Die Vermessung des Fingers

“Unendliches Spiel ist seinem Wesen nach paradox, so wie endliches Spiel seinem Wesen nach widersprüchlich ist.
Der Widerspruch des endlichen Spiels besteht darin, dass die Spieler das Spiel für sich selbst zu einem Ende bringen wollen. Das Paradoxon des unendlichen Spiels besteht darin, dass die Spieler das Spiel in anderen fortsetzen wollen. Das Paradoxon liegt gerade darin, dass sie nur dann spielen, wenn andere das Spiel fortführen.
Unendliche Spieler spielen am besten, wenn sie für die Fortsetzung des Spiels am wenigsten notwendig sind. Aus diesem Grund spielen sie als Sterbliche.
Die Freudigkeit des unendlichen Spiels, sein Lachen, liegt darin, zu lernen, etwas zu beginnen, das wir nicht zu Ende bringen können.”

James Carse

Die Interaktion zwischen endlichem und unendlichem Spieler ist stets absurd. Hier die Illusion eines stabilen Ichs, einer ´überdauernden Identitität, einer überdauernden Welt, das Spiel innerhalb von Grenzen – dort das unbeständige, unerklärliche, unvorstellbare, unvermeidliche, unvorhersehbare Unendliche, das Spiel mit Grenzen.

Immer wieder werden wir hier gefragt: “Wo ist euer Verlag registriert, wo ist euer Impressum, wer seid ihr wirklich, warum versteckt ihr eure wahren Identitäten hinter Pseudonymen?”

Wir wollen immer schreien: “Die Essenz dieses Projekts ist der Fingerzeig, und du willst Informationen über den Finger sammeln? Kapierst du denn gar nichts?”

Der Schrei würde natürlich nicht als Weckruf verstanden, sondern als Bestätigung des dringenden Verdachts des endlichen Spielers: Hier stimmt etwas nicht! 

So absurd ist die Interaktion zwischen endlichem und unendlichem Spieler immer. Und so unfruchtbar normalerweise jeder Fingerzeig. 

Wir bekommen auch Tipps von endlichen Spielern. Beispielsweise die geplanten Schreibwettbewerbe betreffend: mehr Realismus an den Tag zu legen, kleinere Brötchen zu backen, kleinere Preisgelder anzubieten usw. Dabei wäre Realismus ja unser Tod! Realismus ist das Spiel innerhalb von Grenzen zu einem Ende hin. Wir spielen aber gar nicht zu einem Ende hin. Uns ist auch schnuppe, ob es je einen weiteren Schreibwettbewerb geben wird. Denn danach ginge es ja genauso weiter, wie es jetzt weitergeht, nur dass in der Zwischenzeit dieses eine endliche Spiel gespielt worden wäre – eines von einer unendlichen Anzahl von endlichen Spielen, die hätten gespielt werden können.     

Es ist aber scheißegal, ob du dieses oder jenes endliche Spiel spielst oder ganz aufs Spielen verzichtest. Das übersieht der endliche Spieler, weil er vergessen hat, dass er stets freiwillig spielt und der Ausgang jedweden endlichen Spiels völlig irrelevant ist, eben weil es bloß Spiel ist – und zwar ausnahmslos, bis hin zum Verlauf und Ergebnis des endlichen Spiels, das er sein Leben nennt.

Der endliche Spieler hat es aber nicht zufällig vergessen. Er ist auf dieses Vergessen trainiert:

“Ein endlicher Spieler ist darauf trainiert, nicht nur jede zukünftige Möglichkeit vorauszusehen, sondern die Zukunft zu kontrollieren – um zu verhindern, dass sie die Vergangenheit verändert. Dies ist der endliche Spieler im Modus des Ernstes, geprägt von der Furcht vor unvorhersehbaren Konsequenzen.
Unendliche Spieler hingegen setzen ihr Spiel in der Erwartung fort, überrascht zu werden.
Ist Überraschung nicht mehr möglich, so endet jedes Spiel.
Überraschung ist der Grund dafür, dass endliches Spiel endet;
und sie ist der Grund dafür, dass das unendliche Spiel weitergeht.”

James Carse

Als endlicher Spieler in spe solltest du dir der Absurdität des Szenarios stets bewusst sein: Wenn der endlicher Spieler in dir dich warnt, dann warnt er dich stets vor dem Unbeständigen, Unerklärlichen, Unvorstellbaren, Unvermeidlichen, Unvorhersagbaren, dem Unendlichen in dir – und damit vor dem Leben selbst. Und wenn er dir gutgemeinte Ratschläge erteilt, rät er dir letztlich immer zu jenem Tod, den er selber lebt.

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