
„Was nicht geschehen soll, wird auch nicht geschehen – ganz gleich, wie sehr man es versucht. Was geschehen soll, wird geschehen – ganz gleich, was man unternimmt, um es zu verhindern. Das ist gewiss.“
Ramana Maharshi
Dass wir alle Hochstapler sind, liegt an der Natur der Sache Mensch und ist daher unvermeidlich. Unsere Lebenslügen indes sind nicht obligatorisch. Wahre Spiritualität ist der erniedrigende Prozess der Enthüllung unserer gigantischen Selbstverarschung. Wir stellen uns selbst in allen Facetten bloß, bis wir ganz nackt dastehen, in unserer ganzen verlogenen Lächerlichkeit.
Stell dir bitte mal folgendes vor: Du befindest dich irgendwo im Weltraum und schautest von dort aus auf den Planeten Erde. Zunächst siehst du nur Farben, aber als du genauer hinschaust, entdeckst du unzählige mikroskopisch kleine Punkte, die sich bewegen. Du weißt natürlich: Es sind Pflanzen, Tiere und Menschen.
Unter diesen Punkten suchst du nun dich heraus. Ein winziger Punkt unter Milliarden, nein Billionen, nein Billiarden winziger Punkte. So unendlich nichtig, dass es gar nicht auffiele, wenn er nicht existierte, und auch nicht den geringsten Unterschied machte.
Jetzt vergleiche diese Perspektive mit deiner gewöhnlichen, menschlichen Perspektive auf dich und deine Existenz. Wie unendlich wichtig du dein Leben nimmst, wie unendlich wichtig du dich selbst nimmst wie groß dir deine Probleme erscheinen, wie wichtig deine Entscheidungen, wie entscheidend deine Bewegungen als Punkt.
Da stimmt doch was nicht, oder?
Ich hatte als Kind unheimliche Angst vor Erniedrigung. Wenn ich morgens in den Bus zur Schule einstieg, pochte mein Herz wie wild, und ich spürte meine Beine kaum, so sehr fürchtete ich die Blicke anderer. Mit der Zeit entwickelte ich ein Schutzschild aus Narzissmus: Meine Schritte auf dem Laufsteg wurden sicherer, weil ich mir nunmehr bewundernde Blicke einbilden konnte.
Es war einfach alles ein Riesenkrampf. Der sich erst etwas zu lösen begann, als ich irgendwann merkte, dass sich keine Sau für mich interessierte. Dass ich nur im Zentrum meiner Welt stand, dass jedes Du genau wie ich mit sich und seiner Welt beschäftigt war. Die vollständige Entkrampfung indes war erst möglich, als es dem imaginären Zentrum an den Kragen ging.
Für Selbst- und Weltverbesserungsversuche aller Art sind wir Menschen leicht zu haben. Wenn es aber dem imaginären Zentrum an den Kragen gehen soll, dann hört der Spaß auf. Allein die Möglichkeit auf dem Schirm zu haben ist eine absolute Seltenheit. Es gehört schon viel Glück dazu, als Mensch überhaupt nur davon gehört zu haben, dass es dem imaginären Zentrum an den Kragen gehen kann, dass es überhaupt möglich ist, den Krampf loszulassen und aufzulösen.
Was heißt Glück – als Ramana Maharshi mit 16 Jahren im Bett lag und unter dem Gewicht seines imaginären Zentrums zu ersticken drohte und plötzlich den Ruf des Berges Arunachala vernahm, dann war das natürlich kein Glück. So wenig, wie es eine zufällige Laune war, aus der heraus er dem Ruf folgte. Es ist vielmehr alles in perfekter Ordnung – einer Ordnung allerdings, die der menschliche Verstand nicht sieht. So wenig, wie er den Ruf vernimmt.
Und das, obwohl alles, wirklich alles, was dir begegnet, diesen Ruf enthält. Jedes Mal zum Beispiel, wenn die Dinge nicht so laufen, wie du sie gerne hättest, ist das zunächst einmal ein Schlag in deine imaginäre Fresse. Aber nur vordergründig. Hintergründig ist jede dieser kleinen Demütigungen eine Einladung des Lebens, dich der großen Demütigung zu öffnen. Über deine imaginären Grenzen hinauszutreten und aus größtmöglicher Distanz alle Facetten deiner unglaublichen Lächerlichkeit zu durchleuchten. Und die ganzen alten Knoten schließlich aufzulösen, indem du als lachender Buddha eingestehst: Ich habe mich immer nur selbst verarscht.
Das ist dein Sterben als endlicher Spieler und deine Geburt als unendlicher Spieler. Mit entsprechendem Wechsel der Perspektive. Wo du auf den klitzekleinen Raum deiner menschlichen Existenz, Identität und Geschichte fokussiert warst, da blickst du nun über alle Existenzen, Identitäten und Geschichten hinaus in deine eigene Unendlichkeit. Wo du auf das klitzekleine Feld dessen fokussiert warst, was du weißt und kennst, da blickst du nun über das kleine Feld hinaus in den unendlichen Horizont des Nichtwissens und begegnest dir dort als Unbekanntem. Wo du dir nah warst, da bist du dir jetzt fremd. Und wo du dir fremd bist, da bist du dir jetzt nah.
wegwerdung
der weg hat einst den wanderer gefunden
des weges ruf hat er erhört
des weges kraft hat ihn gebunden
er ist und bleibt von diesem wege so betört
dass er die eignen wege gern vergisst
dass er, mit wonne jener sonne sich ergebend
in alter dunkelheit das licht entfacht
und jede kalte nacht zum tage macht
dass er, aus jenem mond heraus nun lebend
selber nun des weges ruf, des weges kraft gebiert
selber nun von wanderern als weg gefunden wird
Basu Winter, Tanz ins Nichts
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