
Dass und was der Mensch will, das liegt nicht in seiner Hand. Er hat auch keine Kontrolle über die Geschwindigkeit und den Inhalt seines Gedankenflusses. Und was er tut, das wird durch ihn getan, derweil er sich als Ursache missversteht. Währenddessen bleibt jedes auferlegte Ziel stets unerreicht, Gedachtes stimmt nie, und was immer getan wird, ist nie geschehen. Das ist der Witz am Ganzen.
Das Ich-Bewusstsein ist eine Tortur. Darum schlafen wir ja so gern. Tiefschlaf ist temporäre Befreiung vom Ich-Bewusstsein. Leider geht die Tortur gleich am nächsten Morgen weiter. Wir sind daher gezwungen, Strategien zu entwickeln, um das Unerträgliche erträglich zu machen.
Durch Rituale zum Beispiel. Und jede andere Form von Suchtverhalten. Oder durch unaufhörliche Aktivität und Beschäftigung. Bis wir das große Unbehagen nicht mehr spüren. Beziehungsweise in der Lage sind, es auf die sogenannte ‘äußere Welt’ zu übertragen. Gesellschaftliche Missstände dafür verantwortlich zu machen. Andere Menschen. Oder unser eigenes Schicksal samt unserer persönlichen Beziehungen. Das Unbehagen hat jetzt ein Gesicht: ein äußeres Gesicht.
Was die Psychologie nicht begreift, ist, dass all unsere Fluchtversuche völlig natürliche Reaktionen auf eine unerträgliche Grundsituation darstellen. Die Psychologie geht davon aus, dass nur ein krankes Ich Befreiung von sich selbst anstrebt, während ein gesundes Ich sich selbst bejaht und selbstbejahend entfaltet. Und es gibt ja auch genügend Menschen, die genau dies anstreben, und genügend Beispiele von Menschen, die jenes “gesunde Ich” repräsentieren.
Im hier besprochenen Kontext aber hat das mit Gesundheit nichts zu tun. In diesem Kontext stellt das Wettrennen der vermeintlich Glücklichen vielmehr die Perfektionierung der Selbsttäuschung und Selbstentfremdung dar. Seit tausenden Jahren läuft die Menschheit in eben diese Richtung. Das versprochene Paradies gefunden hat sie nicht. Es hat sich bloß das Rennen verselbstständigt. Die Auseinandersetzung mit der Grundsituation, der Tortur des Ich-Bewusstseins, aber, die ist auf der Strecke geblieben. Weil der Mensch es so wollte: weil er so gewollt wurde. Weil das allumfassende Bewusstsein den Witz auf diese Art erzählt.
Der Witz geht so: Dauernd, wahrscheinlich schon immer, rufen die Menschen nach Frieden. Dabei gibt es den Frieden gar nicht. Wir Menschen befinden uns alle im Krieg, ich sehe es ja an mir. Wie ich immer weiter renne, selbst wenn ich nicht mehr kann. Ich will ja stehen bleiben, zur Ruhe kommen, aber ich kann nicht, sage ich mir dann. Aber das stimmt eben nicht, es stimmt ja nie. Ich kann schon aufhören zu rennen. Aber ich will nicht.
Es hat mit der Nötigung zu tun, um die kaum jemand weiß, zumal wir ja rennen, um nicht darum zu wissen: der Nötigung, ich zu sein. In einem todgeweihten Körper gefangen. In einem ganz und gar sinnlosen Dasein. In einer ganz und gar wahnsinnigen Welt. Der Wahnsinn kommt nicht von ungefähr. Leben ist Leiden: Bewusstheit ist Leiden. Ich zu sein, das macht uns alle wahnsinnig. Darum gibt der Verstand niemals Ruhe. Darum ertragen wir die Stille nicht. Darum flüchten wir ein Leben lang.
Als junger Mensch merkt man es noch nicht, da walten noch die Hormone, da herrschen noch große Gefühle um große Versprechen. Doch locken die Hormone, wie jedes Ziel, ins Nirgendwo, jede Zukunft entpuppt sich als leeres Versprechen, und alles, was am Ende bleibt, ist jener altbekannte Akt des Rennens.
Wohin wir flüchten, ist völlig belanglos, denn nicht nur kommen wir stets nirgendwo an. Es geht stets bloß ums Rennen. Wir wollen, wir müssen weiterrennen, auf dass wir das Unerträgliche ertragen, auf dass wir weiterleben können. Denn wo wir stehenbleiben, da versinken wir im Unerträglichen.
In diesem Versinken liegt der einzige Friede, den es gibt. Ich kenne ihn, ich war dort schon. Doch bin ich wieder aufgetaucht. Das ist die Natur der Dinge. Es ist die Natur aller Existenz. Wir tauchen aus dem Nichts auf, wieder und wieder. Als Ich, das rennt, das rennen will und muss. Weil es allein aus Rennen besteht. Weil ohne es nichts existiert.