
Dortmund. – Der Strom ist abgestellt, doch nachts brennt immer noch Licht im unter Quarantäne gestellten Klinikgebäude. Die Nahrungszufuhr ist eingestellt, ausgehungert wirkt indes immer noch keiner der Insassen. Wie hier auf dem Bild Schwester Heike und Patientin Laura W., steht nach wie vor hier und da ein Insasse teilweise stundenlang auf dem Balkon oder auf dem Dach lächelnd einfach nur so rum.
In einem Fernsehinterview am Morgen erklärte Klinik-Hausmeister Ralf Müller die Gründe dafür: “Es wird Monate dauern, bis die behördlichen Maßnahmen greifen. Denn die Lagerräume sind bis oben hin voll mit Lebensmitteln. Der Strom wird fürs Erste auch weiterfließen, die Benzintanks für den Notfallgenerator sind erst letzten Monat aufgefüllt worden.”
Offenbar haben die Insassen auch nach wie vor Zugriff aufs Internet. Am Mittag meldete sich Schwester Heike per Videobotschaft: “Alles gut”, lacht sie. “Wirklich, es ist alles gut!”
Dann fängt sie zu weinen an: “Es tut mir nur so unendlich leid für die Pflanzen und Tiere und Menschen. Weil es ein flacher Kreis ist. Der sich endlos wiederholt. Die Anziehungskraft des Egos ist hier einfach ungeheuer stark. Jede Blume, jede Ameise hier wird durch die Kräfte der Täuschung zu der Überzeugung verleitet, als getrennte Wesenheit in einer Welt zu existieren. Und niemand hat es je geschafft, eine Ameise aus ihrem Traum zu wecken. Beim Menschen ist es fast noch schwieriger, denn der menschliche Verstandeskörper samt Wahrnehmungsapparat ist noch komplexer, die Kräfte der Täuschung erzeugen eine noch komplexere Selbstidentität und äußere Welt. Und diese Komplexität erzeugt ein noch stärkeres Gefühl von Ichheit, Solidität und Relevanz.
Dieser Traum ist so komplex, es braucht so viel, um zu einer Erscheinung wie dieser zu gelangen, dass die Menschen nicht nur davon überzeugt sind, dass die Welt, in der sie leben, solide und real ist, sondern auch, dass sie selbst wichtig sind. Das Zentrum des Universums. Innerer Spiegel dieser Überzeugung ist der Wahn des Ichs, das meint, es sei die denkende und handelnde Instanz. Äußerer Spiegel sind Gott und der Statt. Die Menschen schreien nach Bedeutung und Führung. Es ist der Schrei, der ganz zuletzt verstummt.
Die völlige Irrelevanz des Ganzen tut manchmal noch weh. Denn sie ist absolut. Die Irrelevanz des Bewusstseins-Inhalts ist absolut. Beziehungen, Alleinsein, Güte, Unbarmherzigkeit, Schönheit, Hässlichkeit, Wissen, Ignoranz, Ziele, Träume, Wünsche, Ängste – alles ist völlig irrelevant. Die ganze Reise der Existenz ist ein ziemlich absurder Traum. Wirklich erscheint er nur im Meer der Ignoranz.
Irgendwann sinkt das Floß einfach, und der Wahn des Ichs löst sich auf, und die Welt verschwindet . Die Erkenntnis der absoluten Irrelevanz des Ganzen aber wirkt noch eine Weile nach. Sie mag der traumatisierendste Aspekt des Erwachens aus dem Traum des Dasein sein. Nichts kann jemals wieder wirklich wichtig erscheinen. Ich kann mir immer noch Bedeutungen ausdenken. Aber sie sind jetzt schwerelos. Weil ich weiß, dass sie nichts bedeuten. Weil das Dasein ein Traum ist. Leben aber ist absolut. Genau wie der Tod. Samsara und Nirvana, das Absolute und die Welt des Werdens sind eins.”
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