
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kinder, lieber Michel,
meine Aussage im Text Der Traum von strahlenden Kinderaugen, es sei absurd, bei 40 Grad auf dem Moped einen Helm tragen zu müssen, suggeriert, dass ich der Meinung sei, die Helmpflicht gehe bei 20 Grad auf einer dicken Yamaha in Ordnung. Diese Suggestion bedarf der offiziellen Richtigstellung gemäß § 823 Abs. 1 BGB i.V.m. § 1004 Abs. 1 Satz 2 BGB:
Es ist verfickt nochmal grundsätzlich meine Sache, ob ich einen Helm trage, oder mich anschnalle, oder mich aufhänge. Es geht den Staat einen Dreck an, und er hat kein Recht, mich dafür zu bestrafen oder einzusperren, dass ich mich selbst gefährde.
Natürlich gibt es noch tausend andere Beispiele für die unerträgliche Übergriffigkeit des Staates dem Bürger gegenüber. Aber man darf nicht vergessen: Der Michel will es so. Vielleicht will er nicht diese Regierung, sondern eine andere. Aber er will regiert werden. Und er hat nicht den blassesten Schimmer, warum er es will. Warum er das Wir, die Menschenwelt, auf diese und keine andere Art erschafft.
Ein früherer Freund von mir, der ein Idiot geblieben ist, während ich an der quälenden Frage, wie verdammt nochmal ich in diesen Körper, in diese Welt geraten bin und wie ein solches Missverständnis sich zukünftig vermeiden lässt, nach und nach aus dem Daseinstraum erwacht bin, sagte einmal: “Ich habe riesigen Respekt vor jedem Menschen.”
Ich überhaupt nicht. Ich halte Menschen für feige, dumme, verrohte Säue. Tierische Säue sind ja süß. Menschliche nicht. Sie sind die Vergewaltiger von Tier und Natur. Das kleine Ich der menschlichen Säue ist der große Zerstörer des Wahren, des Schönen und des Guten.
Dabei wird die Verantwortung für den großen Albtraum stets anderen zugeschrieben und stets an externen Stellschrauben gedreht. Während der kleine Tyrann im Inneren lebenslange Immunität genießt. Genau darauf beruht ja die Banalität des Bösen: Das menschliche Ich bietet Lösungen stets dort an, wo das Problem gar nicht liegt – und zwar in irgendeiner Form vermeintlicher Selbst- oder Weltverbesserung. Dabei ist es selbst das eigentliche Problem. Das eigentliche Problem ist, dass der Mensch die Lüge, die er ist, für wahr hält, und die Wahrheit, die er ist, für Lüge.
Dieser Wahnsinn hat zwangsläufig viele Gesichter, und zwar auf der Ebene des imaginierten Ichs wie auch auf der Ebene der imaginierten Welt. Die Persona zum Beispiel, für die du dich hältst, samt Geburtsort und Namen und Sternzeichen und so, und natürlich samt Lebensgeschichte und Zukunftsträumen und -ängsten, ist ein solcher Wahnsinn. Oder auch der Staat, dem du als Persona zugehörst. Wie du ist auch er ein vom Verstand fabriziertes Monster, das sich mittels imaginierter Grenzen definiert, samt imaginierter Vergangenheit und Zukunft.
Und da ihr, der Staat und du, an eure Selbstdefinition und die Grenzen, auf denen sie beruht, wirklich glaubt und sogar um sie kämpft, seid ihr zwangläufig böse. Böse im höheren Sinne des Wortes. Denn was im Namen des Guten gegen das Böse kämpft, ist stets selbst böse, und jeder im Namen irgendeiner Wahrheit gefochtene Kampf ist ein Kampf gegen die Wahrheit.
Die Wahrheit ist namenlos. Wahrheit ist Liebe frei von Subjekt und Objekt. Wahrheit ist Klarheit jenseits der Form. Zeit ist in Wahrheit Unendlichkeit, Substanz ist in Wahrheit Leere. Und alles Geborenwerden und Sterben, alle Schöpfung, ist unendliches Spiel, ist Liebestanz des Unwirklichen im Rahmen der Unendlichkeit deines Nie-Gewesen-Seins.
Wofür der Michel auch immer kämpft, er erkennt nicht, dass er stets als Lüge für eine Lüge kämpft, dass er als Sklave seines kleinen Ichs stets wider die Wahrheit wirkt, indem er die Grenzen dessen verteidigt, was er nicht ist.
“Das Böse ist die Beendigung des unendlichen Spiels. Es ist das unendliche Spiel, das in unerhörter Stille ein Ende findet.”
James Carse
Im kleinen Michel mit seinem kleinen Ich findet das unendliche Spiel ein Ende. Für Visionen des Ganzen stellt er sich blind. Für mahnende Stimmen stellt er sich taub, Und selbst die Stimme des Schweigens lässt er verstummen:
“Es gibt jedoch ein Schweigen, das niemals gehört werden wird und auch niemals gehört werden kann. Es gibt viel Böses, das jenseits jeder Erlösung bleibt. Als Europäer erstmals den nordamerikanischen Kontinent betraten, sprach die indigene Bevölkerung bis zu zehntausend verschiedene Sprachen – jede mit ihrer eigenen Poesie, ihrem eigenen Schatz an Geschichten und Mythen sowie ihren eigenen Weisen, im Einklang mit der Unmittelbarkeit der natürlichen Umwelt zu leben. Bis auf ganz wenige sind all diese Sprachen verstummt; ihre Kulturen sind für immer verloren – für uns, die wir nun, in völliger Ignoranz, an ihre Stelle getreten sind.”
James Carse
Aller gegenteiligen Bemühungen der Ignoranten zum Trotz, ganz ausradiert wurden die unendlichen Spieler unter den Menschen noch nicht. Bloß könnten sie genausogut ganz ausradiert sein, denn sie finden hier kein Gehör. Und dass sie kein Gehör finden, ist Teil des Bösen der Gegenwart.
“Ungehörte Stille bedeutet nicht zwangsläufig den Tod des Akteurs. Ungehörte Stille ist nicht der Verlust der Stimme des Akteurs, sondern der Verlust von Zuhörern für diese Stimme. Es ist ein Übel, wenn das Drama eines Lebens in anderen nicht fortlebt – sei es aufgrund ihrer Taubheit oder aufgrund ihrer Ignoranz.”
James Carse
Mit freundlichen Grüßen,
Winnetou
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