Das authentische Selbst

“Mentale Spannungen sind die Seile, die das Zirkuszelt des Selbst hochhalten. Zentren sind die Stangen und Pfähle, die die Enden der Seile an Ort und Stelle befestigen und die gesamte Struktur straffen. Gewohnheiten von Person-, Körper- und Geisteshaltung schaffen diese Zentren, diese Fixationspunkte, aber sie müssen es nicht.”

Zara Songull

Du kannst weder mit deinem Hund noch mit deinem 6 Monate alten Baby über den Sinn des Lebens angesichts seiner Vergänglichkeit diskutieren, weil beiden nicht nur konzeptuell, sondern auch perspektivisch die ein Überblick über das Leben unmöglich ist. Darum sind sie dir ja so gute Lehrer, wenn es darum geht, dich ins Jetzt zurückzuholen: Sie leben im Jetzt und nirgends sonst.

Im Falle deines Hundes bleibt es auch dabei, bis zu seinem letzten Atemzug. Dein Baby hingegen macht alsbald den Sprung in das, was wir das konditionierte Selbst nennen: Sprache entwickelt sich und mit ihr Konzepte von ich und du, von gestern und morgen, von richtig und falsch, von gut und schlecht. Rollen werden zugeteilt und entwickeln sich zu Identitäten. Glaubenssätze werden vermittelt und entwickeln sich zu Interpreten der Wirklichkeit. Der Verstandesraum wird immer größer, die Reflexion der Wirklichkeit wichtiger als die Wirklichkeit selbst: Ein imaginäres inneres Zentrum ist entstanden, eine Art Schalt- und Kommandozentrale, die uns die Wirklichkeit erklärt und unser Leben dirigiert.

Das Problem: An all den Erklärungen stimmt rein gar nichts. Das  zweite Problem: Die vermeintliche Kontrolle über das Leben existiert auch nur in unserer Einbildung, in dem kleinen Verstandesraum, in dem wir uns befinden. Auf das große Ganze, das als unmittelbare Wirklichkeit daherkommmt, die wir mit Hunden und Babys teilen, haben wir absolut keinen Einfluss. Sprich: Im Grunde ist unser imaginäres inneres Zentrum eine Schaltzentrale für nichts.

Wie Hunde und Babys nicht über das Jetzt, so kann auch das konditionierte Selbst nicht über den eigenen Tellerrand hinausscchauen. Es ist das Dilemma aller Bewusstheit: Bewusstheit ist stets für alles, was über die eigene Stufe der Bewusstheit hinausgeht, blind. Diese Blindheit macht die Erfahrung niedriger Stufen der Bewussheit ja erst möglich, ohne sie könntest du dich nicht als Mensch erfahren und auch nicht als Baum oder Tier. Der Preis für die Erfahrung für jedwede Form der Existenz ist aber eben die eingebaute geistige Behinderung: Die Blindheit für alle höheren Stufen der Bewusstheit.

Entsprechend schwer tut sich das geistig behinderte Wesen namens Mensch damit, über seine gegenwärtige Stufe der Entwicklung hinauszuwachsen. Er weiß nicht, wie es weitergeht, er ist ja blind dafür. Der kleine Verstandesraum, in dem er lebt, seine imaginäre Schaltzentrale, kann auch nicht weiterhelfen und würde es auch gar nicht wollen können, Das ist das Dilemma. Das schon daran leicht zu erkennen ist, dass die Menschheit sich immer nur Führer sucht, die jene Blindheit verkörpern, in der sie selbst gefangen ist, so dass nie etwas Neues entstehen kann.

Das gilt auch für die innere Wirklichkeit: Es wird dem konditionierten Selbst, es wird der alten Schaltzentrale vertraut. Demgemäß kann es ein Weiter im Sinne wachsender Bewusstheit nicht geben, Neues nicht entstehen.

Die nächste Stufe der Bewusstheit wäre das authentische Selbst. Wenn hier vom authentischen Selbst die Rede ist, dann hat das nichts mit einer gereiften Persönlichkeit zu tun. Es hat überhaupt nichts mit der Person zu tun. Es ist vielmehr ein Bewusstseinssprung gemeint, von der die westliche Psychologie nichts weiß. Man könnte es den Sprung in die transpersonale Wirklichkeit nennen.

Der Weg dorthin besteht wie jeder Weg, der wirklich als transformativ bezeichnet werden kann, ein Weg der Auflösung. Es ist ein Weg der Dekonditionierung und Deprogrammierung. Der erste Schritt besteht darin, das imaginäre Zentrum unter die Lupe zu nehmen und die von außen zugetragenen Identitäten, Glaubenmuster und Gewohnheiten zu identifizieren und abzulegen. Dazu gehört alles, was wir als Pavlovsche Hunde zu werden und aus diesem zugetragenen Werden heraus zu sein und zu wollen zu glauben gelernt haben. 

Hierbei hilft manchmal eine gute Psychotherapie – aber leider längst nicht in dem Rahmen, in dem es nötig wäre, zumal ja meist nur negative und die Funktionalität im Alltag beeinträchtigende Einflüsse auf den Tisch kommen, das psychisch-seelische (Lügen-) Gerüst samt imaginärer Schaltzentrale ansonsten aber intakt bleibt. 

Indes verlangt der Prozess der Dekonditionierung, der hier nötig ist, auch die Emanzipation von den vermeintlich positiven Einflüssen, alledem also, das wir geworden sind, weil die Gesellschaft und die Mitmenschen genau diese Art des Werdens  begrüßte und belohnte. Anders als in der Psychotherapie geht es hier ja nicht darum, die Schaltzentrale so umzubauen, dass ein “gesunde” funktionstüchtiges Ich imaginiert werden kann, sondern darum, die Wände des betreffenden Verstandesraumes einzureißen, damit wieder Licht hineinkommt. 

Im Rahmen dieser Arbeit wird der Pavlovsche Hund langsam sichtbar: Der Hund ist natürlich unser eigenes Ego. Das Ego ist die imaginäre Schaltzentrale. Es ist der Zuhälter, der uns als Ware auf dem Marktplatz anbietet und als Nutte an den Höchstbietenden verkauft – und zwar jeden Tag aufs Neue. Dafür verspricht es uns Stabilität und Sicherheit, Macht und Kontrolle und Grund zur Hoffnung auf ein besseres Morgen.    

Mit Hoffnung – und damit auch Angst – versehene Zukunftspläne sind ein unverzichtbarer Bestandteil des imaginierten Zentrums – genau wie der Blick zurück. Die Interpretation von Zeit als linear macht den Kontrollwahn und das entsprechende Theater um Verdienst und Versagen ja erst möglich. Dabei ist es unserem Zuhälter schnuppe, ob wir uns mit Schuldgefühlen herumschlagen oder irgendeine Krone aufsetzen: Wichtig ist nur, dass wir den kleinen Raum unseres mentalen Gefängnisses nicht verlassen.

“Alle Formen der mentalen Spannung, die das Selbst umfassen, haben etwas gemeinsam. Sie sind alle bestrebt, die Wildnis der Erfahrung zu zähmen. Sie erzeugen ein falsches Gefühl von Stabilität, Sicherheit, Vertrautheit, Konsistenz, Konformität, Beständigkeit, Vorhersagbarkeit, Kontrolle, Solidität, Orientierung, Organisation, Bedeutsamkeit und Bedeutung. Sie sind alle, kurz gesagt, Verteidigung gegen Chaos.”

Zara Songull

Verteidigung gegen die unmittelbare Wirklichkeit also ist die heimliche Funktion des konditionierten Selbst. Mit anderen Worten: Es ist unser Widerstand gegen das Leben selbst – in all seiner Unerklärlichkeit, Unvermeidlichkeit und Unkontrollierbarkeit. Das Loslassen dieses Widerstandes, die Auflösung dieser Spannung und der damit einhergehende Ausbruch aus dem kraft dieses Widerstands errichteten mentalen Gefängnis ist der Übergang zum authentischen Selbst.

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