Geil auf Drama

”Sobald du mit absoluter Sicherheit weißt, dass dich nichts anderes beunruhigen kann als deine eigene Fantasie, beginnst du, deine Wünsche und Ängste, Konzepte und Ideen zu ignorieren und allein nach der Wahrheit zu leben.”

Nisargadatta

Der Verlierer Verlag ist deshalb ein höchst interessantes Konstrukt, weil seine Autoren ausnahmslos zu dem größeren Kontext wach sind, in dessen Rahmen Inhalt erscheint, Leben geschieht. Wer hier liest, wird also unweigerlich mit seiner eigenen Wachheit konfrontiert.

Für die Menschen ist das völlig ungewohnt. Ich weiß noch, wie ich mich einmal meinem letzten Lehrer gegenüber über mein Leben beklagte: Es sei unerträglich, ja alles zuviel, zu schrecklich gewesen. Ein Psychotherapeut hätte jetzt nachgehakt, wir hätten vermutlich Jahre damit verbracht, “die Vergangenheit aufzuarbeiten”. Mein Lehrer indes meinte nur: “Du wolltest es so. Bis ins letzte Detail wolltest du es so.” Das meine ich. Ich war auf den Inhalt fokussiert, sah mich als Opfer – er appellierte an meine Wachheit zum Inhalt. Es ist, als würde jemand mit dem Finger schnippen und dich damit aus einem Tagtraum wecken, in dem du dein Leben verbracht hast.

Der Wachtraum hat natürlich noch viele andere Aspekte, mit einem Fingerschnippen ist es daher nicht getan. Das wiederum hat viel mit unserer unendlichen Faszination für die Inhalte zu tun – und zwar für alle Inhalte, insbesondere die extremen. Der “Tatort” ist ja nicht grundlos beliebter als “Rosamunde Pilcher”. Wir sind geil auf Drama. Das klingt krank, ist aber eher so zu verstehen, dass wir hier Zugang zu Erfahrungsebenen haben, die uns andernorts verschlossen bleiben, sprich:  Die Scheiße, die wir hier erleben können, ist einmalig. Und damit von einer höheren Warte aus überaus kostbar und liebenswert.

Wachheit zum Kontext umschließt also stets Wachheit zur Verantwortung für alle Erfahrung und Würdigung aller Erfahrung. Zugleich wächst die Distanz zur Erfahrung und zum Erfahrenden und es wird klar: Das Erfahren vollzieht sich im Rahmen eines Tagtraumes. Die Grundlage des Tagtraums des Erfahrens aber ist, dass ein Erträumter (Erfahrender) einer Welt zu begegnen (eine Erfahrung zu machen) scheint: dass jemand und gleichsam etwas ist und wird.

Und je größer die Distanz zu dieser Erscheinung, desto klarer wird: Der Traum von Sein und Werden ist von Natur aus dramatisch und muss es auch sein. Und wie die wärmende Sonne und der glitzernde Tropfen im Morgentau. so gehört auch die ganze unendliche Scheiße in der Kanalisation mit dazu. Denn alle Existenz ist schrecklich-schönes Spiel.

Image credit – Leah Heart, in backiee.com