
Du hast noch nie jemanden geliebt, und dich hat auch noch nie jemand geliebt. Das ist ein schwerer Brocken, bis es keiner mehr ist.
Zwischenmenschliche Liebe ist ein Narrativ, das zur Illusion des Selbst gehört. Es beruht auf einer Fehlwahrnehmung des Du und des Ichs. Soll diese Fehlwahrnehmung korrigiert werden, muss der Schleier des Verstandeskörpers vollständig gelüftet werden.
Ist der Schleier nur teilweise gelüftet, dann wird die Illusion rissig, bleibt aber intakt. Die “Wahrheit” hört sich dann ungefähr so an wie bei Max Frisch:
Du sollst dir kein Bildnis machen.
Es ist bemerkenswert, dass wir gerade von dem Menschen, den wir lieben, am mindesten aussagen können, wie er sei. Wir lieben ihn einfach. Eben darin besteht ja die Liebe, das Wunderbare an der Liebe, dass sie uns in der Schwebe des Lebendigen hält, in der Bereitschaft, einem Menschen zu folgen in allen seinen möglichen Entfaltungen. Wir wissen, dass jeder Mensch, wenn man ihn liebt, sich wie verwandelt fühlt, wie entfaltet, und dass auch dem Liebenden sich alles entfaltet, das Nächste, das lange Bekannte. Vieles sieht er wie zum ersten Male. Die Liebe befreit es aus jeglichem Bildnis. Das ist das Erregende, das Abenteuerliche, das eigentlich Spannende, dass wir mit den Menschen, die wir lieben, nicht fertigwerden; weil wir sie lieben, solange wir sie lieben.Man höre bloß die Dichter, wenn sie lieben; sie tappen nach Vergleichen, als wären sie betrunken, sie greifen nach allen Dingen im All, nach Blumen und Tieren, nach Wolken, nach Sternen und Meeren. Warum? So wie das All, wie Gottes unerschöpfliche Geräumigkeit, schrankenlos, alles Möglichen voll, aller Geheimnisse voll, unfassbar ist der Mensch, den man liebt – Nur die Liebe erträgt ihn so.
Unsere Meinung, dass wir das andere kennen, ist das Ende der Liebe, jedes mal, aber Ursache und Wirkung liegen vielleicht anders, als wir anzunehmen versucht sind – nicht weil wir das andere kennen, geht unsere Liebe zu Ende, sondern umgekehrt: weil unsere Liebe zu Ende geht, weil ihre Kraft sich erschöpft hat, darum ist der Mensch fertig für uns. Er muss es sein. Wir können nicht mehr! Wir künden ihm die Bereitschaft auf, weitere Verwandlungen einzugehen. Wir verweigern ihm den Anspruch alles Lebendigen, das unfassbar bleibt, und zugleich sind wir verwundert und enttäuscht, dass unser Verhältnis nicht mehr lebendig sei.
“Du bist nicht”, sagt der Enttäuschte oder die Enttäuschte: “wofür ich Dich gehalten habe.” Und wofür hat man sich denn gehalten? Für ein Geheimnis, das der Mensch ja immerhin ist, ein erregendes Rätsel, das auszuhalten wir müde geworden sind. Man macht sich ein Bildnis. Das ist das Lieblose, der Verrat.
Du sollst dir kein Bildnis machen, heißt es von Gott. Es dürfte auch in diesem Sinne gelten: Gott als das Lebendige in jedem Menschen, das, was nicht erfassbar ist. Es ist eine Versündigung, die wir, so wie sie an uns begangen wird, fast ohne Unterlass wieder begehen – Ausgenommen, wenn wir lieben.
Max Frisch
Dieser “Versündigung” sind wir alle schon hundert und tausend Mal “schuldig” geworden — und werden es noch. Auch an uns selbst. Zum einen, weil das Bildnis vom Du unser eigenes Gefängnis ist. Zum anderen, weil wir uns auch von uns selbst ein Bildnis machen. Wir werden auch selbst zu unserem Erzeugnis, zu unserem Opfer. Das Lieblose umfasst auch uns, der Verrat ist stets auch Selbstverrat.
Was dabei gerne übersehen wird: Es spielt keine Rolle, ob ein gemachtes Bildnis positiver oder negativer Natur ist. Wann immer wir einem Du etwa für eine Handlung loben, für ein Werk auszeichnen, für einen Erfolg bewundern, für einen Charakterzug preisen oder sonstwie Anerkennung schenken, reduzieren wir dessen Wirklichkeit, grenzen wir das Unbegrenzte ein und verweigern damit den Anspruch alles Lebendigen.
Anerkennung ist ein böser Betrug. Anerkennung ist ein Götze. Anerkennung ist eine Gefängniszelle.
Zara Songull
Und so ist eben auch jedes “Ich liebe dich” ein Götze, eine Gefängniszelle. Es sei denn, die Liebe gilt nicht der Person, dem territorialen Selbst, sondern der wahren Natur des Menschen. Dann aber gilt die Liebe nicht vereinzelten, sondern allen Menschen. Diese Art der Liebe rührt nicht von der Person her und zielt auch auf keine Person hin. Die Liebe rührt hier von der Erkenntnis her, dass jedes Du und alle Welt Teil des einen Bewusstseins ist: des allumfassenden “Ich bin”. Rührt die Liebe von der Person her, dann gilt sie einzelnen, und dann ist ihr geheimer Zweck stets die Vermeidung der Wahrheit zugunsten der Aufrechterhaltung der von Maya/Ego fabrizierten Täuschung.
Die Hartnäckigkeit der Illusion vom menschlichen Selbst hat viel mit der Verflechtung dieser drei Komponenten zu tun: unserem Bildnis vom Du, unserem Bildnis von uns selbst und dem Bildnis der Welt von uns. Und alle drei Komponenten sind reine Narrative: Es sind ausnahmslos erfundene Geschichten.
Das ist ja die Erkenntnis, die Frisch in Stiller, Homo Faber oder auch Gantenbein vermittelt: Dass nichts davon stimmt, was wir über uns selbst und über andere zu wissen meinen, dass alles, was wir uns den ganzen lieben Tag lang über uns selbst und über die Welt erzählen, Lüge ist.
Die Lüge hat zwei Arme: Konsistenz und Kongruenz. Das illusionäre Selbst nährt sich vor allem aus Erinnerungen und entwirft daraus seine Zukunftspläne. Von seinen Plänen weiß es, dass sie auf Vorstellung beruhen. Von seinen Erinnerungen weiß es das nicht. Die Erinnerungen hält es für Wirklichkeit: für seine Wirklichkeit. Und es schöpft daraus ein kongruentes Bild: eine Geschichte. Die natürlich, wie jede Erinnerung, auf der sie beruht, erfunden ist.
Die Lüge hat zwei Beine: Maya und das Ego. Maya sorgt dafür, dass uns der Daseinstraum als Wirklichkeit erscheint. Auf dieser Täuschung aufbauend, konstruiert das Ego das Traumbild vom menschlichen Ich und damit sich selbst. Und indem es sich selbst erschafft, erschafft es die Welt. Aber eben bloß in der Vorstellung. Als überdauernde, im Normalfall lebenslang geglaubte Lüge.
Wenn du das erzählst, glaubt es dir natürlich kein Mensch. Maya/Ego sitzen so fest im Sattel, dass kaum ein Mensch auch nur ein einziges Bildnis vom einem Du in Zweifel zieht. Und schon gar nicht sein Bildnis von sich selbst. Und noch weniger die Grundlage dieser Bildnisse: den Vestandeskörper samt allen Konzepten, Gedanken und Erinnerungen, die er für seine eigenen hält, und deren vermeintliche Wichtigkeit. Und am allerwenigsten das Ur-Konzept, Moolmaya, die erste Täuschung: Ich bin.
Wer die Arme der Lüge sieht, der ist schon wach im Traum. Derweil die Illusion noch intakt ist, lebt er im Einklang mit allem Lebendigen. Den Rissen durch die Welt seines Wahns sei Dank, ist er sich selbst — und damit auch jedes Du — ein undefinierbares wandelbares Rätsel.
Jede Nacht, wenn ich schlafen gehe, sterbe ich. Und am nächsten Morgen, wenn ich aufwache, werde ich wiedergeboren. – Mahatma Gandhi
Wer auch die Beine der Lüge sieht, der weiß, während er nachts schlafenzugehen und morgens wiedergeboren zu werden scheint: Ich habe nie existiert. Dies zu realisieren ist das Erwachen aus dem Traum, das ist die Heimkehr. Zuweilen überkommt einen Menschen das Heimweh, ohne dass er wüsste, dass es Heimweh ist:
Ich halte nichts von Selbstmord, das ändert ja nichts daran, daß man auf der Welt gewesen ist, und was ich mir in dieser Stunde wünschte: Nie gewesen sein!
Max Frisch
In solchen Momenten ist der Sprung aus dem Ich-Bewusstsein möglich. Aber wahrscheinlich ist er nicht.
Wenn uns anderen, welche noch der Schleier der Maya umfängt, auch zu Zeiten, im schwer empfundenen eigenen Leiden, oder im lebhaft erkannten fremden, die Erkenntniß der Nichtigkeit und Bitterkeit des Lebens nahetritt und wir durch völlige und auf immer entschiedene Entsagung den Begierden ihren Stachel abbrechen, allem Leiden den Zugang verschließen, uns reinigen und heiligen möchten; so umstrickt uns doch bald wieder die Täuschung der Erscheinung, und ihre Motive setzen den Willen aufs Neue in Bewegung: wir können uns nicht losreißen.
Die Lockungen der Hoffnung, die Schmeichelei der Gegenwart, die Süße der Genüsse, das Wohlseyn, welches unserer Person mitten im Jammer einer leidenden Welt, unter der Herrschaft des Zufalls und des Irrthums, zu Theil wird, zieht uns zu ihr zurück und befestigt aufs Neue die Banden.
Arthur Schopenhauer
Dies gilt insbesondere dann, wenn Maya/Ego in Gestalt der Hybris des westlich geprägten Verstandes daherkommt. Kraft dieser Hybris werden jegliche im Schleier der Täuschung auftretende Risse in Nullkommanichts behoben. Damit wird die strukturelle Integrität der Gefängniszelle wiederhergestellt, und der Mensch bleibt ein Kind, das an Märchen glaubt.
Basu Winter
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