Neues aus der Kanalisation

In einem Auszug aus ihren posthumen Memoiren erinnert sich Virginia Roberts Giuffre an den Tag, als sie im Alter von nur 16 Jahren von einem „Spitzenprädator“ aus Mar-a-Lago rekrutiert wurde; wie sie an eine Reihe reicher und mächtiger Männer verkauft wurde – und wie jeder wusste, was vor sich ging.

‘Prince Andrew believed having sex with me was his birthright’: Virginia Giuffre on her abuse at the hands of Epstein, Maxwell and the king’s brother | Jeffrey Epstein | The Guardian

Man kann sich natürlich jederzeit auf die Reichen und Mächtigen stürzen. Doch wenn der Rest der Menschheit integer wäre, dann bräuchte es weder Polizei noch Gefängnisse, dann genügte das ethische Bewusstsein des Einzelnen als Gesetzbuch.

Die Realität aber sieht anders aus. Da geht es weiter den Bach runter. Damit sich das ändern könnte, müsste eine Bewusstseinsevolution hin zum Einheitsbewusstsein stattfinden. Im Rahmen des Wahnsinns der Normalität findet jedoch weder Herzens- noch Geistesbildung statt. Statt Heideggers “Eigentlichkeit” wird allein das “Man” kultiviert. 

Eben darum bedarf es ja der äußeren Gesetze: Der Mensch, der noch in der Konformität  zu Hause ist, ist nur die Karikatur seiner selbst. Er hat keinen inneren Kompass, sein Verhaltenskodex ist auf Wunsch nach Belohnung und Angst vor Strafe gebaut. Das ist der einzige Unterschied zu den Reichen und Mächtigen: Ihre Angst vor Strafe ist geringer, weil die Wahrscheinlichkeit größer ist, dass es gelingt, ihr zu entgehen.Da ist eine Schönheit in ethischem Bewusstsein. Eine innere Schönheit, gebaut auf tiefer Wahrheit, die sich von selbst entfaltet, ohne dass irgendeine Form von Impuls- oder Verhaltenskontrolle nötig wäre. Auf einer höheren Bewusstseinsstufe sind das Wahre, das Schöne und das Gute einfach natürliche Ingredienzien der Lebensentfaltung. In dieser Welt begegnen wir ihnen fast nie, jedenfalls nicht von Seiten der Menschen.

Das ist es vermutlich, was Virginia Giuffre in den Selbstmord trieb: Sie wurde aufgefangen, aber von wem? Psychotherapie löst die Trugbilder des Bewusstseins nicht auf, Memoiren bewirken keine Transzendenz, und jeder öffentliche Aufschrei verhallt echolos. Das Man, das menschliche Kollektiv hat einfach keine Antwort auf deine existentiellen Nöte, weil es selbst verloren ist.

Laut eines anderen Guardian-Artikels hält Peter Thiel, einer der mächtigsten Männer der USA – Co-Founder der Paypal-Mafia und, noch schlimmer, von Palantir, das unter anderem Israel fortschrittliche KI-Hardware und -Software zur Zielerfassung bei der Bombardierung Gazas zur Verfügung stellt  – nebenbei auch Vorträge über die biblische endzeitliche Entscheidungsschlacht zwischen Gut und Böse. Greta Thunberg, vermutet er, könnte der Antichrist sein, die USA der Katechon. Laut Guardian lief, während Thiel neulich Abend seinen Vortrag hielt, ein Trio selbsternannter Satanisten in schwarzen Kostümen und mit Gothic-Make-up die Reihe der Anwesenden auf und ab:

Sie trugen einen Kelch mit roter Flüssigkeit und einer kleinen Plastiknachbildung eines Knochens. „Bringt ihr unserem dunklen Herrn Peter Thiel das Blut dieses Babys?“, fragten sie. Dann führten sie ein sogenanntes „dunkles Ritual“ durch: Sie tanzten langsam im Kreis zu Mozarts Requiem in d-Moll. Am Ende krümmten sie sich auf dem Bürgersteig und riefen: „Bring uns in deine persönliche Hölle… Danke, dass du unser dunkler Herr bist. 

Sind Thiels Argumente nachvollziehbar?”, fragt der Reporter am Ende des Artikels. Und antwortet:

Kurz gesagt: Nein. Ein repräsentatives Beispiel dafür ist seine verworrene, widersprüchliche Zusammenfassung der Frage, wer der Antichrist sein könnte: ‘Man könnte meinen, der Antichrist stelle das Ende der Philosophie dar – ihren Höhepunkt,. Er ist das Individuum, das alle Individuen beseitigt; der Philosoph, der alle Philosophen vernichtet; der Cäsar, der alle Herrscher vernichtet; der Mensch, der alle Geheimnisse kennt. Wie ist das in der Spätmoderne möglich, wo wir nicht glauben, dass ein Philosophenkönig, Tyrann oder Herrscher an die Macht kommen kann?”

Die Verworrenheit ist natürlich hausgemacht, Thiels Schauspiel dient allein dem Zweck, die Ignoranz der Menschheit noch weiter zu vertiefen. Zumal die wahre Antwort ja auf der Hand liegt: Der Antichrist hat viele Gesichter. Und die Apokalypse steht nicht bevor, sondern findet längst statt. Und nicht erst seit gestern. Sondern seit Jahrtausenden. Und ein wesentlicher Bestandteil dieses Niedergangs ist eben die kontinuierliche Verblendung der Menschen.

Heute weiß niemand mehr, was Christusbewusstsein überhaupt ist. Dabei ist es doch ganz einfach: Es ist das Einheitsbewusstsein, das in jedem Menschenherzen schlummert. Und der Antichrist ist die Gegenkraft dazu, die uns allen innewohnt: Es ist der Lebens-, der Überlebenswille, ja mehr noch, der Wille zur Macht, der auf dem Bewusstsein des Getrenntseins gründet.

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