weltanpassung verschont zu bleiben. Wild und herrlich asymmetrisch wand er sich durch eine ebenso naturbelassene Landschaft aus saftigen Gräsern, die im Frühling in den schönsten Farben blühen und ihren süßen doch zugleich würzigen verbreiten würden, und vereinzelten, knorrigen Bäumen, die aussahen wie alte Männer, die sich durstig über den Fluss beugten, nur um dann für immer zu erstarren. Mit brauner, runzliger Haut, von der im Spätsommer nicht selten mit Moss bewachsene Stücke abfielen, um dann kleinen Floßen gleich dem Meer entgegen zu treiben, das sie aller Wahrscheinlichkeit nach nie erreichen würden, knieten sie da und warfen ihre verzerrten Schatten aufs Wasser. 
Es war ganz ohne Zweifel ein schöner Fluss und seine Bewohner waren äußerst stolz darauf, ihn ihr Heim nennen zu können. Und so war es mehr als ungewöhnlich, dass an einem kühlen aber klaren Morgen im Februar eine große Stille auf dem Wasser herrschte. Die Fische schwammen verwirrt hin und her, nicht gewohnt, das Wasser für sich allein zu haben. In Ermangelung eines besseren Zeitvertreibs und ganz bestimmt in Ermangelung eines ausgeprägteren Überlebenstriebes begaben sie sich also auf die Suche, bis sie nahe der Wasseroberfläche in einem kleinen Seitenarm des Flusses schließlich das vertraute Rudern von großen, mit schuppigen Schwimmhäuten bewährten Füßen erblickten. Eine große Entengemeinschaft hatte sich hier versammelt. Es handelte sich um eine Krisensitzung, auch wenn keiner so ganz wusste, was denn nun die Krise war. Die besorgten Blicke von knapp zwei Dutzend braunen Augenpaaren ruhten auf einer stämmigen Ente mit leicht zerzaustem Gefieder, die im Zentrum der Versammelten auf der Stelle schwamm und geräuschvoll schluchzte, wobei ihr Schnabel wie eine Muschelschale klapperte, die vom Fluss über den Grund gefegt wurde.
„Ich…ich weiß einfach nicht mehr, was ich machen soll. Ich meine, das ist doch nicht normal“, klagte Frau Waltraud Fleckenflaum.
Ein zustimmendes Schnarren ging durch die Menge.
„Sie ist doch meine Tochter“, fuhr die aufgewühlte Ente fort: „Seit ich sie habe schlüpfen sehen, war mir klar, dass sie einmal eine Schönheit wird. Das hab ich ihr auch immer gesagt. Erdfeder, hab ich gesagt, dir werden die Erpel einmal scharenweise nachschwimmen, du wirst schon sehen. Uns sie war ja immer so bescheiden, meine Tochter, hat sich immer ganz klein gemacht, wenn einer sie lobte, aber dann gestern war sie plötzlich kaum wiederzuerkennen. Sie putzte sich gerade das Gefieder und da überkam‘s mich, weil doch Frühjahr ist und alles und ich hab ihr, halb im Scherze wie das bei Müttern und Töchtern so üblich ist, gesagt, dass bestimmt schon viele junge Erpel sehnsüchtig an sie denken.“
Sie erntete vereinzelte Lacher, halb zustimmend halb beschämt, vorwiegend von männlicher Seite.
„Aber kaum hab ich die Worte über den Schnabel gebracht, da schlägt sie wie vom Fuchs gebissen mit den Flügeln und geht mich mit einer Wildheit an, die ich so noch nie von ihr gesehen hab. Sie hat mich gebissen, da!“, rief sie und präsentierte der Menge eine kleine, kahle Stelle auf ihrem Hinterkopf. 
„Danach ist sie aufgeflogen und ich habe sie seitdem nicht mehr gesehen.“
„Typisch Frau“, kommentierte Eduard Blauschwinge, woraufhin ihm das quackende Gelächter seines Bruders Alfred und einiger nahebei rudernder Erpel beipflichtete. 
Die weibliche Fraktion konterte prompt mit beleidigtem Zischen. Ehe man sich versah, redeten alle durcheinander und vertieften sich mit einer Vielzahl an unzureichend sachlichen Argumenten in die faszinierende Frage nach der Legitimation weiblicher Gefühlsausbrüche, bis sie von einem einzelnen, kehligen Krächzen zum Schweigen gebracht wurden. Der alte Erpel, der es ausgestoßen hatte, schwamm langsam nach vorne und die Menge machte ihm respektvoll Platz. Seine Federn waren an den Spitzen schon verblasst und glänzten leicht auf dem Wasser. Es sah aus, als hätte er einen persönlichen Vollmond, der ihm Tag für Tag mit seinem unsichtbaren Licht das Gefieder versilberte.
„Ich denke, uns ist allen klar, dass wir uns hier in einer sonderbaren Situation befinden, doch es hat keinen Sinn, sich nun in den Details des Tathergangs zu verlieren. Wir alle schwimmen auf dem selben Fluss. Wir fressen die Gaben, die er uns bringt und nisten an den Ufern, die er belebt. Es ist eine Symbiose. Zwischen uns und dem Fluss, den Fischen, der Erde und auch untereinander. Wir alle haben unsere Aufgaben in dieser Symbiose und keiner verdient es, aufgrund seiner Aufgabe bevor- oder benachteiligt zu werden. Erdfeder ist ein geliebtes Mitglied dieser Gemeinde. Sie gehört zu uns. Und wenn sie sich verirrt hat, ist es unsere Aufgabe, sie wiederzufinden. Stimmt ihr mir da zu?“
„Ja, Don Drago“, schnatterte die Menge.
Don Drago hieß natürlich nicht wirklich Don Drago, obwohl er darauf bestand, aus einem See in Italien zu stammen. Zwar war man sich im Allgemeinen einig, dass das mehr als unglaubwürdig war (nicht zuletzt da er kein Wort italienisch sprach) und er eigentlich im Grünlauf drüben bei Gelbfußens geschlüpft sein musste, aber aus Respekt vor dem alten Erpel, hatte sich die Gemeinde entschieden, über diese Ungereimtheiten hinwegzusehen.
Darauf hin zerstreute sich die Versammlung, um (teils allein, teils in Zweiergruppen) nach der verschollenen Erdfeder zu suchen. Es zogen einige Tage ins Land. Eine junge Ente hatte es sogar fertiggebracht, bis ins Gebiet der Menschen zu fliegen. Sie berichtete danach jedem, der es hören wollte und auch so manch einem, der das nicht tat, von dem sonderbaren, hohlen Spitzberg, den sie gesehen hatte und dessen Eingänge mit Holz und warmem Bunt-Eis versperrt waren.
„Rein konnte ich nicht“, erzählte sie laut: „Aber durch das Bunt-Eis habe ich Menschen gesehen. Geschichten habe ich ja schon viele gehört, aber sie mit eigenen zu sehen war was ganz anderes. Sie sehen aus, als würden sie versuchen, alle anderen Tiere nachzumachen und dabei von vorne bis hinten versagen. Wie riesenhafte, blasse Frösche, die wie die Störche umherstaksen. Ihre Pelze sind bunt und unförmig und wenn ich’s nicht besser wüsste, würde ich sagen, dass die Pelze selbst haarlos sind. Und die Laute erst. Wie eine Kröte, die eine Nachtigall nachahmt! Dann sie dort eine Stunde und starrten einen zweiästigen Baum ohne Blätter an! Es war einfach zu komisch!“ 
Und dann brach sie in einen schnarrenden Lachanfall aus beim Gedanken an solch hinterwäldlerische Riten. Wenn sie dann aber, gefragt wurde, warum sie sich ein solch sinnloses Spektakel eine Stunde lang angesehen hatte, schwieg sie.
Letztendlich waren es Eduard und Alfred Blauschwinge, die Erdfeder ausfindig machten. Scheinbar ziellos schwamm sie den Fluss entlang. Die beiden Erpel landeten erleichtert neben ihr auf dem Wasser.
„Erdfeder!“, riefen sie: „Was machst du denn so weit draußen? Komm! Wir bringen dich heim.“
Erdfeder drehte langsam den Kopf. Durchdrang die Erpel mit ihren schönen Augen, die in der Farbe frisch gestochenen Torfes funkelten.
„Nein“, antwortete sie schlicht.
Die Gebrüder Blauschwinge glotzten sie verwirrt an.
„Aber warum denn?“, begann Eduard.
„Du kannst hier doch nicht ganz allein bleiben. Was wenn dich ein Fuchs findet?“, fügte Alfred hinzu.
„Jetzt hört mal genau zu“, unterbrach Erdfeder sie mit schreiend leiser Stimme: „Ich habe nicht vor, zurückzukommen und die Füchse interessieren mich nicht.“
Mit diesen Worten schwamm sie den beiden davon.
Eine Zeit lang trieben die jungen Erpel nur fassungslos vor sich hin. Als sie sich wieder halbwegs gesammelt hatten, entschieden sie, dass es wohl das Beste sei, Frau Fleckenflaum und Don Drago über die Geschehnisse in Kenntnis zu setzen.
Sowie die Brüder ihren Bericht vorgetragen hatten, brach die verzweifelte Mutter erneut in Tränen aus. Don Drago nickte streng und nachdem die drei es geschafft hatten, Frau Fleckenflaum angemessen zu beruhigen, sagte er: „Was ihr da erzählt, ist höchst besorgniserregend, Jungs. Das arme Ding scheint völlig verwirrt zu sein. Seit ihr sie gesehen habt, ist noch nicht viel Zeit vergangen und so, wie ihr es beschreibt, ist sie nicht sehr schnell unterwegs. Ich halte es für das Beste, wenn Frau Fleckenflaum und ich zu ihr fliegen und sie zu Vernunft bringen.“
Dieser Vorschlag erschien allen Beteiligten sinnvoll, wobei man sich natürlich erlauben könnte, die Zurechnungsfähigkeit der armen Frau Fleckenflaum in einer solchen Situation in Frage zu stellen, und so machten sich die zwei auf, um die verlorene Tochter heim zu holen.
Nach einigen Stunden hatten sie die Stelle gefunden, die ihnen die Brüder beschrieben hatten und nur wenige Minuten später erblickten sie Erdfeder, die im Gras saß und in die Ferne schaute.
„Guten Tag, junge Dame“, begrüßte Don Drago sie.
Erdfeder warf ihm einen flüchtigen Blick zu, gab aber keine Antwort.
Die Neuankömmlinge gingen an Land und setzten sich in einem wie sie es empfanden angemessenen Abstand vor die einsame Ente.
„Mein Liebes“, begann Frau Fleckenflaum nach einer kurzen Zeit des Schweigens:
„Sollte ich etwas zu dir gesagt haben, dass dich beleidigt hat, dann tut mir das aufrichtig leid.“
Erdfeder schüttelte langsam den Kopf.
„So höre doch auf deine Mutter, Kind“, ergriff der Don das Wort: „Sie will nur das Beste für dich, genau wie wir alle. Was willst du denn hier draußen ganz alleine. Ohne Gefährten, die dir helfen und denen du helfen selbst helfen könntest.“
Erdfeder sagte nichts.
„Nun ist‘s aber gut!“, rief der Alte energisch: „Die Welt ist ein gefährlicher Ort und nicht allen ist es vergönnt, einen sicheren Platz zu finden, an dem sie glücklich und zufrieden sein können. Jeden Tag müssen Tiere hungern und vereinsamt zu Grunde gehen und du sitzt hier und haderst mit dem Geschenk der Gemeinschaft, das dir gegeben wurde!“
Nun richtete Erdfeder bedächtig ihren Blick auf Don Drago. Ihre schönen Augen blitzten feindselig. Dann öffnete sie den Schnabel und spie ihm einen Schwall grünen Matsches entgegen.
Angewidert fuhren die beiden Vögel zurück. Don Drago war der erste, der die Sprache wiederfand.
„Gras“, keuchte er und betrachtete den Matsch vor seinen Füßen: „Zerkautes Gras. So also gehst du mit den Gaben der Natur um. Missbrauchst und verdirbst sie zur eigenen Schadenfreude!“
„Erzähle du mir nichts von der Natur!“, entgegnete Erdfeder nun erstmals: „Dir hat die Natur ein prächtiges Gefieder und ein Leben in Unabhängigkeit gegeben. Mir fesselt es den Dreck auf die Federn und trachtet nach jedem bisschen Freiheit, das ich versuche mir zu erhalten. Brüten, paaren, brüten, paaren, brüten, paaren. Das ist, was die Natur mir gegeben hat, also erzähle du mir nichts von den Gaben der Natur!“
Auf diesen Ausbruch folgte fassungsloses Schweigen. Letztendlich war es wieder Don Drago, der sich zuerst sammelte.
„Du…du weißt nicht, was du da redest, Kind. Die Unvernunft der Jugend spricht aus dir. Doch sei es drum. Auch ich bin einst jung gewesen und kann verstehen, was du durchmachst. Bleib du nur hier, wir werden dich nicht länger belästigen.“
Mit diesen Worten wandte er sich ab und zog die immer noch sprachlose Frau Fleckenflaum sanft mit sich.
Sobald ihre eigenwillige Tochter hinter einer Flussbiegung verschwunden war, fand Frau Fleckenflaum die Sprache wieder.
„Aber das können wir doch nicht machen!“, sprudelte es aus ihr heraus: „Ganz allein hier draußen ist es viel zu gefährlich!“
„Machen Sie sich keine Sorgen, Gnädigste. Es wird keine drei Tage dauern, bis ihr Fräulein Tochter wieder zu Vernunft kommt und zu uns zurückkehrt. Und wenn sie das tut, werden wir das einzig richtige tun. Nämlich ihr vergeben.“
Don Drago sollte Recht behalten. Am Morgen des Dritten Tages kehrte Erdfeder zurück. Nur entsprachen die Umstände keineswegs den von Don Drago beschriebenen und von Vergebung konnte bei diesem Wiedersehen nicht die Rede sein.
Bleich fiel an diesem Morgen das Licht der Sonne, die sich noch nicht ganz entschieden hatte, ob sie nun eine Winter- oder eine Frühlingssonne sein wollte, auf das Ufer des Flusses. Bleich fiel sie auf die Enten, die an ebenjenem Ufer schliefen.
Bleich fiel sie auf Don Drago, der verschlafen zum Fluss lief, um dort seine Morgentoilette zu verrichten, als ein dunkler Fleck seinen Blick einfing. Der dunkle Fleck kam näher und näher und als endlich klar zu erkennen war, was da auf dem Fluss herankam, klappte ihm der Schnabel herunter. Es dauerte nicht lange, bis auch andere Enten herbeiliefen und in nicht minder großem Erstaunen erstarrten.
Gebannt, ja beinahe entsetzt beobachteten sie zusammen die Ankunft des Vogels, den sie bisher als Erdfeder gekannt hatte. Doch wer da kam, hatte nichts mit der schüchternen Ente gemeinsam, die vor kurzem noch unter ihnen gelebt hatte. Dieser Vogel wirkte größer, bestimmter, gefährlicher. Die drastischste Veränderung stelle aber der Kopf. Das zierliche Braun, für das Erdfeder weithin bekannt gewesen war, war einem unergründlichen Grün gewichen. Ebenjenem Grün, das Erdfeder vor drei Tagen vor die Füße ihrer Mutter und die Don Dragos gespien hatte.
Mit einem Helm aus hochgewürgtem Gras also, kam dieser Vogel heran und als seine Füße das Ufer berührten, war es, als hätte die Sonne von einem Moment zum anderen ihre Entscheidung gefällt. Nämlich eine Frühlingssonne zu sein. Sowie sich der fremdartige Vogel aus dem Wasser erhob, entflammte der Himmel hinter ihm und tauchte die Versammelten in das Feuer, das im Herzen des Ankömmlings brannte.
„Erdfeder…“, Don Dragos Stimme klang schwach und heiser: „Was in des Flusses Namen…?“
Der Vogel lachte hell auf.
„Ach, Don Drago. Was ist denn los. Widere ich Sie an?“
„Meine Tochter!“, gellte plötzlich ein Schrei aus der Menge heraus und Frau Federflaum drängte sich aufgeregt flatternd nach vorne: „O meine Tochter, was hast du nur getan?“
„Halt den Schnabel!“, kam die keifende Erwiderung: „Ich bin weder deine noch sonstjemandes Tochter. Das ist vorbei. Ich bin Smaragd, das ist meine Herausforderung.“
„Deine Herausforderung!“, lachte Don Drago kalt: „Deine Herausforderung ist nicht weiter als ein blasses Hirngespinst deines verwirrten Verstandes, das ich nicht länger bereit bin zu tolerieren. Eine Ente bist du. Eine Ente, die sich einen Haufen Erbrochenes ins Gesicht geschmiert hat und es dann einen Edelstein heißt. Wir alle haben unseren Zweck im Leben. Mag mancher auch angenehmer als der andere erscheinen, es ist immer der eine für uns zugedachte. Erfüllen wir den nicht, was sind wir dann wert. Welche Daseinsberechtigung kannst du deinem Gewissen nennen, Smaragd? Wer zu lange gegen den Fluss schwimmt, der wird mit gerissen. Sieh dies also als meine letzte Warnung. Lass dich treiben. Finde Frieden.“
Nach diesen Worten herrschte Stille. Für die Umstehenden war es, als würde das vom Don Gesagte sich in ihren Ohren und dann in ihren Herzen einem Daunenkleid gleich ausbreiten.
„Nein.“
Smaragds ruhige und dennoch wilde Stimme durchschnitt das Daunenkleid gnadenlos, zerfetzte spöttisch den wärmenden Schutz und fegte dann als eisiger Wind durch die Entenherzen.
„Du schlägst mir den Frieden vor, Don Drago und glaube mir, wenn ich dir sage, dass ich dich dafür respektiere. Aber nein. Das ist mir nicht genug.“
„Erdfeder, du obszönes Küken!“, raste der alte Erpel: „Frieden ist es, wonach alle Tiere streben!“
„Die Freiheit ziehe ich dem Frieden vor!“, brüllte Smaragd: „Meine Herausforderung habe ich gestellt. Abgelehnt hast du sie und besser hättest du noch daran getan, an ihr zugrunde zu gehen, du altes Aas! Ich habe nicht vor, einen Tag länger unter deinesgleichen zu leben. Ich bin Smaragd, der Kotzekristall, und die Zwecklosigkeit ist mein Anspruch!“
Mit diesem Ausruf breitete Smaragd die Flügel aus und flog davon.

II.

Einige Tage mehr waren vergangen, als Smaragd einen dicht bewachsenen Arm des Flusses hinabschwamm. Lange, grüne Grashalme bogen sich zu ihm herab, ganz als versuchten sie, dem prachtvollen Grün seines Kopfes nachzueifern. Und wie er so schwamm, vernahm er plötzlich eine tiefe, säuselnde Stimme.
„Nanu, was haben wir denn da? Eine Ente mit verdrecktem Köpfchen? Wie ist denn das passiert?“
Furchtlos trat Smaragd an Land und antwortete: „Ich selbst habe es getan und Dreck ist es keineswegs, mein fremder Freund. Was du vor dir siehst, ist der ungeborene Teil meines Gesichts.“
„Bitte vielmals um Verzeihung“, sprach der Fuchs höflich und erhob sich langsam aus dem Gras: „Ich konnte ja nicht wissen. Meinen tiefsten Respekt vor Ihrer Lebensart.“
„Spar dir die Worte“, erwiderte Smaragd: „Wir beide wissen, dass sich die Zähne des Fuchses nicht weniger tief ins Fleisch graben, nur weil er Honig im Maul hat.“
„In der Tat“, lächelte der Fuchs und offenbarte seine gelblichen Reißzähne.
Reglos standen sich die beiden gegenüber. Jedem bewusst, was der andere vorhatte. So schnell es ging flog Smaragd auf. Sein Kopf funkelte grün in der tief stehenden Sonne, unter seinen Schwingen bäumten sich Winde. Doch Smaragds Körper war der einer Ente und der des Fuchses war es nicht. Einem roten Blitz gleich fuhr das Raubtier hoch. Scharfe Zähne bohrten sich in Smaragds rechten Flügel und zerrten ihn gnadenlos hinab. Schreiend schlug Smaragd im Dreck auf. Der Fuchs schleuderte seinen Kopf nach links und sein machtloses Opfer wurde mitgerissen, während sein Flügel lautlos brach. Endlich ließen die unerbittlichen Kiefer los, doch bevor Smaragd sich aufraffen konnte, wurde ihm eine schwere Pfote auf die Brust gelegt. Große Krallen schnitten durch das braune Federkleid. Über sich konnte Smaragd die starren Augen des Fuchses erkennen, als plötzlich ein schnelles etwas von lautem Gekrächze herankam und das Gesicht des Fuchses anfiel. Dieser zuckte erschrocken zurück und knurrte das etwas an, als ein weiterer Angreifer sich von hinten über ihn hermachte. Der Fuchs jaulte kurz auf und machte vollführte eine halsbrecherische Rolle, wodurch beide Angreifer gezwungen waren, von ihm abzulassen. Er knurrte noch einmal ärgerlich, dann zog er sich ins hohe Gras zurück. 
Erschöpft und schmerzerfüllt wandte sich Smaragd seinen Rettern zu und stieß ein überraschtes Quaken aus. Vor ihm standen die Gebrüder Eduard und Alfred Blauschwinge.
„Ihr…ihr habt mich gerettet.“
„Natürlich“, antworteten sie im Chor.
Eduard näherte sich nun und betrachtete den zerschmetterten Flügel: „Tut es sehr weh, Erd… Smaragd?“
„Es geht schon“, antwortete dieser tapfer: „Vielen Dank.“
„Keine Ursache. Hast du hier in der Nähe einen Ort, an dem du dich ausruhen kannst?“, fragte Alfred und kam ebenfalls näher heran.
„Nein, ich bin…einfach umhergeschwommen.“
„Macht‘ nichts“, sagten dir beiden: „Wir werden schon ein schönes Plätzchen für dich finden.“
Sie nahmen Smaragd in die Mitte und zusammen schwammen sie langsam (um den Verletzen zu schonen) den Fluss entlang.
Nach einer Weile sagte Alfred: „Da! Das ist ein guter Platz, da kann man sich ausruhen.“
Eduard aber lachte spöttisch und rief: „Dort soll er sich erholen? Hast du denn wirklich so wenig Mitgefühl mit einem verwundeten Krieger. Den Tod wird er sich an solch einem trostlosen Ort holen. Mir für meinen Teil ist Smaragd mehr wert. Komm, mein Freund. Wir suchen dir einen besseren Platz.“
Smaragd war zu erschöpft, um zu widersprechen und so ließ er sich von Eduard weiter den Fluss hinabführen. Alfred starrte den beiden einen kurzen Moment wütend nach, dann schloss er rasch auf und nahm seinen beschützenden Posten neben Smaragd wieder ein.
Nach einer Weile war es Eduard, der sagte: „Dort ist es schön! Das ist ein Platz, der deiner würdig ist, Smaragd.“
„Bitte“, lachte nun Alfred: „Da war mein Platz doch tausend Mal besser. Ein schöner Beschützer bist du mir. Aber sei es drum. Zurück können wir nicht. Smaragd ist zu schwach, um flussaufwärts zu schwimmen. Lieber weiter den Fluss hinab, dann zeige ich dir, was ein würdiger Platz ist, Bruderherz.“
„Nein“, meldete sich Smaragd zu Wort, der sich nicht im Stande sah, auch nur eine halbe Meile weiter zu schwimmen: „Hier ist es gut, hier bleibe ich.“
„Ganz wie du willst, Smaragd“, sagte Eduard un warf seinem Bruder einen triumphierenden Blick zu: „Am besten bleibe ich bei dir, damit dir nichts passiert.“
„Zwei sind besser als einer“, meinte Alfred: „Ich bleibe auch.“
„O nein, das tust du nicht“, erwiderte sein Bruder kalt: „Du ziehst los und erzählst Frau Fleckenflaum und Don Drago was geschehen ist. Sie haben ein Recht, es zu erfahren. Ich bleibe solange hier und beschütze Smaragd.“
„Beschützen? Dafür bist du doch gar nicht Manns genug!“
„Und wer will mir das erzählen? Du etwa?!“
„Weißt du was?“, sagte Alfred zornig: „Ich traue dir nicht! Du spielst hier doch nur den großen Ehrenmann. Kam bin ich weg, versuchst du etwas unanständiges, gib‘s doch zu! Schwimm lieber du zurück und ich passe auf.“
„Verräter wittert überall Verrat, ist es nicht so?“, entgegnete Eduard.
„Nun gut“, Alfred versuchte, sich zu beruhigen: „Lassen wir Smaragd doch einfach selbst entscheiden, wer von uns hierbleiben soll.“
Smaragd jedoch war inzwischen der Ohnmacht nahe und hatte von dem Gespräch der beiden kaum etwas wahrgenommen.
„Jetzt willst du ihn auch noch mit solch einer Entscheidung belasten!“, rief Eduard:
„Komm, Smaragd, wir bleiben hier.“
Mit diesen Worten packte er Smaragd sanft mit dem Schnabel und führte ihn in Richtung Ufer.
„Das lasse ich nicht zu, Schurke!“, rief Alfred und zog nun seinerseits Smaragd von seinem Bruder weg. 
Empört hielt dieser dagegen. Alfred packte Smaragd mit dem Schnabel am Hals und zog kräftig. Eduard zischte ihn wutentbrannt an und schnappte sich Smaragds Bürzel, um diesen durch brutale Kraft seinem Bruder zu entziehen. Smaragd stieß ein kraftloses doch schmerzerfülltes Krächzen aus.
„Siehst du, was du tust? Du tust ihr weh!“, schrie Alfred.
„Ich werde nicht zulassen, dass sie dir in die Fänge kommt!“, brüllte Eduard und entwendete Smaragd mit einem gewaltigen Ruck Eduards Griff und drückte seinen Schutzbefohlenen schützend unter sich, während er die wütenden Angriffe seines Bruders abwehrte.
Smaragds Kopf wurde Unterwasser gedrückt. Der Fluss strömte ruhig und gleichmäßig in seine Lungen. Er versuchte zu schreien, doch das Wasser erstickte ihn und die streitenden Erpel hörten ihn nicht. Eduards Griff war fest. Genauso unbeweglich, wie die betonen Flussgründe deren Abwesenheit man sich hierzulande so sehr rühmte.
Smaragd zappelte und warf sich hin und her. Der Fluss spülte ihm durch die Federn und wusch die grüne Farbe heraus. Es war alles vergebens.
Es dauerte fast eine halbe Stunde, bis die Gebrüder Blauschwinge bemerkten, dass sie sich um eine Leiche zankten. Nachdem der allgemeine Schock überwunden war, folgte die brüderliche Versöhnung mit rührender Geschwindigkeit. Alfred musste seinem Bruder zustimmen, dass es sich hier durchaus um einen würdigen Ort handelte, um Smaragd hier sich selbst zu überantworten. Während die grüne Farbe auf der Wasseroberfläche davontrieb, zogen sie Smaragd an Land um diesen Ort nach einem respektvollen Moment des Schweigens für immer zu verlassen. Sie erzählten niemandem, was vorgefallen war. Frau Fleckenflaum lebte weiter, Don Drago lebte weiter. Und als sie es schließlich nicht mehr taten, gab es schon andere, die ihren Platz im Gefüge der Natur einnehmen konnten. Keiner fand je den verrotteten Entenkadaver. 
Außer den Fliegen. Und den Würmern.
Die grüne Farbe trieb den Fluss hinab. Was aus ihr wurde? Tja, keine Ahnung, ich weiß eben auch nicht alles. Vielleicht hat sie ein Kind gefunden, das am Fluss spielte und damit einen Erpel gemalt. 
Wäre das nicht was?

Franz Knötterich, der Fernsehkiller

Für fast alle stellt das Fernsehen offenbar keine direkte Gefahr dar. Und es scheint, dass einer, der ein strong-man-event oder eine nackt-unter-palmen-peepshow übersteht, ohne zum Massenmörder zu werden, gegen persönliche
Peinlichkeiten überhaupt immun zu sein.
Er kann sich wirklich glücklich schätzen.
Ihm bleibt viel Übles in dieser Welt erspart.
Aber stehen wir ab von Versprechungen, Verheißungen die sich kaum erfüllen.
Wobei wir bei Franz Knötterich angekommen sind, der, bevor er sich zum Massenopfer programmierter Glotzenverdummung herabwürdigen ließ, doch lieber als Alleintäter gegen selbige an- und hervortrat.
Die meisten nennen ihn einen sprachlosen, toteinsamen Kerl oder, vulgär ausgedrückt, ein armes Schwein, das einen Dachschaden, zumindest einen Webfehler im oberen Drittel aufweist.
In den Augen seiner Bewunderer ist er schlicht ein Heroe, ein Vordenker und Vorkämpfer: Achill und Siegfried zugleich. Die Entäußerung negativer Energie in negativen Handlungen: gegen eine verlogene und verblödete Welt.
Die ersten, die von ihm hören, wissen nicht so recht, warum er all das aufgezogen hat, während es den zweiten am Wofür oder Wozu mangelt. Die dritten fragen: Wer ist denn dieser komische Achill und Siegfried überhaupt?
Nun, erzählen wir eher ein wenig und urteilen noch weniger.
Offenbar schaute Franz Knöti, the destroyer, so einer seiner nicknames, am Samstagabend des 2. August letzten Jahres, eine Art Family-show an, wo Erwachsene zu sabbelnden Kleinkindern mutieren dürfen, Kleinkinder zu
klugscheißerischen Erwachsenen.
Das gilt als besonders witzig und produziert viel biedere Heiterkeit.
Der genaue Titel der Show darf ‒ sie verstehen ‒ nicht genannt werden, umetwaigen Anzeigen wegen Rufschädigung oder übler Nachrede zu entgehen.
Was sich genau im winzigen Wohnzimmer zugetragen hat, zwischen 70er Jahre Eiche-rustikal-Schrank und dem elterlicherseits ererbten Plüschsofa, bleibt weiterhin im Dunkeln.
Zumindest griff er, nach sechzig Minuten Sendezeit: fünfzehn wurden mit eingeübten Dummsprüchen, fünfzehn mit einprogrammiertem Konservenlachen und Applausanimationen, dreißig mit Blödwerbung für ultramaxisuper highspeedphones für anspruchslose Schulkidis verschrottet, ‒ griff er zu der vom Großvater mütterlicherseits ererbten Bockflinte.
Diese war ‒ man weiß ja nicht immer, wozu ‒ mit grobem Schrot bestückt.
Franz Knötterich, von allen Nachbarn, einigen Arbeitskollegen, wenigen Bekannten, seinem einzigen Freund Josef K. aus dem Kleintierzuchtverein als ganz umgänglicher und mäusestiller Typ bezeichnet, riss die Flinte von der Wand, wo sie also nicht nur zu Dekorationszwecken hing, und zerlegte aus knapp zwei Metern Entfernung doppelläufig den Fernseher nebst Familienshow und Einrichtung, eine Armlänge links und rechts, in ziemlich kleine Teile.
Was genau der Tat vorausging, was sich da im Seelenleben des Herrn Knötterich tat, suchen Kriminaler, Kadis oder Klapsmühlendoktoren vergebens hervorzukramen. Er schweigt dazu bis heute, wie es wohl seine Art ist: freundlich umgänglich nickt er zu allem, was man ihn fragt, ohne je eine Antwort zu geben.
Also können wir im Folgenden nur die nackten Fakten auflisten, wobei die schon durch Medien, Interviews und Polizeiberichte stark verfremdet sind.
Jeder hat die reine Botschaft des Propheten Knötterich selbstsüchtig für sich zu verbuchen gesucht. Hat sie missverstanden.
In seine versunkenen Schichten vorzudringen, könnte ein noch ausstehendes Dissertationsthema in Tiefseelenkunde sein.
Doch das nur am akademischen Rand.
Nun, fischen wir weniger in den trüben Gewässern seines Gemüts.

Nach dem ersten Durchschuss munitioniert Franz Knötterich in dem von der Großmutter väterlicherseits ererbten kleinen Eigenheim aus den späten dreißiger Jahren (des Führers Selbsthilfe- und Selbstüberlebensvision der deutschen Familie) sich mit etwa 100 Schrotpatronen auf, um den Rachefeldzug gegen die Fernsehverblödung (so ein bildhaftes Boulevardblatt), die digitale Entleerung des Seins (Die Zeit), gegen die gesteuerte geistige Entfremdung des Proletariats durch die herrschende und ausbeutende Klasse (Die Rote Wut), gegen die umfassende Enteignung durch Ökologie und Ökonomie (Natur in Schein und Sein), gegen die Verdrängungsmechanismen des Überichs (Psychologie heute) anzutreten.
Die angefügten Zitate sind nur einige wenige aus der Fülle von Lesarten im deutschen Blätterwald, die allesamt im Dunkeln herumtapsen.
Doch zurück zu den Tatsachen.
Endlich Schluss mit Nebenkriegsschauplätzen: es beginne die Schlacht!

Franz zieht nun, wie die american Kampfmaschine Rambo im bullenheißen, malariaverseuchten Dschungel gegen die schlitzäugigen Sadisten zu Felde. Am Elektromarkt Sa. (wie sich ein Planet in unserem Sonnensystem nennt) angekommen, wird er von etwa hundert Geräten von Handspannengröße bis hin zu Heimkinomaßen farbenprächtigst begrüßt.
Alle spucken ihm hinter den Glasscheiben ihre Bilder entgegen. Mit jeweils einem Schuss pulverisiert er gleichsam zwei Schaufenster. Nun beginnt eine Schlacht, wie sie die Presse als zweites Verdun, … dritter Weltkrieg … die vierte
Dimension von Vernichtung
benannte.
Arglose Spaziergänger strömen herbei, gaffen, keiner greift ein (höchstens später nach den überlebenden Elektroartikeln), alle schauen, staunen, stutzen. Endlich passiert mal was, so jubelt das Volk. Also darf Atilla Knötterich
weiterziehen. Die ersten Ovationen geleiten ihn.
Demnach muss er zum nächsten Elektrogroßmarkt, nämlich Media M., marschieren. Die ersten Pkws flankieren ihn, was sich bald zu einem regelrechten Korso ausweitet. Zurufe und Pfiffe werden laut, das Blitzen aus den Handys umflirrt seine Gestalt: a star is born.

An den Schaufenstern angekommen, rundum mit Kommunikations- und Unterhaltungsartikeln gespickt, mit Bildschirmen und Projektionsflächen überzogen, werden die Glasfronten in gewohnter Weise zerrieben.
Nun setzt eine Zerstörung ein, die später von den Medien als intergalaktisches Höllenfeuer oder völlige Ausrottung der Technik oder Abstieg in die schwärzeste Unterwelt metaphorisch umschrieben wird.
Die Zahl der Zuschauer geht mittlerweile in die Hunderte, die ersten Sender haben Kamerateams entsandt, Beifallsrufe schrauben sich, synchron zu den Einschüssen, in den Himmel, Laolawellen folgen. Sein Name, sonst keiner Sau bekannt, wird im Chor skandiert. Reichlich Wodka und sonstige Anheizer spülen die Kehlen, mehrere Imbisswagen folgen seiner Spur.
Eine Sekte, die ihre zurück zur Natur, verfluche den Satan der Massenmedien Botschaften verkündet, begleitet den Feldzug mit Posaunen: Jericho darf fallen.

Und wieder muss Knö, the liberator vom Joch der übermächtigen Technoindustrie weiterziehen, wobei die meisten der Zuschauer feiern und plündern oder erst plündern und dann feiern.
Sein Ziel ist der größte Technomarkt der Stadt, nämlich Me. (wiederum ein bekannter Planet im Sonnensystem), wo ihn Beifallsstürme, ohrenbetäubende Anfeuerungsrufe, Klänge aus dem Requiem von Mozart oder der 9. von Mahler
(beide Franz Knötterich völlig unbekannt), ‒ aber auch zwei Hundertschaften Schutzpolizei erwarten.
Es kommt, wie die Presse später hochspielt, zu tumultartigen Szenen, wohl aber nicht zu bürgerkriegsähnlichen Ausschreitungen oder gar einer regelrechten Straßenschlacht.
Televisionfränki wird ziemlich unspektakulär entwaffnet, wobei er den schwarzen Ungetümen der monstermäßigen Schupos in Vollbewaffnung mehrmals das Peace Zeichen entgegenreckt, was seinen Ruf als Heiland aller Welten nachhaltig festigt.
Hat nicht Jesus die Geldfälscher und Profitgeier mit der Geisel aus dem Tempel gepeitscht, so zitiert das erzkatholische Sonntagsblatt ganz grenzwertig provokativ. Hätte man nicht viel früher gegen diese Baalstempel der Verblödung zu Felde ziehen müssen, fährt der Artikel fort.
Wahrheiten sind oftmals unbequem, selbst wenn sie aus dieser schon lange verachteten, oftmals verhöhnten Ecke schallen.

Fakt ist: Franz Knötterich wird schon einen Tag später aus der Untersuchungshaft entlassen: eine republikweite Spenden- und Solidargemeinschaft stellen Kaution und Staranwalt und Überbrückung und ‒ eine neue Wohnzimmerwand. Die Elektrokonzerne verzichten großzügig auf Wiedergutmachung (so kann man auch nachhaltigst Werbung betreiben!), eine Millionengemeinde von Followers twittert wortreichst seine sprachlosen Botschaften, Franz kann’s (endlich ein deutsches Wortspiel) hat nach zwei Tagen unzählige Treffer bei Google, ohne je einen Computer gekannt zu haben.
Eine bekannte Talkshow z. B. in den Öffentlich-Rechtlichen am Sonntagabend mit höchst intellektuellem Anspruch illnert: „Wie viel gefühlsschwangere Verdummung, wie viel inhaltslosgeistige Vermanipulierung können wir uns noch leisten?“
Ein langer Titel, fürwahr, der in gewohnter Weise zerredet und ziellos zerpflückt wird und den gerade die Playstationdeppen und Smartphonejunkies nicht tangiert, weil sie so was sowie nicht anglotzen.
Ob Franz Knötterich das so gewollt hat?
Denn er weiß vielleicht: Jesus hat wohl die geistig Verwirrten geheilt, aber keine freiwilligen Idioten.
Wirklich nicht. Negative Philosophie lässt sich nicht, mir nichts dir nichts, ins Gegenteil verkehren. Die mathematische Formel von minus mal minus ergibt kein beschwingtes plus, potenziert sich aber selbst. Das ist (leider) die tiefwurzelnde Formel negativer Weltanschauung.

Doch kehren wir zurück zur Doku-Form unseres kleinen Berichts, ohne im theologischen Gefühlssumpf zu versinken.
Nachahmungstäter treten seltsamerweise kaum auf. Franz Knötterichs Botschaften verhallen unausgesprochen und somit ungehört. Die Apostel haben sich verflüchtigt. Ein halbes Jahr später kennt kaum einer seinen Namen. Wie
üblich! Alles wird wieder heil, nur die Glotze hat ihr Teil.

Apropos Nachahmungstäter: Der 14jährige Söre Puller ist hier nicht zu verzeichnen. Er verpulverte im Mediamarkt Köln Süd höchstens einen 4qm 2 Bildschirm mit der Drillingsbüchse seines Vaters, weil das kürzlich erworbene Computerspiel Das dreckige Blut der Zombies nicht richtig funzt, wie er rotzig formuliert.
Aber, jetzt mal ehrlich, Leute, das ist eine ganz flache Botschaft!

MiGeBli

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Wo Wurzeln nicht bleiben dürfen

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Den Mond sehen

MY LAST TWO WEEKS. Das war die Stimme im Radio. Es kam der Wirklichkeit verdammt nahe. Ganz gleich, in welche
Zeit gewendet.

Er kroch noch tiefer in die Betonhöhle. Ein guter Song. Er drehte das Transistorradio lauter. Die vorbeirasenden Autos
ließen das Innere des Pfeilers erzittern. Der Lärm war ein glühender Schmerz in seinem Kopf. Er hatte keine Wahl. Im
Dunkel tastete er nach den Kerzenstümpfen. Der staubige Sand verströmte einen strengen Geruch. Irgendwann hatte er aufgehört, sich zu ekeln.

Das Kerzenlicht war ausreichend. Er tastete nach dem Bild in seiner Tasche. Seine Finger waren starr vor Kälte. Es war die dritte Frostnacht. Das Mädchen auf dem Bild nannte sich Jojo.

Über der Fotografie lag ein blasser Firnis. Er erinnerte sich an das halb erblindete Fensterglas des alten Hauses. An den schmalen, von Gräsern überwachsenen Fahrweg. Über die Flussniederung stieg der Nebel. Das war das Bild. Der
Augenblick blieb ein anderer. Da ließ er ganz langsam die Kamera sinken. Dann wandte er den Kopf.

Ein Fahrrad kam den Weg entlang. Es wechselte rasch die schlammigen Fahrspuren, torkelte wie ein Falter über Rillen
und Vertiefungen. Er konnte bereits jede Einzelheit des Bildes unterscheiden. Da legte sich das Fahrrad nach einem gewagten Schwenk plötzlich auf die Seite. Es stürzte zu Boden.

Vor dem Haus neigten sich die Gräser im Wind. Aber es war gar kein Wind. Nur eine Erinnerung unter dem schmalen
Ausschnitt eines Blickes, der ruhig und aufmerksam blieb. Er rührte sich nicht.

Es war ein Mädchen. Sie erhob sich mühsam, den Schlamm von Kleidung und Haaren schüttelnd. Humpelnd bewegte sie sich auf das halb verfallene Haus zu. Für einen Moment begegnete er ihrem unsicheren Blick im Sucher seiner
Kamera. Sie trat in das Bild. Er ging die Treppe hinab. Auf ihr abermaliges Klopfen hin hatte er schließlich die Tür
geöffnet.
Sie war sehr schön. Sie sagte: „Guten Tag. Ich habe Sie am Fenster gesehen.“ Sie fragte ihn, ob er den Mond gesehen
habe. Er schüttelte den Kopf. Sie zeigte keine Angst.
Eigentlich wollte sie nur ihre Kleidung säubern und nach dem verletzten Knie sehen. Doch sie blieb drei Tage. Sie sagte ihm, dass sie von zu Hause ausgerissen war.
Jojo war siebzehn und ging noch zur Schule. Er mochte sie sehr. Aber er wagte es nicht, ihr das zu sagen.

Sie drängte ihn, Dinge zu tun, die er lange nicht mehr getan hatte. Stundenlang am Fluss spazieren zu gehen. Auf dem
Friedhof Versteck zu spielen. Nachts den Mond anzuheulen. Sie schliefen auf dem Boden. Schlaflos blickte er sie fast die ganze Nacht über an. Mit hohen Pfeiftönen vertrieb er die Ratten. Morgens stand er am Fenster und suchte den Mond.

Sie fuhren in das Dorf, um ein paar Lebensmittel zu stehlen. Jojo warf ihre Schultasche in den Fluss. Sie bemalten sich mit Filzstiften und erfanden Spiele bis in die Nacht. Manchmal hätte er sie einfach gerne in die Arme genommen.

Jojo verschwand ganz plötzlich. Die Zeitung war schuld. Jojo erfuhr, dass die Polizei sie suchte. Sie wurde plötzlich sehr traurig. Sie fotografierte den Himmel. Die Wolken. Den Abend. Nachts liefen sie schweigend durch die Zimmer. Den Blick ihrer Augen ertrug er nicht. Er war verliebt.

Gegen Morgen spürte er ihre Lippen auf seinen Augenlidern. Er schlief zum ersten Mal seit langer Zeit. Als er erwachte, war sie fort.

Die Kälte begann ihn willenlos zu machen. Er wünschte sich seinen Schlafsack und die warme Decke zurück. Irgend
jemand hatte sein letztes Notquartier entdeckt. Kamera und Rucksack waren fort, alle anderen Sachen verbrannt. Vielleicht hatte er sogar noch Glück gehabt. Uli war erst zwei Wochen tot. Sie sagten, er habe noch gelebt, als man ihn in den Fluss warf. Andere waren einfach verschwunden. Vieles blieb Mutmaßung. Aus Angst schlief er nicht mehr. Die
zwergenhaften Wesen aus den Einschlafträumen seiner Kindheit blickten düsterer denn je. Wenn er die Augen schloss, weiteten sich die Räume. An ihren Enden fühlte er sie dann. Ungreifbar gegenwärtig, in einer schrecklichen Stille verharrend.

Ein schwaches Zittern überwand seinen Körper. Bloß fort von hier. Im Park gab es eine Toilettenanlage, die die ganze Nacht über geöffnet blieb.

Ins Freie kriechend, wich er erschrocken zurück. Für einen Augenblick war es, als rasten die Autos geradewegs auf ihn zu. Ihre Scheinwerfer schnitten grell in sein Gesicht, bevor sie die Nacht verschluckte. Er fror. Die offenen Wunden an seinen Beinen schmerzten. An den Leitplanken entlang lief er in Richtung des Stadtzentrums. Die Schlafplätze der letzten Wochen. In den Katakomben der Tunnel und Stadtautobahn wagte jetzt niemand mehr zu schlafen. Über den
Wohntürmen sah er die blasse Sichel des Mondes stehen. Er tastete nach dem Foto in seiner Manteltasche.

Im Park war es sehr dunkel. Ganz am anderen Ende sah er den Lichtschein von den Toilettenanlagen. Er ging darauf zu, als plötzlich die Schatten zweier Männer über ihn fielen. Sie folgten ihm. Er drehte sich nicht um. Erst als er hörte, dass sie über ihn sprachen, ihn Sozialschnorrer und Obdachlosenschwein nannten, begriff er, dass er in Gefahr
war. Er begann schneller zu laufen. Die Männer blieben zurück. Ein älterer Mann mit einem Hund kam ihm entgegen. Verzweifelt bat er ihn um Hilfe. Da drohte der Mann, den Hund auf ihn zu hetzen. Der ferne Lichtschein hatte nichts Anziehendes mehr. Die Männer holten ihn bald wieder ein. Er musste den Park so schnell wie möglich hinter sich lassen. Seine Beine schmerzten. Er hatte Angst. Niemand wird dir helfen. Sehr plötzlich durchfuhr ihn dieser Gedanke. In kleinen, hastig stolpernden Schritten begann er zu rennen. Die Männer ließen ihn gewähren. Er hörte sie lachen. Für
einen Moment fühlte er sich sicher. Seine Lider flackerten.

Schloss er die Augen, war er mit Jojo am Fluss. Blasse Bilder. Zwei Wochen waren eine lange Zeit. Ein guter Song.

Am Parkausgang blieb er stehen. Ihm war, als seien Stunden vergangen. Die Straßen lagen erstarrt im grauen Licht. Die Fassaden der Häuser waren von Stahlträgern umklammert. Kräne und Schaufelbagger starrten herab. Auf einer großen Tafel standen die Namen der Firmen, die mit dem Abriss des Stadtviertels beauftragt waren.

Der falsche Ausgang. Hier war alles fremd. Die Schritte hinter ihm waren verstummt. Er drehte sich um. In der Dunkelheit sah er den schimmernden Kies des Weges. Er war leer. Die Angst schnürte ihm die Kehle zu. Tastend bewegte er sich in eine der Straßenfluchten. Da waren auch wieder Schritte. Die Wände hallten wider von ihrem metallenen Klack-Klack-Klack. Er lief schneller. An einer Hauswand lehnte ein eng umschlungenes Paar. Jemand hatte ihre Köpfe an einem Pfahl aufgespießt. Sie lächelten. Er blieb stehen. Die Schritte kamen näher. Über dem Plakat stand der Nachthimmel. Zögernd irrte sein Blick über das rissige Papier. Er wunderte sich, den Mond nicht mehr zu sehen.

Die Frau ohne Flagge: Das Geständnis einer Russland-Deutschen

Ich möchte ein Bekenntnis ablegen. Wo beginne ich? Am besten wohl am Anfang.
Mein Name ist Anna. Ich bin 32 Jahre alt, wohne in Deutschland und besitze die deutsche Staatsbürgerschaft. Auf dem Papier bin ich Deutsche.
Gebürtig stamme ich allerding aus Russland. Genauer gesagt, aus einer kleinen Kolchose in Sibirien mit dem Namen Polewoje.
„Oh.“, werden viele jetzt denken, „Oh, oh, oh.“. Russland.
Hält man sich die schrecklichen Ereignisse der aktuellen Weltlage vor Augen, mag eine solche Reaktion wohl für viele nachvollziehbar sein. Angriffskrieg, Zensur, Verfolgung. Die Liste der menschenrechtswidrigen, katastrophalen Ansichten und Verfehlungen der russischen Regierung ließe sich endlos weiter fortführen. Doch möchte ich an dieser Stelle betonen, dass es sich bei diesen eben um politische Verbrechen, Verbrechen der Regierung und nicht der
Bevölkerung handelt.
Und doch höre ich von vielen: Böse, gefühllos ist er von Natur aus, der Russe.
Ich frage Sie nun: Welch eine unmenschliche Grausamkeit wird da kategorisch einem ganzen Volk unterstellt?
Lieben russische Mütter ihre Kinder, ihre Söhne und Töchter weniger, als es deutsche Mütter tun? Schicken sie das eigen Fleisch und Blut, das sie mühsam und voller Sorge, voller Stolz groß gezogen haben, an dessen Betten sie nächtelang wach saßen und beteten, gerne zum Sterben in den Krieg? Ergötzen sie sich daran, dass ihre Kinder verwundet, verstümmelt, traumatisiert oder gar nicht zurückkehren? Dass sie leere Särge beerdigen müssen, weil von den geschunden Leichen der Söhne, der Töchter nichts mehr übrig ist? Und das, obwohl der schreckliche Schatten der Sowjetunion auch heute noch all diejenigen verfolgt, die einst sein Grauen selbst miterleben mussten? Menschen, die den Gulag kennen. Menschen, die Verfolgung und Exil, Unterdrückung, Missbrauch, Misshandlung kennen. Mütter, die ihre verhungerten, erfrorenen Kinder, Säuglinge wie Teenager, während der langen Deportation nach Sibirien eins nach dem anderen aus dem fahrenden Zug werfen mussten. Familien, die namentlich mit Adresse in den Landeszeitungen, öffentlich und offiziell, zu Freiwild erklärt wurden, deren Hab und Gut von der roten Armee und ihren Verbrecherbanden geplündert, verbrannt, vernichtet wurde, die mitansehen mussten, wie geliebte Angehörige vor ihren Augen brutal exekutiert, grausam gemetzelt wurden. Menschen, die sich in die eisigsten Schneewüsten Sibiriens flüchteten.
Ich denke nicht. Um genau diese Schrecken hinter sich zu lassen, siedelte meine deutschstämmige Familie im Dezember ´92 in die alte Heimat um und kehrte Russland endgültig den Rücken. Für ein besseres Leben. Für einen Neuanfang.
„In Deutschland ist alles besser. Da herrschen Demokratie und Meinungsfreiheit.“, sagten sie überzeugt.
„Wir sind Deutsche. Deutschland ist unsere Heimat.“, sagten sie überzeugt.
Und hier waren wir: Die Deutschen aus Russland. Die Russland-Deutschen. Endlich.
Ich war gerade zwei Monate alt. Die erste Sprache, die ich lernte, war Platt. Oder eben Plotdietsch. Ein altes Kulturgut, das sich seit der Flucht der Mennoniten eisern gehalten und weitertragen hat. Trotz Prohibition der Sprache durch die Sowjets. Dann lernte ich Deutsch.
Von meinen Eltern, die einen Sprachkurs besuchten. Und durch Aufschnappen bei den Nachbarskindern. Als ich in den Kindergarten kam, hätte mir niemand angemerkt, dass ich nicht hier geboren worden war. Nur das gerollte „R“ verriet mich. Also gewöhnte ich es mir ab.
Ich weiß auch noch, dass ich mich in der ersten Klasse über die anderen Kinder wunderte. Am Tag der Einschulung konnte ich bereits kurze, aber grammatikalisch weitgehend korrekte Sätze verfassen. Ich kannte auch die kyrillischen Lettern, konnte russisch lesen und schreiben, wenn auch nicht verstehen. Ich beherrschte außerdem das kleine Einmaleins. Viele andere Kinder in meinem Alter konnten das nicht. Einige „richtige“ deutsche Kinder waren nicht einmal dazu in der Lage, zwischen Akkusativ und Dativ zu unterscheiden. Und doch war und blieb ich immer die „dumme Russin“. Dabei sprach ich nicht einmal Russisch. Ich beendete die Grundschulzeit mit Gymnasialempfehlung.
Doch Fähigkeiten und Kompetenzen sollten sich als unerheblich für die soziale Integration herausstellen. Denn, obwohl Kinder von Natur aus nicht diskriminieren, so sehen sie es leider doch schon in frühester Kindheit bei ihren Eltern. Und viele von ihnen werden ihr Leben lang mit dieser Prägung auf andere Menschen zugehen.
Manche der deutschen Kinder durften nicht mit mir spielen. Manche durften. Wenn es aber Mittag gab, da musste das russland-deutsche Kind entweder allein im Zimmer warten, oder aber nach Hause gehen. Denn die deutschen Eltern wollten nicht mit ihm gemeinsam am gleichen Tisch essen.
Derart schändliches Benehmen hat und hätte es in meiner Familie nicht gegeben. War Besuch da, egal ob klein oder groß: Wir aßen immer alle gemeinsam. Jeder war eingeladen. Nie hätte eine Freundin von mir im Nebenzimmer warten müssen. Meine Eltern hätten sich in Grund und Boden geschämt. „Mensch ist Mensch“, hieß es immer. Unabhängig von Hautfarbe, Herkunft, Sprache oder sozialem Status. Nicht die Herkunft bestimmt, wer du bist. Dein Verhalten und deine Taten dagegen schon.
„Für Armut und für ehrliche Arbeit solltest du dich niemals schämen, Anna.“, predigte mein Vater immer. „Es gibt viel mehr Menschen, die sich für ihren Reichtum schämen müssten und dafür, wie sie ihn erlangten.“
In Worten lässt sich nicht ausdrücken, wie unglaublich dankbar ich meinen Eltern dafür bin, dass sie diese Wahrheit so tief in mir verankerten. Denn bis an mein Lebensende wird keine Macht der Welt, kein Wirtschaftssystem und keine politische Agenda an dieser Ansicht rütteln oder etwas ändern können.
Aber denken Sie jetzt bitte nicht, ich kategorisiere alle „Deutschen“, stecke sie in eine Schublade und stemple sie ab. Nein. Einige der gutherzigsten Menschen, die ich kenne, waren und sind deutsch. So ganz „richtig“ deutsch. Nie habe ich von diesen Leuten Ablehnung aufgrund meiner Herkunft erlebt. Auch einige unserer Nachbarn im Dorf empfingen uns mit offenen Armen und, das beruhte übrigens auf Gegenseitigkeit, fühlten sich durch die unterschiedlichen Kulturen bereichert. Und doch. Bis heute schlägt mir immer wieder Feindseligkeit entgegen, wenn es um meine Herkunft geht. Oft wird das Wort förmlich ausgespuckt: „Russland-Deutsche!“.
Menschen zweiter Klasse. In Russland der Deutsche, in Deutschland der Russe.
Ein Volk ohne Flagge. Und hier liegt der Punkt. All die Familien, all die Spätaussiedler, sie alle kamen nach Deutschland in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Für sich. Vor allem aber für die Kinder. In der Hoffnung auf eine gerechte Welt. Eine Welt, in der ihre Kinder ein selbstbestimmtes, glückliches Leben führen können.
Tja. Das lief anders als geplant.
Mit der Ankunft in Deutschland kam der Clash der Kulturen. Für meine Familie. Und für die meisten anderen Russland-Deutschen auch. Wir Kinder der Spätaussiedler sind mit einer Ambivalenz aufgewachsen, die uns unser ganzes Leben lang tiefgreifend verwirren wird.
Hier ein seichtes Beispiel: Im Alter von etwa 12 Jahren kaufte ich mir ein Paar Schuhe. Die Kassiererin verrechnete sich und gab mir zehn Euro zu viel wieder. Ich bemerkte den Fehler, sagte aber nichts. Zu Hause erzählte ich strahlend meinem Vater davon. Der setzte mich sofort ins Auto. Unrecht musste wieder gut gemacht werden.
„Zeichnet es dich als guten Menschen aus, wenn du den Fehler eines Mitmenschen ausnutzt?“, fragte mein Vater vorwurfsvoll. Natürlich nicht.
„Was, wenn die Kassiererin den Fehlbetrag aus eigener Tasche zahlen muss? Selbst Schuld? Pech gehabt?“. Natürlich nicht.
„Wie würdest du dich fühlen, wärst du an ihrer Stelle?“. Mies.
„Würdest du dich nicht freuen, wenn deine Mitmenschen dir gegenüber in einer solchen Situation ehrlich und fair wären?“. Doch, schon. Klar.
Ich hatte das schlechte Gewissen des Jahrhunderts. Wie hatte ich mich über den Fehler eines Mitmenschen freuen können, obwohl diesem auch noch negative Konsequenzen drohten?
Wie? Nicht wie. Was. Der Westen nennt es: Kapitalismus.
Ehrlichkeit. Gemeinschaftssinn. Loyalität. Das waren die Werte, die Kinder wie ich familiär mit auf den Weg bekamen. Für uns, die aber auch mit dem westlichen Gegeneinander, dem Konkurrenz- und Egoprinzip konfrontiert wurden, entstanden damit gravierende Probleme.
Hartes Urteil, finden Sie? Ich widerspreche. Denn obwohl Sie mir in dem Punkt zustimmen werden, dass politische Flüchtlinge aus dem Iran, Afghanistan, Syrien und anderen Diktaturen nicht nur mit kulturellen Unterschieden, sondern auch mit der Verarbeitung ihrer Traumata zu kämpfen haben, brachte bei Ankunft der Russland-Deutschen kaum jemand Verständnis auf.
Von allen Seiten missgünstig beäugt. Verschmäht, obwohl sie mit Leistung, Fairplay und Teamgeist überzeugten. Und, wenn auch für alle offensichtlich, so wollte sich doch kaum jemand die Blöße geben, den Zugezogenen ein Lob oder gar Anerkennung auszusprechen.
Mehr als ein herber Rückschlag für die Neuankömmlinge, die schon, obwohl dort geboren, von den Russen nie als ihresgleichen angesehen wurden. Nun endlich im gelobten Land ihrer Vorfahren waren sie aber auch hier nicht willkommen.
Als nehme man ihnen ihre deutschen Wurzeln übel:
„Wenn deine Familie damals unbedingt aus Deutschland weg wollte, dann bleibt doch auch für immer weg!“
„Scheiß Russen!“
„Geht dahin zurück, wo ihr hergekommen seid.“
„Untermenschen.“
„Kriminelle.“
„Verbrecher.“
„Frauenschläger.“
Übrigens: Nie habe ich etwas Heuchlerisches erlebt, als den deutschen Mann, der über den Ausländer in Punkto Freiheit und Rechte der Frau urteilt.
Natürlich gibt es böse Männer. Die gibt es überall. Aber bitte tun Sie sich selbst den Gefallen und posaunen Sie keine Meinung als Tatsache in die Öffentlichkeit hinaus, ohne Ahnung zu haben, wovon Sie eigentlich sprechen. Schauen Sie sich bitte vorher die erschreckenden Zahlen der in Deutschland verübten Verbrechen gegen Frauen an. Die Zahlen zu Femiziden und häuslicher Gewalt. Sie finden die Informationen auf der Website des Bundeskriminalamts. Und dann schauen Sie sich bitte ebenfalls an, welche Strafen hier in Deutschland an die Täter verhängt werden. Sie werden sich ob der Lächerlichkeit wundern.
Gewaltverbrechen eines Mannes gegen seine Partnerin oder Ex-Partnerin werden in der Türkei aufs Härteste bestraft. In Spanien wird in den Nachrichten jeder Femizid öffentlich bekannt gemacht. Können Sie dasselbe von Deutschland behaupten, dem so hoch gelobten, fortschrittlichen, emanzipierten Vorzeigestaat? Wir alle kennen die Antwort.
Aufgewachsen in einer Russland-Deutschen Familie wurde, entgegen der allgemeinen Meinung, nicht nur unheimlich viel Wert auf Bildung, sondern auch auf Kompetenzentwicklung gelegt. Ich, ja, ein Mädchen, lernte das Keyboard und das Klavier sowie die Mandoline zu spielen, lernte lesen, schreiben, rechnen, noch bevor ich eingeschult wurde. Ich half meinem Vater bei allen möglichen handwerklichen Arbeiten und meiner Mutter beim Umgraben der Gemüsebeete. Kurz gesagt: Es wurde kein großes Ding aus dem Geschlecht gemacht. Es war völlig irrelevant für uns Kinder. Und für die Erwachsenen ebenso.
Als erste der Familie habe ich erfolgreich an einer deutschen Universität studiert, habe als Sportwissenschaftlerin eine akademische Qualifikation, die für einen Sprössling, nicht dem Bildungsbürgertum entspringend, eher unüblich erscheint.
Moment: Nicht-Bildungshaushalt? Ich möchte hier mal etwas aufklären: Nur weil wir aus einem Land stammen, das von vielen für rückschrittig gehalten wird, sind wir noch lange nicht dumm.
Meine beiden Tanten arbeiteten in Russland als Lehrerin und Verwaltungsfachkraft. In Deutschland wurden ihre Studienabschlüsse nicht anerkannt. Meinem Vater wurde nach seiner Ausbildung zum Landmaschinenmechaniker, die er mit Auszeichnung abschloss, ein Stipendium für ein Ingenieursstudium angetragen. Weil er aber lieber mit den Händen schuf, schlug er es aus. Denn er musste nicht befürchten, weniger zu verdienen oder einen sozialen Abstieg aufgrund seiner „einfacheren“ Arbeit zu erleiden. Job war Job. Und sozialer Status, zumindest in den Kolchosen, war von Charakterstärke, Gemeinschaftssinn und Hilfsbereitschaft abhängig. Nicht von Ego-Denken und Ellenbogen-Hieben, Machtgeilheit, Selbstbeweihräucherung und Maulheldentum.
Vielleicht verstehen Sie jetzt, warum ich von Heuchelei spreche.
„Der böse Kommunismus!“, schreien die Leute. Ich gebe ihnen Recht. Und auch wieder nicht.
Sie sehen, mein heutiges Verhältnis zum Kommunismus (ich spreche hier von dem theoretischen Konstrukt, nicht von bereits in der Praxis gescheiterten Staatsformen) ist recht ambivalent. Das war nicht immer so. Hätten Sie mich als Kind gefragt, ob ich mich eher deutsch oder eher russisch fühle, die Antwort hätte eindeutig „Deutsch“ gelautet. Heute sage ich: Keins von beidem und doch beides. Denn, was soll ich sagen, mein Leben verlief anders als ursprünglich geplant.
Nach der Grundschule besuchte ich das Gymnasium. Hatte ich zuvor nur unterschwellige Negativität mir gegenüber gespürt, so verwandelte sich diese nun in offene Feindseligkeit. Ich wurde aufs härteste von meinen „deutschen“ Mitschülern ausgegrenzt, verspottet, gemobbt.
Und das sogar körperlich. Schule war scheiße, beschloss ich also. Ich besaß nicht die neuesten Klamotten, schon gar nicht irgendwelchen Marken. Und dann hatte ich auch noch Eltern mit Akzent, die niedere Tätigkeiten verrichteten. Mein Vater arbeitete im Steinbruch. Meine Mutter als Reinigungskraft.
„Sie sind sich selbst zu Schade dafür.“, sagte meine Mutter einmal traurig, „Aber anstatt dankbar zu sein, dass wir es ihnen abnehmen, verachten sie uns dafür.“.
Recht hatte sie. Und noch heute schmerzt es mich tief, wenn ich darüber nachdenke, wie meine und viele andere Eltern, die vor der Sowjetunion flohen, in Deutschland durch ihre Mitmenschen leiden mussten. Wie sie den Verfall und die Missachtung ihrer Werte ertragen mussten und immer noch müssen. Ich spreche hier von den kleinen Worten Gemeinschaft und Respekt. Worte, deren wahre Bedeutung heute in unserer kapitalistischen Welt schon weitestgehend verlorengegangen ist. Jedenfalls bestand ich mein Abi und ging studieren.
Nebenbei arbeitete ich. Und das fast jeden Tag. Das kannte ich schon von früher. Für uns hatte es nie Taschengeld gegeben. Also suchte ich mir mit 13 Jahren etwas, das nicht unter „Kinderarbeit“ fiel. Angefangen beim Zeitungen austragen und Babysitten bis hin zum Nachhilfeunterricht und einem Bürojob beim Anwalt. Dann Fabrik- und Fließbandjobs während der Schul- und Semesterferien und diverse Kellner- und Gastrojobs, um mein Studium zu finanzieren. Ich ging auch viel feiern, um mir den Frust von der Seele zu tanzen. Gefühlt war ich immer nur am Rotieren. Studium und Arbeit kamen sich häufig in die Quere. Ich brauchte doppelt so lange, wie es die Regelstudienzeit vorsah. Auch, weil mein Vater, der schon seit einigen Jahren stark depressiv und alkoholabhängig war, in dieser Zeit an Krebs verstarb. Ein Trauma, das ich bis heute nicht verwinden kann. Und wahrscheinlich niemals werde. Ich sah, wie dieser gutherzige, hochintelligente Mensch, ein handwerkliches Genie und ein immer hilfsbereiter, stets lebenslustiger Charakter, in seinen Grundfesten erschüttert, gedemütigt und verspottet wurde. Wie seine Werte und Normen und alle Glaubenssätze, die er vertrat, immer wieder belächelt wurden. Wie sein und unser Leben von allen Seiten als minderwertig, als wertlos erachtet wurde. Und wie er sich deshalb selbst zerstörte. Und ich nehme es Deutschland übel. So schlimm das klingt. Ich nehme es der deutschen Gesellschaft übel, die so war und die noch so ist. Euch. Wir und Ihr. Die Fronten sind geteilt. Als Deutsche kamen wir, wollten Deutsche sein, wollten eins sein, dazu gehören. Doch das beruhte nicht auf Gegenseitigkeit. „Ihr!“, hieß es. Immer wieder. „Ihr asozialen Russland-Deutschen.“. Erst kürzlich, im Zuge der Pandemie. In Fragen der Selbstbestimmung. Fragen der körperlichen Unversehrtheit, der sozialen Akzeptanz. Fragen, die dunkle, längst vergangene Ängste der Sowjetvergangenheit wieder heraufbeschworen. Und doch hieß es nur: „Ihr! Ihr habt doch keine Ahnung!“. Und jetzt? Jetzt sind wir gespalten. Jetzt sind wir ein Volk ohne Flagge. Weil eben einfach alles anders lief als geplant. Und ich bekenne: Ich bin eine Frau ohne Flagge. Innerlich zerrissen. Entzweit. Polarisiert.
Das Spiegelbild unserer Gesellschaft.



Und nun das

Es ist 4 Uhr morgens, der Wecker schellt und ich weiß nicht mehr, weshalb er das macht. Ich habe den Wecker gestern auf genau 4 Uhr gestellt, ich habe den kleinen Knopf zwecks Alarm-Aktivierung gedrückt, ich bin zeitig ins Bett geschlichen, habe mich zusammengerollt, neben meinem Kopfkissen legte sich dann der Kater in einer ähnlichen Körperhaltung zu mir, sofort war ich eingeschlafen, traumlos ist sie gewesen, die Nacht und nun das. Das Zimmer ist noch stockdunkel, es ist November, der Kater faucht, als ich ihn mit einer meiner fahrigen Hände streife und mich zu erinnern versuche, weshalb dieser Wecker ein ohrenbetäubendes Schrillen von sich gibt. Ja, klar, er schrillt, weil ich es am Abend so haben wollte, doch wozu ich das so haben wollte, ist mir gänzlich schleierhaft. Welche Pflicht könnte mich treiben, welcher Wunsch mich locken, um das zu rechtfertigen? Der schwarze Kater scheint die Situation besser als ich zu verstehen, denn er lässt nun ein verspieltes Gähnen durch seine weiche Kehle nach außen dringen, ich sehe ihn als Schatten, kein wirklicher Kater, sondern ein noch dunkleres, konturfüllendes Etwas, das der Dunkelheit meines Zimmers einen leichten Kontrast entgegenzusetzen weiß. Dann huscht er an meinem Gesicht vorbei aus dem Bett, ich weiß nicht, warum er geradewegs von diesem schwarzen Loch am Kopfende des Bettes verschlungen wird, auf einmal ist er für mich unsichtbar geworden, doch seine Pfoten sind auf dem Laminat zu hören, eiliges Katzentapsen, dann scheint er ein wenig mit einem Tellerchen aus Porzellan zu scheppern, warum, wieso, ich habe ganz und gar keinen Plan. „Verrücktes Tier“, denke ich bei mir, „im Bett hätte er es doch noch schön warm haben können“. Vorsichtig setze ich einen Fuß vor das Bett auf das kühle Laminat, ich bin froh, dass ich eine genaue Vorstellung davon habe, in welchen Brauntönen die dünnen Platten geometrisch angeordnet sind. „Es ist doch noch nicht alles schwarz in meinem Innen“, denke ich erleichtert, „zumindest ist keine vollkommene Auslöschung meines Denkapparates zu vermuten“. Ich ziehe das zweite Bein in Zeitlupe an das erste Bein heran, sitze unwillig auf der Bettkante, die Matratze ist so weich, „zu weich!“, denke ich und erhebe mich mit leichtem Stöhnen. Der Wecker schrillt, der Kater klappert mit einem Tellerchen und mir leuchtet noch immer nicht ein, welchen tieferen Sinn das alles haben könnte, wohin mich das führen soll. Mit einer fuchtelnd energischen Bewegung des rechten Handrückens schleudere ich das materialisierte Tönen auf den Fußboden, ich kann den Wecker zwar nicht sehen, aber ich habe getroffen, so ein tosendes Geräusch ist für eine genaue Ortung im Dunkeln hilfreich. Ein letztes Röcheln entfährt dem Gerät, mein Fuß tritt ins irgendwo, autsch, das tut weh, ein batteriebetriebener Plastikwecker ist nicht ohne Gegenwehr zu vernichten, doch nun ist Ruhe. Ich lausche, noch immer empört, in die Stille hinein, schemenhaft das Bett als massige Fläche im grauen Dämmer realisierend, setze vorsichtig Fuß um Fuß in dessen Richtung, taste nach der Bettkante und lasse mein Hinterteil erneut auf die weiche Matratze sinken. „Geschafft“, sage ich mir, „das wäre ja auch gelacht gewesen“. Kurz kichere ich in mich hinein, die missliche Lage überdenkend. Es fällt mir partout nichts ein. Nichts, was den Hauch eines Sinns in sich trüge. Resigniert lasse ich meinen Oberkörper auf gut Glück in die Matratze sinken, die Beine baumeln über der Kante des Bettes, es ist inzwischen nur unwesentlich heller im Raum geworden, so ein Dämmerschwarz ist irgendwie lebendiger, schattenreicher als ein pures Schwarz, aber dennoch schöpfe ich auch mit dieser Erkenntnis kaum Hoffnung. Um mich zu testen, überlege ich, ob ich wohl noch meinen Namen kenne. „Anton Kurzke“, antwortet mein Hirn umgehend auf diese Frage und „richtig, alter Junge“, flüstere ich in die Düsternis vor meinem Gesichtsfeld hinein, „Anton Kurzke, kein schöner Name, aber Mein.“ Etwas Warmes, Weiches ist mit einem ziemlichen Plumps auf meinem Bauch gelandet, aha, der schwarze Kater ist back, er bearbeitet nun meine Eingeweide durch die Haut des Oberbauchs hindurch mit einem kompetenten Milchtritt. „Was will er nur?“, frage ich mich leicht enerviert, dabei beruhigt es mich, dass ich mir den Kater als Kater zuordnen kann, meinen Namen weiß und die Wohnung noch lückenlos, bis in hinterste Winkel hinein, theoretisch zu kennen scheine. „Ich bin Anton Kurzke, ich habe einen schwarzen Kater und wohne seit langer, langer Zeit hier in dieser Wohnung.“ Alles scheint mit diesem Satz benannt, erkannt und gebannt zu sein, Erinnerungen an den gestrigen und vorgestrigen Tag tauchen auf, so wie sich Bilder auf einer Leinwand ausbreiten, um dem schwarzen Raum eines unbelebten Kinosaals eine Richtung zu geben. Mein Leben ist mir demnach vollkommen bekannt und doch suche ich mit zunehmender Verzweiflung nach dem Erkennen eines Plans. „Wofür, bitte sehr, habe ich denn gestern Abend den Wecker auf 4 Uhr morgens gestellt? Und was zum Teufel will mein Kater von mir?“ Denn dass dieses Tier mit zunehmender Vehemenz ein scheinbares Recht einfordert, ist augenscheinlich, inzwischen verzichtet er auf den Milchtritt, springt dafür aber in stetem Wechsel von meinem Bauch aus dem Bett und dann mit Wucht vom Laminat nach oben zurück auf meinen Bauch. Mir dämmert im dunklen Dämmer, dass der Kater eventuell gefüttert werden will. Und ein Kater, so weiß ich, will pünktlich gefüttert werden, so wie er all die Tage zuvor pünktlich gefüttert worden ist. 4 Uhr morgens, soviel ist nun klar, ist die Zeit, zu der ich aufzustehen pflege. Tagein, tagaus. Jahr für Jahr. Heute aber ergibt das für mich noch immer partout keinen Sinn! Ich entsinne mich an eine große, wichtigtuerisch im Stadtbild angesiedelte Behörde mit vielen Stockwerken, die hinauf in den Himmel führen, währenddessen ich im Keller die Akten sortiere. Wozu? Ich zucke mit den Schultern, streichle das Fell des Katers, er schnurrt zunächst, knabbert dann allerdings an meinen Fingern, das Grün seiner schräg stehenden Augen ein wenig illuminierend, so dass ich kleine leuchtende Punkte erkennen kann. „Er gibt keine Ruhe“, sage ich zu mir, erhebe mich vom Bett, schlurfe barfuß und tastend in die Küche, der Weg erschlösse sich mir auch im Schlaf, knipse ein fahles Licht an, öffne die bereitgestellte Dose mit Katzenfutter, „endlich!“, scheint das Tier zu denken, es rast aus dem Dunkel auftauchend zu seinem nun gefüllten Tellerchen und beginnt zu schlabbern und zu kauen, doch auf possierliche Kater-Art. Ich setze mich an den runden Küchentisch, stütze mein Gesicht in die aufgestellten Fäuste, schüttle den Kopf, nein, ich weiß es nicht mehr, weiß absolut und gar nicht, für was ich hier sitze, wieso der Wecker um 4 Uhr morgens sein Leben lassen musste, ein Kater im Dunkeln nach Futter verlangt und warum ich irgendwann in meinem Leben beschlossen habe, dass ein Archiv ein Ort für mich sein könnte, der ab 4 Uhr morgens mein Leben bestimmt. „Ich warte“, denke ich, „ich warte noch eine Weile, so lang will ich warten, bis die Zukunft als klare Kontur aus dem Schatten tritt, bis ich weiß, warum der Wecker schellt und ein Tag beginnt, obwohl die Nacht noch Nacht sein möchte. Wenn sich die Zukunft mir enthüllt, mir ihren Sinn verrät, will ich es gut sein lassen, die Kaffeemaschine anschmeißen, die Zähne putzen und das Haus verlassen. Sonst aber werde ich warten und hier sitzen bleiben, bis ich das andere weiß, das Geheimnis, das Unentrinnbare“. Und so sitze ich, versunken vor mich auf die Tischplatte starrend und warte.

von Annette van den Bergh

Regen im Denken

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Zeit für mich

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Anleitung zur Sinnsuche mit Kokosraspeln

Es war 23:48 Uhr, als mich eine E-Mail darauf hinwies, dass auf dem Flyer die Kontonummer fehlte. Eigentlich wollte ich ins Bett, doch die Mail nagte an mir. Es war der Stiftungsflyer, den ich selbst entworfen, geschrieben, gelayoutet und im Halbschlaf noch einmal gegengelesen hatte. Dreimal. Ohne Brille. Vielleicht hätte ich Licht machen sollen.
Ich hatte nicht um Geld gebeten, nicht einmal indirekt. Ich hatte lediglich den Ort gestaltet, an dem man es hätte einzahlen können. Und genau den vergessen. Ehrenamtlich.

Ich lutschte meinen Finger an und tunkte ihn in eine Schüssel voller Kokosraspeln. Es lenkte mich von meinen Existenzsorgen ab. Ich war dankbar und hungrig. Der Kühlschrank war leer, aber im Küchenschrank fand ich noch
einige Backzutaten. Da Backpulver nicht mein Snackfavorit war, füllte ich die Raspeln in eine Holzschale und stellte sie auf den Tisch. Immer wieder befeuchtete ich meinen Finger und tunkte ihn in die Schale.

Die Mail war höflich formuliert, so höflich, dass zwischen den Zeilen Platz für ein leises Kopfschütteln des Verfassers blieb. Dieses unausgesprochene „Wie konntest du das nur vergessen?“, das wie der Elefant im Raum stand. Ich korrigierte, weil es mir sonst keine Ruhe ließ, renderte neu, exportierte noch einmal und sah dem Ladebalken zu, wie er sich langsam vorwärts schob. Währenddessen tauchte mein Finger in die Schale mit den Kokosraspeln. Ein kleiner, süßer Trost, um Sinne und Magen Beschäftigung zu geben. Es war besser als sinnloses Warten und Magenknurren.

Nach der halben Schale wurden aus den Raspeln Sägespäne. So fühlte es sich jedenfalls an. Sie lagen schwer im Magen. Fast wie eine Kokosnuss mit Schale: hart, faserig, am falschen Ort. Ein erstaunlich passendes Bild für mein Verhältnis zu Geld.

Dieser Flyer war nicht geplant gewesen, so wie vieles in meinem Leben nicht geplant war, sondern entstand, weil es notwendig war. Ich half, weil es niemand sonst tat. Die kleine Gruppe kämpfte für das Wahrzeichen der Stadt, eine
Aufgabe, die für vier viel zu groß ist. Auch für fünf. Aber fünf ist besser als vier. Ich brachte mich ein: hier ein Pressetext, dort eine Broschüre, da ein Foto, manchmal auch ein Gedanke zu viel. Doch alles für den guten Zweck. Ehrenamt. Ein Wort, das harmlos klingt, und genauso mühelos Stunden verschluckt. Oder Jahre. Oder ein ganzes Leben.

Vor zwei Wochen zuvor saß ich mit Tunnelblick und dieser ureigenen Begeisterung, die ich nur schwer kontrollieren kann, an einem Bildungskonzept für diese Stiftung. Das wuchs wie Hefeteig im Hochsommer. Die Ideen sprudelten. Dreißig Seiten Konzept, sieben Seiten Exposé, ein PDF, so ausgefeilt und professionell, dass es auch aus einem Ministerium hätte stammen können. Nur eben von der anderen Seite – der ohne Geld. Ich schrieb es ohne Auftrag, ohne Bezahlung und noch nicht mal ohne Nachfrage. Ehrenamtlich.

Ich bin bildungsbegeistert und kann alles in Visionen fassen. Es gibt Talente, die entdeckt man erst spät, wenn man weiß. Den Idealisten erkannte ich früh, den Visionär in mir erst vor einigen Jahren. Vielleicht brauchte es dafür Lebenserfahrung und ausreichend Bildung. Beides hatte ich zu Genüge und dennoch sammelte ich weiter.

Doch ich wusste, was Fördergeldgeber lesen wollten und schrieb und schieb. Und ich schickte es ab mit dem stolzen Gefühl, gerade einen Palast der Bildung gebaut zu haben. Aus Papier. Gratis. Für eine Burg. Für einen freien Lernort. Für Kinder und Familien und die Zukunft. Für dieses vertraute Gefühl, wieder einmal etwas Sinnvolles getan zu haben – für mich.

Der Ladebalken kroch weiter, mein Finger wurde wieder feucht, badete in den Raspeln, und meine Gedanken wanderten zurück.

Ich wurde oft gefragt, warum ich nicht an einer Schule unterrichte, ob ich das nicht offiziell machen könne. Ich sei doch Biologin, Lerntherapeutin, Dozentin. Das sei doch alles kein Problem für mich. Die kurze Antwort lautete: Ich durfte es nicht. Die Lange war komplizierter und gleichzeitig das absurdeste Theaterstück der Bildungspolitik in meinem Bundesland. Leider spielte ich in diesem Theaterstück eine Hauptrolle und bekam keinen Zugang zur Bühne. Das Publikum maulte. Mir fiel dazu ein Claim ein: „Wir können alles, außer Bildung.“

In Baden-Württemberg galt ich als nicht richtig qualifiziert, was erstaunlich war, wenn man bedachte, dass mein Diplom höher war als ein Staatsexamen. Zusätzlich hatte ich mehr Ausbildungen und Weiterbildungen gemacht als ein
Lehrer in 40 Jahren im Beruf. Mit 43 Jahren war ich zu alt für den Quereinstieg. Angeblich. Die Wahrheit war eine andere: Ich war nicht mehr rentabel für das System. Nach 15 Jahren freier Bildungsarbeit und zehn Jahren mit Kindern, die durch das System gefallen waren, wie Mehl durch ein Sieb rieselt, würde ich in den Jahren bis zur Rente nicht mehr genug in die Rentenkassen einzahlen können, um mich als Beamtin zu rechnen. Rechnen taten sich nur junge, formbare Menschen, die noch vierzig Jahre einzahlen würden – theoretisch. Praktisch verheizte sie das Bildungssystem aber schon mit 20 Jahren. Ich hätte diese 20 Jahre bis zur Rente also durchgehalten. Aber ich wurde ausgeschlossen. Nicht weil ich nichts konnte, sondern weil ich zu viel konnte. Und ich war zu alt, um billig zu sein, zu qualifiziert, um zu lehren, und zu enthusiastisch für Bildung, um Kinder auszubilden. Eine Logik, nach der man auch einen Apfel nicht mehr verkauft, sobald er perfekt reif ist.

Ich griff mit der ganzen Hand in die Kokosraspeln: gedörrt. Haltbar. Wurmfrei. Sie hatten mir etwas voraus. Ich stopfte sie in den Mund und musste husten.

Mein letztes Projekt war ein Buch, ein echtes Herzensbuch: mittelalterliche Originalrezepte, übersetzt aus dem Latein, in einer Schrift, die ich erst lernen musste, weil sie so alt war, dass sie kaum noch jemand lesen konnte. Selbststudium. Ich hatte die Rezepte über Monate nachgekocht, behutsam modernisiert. Was war ein guter Ersatz für Moschus? Oder Bibergeil? Ich experimentierte und las mich biochemisch schlau. Ging ich auf Wirkung oder auf Geschmack? In jedem einzelnen Rezept steckten Hunderte von Entscheidungen, alles belegt mit Quellen, mit Liebe, mit weit über tausend
Stunden Arbeit. Ich gab es an einen Verlag. Der sagte ab: zu nischig. Ich suche noch einen. Doch die Antwort war immer gleich. Ich zuckte mit den Schultern und sagte, dass es zu schade sei, das nicht zu veröffentlichen. Also machte ich es selbst. Schrieb, lektorierte, layoutete und kaufte mir schließlich mein eigenes Buch. Fünfzig Euro für ein Probeexemplar. Inklusive meiner eigenen Fehler.

Das nannte man Selfpublishing. Der Otto-Normalbürger nannte es zu schlecht für einen Verlag. Ich nannte es Selfsponsoring für kulturelles Überleben. Mir fiel auf, wie unterschiedliche Perspektiven zu unterschiedlichen Urteilen führten. Wir sollten mehr über Perspektiven reden.

Die Kokosraspeln waren fast leer.

Die Tools, mit denen ich als Negativverdiener gezwungen wurde, zu arbeiten, machten es nicht leichter. EasyCover nennt sich das eine Programm. Es stellte sich als Intelligenztest mit sadistischen Zügen heraus. Es gibt kein Raster, kein Lineal, kein echtes Rückgängigmachen, nicht mal die Möglichkeit zum Zwischenspeichern und keine Erinnerung an Farben. Eigentlich hat es gar keine Erinnerung. Änderte ich Schriftfonts, zerfiel das Cover wie das Römische Reich. Und ich baute es neu auf, jedes Mal von vorn, in Stunden, die niemand bezahlt und noch nicht mal sieht. Mein rechnerischer Arbeitsaufwand wuchs exponentiell, während die Option, das Cover für dreihundert Euro gestalten zu lassen, still im Hintergrund lauerte. Ein Schelm, wer Marketing-Gag dabei denkt.

Parallel dazu kämpfte ich mich durch ein Layout-Programm. Eigentlich sehr professionell und mächtig. Zeitlich tödlich. Ich wollte 188 Seiten drucken und bekam 96, weil Doppelseiten dort anders gezählt werden als im Tool des Selbstverlages. Wer sich so etwas ausdenkt, weiß ich nicht. Nach 52 Stunden und 14 Versionen hatte ich ein funktionierendes PDF. Rein technisch. Emotional war ich längst offline.

Der Gedanke an dieses Projekt kostet mich eine weitere Schüssel Kokosraspeln. Ich war froh, dass ich zu Weihnachten nicht das Geld hatte, Oblaten für Makronen zu kaufen, und resümierte weiter.

Journalisten bekamen ein Gratisexemplar. Blogger auch. Ich bezahlte mein Probeexemplar selbst mit 50 Euro, statt 35 Euro zum Buchhandelspreis. Kurz überlegte ich, wieder Journalistin zu werden und wieder über Dinge zu schreiben, die ich nicht selbst erlebt hatte. Ich ließ es bleiben. Stattdessen schrieb ich weiter, unbezahlt, über Dinge, die ich selber machte, wie eben dieses Buch. Oder sollte ich warten, bis das Buch veröffentlicht war? Mit all seinen Fehlern, aber für mich um 15 Euro günstiger? Das Lektorat kostet 600 Euro. Eine Packung Kokosraspeln 1 Euro. Ich entschied mich für die 50.

Am Ende zählte ich nach. Nicht aus Selbstmitleid, sondern um sicherzugehen. Vierhundertvierundvierzig Stunden reine Arbeitszeit. Die Recherche nicht mitgerechnet, die Übersetzungen auch nicht, das Nachdenken über Bibergeilersatz ebenso wenig. Verdienst pro Buch: 10 Prozent Autorentantieme, 3,50 Euro – vor Steuern. Kostendeckung: irgendwo hinter dem Horizont. Und weil der Idealist in mir nicht zum Schweigen zu bringen war, spendete ich pro verkauftem Buch an die Stiftung mit der Burg. Das Buch verkaufte sich genau einmal. Der Verlag hatte recht. Die Stiftung war um einen Euro vermögender, ich im Minus.

Und trotzdem existierte dieses Buch. Weil manche Projekte nicht aus Renditegründen entstehen, sondern aus etwas, das stärker ist als jede Wirtschaftlichkeitsrechnung: dem Wunsch, Kultur zu erhalten und Wissen zu verbreiten.

Kultur ist teuer. Bildung auch. Nicht für die, die sie konsumieren, aber für die, die sie erschaffen. Ich bezahle Software, Papier, Probedrucke, Porto, Wartezeiten. Förderung gibt es für Projekte, die sich rechnen. Wie man Sinn in eine Excel-
Tabelle überträgt, erklärt niemand. Also wird er ausgelagert. Ins Ehrenamt. Zu Menschen wie mir, die sich irgendwann fragen, wie sie eigentlich ihre Krankenkasse bezahlen sollen.

Ich kratzte die letzten Raspeln aus der Schüssel. Schüttete die Tüte aus. Vergeblich.

Es war zwei Uhr nachts, als ich auf „Senden“ klickte und ein Konzept im Wert von 20.000 Euro ehrenamtlich in die Runde gab. Nicht für einen Bestseller oder ein Monetarisierungsvehikel, sondern für ein weiteres Herzensprojekt. Jeder, der dieses Konzept nutzt, wird mehr davon haben als ich. Und irgendwo wird jemand einen Rechtschreibfehler finden und sich darüber beschweren. Ich saß mit Taschenrechner und Steuerformular da und fragte mich, wie man einen negativen Verdienst angibt.

Die Antwort kam nicht. Nur mein Magen meldete sich, gefüllt mit Kokosraspeln aus der gescheiterten Weihnachtsbäckerei und diesem bittersüßen Gefühl, wieder etwas Großes geschaffen zu haben, das offiziell als Nebenerwerb läuft. Unbezahlt. Ungefördert. Unsichtbar.

So unsichtbar wie meine Kokosraspeln. Ich sah in die leere Schale, betrachtete die Holzstruktur und stellte fest, dass dies vielleicht der letzte Rest Genuss war, der mir für diesen Abend geblieben war. Ich schaltete den Fernseher an, weil ich mit einer Kokosnuss im Bauch schlecht schlief. Der Bundeskanzler hielt eine Ansprache darüber, dass die Menschen sich mehr ehrenamtlich engagieren sollen.

Pfingstrosen im Beton

Ich möchte leben, ein Leben der Gleichgültigkeit und ich hoffe, du tust es mir gleich.

Doch so sehr ich mich auch bemühe, was ich auch tue, die Gleichgültigkeit will nicht an mir haften. Immer wieder entwischt mir das Gleiche und es gilt dann eben doch für mich. Irgendwann wird es mir gelingen, ich glaube fest daran, dann wandle ich gänzlich unbeeindruckt durchs Leben.

Ich merke, ich bin nahezu so weit. Der sich türmende Abfall auf Deponien und der Niedergang unseres Planeten lässt mich beinahe schon kalt. Der Tag wird kommen, an dem es mir nichts ausmachen wird, dem Obdachlosen an der Straßenecke zu begegnen. Ich werde mich dann nicht mehr fragen, was ihn hierhergeführt, wen er früher geliebt hat und ob jemand auf ihn wartet. Für mich wird es völlig belanglos sein, die Zahlen der Femizide steigen und die der Verurteilungen fallen zu sehen. Es wird mir nicht mehr das Herz zerreißen, zu wissen, dass im Namen der unstillbaren Machtgelüste eines Mannes erneut unschuldige Zivilisten massakriert wurden. Auch der Gedanke, mein gesamtes Leben in einem grauen, dunklen Büro zu verschwenden, während meine Träume in der hintersten Ecke meines Bewusstseins langsam verwesen, scheint plötzlich weniger gravierend. Einmal den Zustand der vollkommenen Apathie erreicht, will ich nie wieder weinen. Keine Träne soll mir entwischen, bei dem Gedanken an vernachlässigte Freunde oder verlorene Liebschaften. Tag für Tag werde ich morgens die Augen aufschlagen, gänzlich unberührt vom Leben.

Und all die drängenden Dringlichkeiten schiebe ich beiseite und lasse sie tief in meinem Inneren verkommen. Auch mein Gewissen wird schließlich verwelken, wie eine Pfingstrose im Beton, werde ich es aushungern, bis zum Zerfall, bis es sich endgültig auflöst und ich vergessen kann. Es braucht keine Lösungen für Probleme, die mir verborgen bleiben, ich zerbreche nicht an dem Schmerz, den ich nicht fühlen kann.

Gleichgültigkeit hat viele Facetten, sie geht tief. Alles Leid scheint wie ein Traum und alles Glück tut es dann auch. Demnach muss ich alles ausrotten: die schwarzen Gedanken sowie meine schönsten Erinnerungen, die Geduld-spaltende Angst und all die Freude. Ich muss all meine Gefühle aussortieren, all die mich zum Menschen machenden Aspekte, müssen gehen.

Mit den Jahren, hoffentlich, werde ich endlich vergessen, was Liebe ist und wie sich Wärme anfühlt auf der Haut. In meiner Brust wird es keinen Raum für Mitgefühl mehr geben, keinen Platz für Empathie. Ich muss mich selbst retten von der trostlosen Realität, die mich zu verschlingen droht.

Eure Meinung kümmert mich nicht im Geringsten. Bin ich in euren Augen gut? Bin ich ein Monster? Es spielt keine Rolle, was ihr in mir seht. Bitte mich um Rat und ich werde dir mit einem flüchtigen Achselzucken entgegentreten, bettle darum, dir zu verzeihen, ich werde mich nicht daran erinnern, weshalb du auf Knien flehst. Distanz wird mich von jenen Menschen trennen, die mir einst etwas bedeutet haben. Deine Lippen könnten scheinbar Millimeter vor meinen zum Ruhen kommen, doch ich befinde mich Kilometer weit entfernt, irgendwo allein in einem Feld. Mein Dasein wird keinerlei Unterschied machen, mein Leben keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Ich werde keinen Trost spenden oder Lügen erzählen, ich werde weder Leid verbreiten noch Liebe geben. Da ist keine Leidenschaft, die mich antreibt, aber auch keine Reue in schlaflosen, stillen Nächten.

All meine Bücher in meiner kleinen, verstaubten Bibliothek werde ich verbrennen müssen. Denn aus Gleichgültigkeit wird selten Inspiration geboren und so werden all die schönen Worte zu bedeutungslosen Versprechen der Leere.

Aus offensichtlichen Gründen werde ich auch Museen meiden. Ich kann es nicht gebrauchen, dass mir ein Millais oder ein Waterhouse die stupide Idee davon aufdrängen will, was es heißt, für etwas wahrhaftig zu brennen.

Ich möchte meine Großmutter nicht besuchen, um von ihrem bunten Porzellan und von Zuversicht durchfluteten Lachen kein Zeuge vergangener Jahre voller Glück zu werden.

Ich werde nie mehr Sterne sehen, denn den Kopf dem Himmel emporzurecken, wäre an sich bereits ein Akt der Willenskraft, den ich in meiner Teilnahmslosigkeit nicht gebrauchen kann. Meine Scheuklappen, fest und schwarz, erlauben mir nur den endlosen Tunnelblick ins Nichts.

Von Monotonie geprägt, verschmelzen meine Tage somit ineinander, ohne Rücksicht auf andere oder auf mich selbst. Und wenn dann schlussendlich meine Zeit hier verronnen ist, mein Herz stoppt, mein Körper sich langsam zu zersetzen beginnt und ich diese Erde verlassen habe, die mir so wenig bedeutet hat, wird es keine Beerdigung geben. Denn wenn niemand verbleibt, der dir Zuneigung schenkt, niemand, der dir etwas bedeutet, wenn keiner bemerkt, dass du fort bist und dein Leben keinerlei Bedeutung hat, dann hast du im Grunde niemals existiert und ohne deine Existenz gibt es nichts, was man in der Erde versenken, nichts, wovon man sich verabschieden könnte.

Dies wäre er also. Mein präzise durchdachter, bis aufs kleinste Detail ausgeklügelter Plan der Gleichgültigkeit, ein Ideal, erreichbar, wenn da nicht die Sache mit meiner Seele wäre. Zumindest denke ich, dass es meine Seele ist, die mir das Erreichen der absoluten Teilnahmslosigkeit verweigert. Mein Herz ist es nicht, denn, bis auf die Unkenntlichkeit vernarbt und von Gaffer gehalten, legt es selten Widerspruch ein. Niemals hätte ich gedacht, dass sich 21 Gramm so sträuben könnten.

Denn noch liebe ich es zu lesen und habe das Verlangen, Rosen in meinem Garten und nicht in Beton zu pflanzen. Da ist immer noch eine innere Unruhe in mir, die protestiert und interveniert und mich auf diese Weise fühlen lässt.

Ich möchte leben, ein Leben der Gleichgültigkeit und ich hoffe, du tust es mir gleich.

Doch so sehr ich mich auch bemühe, was ich auch tue, die Gleichgültigkeit will nicht an mir haften.

Ophelia J. Krohn

Chimæra

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Lyrik 20
Angst

Angst
Angst vor der Zukunft
Angst vor der Gegenwart
Angst vor der Vergangenheit
vor dem Außen
vor dem Innen
vor Menschen
und vor der Einsamkeit.
Angst vor den Gedanken,
die nachts auftauchen
und frisch am Morgen
vor dem Kreisen, das nicht
zu stoppen ist.
Angst vor Gefühlen,
die mich auffressen wie ein schwarzes Loch,
vor dem Loch selbst,
das unendlich
tief
schwarz
und ohne Boden scheint.
Vor der Dunkelheit
nachts im Bett
allein.
Vor der Berührung,
die platzt,
wenn ich die Augen aufschlage
mit dem Traum, der der Realität nicht standhält
und sich auflöst in Sehnsucht
und Trauer
um das Verlorene.
Angst vor dem Berg
der Dinge, die ich bewältigen muss,
dem Stich der Wespe,
der Spinne an der Wand
und der Maus in der Ecke.
Ratten bevölkern das Ufer.
Der Fluss ist verschmutzt
voller Unrat.
Schaumkronen schwimmen
im Licht der Laterne.
Das Gas ist teuer,
der Hahn wird abgedreht
und das Licht erlöscht.
Nur noch das Quietschen,
die Schreie der Ratten zu hören
und ihr Tippeln und Rascheln
Im Müll.
Dazwischen ein Schrei,
eines Obdachlosen im Rausch.
Mein Herz rast,
ich japse,
versuche zu atmen,
doch der Klos im Hals
versperrt mir die Luft.
Meine Schläfen pochen.
Ich bin kalt
und heiß,
versuche Halt zu finden
auf schwankendem Boden
obdachlos im eigenen Körper
im Rausch meiner Emotionen
gefangen,
schnürt mir die Angst
die Luft zum Atmen ab,
schnürt mich ein wie ein Paket.
Bondage ohne Lösung von Knoten
habe ich mich selbst
aufgehängt
am Baum des Lebens

Spielplatz 2026

Unter Verdacht

Ein Mann allein auf einer Bank – Kinder lachen.
Muttis beobachten ihn – was wird er machen.
Sie denken „ was fällt dem Mann bloß ein?“
„Könnte das wohl ein Spanner sein?“
Er steht auf – greift nach einem Kind!
Dieses führt ihn weg – weil sein Vati blind!

Litanei der Unreinheit

In nomine Patris

Gott sprach Latein.
Wer stotterte, musste Buße leisten.
Fehler war Sünde, Zweifel Ketzerei.
Ich beichtete Silben, betete Syntax und sündigte Grammatik.
Gott sprach Latein.
Wer stotterte, war unrein.
Gott sprach Latein.
Wer stotterte, war in der Falle.
und ich — die Schlange ihres Edens.
Sie spannten den Bogen des Kreuzes,
fürchteten mein Zischen. Es klang wie Denken.
Der Vater sprach mit der Stimme des Himmels,
darunter lag die aus Kreide.
Er sprach: Gott helfe nur Kranken.
Mutter nickte: Heilung sei Strafe.

et Filiae

Ich flüsterte gebrochenes Latein
und suchte die weiße Jungfrau —
vergebens.
Sie war nicht gottlos.
Sie sahen die schwarze Jungfrau,
die unheilige — in mir.
Ich flüsterte in Latein
und suchte die Tochter der Nacht,
die das Dunkle trug wie ein Sakrament,
deren Zunge Licht verletzte.
Sie sahen die Furcht,
das Bröckelnde — in mir.

et Spiritus Sancti

Ich atmete Latein.
Der Geist sprach —
nicht zu mir,
nicht in mir,
nur
in Latein

Dem Ende entgegen

Meere der Leere, Szenen welkender Welten.
Menschen rennen, Seelen verbrennen –
Fehler selber erkennen? Selten.

Wenn Versprechen leere derselben werden,
werden der Grenzen Zwecke vergessen.
Per Regeln vernebelt, Erde der Erden;
Sterne, welche vernebelt. Wessen?

Erkennt denn jeder Denker den Segen,
der verschwendet, der verletzt?
Fremde Legenden werden gelehrt,
Werte gegen Respekt gesetzt.

Extreme Verbrechen, zerbrechende Herzen,
gehetzte Bettler, perfekte Erben.
Entgegen Versprechen endender Schmerzen
geht der Weg, den jeder geht:
Sterben.

Desillusioniert

Mit der Geburt beginnt unser Leben,
von wem wurde uns dieses Geschenk gegeben?
Als Kinder sind wir meist sorglos und froh,
doch das bleibt leider nicht immer so.
Wir spielen und toben und lachen und tanzen,
und dann ist irgendwann Schluss mit dem Ganzen.
Als nächstes kommt unsere Jugend dran,
und hier fangen schnell die Probleme an.
Druck in der Schule und Liebeskummer,
das ist dann oft eine harte Nummer.
Vielleicht auch die Frage nach dem Sinn,
wo führt uns das Ganze eigentlich hin?
Jetzt kommen wir zum Erwachsen sein,
hier trügt von außen sehr oft der Schein.
Heile Familie im schönen Haus,
doch die Wahrheit sieht meistens ganz anders aus.
Die Ehe zerrüttet, die Arbeit macht krank,
bald folgt die Rente, Gott sei Dank.
Doch leider ist gerade diese Zeit,
ganz oft geprägt von Einsamkeit.
Die Menschen sitzen alleine zu Haus,
und kommen irgendwann kaum noch raus.
In dieser beklemmenden, traurigen Not,
wartet man eigentlich nur auf den Tod.
Ob man das alles Geschenk nennen kann,
da habe ich wirklich Zweifel dran.

Torsten Kuptz

Die Dauer Deiner Ewigkeit

Du, der hetzt und arbeitet und tut um anerkannt zu werden oder einprägsam zu sein.
Sieh Dich um.
Du, der von der Geschichte erinnert werden möchte, irgendeiner Geschichte.
Sieh Dich um.
Sieh die Leistungen des vorletzten Quartals bereits vergessen.
Sieh einst wichtige Kollegen bereits gegangen und aus dem Bewusstsein verschwunden.
Sieh das Haus auf dem Arbeitsweg nun nur noch eine leere Ruine.
Sieh den gefallenen Baum, der älter als Deine Großeltern war.
Sieh die Betonbauten der Stadt, welche nach zweihundert Jahren nur überwucherte Stelen wären.
Sieh die Nationen, welche so unumstößlich im Moment nur ein Augenblick der Geschichte sind.
Sieh die Hügel um Dich, welche einst die höchsten Berge waren.
Sieh Deine Welt, die Erde um Dich, welche einst Weltraumstaub war und, zusammen mit allem je auf ihr geschaffenen, wieder sein wird.

Hat nichts Bedeutung oder alles?
Oder nur das, dem Du selbst Bedeutung schenkst?
Auch Zeit hat ein Ende, aber nicht die Erwartungen an Dich.
So wähle mit Bedacht; Bevor Du loshetzt zum nächsten Termin, zur nächsten Erledigung, zum nächsten Projekt:

Was soll Teil Deiner endlichen Ewigkeit sein?

zeiten ziehen blank

zeiten ziehen blank
und pronomen
krallen sich fest in
offenen mündern
schreien nach halt
fallen frei
sonnen sich in
regenbögen
mit allen die mögen
und meins erstrahlt
in neuem glanz
in mir füllt mich
bis oben hin mit fragen
was fremd scheint
schämt sich nicht
und an den rändern
offenbart sich
alle schönheit

trotzdem

es werden tage sein
andere und trotzdem solche
es werden leben sein
sterbende und trotzdem gebärende
und wir werden feiern
und trotzdem weinen
wir werden schillernde fäden spinnen
und uns in ihren labyrinthen verfehlen
der steinerne adler wird
ungerührt über uns wachen
stummer zeuge
der weiß wie
zukünfte sich über
leben stülpen
trotzdem

ICH HÖRE STIMMEN

IIIIIIIIICHHHH HÖÖÖÖÖRE STIIIIIIMMMMEN
MUSS DAS NICHT
MUSS DAS NICHT
IIIIICH HÖÖÖÖÖÖRE STIIIIIIMMMMMMEN
IN MIR SAGEN
kLAGEN
fRAGEN
mÄRCHEN
sAGEN
WAS WOLLEN DIE VON MIR
WAAAAAS WOOOLLLLEN DIE VOOOOON MIR
IIIIIIIIICHHHH HÖÖÖÖÖRE STIIIIIIMMMMEN
WAS HABEN SIE MIR ZU SAGEN
WAS HABEN SIE MIR SCHON ZU SAGEN
wir übersehen einzelheiten
konzentrieren uns auf den lichteinfall
ein fall für eliminierung
ist symmetrie auf die spitze getrieben
von drittelregeln
abstrahierungshimmel verdunkeln nicht
wo bleibt der reim
stab kreuz quer unreim
MIR DOCH EGAL
HÖREN SIE
MIIIIICH STÖÖÖÖÖÖREN STIIIIIIMMMMMMEN
HORCH WAS KOMMT VON INNEN REIN
WAS DOCH DRAUSSEN BLEIBEN SOLL SO FEIN
DAS NAcHBILD VerstÖRT
DAS GEHÖRT SICH NicHT
OTTOS SNOB PROTZT
OTTOS MOB KOTZT
WaS FÜR EIN NonsiNN
sZENEN iN iHRER gANZEN aUSDEHNUNG
die welt hört nicht am bildrand auf
TOTAAAAAAL VERPROTZT
UND JETZT
GOLDENER SCHNITT

ich bade meine seele

ich bade meine seele
im glitzern des meeresrauschens
ich bade meine seele
in der warmen unendlichkeit
des sandes die leere in mir füllt sich
mit der einfachheit klaren seins
und im stillschweigen der welten
verebbt sachte der blick
standing ovations vor blankem horizont
und könnte ich entschwinden
täte ich es wohl hier
mit dir

hätten wir

hätten wir sollen
mit unseren mündern
den staub der atmosphäre
in uns saugen und
mit benetzten häuten
aufbrechen
in die zeitenlosigkeit
wie schuppenkriechtiere
auf vorgelagerte inseln
der glückseligkeit
ohne haftzehen
kehlsäcke
rückenkämme
fransenfinger
hätten wir sollen
der musik der
schwarzen schmetterlinge
lauschen in uns
und das fundament streicheln
wenn der eisberg kalbt
reisen
ins ungewisse
wie treibende schollen
in die schluchten
der verbliebenen hoffnung
hätten wir es ahnen können

finster doch sollen die nächte sein

finster doch sollen die nächte sein
nicht so wie diese die
hineingeifert in mich
mondhell
lässt sie mir keine ruh
kündet von finaler stille
die eine kerze brennt noch
und die welt liegt auf meinem tisch sezierbereit
für den sohn damit er sie sich aneigne für sein kommendes leben
doch
die welt
möchte sich nicht aneignen lassen in zustandsparametern sie will endlich unser
herzblut spüren und wie es sie und sie es nährt unter dem sarkophag der
havarie

Adieu mein Freund

Du wolltest
immer wissen
wer ich bin,
jetzt weißt du
nicht mal
wer ich war.
Ich wusste
nicht zu dir
zu kommen,
jetzt weiß
ich nicht
wohin.

Auf bestem Wege

Der Boden unter meinen Füßen
bekommt Flügel,

die Realität hebt ab,
die Gedanken schweben,
ein Gefühl von Überheblichkeit,

ich steh drüber,
ich steh über der Wirklichkeit,
ich steh über mir,
ich steh über allem
im Leben,

ich stehe über den Menschen im Leben,
der Mensch in mir jedoch
daneben.

Stimmen im Schnee

Die Spuren
von Tatzen
wie Flocken
im Schnee

so leise
und sanft
so selig
und vier

die Spuren
darüber
wie Schollen
auf Eis

so laut
und schroff
so zwei
von mir

Gegenstandslos

Ein paar Tische
im Raum,
die Stühle
jeweils gleich verteilt.

Die Tische,
die Stühle
in zwei Reihen
angeordnet.

Am Ende einer solchen
sitze ich,
auf einem dieser Stühle,
an einem dieser Tische.

Da sitz ich nun,
in dieser Symmetrie,
in dieser Einheit,
in diesem Bild.

Ein Mann tritt herein,
geht auf uns zu,
bleibt stehen,
sieht sich um.

Ein paar Tische
im Raum,
die Stühle
jeweils gleich verteilt.

Die Tische,
die Stühle
in zwei Reihen
angeordnet.

Am Ende einer solchen
sieht er mich,
auf einem dieser Stühle,
an einem dieser Tische.

Da sitz ich nun,
die Symmetrie gebrochen,
die Einheit verletzt,
das Bild zerstört.

Weltbild

Weltbild
Bildwelt
Gebildete Welt
Gebaute Welt
Konstruierte Welt
Begrenzte Welt
Gestellte Welt
Gelogene Welt
Falsche Welt

Wir leben in Systemen
Wir brauchen Systeme
Ein Systeme ist Ordnung
Ordnung ist Konditionierung
Konditionierung ist Sicherheit
Sicherheit ist Vorrausschaubarkeit
Vorrausschaubarkeit ist Wissen
Wissen ist Macht
Macht ist Manipulation
Manipulation braucht System
System bedeutet Illusion
Aus der Illusion wird die Bildwelt
Aus der Bildwelt das Weltbild

Der Mensch strebt nach Sicherheit
Daraus resultiert die Notwendigkeit eines Systems
Dieses erfordert Konditionierung

Ohne Wissen, keine Macht, kein System, kein Weltbild, keine Sicherheit, keine Grenzen
Keine Menschen

Das denken, fühlen, danach handeln wir
Doch wer es schafft sich davon zu lösen wird erkennen:
Der Mensch kann, darf, soll frei sein
Das Streben nach Sicherheit begrenzt den Menschen

Die Liebe für mein Kind

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Allesfresserin

Ich wasche meine Seele im Regen rein.
Das ist kein Akt der Selbsbefreiung, eher eine Tat des Selbstmitleids.
Welttrunken suche ich nach meinem Seelenreim.

In all meinem Schein ist erstaunlich wenig Sein
Und trotzdessen: Du hältst Schritt mit meinem Erdenleid.

Ich bin eine Allesfresserin, ich fresse alles in mich hinein.
Ich bin ehrlicherweise nie ehrlich zu mir selbst.
Ich habe keine Angst vorm Todsein, aber vorm Sterben.

Ich wünschte, du würdest mich retten vorm Verfärben.
Doch du wäschst mich aus, wenn du so fällst.
Ich will es nicht sagen, aber bei dir fühl ich mich allein.

Du Regen du.
Du bist schon lange kein Rein – Wascher mehr.
Wäschst nicht mehr sauber- verwäschst nur noch grau.
Das dunkelste Grau. 
Es geht nie mehr fort, es ist haftend, klebend, elendig.

Ich verwasche meine Seele im Regen grau.
Das ist kein Akt der Befreiung, eher eine Tat des Selbstmitleids.
Ich bin der Regens Frau und ich trau mir keine Beschwerde.

Ich bin die Allesfresserin.
Ich liebe Grau.
Ich habe vor nichts Angst.
Du hast mir alles, auch die Angst, genommen.
Du Regen du. 

Nichts und wieder nichts

« Les défaites d’un homme ne jugent pas
les circonstances, mais lui-même. »

I

Ich wollte Wein pflanzen auf Beton.
Der Wein war grün. Der Beton war weiß.
Die Trauben waren Asche. Gekeltert der Staub.
Denn niemand war trunken.
Denn die Trauben, die Asche waren, waren keine Trauben.
Denn der Staub war nicht heurig.
Denn ich wollte den Wein nie pflanzen.
Die Rebe: ich pflanzte sie nie.
Die Rebe: sie war Luft.
Der Weinstock: war Luft.
Denn ich war: der Beton.
Und ich war: hart gegen die Rebe.
Ich war: gegen den Wein.
Ich war: die Asche und auch der Staub.
Nie war ich: die Rebe.
Nie war ich: Erde dem Wein.
Den Traubenkern wärmte ich nie.
Die Erde: ich netzte sie nie.

Und nie weinte ich ihr Tränen.
Ich war Stein und Beton,
Härte: harte Erde,
Stein: steinern war ich,
Und härter.

II

Der Berg war kahl.
Ich wollte Erde schaffen auf den Berg mit eigenen Händen,
einen Garten zu stiften in den Höhen.
Doch die Erde, die ich trug, sie rann mir: durch die Finger.
Die Erde, den Berg ein Beet zu machen: sie zerrann.
Sie war Staub in den Lüften: Lufterde,
Denn ich hatte gar keine Erde für den Garten, den Fels urbar
zu machen.
Ich war kahl: ich trug keine Frucht.
Keine Hände griffen keine Erde.
Ich war das karste Herz des Felsens.
Ich war: der Fels, der steinerne Berg,
Denn leere Hände stifteten den Nichtgarten im Stein,
Denn: keine Wurzel faßte den Boden,
Denn bleicher Karst blieb der Fels im Graustein des Herzens
Luftgaben: des Luftgartens leere Gaben
Im Karstherz: karsthöhlerne Leere.

Keine Philosophie

von Jörg Reinhardt

KEINE PHILOSOPHIE

Du sprichst gerne von Philosophie,
wenn du einen Satz liest,
der dir klug vorkommt.
Du saugst ihn auf und
zitierst ihn ein paar Tage
bei jeder Gelegenheit,
bis du ihn wieder vergessen hast.

Das ist die Philosophie der Halbwahrheiten
mit kurzer Haltbarkeit.
Dafür lehnst du die alten Lehren ab,
die Jahrtausende überdauert haben,
weil sie wahr sind
und nie ihre Gültigkeit verlieren.
Das sind die Lehren, die Leben gestalten,
von Menschlichkeit und Verzicht handeln
und sich nicht in billige, austauschbare
Slogans verwandeln lassen.

Das Fitnessstudio für deine Seele
findest du nicht unter bunten Neonreklamen,
sondern in der Weite des über Generationen
gewachsenen Bewusstseins,
das den Menschen zu dem machen sollte,
was er nicht ist,
solange er nicht aufhört,
den Wortspielern und Illusionisten zu folgen,
deren Macht auf der Behäbigkeit
des Geistes ihrer Zuhörer beruht.

Solange man das nicht erkennt,
gibt es keine Philosophie,
die dem Anspruch gerecht wird,
den ihre Verfechter an sie haben.

Und das ist viel einfacher zu verstehen,
als man es erklären kann.

PHILOSOPHIEREN

„Ich denke, also bin ich.“
Klingt gut, kann man behaupten.
„Ich denke nicht, also bin ich nicht.“
Klingt besser, fast genial,
aber wer ist der Typ im Spiegel?
„Ich esse, also esse ich.“
Daran besteht kein Zweifel. Verzichtbar.
„Ich esse, also nehme ich ab.“
Das ist der Stoff, aus dem Abhandlungen sind.
„Ich transpiriere, also transportiere ich.“
Das ist schwierig, da reicht eine Abhandlung nicht aus.
„Ich transportiere, also transpiriere ich.“
Leicht zu verifizieren. Reicht als Fußnote.
„Aus großer Höhe fallen wir sterbend.“
Ein guter Satz für einmalige Experimente.
„Die Zeit läuft schneller, als ihr guttut.“
Das ist mal wirklich was zum Nachdenken,
denn: „Ich denke, also bin ich.“

Am besten ist:
„Ich halte die Klappe, also philosophiere ich.“
Passt.

4 Gedichte

Handlungs/Muster

Ohne Handschuhe
die Öffnung am
lebendigen Leib

Eine Obduktion
sagst du und
ziehst den T-Schnitt
[das T steht für Tod]
von Nord nach Süd
und von West nach Ost
wie die Kreuze
als Kind auf deiner Brust
Doch du hast dir davon
nicht alles gemerkt

Opfere dein Gewissen
so bleibst du dem Zweifel erhaben

Ich lege ein fauliges Tuch
auf Länder und Schreie
die wir nicht hören wollen

Zweifel lässt Raum zum Denken

Die Wände innen klaffen leer
kann nicht sagen
ob unvollkommen oder makellos
Von außen mit Graffitis übersät
imitieren sie das Ödland vor den Türen

Über allem schwebt deine Apathie
umkreist lauernd unsere Debatten
entwurzelt meine Buchstaben
und zerbeißt was ich
uns geformt hatte

Ab heute bleibe ich im beziehungslosen
Raum umgeben von totem Weiß

Kenotaph

Gemeinsam ziehen wir
durch die Geschichte
gehen am Stock und lahmen
Herz und Augen müde

Denn überall wird gemahnt
mit Malen und Statuen
in Gedenken an Kriege
an vermeintliche Helden
Selbst unbekannte Soldaten
haben Gräber

Wo sind die Ruhestätten
der namenlosen Poeten
der vergessenen Künstler

Sie würden erzählen
von Träumen und Hoffnungen
ihnen würde ich lauschen
die Zukunft anvertrauen

Und die Feder ist stärker
als das Schwert
soll in Stein gemeißelt stehen

Als ich im Sterben lag

Zwischen den Toten und mir
herrscht stille Zwiesprache
Meine Haut, mein Fleisch
sind ihnen bereits versprochen

Hinter meiner Stirn
stehen die Nachrichten in Flammen
im Sandkasten sitzt ein Kind
spielt mit Knochen von gestern

Und vor mir
blüht nur rostiges Metall
picken Raben den Schlaf
aus dem Mohn in meine Augen

Die Wahrheit an den Rand gespült
doch alle sind sie im Recht
Tod ist Tod, Lüge ist Lüge
bis Gras über die Sache wächst

Zwischen den Begrabenen und mir
liegt nur etwas Erde

Drei Gedichte

postreligiös

den gottesgedanken
ausschleichen lassen
aus dem gedächtnis
der menschheit
wie ein betäubungsmittel
das immer weniger wirksam
endlich abzusetzen ist

wenn der mensch aber dann
gott abgesetzt hat
und nach dem entzug
vom opium der frommen
ganz clean geworden
welche substitutionen
bemächtigen sich wohl
des himmelschreienden vakuums

klimakatastrophen

wir sind so wetterwendig
hängen die fahnen nach jedem wind

trotzen nicht dem braunen sturm
noch den überschwemmungen des kapitals

verXfachte parolen
die atmosphäre vergiftet

bis wieder stahlgewitter
am horizont aufziehen

unter kanonendonner
kugelblitze einschlagen

und am ende die ganze welt
im atomsauren regen steht

zweifel am zweifel

hab längst nicht mehr
an gott geglaubt
vielmehr

an den menschen
an die vernunft
an den fortschritt
an die wissenschaft
an die marktwirtschaft
an die algorithmen

seh ich mir aber
das unselige treiben
auf unserem planeten an
kommen mir zweifel am
nicht-an-gott-glauben

Pavlovs Hängebrücke

Wie eine Hängebrücke
ist der Weg vom Jugendsein ins Alter rein.
Mit jedem Schritt
ist die Schlucht tiefer, der Stand wackliger
und das geliebte alte Ich
vergangener.

Wenn Kirchleins Glockenschlag ertönt
und Pavlovs Hunde bellen
dann ists getan, der letzte Schritt
und jeder brachte Weisheit mit. Als Teil
der Herde wurde ich
konditioniert, erbarme dich!
du heilig Geist, der meiner ist
und doch der andren gleichsam misst.

So bete ich auf beiden Knie,
dass dieses Glöcklein läute nie. Denn wer ich bin
wär dann verloren: im Trampelstampf der Herdensporen.
Der Prediger predigt was der Lehrende lehrt und
der Singende singt
und alle geben sie den selben Text von sich.
Dies ist Moral, und das Gesellschaft.
So wirst du leben, lieben, sein,
so auch dies tun, recht erst jenes.
Nur nicht Du sein, hüte dich! du wärst allein.

Im Druck der andern schmort dahin
was einzig war, einst in dir drin.
Der Brücke Bann entkommt man nicht
und wahren kannst du kein Gesicht.
Was übrig bleibt ist dies allein:
Erinnerung ans anders sein.

Er

Er lebt allein,
die Fenster zu,
das Haus verlässt er nicht.

Er lebt allein,
weil mit ihm sein,
das will ein Jeder nicht.

Er schließt die Fenster zu,
hat endlich seine Ruh‘,
denn Andre will er nicht.

Er sitzt zuhaus,
tag ein, tag aus,
denn Arbeit lohnt sich nicht.

Er denkt sich,
Geld, was bringt das schon,
beugen für den kargen Lohn.
Beugen für die Miete, Hohn,
Beugen für den eignen Sohn,
Beugen für die haushohen Emissionen,
Strom, Telefon und des Landes höchsten Thron.

Er sagt sich,
Nein, bloß ohne mich.
Als ob ich dämlich, wie die andern nämlich,
täglich, wie die Schnecken ähnlich,
aus dem Hause krieche,
nur um grämlich und erbärmlich,
und, wie ich rieche, siechend,
abends mich hier einzuschließen.

Er schaut nun aus dem Fenster raus,
sind da Kinder vor dem Haus?
Sowas will er gar nicht schauen,
die lauten Dinger, wie sie wimmern und Lieder trillern, braucht er kaum.

Ein andres Fenster fällt ihm auf,
drin sitzt ein Fremder, schaut hinaus,
schaut mürrisch, giftig, einsam aus.

Er flüstert,
immer diese Faulen,
die wollen ja unser Geld nur klauen,
wollen immer nur auf andre bauen,
und trauen sich nicht, mich anzuschauen.

Er hebt die Hand zur Scheibe an,
er klopft wie rasend, klopft, und dann-
dann sieht er, und es wird ihm bang,
der Fremde klopft im selben Klang.

Er sieht auch ganz so aus wie er.
Er sieht den ollen Stiesel,
und sieht sich selbst im Spiegel.

Und er, der Mensch, er sieht es nun.
Was er und andre Menschen tun,
das tun wir, um uns auszuruhen,
das tun wir nur zum wiedertun.

Im Gesang der Grenze

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I don‘t give a fuck

die amsel singt nicht für die welt
sie singt für sich selbst
wir liegen ganz unten, gebrochene flügel
asche unserer träume
hast du von unserer qual gehört
ein glitschiger aal um den hals
der druck senkt sich leise
nimmt luft zum atmen, raum zum küssen
was wir wissen müssen
sei längst gewusst

wollen uns selber sehen
sehnen uns nach verbundenheit
sind wir noch gemeinsam
wenn schon längst allein
wie den tag füllen in suchender verzweiflung
wie groß sind die schmerzen
wenn niemand hört, niemand sieht
zwischen stein und stirn
liegt nur dein wille
ein ende zu finden

die realität im scheitern begründet
die donau mündet im schwarzen meer
die wilde weite welt
verschlingt mit müdem maul
meine zum tot erweckten münder
leben zum ersten mal
leben zum letzten mal
der anfang war von beginn an das ende
folge mir, sprich mit mir, schlaf mit mir
i don‘t give a fuck

waren niemals zuhause
werden niemals sein
haben wir auf die erlösung gewartet
einsame tränen, begrabene hoffnung
die seele versinkt im tiefen ozean
wo ist mein whiskey, wo bist du gott
die nacht mal smaragdgrün
jetzt ein labyrinth der schwärze
wissen, dass wir nichts wissen
unter der goldenen sonne
verloren gegangen

endloses meer, endlose sterne
ich dachte, ich wüsste
wo der horizont endet
der himmel fällt ungebremst
weltbild erschüttert
bricht, bröckelt, scherbenhaufen
kein hafen, nur schmerzen
welke blätter fliegen sachte
wir fallen durch albträume
tragisch, dramatisch
aussichtslos, absurd
doch in der nacht lächelt die freiheit.

Niemals genug

Das Chaos findet nur in meinem Kopf statt
Gefangen in dem Leben, das mich müde macht.
Es ist leichter zu sagen: „Es geht mir gut“,
Als nach Worten zu suchen für die dunkle Flut.

Ich sag mir, mein Schmerz sei viel zu klein,
Nicht mal wert ein Wort zu sein.
Ich verstecke mich hinter „mir geht’s gut“ und „nichts“,
Und halte die Schatten ganz allein für mich.

Wenn alles zu Hause mir über den Kopf wächst,
Und du mich nur noch an meiner Stille misst,
Schnapp ich meine Sachen und geh vor die Tür,
Denn das schreien ertrag ich nicht länger hier.

Ich zünd eine Zigarette an gegen die Glut,
Und seh zu, wie der Rauch in den Straßen ruht.
Nur ein Moment, um kurz durchzuatmen,
Bevor die Schatten mich wieder erwarten.

Wenn die Traurigkeit wächst und alles überschwemmt,
Fühl ich mich von mir selbst völlig getrennt.
Ich werde dann bissig und antworte hart,
Weil ich den inneren Kampf nicht mehr pack.

Ich fahre die an, die mir eigentlich nah sind,
Nur damit sie nicht merken, wie sehr ich in Angst bin.
Ich wirke dann laut, gestresst und so kalt,
Während die Trauer in mir niemals verhallt.

Die Stadt ist zu laut, die Stimmen zu nah,
Sie schreien Dinge, die ich niemals sah.
Die Leute reden, die Luft wird so schwer,
Ich verliere den Halt und ich kann nicht mehr.

Ich setz die Kopfhörer auf und dreh sie ganz laut,
Ein Wall gegen Lügen, die man mir hier baut.
Die Musik ist ein Schutz, ein dunkler Rückzug,
Vom Lärm dieser Welt hab ich längst schon genug.

Ich renne durch Regen und renne durch die Nacht,
Bis der Atem mir fehlt und die Kehle mir flacht.
Die Luft ist so eisig, so schwer zu finden,
Ich spüre, wie Leben und Sinne verschwinden.

Die Augen sind rot und von Tränen ganz nass,
Doch keine fließt ab, ich verliere das Maß.
Mein Hals zieht sich zu, ich bekomm keine Luft,
Ich suche nach Rettung aus dieser Gruft.

Ich trage ein Lächeln und rede viel mehr,
Damit keiner sieht: Mein Inneres ist leer.
Ich wirke nach außen so laut und belebt,
Um nicht zu zeigen, dass in mir drinnen nichts mehr lebt.

Und du hättest niemals irgendwas gesehen,
Ich ließ die Wahrheit einfach dazwischen stehen.
Ich bin verdammt gut darin, alles zu tarnen,
Und kämpf in der Nacht mit meinen inneren Qualen.

Ich versuche so sehr, das Innere zu flicken,
Doch weiß nicht, wohin meine Schritte mich schicken.
Egal was ich tue, es bleibt alles gleich,
Ich verlier dieses Spiel im Schattenreich.

Egal wie ich renne, egal wie ich bin,
Ob echt oder Fake, es ergibt keinen Sinn.
Ich gebe mein Alles, doch der Weg ist zu weit,
Und ich werde niemals gut genug sein.

Transhumanismus

Natürliche Grenzen, keine Zäune,
künstliche Aufbewahrungsräume.

Im Kleinen erdacht, fällt’s den Großen zur Macht,
hinein in den Schoß.
Das Sein und Werden, belanglos.

Vom Großen geblendet, vom Kleinen beendet,
Illusionen vernebelt, was Sehnsucht birgt,
freie Liebe stirbt.

Im Kleinen wandelbar, die Menge starr,
unentrückbar das Individuum.
Brüche ziehen Kreise, deswegen leise.

Natürliche Wiederkehr, erstickt im Keim,
Hüllen sterben leer, kein Sein, kein Schein.

Herzschrittmacher, entgegen der Natur,
nie wieder fremde Hände fassen,
nie wieder lieben, Vergleichbares hassen,
Seelen außer Acht gelassen.

Begrenzung der Sinne, Liebe ohne Gedächtnis,
marschieren ohne Vermächtnis,
Sehnsucht im Stillstand erleiden,
Konstrukte freischneiden.

Schatten an der Wand, Angst und Wut entbrannt,
kollektives Erleben, entzweit das Ende.
Natürliche Zwänge verstehen, den Mangel stets ersehnen.

Seelen steigen sacht empor, treten so dem Schöpfer vor,
still und friedvoll, reines Licht.
Im Kleinen wie im Großen,
vergessen wir sie nicht.

von Peggy Arnold


Die Top 25 der Autoren- und Leser-Abstimmung
Die Top 25
1 Wortleer

Die Wörter sind nachts gegangen. Sie haben ihre Schuhe nicht angezogen. Sie haben die Tür offengelassen. Am Morgen lag die Sprache im Flur, dünn, wie eine Haut, die jemand abgezogen hat.

Ich bin über sie hinweggestiegen.

*

Das Ding in der Mitte hat vier Beine. Ich lege die Hände darauf. Kühl. Glatt. Es steht, als hätte es nie etwas anderes getan.

Eine Frau in Weiss sagt ein Wort. Das Wort fällt auf den Boden. Bleibt dort.

*

Draussen etwas Grosses. Grün. Es bewegt sich, wenn die Luft sich bewegt. Langsam. Als hätte es Zeit für alles, was ich nicht mehr habe.

*

Eine Frau kommt. Nasse Augen. Sie riecht nach etwas, das in meinem Bauch wohnt, tief, am Grund, wo die Wörter nicht hinkommen.

Sie umarmt mich. Weicher Körper. Nasses Gesicht an meinem Hals.

Ich halte still. Warme Luft. Warme Haut. Das reicht.

*

Im Spiegel eine Frau. Weisse Haare. Falten wie Risse in trockenem Holz. Sie hat meine Augen oder ich ihre.

Ich lege die Hand auf das Glas. Kalt. Die Frau legt auch die Hand. Zwischen uns nichts als Kälte.

Ich lächle. Sie lächelt. Zwei Fremde, die sich mögen.

*

Die Frau in Weiss drückt auf meinen Arm. Steckt etwas Kaltes in mein Ohr. Schreibt.

Alle schreiben hier. Alle schreiben über mich. Ich schreibe nicht. Ich habe nichts zu schreiben. Die Wörter sind in der Nacht gegangen und haben nichts dagelassen, nur den Platz, wo sie standen, und der Platz ist still.

*

Die nasse Frau bringt rote Dinge. Klein. Weich. Körner aussen.

Ich halte eines. Rieche. Der Geruch fährt in meinen Kopf und rührt etwas um, ganz unten, im Dunkeln, wo ich nicht hinkomme. Etwas bewegt sich dort. Kurz. Dann wieder still.

Ich beisse ab. Süss. Sauer. Kalt. Mein Mund weiss Dinge, die mein Kopf vergessen hat. Mein Mund war schon immer klüger.

*

Nachts ein Mann in meinem Kopf. Er steht da. Sein Gesicht wie Wasser. Ich greife rein. Es zerfliesst.

Morgens der Platz, wo er stand. Kein Schmerz. Kein Loch. Nur Platz.

*

Zwei Frauen reden. Schnell. Viel. Laute wie Regen auf Blech. Zwischen den Lauten mein Name. Oder ein Wort, das klingt wie etwas, das mir gehört hat.

Die eine weint. Die andere nickt. Ich sitze dazwischen. Meine Hände auf dem Holzding. Draussen das Grüne. Die Luft riecht nach Kartoffeln.

*

Ein Kind. Klein. Laut. Es fasst mein Gesicht an. Fettfinger auf meinen Wangen.

Es zeigt auf das Grüne draussen und macht ein Geräusch. Ich mache das Geräusch nach. Wir lachen.

Das Kind und ich. Wir zeigen und machen Geräusche und lachen. Alle anderen im Zimmer werden still.

*

Der Stoff am Fenster. Er bewegt sich. Jeden Tag schaue ich ihn an. Jeden Tag zum ersten Mal. Er hat Falten. Licht geht durch ihn hindurch. Dünn und hell.

Ich könnte den Stoff stundenlang anschauen. Ich könnte alles stundenlang anschauen. Die Zeit ist gross geworden. Früher war die Zeit klein und schnell. Jetzt ist die Zeit langsam und passt überall rein.

*

Die nasse Frau hält meine Hand. Kalte Finger. Sie drückt fest.

Ihre Hand sagt etwas. Hände sprechen lauter als Münder. Hände lügen nicht. Hände können nicht lügen. Dafür braucht man Wörter.

*

Manchmal geht mein Mund auf und Töne kommen raus. Keine Wörter. Töne. Hoch. Tief. Dazwischen Luft.

Die Frau in Weiss schaut. Alle schauen, wenn mein Mund Töne macht. Als wäre etwas falsch. Aber nichts ist falsch. Mein Mund macht Töne. Die Luft nimmt sie mit. Weg. Das ist alles.

*

Das Licht auf dem Boden. Es wandert. Morgens liegt es beim Holzding. Mittags an der Wand. Abends auf meinen Knien.

Ich schaue das Licht an und das Licht schaut nicht zurück und das ist gut. Nicht alles muss zurückschauen.

*

Ich werde aufhören. Das weiss mein Körper. Mein Kopf weiss es nicht. Mein Körper weiss Dinge, die er mir nicht sagt.

Der Stoff wird sich bewegen. Das Grüne wird stehen. Das Licht wird auf den Boden fallen. Alles wird da sein. Ich nicht.

Das Grüne wird sich trotzdem bewegen.

*

Jetzt. Meine Hände auf dem Holzding. Der Stoff am Fenster. Das Grüne draussen.

Still. Wortleer. Alles da.


Felldenken

Die Katze liegt auf dem Befund. Vier Kilo Fell auf dem Wort Lebenserwartung.

Sie atmet. Das Papier hebt sich. Das Papier senkt sich. Unter dem Fell die Buchstaben. Über dem Fell die Luft. Dazwischen Mau.

*

Mau schaut mich an und in ihren Augen ist nichts. Kein Mitleid. Kein Urteil. Kein Rat. Grünes Glas. Ich schaue hinein und sehe mich nicht.

Bei Menschen sehe ich mich. Im Blick meines Mannes sehe ich eine Frau, die funktioniert. Im Blick meiner Mutter sehe ich ein Kind, das enttäuscht. Im Blick meiner Kollegin sehe ich jemand, der langsamer geht als gestern.

In Maus Augen sehe ich nichts. Das ist das Einzige, das stimmt.

*

Morgens der Napf. Mau sitzt davor. Nicht hungrig. Nicht geduldig. Mau sitzt vor dem Napf, wie ein Stein vor einem Stein sitzt.

Ich öffne die Dose. Das Messer kratzt am Blech. Mau frisst.

Kein Danke. Kein Blick nach oben. Kein Vertrag.

Menschen fressen und lügen. Danke sagen und nicht meinen. Lächeln und zählen. Mau frisst und das Fressen ist das Fressen und sonst nichts. Dahinter ist keine Tür. Dahinter ist kein Zimmer.

*

Die Schulterblätter unter dem Fell. Sie verschieben sich, wenn Mau läuft. Wie etwas, das unter der Haut lebt. Wie Knochen, die ihren eigenen Plan haben.

Mein Körper hat auch einen Plan. Mein Körper baut Zacken in mein Gelenk und frisst den Knorpel und baut und frisst und baut. Mein Körper fragt mich nicht.

Maus Körper fragt Mau nicht. Aber Mau fragt auch nicht zurück. Das ist der Unterschied. Ich frage und der Körper antwortet nicht. Mau fragt nicht und der Körper antwortet trotzdem.

*

Drei Uhr nachts. Mau auf meiner Brust. Ihr Herz schlägt schneller als meins. Zwei Herzen in einem Bett und eines schläft und eines liegt wach und zählt das andere.

Maus Schnurren geht durch meine Rippen. Sechsundzwanzig Hertz. Das ist die Frequenz, bei der Knochen heilen. Das hat jemand gemessen. Jemand hat eine Katze an eine Maschine gehängt und das Schnurren gemessen und eine Zahl aufgeschrieben.

Die Zahl hilft nicht. Das Schnurren hilft.

*

Mein Mann und ich am Küchentisch. Kaffee. Zeitung. Er sagt: Wir müssen reden.

Mau liegt auf dem Stuhl zwischen uns. Auf dem Stuhl, auf dem niemand sitzt. Der Stuhl gehört Mau. Alles, worauf niemand sitzt, gehört Mau.

Wir reden. Eine Stunde. Über die Wohnung. Das Geld. Die Schule. Den Sommer.

Am Ende sagt mein Mann: Gut. Nichts ist entschieden. Alles war vorher entschieden. Mau hat geschlafen. Mau wusste das.

*

Mein Mann liest die Zeitung. Kriege. Mau liegt auf der Zeitung. Auf den Kriegen.

Vier Kilo Fell auf toten Kindern und brennenden Städten und mein Mann zieht die Zeitung unter Mau hervor und Mau bewegt sich nicht und die Zeitung reisst und die halben Kriege bleiben unter Mau und die halben Kriege liegen in der Hand meines Mannes und er liest die halben Kriege und trinkt Kaffee.

Mau schläft auf der anderen Hälfte.

*

Meine Tochter weint. Dreizehn. Ein Wort. Ein Junge hat ein Wort gesagt und das Wort ist in meiner Tochter und meine Tochter blutet nach innen.

Ich sage Sätze. Das geht vorbei. Er ist es nicht wert. Sätze wie Pflaster, die nicht kleben.

Mau springt aufs Bett. Fell an den nassen Arm. Nichts sonst. Kein Satz. Kein Pflaster.

Meine Tochter schläft ein. Mau auf ihrem Arm. Das Fell trocknet die Tränen und das Fell weiss nicht, dass es trocknet, und das ist der Grund, warum es trocknet.

*

Ich lese Bücher über das Loslassen. Zweihundert Seiten darüber, wie man die Hände öffnet.

Mau hat keine Hände. Mau hat Pfoten und die Pfoten greifen und lassen los und greifen und lassen los und die Pfoten haben kein Buch gelesen.

*

In der Nacht schiebt sich Mau unter die Decke. Ihr Körper an meinem Körper. Ihr Fell an meiner Haut. Für drei Minuten bin ich ein Tier. Kein Mensch. Kein Name. Kein Alter. Kein Befund.

Dann wache ich auf und denke und das Tier ist tot.

*

Felldenken. Das Wort gibt es nicht. Ich habe es gemacht. Aus Fell und Denken. Aber das stimmt nicht. Felldenken ist das Gegenteil von Denken. Felldenken ist das, was passiert, wenn der Kopf aufhört. Wenn das Fell anfängt. Wenn vier Kilo auf einer Kommode liegen und die Augen zu sind und die Welt draussen ist und alles beantwortet ist, weil niemand gefragt hat.

*

Mau trinkt Wasser. Ihre Zunge macht ein Geräusch. Schnell. Regelmässig. Wie eine kleine Maschine. Dann hört sie auf. Geht weg. Dreht sich nicht um.

Ich drehe mich immer um.

*

Mau wird sterben. Vierzehn ist sie. Ihre Hinterbeine morgens steif. Vom Stuhl auf den Tisch. Vom Tisch auf die Kommode. Drei Sprünge statt einem. Der Körper wird kleiner. Der Weg wird länger.

Wenn Mau stirbt, wird die Kommode leer sein. Das Licht wird auf das Holz fallen. Kein Fell. Kein Atem. Kein Heben und Senken.

Mein Mann wird sagen: Sie hatte ein gutes Leben.

Aber Mau hatte kein gutes Leben. Mau hatte ein Leben. Ohne Adjektiv. Ein Leben, das lag und frass und schlief und schnurrte und die Augen schloss und die Welt verlor und nicht merkte, dass die Welt verliert, weil Mau nicht mitspielte.

Und das Felldenken wird aufhören. Und niemand wird auf der Kommode liegen. Und das Licht wird auf das Holz fallen und niemand wird es auffangen. Und ich werde stehen und denken und mein Denken wird keinen Boden haben.

*

Mau liegt auf der Kommode. Ich stehe daneben.

Unter Mau das Holz. Unter dem Holz der Boden. Unter dem Boden die Erde.

Unter mir nichts.

2 Pfingstrosen im Beton

Ich möchte leben, ein Leben der Gleichgültigkeit und ich hoffe, du tust es mir gleich.

Doch so sehr ich mich auch bemühe, was ich auch tue, die Gleichgültigkeit will nicht an mir haften. Immer wieder entwischt mir das Gleiche und es gilt dann eben doch für mich. Irgendwann wird es mir gelingen, ich glaube fest daran, dann wandle ich gänzlich unbeeindruckt durchs Leben.

Ich merke, ich bin nahezu so weit. Der sich türmende Abfall auf Deponien und der Niedergang unseres Planeten lässt mich beinahe schon kalt. Der Tag wird kommen, an dem es mir nichts ausmachen wird, dem Obdachlosen an der Straßenecke zu begegnen. Ich werde mich dann nicht mehr fragen, was ihn hierhergeführt, wen er früher geliebt hat und ob jemand auf ihn wartet. Für mich wird es völlig belanglos sein, die Zahlen der Femizide steigen und die der Verurteilungen fallen zu sehen. Es wird mir nicht mehr das Herz zerreißen, zu wissen, dass im Namen der unstillbaren Machtgelüste eines Mannes erneut unschuldige Zivilisten massakriert wurden. Auch der Gedanke, mein gesamtes Leben in einem grauen, dunklen Büro zu verschwenden, während meine Träume in der hintersten Ecke meines Bewusstseins langsam verwesen, scheint plötzlich weniger gravierend. Einmal den Zustand der vollkommenen Apathie erreicht, will ich nie wieder weinen. Keine Träne soll mir entwischen, bei dem Gedanken an vernachlässigte Freunde oder verlorene Liebschaften. Tag für Tag werde ich morgens die Augen aufschlagen, gänzlich unberührt vom Leben.

Und all die drängenden Dringlichkeiten schiebe ich beiseite und lasse sie tief in meinem Inneren verkommen. Auch mein Gewissen wird schließlich verwelken, wie eine Pfingstrose im Beton, werde ich es aushungern, bis zum Zerfall, bis es sich endgültig auflöst und ich vergessen kann. Es braucht keine Lösungen für Probleme, die mir verborgen bleiben, ich zerbreche nicht an dem Schmerz, den ich nicht fühlen kann.

Gleichgültigkeit hat viele Facetten, sie geht tief. Alles Leid scheint wie ein Traum und alles Glück tut es dann auch. Demnach muss ich alles ausrotten: die schwarzen Gedanken sowie meine schönsten Erinnerungen, die Geduld-spaltende Angst und all die Freude. Ich muss all meine Gefühle aussortieren, all die mich zum Menschen machenden Aspekte, müssen gehen.

Mit den Jahren, hoffentlich, werde ich endlich vergessen, was Liebe ist und wie sich Wärme anfühlt auf der Haut. In meiner Brust wird es keinen Raum für Mitgefühl mehr geben, keinen Platz für Empathie. Ich muss mich selbst retten von der trostlosen Realität, die mich zu verschlingen droht.

Eure Meinung kümmert mich nicht im Geringsten. Bin ich in euren Augen gut? Bin ich ein Monster? Es spielt keine Rolle, was ihr in mir seht. Bitte mich um Rat und ich werde dir mit einem flüchtigen Achselzucken entgegentreten, bettle darum, dir zu verzeihen, ich werde mich nicht daran erinnern, weshalb du auf Knien flehst. Distanz wird mich von jenen Menschen trennen, die mir einst etwas bedeutet haben. Deine Lippen könnten scheinbar Millimeter vor meinen zum Ruhen kommen, doch ich befinde mich Kilometer weit entfernt, irgendwo allein in einem Feld. Mein Dasein wird keinerlei Unterschied machen, mein Leben keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Ich werde keinen Trost spenden oder Lügen erzählen, ich werde weder Leid verbreiten noch Liebe geben. Da ist keine Leidenschaft, die mich antreibt, aber auch keine Reue in schlaflosen, stillen Nächten.

All meine Bücher in meiner kleinen, verstaubten Bibliothek werde ich verbrennen müssen. Denn aus Gleichgültigkeit wird selten Inspiration geboren und so werden all die schönen Worte zu bedeutungslosen Versprechen der Leere.

Aus offensichtlichen Gründen werde ich auch Museen meiden. Ich kann es nicht gebrauchen, dass mir ein Millais oder ein Waterhouse die stupide Idee davon aufdrängen will, was es heißt, für etwas wahrhaftig zu brennen.

Ich möchte meine Großmutter nicht besuchen, um von ihrem bunten Porzellan und von Zuversicht durchfluteten Lachen kein Zeuge vergangener Jahre voller Glück zu werden.

Ich werde nie mehr Sterne sehen, denn den Kopf dem Himmel emporzurecken, wäre an sich bereits ein Akt der Willenskraft, den ich in meiner Teilnahmslosigkeit nicht gebrauchen kann. Meine Scheuklappen, fest und schwarz, erlauben mir nur den endlosen Tunnelblick ins Nichts.

Von Monotonie geprägt, verschmelzen meine Tage somit ineinander, ohne Rücksicht auf andere oder auf mich selbst. Und wenn dann schlussendlich meine Zeit hier verronnen ist, mein Herz stoppt, mein Körper sich langsam zu zersetzen beginnt und ich diese Erde verlassen habe, die mir so wenig bedeutet hat, wird es keine Beerdigung geben. Denn wenn niemand verbleibt, der dir Zuneigung schenkt, niemand, der dir etwas bedeutet, wenn keiner bemerkt, dass du fort bist und dein Leben keinerlei Bedeutung hat, dann hast du im Grunde niemals existiert und ohne deine Existenz gibt es nichts, was man in der Erde versenken, nichts, wovon man sich verabschieden könnte.

Dies wäre er also. Mein präzise durchdachter, bis aufs kleinste Detail ausgeklügelter Plan der Gleichgültigkeit, ein Ideal, erreichbar, wenn da nicht die Sache mit meiner Seele wäre. Zumindest denke ich, dass es meine Seele ist, die mir das Erreichen der absoluten Teilnahmslosigkeit verweigert. Mein Herz ist es nicht, denn, bis auf die Unkenntlichkeit vernarbt und von Gaffer gehalten, legt es selten Widerspruch ein. Niemals hätte ich gedacht, dass sich 21 Gramm so sträuben könnten.

Denn noch liebe ich es zu lesen und habe das Verlangen, Rosen in meinem Garten und nicht in Beton zu pflanzen. Da ist immer noch eine innere Unruhe in mir, die protestiert und interveniert und mich auf diese Weise fühlen lässt.

Ich möchte leben, ein Leben der Gleichgültigkeit und ich hoffe, du tust es mir gleich.

Doch so sehr ich mich auch bemühe, was ich auch tue, die Gleichgültigkeit will nicht an mir haften.

Ophelia J. Krohn

3 Anleitung zur Sinnsuche mit Kokosraspeln

Es war 23:48 Uhr, als mich eine E-Mail darauf hinwies, dass auf dem Flyer die Kontonummer fehlte. Eigentlich wollte ich ins Bett, doch die Mail nagte an mir. Es war der Stiftungsflyer, den ich selbst entworfen, geschrieben, gelayoutet und im Halbschlaf noch einmal gegengelesen hatte. Dreimal. Ohne Brille. Vielleicht hätte ich Licht machen sollen.
Ich hatte nicht um Geld gebeten, nicht einmal indirekt. Ich hatte lediglich den Ort gestaltet, an dem man es hätte einzahlen können. Und genau den vergessen. Ehrenamtlich.

Ich lutschte meinen Finger an und tunkte ihn in eine Schüssel voller Kokosraspeln. Es lenkte mich von meinen Existenzsorgen ab. Ich war dankbar und hungrig. Der Kühlschrank war leer, aber im Küchenschrank fand ich noch
einige Backzutaten. Da Backpulver nicht mein Snackfavorit war, füllte ich die Raspeln in eine Holzschale und stellte sie auf den Tisch. Immer wieder befeuchtete ich meinen Finger und tunkte ihn in die Schale.

Die Mail war höflich formuliert, so höflich, dass zwischen den Zeilen Platz für ein leises Kopfschütteln des Verfassers blieb. Dieses unausgesprochene „Wie konntest du das nur vergessen?“, das wie der Elefant im Raum stand. Ich korrigierte, weil es mir sonst keine Ruhe ließ, renderte neu, exportierte noch einmal und sah dem Ladebalken zu, wie er sich langsam vorwärts schob. Währenddessen tauchte mein Finger in die Schale mit den Kokosraspeln. Ein kleiner, süßer Trost, um Sinne und Magen Beschäftigung zu geben. Es war besser als sinnloses Warten und Magenknurren.

Nach der halben Schale wurden aus den Raspeln Sägespäne. So fühlte es sich jedenfalls an. Sie lagen schwer im Magen. Fast wie eine Kokosnuss mit Schale: hart, faserig, am falschen Ort. Ein erstaunlich passendes Bild für mein Verhältnis zu Geld.

Dieser Flyer war nicht geplant gewesen, so wie vieles in meinem Leben nicht geplant war, sondern entstand, weil es notwendig war. Ich half, weil es niemand sonst tat. Die kleine Gruppe kämpfte für das Wahrzeichen der Stadt, eine
Aufgabe, die für vier viel zu groß ist. Auch für fünf. Aber fünf ist besser als vier. Ich brachte mich ein: hier ein Pressetext, dort eine Broschüre, da ein Foto, manchmal auch ein Gedanke zu viel. Doch alles für den guten Zweck. Ehrenamt. Ein Wort, das harmlos klingt, und genauso mühelos Stunden verschluckt. Oder Jahre. Oder ein ganzes Leben.

Vor zwei Wochen zuvor saß ich mit Tunnelblick und dieser ureigenen Begeisterung, die ich nur schwer kontrollieren kann, an einem Bildungskonzept für diese Stiftung. Das wuchs wie Hefeteig im Hochsommer. Die Ideen sprudelten. Dreißig Seiten Konzept, sieben Seiten Exposé, ein PDF, so ausgefeilt und professionell, dass es auch aus einem Ministerium hätte stammen können. Nur eben von der anderen Seite – der ohne Geld. Ich schrieb es ohne Auftrag, ohne Bezahlung und noch nicht mal ohne Nachfrage. Ehrenamtlich.

Ich bin bildungsbegeistert und kann alles in Visionen fassen. Es gibt Talente, die entdeckt man erst spät, wenn man weiß. Den Idealisten erkannte ich früh, den Visionär in mir erst vor einigen Jahren. Vielleicht brauchte es dafür Lebenserfahrung und ausreichend Bildung. Beides hatte ich zu Genüge und dennoch sammelte ich weiter.

Doch ich wusste, was Fördergeldgeber lesen wollten und schrieb und schieb. Und ich schickte es ab mit dem stolzen Gefühl, gerade einen Palast der Bildung gebaut zu haben. Aus Papier. Gratis. Für eine Burg. Für einen freien Lernort. Für Kinder und Familien und die Zukunft. Für dieses vertraute Gefühl, wieder einmal etwas Sinnvolles getan zu haben – für mich.

Der Ladebalken kroch weiter, mein Finger wurde wieder feucht, badete in den Raspeln, und meine Gedanken wanderten zurück.

Ich wurde oft gefragt, warum ich nicht an einer Schule unterrichte, ob ich das nicht offiziell machen könne. Ich sei doch Biologin, Lerntherapeutin, Dozentin. Das sei doch alles kein Problem für mich. Die kurze Antwort lautete: Ich durfte es nicht. Die Lange war komplizierter und gleichzeitig das absurdeste Theaterstück der Bildungspolitik in meinem Bundesland. Leider spielte ich in diesem Theaterstück eine Hauptrolle und bekam keinen Zugang zur Bühne. Das Publikum maulte. Mir fiel dazu ein Claim ein: „Wir können alles, außer Bildung.“

In Baden-Württemberg galt ich als nicht richtig qualifiziert, was erstaunlich war, wenn man bedachte, dass mein Diplom höher war als ein Staatsexamen. Zusätzlich hatte ich mehr Ausbildungen und Weiterbildungen gemacht als ein
Lehrer in 40 Jahren im Beruf. Mit 43 Jahren war ich zu alt für den Quereinstieg. Angeblich. Die Wahrheit war eine andere: Ich war nicht mehr rentabel für das System. Nach 15 Jahren freier Bildungsarbeit und zehn Jahren mit Kindern, die durch das System gefallen waren, wie Mehl durch ein Sieb rieselt, würde ich in den Jahren bis zur Rente nicht mehr genug in die Rentenkassen einzahlen können, um mich als Beamtin zu rechnen. Rechnen taten sich nur junge, formbare Menschen, die noch vierzig Jahre einzahlen würden – theoretisch. Praktisch verheizte sie das Bildungssystem aber schon mit 20 Jahren. Ich hätte diese 20 Jahre bis zur Rente also durchgehalten. Aber ich wurde ausgeschlossen. Nicht weil ich nichts konnte, sondern weil ich zu viel konnte. Und ich war zu alt, um billig zu sein, zu qualifiziert, um zu lehren, und zu enthusiastisch für Bildung, um Kinder auszubilden. Eine Logik, nach der man auch einen Apfel nicht mehr verkauft, sobald er perfekt reif ist.

Ich griff mit der ganzen Hand in die Kokosraspeln: gedörrt. Haltbar. Wurmfrei. Sie hatten mir etwas voraus. Ich stopfte sie in den Mund und musste husten.

Mein letztes Projekt war ein Buch, ein echtes Herzensbuch: mittelalterliche Originalrezepte, übersetzt aus dem Latein, in einer Schrift, die ich erst lernen musste, weil sie so alt war, dass sie kaum noch jemand lesen konnte. Selbststudium. Ich hatte die Rezepte über Monate nachgekocht, behutsam modernisiert. Was war ein guter Ersatz für Moschus? Oder Bibergeil? Ich experimentierte und las mich biochemisch schlau. Ging ich auf Wirkung oder auf Geschmack? In jedem einzelnen Rezept steckten Hunderte von Entscheidungen, alles belegt mit Quellen, mit Liebe, mit weit über tausend
Stunden Arbeit. Ich gab es an einen Verlag. Der sagte ab: zu nischig. Ich suche noch einen. Doch die Antwort war immer gleich. Ich zuckte mit den Schultern und sagte, dass es zu schade sei, das nicht zu veröffentlichen. Also machte ich es selbst. Schrieb, lektorierte, layoutete und kaufte mir schließlich mein eigenes Buch. Fünfzig Euro für ein Probeexemplar. Inklusive meiner eigenen Fehler.

Das nannte man Selfpublishing. Der Otto-Normalbürger nannte es zu schlecht für einen Verlag. Ich nannte es Selfsponsoring für kulturelles Überleben. Mir fiel auf, wie unterschiedliche Perspektiven zu unterschiedlichen Urteilen führten. Wir sollten mehr über Perspektiven reden.

Die Kokosraspeln waren fast leer.

Die Tools, mit denen ich als Negativverdiener gezwungen wurde, zu arbeiten, machten es nicht leichter. EasyCover nennt sich das eine Programm. Es stellte sich als Intelligenztest mit sadistischen Zügen heraus. Es gibt kein Raster, kein Lineal, kein echtes Rückgängigmachen, nicht mal die Möglichkeit zum Zwischenspeichern und keine Erinnerung an Farben. Eigentlich hat es gar keine Erinnerung. Änderte ich Schriftfonts, zerfiel das Cover wie das Römische Reich. Und ich baute es neu auf, jedes Mal von vorn, in Stunden, die niemand bezahlt und noch nicht mal sieht. Mein rechnerischer Arbeitsaufwand wuchs exponentiell, während die Option, das Cover für dreihundert Euro gestalten zu lassen, still im Hintergrund lauerte. Ein Schelm, wer Marketing-Gag dabei denkt.

Parallel dazu kämpfte ich mich durch ein Layout-Programm. Eigentlich sehr professionell und mächtig. Zeitlich tödlich. Ich wollte 188 Seiten drucken und bekam 96, weil Doppelseiten dort anders gezählt werden als im Tool des Selbstverlages. Wer sich so etwas ausdenkt, weiß ich nicht. Nach 52 Stunden und 14 Versionen hatte ich ein funktionierendes PDF. Rein technisch. Emotional war ich längst offline.

Der Gedanke an dieses Projekt kostet mich eine weitere Schüssel Kokosraspeln. Ich war froh, dass ich zu Weihnachten nicht das Geld hatte, Oblaten für Makronen zu kaufen, und resümierte weiter.

Journalisten bekamen ein Gratisexemplar. Blogger auch. Ich bezahlte mein Probeexemplar selbst mit 50 Euro, statt 35 Euro zum Buchhandelspreis. Kurz überlegte ich, wieder Journalistin zu werden und wieder über Dinge zu schreiben, die ich nicht selbst erlebt hatte. Ich ließ es bleiben. Stattdessen schrieb ich weiter, unbezahlt, über Dinge, die ich selber machte, wie eben dieses Buch. Oder sollte ich warten, bis das Buch veröffentlicht war? Mit all seinen Fehlern, aber für mich um 15 Euro günstiger? Das Lektorat kostet 600 Euro. Eine Packung Kokosraspeln 1 Euro. Ich entschied mich für die 50.

Am Ende zählte ich nach. Nicht aus Selbstmitleid, sondern um sicherzugehen. Vierhundertvierundvierzig Stunden reine Arbeitszeit. Die Recherche nicht mitgerechnet, die Übersetzungen auch nicht, das Nachdenken über Bibergeilersatz ebenso wenig. Verdienst pro Buch: 10 Prozent Autorentantieme, 3,50 Euro – vor Steuern. Kostendeckung: irgendwo hinter dem Horizont. Und weil der Idealist in mir nicht zum Schweigen zu bringen war, spendete ich pro verkauftem Buch an die Stiftung mit der Burg. Das Buch verkaufte sich genau einmal. Der Verlag hatte recht. Die Stiftung war um einen Euro vermögender, ich im Minus.

Und trotzdem existierte dieses Buch. Weil manche Projekte nicht aus Renditegründen entstehen, sondern aus etwas, das stärker ist als jede Wirtschaftlichkeitsrechnung: dem Wunsch, Kultur zu erhalten und Wissen zu verbreiten.

Kultur ist teuer. Bildung auch. Nicht für die, die sie konsumieren, aber für die, die sie erschaffen. Ich bezahle Software, Papier, Probedrucke, Porto, Wartezeiten. Förderung gibt es für Projekte, die sich rechnen. Wie man Sinn in eine Excel-
Tabelle überträgt, erklärt niemand. Also wird er ausgelagert. Ins Ehrenamt. Zu Menschen wie mir, die sich irgendwann fragen, wie sie eigentlich ihre Krankenkasse bezahlen sollen.

Ich kratzte die letzten Raspeln aus der Schüssel. Schüttete die Tüte aus. Vergeblich.

Es war zwei Uhr nachts, als ich auf „Senden“ klickte und ein Konzept im Wert von 20.000 Euro ehrenamtlich in die Runde gab. Nicht für einen Bestseller oder ein Monetarisierungsvehikel, sondern für ein weiteres Herzensprojekt. Jeder, der dieses Konzept nutzt, wird mehr davon haben als ich. Und irgendwo wird jemand einen Rechtschreibfehler finden und sich darüber beschweren. Ich saß mit Taschenrechner und Steuerformular da und fragte mich, wie man einen negativen Verdienst angibt.

Die Antwort kam nicht. Nur mein Magen meldete sich, gefüllt mit Kokosraspeln aus der gescheiterten Weihnachtsbäckerei und diesem bittersüßen Gefühl, wieder etwas Großes geschaffen zu haben, das offiziell als Nebenerwerb läuft. Unbezahlt. Ungefördert. Unsichtbar.

So unsichtbar wie meine Kokosraspeln. Ich sah in die leere Schale, betrachtete die Holzstruktur und stellte fest, dass dies vielleicht der letzte Rest Genuss war, der mir für diesen Abend geblieben war. Ich schaltete den Fernseher an, weil ich mit einer Kokosnuss im Bauch schlecht schlief. Der Bundeskanzler hielt eine Ansprache darüber, dass die Menschen sich mehr ehrenamtlich engagieren sollen.

4 Wie viel Philosophin bin ich?

Ohne Titel

Im gedankenleeren Gedankenraum
hatte ich plötzlich einen Traum
somit wars nicht mehr der gedankenleere Gedankenraum
sondern nur noch ein Gedankenraum

im Gedankenraum hatte ich
also diesen einen Gedankentraum
Im Gedankenraum

so wie den ganzen Tag
Gedanken eben dort waren
weil der Raum nie leer ist

eher im Gegenteil
er ist immer so scheiße voll
ich wünschte es wäre mal ein
gedankenleerer Gedankenraum
aber dann wäre es kein Gedankenraum mehr
sondern nur ein Raum
der leer ist

und vielleicht würde ich mich dann mal voller fühlen


Wie viel Philosophin bin ich?

ich lese so viel und doch so wenigf
tractatus mir so fern und anderes so nah
glaube mich frei und frage mich was du denkst

bin ich ein guter Mensch?
bin ich eudaimon oder hedonist?
bin ich überhaupt?
Denken tu ich, doch bin ich?
Irgendetwas?

die Philosophen haben immer so tolle Lösungen
Wenn Sisyphos glücklich ist, wieso ich nicht?
Brauche ich erst ein Stein vor der Nase, oder reicht nicht das Brett vor’m Kopf?

Die vier Kritiken stehen seit drei Jahren rum
und ich schäme mich drum
doch immer fällt mir was wichtigeres ein
und zu viel ist zu tun
was ich gar nicht tun will

frag mich so oft
was ich noch brauch‘
um endlich Philosphin zu sein
frag mich
was ich brauch’

5 Der Tunnel

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Des Boomerbuben Wunderborn

Des Boomerbuben Wunderborn: Abschweifungen trostpflastern seinen Weg. Eine Kuriose

Was tun zwischen Geburt und Tod? – Ich pfleg mal mein Phlegma.

Der Impuls ist nicht das Thema. Es geht immer ums Ganze. Ein Impuls regt an, löst aus, triggert und fragt nie: Wo geht’s lang? Wie soll das enden? Er initiiert das freie Assoziieren, Imaginieren und Kreieren. Er garantiert kein Gelingen noch verantwortet er Scheitern. Auf eigene Gefahr geben wir uns dem Wachstun hin. So geht Leben. Es verlangt durchgängig Reflexe und Reaktionen; seine Favoriten schaffen selbst Reflexionen und geraten in Verzückung bei Gipfelerlebnissen von Flow, Freude und Ekstase. Und vor den Aufstieg zum Olymp haben die Götter den Angstschweiß gesetzt. Nur Nike meinte lakonisch: Just do it.

Ist das meín Leben, das ich alter Ego führe?
Oder Giro vitalia: Dumm gelaufen

Hab ständig mich ab- wie ein Hund gehetzt,
die Hacken stets ab- und zu wund gewetzt,
tja, ich hatte – zu dumm –
(nehm’s mir heut’ nicht mehr krumm)
mein Merken vorab schon auf Grund gesetzt!

Umwege kosten Zeit. Solange Zeit Geld ist, gilt es, den Lebenslauf via Luftlinie zwischen Start und Ziel, Einschulung und Verrentung möglichst ohne Ehrenrunden, Ausfälle, Fehl- oder Rückschläge in Echtzeit hinter sich zu bringen. Umwege verhalten sich zum Weg wie Unkraut zu Kraut oder Beifang zu Fang. Ihnen haftet so etwas wie ein Makel oder Mangel an: Sie stören, behindern und lähmen. Wer vorankommen oder schneller weiter höher will, hasst Umwege wie Zwangspausen, die seinen Lebensdrang beschneiden. Doch zugleich zelebriert er Prozessionen, Leichenzüge, Militärparaden oder Ostermärsche als Kultakte.

Heldenreise, wunde Punkte haufenweise:
Auf gut GlückAuf ins feindliche Leben!

Weil zu oft zu dumm gekommen,
wird’s mir grade krumm genommen.
Man bügelt mich glatt,
man hat’s satt, völlig platt.
Ich bin platt. Aber nicht umgekommen!

Umgekehrt ist Geld Zeit. Wer es sich leisten kann, lässt sich nicht hetzen. Man geruht, beides genüsslich zu vergeuden. Der eine legt in seinem Park einen Irrgarten an und geht auf Weltreise. Der andre frönt 24/7-Ego-Shootings. Entscheider setzen Kommissionen ein, um dringende Beschlüsse erneut aufschieben zu ‘müssen’. Leichthin in den Tag zu leben ist nicht bei allen Woken en vogue: ‘Cancelculture! Parasiten an den Pranger!’ Freaks gilt das genaue Gegenteil als Ideal: Spiel, Freiheit, Autonomie, Würde. Nur-so-da ist Stoffwechseln ohne Zweckzwang. Für Junkies ist jede Minute ohne Trip ‘Realitätsflucht’ und vertane Zeit.

Willfährige Wallfahrer am Ort und zur Stelle:
Sechs Richtige. Alle für eine!

Taten brav, was die Mutter uns beigebracht:
Diener, Knicks, an des Nächsten Gedeih gedacht.
Du liebes Kind,
was warst Du blind!
Hab mich spät, doch noch frech davon frei gemacht.

Heiter-Spielerisches bis Leidvoll-Liederliches füllt unser Leben. Auf Umwegen werden wir human. Nur keine Umstände? Doch! Pomp and Circumstances! Und zwar für alle! Etikette und umständliche Regularien erschweren den Missbrauch. Panperspektivisches Denken umkreist zigmal das Phänomen und versteht sich auf Mitgefühl. So geht Kultur. Was immer Umwege sonst noch sind oder tun – sie fördern gedeihliches Miteinander: Zeitgewinn erlaubt Meditation und Reflexion. Fehlen sie, fehlt Entscheidendes. Insofern folge ich frohgemut dem Anspruch Apollons, des Licht-Gottes der Künste, voran Musik und Dichtung.

Erkenne dich selbst – in Grund und Boden
Ein Archäologe vom Rheinland
vergrub sich ins Graben. Kein Einwand.
Ich wollte den Grund sehn,
nicht grundlos zugrund gehn.
Stieß auf mich, zu dem vorher kein Schwein fand.

Gnothi seauton stand am Eingang des Apollon-Tempels in Delphi, wo das Orakel die Entscheidungsfragen der Pilger oral beantwortete, wie ein Dichterfürst: verführerisch und vieldeutig. Man nahm sich Zeit für die Voraussage, leider kaum für deren Ausdeutung.
Meden agan stand gegenüber: Nichts zu sehr – was man gern übersah. Das hiesige Lager betrieb gottseidank Desillusionierung, das jenseitige zum Glück Gewissenserforschung.

Im Dschungel der Großstadt der reinste Tor
Als Landei wollt, immer nur Sand gekannt,
zum Stadtei mich wandeln, vom Tand gebannt.
Geblendet vom Glamour
(Keinen Bock mehr auf Lämmer!)
ward Rührei: Bin voll vor die Wand gerannt.

Agonie bedeutet Kampf oder Wettstreit, aber auch Angst, Qual, Todeskampf. Agone sind organisierte Preisausschreiben wie die Olympischen Spiele oder die Panathenäen: Kampfkünstler und Dichtersänger eifern um die Wette nach Beifall, Lob, Ruhm und Siegprämien. Sophokles schrieb: Ungeheures gibt es viel, aber nichts ist ungeheurer als der Mensch.

Ego ist in Ago n(i)e: Von der Pike auf verlernt
Als Säugling, ganz ICH, macht’ ich Bäuerchen.
Als Kind balanciert’ ich auf Mäuerchen,
zwischen dem, was gewollt,
und, laut Mama, gesollt.
Noch piekte euch mein Ungeheuerchen!

Schon bald lag es wehrlos in Trance,
ich, halbstark, hielt nicht mehr Balance
zwischen Nächstem und mir,
der mir meist wie ein Tier
zu Leibe gerückt! Keine Chance!

Ungeheuerchen dreht nun ganz liederlich
seinen Spieß wider mich, schlichtweg widerlich.
Es piesackt mich, sticht mich,
bis im Lot und ganz dicht, ich
wieder Nächste pieke. Bin wieder ICH!

Im Mittelalter bestritten belanzte Dichter und helle Barden Ritterspiele samt Minnesänger-
krieg. Heute bietet die NLGR dem Bedürfnis der Literatur-Szene nach Sich-Zeigen und Gesehen-Werden eine irenische Arena: Nominierte kommen ohne Hauen ins Stechen.

Des Lebens Ruf an mich: Ein Zeichen setzen
Zu Anfang vergaß ich den Punkt am End
Zum Glück sah ich darin mein Fundament
Bald verschluckte ich Sil
denn es sollt nicht vergil
ben Reimschreibers keimendes Grundtalent

Aus Spaß an Freud: Mein Pfad zum Zen
Hatte -früher- neurot’sche Tendenzen: Ich bestand auf absurdesten Trenngrenzen, auch kam ich kaum aus mit dem mir von der Formnorm vorgeschriebenen Raum und gab kurz vorm Ziel auf bei Senten

Zwanghaft dramatisch? Maßlos übertrieben!
Doch mein schlimmster Fehler beim Dichten
wie im Leben war -früher- mitnichten
zu wenig Ideen,
die in mir entstehen
als Neuro-Geschehen
im Schreibhandumdrehen.
Zum Fehler stehen,
und Strafrunden drehen,
das war mein Vergehen.
Das war kein Versehen!
Heut’ kann ich’s gestehen:
Konnt’ auf keine Pointe verzichten!

Esotörichter Grenzgänger: Trifft’s dich, ist’s triftig
Wenn es mich traf, dann wusst ich: So musst es.
Denn ich kam kaum umsonst ins Prokrustes
bett, wo ich langgemacht,
eingestaucht, bang gemacht.
Längst gebucht hatt’s mein Unterbewusstes.

Dialektik, didaktisch
Den Weltgeist da aufheben, wo er im Regen liegt

Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt, lehrt Herr Brecht.
Doch wer sich sperrt, wird gezerrt, plärrt Gern Knecht,
der’s, als sie stritten, wieder erlitten.
(Wehrn Lernn war wider Knechts Herrschaft Sitten.)
Verkehrt gelehrt, Bert. Wehrn statt sperrn, Gern. Nochmal, beide, jetzt recht.

Längst gebucht hatt’s mein Unterbewusstes.

Was ist das? Satire? Groteske? Humoreske? Burleske? Ein Treppenwitz. Eine neue, fast balladeske Textart. Ein Prototyp, ohne KI generiert und im flow einer Eulennacht designt: Die Kuriose ist ein GanzKleinkunstStück, das heillose Interna offen Revue passieren lässt. Auf Augenzwinkerhöhe mit dem Lese-Komplizen wirkt sie Gehalt in Form. Prosaisch verdichtete Brücken verbinden gereimte Lyriknummern. Viel Sitzfleisch tobt süchtig, weil der Geist hin- und herwuselt: Kaum isser da, isser schon wieder weg. Wir spüren Sinnklangfetzen im Zickzackkurs nach und spinnen unverlierbare rote Ariadnefäden bis dorthinaus.

Die Kuriose liebt Skurriles bis Glatteis, Kunst und Kritik, Zitate gegen Plagiate, Knecht mit Magister, Leib samt Seele, Sinn für Irrsinn in Bekenntnis wie Protest. Humor mildert Traumen zu gemeisterten Brüchen. Schreiben als Redekur. Umtriebige Gedankengänge drängen ans Licht mit dem Anspruch, sich oben neu auszubalancieren und im Chaos ein Stück Kosmos zuzulassen. Oh wie süß (), herzlich (), zartbitter (_) ankreuzen und einmischen! Zwischen den Zeilen spielen sich wunschgemäß Glasperlen auf in Gestalt von Funktionsfußbekleidungen zum Bergsteigen, Mermaiding, Stepptanzen etc. – Wähle und bezahle.


Ende offen: EXPOnentielles Aha-Erlebnis
Um das Bildwerk der doppelten Helix
schritt ich faustisch umher: „Ich versteh nix.
Das Leben? Hat es Sinn?
Die Gene? Wer ich bin?

Felix, …

OM–HAha–HUM-pfffffm“

licher


reim-


nament-,


glück- ,


kein


_Zwar


Bin!

7 Das Experiment

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Der Statiker des Einsturzes

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Ginas Lächeln

Donnerstag, 1. Mai  2025

Gina ist bei ihren Verwandten in Rom. Gehe früh ins Bett (20:31).

20:55  Ihr geht es gut, schreibt sie. Und dass ich ihr sehr fehle.

Ti adoro und ich drücke dich ganz fest. 💕 💕 💕 💕

Ti adoro. Ich bete dich an, ich himmle dich an. Das hat mir vor Gina noch keine Frau gesagt. Wie kommt es, dass meine erste italienische Partnerin mich zum anhimmeln findet und alle anderen, die ich vorher hatte, nicht? Anscheinend sieht sie in mir Qualitäten, die die anderen nicht bemerkt haben. Oder sie haben sie bemerkt, haben es aber lieber für sich behalten, sonst schnappt dieser Heini über. Könnte auch sein, dass ich inzwischen ein besserer Mensch geworden bin. Oder ti adoro ist nur eine oberflächliche Floskel, in Italien, wie amore mio und bella bionda. Oder Gina sagt solche Sachen, weil sie verliebt ist; Liebe macht ja bekanntlich blind.

Noch schlimmer: Möglicherweise sagt sie mir solche Sachen, um sich einzuschleimen?

Freitag, 2. Mai 2025

07:20 Seit 3:40 Uhr wach. Ich stehe auf, mache die Musik an (Keith Jarrett). Hol mir den Kaffee ins Bett. Mache di Musik wieder aus und lege mich wieder ins Bett. Zeit sich mal zu besinnen.

Grounding. Erden. Das mache ich, in solchen Momenten. Ohne besondere Techniken. Ohne Drogen, Pilze, Pillen, Zeremonien. Nur indem ich die Natur bewundere oder im Bett, wie jetzt, mit geschlossenen Augen.  Ich ziehe mich in mich selbst zurück, verbinde mich mit meinen Wurzeln. Manche nennen es auch Reconnecting.

Wenn ich mich beruhigt und von allen äußeren Einflüssen abgekapselt habe, kommen mir Worte über die Lippen, zum Beispiel: «Leben, Fülle, Überfülle, Wahrheit, Güte, Schönheit, Kraft.»

Wenn ich mich gerade inmitten einer schönen Landschaft befinde, kommen mir auch Sätze wie «Mir gefällt dein Stil» oder «Ich bin wie du.»

Seit etlichen Jahren wende ich mich nicht mehr an einen Gott, von dem ein Buch oder eine Religion erzählt.  Ein Buch, das allen Ernstes beansprucht, die Quelle der Wahrheit zu sein? Von Menschen geschrieben? Inspiriert vom Heiligen Geist? Wie soll das denn gehen, wenn da drinsteht, homosexuelle Menschen seien ein Greul für Gott? Oder dass der einzige Mensch, der ohne den Makel der Sünde auf die Welt gekommen ist, das allein dem Umstand zu verdanken hat, dass seine Mama keinen Geschlechtsverkehr hatte? Also bitte! Nein, danke. Bye bye Mittelalter. Mir reicht es vollkommen, wenn ich mich in diesen Momenten so etwas wie einem Urgeist zuwende. Ich muss nicht wissen, was er oder sie denkt, will, macht. Sie (ich ziehe es vor, mir den Urgeist als weiblich vorzustellen) hat ja schon genug getan. Das sieht man doch in der Natur. Manchmal, wenn ich Grounding mache, durchfließt mich ein wohliges Schaudern, dass so stark ist, dass ich laut ahhhh schreien muss.

Mag sein, dass ich ein einfaches Gemüt bin, aber ich finde die Sprache der Natur eindeutig. Ein Tier wie der Pfau kann nicht aus Zufall entstanden sein. Wenn man sich die perfekt abgestimmten, changierenden Farbnuancen der Federn seines Pfauenrads anschaut, wie kann man da nur glauben, das sei Zufall? Ein Dachziegel fällt vom Dach, wenn ein Mann unten vorbeiläuft. Passiert. Zufall. Aber wenn man sich einen Pfau anschaut, wie kann man dazu sagen: Passiert? Wie kann man allen Ernstes glauben, dass die Schönheit das Resultat eines unpersönlichen, kalten, desinteressierten, dummen Zufalls sein soll? Nein, die Schönheit kann nur das Resultat von Intelligenz sein. Überall wo Schönheit ist, ist auch Intelligenz. (Apropos: Woran mag es liegen, dass der Satz umgekehrt nicht funktioniert?)  Einstweilen klammere ich mich an diesen Strohhalm.

Meine Leinwände warten auf mich im Atelier. Gleich bin ich bei euch.

Samstag, 3. Mai 2025

Abend. Videocall mit Gina. Sie befindet sich alleine im Zimmer im Haus ihrer Verwandten in Rom.

«Ich muss dich sehen» sage ich.

«Es kann jemand reinkommen.» Sie hat sofort verstanden.

«Dann schließe doch die Tür» sage ich.

Gina geht zur Tür und schließt sie ab.

«Was möchtest du sehen?» fragt sie.

«Deine Titten.»

Sie knöpft ihr Hemd auf und zieht die Brustwarzen über den BH. Sie lächelt. GINA LÄCHELT. Lebenselixier. Freude. Leben. Glück. Sauerstoff.

«Zufrieden?»

«Du fehlst mir wahnsinnig» sage ich.

«Du auch.»

«Hosen runter» sage ich.

«Wenn ich zurück bin, jetzt zeig du mir mal was.» Verschmitzt blickt sie mich aus dem Handy an.

«Was möchtest du sehen?» frage ich.

«Ich möchte dich im Slip sehen, du hast ja wohl nicht deine Schlabbershorts an, die bis zu den Knien reichen, oder?»

«Weißt du, dass es das erste Mal ist, dass du mich im Slip sehen willst?»

«Bin ja auch weit genug weg.»

«Rom tut dir gut.»

«Keine Faxen, Hosen runter» reagiert sie knapp.

Ich ziehe mir die Hosen runter und das T-Shirt ziehe ich mir auch aus. «Reicht das oder willst du auch einen Blick auf den Tiger werfen?»

«Logo.» Sie muss was Komisches gegessen haben.

Ziehe mir den Slip runter (der enganliegende in Elasthan mit rotgelben Flammen), aber nur soviel, bis der Tigerkopf rauslugt, der prächtig in Form ist.

«Man kann von deiner Bestie nicht behaupten, sie sei azephal.» Hab sie immer um ihre Schlagfertigkeit beneidet.

«Willst du auch den Rest sehen?»

«Lieber nicht, sonst schlafe ich nachher nicht ein, halt doch mal das Handy weiter weg… ja so… na endlich sehe ich meinen Boy mal richtig… hast du abgenommen? Wie viel Kilo hast du abgenommen?»

«Mindestens vier.»

«Vier Kilo??!! Hast du nur Haferflocken gegessen?»

«Nein, hab wie immer gegessen.»

«Dann tut dir meine Abwesenheit gut.» Sie kann auch provozieren.

«Spiel nicht mit dem Feuer» sage ich.

«Ne wirklich, wie hast du das geschafft?» fragt sie.

«Was?»

«Vier Kilo abzunehmen.»

Soll ich es ihr sagen, dass ich sie mit einem Mal gestern auf dem Klo verloren habe?

Lieber nicht. Sie würde misstrauisch werden. Ihr würden Zweifel kommen, ob ich noch ganz dicht bin.

Aber was soll ich ihr denn antworten?

Ich wage es einfach. «Habe gestern eine lange Sitzung gehabt. Danach war ich vier Kilo leichter.»

«Verrückter Heini.» Wusste ich’s doch.

Samstag, 10. Mai 2025

7:20 Das wird gleich schon wieder eine lange Sitzung. Seit einer Woche hatte ich keinen Stuhlgang. Habe tatsächlich auch entsprechend zugenommen. Es passiert immer soviel, wenn ich meine Sitzungen abhalte. Meinem Kilim sei Dank. Seine schwarzweißen Streifen hypnotisieren mich. Ich brauch mich bloß hinzusetzen und schon geht’s los. Während mein Colon drückt, klammern sich meine Pupillen an die schwarzweißen Streifen des Kilims und die Rädchen in meinem Kopf drehen sich auf Hochtouren. Das geht soweit, dass ich Visionen habe. Dieses Mal schreibe ich sie auf. Es gibt nichts, was nicht aufzeichnungswürdig ist. Auch nicht, wenn man auf dem Klo sitzt. Selbst wenn es nix ist, was dabei herauskommt.

Die Badtür bleibt offen, so kann ich die Musik aus dem Wohnzimmer hören (Silouan’s Song von Arvo Pärt, eines meiner Lieblingsstücke).

Ich fühle mich besser, heute morgen. Nicht etwa, weil ich genug geschlafen habe oder weil ich dabei bin, mich endlich zu entleeren. Nein, weil der größte Teil der 96 Stunden ohne Gina vorüber ist. Ich leide wahnsinnig unter ihrer Abwesenheit.

Bisher hat es – abgesehen von Gina – nur meine Mutter geschafft, mich mit ihrer Abwesenheit so zu quälen. Ich sehe sie förmlich vor mir, während meine Augen sich in die schwarzweißen Streifen des Kilims bohren. Meine Mutter.

Als sie sich auf den Bettrand setzte, um mir gute Nacht zu wünschen, war ich meistens schon halb eingeschlafen, eingelullt vom rhythmischen Brechen der Wellen auf den schwarzen Felsen. Bei starkem Wellengang hörte sich das unheimlich an. Da braucht man keine besonders ausgeprägte Vorstellungskraft, um sich das Meer wie ein riesiges Ungeheuer vorzustellen, das sich unablässig gegen die schwarzen Felsen wirft, wie von wilder Zerstörungswut gepackt. In meinem Zimmerchen in unserem alten, weißen Häuschen, eingebettet im verwilderten Zitronenhain über der Felsenbucht, war ich schon gefasst darauf, dass früher oder später eine große Welle durchs Fenster reinplatzen würde. Aber dann kam sie, setzte sich auf den Bettrand und sang mir Der Mond ist aufgegangen oder Der Erlkönig vor, mit ihrer sanften, beruhigenden, weiblichen Stimme. Meistens kraulte sie dabei meinen Kopf hinter den Ohren mit ihren lackierten Fingernägeln. «Gute Nacht, mein Sonnenschein» flüsterte sie mir schließlich ins Ohr und küsste mich auf die Stirn. Schade, ich kann sie nicht mehr fragen, warum sie mir damals Der Erlkönig vorsang, als Schlaflied. Sie wusste doch, dass ich am Schluss jedes Mal Tränen in den Augen hatte. Wir werden nicht als Nostalgiker geboren.

Lieber Fenster aufmachen. Zum Glück ist die Luft nicht zu kalt, heute morgen, und Gottseidank habe ich keine Nachbarn gegenüber. Zurück auf dem Klo stelle ich fest: Es kommt noch mehr. Nicht mehr so dunkelbraun. Eher bernsteinfarben. Und auch nicht mehr so hart.

In der Vergangenheit haben andere sich bereits darüber ausgelassen, dass Romanschreiber es fertigbringen, ein Tischgespräch in allen Details zu beschreiben, die Schmeicheleien, Finten, Pointen und Gesten, Kleider, Schmuck und Schuhe, ohne jemals die Speisen zu erwähnen, als ob sie keine Rolle spielten. Man kann weder gut denken, noch gut lieben, noch gut schlafen, wenn man nicht gut gegessen hat. Klar. Aber wie soll man bitte schön gut denken, lieben und schlafen, wenn der Stuhlgang scheiße war?  Was die Speisen angeht, hat sich einiges geändert. Literatur und Kino sind voll mit Geschichten, in denen das Essen die Hauptrolle spielt, in allen Soßen. Zeit, einen weiteren Schritt zu machen. Aber worin besteht überhaupt der Mehrwert, ein paar Worte über die Scheiße zu verlieren?

Tatsächlich gibt es einen Zeitpunkt, nur einen, zu dem wir alle gleich sind: Auf dem Klo. Sowohl unter dem Standpunkt des Materials, als auch der Farbe, als auch des Geruches und schließlich auch des Prozesses. (Möglicherweise – mit einer gehörigen Portion Nihilismus – auch als Fazit).

Was für ein schöner Morgen. Blauer Himmel. Schwalben. Ich schließe die Augen und halte das Gesicht in die laue Luft, die durch das Fenster strömt. Was für ein Frieden, was für ein Wellnessgefühl, wenn der Körper seinen heiligen Funktionen freien Lauf lassen darf.  

Du könntest es wieder versuchen, sagt mir eine innere Stimme. Dass ich innere Stimmen höre, ist zwar leicht strange, aber das geht mir so, seitdem ich Kind war. Das erste Mal – ich war vielleicht sechs oder sieben – beobachtete ich gerade einen Pleinairmaler, wie er den Golfo und die Faraglioni malte, da habe ich sie deutlich gehört, die innere Stimme: Eines Tages machst du das auch. Auch jetzt gerade habe ich sie deutlich gehört. Aber dieses Mal winke ich ab. Mir hat der Versuch vor ein paar Monaten gereicht.  Da saß ich wiedermal hier auf dem Klo, in meinem Haus am Golfo, und wollte mal probieren, wie es sich anfühlt, ohne Klopapier den Mittelfinger in den After zu stecken. Das hatte ich vorher noch nie gewagt. Niemals wäre ich draufgekommen, wenn nicht ein doccino, eine WC-Dusche, an der Wand neben dem Klo befestigt gewesen wäre. (Egal wer es war, der Erfinder der WC-Dusche verdient eine Statue auf dem Forum Romanum). Das amerikanische Ehepaar, das mir das Haus verkauf hat, hatte extra die WC-Dusche installieren lassen. Interessanterweise haben sie sich nicht für das Bidet entschieden, obwohl es doch in Italien Usus ist. Die wussten Bescheid.

Jedenfalls habe ich damals, vor ein paar Monaten, vom zärtlichen Sprenkeln des lauwarmen Wassers auf meinen After in trancehaften Zustand versetzt, tatsächlich den Versuch gemacht. Ich wusste ja, dass nach der restlosen Entleerung mein Colon blitzeblank sein würde. Also habe ich vorsichtig meinen Mittelfinger reingeschoben. Ohne Klopapier. Schön langsam. Mein Colon hat nicht schlecht reagiert, obwohl es das erste Mal war, dass er Gegenverkehr erlebt hat (Darmspiegelung ausgenommen). Es hat sich nicht unangenehm angefühlt. Nicht sehr viel anders, als wenn man sich den Finger in den Mund steckt (logischerweise ohne zu übertreiben). Aber Null sexueller Reiz. Ach was? Ok, aber das hat mich nicht davon abgehalten, mich in dem Moment, dank einer vielleicht noch strangeren Besonderheit von mir, nämlich die Fähigkeit, mich in ALLES hineinzuversetzen – egal ob Personen, Fauna, Flora, leblose Gegenstände – in homosexuelle Männer hineinzuversetzen. Um hier keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ich habe einen Haufen schwuler Freunde. Normalerweise verstehen wir uns gut. Es ist sogar so, dass wenn ich mal mit jemand ein tieferes Gespräch führe, bei dem es nicht um die üblichen Heteroaffenthemen geht (Frauen/Autos/Politik/Fußball), sondern um Themen, die eine gewisse Sensibilität für die Dinge des Geistes und der Ästhetik verlangen, bei denen Heteroaffen nach zwei Minuten abwinken, weil sie sich vorkommen, wie Pommes bei Kempinski, da kannst du drauf wetten, dass mein Gesprächspartner schwul ist. Der eine oder andere hat es ja auch versucht, mich ans andere Ufer zu locken. Vergeblich. Denn – das werde ich jetzt hier wohl kaum noch einmal unterstreichen müssen – ich bin hetero von Kopf bis Fuß.

An jenem Tag war ich halt so drauf. Ich war neugierig. Was spüren eigentlich die Schwulen, wenn sie sich so einen Knüppel hinten reinstecken lassen? Ist die Frage etwa unberechtigt? Warum sollte sie? Gleich nach dem Versuch zwei Schlussfolgerungen, je nach Rolle. Die erste, vom Standpunkt des Empfangenden aus betrachtet: Chapeau.

Ja, Chapeau. Denn wenn du kein bisschen Vorteil aus einer Sache ziehst, wenn dir die widrigen Umstände, die Meinung anderer usw. egal sind und du zu so etwas bereit bist, schlicht und einfach, weil du deinem Partner die Lust gönnst, wie soll man das nennen, wenn nicht Liebe? Obendrein – wenn ich mich nicht täusche – produziert der After nicht das sagenhafte Schmiermittel, das pünktlichst von der Vagina ausgestoßen wird. Ich wäre zu so etwas nicht in der Lage. Ohne, dass ich davon was habe, mir so ein Ding hinten reinstecken lassen? So ein Ding, das in gewissen Fällen ziemlich groß sein kann, jedenfalls erheblich größer und dicker, als die Spitze eines Fingers? Nur aus Liebe zu meinem Partner, damit er kommen kann?  Andererseits: Was bleibt ihm denn anderes übrig? Ins Ohr passt er nicht rein, in die Nase auch nicht. Sieh mal einer an, habe ich mir da gedacht, was man alles aus Liebe anstellen kann.

Die zweite Schlussfolgerung, vom Standpunkt des Steckenden aus betrachtet: Der liebe Gott kennt sich aus.

Von meiner unbezähmbaren Vorstellungskraft geleitet, wie durch die Membrane des Kilims hindurch, habe ich ihn gesehen, den lieben Gott. Er war gerade dabei, Adam aus einem Klumpen Erde zu formen. In dem Moment, da seine Hände sich in die prickelnden Pobacken versenken und er mit dem Zeigefinger ein kleines Löchlein genau in die Mitte pikst, da sehe ich – denn ich denke nicht, vielmehr sehe ich, das ist genauso, wie wenn ich male, da denke ich nicht  jetzt muss in die Ecke oben rechts der Leinwand ein gelber Klecks, nein, ich sehe die Farbe Gelb vor mir und spüre bis in die tiefsten Windungen meiner Eingeweide, dass die jetzt dran ist –  und genauso sehe ich ihn, den Allmächtigen, und erkenne unter seinem bauschigen weißen Bart ein verschmitztes Lächeln. Und was macht Er, für den ein Tag wie Tausend Jahre und die Zeit wie ein Strumpf ist? In seiner barmherzigen Vorsehung zwinkert er ihnen zu, den homosexuellen Männern, denn was er ihnen da gerade vorbereitet, mit seinem Konzert aus Schließmuskeln, funktioniert besser als die Muschi, bei Jupiter! Der After! Was für ein stringentes Chef d’Œuvre! Nicht einmal im Alter riskiert er die schlimmste aller Unseligkeiten, dort unten: Erschlaffung.

Nehmen wir einmal an, für den Partner wäre Fellatio Tabu, – hört sich zwar unglaublich an, aber ich habe mir sagen lassen, dass es auch unter unseren Brüdern vom anderen Ufer solche gibt, die unter diesem sagen wir mal Handicap leiden – was für eine armselige Alternative hätten homosexuelle Männer, wenn es nicht dieses wunderbar eingespielte Paar von After und Colon gäbe? Aber sie gibt es! Genau am richtigen Ort, wo knusprige Backen einen Schlitz haben, ein Meisterwerk an Schlitz. Es ist alles da, es fehlt nichts.

Fernanda, fasst du etwa diese Zeilen als zynische Tirade gegen Homosexuelle auf? Nein, das tust du nicht. Du kennst mich gut genug. Was ist denn bitteschön sarkastisch daran, wenn man unvoreingenommen, ohne ideologische oder religiöse Brillen den runden Schließmuskel des Afters betrachtet und – fast schon zwangsläufig – zu der Schlussfolgerung kommt, dass er doch perfekt für jene gemacht zu sein scheint, die ihren erigierten Penis genau dort einsacken wollen? Oder an der Mutmaßung – die eigentlich gar nicht so unwahrscheinlich ist, wenn man an einen pfiffig-vorhersehenden Gott ohne Tabus glaubt – dass der Schöpfer beim Formen dieses Löchleins den Schwulen zugezwinkert hat?  Oder, dass – ebenfalls gar nicht so unwahrscheinlich für jene, die an einen in seiner phantasievollen Kreativität unschlagbaren, allmächtigen Gott glauben – es genau jener Moment inmitten seines Schöpfungsprozesses war, da ihm die Idee kam, außer den Heteros, auch die Schwulen, Transsexuellen, Fluiden usw.  aus dem öden, schablonenhaften Einerlei zu erfinden und mit seinem mächtigen Logos ins Leben zu rufen? Also: Keine Missverständnisse. Wenn es sie nicht gäbe, müsste man sie erfinden, die Schwulen, Diversen usw. Wer sonst wäre in der Lage, auf eine dermaßen einleuchtende Weise – sozusagen de corpore – überholte, widerliche, unwissenschaftliche und nichts als Hass und Zwist säende Klischees über Männlichkeit (und Weiblichkeit) bloßzustellen? Aber, wie gesagt, der liebe Gott hat das ja bereits erledigt.

Als ich mir das nochmal durchgelesen habe, ist mir aber etwas anderes aufgefallen. Zum ersten Mal ist mir der schreckliche Widerspruch aufgegangen. Einerseits wende ich mich, wenn ich Grounding mache, an den Urgeist, an die Urmutter, andererseits ist doch offensichtlich, dass diese Urmutter (sofern es sie überhaupt gibt) so unemphatisch ist, wie man nur unemphatisch sein kann. Schließlich geht es um Menschen.

Wer entscheidet, ob Fußnägel lackiert, Brüste platt gemacht oder vergrößert, Hoden entfernt (glücklicherweise lassen sie sich nicht vergrößern, warum eigentlich nicht?), Eileiter wegoperiert, Haare rasiert, verlängert oder eingepflanzt werden sollen, wer bestimmt das und noch Vieles mehr? Das Ich. Und über wen setzt sich diese Instanz hinweg? Über Mutter Natur. Denn offensichtlich ist sie blind. Die versteht NIX. Die ist gar nicht Mutter. Wenn sie Mutter wäre, wüsste sie, um welche Ich-Sorte es da gerade geht und würde sie in einen entsprechenden Körper kleiden. Stattdessen hat sie keine Ahnung und ist hilflos den Kräften der Natur ausgeliefert (schon wieder ein Widerspruch!). Wenn also Mutter Natur so unemphatisch ist, wer hat dann bitteschön mein Ich konzipiert?

Mittwoch, 21. Mai 2025

Nachmittag. Endlich ist sie wieder zurück. Treffpunkt Eisdiele, bei ihr um die Ecke. Auf der Holzbank auf dem Bürgersteig gegenüber schlecken wir wortlos unser Eis. «Der da drüben» sagt sie auf einmal, «das ist der Pfarrer.» Ich folge dem schwarz gekleideten, alten Mann ein paar Sekunden mit den Augen, bis er um die Ecke biegt.

«Er ist verständnisvoll, ein guter Mann.» Nach einer kurzen Pause: «Er macht einen guten Job. Er kennt sich mit unseren menschlichen Abgründen aus, er weiß damit umzugehen.»

«Beichtest du dich bei ihm?»

«Ab und zu.» sagt sie, als ob nichts wäre.

«Das letzte Mal?» frage ich.

«Ist vielleicht einen Monat her.»

Vor einem Monat waren wir schon zusammen. Eine Wut steigt aus meinem Bauch und überschwemmt mein Hirn, dass ich es kaum schaffe, mir nichts anmerken zu lassen. Nach dem Eis fahre ich sie nach Hause, wie auf glühenden Kohlen. Sie muss etwas gemerkt haben, hat aber nichts gesagt.

Zurück bei mir zuhause stürze ich mich auf all die Sachen, die getan werden müssen, in einem Haushalt, die ich aber gewöhnlich immer vor mir herschiebe. Wäsche waschen, wischen, Leerflaschen sammeln. Der Krach, den die Leerflaschen machen, während sie in den Container auf der Straße crashen, macht mir schon fast Spaß. Aber am Abend, in der Liege auf der Terrasse, die Sonne war schon untergegangen, war das Weltuntergangsgefühl nicht weiter zu verdrängen.

Mit verbohrtem Blick in die Meerenge zwischen den Faraglioni, überfällt mich ein melancholisches Gefühl der Einsamkeit. Und der Ausweglosigkeit. Ein guter Mann. Der einen guten Job macht. Wie verdammte Scheiße sollen wir jemals ein Paar werden, wenn sie ihre (unsere!) intimsten Angelegenheiten einem Fremden anvertraut? Und welche Macht er über sie (über uns!) ausübt! Eine viel konkretere Macht, als die, die ich jemals imstande wäre, auszuüben (ganz abgesehen davon, dass mir so eine Macht zuwider ist). Er bietet nicht nur ein verständnisvolles Ohr an, er bietet viel mehr an: Vergebung. Er hört eine Weile zu, dann sagt er seine weisen Worte und schließlich: «Mein liebes Kind, zehn Ave Maria.»

Zum ersten Mal ist mir etwas bewusst geworden, an das ich vorher noch nie gedacht hatte, so verloren wie ich war und immer noch bin. Meine Gina ist Italienerin. Soweit, so gut. Ein Traum. Ich bin stolz auf meine erste italienische Verlobte. In ihrem Herzen bewahrt sie einen wertvollen Schrein, ein intimes Vademecum, eine hochentwickelte Vorstellung von Klasse und Stil. Das Savoir-faire, um mit Nonchalance die perfekte Balance zwischen vermeintlich prüder Zurückhaltung und Avancen zu bewahren, das ist ihr in den Schoß gefallen. Allein schon deshalb, weil sie in diesem Land aufgewachsen ist. Bei den Schulausflügen nach Venedig, Rom und Florenz haben sich die Fresken, Statuen, Gemälde, Kathedralen und Tempel so sehr in ihren sensiblen Geist eingeprägt, dass ihr niemand mehr zu erklären braucht, was zählt, im Leben. Was zählt im Leben, zumal wenn von Italien die Rede ist? La bellezza, die Schönheit. Logisch. Nicht von ungefähr ist Aphrodite die Mutter von Aeneas, der Stammvater der Römer. Gleichwohl hat mich an diesem Abend die Erkenntnis wie ein Faustschlag in die Magengegend getroffen, dass Gina, als Italienerin, automatisch auch noch etwas anderes ist: Katholisch.

Der Katholizismus. Wie oft habe ich das Neue Testament gelesen. Und jedes Mal konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Jesus, wenn er sich heute unter uns inkognito aufhielte, die katholische Kirche genauso wie damals die Pharisäer behandeln würde.

Es gab eine Zeit in meiner Jugend, da habe ich Spiritualität und Religion verwechselt. Jesus Christus, seine Worte, sein revolutionärer Lebensstil hatten mich so sehr fasziniert, dass Spiritualität und Christentum (jenes der Urgemeinde) für mich zusammengehörten. Heute weiß ich, dass man spirituell sein kann, ohne einer Religion anzugehören, egal welche. Ich wüsste nicht, was die mir noch bringen soll. Ich benötige keine Offenbarung mehr, von oben herab oder aus einem Buch. Ich finde das sogar gefährlich. Was für schreckliches Unheil wurde nicht schon auf der Grundlage von Bibel- oder Koranversen verübt? Ich benötige keine Lehrbücher, katholische Priester, evangelische Pfarrer, Bischöfe, Päpste, Mönche, Muezzin oder Gurus. Das sind Vertreter von religiösen Systemen, die Körper und Geist der Menschen kolonisieren, zusammen mit ihren Geldbeuteln.  Aber Gina ist da drin geboren worden. Sie ist nicht nur in der Kultur der Liebe und der Schönheit aufgewachsen, sondern auch im Katholizismus.

Mal abwarten, bis ein geeigneter Moment kommt, um das Thema anzusprechen.

Samstag, 24. Mai 2025

Der ist früher gekommen als gedacht. 30 Grad, laut Wettervorhersage. Gina ist nicht ins Büro gegangen. Wir sind runter, zur Bucht. Das Wasser war erfrischend kühl. Sie machte einen glücklichen Eindruck.

Zurück auf unseren Badehandtüchern, hole ich aus dem Rucksack die pizzette. Zwischen einen Happen und dem anderen kommt es mir spontan:

«Schau mal, wie schön, der Golfo, die Farben, das türkisblaue Meer, die schwarzen Felsen, die Faraglioni, wie schön das alles ist. Wir sind von einer kreativen Kraft umgeben, die all das gemacht hat. Wie kann man nur glauben, das sei alles aus Zufall entstanden.»

Keine Antwort. Gina kaut weiter auf ihrer pizzetta und beobachtet die Kinder, die ins Wasser springen.

«Logisch, dass hier kreative Kräfte von der Schönheit inspiriert waren, oder? Was meinst du?» Hört sie mir überhaupt zu? Oder meint sie ich hätte Lust, Selbstgespräche zu führen?

Ich rede einfach weiter: «“Freude heißt die starke Feder in der ewigen Natur; Freude, Freude treibt die Räder in der großen Weltenuhr“. Für Schiller war es die Freude, für mich dagegen ist die Ästhetik, die Schönheit der Schlüssel, um an eine höhere Intelligenz zu glauben.»

Sie: «Fehlt nur noch der Pfau.» Das war nicht einmal mehr Ironie, das war Zynismus.

Sie steht auf. «Ich muss mal, ich gehe hinter die Felsen.»

«Aber echt jetzt» sage ich, als sie sich wieder neben mir auf das Handtuch legt. «Was meinst du? Ist es möglich, dass Gott, dem man ja nachsagt, er sei Liebe, all das hier macht und uns dann ohne eine Möglichkeit lässt, ihn kennenzulernen?»

Sie greift sich die Sonnenkreme aus dem Rucksack. «Ist ihm anscheinend egal» sagt sie, während sie sich ihre blassen Arme einkremt.

«Ja», sage ich, «diesen Eindruck habe ich auch.»

«Aber das ist nicht das Problem» sagt sie ruhig.

«He?»

«Das ist nicht das Problem».

«Was?»

«Na dass ihm das anscheinend egal ist.»

«Sondern?»

Jetzt verteilt sie die Kreme auf die Nase.

«Das Problem ist…». Sie macht die Augen zu und kremt sich um die Augen herum ein. «…dass nur er es weiß.»

«Was?» frage ich.

«Sag mal bist du heute morgen auf den Kopf gefallen oder was?» Ich liebe sie, wenn sie direkt wird.

«Was denn? Sag’s doch einfach.»

«Wir wissen nix, nicht einmal das. Nur er weiß es, ob ihm das egal ist.»

Ich starre sie an. Mir kommt keine Antwort.

Nach einer Weile, ich: «Sag mal… du glaubst an die Madonna und an alle Heiligen, bekreuzigst dich, wenn du die Kirche betretest, wenn du wieder rausgehst, was ist das denn alles, he? Ist doch nur Aberglaube, oder?»

«Du gehst mir auf die Nerven.»

«Ach so, ich gehe dir auf die Nerven? Ich gehe dir auf die Nerven, wenn ich vergeblich versuche, mich mit dir über meine tiefsten Überzeugungen auszutauschen?»

«Die nützen nichts.»

Genau das hat sie gesagt: Die nützen nichts.

«Und warum nützen die nichts, deiner Meinung nach?»

«Weil es nur Vorstellungen sind.» Ein Richterspruch. Ein kalter, unemphatischer Richterspruch.

«Aha. Und die Schönheit? Auch nur eine Vorstellung?» frage ich.

«Vergänglich.» Der nächste Richterspruch.

«Das mag ja sein, aber deswegen ist sie doch trotzdem ein Zeichen von Intelligenz, oder? Oder kannst du dir die Schönheit ohne Intelligenz vorstellen?»

«Ich stelle mir überhaupt nichts vor und du tätest gut daran, dir ein bisschen weniger vorzustellen.» Warum bloß will sie mir immer die Flügel cutten?

«Hm.»

«Mit deinem Philosophieren verdirbst du dir nur die Freude am Leben, wann kapierst du das endlich?» Jetzt ist sie wieder direkt.

«Fällt mir schwer, das sein zu lassen» sage ich.

«Ist aber gar nicht so schwer.» sagt sie.

«Das sagst du.»

«Ja, das sage ich.» Hab sie selten so überzeugt erlebt.

«Aber versetze dich doch mal in meine Lage, wenn du das schaffst» sage ich.

«Habe ich ja schon. Deswegen habe ich dir ja gesagt, dass du dich mehr mit Dingen beschäftigen musst, die es gibt. Nicht mit Dingen, die es nicht gibt.»

«Und was wäre das, was es gibt?» Bin gespannt, was jetzt kommt.

«Blöde Frage.» Jetzt wird sie mir etwas zu direkt.

«Dich» sage ich.

«Genau.»

«Und das soll mir reichen, nicht wahr?» sage ich.

«Findest du das wenig?» sie guckt, als hätte sie mir gerade ein halbvolles Glas Marmelade gereicht.

«Nein. Das ist sehr viel» sage ich.

«Na also.»

«Nur…».

«Stop!» unterbricht sie mich lächelnd.

Ich drehe mich zu ihr um. Sie küsst mich.

«Und?» fragt sie.

«Was und?»

«Hat die Schönheit ihre Intelligenz verloren?»

Jetzt küsse ich sie.

«Nein, amore» sage ich, «die Schönheit hat nicht ihre Intelligenz verloren, nur…»

«STOP!»

«Nur…»

«STOP!!» Jetzt hält sie ihre Hand auf meinen Mund. Ich muss kichern.

«Nur…». Sie drückt mich flach auf das Handtuch, springt hoch, setzt sich wie eine Reiterin auf mich drauf und drückt mir beide Hände auf den Mund.

Sie schiebt eine Hand etwas weg, gerade mal so weit, dass sie mir ihre Zunge reindrücken kann. Wusste gar nicht, dass sie so drauf sein kann. Das jedes Mal aufs Neue so wunderschön erstaunliche Wesen der Frauen.

Werden wir beobachtet? Ich mache mich von ihrer Umklammerung frei und schaue mich um. Alles ok. Ein schon braun gebrannter älterer Herr beobachtet uns, scheint aber nicht besorgt zu sein. Sie legt sich wieder an meine Seite.

«Ich liebe es, wenn du so bist, so spielerisch.» sage ich.

«Siehst du, zu was ich imstande bin.»

«Bravo, nur dass…» Ich unterbreche mich, um zu sehen, wie sie jetzt reagiert. Sie richtet sich wieder auf, aber diesmal bleibt sie ernst.

Ich muss den Satz wie eine Kanonenkugel rausschießen, sonst lässt sie ihn mir nicht aussprechen.

«Nur, dass Fleisch, so schön es auch sein mag, zu wenig ist.» Hab’s geschafft.

«Zu wenig?» sagt sie fast erschrocken. Ich lese ihren Augen ihre Enttäuschung ab. «Also deiner Meinung nach gibt’s bei mir nur Fleisch?» Fängt sie gleich zu weinen an?

Ich muss schon wieder kichern.

«Na siehst du?» sage ich lachend, «also doch Schönheit plus Intelligenz.»

Sie reagiert nicht mehr. Sie legt sich auf den Rücken und schließt die Augen. Wahrscheinlich denkt sie, dass das Leben mit so einem Idioten wie mir nicht länger auszuhalten ist. Wahrscheinlich überlegt sie gerade, ob sie mir überhaupt noch eine Chance geben soll.

Mit der Ausrede, dass sie mit ihrer Tochter shoppen gehen wollte, ist sie nicht bei mir zuhause geblieben. In Wahrheit befürchtete sie, dass ich früher oder später wieder mit dem leidigen Thema anfangen würde. Dann hätten wir gestritten.

In der Liege auf der Terrasse, ein Glas Limoncino in der Hand, die Sonne schon seit einer ganzen Weile untergegangen. Wie zwei pechüberzogene Riesen, heben sich die beiden Faraglioni vom letzten fliehenden bläulichen Schimmer des Horizonts ab. Brise. Möwenschreie. Das ferne Surren der Fischerboote, die zum Hafen zurückkehren. Ich hole mir einen Wollpullover.  Ich lege mich wieder in die Liege. Schluck. Da kommen sie. Ich wusste es. Die werde ich so schnell nicht los. Wie Stroboskopblitze hallen die drei Axthiebe in meinem Kopf:

WIR WISSEN NIX        

Mit so einem simplen Satz hat sie das Thema abgehakt. Natur: Zufall? Projekt? Der Homo Sapiens: Zufall? Projekt? Unnötige Fragen. Wie wäre es denn, wenn ich mir auch so eine Haltung, so eine Weltanschauung aneignen würde, sofern man das überhaupt noch so bezeichnen kann? Mir schaudert es. Ich würde das nicht fertigbringen. Noch nicht. Würde die Schönheit ihre Intelligenz verlieren, fühlte ich mich wie ein Waisenkind.  Nein, ihrem staubtrockenen, grabgrauen Materialismus werde ich nicht zum Opfer fallen. Manchmal kommt sie mir vor, wie eine Cobra. Sie hypnotisiert mich, nur um mir früher oder später ihren giftigen Zahn ins Fleisch zu rammen. Andererseits: Irgendwo hat sie Recht. Wir wissen nix. Elendigstverdammtignorant sind wir. Ist schon bemerkenswert, wie sie es problemlos schafft, zwei so unglaublich kontrastierende Gegensätze in einem Hirn zu versöhnen: Die höhere, autoritäre Instanz der Kirche und die gähnende Leere der Ignoranz über das Warum, Woher und Wohin der Menschen, der Welt, des Universums. Fast bewundernswert. Fast.

Die Kälte zieht mir in die Knochen. Der Wollpullover reicht nicht mehr aus. Nichtsdestotrotz muss ich mir noch die Szene vorstellen: Gina im Beichtstuhl. Was wohl beichtet eine schöne Frau dem Priester? Kann sich nur um Männergeschichten handeln. Die haben ihr Gewissen belastet. In einem schwachen Moment hat sie einer Avance nachgegeben. Wir wissen ja alle, was die Italiener so draufhaben.

In welcher Welt lebe ich eigentlich? Ich liebe Gina wie noch keine Frau zuvor und was macht sie? Sie geht zu einem wildfremden Mann und beichtet. Und wie überzeugt sie auch noch ist!

Unglaublich, wie Lug und Trug aufrecht gehalten werden. Über Jahrtausende. Funktioniert ja auch wunderbar: Einige festigen dadurch ihre Macht, andere überlassen ihnen diese Macht supergerne. Bringt nur Vorteile. Aber innen drin bleiben alle so wie sie sind. Man braucht doch nur die Zeitung lesen. Oder einen Blick in den Spiegel werfen.

Limoncelloflasche leer. Lieber schlafen gehen.

Samstag, 5. Juli 2025

Zwei Monate ohne Eintrag in mein Tagebuch. Das liegt wahrscheinlich daran, dass wenn ich es aufgeschrieben hätte, was ich gemacht habe, dann wäre das so etwas ähnliches wie Selbstverstümmelung gewesen. Aber jetzt kann ich nicht mehr anders.

Ich muss es loswerden, was in der Zwischenzeit passiert ist. Tut mir leid, Fernanda, aber das musst du dir jetzt anhören. Ich habe niemanden außer dir.

Vorneweg diesen Satz von Françoise Gilot. Vielleicht hilft er dir, etwas Verständnis für mich aufzubringen, Fernanda.  

Wenn du etwas riskierst, könntest du schlechte Erfahrungen machen. Aber du lebst und verstehst immer mehr. Vor allem wirst du nicht langweilig. Das ist das Schlimmste: Langweilig werden.

Ich werde dich jetzt arg enttäuschen, aber denke bitte mal kurz darüber nach: Was sonst hätte denn Gina von einem gesunden Mann erwarten sollen, dessen innigsten Wunsch, mit ihr zusammenzuleben, sie jedes Mal aufs Neue frustriert und in eine vage Zukunft vertröstet? Unter solchen Umständen, welcher Mann hätte nicht den Verführungskünsten einer jungen, schönen, kultivierten Frau wie PT nachgegeben?

Du wirst diesen Versuch von mir wieder als Einschleimen interpretieren (wie hast du das nochmal genannt? captatio benevolentiae?). Egal, sag mir bitte, was du davon hältst. Schließlich ist Freundschaft dazu da.

 Weißt du, was im Grunde genommen der entscheidende Auslöser war? Nicht der Sexappeal von PT. Nein, es war der unbändige, innere Impuls, ein viel schlimmeres Monster, als sexuelle Apathie, zu verjagen: Die existentielle Langeweile. Dieser schleichende Tod, der deine Seele zermürbt und dir nichts davon übriglässt, um den nächsten Tag in Angriff zu nehmen. Dieses Monster habe ich mit PT eine Weile verscheucht. Plötzlich bäumt es sich jedoch wieder vor dir auf, morgens, wenn du aufwachst. Die existentielle Langeweile wartet am Bettrand auf dich. Da spürst du den ätzenden Geruch des Todes in der Luft. Ich habe ihn immer noch in der Nase.

Denn, strenggenommen, was ist der Tod?  Langeweile in Reinform. Der Status Quo auf Mars, Venus, Jupiter und auf dem Mond. Wo nichts passiert. Und wo du, falls es dich einmal dorthin verschlägt, nichts anderes als diesen Geruch des Todes spüren würdest, den Geruch der nackten Felsen.

Also ich weiß nicht was du davon hältst, aber ich bin inzwischen soweit, dass ich ihm dankbar bin, dem Tod. Wenn du dauernd diesen Geruch in der Nase hast, ohne Szenenwechsel, emotionale Achterbahnfahrten, ohne Negativität, ohne Lösungsansätze, weil es Probleme gar nicht mehr gibt, ohne, dass etwas Wesentliches, Bedeutsames passiert, dann gibt es nur noch eins: Es ist Zeit, dass er kommt, und dich rettet.

(Bitte entschuldige, Fernanda, dass ich dich als Projektionsfläche für meine pseudophilosophischen Gedanken über den Tod benutze. Aber im Grunde weiß ich ja, dass dir das Spaß macht.)

Aber er kommt nicht ganz plötzlich. Denn er ist höflich. Ja, der Tod ist ein Gentleman. Er schickt dir vorab ein paar Signale. Falten, schwerer Atem, Hängearsch.  Dann kommt der Tag, an dem du dir einen Rolli anschaffen musst. Die Beine halten dich nicht mehr. Hier unten brauchst du sie noch, die Kraft in den Beinen, aber da oben brauchst du sie bald nicht mehr. Da oben benötigst du auch keine Beine mehr. Da transportiert dich der Wind. Hier unten bist du wie ein Hemd, das mit Metallwäscheklammern an einer Leine hängt, die an Pfählen mit gegensätzlichen Polen gespannt ist. Sobald der Strom nicht mehr durch die Leine fließt, öffnen sich die Klammern und das Hemd kann sich endlich dem Spiel des Windes hingeben.

Fernanda, glaube nicht, dass das Hemd einer besonderen Marke bedarf. Die Marke ist dein Name.

Aber dieser Name hat nichts mehr mit deinem Vater und deiner Mutter zu tun. Nicht einmal mehr mit dem Alphabet. Dein Name wird aus Musik und Farben bestehen. Als Unikat, als spiritueller Fingerprint.  Der Abdruck deines schicksalhaften Ich. Aber frei von genetischen und epigenetischen Konditionierungen, die unausweichlich Teil des Spiels waren, damit du überhaupt Fleisch werden konntest. Ein vollkommen neuer Name. Der das widerspiegelt, was du wirklich bist. So neu, dass, wenn du dir da oben ein Selfie von damals anschaust, es gar nicht glauben kannst, dass dieses fahle Gesicht, die Kartoffelnase, (ich rede jetzt von mir, Fernanda), die buschigen grauen Augenbrauen, das unendlich tiefe Blau deiner Augen, so intensiv und mysteriös es auch gewesen sein mag, dass dieser Zellhaufen du gewesen sein sollst, dass man dieses Bündelchen tatsächlich als dich falschinterpretieren konnte, dass man allen Ernstes glauben konnte, es würde dich restlos darstellen, dein Sein erschöpfen, wenn es doch in Wirklichkeit nichts anderes war, als eine verschwommene Spiegelung von dir in einem alten, verstaubten und gesprungenen Spiegel.

Ja, am Ende kommt er, der echte Tod. Den es so, als Tod, logischerweise nicht gibt. (Ich weiß, du siehst das anders, Fernanda). Für mich ist er nur eine Fähre. Er bringt dich ans andere Ufer. Der Tod als existentielle Dimension ist reine Erfindung. Ist denn die Botschaft aus dem All nicht schon eindeutig genug? Es gibt keinen Ort, nicht einmal einen klitzekleinen, wo das Nichtsein Platz für sich in Anspruch nehmen könnte. Also bringt dich der Tod ans andere Ufer, aber um das zu bewerkstelligen, muss er dir alles abnehmen, was du nicht mehr benötigst. Und um dich zu entkleiden, muss er dich schlucken. Er schluckt dich, verdaut dich, er kaut dich aber nicht, denn er hat keine Zähne, er entmaterialisiert dich auf seine Art und schließlich verwandelt er dich in etwas sehr, sehr Feines, feiner als die feinsten Elementarteilchen, und dann, sobald du genug Zeit in seinem Colon verbracht hast, spuckt er dich aus.

Und wenn er dich ausgespuckt hat, findest du dich wieder in einer Welt, in der du keinen Bedarf mehr spürst, zu lesen. Denn niemand hat es noch nötig, sich eine andere Welt vorzustellen. Niemand muss sich da oben noch vorstellen, wie man sie erreichen kann, diese andere Welt. Da oben versucht niemand mehr, sie zu beschreiben, zu besingen, in Verse zu fassen, in Musik zu komponieren, auf die Leinwand zu bannen, in Stein zu meißeln, in Architektur, Kino und Theater zu verwandeln, kurzum: In Kunst.

Manche nennen es Erlösung.

Was für eine wunderschöne Perspektive.

Macht dir Lust, dir sofort eine Kugel in den Kopf zu jagen.

Was bleibt dir anderes übrig? Wenn es dir dämmert, dass die Idee, von der du annahmst, sie sei der Ursprung der Welt, die phantastische Uridee, aus der jeder Zellkern entspringt, wonach sich alles Sein streckt, die Idee, dass alles aus Liebe geboren und sich schließlich in Liebe vereinen wird, die erhabenste aller Ideen, von der du annahmst, sie werde im Eschaton zur Vollendung gelangen und dich durch ihre unanfechtbare, unvergängliche, transzendentale Realität geradezu überwältigen, weil es Körper aus Fleisch nicht mehr gibt, genauso wenig wie den Zahn der Zeit, was bleibt dir anderes übrig, verdammte Scheiße, als dir eine Kugel in den Kopf zu jagen, wenn du genau in dem Moment gezwungen wirst einzusehen, dass du keine Argumente, kein Gegenmittel hast gegen die subtile, grausame Leere, Bitterkeit und Nostalgie, die dich fluten, zusammen mit der Gewissheit, dass es wörtlich unmöglich ist, dass all das, was da kommt, wertvoller ist als Ginas Lächeln?

Bin gespannt auf dein Kommentar Fernanda. Mach’s gut, einstweilen.

von Chris Succo

Grundlos

Despoten regieren die Länder,
Lügen nährn Ängstefabrik.
Zu viele wählen die Blender,
und im Osten herrscht immer noch Krieg.
Schüttelt die Köpfe, ihr Müden,
und wer noch stöhnen kann, stöhnt!
Hunger und Dürre im Süden.
Wir haben uns längst dran gewöhnt.

Kein Grund, um Gedichte zu schreiben.
Was ändert denn schon ein Gedicht?
Wenn Reime und Vers unterbleiben,
merken die meisten das nicht.
Kein Grund, gleich poetisch zu werden.
Hört, was der Lauteste spricht!
Reden zählen auf Erden,
doch sicher kein bloßes Gedicht.

Meine Miete kann ich mir nicht leisten,
und mein Hund ist im Haus nicht erlaubt.
Der Strand, an den wir immer reisten,
war gar nicht so schön, wie ihr glaubt.
Klavier will ich gar nicht mehr üben,
weil mein Spiel dem von Mozart nicht glich.
Mein Nachbar pöbelt von drüben,
und selbst du denkst schon längst nicht an mich.

Kein Grund, um Gedichte zu schreiben.
Was ändert denn schon ein Gedicht?
Wenn Reime und Vers unterbleiben,
merken die meisten das nicht.
Kein Grund, gleich poetisch zu werden.
Hört, was der Lauteste spricht!
Reden zählen auf Erden,
doch sicher kein bloßes Gedicht.

Hammi der Hamster

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Ich bin ein verwirrter Mönch

Inspiriert vom Gemälde: Der Mönch am Meer (Caspar David Friedrich)

Ich bin verwirrt. Ich bin verwirrt, warum bin ich, wer ich bin? Nicht mein Aussehen oder mein Charakter, sondern meine Macht, meine Rolle in der Gesellschaft. Ich bin ein Mönch, ich verzichte auf unzählige Dinge aus liebe zu Gott, doch selbst wenn ich dies erwähne, sündige ich. Ich bin ein Hochmütiger, weil ich weiß, dass ich alles tue, was in meiner Macht liegt.

Bischöfe, der Papst und weitere, die meinem Gott näher stehen, verhalten sich oft weniger christlicher als ich, doch sie dürfen das. Selbstverständlich. Mein Gott hat diese Hierarchie gebaut. Ich bin minderwertig.

Und dort unten im Meer schwebt ein kleines Tier, das von Geburt an mir untergeordnet war. Ein Tier, das heute im Sturm und im Zorn der Götter sterben wird, trotz des Nichtstuns. Denn das Nichtstun, oder besser gesagt das Nicht Glauben, ist doch das Schlimmste, was man tun kann. Selbstverständlich.

Und Das 5 Jährige Kind, welches allein auf der Straße verlassen wurde, der keine Möglichkeit hat, von meinem Gott zu wissen, ist logischerweise böser als Satan, denn selbst der Oberste der Bösen glaubt an meinen Gott.

Das ist der gleiche, der ja so allwissend ist, dass er uns testen muss, um unsere Handlungen zu kennen. Der Gleiche, der ja so allmächtig ist, dass er Kriege, Krankheiten und Könige erlaubt. Der gleiche, der doch so ein liebender Vater ist, dass er uns nie besuchen kommt.

Er benachteiligt meine Mutter, obwohl sie mehr für mich tut, als mein Gott es jemals tun wird. Selbstverständlich, sie ist eine Frau.

Und das homosexuelle Paar nebenan, wird nach seiner Anweisung verbannt, obwohl sie ein besseres Beispiel für Liebe setzen, als mein Gott es tun sollte. Aber selbstverständlich, die Liebe ist bedingt. Eingegrenzt.

Deine Gedanken sind eingegrenzt, von deinem Gott. Dein Gott, der einer von Millionen ist, aber doch sicherlich der einzig wahre.

Gebe mir Bescheid, wenn du ihn findest, ich möchte ihm sagen, dass er die Verkörperung des Bösen ist. Aber keine Sorge, bis ich diese Worte aussprechen muss, könnte es noch eine Weile dauern.

Verloren

Verschließe meine Augen
Weil ich nichts sehen will
Bei Bildern die was taugen
Seh ich nicht mehr hin.

Verschließe meine Ohren
Und höre soviel Mist
In der lauten Welt verloren
Das was wichtig ist.

Verschließe meinen Mund
Stell keine Fragen mehr
Die Lippen sind schon wund
Brauchen keine Worte mehr.

Verschließe meinen Verstand
Der Kopf tut mir schon weh
Was sich darin befand
Ich niemals wieder seh.

Verschließe nun mein Herz
Bin mein eigenes Versteck
Ein letzter zarter Schmerz
Und plötzlich bin ich weg.

Wohin?

Auf der Suche nach dem Ziel, von dem sie alle reden.
Auf der Suche nach dem Glück, nach Religion, nach Leben.
Auf der Suche nach ertragreichem Bestreben,
nach Sinn und Zweck,
nach dem Ich-muss-hier-weg,
nach Endlich-kann-ich-sehen.
Bin auf der Suche nach Verstehen.
Ich will nicht weitergehen,
will nicht verstehen,
will nicht sehen,
nicht streben,
will nicht das Leben und will nicht reden.
Was will ich?
Will dich, will mich, will nichts, will nicht, dass ich nichts will.
Will wissen, wer ich bin, stell mir die Frage nach dem Sinn.
Will nicht mehr wissen, wer ich bin.
Wohin?
Dorthin!
Mein Kopf ist schwer,
mein Kopf ist leer.
Ich bin nichts, bin nicht, bin töricht.
Ich bin.
Ich.
Bin.
Ich.

15 Das Meinungsmoratorium

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Dienstanweisung Nr. 0/26

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Die Waagschale

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Gedichtzyklus – Freiwissend

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Im Gesang der Grenze

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20 Das imaginäre Selbst

Stell dir vor, du erwachst.
Und nichts gehört dir mehr.
Nicht dein Name. Nicht dein Körper.
Nicht deine Erinnerungen.
Alles, was du für „Ich“ gehalten hast, war nur ein Schatten.

Du trittst hinaus auf die Straße.
Die Menschen sind da – und auch doch nicht.
Sie reden, gehen, lachen, streiten.
Aber du nimmst nur Bewegungen wahr.
Kein Urteil, kein Bild, kein Drama.

Du siehst einen Baum.
Nur einen Baum.
Kein Symbol, kein „gut, kein „schlecht“.
Nur Licht auf Rinde.
Nur Leben, das existiert, ohne sich zu rechtfertigen.

Und plötzlich erkennst du:
Alles, wovor du je Angst hattest, war Illusion.
Alles, was du verteidigt hast, war eine Geschichte,
die du selbst geglaubt hast.

Du spürst Angst – aber sie gehört nicht mehr dir.
Du spürst Trauer – aber sie definiert dich nicht mehr.
Du bist weder Opfer noch Täter.
Du bist weder Held noch Narr.
Du bist nur dies:
Ein Herzschlag, ein Athemzug, ein Moment.

Stell dir vor, das lebten viele.
Eine Gesellschaft ohne Besitz, ohne Forderungen, ohne Ideologien.
Menschen streiten nicht mehr über Bilder.
Sie handeln, sie reagieren, sie atmen.
Die Welt wäre klarer, härter, stiller. Aber unverfälscht.

Stell dir vor, die Stille brennt.
Sie fließt wie ein Rinnsal durch die Straßen, durch die Körper, durch dich selbst.
Sie ist wild.
Sie ist frei.

Und sie lässt dich erkennen:
Du hattest nie etwas.
Und genau darin liegt alles.

Und jetzt hör auf, dir das vorzustellen.
Denn es war nie nur ein Bild.
Es ist einfach da.
Immer schon.
Und du bist mittendrin.

Die Kunst des Wegnehmens

Es gibt Denker, die bauen Kathedralen aus Begriffen.
Sie setzen Stein auf Stein, nennen das Fundament „Wahrheit“ und das Dach „Erkenntnis“.
Sie sagen: So ist es, so war es, so wird es sein.
Und ihre Stimmen klingen fest wie Glocken über einem geordneten Platz.
Doch irgendwo, am Rand dieser Plätze, steht einer ohne Bauplan.
Er trägt keinen Grundriss bei sich, kein Versprechen, kein endgültiges Wort.
Er sagt nicht, was ist. Er fragt nur: Was ist es nicht?
Und mit dieser Frage beginnt er zu lösen.
Er löst das Etikett vom Ding. Er löst die Deutung vom Ereignis.
Er löst die Geschichte vom Schmerz. Er löst das „So ist das eben“ vom Atem.

Er ist kein Architekt, er ist der Wind.
Er trägt keine Wahrheit herbei er nimmt nur das Fort,
was sich wie Staub auf die Wirklichkeit gelegt hat.
Er sagt: Das bist nicht du, das ist nicht die Welt.
Das ist nicht das, was du unmittelbar siehst.

Und jedes „Nicht“ ist wie ein leises Aufatmen unter einer schweren Decke.
Die positive Philosophie liebt das Licht der Definition.
Sie hält es hoch wie eine Fackel in einem dunklen Raum und ruft: Hier ist die Wirklichkeit!

Die negative Philosophie bläst die Fackel aus.
Nicht aus Trotz und nicht aus Nihilismus.
Sondern aus Vertrauen. Sie vertraut darauf, dass die Dunkelheit keine Feindin ist.
Dass die Augen sehen können, wenn sie nicht geblendet werden von zu viel Erklärung.
Sie sagt: Du brauchst keinen Dolmetscher zwischen dir und dem, was geschieht.
Du brauchst nur den Mut, die Stimmen zu erkennen, die ständig sprechen.
Die Stimme der Erziehung, die Stimme der Institution.
Die Stimme des „Man weiß doch“, die Stimme des rationalen Richters,
der jedes Erleben sofort bewertet und katalogisiert.

Die negative Philosophie ist keine Lehre.
Sie ist ein Abtragen. Sie nimmt Schicht um Schicht
von dem, was sich zwischen dich und die Welt geschoben hat.
Sie sagt nicht: Die Welt ist so.
Sie sagt: Das, was du für die Welt hältst, ist vielleicht nur deine Gewohnheit.
Und wenn sie alles entfernt hat, die Urteile, die Begriffe, die vermeintliche Gewissheit
dann tut sie nichts mehr.
Sie tritt zurück in Würde, still und heimlich.
Sie überlässt die Bühne dem, was ohnehin da war.
Keine Interpretation, kein Anspruch.
Keine Autorität, sondern nur das Unmittelbare.

Ein Baum, der nicht „Baum“ heißen muss, um zu stehen.
Ein Schmerz, der nicht „Störung“ heißen muss, um gefühlt zu werden.
Ein Mensch, der nicht definiert werden muss, um zu sein.
Vielleicht ist negative Philosophie kein Denken, sondern ein Entlernen.
Kein System, sondern eine Befreiung vom System.
Sie ist kein Nein zur Welt.
Sie ist ein Nein zu all dem, was sich als Welt ausgibt.
Und in diesem Nein öffnet sich etwas Ungewohntes.

Ein Raum ohne Kommentar, ein Blick ohne Urteil.
Ein Sein ohne Etikett.
Dort beginnt nichts Neues. Dort fällt nur etwas fort.
Und vielleicht ist Wahrheit kein Satz.
Vielleicht ist sie das, was übrig bleibt,
wenn niemand mehr behauptet, sie zu besitzen.

Ein bequemer Tod

Ihr Herz funktioniert wie ein guter Motor. Mit dem können Sie hundert Jahre alt werden.
Die Worte seines Hausarztes fielen ihm wieder ein.
Was bringt mir das? Nichts als Ärger!
Aus dem Spiegel blickte ihm ein leeres Gesicht entgegen. Seine Haut war längst zu groß geworden, so wie seine abgetragene Jeans, das alte Haus und die Welt um ihn herum, die sich immer schneller zu drehen schien.
Er rückte die Hornbrille zurecht und schlurfte in die Küche. Ein Schatten huschte durch den Garten. Der Nachbarskater. Verlässlich wie ein Schweitzer Uhrwerk. Der Alte öffnete das Fenster.
„Komm rein, Rumtreiber.“
Max sprang vom Fensterbrett und landete vor ihm auf dem Boden. Schnurrend rieb er sich an seinem Bein. Gemeinsam gingen sie zum Küchenschrank.
„Pass doch auf!“ Der Alte stolperte, hielt sich an der Schranktür fest. Er rieb sich den Oberschenkel. „Mist, wieder der rechte“, stöhnte er.
Die Gabel klapperte, als er das Futter aus der Dose kratzte. Max wich ihm nicht von der Seite. Von oben ließ er die Brocken auf den Teller am Boden rieseln.
Ein bisschen Gesellschaft konnte er gebrauchen. Es war still geworden auf dem Hof, nach den Sommerferien.
Der Kühlschrank brummte, wie sein leerer Magen. Er holte das letzte Ei heraus, legte es in einen Topf und füllte ihn mit Wasser. Der Kaffee schmeckte krümelig. Er tunkte den trockenen Brotrand darin ein. Nach dem Frühstück würde er in die Stadt fahren. Aber erst wollte er die Hühner versorgen.

Draußen hatte es zu regnen begonnen. Die Strickjacke über die Fleecejacke gezogen, stieg er ins Auto. Langsam fuhr er aus der Einfahrt. Es ruckelte ein bisschen, als er in den nächsten Gang schaltete.
„Wischwasch wischwasch.“ Widerwillig gaben die Scheibenwischer den Blick frei. Die Landstraße lag glänzend vor ihm, wie ein geschwungener Spiegel.
In Gedanken ging er die Sachen durch, die er besorgen wollte. Einen Einkaufszettel hatte er nicht. Katzenfutter brauchte er, Brot und Käse. Jedenfalls würde er genug Lebensmittel kaufen, damit es die ganze Woche reichte.
Der Alte hielt das Lenkrad fest umklammert. Bloß nichts übersehen. Nicht auffallen.
Früher bei der LPG war er alles gefahren, Mähdrescher, Traktor, alles was die Genossenschaft hergab und seinen alten Unimog. Das waren noch Zeiten. Seine trüben Augen begannen zu leuchten.
Hinter ihm hupte es energisch. Er zuckte zusammen. Ein junger Mann überholte wild gestikulierend kurz vor dem Ortsschild.
Was regte der sich auf?
Extra langsam war er gefahren und ganz weit rechts.

Kurz darauf setzte er den Blinker, bog links ab. Den Supermarkt konnte er schon sehen.
Auch das Blaulicht im Rückspiegel.
Folgten die ihm etwa? Was hatte er jetzt schon wieder falsch gemacht?
Auf dem Parkplatz hielt er an.
Ein Polizist stieg eilig aus seinem Wagen.
Der Alte kurbelte die Scheibe herunter. Auf den Nachbarparkplätzen blieben die Leute stehen. Köpfe wurden zusammen gesteckt.
Was gab’s denn da zu gaffen? Haben die nichts besseres zu tun?
„Führerschein und Fahrzeugpapiere bitte.“ Mit zusammengepressten Lippen und ernstem Blick musterte der Polizist ihn. Seine Dienstmütze verdeckte die Glatze.
Nervös fummelte der Alte im Handschuhfach herum. „Hab sie gleich.“
Seine Hände zittern, als er die Papiere rausfischte.
Ein zweiter Polizist kam dazu, baute sich breitbeinig auf und verschränkte die Arme.
Der Junge könnte mein Urenkel sein, dachte der Alte und wischte sich die Hände an den Hosenbeinen ab.
Widerwillig übergab er die Papiere. Der Kahlköpfige schaute abwechselnd den Führerschein, dann den Alten an.
„Herr Meyer. Sie wissen, dass Sie uns soeben die Vorfahrt genommen haben?“ Er deutete auf die Stelle, wo der Alte abgebogen war.
„Ich hab niemanden gesehen.“ Er kratzte sich am Kinn. Ganz sicher war er sich nicht.
„Herr Meyer. Sie werden in drei Tagen neunzig. Haben Sie mal darüber nachgedacht, ihren Führerschein abzugeben?“ Zwei Augenpaare waren auf ihn gerichtet, wie Suchscheinwerfer unter denen man sich nicht verstecken konnte.
„Wenn Sie für mich einkaufen gehen“, platzte es aus ihm heraus. Er war sauer.
Was wussten die schon?
„Ihre Familie wird ihnen dabei helfen“, winkte der Polizist ab.
Der Alte schüttelte den Kopf.„Meine Jüngste lebt in Spanien. Die kommt nur in den Sommerferien mit den Kindern.“
„Was ist mit den Anderen?“
Er zuckte mit den Schultern.
„Hab sie alle überlebt, meine Sigrid, den Andreas, die Angela und den Steffen“, antwortete er. „Nur mich hat der liebe Gott vergessen.“ Sein leerer Blick ging zum Boden.
„Darauf kann ich leider keine Rücksicht nehmen. Sie gefährden mit ihrem Verhalten andere Verkehrsteilnehmer. Das sehen Sie doch sicher ein.“
Der Alte nickte.
Der Kahlköpfige tippte auf seinem Tablet herum.
Was habe ich bloß angerichtet?, hämmerte es im Kopf des Alten. Er schluckte.
Den Lappen bin ich los. Wie soll das gehen, ohne? Wie soll ich zum Arzt kommen? Wenn ich mich nicht mehr versorgen kann, dann stecken die mich ins Heim. Das wird teuer. Der Hof der kommt als erstes unter den Hammer. Und die Hühner? Die holt der Metzger. Zack Kopf ab. Schluss, aus und vorbei! Warum schlaf ich nicht einfach ein? Einfach morgens nicht mehr aufwachen. Schluss, aus und vorbei! Das wär ein bequemer Tod.
Er schaute den Kahlköpfigen an. Der hatte aufgehört zu tippen und starrte vor sich hin.
Was überlegte der denn so lange? Es kam dem Alten wie eine Ewigkeit vor. Er trommelte auf seinem Lenkrad herum.
Plötzlich packte der Kahle das Tablet weg und trat nahe an ihn heran. Er streckte ihm die Hand entgegen. Seine Papiere zum greifen nah!
„Sehen Sie zu, dass Sie wegkommen Herr Meyer. Nicht, dass ich es mir noch anders überlege.“
Dann drehte er sich zu seinem Kollegen um und machte Handzeichen zu fahren.
„Sollten wir nicht wenigstens dreißig Euro kassieren, weil er uns die Vorfahrt genommen hat?“, warf der Jungspund ein, laut genug, dass der Alte es hören konnte.
Achselzuckend stieg der Kahle in seinen Wagen. „Alt werden ist nichts für Feiglinge.“
Der Jungspund kratzte sich am Kopf und folgte ihm mit langsamen Schritten.
Hastig warf der Alte den Motor an.
Es ruckelte immer ein bisschen, wenn das Leben einen Gang weiter schaltete, aber man blieb nicht liegen, solange der Motor gut funktionierte.

Flüssige Logik: Eine negative Philosophie der Freundschaft im digitalen Zeitalter

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Jeder Morgen

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Jeder Regen lässt dich wieder hoffen

Jeder Regen lässt dich wieder hoffen,
dass alles anders werden kann mit einem Mal.
Die Welt ist neu, die Wege stehen offen,
du glaubst, du hast jetzt wieder eine Wahl;

hinauszugehen, endlich wieder träumen,
von andren, die mit dir ins Weite schauen.
So suchst du wieder in den leeren Räumen
und fasst zur Welt ein freundliches Vertrauen.

Es wird wohl wieder nur Enttäuschung finden,
du wirst dich quälen, zweifeln, wieder traurig sein,
und wieder werden viele dir entschwinden,
dann stehst du wieder einmal hier, wieder allein.

Du bist nicht falsch, du hast nur andre Ziele,
du weißt, warum dein Herz zu Menschen weht.
Sie sind nicht so! Weiß Gott, so unerträglich viele
sehn nichts, was nicht allein um sie sich dreht.

Lass sie, du wirst sie nicht erreichen.
Rette dein Herz und kehr zu dir zurück.
Kein Wort, kein Schmerz kann sie erreichen;
die Wahrheit – ach – die kümmert sie kein Stück.

Der Schmerz, der dich zerreißt, er wird vergehen,
du hast noch dich und das ist doch sehr viel.
Sie werden nie das Licht der Nähe sehen,
für sie ist alles dunkles, eitles Spiel.

Smaragde schwimmen oben

Der Fluss.
Vielleicht das einzige Lebewesen, dass sich nie bewegte und doch immer im Wandel war. Es ist jedoch wichtig zu erwähnen, dass dieser Tage die meisten Flüsse Lügner waren. Mit ihrem perfekten Lauf in mathematisch genauen Kurven und den makellosen Ufern versuchten sie den Beton zu kaschieren, der ihren Grund bildete.
Dieser Fluss aber hatte es irgendwie geschafft, von dieser ganz besonders humanen Version der industriellen Weltanpassung verschont zu bleiben. Wild und herrlich asymmetrisch wand er sich durch eine ebenso naturbelassene Landschaft aus saftigen Gräsern, die im Frühling in den schönsten Farben blühen und ihren süßen doch zugleich würzigen verbreiten würden, und vereinzelten, knorrigen Bäumen, die aussahen wie alte Männer, die sich durstig über den Fluss beugten, nur um dann für immer zu erstarren. Mit brauner, runzliger Haut, von der im Spätsommer nicht selten mit Moss bewachsene Stücke abfielen, um dann kleinen Floßen gleich dem Meer entgegen zu treiben, das sie aller Wahrscheinlichkeit nach nie erreichen würden, knieten sie da und warfen ihre verzerrten Schatten aufs Wasser. 
Es war ganz ohne Zweifel ein schöner Fluss und seine Bewohner waren äußerst stolz darauf, ihn ihr Heim nennen zu können. Und so war es mehr als ungewöhnlich, dass an einem kühlen aber klaren Morgen im Februar eine große Stille auf dem Wasser herrschte. Die Fische schwammen verwirrt hin und her, nicht gewohnt, das Wasser für sich allein zu haben. In Ermangelung eines besseren Zeitvertreibs und ganz bestimmt in Ermangelung eines ausgeprägteren Überlebenstriebes begaben sie sich also auf die Suche, bis sie nahe der Wasseroberfläche in einem kleinen Seitenarm des Flusses schließlich das vertraute Rudern von großen, mit schuppigen Schwimmhäuten bewährten Füßen erblickten. Eine große Entengemeinschaft hatte sich hier versammelt. Es handelte sich um eine Krisensitzung, auch wenn keiner so ganz wusste, was denn nun die Krise war. Die besorgten Blicke von knapp zwei Dutzend braunen Augenpaaren ruhten auf einer stämmigen Ente mit leicht zerzaustem Gefieder, die im Zentrum der Versammelten auf der Stelle schwamm und geräuschvoll schluchzte, wobei ihr Schnabel wie eine Muschelschale klapperte, die vom Fluss über den Grund gefegt wurde.
„Ich…ich weiß einfach nicht mehr, was ich machen soll. Ich meine, das ist doch nicht normal“, klagte Frau Waltraud Fleckenflaum.
Ein zustimmendes Schnarren ging durch die Menge.
„Sie ist doch meine Tochter“, fuhr die aufgewühlte Ente fort: „Seit ich sie habe schlüpfen sehen, war mir klar, dass sie einmal eine Schönheit wird. Das hab ich ihr auch immer gesagt. Erdfeder, hab ich gesagt, dir werden die Erpel einmal scharenweise nachschwimmen, du wirst schon sehen. Uns sie war ja immer so bescheiden, meine Tochter, hat sich immer ganz klein gemacht, wenn einer sie lobte, aber dann gestern war sie plötzlich kaum wiederzuerkennen. Sie putzte sich gerade das Gefieder und da überkam‘s mich, weil doch Frühjahr ist und alles und ich hab ihr, halb im Scherze wie das bei Müttern und Töchtern so üblich ist, gesagt, dass bestimmt schon viele junge Erpel sehnsüchtig an sie denken.“
Sie erntete vereinzelte Lacher, halb zustimmend halb beschämt, vorwiegend von männlicher Seite.
„Aber kaum hab ich die Worte über den Schnabel gebracht, da schlägt sie wie vom Fuchs gebissen mit den Flügeln und geht mich mit einer Wildheit an, die ich so noch nie von ihr gesehen hab. Sie hat mich gebissen, da!“, rief sie und präsentierte der Menge eine kleine, kahle Stelle auf ihrem Hinterkopf. 
„Danach ist sie aufgeflogen und ich habe sie seitdem nicht mehr gesehen.“
„Typisch Frau“, kommentierte Eduard Blauschwinge, woraufhin ihm das quackende Gelächter seines Bruders Alfred und einiger nahebei rudernder Erpel beipflichtete. 
Die weibliche Fraktion konterte prompt mit beleidigtem Zischen. Ehe man sich versah, redeten alle durcheinander und vertieften sich mit einer Vielzahl an unzureichend sachlichen Argumenten in die faszinierende Frage nach der Legitimation weiblicher Gefühlsausbrüche, bis sie von einem einzelnen, kehligen Krächzen zum Schweigen gebracht wurden. Der alte Erpel, der es ausgestoßen hatte, schwamm langsam nach vorne und die Menge machte ihm respektvoll Platz. Seine Federn waren an den Spitzen schon verblasst und glänzten leicht auf dem Wasser. Es sah aus, als hätte er einen persönlichen Vollmond, der ihm Tag für Tag mit seinem unsichtbaren Licht das Gefieder versilberte.
„Ich denke, uns ist allen klar, dass wir uns hier in einer sonderbaren Situation befinden, doch es hat keinen Sinn, sich nun in den Details des Tathergangs zu verlieren. Wir alle schwimmen auf dem selben Fluss. Wir fressen die Gaben, die er uns bringt und nisten an den Ufern, die er belebt. Es ist eine Symbiose. Zwischen uns und dem Fluss, den Fischen, der Erde und auch untereinander. Wir alle haben unsere Aufgaben in dieser Symbiose und keiner verdient es, aufgrund seiner Aufgabe bevor- oder benachteiligt zu werden. Erdfeder ist ein geliebtes Mitglied dieser Gemeinde. Sie gehört zu uns. Und wenn sie sich verirrt hat, ist es unsere Aufgabe, sie wiederzufinden. Stimmt ihr mir da zu?“
„Ja, Don Drago“, schnatterte die Menge.
Don Drago hieß natürlich nicht wirklich Don Drago, obwohl er darauf bestand, aus einem See in Italien zu stammen. Zwar war man sich im Allgemeinen einig, dass das mehr als unglaubwürdig war (nicht zuletzt da er kein Wort italienisch sprach) und er eigentlich im Grünlauf drüben bei Gelbfußens geschlüpft sein musste, aber aus Respekt vor dem alten Erpel, hatte sich die Gemeinde entschieden, über diese Ungereimtheiten hinwegzusehen.
Darauf hin zerstreute sich die Versammlung, um (teils allein, teils in Zweiergruppen) nach der verschollenen Erdfeder zu suchen. Es zogen einige Tage ins Land. Eine junge Ente hatte es sogar fertiggebracht, bis ins Gebiet der Menschen zu fliegen. Sie berichtete danach jedem, der es hören wollte und auch so manch einem, der das nicht tat, von dem sonderbaren, hohlen Spitzberg, den sie gesehen hatte und dessen Eingänge mit Holz und warmem Bunt-Eis versperrt waren.
„Rein konnte ich nicht“, erzählte sie laut: „Aber durch das Bunt-Eis habe ich Menschen gesehen. Geschichten habe ich ja schon viele gehört, aber sie mit eigenen zu sehen war was ganz anderes. Sie sehen aus, als würden sie versuchen, alle anderen Tiere nachzumachen und dabei von vorne bis hinten versagen. Wie riesenhafte, blasse Frösche, die wie die Störche umherstaksen. Ihre Pelze sind bunt und unförmig und wenn ich’s nicht besser wüsste, würde ich sagen, dass die Pelze selbst haarlos sind. Und die Laute erst. Wie eine Kröte, die eine Nachtigall nachahmt! Dann sie dort eine Stunde und starrten einen zweiästigen Baum ohne Blätter an! Es war einfach zu komisch!“ 
Und dann brach sie in einen schnarrenden Lachanfall aus beim Gedanken an solch hinterwäldlerische Riten. Wenn sie dann aber, gefragt wurde, warum sie sich ein solch sinnloses Spektakel eine Stunde lang angesehen hatte, schwieg sie.
Letztendlich waren es Eduard und Alfred Blauschwinge, die Erdfeder ausfindig machten. Scheinbar ziellos schwamm sie den Fluss entlang. Die beiden Erpel landeten erleichtert neben ihr auf dem Wasser.
„Erdfeder!“, riefen sie: „Was machst du denn so weit draußen? Komm! Wir bringen dich heim.“
Erdfeder drehte langsam den Kopf. Durchdrang die Erpel mit ihren schönen Augen, die in der Farbe frisch gestochenen Torfes funkelten.
„Nein“, antwortete sie schlicht.
Die Gebrüder Blauschwinge glotzten sie verwirrt an.
„Aber warum denn?“, begann Eduard.
„Du kannst hier doch nicht ganz allein bleiben. Was wenn dich ein Fuchs findet?“, fügte Alfred hinzu.
„Jetzt hört mal genau zu“, unterbrach Erdfeder sie mit schreiend leiser Stimme: „Ich habe nicht vor, zurückzukommen und die Füchse interessieren mich nicht.“
Mit diesen Worten schwamm sie den beiden davon.
Eine Zeit lang trieben die jungen Erpel nur fassungslos vor sich hin. Als sie sich wieder halbwegs gesammelt hatten, entschieden sie, dass es wohl das Beste sei, Frau Fleckenflaum und Don Drago über die Geschehnisse in Kenntnis zu setzen.
Sowie die Brüder ihren Bericht vorgetragen hatten, brach die verzweifelte Mutter erneut in Tränen aus. Don Drago nickte streng und nachdem die drei es geschafft hatten, Frau Fleckenflaum angemessen zu beruhigen, sagte er: „Was ihr da erzählt, ist höchst besorgniserregend, Jungs. Das arme Ding scheint völlig verwirrt zu sein. Seit ihr sie gesehen habt, ist noch nicht viel Zeit vergangen und so, wie ihr es beschreibt, ist sie nicht sehr schnell unterwegs. Ich halte es für das Beste, wenn Frau Fleckenflaum und ich zu ihr fliegen und sie zu Vernunft bringen.“
Dieser Vorschlag erschien allen Beteiligten sinnvoll, wobei man sich natürlich erlauben könnte, die Zurechnungsfähigkeit der armen Frau Fleckenflaum in einer solchen Situation in Frage zu stellen, und so machten sich die zwei auf, um die verlorene Tochter heim zu holen.
Nach einigen Stunden hatten sie die Stelle gefunden, die ihnen die Brüder beschrieben hatten und nur wenige Minuten später erblickten sie Erdfeder, die im Gras saß und in die Ferne schaute.
„Guten Tag, junge Dame“, begrüßte Don Drago sie.
Erdfeder warf ihm einen flüchtigen Blick zu, gab aber keine Antwort.
Die Neuankömmlinge gingen an Land und setzten sich in einem wie sie es empfanden angemessenen Abstand vor die einsame Ente.
„Mein Liebes“, begann Frau Fleckenflaum nach einer kurzen Zeit des Schweigens:
„Sollte ich etwas zu dir gesagt haben, dass dich beleidigt hat, dann tut mir das aufrichtig leid.“
Erdfeder schüttelte langsam den Kopf.
„So höre doch auf deine Mutter, Kind“, ergriff der Don das Wort: „Sie will nur das Beste für dich, genau wie wir alle. Was willst du denn hier draußen ganz alleine. Ohne Gefährten, die dir helfen und denen du helfen selbst helfen könntest.“
Erdfeder sagte nichts.
„Nun ist‘s aber gut!“, rief der Alte energisch: „Die Welt ist ein gefährlicher Ort und nicht allen ist es vergönnt, einen sicheren Platz zu finden, an dem sie glücklich und zufrieden sein können. Jeden Tag müssen Tiere hungern und vereinsamt zu Grunde gehen und du sitzt hier und haderst mit dem Geschenk der Gemeinschaft, das dir gegeben wurde!“
Nun richtete Erdfeder bedächtig ihren Blick auf Don Drago. Ihre schönen Augen blitzten feindselig. Dann öffnete sie den Schnabel und spie ihm einen Schwall grünen Matsches entgegen.
Angewidert fuhren die beiden Vögel zurück. Don Drago war der erste, der die Sprache wiederfand.
„Gras“, keuchte er und betrachtete den Matsch vor seinen Füßen: „Zerkautes Gras. So also gehst du mit den Gaben der Natur um. Missbrauchst und verdirbst sie zur eigenen Schadenfreude!“
„Erzähle du mir nichts von der Natur!“, entgegnete Erdfeder nun erstmals: „Dir hat die Natur ein prächtiges Gefieder und ein Leben in Unabhängigkeit gegeben. Mir fesselt es den Dreck auf die Federn und trachtet nach jedem bisschen Freiheit, das ich versuche mir zu erhalten. Brüten, paaren, brüten, paaren, brüten, paaren. Das ist, was die Natur mir gegeben hat, also erzähle du mir nichts von den Gaben der Natur!“
Auf diesen Ausbruch folgte fassungsloses Schweigen. Letztendlich war es wieder Don Drago, der sich zuerst sammelte.
„Du…du weißt nicht, was du da redest, Kind. Die Unvernunft der Jugend spricht aus dir. Doch sei es drum. Auch ich bin einst jung gewesen und kann verstehen, was du durchmachst. Bleib du nur hier, wir werden dich nicht länger belästigen.“
Mit diesen Worten wandte er sich ab und zog die immer noch sprachlose Frau Fleckenflaum sanft mit sich.
Sobald ihre eigenwillige Tochter hinter einer Flussbiegung verschwunden war, fand Frau Fleckenflaum die Sprache wieder.
„Aber das können wir doch nicht machen!“, sprudelte es aus ihr heraus: „Ganz allein hier draußen ist es viel zu gefährlich!“
„Machen Sie sich keine Sorgen, Gnädigste. Es wird keine drei Tage dauern, bis ihr Fräulein Tochter wieder zu Vernunft kommt und zu uns zurückkehrt. Und wenn sie das tut, werden wir das einzig richtige tun. Nämlich ihr vergeben.“
Don Drago sollte Recht behalten. Am Morgen des Dritten Tages kehrte Erdfeder zurück. Nur entsprachen die Umstände keineswegs den von Don Drago beschriebenen und von Vergebung konnte bei diesem Wiedersehen nicht die Rede sein.
Bleich fiel an diesem Morgen das Licht der Sonne, die sich noch nicht ganz entschieden hatte, ob sie nun eine Winter- oder eine Frühlingssonne sein wollte, auf das Ufer des Flusses. Bleich fiel sie auf die Enten, die an ebenjenem Ufer schliefen.
Bleich fiel sie auf Don Drago, der verschlafen zum Fluss lief, um dort seine Morgentoilette zu verrichten, als ein dunkler Fleck seinen Blick einfing. Der dunkle Fleck kam näher und näher und als endlich klar zu erkennen war, was da auf dem Fluss herankam, klappte ihm der Schnabel herunter. Es dauerte nicht lange, bis auch andere Enten herbeiliefen und in nicht minder großem Erstaunen erstarrten.
Gebannt, ja beinahe entsetzt beobachteten sie zusammen die Ankunft des Vogels, den sie bisher als Erdfeder gekannt hatte. Doch wer da kam, hatte nichts mit der schüchternen Ente gemeinsam, die vor kurzem noch unter ihnen gelebt hatte. Dieser Vogel wirkte größer, bestimmter, gefährlicher. Die drastischste Veränderung stelle aber der Kopf. Das zierliche Braun, für das Erdfeder weithin bekannt gewesen war, war einem unergründlichen Grün gewichen. Ebenjenem Grün, das Erdfeder vor drei Tagen vor die Füße ihrer Mutter und die Don Dragos gespien hatte.
Mit einem Helm aus hochgewürgtem Gras also, kam dieser Vogel heran und als seine Füße das Ufer berührten, war es, als hätte die Sonne von einem Moment zum anderen ihre Entscheidung gefällt. Nämlich eine Frühlingssonne zu sein. Sowie sich der fremdartige Vogel aus dem Wasser erhob, entflammte der Himmel hinter ihm und tauchte die Versammelten in das Feuer, das im Herzen des Ankömmlings brannte.
„Erdfeder…“, Don Dragos Stimme klang schwach und heiser: „Was in des Flusses Namen…?“
Der Vogel lachte hell auf.
„Ach, Don Drago. Was ist denn los. Widere ich Sie an?“
„Meine Tochter!“, gellte plötzlich ein Schrei aus der Menge heraus und Frau Federflaum drängte sich aufgeregt flatternd nach vorne: „O meine Tochter, was hast du nur getan?“
„Halt den Schnabel!“, kam die keifende Erwiderung: „Ich bin weder deine noch sonstjemandes Tochter. Das ist vorbei. Ich bin Smaragd, das ist meine Herausforderung.“
„Deine Herausforderung!“, lachte Don Drago kalt: „Deine Herausforderung ist nicht weiter als ein blasses Hirngespinst deines verwirrten Verstandes, das ich nicht länger bereit bin zu tolerieren. Eine Ente bist du. Eine Ente, die sich einen Haufen Erbrochenes ins Gesicht geschmiert hat und es dann einen Edelstein heißt. Wir alle haben unseren Zweck im Leben. Mag mancher auch angenehmer als der andere erscheinen, es ist immer der eine für uns zugedachte. Erfüllen wir den nicht, was sind wir dann wert. Welche Daseinsberechtigung kannst du deinem Gewissen nennen, Smaragd? Wer zu lange gegen den Fluss schwimmt, der wird mit gerissen. Sieh dies also als meine letzte Warnung. Lass dich treiben. Finde Frieden.“
Nach diesen Worten herrschte Stille. Für die Umstehenden war es, als würde das vom Don Gesagte sich in ihren Ohren und dann in ihren Herzen einem Daunenkleid gleich ausbreiten.
„Nein.“
Smaragds ruhige und dennoch wilde Stimme durchschnitt das Daunenkleid gnadenlos, zerfetzte spöttisch den wärmenden Schutz und fegte dann als eisiger Wind durch die Entenherzen.
„Du schlägst mir den Frieden vor, Don Drago und glaube mir, wenn ich dir sage, dass ich dich dafür respektiere. Aber nein. Das ist mir nicht genug.“
„Erdfeder, du obszönes Küken!“, raste der alte Erpel: „Frieden ist es, wonach alle Tiere streben!“
„Die Freiheit ziehe ich dem Frieden vor!“, brüllte Smaragd: „Meine Herausforderung habe ich gestellt. Abgelehnt hast du sie und besser hättest du noch daran getan, an ihr zugrunde zu gehen, du altes Aas! Ich habe nicht vor, einen Tag länger unter deinesgleichen zu leben. Ich bin Smaragd, der Kotzekristall, und die Zwecklosigkeit ist mein Anspruch!“
Mit diesem Ausruf breitete Smaragd die Flügel aus und flog davon.

II.

Einige Tage mehr waren vergangen, als Smaragd einen dicht bewachsenen Arm des Flusses hinabschwamm. Lange, grüne Grashalme bogen sich zu ihm herab, ganz als versuchten sie, dem prachtvollen Grün seines Kopfes nachzueifern. Und wie er so schwamm, vernahm er plötzlich eine tiefe, säuselnde Stimme.
„Nanu, was haben wir denn da? Eine Ente mit verdrecktem Köpfchen? Wie ist denn das passiert?“
Furchtlos trat Smaragd an Land und antwortete: „Ich selbst habe es getan und Dreck ist es keineswegs, mein fremder Freund. Was du vor dir siehst, ist der ungeborene Teil meines Gesichts.“
„Bitte vielmals um Verzeihung“, sprach der Fuchs höflich und erhob sich langsam aus dem Gras: „Ich konnte ja nicht wissen. Meinen tiefsten Respekt vor Ihrer Lebensart.“
„Spar dir die Worte“, erwiderte Smaragd: „Wir beide wissen, dass sich die Zähne des Fuchses nicht weniger tief ins Fleisch graben, nur weil er Honig im Maul hat.“
„In der Tat“, lächelte der Fuchs und offenbarte seine gelblichen Reißzähne.
Reglos standen sich die beiden gegenüber. Jedem bewusst, was der andere vorhatte. So schnell es ging flog Smaragd auf. Sein Kopf funkelte grün in der tief stehenden Sonne, unter seinen Schwingen bäumten sich Winde. Doch Smaragds Körper war der einer Ente und der des Fuchses war es nicht. Einem roten Blitz gleich fuhr das Raubtier hoch. Scharfe Zähne bohrten sich in Smaragds rechten Flügel und zerrten ihn gnadenlos hinab. Schreiend schlug Smaragd im Dreck auf. Der Fuchs schleuderte seinen Kopf nach links und sein machtloses Opfer wurde mitgerissen, während sein Flügel lautlos brach. Endlich ließen die unerbittlichen Kiefer los, doch bevor Smaragd sich aufraffen konnte, wurde ihm eine schwere Pfote auf die Brust gelegt. Große Krallen schnitten durch das braune Federkleid. Über sich konnte Smaragd die starren Augen des Fuchses erkennen, als plötzlich ein schnelles etwas von lautem Gekrächze herankam und das Gesicht des Fuchses anfiel. Dieser zuckte erschrocken zurück und knurrte das etwas an, als ein weiterer Angreifer sich von hinten über ihn hermachte. Der Fuchs jaulte kurz auf und machte vollführte eine halsbrecherische Rolle, wodurch beide Angreifer gezwungen waren, von ihm abzulassen. Er knurrte noch einmal ärgerlich, dann zog er sich ins hohe Gras zurück. 
Erschöpft und schmerzerfüllt wandte sich Smaragd seinen Rettern zu und stieß ein überraschtes Quaken aus. Vor ihm standen die Gebrüder Eduard und Alfred Blauschwinge.
„Ihr…ihr habt mich gerettet.“
„Natürlich“, antworteten sie im Chor.
Eduard näherte sich nun und betrachtete den zerschmetterten Flügel: „Tut es sehr weh, Erd… Smaragd?“
„Es geht schon“, antwortete dieser tapfer: „Vielen Dank.“
„Keine Ursache. Hast du hier in der Nähe einen Ort, an dem du dich ausruhen kannst?“, fragte Alfred und kam ebenfalls näher heran.
„Nein, ich bin…einfach umhergeschwommen.“
„Macht‘ nichts“, sagten dir beiden: „Wir werden schon ein schönes Plätzchen für dich finden.“
Sie nahmen Smaragd in die Mitte und zusammen schwammen sie langsam (um den Verletzen zu schonen) den Fluss entlang.
Nach einer Weile sagte Alfred: „Da! Das ist ein guter Platz, da kann man sich ausruhen.“
Eduard aber lachte spöttisch und rief: „Dort soll er sich erholen? Hast du denn wirklich so wenig Mitgefühl mit einem verwundeten Krieger. Den Tod wird er sich an solch einem trostlosen Ort holen. Mir für meinen Teil ist Smaragd mehr wert. Komm, mein Freund. Wir suchen dir einen besseren Platz.“
Smaragd war zu erschöpft, um zu widersprechen und so ließ er sich von Eduard weiter den Fluss hinabführen. Alfred starrte den beiden einen kurzen Moment wütend nach, dann schloss er rasch auf und nahm seinen beschützenden Posten neben Smaragd wieder ein.
Nach einer Weile war es Eduard, der sagte: „Dort ist es schön! Das ist ein Platz, der deiner würdig ist, Smaragd.“
„Bitte“, lachte nun Alfred: „Da war mein Platz doch tausend Mal besser. Ein schöner Beschützer bist du mir. Aber sei es drum. Zurück können wir nicht. Smaragd ist zu schwach, um flussaufwärts zu schwimmen. Lieber weiter den Fluss hinab, dann zeige ich dir, was ein würdiger Platz ist, Bruderherz.“
„Nein“, meldete sich Smaragd zu Wort, der sich nicht im Stande sah, auch nur eine halbe Meile weiter zu schwimmen: „Hier ist es gut, hier bleibe ich.“
„Ganz wie du willst, Smaragd“, sagte Eduard un warf seinem Bruder einen triumphierenden Blick zu: „Am besten bleibe ich bei dir, damit dir nichts passiert.“
„Zwei sind besser als einer“, meinte Alfred: „Ich bleibe auch.“
„O nein, das tust du nicht“, erwiderte sein Bruder kalt: „Du ziehst los und erzählst Frau Fleckenflaum und Don Drago was geschehen ist. Sie haben ein Recht, es zu erfahren. Ich bleibe solange hier und beschütze Smaragd.“
„Beschützen? Dafür bist du doch gar nicht Manns genug!“
„Und wer will mir das erzählen? Du etwa?!“
„Weißt du was?“, sagte Alfred zornig: „Ich traue dir nicht! Du spielst hier doch nur den großen Ehrenmann. Kam bin ich weg, versuchst du etwas unanständiges, gib‘s doch zu! Schwimm lieber du zurück und ich passe auf.“
„Verräter wittert überall Verrat, ist es nicht so?“, entgegnete Eduard.
„Nun gut“, Alfred versuchte, sich zu beruhigen: „Lassen wir Smaragd doch einfach selbst entscheiden, wer von uns hierbleiben soll.“
Smaragd jedoch war inzwischen der Ohnmacht nahe und hatte von dem Gespräch der beiden kaum etwas wahrgenommen.
„Jetzt willst du ihn auch noch mit solch einer Entscheidung belasten!“, rief Eduard:
„Komm, Smaragd, wir bleiben hier.“
Mit diesen Worten packte er Smaragd sanft mit dem Schnabel und führte ihn in Richtung Ufer.
„Das lasse ich nicht zu, Schurke!“, rief Alfred und zog nun seinerseits Smaragd von seinem Bruder weg. 
Empört hielt dieser dagegen. Alfred packte Smaragd mit dem Schnabel am Hals und zog kräftig. Eduard zischte ihn wutentbrannt an und schnappte sich Smaragds Bürzel, um diesen durch brutale Kraft seinem Bruder zu entziehen. Smaragd stieß ein kraftloses doch schmerzerfülltes Krächzen aus.
„Siehst du, was du tust? Du tust ihr weh!“, schrie Alfred.
„Ich werde nicht zulassen, dass sie dir in die Fänge kommt!“, brüllte Eduard und entwendete Smaragd mit einem gewaltigen Ruck Eduards Griff und drückte seinen Schutzbefohlenen schützend unter sich, während er die wütenden Angriffe seines Bruders abwehrte.
Smaragds Kopf wurde Unterwasser gedrückt. Der Fluss strömte ruhig und gleichmäßig in seine Lungen. Er versuchte zu schreien, doch das Wasser erstickte ihn und die streitenden Erpel hörten ihn nicht. Eduards Griff war fest. Genauso unbeweglich, wie die betonen Flussgründe deren Abwesenheit man sich hierzulande so sehr rühmte.
Smaragd zappelte und warf sich hin und her. Der Fluss spülte ihm durch die Federn und wusch die grüne Farbe heraus. Es war alles vergebens.
Es dauerte fast eine halbe Stunde, bis die Gebrüder Blauschwinge bemerkten, dass sie sich um eine Leiche zankten. Nachdem der allgemeine Schock überwunden war, folgte die brüderliche Versöhnung mit rührender Geschwindigkeit. Alfred musste seinem Bruder zustimmen, dass es sich hier durchaus um einen würdigen Ort handelte, um Smaragd hier sich selbst zu überantworten. Während die grüne Farbe auf der Wasseroberfläche davontrieb, zogen sie Smaragd an Land um diesen Ort nach einem respektvollen Moment des Schweigens für immer zu verlassen. Sie erzählten niemandem, was vorgefallen war. Frau Fleckenflaum lebte weiter, Don Drago lebte weiter. Und als sie es schließlich nicht mehr taten, gab es schon andere, die ihren Platz im Gefüge der Natur einnehmen konnten. Keiner fand je den verrotteten Entenkadaver. 
Außer den Fliegen. Und den Würmern.
Die grüne Farbe trieb den Fluss hinab. Was aus ihr wurde? Tja, keine Ahnung, ich weiß eben auch nicht alles. Vielleicht hat sie ein Kind gefunden, das am Fluss spielte und damit einen Erpel gemalt. 
Wäre das nicht was?

Unbehaust

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Und hier noch die VV-Top 10 (gemäß unserer internen Abstimmung)
Die VV-Top 10
1 Die Mauer der Tränen

Ich ging zum Fenster, blickte durch die Gitter auf den verwaisten Innenhof. Im Flur hörte ich schon den Roboter, der das Frühstück verteilte. Ich stellte mich an die Tür, wartete, dass sich die Klappe öffnete und lugte über das Tablett hinweg hinaus. Kein Zeichen von Leben auf dem Flur. Wie immer. Der Roboter reichte mir das Tablett. “Guten Appetit!”

Ich nahm das Tablett, stellte es auf den Tisch, aß ein paar Happen, stand dann reglos mitten im Zimmer und wartete, bis die Wand  aufging. Der 3D-Simulator fuhr aus, die Tür öffnete sich. Ich stieg hinein. Der Sessel fuhr aus, ich setzte mich. Ich wählte wie immer das Programm ‘Virtuelle Reisen’, wie immer ‘Alleinreisend’. Dann ‘Segelboot’, ‘Pazifik’, ‘Zufällige Koordinaten’, ‘Zufällige Wetterverhältnisse’ und ‘Ohne Steuerautomatik’. 

Wie immer knotete ich mich gleich am Anker fest und sprang vom Bug ins Meer. Der Anker riss mich mit in die Tiefe, Mit jedem Meter wurde es dunkler und kälter. Bald schon erste Zeichen von Sauerstoffmangel, das Adrenalin schoss mir ins Blut, der Körper inszenierte die übliche Panikreaktion. Ich blieb ganz ruhig, auf das Gefühl des Sinkens fokussiert. Schließlich verlor ich das Bewusstsein und trat aus dem Körper in den Geist. 

Elisa und mein Vater begrüßten mich, wir spazierten eine Weile den ewigen Fluss entlang. Dann flogen wir flussaufwärts zur Quelle, tauchten ein, verloren uns, tauchten wieder auf, fanden uns wieder. Elisa brachte uns in eine neue Welt. In eine Welt im Bau vielmehr, noch war sie nicht bewohnt, noch flossen die Ideen ein. Es war ihre Welt, ich erkannte es sofort. Das Prinzip der Harmonie stand im Vordergrund, Wachstum zur Blüte hin. Inspiriertes Herz, Einzigartigkeit der Entfaltung. Was hier einmal leben würde, würde unvergleichlich sein und immer bleiben. Weil es sich auf seine eigene, unverwechselbare Art stetig neu erfinden würde. Eine Künstlerwelt, aber weiblicher Natur. Kein Glasperlenspiel, keine ätherischen Sphären geistiger Klarheit, sondern Schöpfung des Herzens, Spiele der Liebe, der Form zugewandt, in der Schönheit zuhause. 

“Ihre virtuelle Reise endet in zwei MInuten”, hörte ich die weibliche Computerstimme ankündigen. Ich verabschiedete mich. trat zurück in den Körper und schlüpfte aus der Maschine. Die Maschine verschwand zurück in der Wand.  

Ich legte mich erschöpft ins Bett. Jedes virtuelle Ertrinken schwächte die physische Lebenskraft. Es ging natürlich keine Kraft verloren, das geht sie ja nie, die Kraft verlagerte sich bloß. Ich merkte das allein schon daran, wie angenehm das virtuelle Sterben geworden war, wie leicht der Übergang fiel, wie tief ich ins Geistige sank. 

Nach einer Weile ging die Wand abermals auf. Der Monitor fuhr aus. Ich stand aus dem Bett auf und setzte mich davor. 

“Guten Morgen Herr Anton. Wir wollen uns heute noch einmal Ihrer Vergangenheit widmen. Bitte nennen Sie die drei einschneidendsten Erlebnisse Ihres Lebens.”

“Eins:Die Geburt meiner Tochter.”, sagte ich nach kurzem Nachdenken. 

Dann zögerte ich kurz. “Einschneidend”, das klang nach scharfer Klinge und Blut, nach Wunde und Trauma. Ich fragte vorsichtshalber nach. 

“Hier einige Synonyme für den Begriff “Einschneidend”: Tiefgreifend. Wegweisend. Prägend.”

“Okay”, sagte ich, “dann habe ich es richtig verstanden”, korrigiere meine Antwort aber trotzdem: 

“Erstens: Meine Tochter zum ersten Mal im Arm zu halten.”   

“Das kann ich mir vorstellen”, lächelte die AI. 

“Zweitens: der Selbstmord meiner Tochter.”

Abermals kam ich ins Nachdenken, auch das schien mir eigentlich nicht korrekt. Ich war schließlich nicht einmal zugegen gewesen, hatte nicht einmal ein genaues Bild dazu im Kopf. “In der Leichenhalle ihre kalte Hand zu halten”, korrigierte ich.

PTA 47 senkte den Blick, nickte fast unmerklich, ein Moment schweigenden Mitgefühls. Simulierten schweigenden Mitgefühls, versteht sich. PTA 47 war der Psychotherapeut unter den humanoiden Robotern im “Gesundheitszentrum”. Tiefenspsychologisch programmiert. Daher auch das simulierte Interesse an meiner Lebensgeschichte.

“Drittens: Meinen Vater tot aufzufinden.”

Auch das stimmte so eigentlich nicht. Als ich unter Deck gegangen war und ihn reglos in seiner Koje hatte liegen sehen, hatte ich ja nicht gedacht: “Mein Vater ist tot.” Sondern versucht, ihn wachzurütteln, ihn wach zu schreien. Aber vergebens. Und so war ich zurück an Deck gerannt und hatte in Windeseile die Küstenwache alarmiert, den Anker gelichtet, den Motor angelassen und das Boot mit durchgedrücktem Gashebel zurück in den Hafen gelenkt. 

“Die Krebsdiagnose meines Vaters”, korrigierte ich. 

Ich hatte mit im Sprechzimmer gesessen. Und war in dem Moment zum ersten Mal in meinem Leben in mir zusammengesunken. Ich muss damals 12 gewesen sein. 

“Die zwei Jahre mit meinem sterbenden Vater”, korrigierte ich kurz darauf abermals.

Vor allem die Wochenenden auf dem Boot. Sein Wunsch, mir die Liebe zum Segeln zu vermitteln. Die Liebe zum Ozean. Seiner Weite. Und Tiefe. Die Liebe zur Freiheit dort draußen. Zur Unberechenbarkeit, die zur Freiheit gehört. Zur Unberechenbarkeit des Windes, der Wellen, der Strömungen, des Himmels. Zur ständig lauernden Gefahr,  zur täglichen Herausforderung und Anstrengung, zur Verantwortung füreinander. Und die Liebe zur Ruhe nach jedem Sturm, für das Glitzern des Wassers in der Morgensonne, für die Seevögel, die uns jeden Tag besuchen kamen, für die Gruppen von Delfinen, die uns hier und da eine Weile lang begleiteten. Für den nächtlichen Blick hinauf zum Sternenhimmel. Für jeden Sonnenauf- und -untergang am unendlichen Horizont. Und nicht zu vergessen. Die Liebe für das Boot. Bis in die kleinste Batterie, bis in die hinterste Dichtung, bis in die letzte Schraube hinein. Mein Vater zeigte und erklärte mir das alles nicht nur, sondern ließ mich auch überall selbst Hand anlegen, bis er sicher war, dass ich nicht nur das Segeln beherrschte, sondern auch das Boot kannte, es fühlte, ihm die nötige Pflege und Wartung zukommen ließ und jede anfallende Reparatur eigenständig durchzuführen in der Lage war. Die Tage waren dem Boot gewidmet, das einmal mir gehören sollte. Die Abende aber galten meinem geistigen Erbe. Was mir besonders in Erinnerung geblieben ist: die Geschichten aus seiner Kindheit. Die schönen frühen Erinnerungen. Bis zur Machtübernahme Pinochets, der Ermordung Allendes, der Verhaftung seiner Eltern. Mich beeindruckte vor allem sein grundsätzlicher Blick auf das Leben, der seine Geschichten durchzog. Mein Vater verstand die Welt und auch die Menschheit als Einheit. An persönliches Schicksal glaubte er nicht. “Mein Krebs ist nicht mein Krebs”, sagte er oft. “Was einem Menschen widerfährt, widerfährt unweigerlich allen Menschen. Jeder einzelne erlebt und trägt das Leben jedes anderern mit.” 

Auf seinen Grabstein ließ mein Vater sich einen Auszug aus Allendes letzter Rede eingravieren: „Arbeiter meines Vaterlandes: Ich vertraue auf Chile und sein Schicksal. Andere werden diesen grauen und bitteren Moment, in dem der Verrat die Oberhand gewinnen will, überwinden. Seid weiterhin im Wissen, dass sich viel früher als später die großen Wege wieder öffnen werden, auf denen freie Menschen wandeln werden, um eine bessere Gesellschaft aufzubauen…“  

“Es muss eine schlimme Zeit gewesen sein”, simulierte  PTA 47 abermals Mitgefühl.

“Unsere Zeit ist um”, sagte der Roboter schließlich. “Auf Wiedersehen, Herr Anton.”

PDA 47 verschwand vom Bildschirm, LFP 6 erschien. LFP 6 hatte mich seit der Inhaftierung hier begleitet. Und war als leitender forensischer Psychiater maßgeblich dafür verantwortlich, dass ich immer noch hier war.

“Ist die Wut noch da, Herr Anton?”

“Nein.” 

“Aber auf bestimmte Menschen schon noch, oder?”

LFP 6 bezog sich natürlich auf den eigentlichen Grund meiner Inhaftierung. Elisas Lehrer hatten sich bedroht gefühlt, ihre Mitschüler, einige ihrer Freundinnen und Freunde. Und selbst ihre Mutter. 

“Nicht mehr”, sagte ich. “In den Wochen nach Elisas Tod suchte ich noch Schuldige, da brauchte ich die Wut noch. Als Puffer. Den reinen Schmerz habe ich erst hier gefühlt. Allein in meiner Zelle. In dem Moment ist alle Wut verpufft.”   

Es stimmte tatsächlich. Es stimmt grundsätzlich, denke ich. Zunächst ist Schmerz einschneidend. Letztlich aber erweist er sich als herausschneidend. Das Leben als großer Chirurg, als Anatom vielmehr, der heimlich dein Wesen seziert. Leben als Weg des Tao: Immer mehr von dir fällt weg, immer weniger von dir ist hier: Du selbst wirst aus der Welt herausgeschnitten. Was dann noch übrig ist von dir, das ist deine Wirklichkeit.

“Und Haben Sie noch Schuldgefühle, Anton?”

“Nein, eigentlich nicht.” 

“Eigentlich?”

“Schuld, aber ohne Selbstanklage. Verantwortung. Aber im Sinne unvermeidlicher Verfehlung. Ich war mit 14 schlimmer dran als Elisa. Eine Mutter gab es nie. Und als mein Vater starb, kam ich ins Heim. Trotzdem, sagt mein Herz, hättest du da sein müssen für deine Tochter. Ich weiß das auch. Ich wusste es auch damals schon. Spätestens seit unserem letzten Wiedersehen. Ich arbeitete damals in Santiago de Chile, und wir trafen uns in ihren Schulferien auf den Galapagos-Inseln. Ich kam nicht mehr an sie ran. Was mit ihr los war, sagte sie nicht. Ein Segelboot mieten wollte sie nicht. Auch nicht die Riffe entlang schnorcheln. Oder die kleineren Inseln erkunden. Sie wollte nur auf Isabela bleiben. Nur dort spazierengehen. Aber nicht etwa am Playa de Isabela oder an der Hafenpromenade, sondern immer denselben fünf Kilometer langen Pfad hinauf zur Muro de las Lágrimas, der Mauer der Tränen. Da wollte sie jeden Tag hin. Und dort den ganzen Tag lang sitzenbleiben, bis zum Sonnenuntergang.”

LFP 6  aktivierte seine automatische Suchfunkton und holte sich alle Informationen zur Mauer der Tränen ein: “Zwischen 1945 und 1959 gebaut. Aus riesigen Lavasteinen bestehend. Über 7 Meter hoch, etwa 100 Meter lang.  Gefangene einer von der Regierung auf der Insel eingerichteten Strafkolonie wurden gezwungen, große Vulkangesteine aus den Steinbrüchen herauszuschlagen und mit bloßen Händen auf den Hügel zu schleppen.  Dort mussten die halbverhungerten Männer das Unmögliche vollbringen, nämlich die riesigen Steine auch noch in die Höhe katapultieren, eine Mauer zu bilden — und das alles im Wissen,  dass der Bau einzig und allein ihrer Tortur diente.  Denn sie Mauer stand irgendwo ins Nirgendwo, einfach so mitten in der Landschaft, ohne jeden Sinn und Zweck. Die offensichtliche Zwecklosigkeit ihrer Arbeit war Teil der Tortur der Gefangenen. Erlösung brachte nur der Tod. Das Sterben aber,  das war langsam, das war schwer, das war ungeheuer qualvoll. Viele verhungerten, andere erfroren, wieder andere verbluteten an den Wunden aus den Schlägen oder wurden vom Gestein zermalmt. Viele brachen einfach tot zusammen. Fahren Sie bitte fort, Herr Anton.” 

“‘Ich höre dort oben die Schreie und Klagen der Menschen’, sagte Elisa einmal, als wir am Hafen zu Abend aßen. ‘Aber als Flüstern. Die Steine flüstern, Papa.’ Ich sah damals zwar, wie stark Elisa sich verändert hatte. Wie ernst und still sie geworden war, dass sie oft traurig drein blickte, sich in sich zurückgezogen hatte. Aber ich begriff es nicht. Weil ich das Flüstern damals selber noch nicht hörte, noch nicht hören konnte.”

“Bitte drücken Sie nun die Enter-Taste, Herr Anton. Auf Wiedersehen.”

Als ich auf Enter drückte, erschien ein weiteres humanoides AI-Gesicht auf dem Bildschirm. “Ich bin Dr. Helios 3. Das war Ihr letztes Therapiegespräch. Und die letzte psychiatrische Evaluation. Ihre Behandlung wird als Erfolg eingestuft. Aktueller Grad der Fremdgefährdung: 0,7 Prozent, Normbereich. Aktueller Grad der Eigengefährdung: 1,4 Prozent, Normbereich. Ihre Entlassung wird vorbereitet. Genauer Termin: Morgen, Montag, den 14.März, 9.15 Uhr.” 

“Ich komme morgen frei?”

Ich sah  mich schon die Klinik verlassen. Mit dem Taxi direkt zum Hafen, das Boot ausgiebig inspizieren, alle Verschleißteile, Batterien und natürlich Flüssigkeiten erneuern, Proviant kaufen und dann hoffentlich schon nächste Woche raus auf den Pazifik, weg für immer. 

“Sie kommen ins Kompetenzprogramm. Wir als Gesundheitsprogramm entlassen Sie.”

“Kompetenzprogramm, was ist das?”

“Ihr persönliches Profil an Fähigkeiten und Potentialen wird ermittelt, ein praktisches Aufgabenfeld eruiert.”

“Und wo genau komme ich da hin? Und für wie lange?” 

“Ein Ortswechsel ist nicht nötig. Die Dauer hängt davon ab, inwiefern Sie im Hinblick auf das eruierte Aufgabenfeld einer Weiterbildung bedürfen. Der etwaige Ausbau von Fähigkeiten ist noch Teil des Kompetenzprogramms.”

“Und dann, nach dem Kompetenzprogramm?”

“Erfolgt Ihre Entfaltung als freier Bürger. Aus unserer Sicht steht dem nichts mehr im Wege. Viel Erfolg, Herr Anton.”

Der Computer schaltete sich aus, der Monitor verschwand wieder in der Wand. 

Das Kompetenzprogramm dauerte nur einige Tage. Wider erwarten bestand keinerlei Interesse an meiner Laufbahn als Maschinenbau-Ingenieur.

“Ihre Kernkompetenz ist geistiger Natur”, hieß es. “Ihre Entfaltung kann vor Ort stattfinden. Der 3D-Simulator wird Ihnen von nun an Tag und Nacht zur Verfügung stehen, die zeitliche Begrenzung der virtuellen Reisen wird aufgehoben.”

Erst jetzt begriff ich: Sie wussten Bescheid. Ich ging davon aus, dass der Simulator meine geistigen Schritte verfolgte, und beschloss, ihn zu meiden. Nach dem Abendessen legte ich mich ins Bett und versuchte zum ersten Mal, ohne Hilfe des 3D-Simulators aus dem Verstand zu gelangen. Zunächst benutze ich die Bilder aus meiner Erinnerung an virtuelle Reisen. Doch so lebhaft ich mir mein Ertrinken auch vorstellte, ich kam nicht raus aus meinem Körper. Schließlich ließ ich die Imagination außer acht und fokussierte mich auf den Moment des Sterbens. “Geist hier”, suggerierte ich mir beim Einatmen. “Körper weg” beim Ausatmen. Es funktionierte. Nach einer Weile trat die physische Dimension in den Hintergrund, schließlich war sie ganz verschwunden, und ich hatte keinen Körper mehr. Vor mir die Unendlichkeit, drehte ich mich um und sah mir die Dimension, in der mein Verstandeskörper gefangen war, von außen an. Ich sah mich in meiner Zelle liegen, Dann sah ich ihre Monitore. Und lauter Kabel, die in meine Zelle führten. Offensichtlich wurden über nicht-invasive Sensoren  biometrische Daten aller Art über mich erfasst. 

“Delta: Traumloser TIefschlaf”, las ich auf einem der Monitore. 

Die Biometrik gab also nichts preis. Konnte sie ja auch nicht, der Körper blieb schließlich in dieser Dimension zurück. Samt Hirn. 

“Mentale Bewegung: 0” las ich.

“Mentale Bilder: n/o.”

“Aktueller Gedanke: n/o.”

“Gefühlsstatus: n/o.” 

Gedanken und Gefühle , Erinnerungen und Pläne konnten sie also lesen. Über meine Wirklichkeit wussten sie hingegen nichts. Sie sammelten ganz offenbar auf indirektem  Weg Daten über die geistige Welt. Was sich nach der Rückkehr als Erinnerung spiegelte, was ich mental reflektierte und dazu fühlte, das registrierten sie. Und ich sah, zu welchem Zweck sie das taten: Sie bauten an einer geistigen Landkarte. Sie erstellten eine Art Plagiat der Wirklichkeit. Aber eines, das sie kontrollierten. Eines, das Seelen für das Original hielten, in dem sie sich zuhause wähnten, derweil sie gefangen waren.

Ich rief Elisa und meinen Vater herbei und wir diskutierten meine Optionen. Eine Möglichkeit war, einfach nicht mehr zurückzukehren, jenen Körper einfach zurückzulassen. Doch das fühlte sich nicht richtig an. Und so verfolgten wir Elisas Plan: die Mauer der Tränen als Portal zu nutzen, um die physische Dimension zu manipulieren. Mittels der aus Qualen gewonnenen kosmischen Autorität der Toten mein Boot in den Hafen von Santa Isabela und mich auf den sagenumwobenen Hügel der Insel zu katapultieren.

Seither tingel ich auf dem Pazifik herum. Ohne Bordelektronik, versteht sich. So findet mich niemand. Ich navigiere, wie man es bis Anfang des 20. Jahrhunderts tat: per Kompass und Intuition. Elisa ist viel bei mir. Oft als Seevogel, manchmal als Delfin. Immer öfter aber bin ich bei ihr. Dann ist mein Körper Teil der Wirklichkeit, dann ist der Ozean der Geist, dann durchquert das Boot die zeitlose Unendlichkeit. “Wenn ich gewusst hätte, dass das möglich ist, dann hätte ich mich  nicht auf die Gleise gelegt”, sagte Elisa neulich. 

“Ich wusste es auch nicht”, erwiderte ich.  

“Jetzt wissen wir es”, sagte sie. “Und das ist gut. Von nun an reisen wir in diesem Wissen.”

Einmal im Jahr gehe ich auf Isabela an Land und besuche die Mauer der Tränen.  Heute sehe ich anders. Heute höre ich auch anders. Heute weiß ich: Allende machte Hoffnung, wo keine ist. Weil sie auch nicht nötig ist. Weil die Wirklichkeit anderswo ist.  Der Körper täuscht. Das Hirn täuscht. Die Welt täuscht. Die Welt ist die Mauer der Tränen, und ich höre ihr Klagelied in jedem Stein. Ich höre die Steine jetzt flüstern, ich höre das Leben mich rufen, ich höre die Gedanken der Toten. Sie erzählen nichts von einem Tod, sie erzählen nur vom Leben. Vom echten Leben, von freien Wesen auf den großen Wegen.

2 Die Tauben haben Hunger

Schon den ganzen Tag knurrt mir der Magen. Nur scheint der Körper alles satt zu haben, was ich ihm anzubieten habe. Ich öffne den Kühlschrank, die Tiefkühltruhe, die Hängeschränke und jede einzelne Schublade, aber nirgends bleibt der Blick haften, nirgends schnellt die Hand empor, nichts scheint genehm. Dabei gehe ich im Kopf sogar die Lebensmittel durch, die normalerweise vorhanden sind, aber gerade fehlen, ich könnte sie ja kaufen gehen. Aber auch das löst kein Echo aus. Jedenfalls kein positives. Aversion vielmehr, Überdruss, hier und da sogar Ekel. Es ist, als habe der Körper alles Alte, alles Bekannte, einfach bis oben hin satt. Als würde er lieber verhungern, als auch nur in Betracht zu ziehen, es noch einmal zu essen. 

Ich setzte mich an den Küchentisch. So muss es dem Buddha gegangen sein, als er sein prinzliches Dasein hinter sich ließ. Vom Gemüt her muss es ihm so ergangen sein. Vom Gemüt her kenne ich es natürlich auch. Wenn ich es Lea zu erklären versuchte, nannte ich es immer “das schwarze Loch der Seele”. Lea sah es anders: “Du bist teilweise autistisch. Und nekrophil!” Sie druckte sogar ein Zitat Erich Fromms aus und klebte es in unserer gemeinsamen Wohnung auf den Kühlschrank. Von Menschen mit nekrophil-destruktiver Orientierung war da die Rede, von einer Kraft, die darauf aus ist, alles Lebendige in tote Materie zu verwandeln. Unter dem Zitat stand handgeschrieben: “Das Leben ist schön, Max. Ich liebe dich. Deine Lea”

Eine neue Frau kommt für mich nicht in Frage. Sexueller Appetit taucht hier und da auf, das schon. Auch Sehnsucht nach Vertrautheit, nach enger Vertrautheit. Nach einem flüchtigen Kuss auf die Stirn am Morgen, nach einem wortlosen zärtlichen Blick zum Abschied. Aber was Frauen im Gegenzug wollen, das kann ich nicht geben. Nicht dauerhaft. Dauerhaft schlafe ich viel lieber allein. Dauerhaft trinke ich auch meinen Kaffee lieber allein. Ich bin überhaupt lieber allein. Und Frauen eben nicht. Damals zog ich mir den Schuh noch an und ließ mich sogar auf eine tiefenpsychologische Behandlung bei Leas Kollegen ein. Ganze zwei Jahre lang arbeitete ich an meiner ‚Beziehungsfähigkeit‘. Bis mich nicht mehr störte, was mich eigentlich stört. Bis ich selbst glaubte, dass ich gern Hand in Hand durch die Stadt lief, dass ich gern Arm in Arm einschlief. Fast ein Jahrzehnt lang roch ich nach einer Frau, nach dem Lavendelduft blümchenbestickter Bettwäsche,  nach Givenchy und Vanillieseife, nach Möse und Östrogen, nach Müsli und Selleriesaft, nach gebratenem Tofu mit frischem Salat. Fast ein Jahrzehnt lang küsste ich im Mondlicht und sagte dazu „Ich liebe dich“, fast ein Jahrzehnt lang verleugnete ich den Buddha in mir. 

Ich sitze am Küchentisch. Abermals höre ich meinen Magen knurren und spüre den Hunger dazu. Ich gehe im Geiste die Speisekarten der Imbisse und Restaurants im näheren Umkreis durch. Pizza, Döner, Gyros, Currywurst, Ente süßsauer, Pad Thai, Pho, Sushi, sogar Wagyu – mein Körper lehnt alles ab. Mein Blick schweift noch einmal in der Küche umher, bleibt an dem Zettel haften, der auf dem Kühlschrank klebt, den keine Frau öffnet, ein Zitat von Stefan Zweig: “Es ist vielleicht das einzige Stück Freiheit, das man sein ganzes Leben ununterbrochen besitzt: Die Freiheit, das Leben wegzuwerfen.” Jetzt reagiert der Körper, offenbar schüttelt er Endorphine aus, mir wird ganz warm ums Herz. Der Buddha in mir lacht. Ich greife zum Schlüssel und laufe aus der Wohnung ins Freie. 

Es ist ein Geheimnis, das den Biophilen verborgen bleibt, denke ich mir, da ich ziellos durch die Straßen laufe: Das schwarze Loch der Seele ist gar nicht schwarz. Es herrscht keine Dunkelheit dort drin. Bloß Klarheit. Grenzenlose Klarheit. Als Lea mich damals verließ, da fing die große Reise an. Der Anfang war in der Tat dunkel, schmerzhaft, schwer. Das ist er, glaube ich, immer. Allein schon von den Knoten her, die als Schmerzen daherkommen, wenn du erstmals innerlich alles hinwirfst. Kolikartige Schmerzen sind da völlig normal. Bis nichts mehr bleibt als der Atem selbst, das dauert. Bis dahin fällt Loslassen noch schwer, da tut Abschied noch weh. Ich hatte Glück, mich zog es ganz hinein ins Loch, ich fiel ganz in den dunklen Abgrund. Jahrelang fiel ich. Bis in die grenzenlose Klarheit hinein, bis ins Satori. Da bleibst du dann. Wochen, Monate, Jahre. Für immer, denkst du.  Aber nichts ist für immer.  Irgendwann fällst du zurück ins Bewustsein. Dann denkt es dich wieder, dann zwickt es dich wieder, dann scheint es dir wieder, als liefest du durch Raum und Zeit. 

Ich stehe auf dem Bahnhofsvorplatz und beobachte eine alte Dame beim Taubenfüttern. Als ihr die Handtasche runterfällt, weil sie mit beiden Armen die Tauben abwehren muss, die in dem Versuch, das Futter im Flug direkt aus der Tüte zu klauen, hektisch mit den Flügeln schlagen, eile ich ihr zu Hilfe. “Danke”, sagt sie und lacht, “seit 30 Jahren geht das so. Und es werden immer mehr. Viele Brieftaubenzüchter lassen ihre Tauben einfach frei, wenn sie wegziehen oder wenn plötzlich das Geld fehlt oder sie einfach keine Lust mehr auf ihr Hobby haben. Gezüchtete Tauben kommen aber nicht zurecht in Freiheit, die haben nie gelernt, in Freiheit zu leben. Daher warten sie hier auf mich, jeden Tag. Und was macht die Stadt? Verbietet das Taubenfüttern. Was macht die Polizei? Zeigt mich an. Nicht mal der Tierschutzverein hilft. Und die Passanten schütteln nur die Köpfe. Manche beschimpfen mich sogar.” 

Biophilie hat auch ihren Preis, die Liebe zum Leben ist auch ein Kreuz, denke ich mir und reiche ihr 20 Euro.
“Oh, danke!”, sagt sie. “Ich bin mit dem Helfer-Syndrom geboren”, lächelt sie fast entschuldigend, “da kann man nichts machen…”
Ein Engel, denke ich mir, da sie sich wieder ganz den Tauben widmet, sorgsam bedacht, die Körner gerecht zu verteilen, während sie liebevoll mit ihnen spricht.  Ein Bodhisattva, ein Buddha der Liebe, allein auf weiter Flur in ihrem Kampf gegen die Gleichgültigkeit, in ihrem einsamen Ringen für eine bessere Welt. Genauso einsam und allein wie ich. Genauso fremd unter den Menschen, genauso verloren in der Grenzenlosigkeit. Nur anders gefunden, im Herzen zuhause, im grenzenlosen Mitgefühl.

Ich gehe durch die Bahnhofshalle runter zum Fluss und setze mich auf die Ufertreppe. Mir wird kurz schwarz vor Augen. Ich muss etwas essen. Aber ich versteh schon. Mein Körper redet nicht, er spiegelt nur. Er spiegelt nur, was ich tief im Inneren weiß: Der Tod ist wunderbar. Immer mehr durchdringt die grenzenlose Klarheit dieser Tage das Bewusstsein. Ich merke es sogar im Schlaf. Immer mehr von mir verliert sich nachts, Immer weniger von mir wacht morgens mit im Körper auf. Als Blase aus Raum und Zeit erscheint die Welt, als Wolke am Himmel der Klarheit. Und ich bin der Horizont. Das Wenige davon, das morgens in der Wolke aufwacht, wacht dort nur ungern auf.  Es verweigert die alte Welt, das alte Leben, das Denken im Glauben an Grenzen immer entschiedener. Es will Blumen riechen, die es noch gar nicht gibt, es will Früchte schmecken, die noch nirgends wachsen, es will über Landschaften fliegen, für die noch kein Planet erschaffen ist. Es will sein, was ich noch nie gewesen bin. Sterben soll ich. Aber um des Lebens willen. Es muss nicht perfekt sein. Es muss nur fließen, und dafür muss es mit der Quelle verbunden sein. Sonst wird es wie hier, sonst wird die Welt ein Irrenhaus und das Kreuz sehr schwer und der Weg sehr hart, weil die Seele es nicht mag.  

Morgen gibt es nicht. Das neue Leben muss schon hier sein, hier irgendwo muss es sein. Der knurrende Magen ist mein Fluss. Der Engel und die Tauben sind mein Fluss. Und die Gruppe Drogenabhängiger, die sich 50 Meter weiter ans Ufer setzt. Einer winkt mir zu, ich winke zurück. Wir kennen uns schon seit der Jungend und trinken noch ab und an ein Bier zusammen. Ich verstehe ja. Sie wollen auch nicht hier sein. Niemand will hier sein. Nicht hier sein wollen ist hier Teil des Flusses. Die Traurigkeit, die Müdigkeit, der Überdruss gehören hier mit zum Fluss. Krank werden ist hier gesund. Wo dich selbst die Sonne nicht mehr wärmt, wo nur noch die Sehnsucht dich nährt, da verhungert die Seele. Dieses Verhungern gehört hier mit zum Fluss. Als dieses Verhungern soll ich hier fließen. 

Wie es dazu kam, das weiß ich nicht. Auch nicht, wie es wieder anders werden kann. Ich weiß nur, das neue Leben muss hier irgendwo sein. Und somit auch der Weg dorthin. Der Weg müssen wir sein. Anders kann es nicht sein, wir müssen der Weg sein. Wir müssen fließen. Der Hunger ist der Fluss. Der Hunger ist der Fluss.

3 Schopenhauer

Schopenhauer erhob sich von seinem Meditationskissen. Wieder war es ihm nicht gelungen, das Denken völlig zum Schweigen zu bringen. Was, fragte er sich, wenn es darauf gar nicht ankommt? Das Erleben mentaler Stille, dachte er sich, ist schließlich auch nur eine phänomenale Erfahrung. Was, wenn man den mentalen Fluss einfach ignoriert? Was, wenn man einfach alle Erfahrung ignoriert, und sei sie noch so direkt oder subtil?

Er setzte sich zurück aufs Kissen. Diesmal konzentrierte er sich nicht auf den Atem, um den Gedankenfluss zu verlangsamen. Auch das Ziehen im Rücken ließ er links liegen. Er ließ die gesamte Zeit-Raum-Existenz links liegen.

Plötzlich war: nichts.  Und er war eins mit diesem Nichts, dieser Leere, dieser Dunkelheit und Stille. Noch im selben Moment offenbarte sich: Dieses Nichts, das er war, war voll. Es war der Grund aller Fülle. Es enthielt alle Welt.

Schopenhauer öffnete die Augen. Was er philosophisch begriffen hatte, das erlebte er jetzt: Alle Wirklichkeit war Vorstellung, alles Dasein war ein Traum. Er aber war im Realen angekommen. Sein Körper saß hier in Zeit und Raum, er aber war in jener Leere aufgelöst – die sich zu einer unermesslichen Fülle ausbreitete.

Bis zu diesem Moment hatte es geschienen, als ob sein Bewusstsein im Feld des Relativen verankert gewesen sei. Doch dieser Anker war nun verschwunden.  Und die Wurzel seines Wesens offenbar geworden. Seine eigentliche Wurzel. Die Wurzel seines wahren Wesens.

Schopenhauer erhob sich abermals vom Kissen. Er setzte sich an den Schreibtisch. „Sprache“, schrieb er, „versagt, wenn sie als Instrument zur Darstellung des Transzendenten dienen soll.“

Er legte den Stift zur Seite und lehnte sich zurück. Dann nahm er den Stift abermals in die Hand, besah ihn von allen Seiten, lächelte, küsste ihn. Er wusste: Das Schreiben hatte ihm gedient. Es hatte das Denken vertieft. Und das Denken hatte ihn aus dem Glauben an eine objektive Welt ins Reich des Subjektiven getrieben, bis an den Rand des relativen Bewusstseins. Und diese Arbeit war nötig gewesen, zumindest für ihn. Er hatte kraft des Denkens zunächst die Welt auflösen müssen – und dann auch sich selbst. So dass der Sprung ins Nichts im Grunde gar kein Sprung mehr war. Sondern eine ganz und gar natürliche Bewegung des Bewusstseins. Die folgerichtige Heimkehr zu seiner wahren Natur. Was er sich denkend erschlossen hatte, das realisierte er jetzt mit jeder Faser seines Wesens: Subjekt und Objekt waren eins. Und gleichsam nichts.

Wenn es aber darum ging, diesen Bewusstseinszustand zu beschreiben, dann versagte die Sprache. Der Verstand kam nicht mehr mit. Das subjektive Ich, das der Verstand verkörperte, existierte hier nicht. Hier war das Ich anderer Natur, hier war das Auge eins mit dem, was es sah. Und wusste gleichsam, dass es die Welt nur erträumte.

Und eben darin lag seine Lebendigkeit: seine zeitlose Lebendigkeit. Die Zeit war das Kind des Lebens des wahren Selbst. Das Leben als geborenes Wesen indes war das Kind der Zeit. Das wahre Selbst stand jenseits von Geburt und Tod, das wirkliche Leben war die Dauer selbst. Es war nicht abhängig von der Raum-Zeit-Mannigfaltigkeit, ganz im Gegenteil, die Mannigfaltigkeit war abhängig von ihm, das gesamte phänomenale Universum samt seinen Gesetzen war selbstauferlegte Form. Vom unsterblichen Selbst erschaffene Form, Wirklichkeit gewordene Möglichkeit, als relatives Bewusstsein Entstehen und Vergehen zu erfassen. Erträumte Wirklichkeit vielmehr, erträumte Trennung von Subjekt und Objekt. Die undurchdringliche Dunkelheit aber war die wahre Essenz jeder Trennung, jeder Form, ja des Lichts selbst.

Geborene Wesen waren ans Raum-Zeit-Feld gebunden. Sie durften von der Gebundenheit erfasst werden, sie durften Schicksal erfahren. Das aber, was sie da erfasste, das umfasste ihre wahre Essenz. Und während ihr Schicksal, ihr Leben und Sterben, in ihrer wahren Essenz enthalten war, blieb diese davon unberührt.

Schopenhauer schrieb kaum noch. Worte blieben belanglos. Die Konten waren geschlossen, die Bücher ausgeglichen, alle innere Notwendigkeit war aufgelöst. Der Körper war alt, dem Sterben nah. Das innere Feuer aber, das glühte wie nie. Manchmal fragte er sich, wie sein Leben wohl verlaufen wäre, wenn die Transformation früher stattgefunden hätte. Zweifellos bestand das höhere Glück darin, im Bewusstsein so harmonisiert zu sein, dass die tiefe Freude an der grenzenlosen Freiheit jederzeit die selbstauferlegte Form durchwirkte. Zweifellos hätte diese Harmonie ihre Früchte im Sein und Werden getragen. Aber leicht stellte er es sich nicht vor. Es war ja so schon schwer genug gewesen. Schon der negative Philosoph war den Menschen ja ein Dorn im Auge. Und jede Tiefendurchdringung der Welt zu schwer, zu viel. Er wäre wohl noch einsamer gewesen, dachte er sich. Vielleicht wäre er als Bettler verendet. Oder im Dschungel verschwunden. Jung gestorben wäre er. Die Schlangen hätten ihn verschlungen. Er hätte sich nicht gewehrt.

In seinem letzten Winter schrieb Schopenhauer seine letzten Worte: „Der Geist will hier nicht sein.“

4 Das Gesetz kennt nur ein Gebot: Befolge das Gesetz

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5 Tara

“Wir sind schon als Kinder kleine Philosophen”, schreibe ich. Dann streiche ich den Satz wieder durch. “Negative Philosophen sind wie Babys”, notiere ich stattdessen. Aber auch das passt mir nicht, und so reiße ich das Blatt aus dem Notizheft und fange von vorne an. So geht es im Grunde den ganzen Tag, ob ich nun schreibe oder nicht. Ich habe keine gute Beziehung zu Worten, zu Gedanken. Der Verstand arbeitet zwar unablässig. Aber für mich ist er eine untaugliche Maschine. Was heißt untauglich, schädlich. Teufelswerk, würde ich fast sagen, wenn ich an den Teufel glaubte. Wo kommen die Gedanken eigentlich her? Wer oder was entscheidet über den nächsten Gedanken, der auftaucht? Wer oder was sorgt dafür, dass die Maschine nie stillsteht, dass ihr nie die Kraft ausgeht?

Ich mit Sicherheit nicht. Ich bin da doch eher das Baby, das sich darüber wundert, dass buchstäblich aus dem Nichts plötzlich diese merkwürdigen Gebilde vor dem mentalen Auge erscheinen. Gebilde, die ich in Laute übersetze. Die natürlich noch keinen Sinn ergeben, denn noch habe ich ihnen keinen Sinn gegeben. “Ehhh. Ohhh. Bahhh. Tata”. So ungefähr ist es für mich heute auch. Nur ist es nicht diese Prä-Sinnhaftigkeit. Ich befinde mich in der Post-Sinnhaftigkeit. Die Gebilde erscheinen als Worte und die Worte machen Sinn, aber es macht alles überhaupt keinen Sinn.

Prä-Sinnhaftigkeit bist du als Baby mit Sicherheit fasziniert von dem einsetzenden mentalen Spektakel. Post-Sinnhaftigkeit schreckst du eher zusammen. Da bist du auf der Lauer, da weißt du, was droht. Nämlich Sinn. Ein Moment der Unachtsamkeit, und plötzlich scheint es dir, als bedeute eines der mentalen Luftschlösser irgendetwas. Und dieser Schein ist wie ein Krebsgeschwür, der wuchert! Und ehe du dich versiehst, bist du kein Baby mehr, da bist du ein Kind, ein kleiner Philosoph. Der Krebs ist sofort metastasiert und umfasst alsbald dein ganzes Wesen, dein ganzes Leben. 

Mir tut das Kind unheimlich leid. Egal, wozu es heranwächst, ob es nun Mann wird oder Frau, Moslem oder Christ, Rechter oder Linker, Gewinner oder Verlierer, es bleibt ein Leben lang der Welpe, der sich selbst in den Schwanz beißt. Weil es ein Leben lang glaubt, dass der Punkt, an dem es steht, und der Punkt, an dem es seine Ziele erreicht, getrennt sind. Und umgekehrt: So sehr es auch dagegen ankämpft, das, was es nicht will, wird immer Teil dessen sein, was ist. Als Baby hast du noch an der Brust der Mutter genuckelt. Und wenn der Magen voll und es dir ganz warm ums Herz war, dann bist du zufrieden eingeschlafen. Jetzt ist der Magen nie mehr voll, jetzt ist es nie mehr warm genug, und du kannst nie wieder zufrieden sein. Und deshalb ist die Welt so, wie sie heute ist.

“Negative Philosophen sind wie Babys”, schreibe ich nun doch wieder nieder. “Kinder nehmen Babys nicht ernst. Können sie ja nicht. Was Babys an Lauten von sich geben, erscheint Kindern als zusammenhangloses Zeug.”  Das ist die Krux. Wir leben nicht in denselben Zusammenhängen. Meine eigene Frau versteht mich nicht. Und mein Sohn hält mich für irre. Dabei halte ich schon meinen Mund. Noch, wo ich zusehen muss, wie er sich unablässig selbst in den Schwanz beißt. Selbst merkt er es gar nicht. Und wo er es merkt, da macht er trotzdem weiter. Weil er meint, es müsse so sein, weil er in einer Welt lebt, die meint, es müsse so sein, weil er glaubt, es mache Sinn. Aber es muss nicht so sein und macht auch keinen Sinn. Das Selbst, das sich in der Polarität positioniert, ist schließlich nur ein Phantom. Das sich selbst erschafft, indem es Phantomen hinterherjagt. Das die Krankheit ist, vor der es davonrennt. Weil der Geist infiziert wurde, weil er selbst einst gejagt wurde, weil er selbst einst Phantomen zum Opfer fiel. 

Eigentlich müssten wir die Körper tauschen, mein Sohn und ich. Eigentlich ist er der Alte unter uns. Er hat seinen klar strukturierten Alltag, seine festen Prinzipien und Lebensziele, seine unumstößlichen Ansichten und Meinungen über Gott und die Welt. Früher war ich auch so. Dieser Tage singe ich zunehmend “Tutu” und “Tata” vor mich hin und pfeife dazu Melodien, die mir spontan in den Sinn kommen, fröhlich oder traurig, langsam oder schnell, je nach Lust und Laune. Ich laufe völlig ziellos durch die Welt, erschrocken und verwundert und immer wieder überrascht. Ich bin jünger als ich je war, ich bin als Rentner zum Baby geworden. Was fest und hart geworden war, ist wieder aufgeweicht bis in die Knochen, bis ins Mark hinein.          

“Du kannst dir im Leben nur brechen, was das Phantom an verknöcherter Substanz aufgebaut hat”, schreibe ich. Vielleicht glaube ich doch an den Teufel. Vielleicht ist der Teufel das Phantom, vielleicht ist das Phantom der Teufel. Ich sehe es doch an meinem Sohn, ich sehe seine Hybris. Nicht nur mir gegenüber. Gott gegenüber. Manchmal tut es mir leid, dass ich es so sehe. Dann blättere ich im Familienalbum nach Fotos von ihm als Säugling. Da ist das Göttliche noch sichtbar, da lacht es dich noch an. Dann verschwindet es allmählich. Und es wächst nur noch das Phantom.   

Im Schaufenster des Reisebüros hing ein riesiges Foto, schwarze Vögel an rotem Himmel über bunten Dächern, im Hintergrund das Meer.  Da wolle ich hin, erklärte ich. “Südindien.”, hieß es, “Genau die richtige Jahreszeit.”. Der Flug ist gebucht, ich werde also auf Reisen gehen.  Mit dem Rucksack ferne Länder durchqueren. Als ich es meiner Frau erzählte, schickte sie mich zum Hausarzt. Sie glaubte, mich habe der Schlag getroffen. Das CT war aber völlig in Ordnung. Mittlerweile ist sie überzeugt, es seien Depressionen, es sei Selbstmord. Morgens kocht sie mir jetzt Jasmintee. Sie hofft noch, dass ich  zur Vernunft komme. Die Sache abblase und stattdessen zum hundertsten Mal mit ihr im Wohnmobil an den Gardasee fahre. Es geht aber nicht, ich kann das nicht mehr. Weil es immer dasselbe ist. Bis hin zum Stellplatz, bis hin zu dem Schweizer Pärchen auf dem Stellplatz nebenan, bis hin zu den gemeinsamen Grillabenden, bis hin zum genauen Wortlaut der Gespräche zu Kotelett und Bier. Post-Sinnhaftigkeit verliert das Gewohnte einfach seinen Reiz. Da scheint dir das Vertraute nicht mehr vertraut, sondern absurd: So habe ich gelebt? Was um Himmels willen war los mit mir?

Ich habe nachgerechnet: 36 Jahre saß ich jeden Freitagabend ab 20 Uhr zur Skatrunde im “Zorbas”. 36 Jahre lang blieb es dieselbe Truppe, aß jeder immer dasselbe Gericht, trank jeder dieselbe Sorte Wein, dieselbe Sorte Bier. Dem Phantom ist diese Konsistenz ungeheuer wertvoll und wichtig.  Denn sie ist ihm lebensnotwendig. Konsistenz nährt das Phantom wie Muttermilch das Baby. Nur dich nährt sie nicht. Du sitzt nach 36 Jahren da und fragst dich: Wo sind jene Abende geblieben? Denn es ist dir, als seist du gar nicht dagewesen. Als hättest du gar nicht gelebt. Hast du ja auch nicht. Das Phantom hat gelebt. Letzten Herbst war ich noch einmal beim Skat. Aber nur kurz. Weil mir die Tränen kamen schon, als der Ouzo kam. Das kommt häufiger vor, manchmal zum Beispiel am Telefon mit meinem Sohn. Beim Frühstück mit meiner Frau sogar regelmäßig. Es ist schwer zu beschreiben, es ist dann, als habe ich diesen Menschen verloren. Als habe ich jeden und alles verloren. Als hätte ich nur als Phantom Substanz gehabt, als sei ich nur als Phantom Teil ihrer Welt gewesen. Und jetzt wieder unsichtbar geworden. Einfach verschwunden. Und es kümmert nur mich, die Phantome tanzen ihren Tanz einfach ohne mich weiter. Ich aber lebe allein in meinem eigenen Verschwunden Sein. 

Chennai. Koliken und Durchfall mit Fieber und Schüttelfrost. Der Hotelbesitzer will den Arzt rufen, ich winke ab. Der Alte klammert nicht mehr. Vielleicht hatte meine Frau ja Recht, denke ich: Vielleicht rief nicht das Leben, sondern der Tod. Die letzte Reise, denke ich. Manchmal werde ich zwischen den Fieberträumen wach. Dann summe ich vor mich hin. Aber nicht mehr “Tata”, sondern “Tara”. Vom Winde verweht. Der Film ist noch älter als ich. Die Musik aber, Itzhak Perlmans traurig-schöne Violine, die ist zeitlos. Die ist das Göttliche in uns, das nicht verweht. 

Tiruvannamalai. Das Taxi hält zwar vor der Ayurveda-Klinik, die der Hotelbesitzer empfohlen hat, mich aber zieht es anderswo hin. Mich zieht es zu den alten Männern in den orangenen Kutten, die überall an der Hauptstraße sitzen.  Einer erzählt mir von seinem verstorbenen Meister und will mir den Ashram zeigen. Auf den Dächern sitzen die Affen, auf dem Grund laufen Pfauen zwischen den Menschen umher. Ich fühle mich wohl und bleibe den ganzen Tag. Ich kaufe sogar ein Schwarz-Weiß-Foto und zwei Bücher des Meisters. Ramana Maharshi, ein großer Philosoph. Am Abend lese ich in meinem Zimmer weiter. In der Nacht träume ich, das Foto nimmt Farbe an, das Gesicht wird lebendig, die Augen strahlen mich an: “Du hast mich gefunden. Du bist ich. Du hast dich gefunden.”

Pondicherry. Das Foto im Schaufenster des Reisebüros hätte glatt vom Dach meines Hotels aus geschossen sein können. Ich fragte den Rezeptionisten gleich am ersten Tag, ob ich nicht eins der Zimmer dort oben auf dem Dach haben könne. Das seien keine Zimmer, es sei ein Apartment, das sei aber nur monatlich zu mieten, erwiderte er. “Okay”, sagte ich. Unter freiem Himmel mitten auf dem Dach steht der alte Schreibtisch, den ich neulich im Antikgeschäft erwarb., An dem sitze ich jetzt jeden Tag mit Blick über die Dächer der Stadt aufs Meer hinaus und schreibe. Keine Memoiren, keine Bilanz, gar nichts über mich, meine Vergangenheit, mein altes Leben. ich will nicht wieder als Phantom sichtbar werden, auch nicht über geschriebene Worte. Ich will anderswohin schreiben, ich will mich als zeitloser Klang erklingen hören. Jetzt, mit 78, will ich als post-sinnhaftes Baby mein neues Lied singen, das Leben ausklingen lassen.  

7 Die Liebe und ich

Es war Sonntagmorgen. Wir waren früh dran. Mussten wir auch sein, weil gegen 11 die älteren Jungs aufmarschierten und uns vom Platz vertrieben. Entsprechend beeilte ich mich, den Ball zu holen, als ich ihn nicht nur übers Tor, sondern auch über den Zaun geschossen hatte. Er war den kleinen Kiesweg entlang und dann unten in den Bach gekullert. Dachte ich. Da fand ich ihn aber nicht. Neben dem Bach stand ein rotes Auto. Ich legte den Kopf auf den Boden und spähte unter den Wagen. Der Ball klemmte neben dem Auspuff. Am Auspuff war ein Gartenschlauch festgeklebt. Der Schlauch führte durch einen Spalt im Beifahrerfenster, das Ende hing im Innenraum. In dem Wagen saß ein Mann am Steuer. Ich war erst sechs und hatte noch nie eine Leiche gesehen. Aber als ich in sein Gesicht sah, wusste ich gleich: Der ist tot.

Ich muss Ewigkeiten wie angewurzelt dagestanden haben, mit dem Ball im Arm, starr vor Schreck. Aber es war nicht nur der Schreck. Es war auch eine heimliche Faszination. Die heimliche Faszination am Verbotenen. Ich hatte natürlich keine Ahnung, wie er es fertiggebracht hatte, was eine Kohlenmonoxidvergiftung war, aber mir war in dem Moment ganz klar: Der Typ hatte sich umgebracht. Das, nicht der Anblick eines Toten, war das heimliche Faszinosum: Hier hatte ein Mensch aus eigenen Stücken sein Leben beendet.  

In den Wochen und Monaten danach verdrängte ich das Erlebte, so gut es ging, und die Erinnerung verschwand allmählich im Raum des Vergessens. Warum taucht sie ausgerechnet jetzt wieder auf? Es gab Zeiten, da hätte ich es verstanden, da war der Tod allgegenwärtig, da stand der Selbstmord im Raum. Aber jetzt? Jetzt ist es Sommer, jetzt scheint die Sonne, jetzt sitze ich mit Blick in den Garten am Schreibtisch und denke über die Liebe nach. Und mein Unbewusstes gibt ausgerechnet diese Erinnerung dazu frei? 

Den roten Taunus sehe ich noch ganz genau vor mir. Auch den grünen Gartenschlauch. Und das schwarze Klebeband im Fensterspalt. Aber kein Gesicht mehr, keinen Körper, der leblos am Steuer sitzt. Stattdessen sitze ich in meinem Schreibtischstuhl und erlebe, wie ich an jenem Steuer sitze. Ich erlebe die tiefe Verzweiflung, die daraus gewachsene Entschlossenheit. Die Einsamkeit in dieser Entschlossenheit, das existentielle Alleinsein in den Stunden der letzten Nacht. Das langsame Hinübergleiten. Den endgültigen Abschied. 

Und plötzlich weiß ich, was Liebe ist: Es ist genau dies. Es ist die Wachheit des Herzens als innerer Zeuge des Du. Es ist das Erleben des Du als ich.  

8 Unbehaust

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9 Vom Verschwinden der Philosophie

Der Philosoph verschwindet in jedem Gedanken
auf der Rettungsinsel
des “Als Ob”

Der Philosoph verschwindet in jedem Gedanken
auf dem Meer vor der Rettungsinsel
des “Als Ob”

Sein Paradoxon seit Anbeginn

Manche freilich wissen das
Manche freilich sind schon seit langer Zeit
verschwunden
Andere gehen nicht übers Meer
und sehen, was sichtbar ist

10 zeit des schweigens

wind berührt sanft
dichte baumkronen
streicht reife grasähren
zerstreut weiße blütenblätter
lässt schmetterlinge mit ihm tanzen

helle vogelstimmen
ganz in dur
flimmernde wärme aus klarem blau
schwarze käfer
in rotblühender malve

nichts sagen
nichts wollen
nichts bedauern
nichts fürchten

nur da sein
in diesem augenblick