Der Traum von strahlenden Kinderaugen

Die Weisheit sagt mir, dass ich nichts bin. Die Liebe sagt mir, dass ich alles bin. Und zwischen beidem fließt mein Leben.

Nisargadatta

Wenn ich hier in Kamboscha mit dem Fahrrad durch die Gegend fahre, erstaunt mich immer wieder, an wievielen lächelnden Gesichtern ich vorbeifahre. Und wieviele Menschen mir fröhlich zuwinken. Die Kinder sowieso. Aber auch die Alten. Da ist häufig ein Strahlen in den Augen, das man im Westen gar nicht mehr sieht.  Ein einfaches Leben in Armut, scheint es, tut dem Herzen gut.

In Deutschland kommst du, soweit ich weiß, in Untersuchungshaft, wenn du einem Fremden fröhlich zulächelst. Für Flüchtlinge aus armen Ländern muss es dort schrecklich sein. Und die Anpassung eine ungeheure Herausforderung. Um in einer Bürokratie zurechtzukommen, musst du ja Bürokrat werden, anders geht es gar nicht. Denn die Millionen geschriebenen und ungeschriebenen Regeln und Gesetzte kannst du dir ja unmöglich alle merken. Du musst sie dir ins Maul stopfen und runterschlucken. Du musst lernen, sie zu verkörpern. 

Mit offenem Herzen ginge das nicht. Da wäre es eine Qual, dich stumm auf deinen Platz in der Bahn zu setzen und auf den Boden zu starren. Oder noch bei 40 Grad den Helm aufzusetzen, wenn du auf dein Moped steigst. So wie es für den offenen Geist eine Qual wäre, tagein, tagaus in der Schule oder bei der Arbeit als Verstand zu funktionieren. Oder einfach nur die Steuererklärung auszufüllen. Solche Dinge gingen kaum, oder sie gingen gar nicht. 

Die sogenannte “Bildung”, die du im Westen von Kindesbeinen an erfährst, hat mit wirklicher Bildung natürlich nichts zu tun. In Wirklichkeit ist es natürlich Training. Am ehesten sind alle sogenannten “Bildungsstätten” mit Hundeschulen vergleichbar. Nur ist das, was du zu verkörpern zu lernen hast, natürlich etwas anspruchsvoller als “Bleib” und “Sitz” und “Platz”. Das Ziel hingegen ist dasselbe: dir abzugewöhen, nach deinem eigenen Kopf, aus deinem eigenen Herzen, deiner eigenen Natur gemäß zu leben. Dem Herrchen zu gehorchen. Das Herrchen ist die Gesellschaft, der Staat. Die “Bildung” ist dein Halsband, die Bürokratie dein Käfig. Und Lohn und Strafe sind die Leine.

Die Köpfung rückgängig zu machen ist eine schwere Geburt. Noch schwerer ist die Rückkehr zum Herzen. Ich weiß noch, wie ich mich mit Anfang zwanzig allein auf einen Berg verdrückt habe: Den ersten Monat habe ich nur geheult. Und nachts Albträume gehabt. Schreckliche, höllische Albträume. Erst danach konnte ich mich der Natur zuwenden – und dem einzigen Buch, das ich mitgenommen hatte, den “Herzensunterweisungen eines Mahamudra-Meisters” von Gendün Rinpoche.

Das Herz wird im Westen ja vollkommen vernachlässigt, um nicht zu sagen: abgetötet. Das könnte damit zu tun haben, dass das Christentum zur Religion verkommen ist. Oder damit, dass die esoterische Entwicklung im Westen über viele Jahrhunderte hinweg freimaurerisch geprägt war. Das Ergebins: über das normale Maß hinaus geöffneter Geist, verkümmertes Herz. Mit der Folge, dass esoterische Bildung für Eigeninteressen missbraucht wurde und sich damit ganz nach dem Vorbild der Religionen zu einer toxischen Machtinstanz entwickelte. Der wahre Hintergrund dieser Entwicklung ist aber natürlich ein anderer: All diese Instanzen sind, wie auch der Staat und seine Hundeschule, bloß als Welt verkleidete Erscheinungsformen des kleinen Ichs des gewöhnlichen Michels.  

Dieses kleine Wahngebilde ist es, das letztlich dafür Sorge trägt, dass der Geist in dieser Welt auf den Verstand reduziert bleibt und das Herz so gar nicht als zu nährendes und bildendes Organ der Erkenntnis behandelt wird. Der Schutzwall ist auch nötig: Denn hier wie dort droht eche Bildung, die illusionären Grenzen des kleinen Ichs zu sprengen. Der Sprengstoff ist hier wie dort die Wahrheit, nur die Art der Sprengung ist unterschiedlicher Natur. Im Geist ist es die Klarheit, im Herzen die Liebe, in der alle imaginierten Grenzen zu verschwinden drohen.

Den Schmerz zuzulassen, um das Herz wiederzuerwecken, ist eine Sache. Das Herz zu kultivieren eine ganz andere. Mir half zunächst Gendün Rinpoche. Dann Theresa von Avilas innere Burg. Der Kurs in Wundern. Mein Sufi-Meister. Und nicht zuletzt Nisargadattas “ICH BIN”-Meditation. Heute ist der Prozess praktisch automatisiert, sprich, das Tiefer und Weiter vollzieht sich ganz von allein. Und zwar wie auch das geistige Tiefer und Weiter kraft des Sterbens. 

Das ist es ja, was anfangs so schwer fällt und schmerzhaft ist: Das kleine Ich will nicht nur nicht alles loslassen, es will gar nichts loslassen. Es will nicht sterben, sondern das Sterben um jeden Preis vermeiden. Und tut dies auch, indem es den Tod in die Zukunft projiziert. Nur existiert diese Zukunft allein in seiner Vorstellung – und damit auch sein Tod. Der geheime Zweck dieses Zaubers besteht natürlich darin, den natürlichen Prozess des Loslassens, des Sterbens  zu verhindern.

Es ist diese Weigerung, sich selbst zu opfern – und zwar ganz konkret, hier und jetzt, in jedem Augenblick – die jedes Tiefer und Weiter, also wirkliche Bildung, unmöglich macht, im Geist wie auch im Herzen. Und eben weil dadurch wirkliche Bildung so erfolgreich verhindert wird, funktioniert es so gut mit der Hundeschule. Selbst bei jenen, die sich nachts im Traum noch an die strahlenden Augen der Kinder erinnern.

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