Moby Dick

Zu erkennen, dass du ein Gefangener deines eigenen Geistes bist –
dass du in einer imaginären Welt lebst, die du selbst erschaffen hast –
ist der Beginn der Weisheit.

Nisargadatta

Es gibt nur zwei, drei Dinge, die ich sicher weiß. Das sind aber keine Dinge, die diese Welt betreffen. Hier steh ich auf dem Schlauch. Die Dinge, die ich sicher weiß, betreffen den Kontext allen Lebens. Was ich sicher weiß ist allein dies:

Alles Leben ist Traum, alle Welten sind Traumwelten. Und ich bin der Träumer. Und was immer ich träume – in Wahrheit ist nie etwas geschehen. Leben kann ich daher immer nur die Lüge. Und in Wahrheit leben nur, wo ich als Geträumter darum weiß, dass ich der Träumer bin, und als Träumer darum weiß, dass ich nichts bin, und als nichts darum weiß, dass ich alles bin.

Darüber hinaus stehe ich, wie gesagt, auf dem Schlauch. Beispielsweise musste ich erst gestern wieder feststellen, dass auf Erinnerungen kein Verlass ist: Ich sprach mit zwei Menschen über ein Geschehen, das wir gemeinsam erlebt hatten – und wir hatten drei völlig unterschiedliche Versionen des Geschehens. Und mir war gleich klar: Es war nicht so, dass zwei von uns falsch lagen und einer richtig – wir lagen alle falsch. Wir liegen immer falsch.

Natürlich auch die Zukunft betreffend. Schließlich ist das, was wir uns als Zukunft vorstellen, bloß Projektionsfläche unserer Erinnerungen – die aber gar nicht stimmen!

Nicht zuletzt stimmt auch das nicht, was ich aus der Gegenwart als “Realität” herausfiltere. Ich merke es ja selbst andauernd: Ich muss nur meine Perspektive ein wenig ändern, oder eine andere Laune haben, oder einfach nur tiefer atmen, und schon sehe ich eine ganz andere Welt. 

Meine Urteile über Menschen und über mich selbst kann ich natürlich auch getrost in die Tonne kloppen. Da stimmt wirklich gar nichts. Kann es ja auch nicht. Wenn ich nicht wirklich etwas über die Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft weiß, dann weiß ich natürlich auch nicht wirklich etwas über den Menschen, der mir gerade gegenüber sitzt. Oder über denjenigen, den ich im Spiegel anblicke. 

Der Verstand liebt es einfach, mir aus der Luft gegriffene Urteile, Erinnerungen, Vorraussagen und Erklärungen zu präsentieren, auf dass ich sie als Wirklichkeit missdeute. Und das kleine Ich liebt es, dieses Angebot anzunehmen, weil es daraus die Illusion basteln kann, als stabiles Ich in einer stabilen Welt zu leben. Als fähiger Kapitän gewissermaßen, der das Meer berechenbar macht, indem er aus der Erfahrung (Erinnerung) heraus die Ströme berechnet und die Stürme voraussagt und das Schiff entsprechend navigiert.

Und zwar in Richtung der Insel der Träume. Die zwar nie erreicht wird – schließlich ist die Dualität ein Nullsummenspiel und die erträumte Insel bloß der Köder, in dem dein Fischmaul sich verhakt – doch die Illusion, die bleibt intakt und du als Fisch in Samsaras Netz gefangen, solange die Fata Morgana endlicher Ziele noch in dir Anklang findet. 

Aus der Automatisierung der für das Nullsummenspiel nötigen Reduktion der Wirklicheit zugunsten einer kontrollierbar scheinenden Simulation der Wirklichkeit ist das erwachsen, was wir heute als ausgereiftes menschliches Selbst kennen. In Wahrheit ist dieses Ich aber jener am Haken hängende Fisch. Menschliche Gesellschaften sind am Haken hängende Riesenfische, potenzierte Formen jenes kleinen Ichs sozusagen. Und was wir menschliche Zivilisation nennen, das ist der Entzündungsherd im Maul dieses riesigen Fisches rund um den Haken Samsaras herum. 

Der gemeine Mensch wähnt sich draußen auf dem offenen Meer, tatsächlich aber navigiert er sein Schiff innerhalb dieses Enzündungsherdes. Er lebt in der konsensuellen Wirklichkeit, oder besser: er lenkt sein imaginäres Schiff durch den Eiterherd der konsensuellen Simulation. 

Die konsensuelle Simulation ist ein von einer riesigen Anzahl von Menschen imaginiertes Riesenschiff auf seiner Reise durch den Eiterherd in Richtung der Insel der Träume. Dem gemeinsamen Ziel muss sich jeder unterordnen, sprich pflichtgetreu seine Aufgabe im Räderwerk erfüllen. Damit niemand aufmuckt, werden allerlei Regeln und Gesetze erfunden und Bestrafungs- und Belohnungssysteme installiert. Derweil ist die externe Tyrranei in Wirklichkeit natürlich innerer Natur, sie ist jenem kleinen Ich erwachsen, das einst das Angebot des Verstandes angenommen hat, in der von ihm angeordneten Simulation der Wirklichkeit zu leben.

Entsprechend tut jeder auf dem Riesenschiff, als wisse er Bescheid. Und der kollektive Verstand bietet das nötige Wissen, das natürlich völlig aus der Luft gegriffen sind.  Und zwar bis hin zu Erklärungsmodellen für Gott und die Schöpfung. Bis hin zum Über-Kapitän mit langem weißen Bart, der irgendwo im Himmel auf seinem Thron sitzt und das Schiff heimlich lenkt. Nicht weniger kindlich dünkt die Mär von jenem anderen angebeteten Gott: dem Gott der Logik, des Wissens. Der Urknall, so erklärt man hier, habe zufällig Galaxien geschaffen, in denen zufällig Planeten um Sonnen kreisen, und auf einigen dieser Planeten sei eben Leben entstanden, Wesen aller Art, bewusste Wesen, und das Bewusstsein sei aus der Körperlichkeit geboren und ende damit.

Aber zurück zu mir: Ich glaube nichts von dem, was mir irgendein Verstand vorgaukelt, und sei es der Riesenverstand des Kollektivs – oder mein eigener. Und da ich nicht glaube, glaube ich auch nicht zu wissen, wo ich in Wirklichkeit nichts weiß. Wo auch niemand wirklich etwas wissen kann. Und wer anderes behauptet, der lügt.

Wissen können wir allein um den Kontext. Und dieses Wissen um den Kontext zu erlangen nennt der zivilisierte Mensch “spirituelles Erwachen”. Damit schiebt er es in den Bereich des Mysteriösen, Unwissenschaftlichen. Dabei ist es die einzige Wissenschaft, die ihren Namen wirklich verdient, und nichts daran ist “spirituell” oder “mysteriös” – außer vielleicht der Tatsache, dass dieses Wissen im Herzen ruht. 

Das eigentlich Mysteriöse aber ist doch, dass Welten des Unwirklichen entstehen, wo das kleine Ich sich für wirklich hält. Dass ganze Zivilisationen aus einer Lüge geboren werden und die Lüge leben und vom wahren Kontext nichts mehr wissen wollen, das ist das Mysteriöse. Das ist das Wunder. 

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