
Dortmund. – Die Stadt steht weiterhin unter Quarantäne. Doch von der sozialen Eskalation, die Experten voraussagten, ist weiterhin nichts zu sehen: Es werden nicht einmal die Supermarktregale leergeräumt, obwohl niemand an der Kasse sitzt. “Die Leute nehmen nur mit, was sie gerade brauchen”, erklärt der Rentner Hartmut G. “Viele teilen auch die Vorräte, die sie noch zuhause haben. Oder kochen für ihre Nachbarn mit.”
Merkwürdigerweise stellt auch der fehlende Polizeischutz kein Problem dar. Die befürchteten Einbrüche bleiben aus, Geschäfte und Büros bleiben ebenso unversehrt wie private Häuser und Wohnungen. “Die Menschen, scheint es, sind von der Gier geheilt”, lächelt Hartmut G.’s Gattin Elfriede G.
Auch von der befürchteten Gewalteskalation ist nichts zu sehen. “Im Gegenteil”, winkt Elfriede G. ab, “die Menschen sind freundlicher denn je. Jeder ist zufrieden in seinem eigenen Lebensfluss. Und teilt gern, was er hat.”
“Es ist schön”, nickt Hartmut G zustimmend. “Geradezu paradiesisch.”
“Magisch”, nickt Elfriede G.
“Wir nennen es Magie, wenn wir einen flüchtigen Blick auf die Verbundenheit und Einheit erhaschen, die allen Traumlandschaften zugrunde liegt”, erklärt der Kölner Ex-Philosophie Professor Hans Niemand auf Anfrage hin. “Und das ist es auch. Es ist ein Zauber. Es ist alles ein Zauber. Denn was auch immer ist, ist nicht. Derweil geht es endlos weiter. Und das Mysterium wird nie gelöst. Weil es kein Mysterium ist. Oder besser gesagt, es ist sich selbst ein Mysterium. Verstecken spielen ist nicht beabsichtigt. Es ist unvermeidlich. Und wenn das Unvermeidliche die Menschen nicht mehr ängstigt, dann wird das Miteinander zauberhaft.”
Die Schulen sind verwaist, die Kinder tollen in den Parks herum. Autos fahren kaum noch, die meisten Dortmunder spazieren zu Fuß durch die Gegend. “Man hört die Vögel wieder”, sagt Elfriede G. “Es ist wunderbar friedlich.”